Di 26 Jan 2010
In den Jahren 2002 und 2003 hat Arthur Versluis, einer der führenden amerikanischen Köpfe auf diesem Gebiet, in der Zeitschrift »Esoterica« einen zweiteiligen Beitrag zur Diskussion über die Methoden der Forschung veröffentlicht, der sich kritisch mit Antoine Faivre und Wouter J. Hanegraaff auseinandersetzt. Die Grundzüge seiner Argumentation werden im folgenden Essay referiert und kommentiert.
Kritik an Faivre
Faivres sechs Charakteristika der westlichen Esoterik lassen sich laut Versluis nicht nur im Westen finden, sondern auch in nicht-westlichen Traditionen. Wenn sie auch im Mahajana- oder Vajrajana-Buddhismus und in indigenen religösen Traditionen vorkämen, dann sei die Frage berechtigt, ob sie nicht zu allgemein seien, um eine spezifisch westliche Tradition zu begründen. Auch Hanegraaff hat diese zeitliche und geographische Begrenzung in Frage gestellt. Im Grunde lässt sich die Geschichte der Esoterik weder geographisch noch zeitlich begrenzen, weil sie ein universelles Phänomen ist. In seinen eigenen Untersuchungen zur christlichen Theosophie (siehe Literaturhinweise am Ende) hat Versluis einen von Faivre abweichenden Katalog von sechs Charakteristika der christlichen Theosophie aufgestellt, die auch nach Faivres Ansicht Teil der westlichen Esoterik ist.
Diese zeichnet sich aus durch
- 1. die zentrale Stellung der göttlichen Weisheit oder Sophia , den Spiegel Gottes, der in der Regel weiblich ist;
- 2. die Betonung einer direkten spirituellen Erfahrung oder Erkenntnis, die sowohl die göttliche Natur des Kosmos als auch eine metaphysische oder transzendente Gnosis enthält;
- 3. eine Ablehnung von Sektierertum und Identifikation mit der theosophischen Strömung;
- 4. eine Meisterfigur, die ihren spirituellen Schülerkreis durch Sendschreiben oder mündliche Anweisungen leitet;
- 5. Bezugnahmen auf das Werk und die Gedankenwelt Jakob Böhmes
- 6. und eine visionäre Schau der Natur und nicht-physischer Welten (ein Merkmal, das bereits in 2. enthalten ist).