Lorenzo Ravagli liefert mit einer Reihe von Symptomen den klinischen Befund zu dem Autor des Schriftchens «Wie hast du's mit der Anthroposophie? - Eine Selbstbefragung», Taja Gut, das dieser als Lektor des Rudolf Steiner Verlages sozusagen im Selbstverlag veröffentlicht hat.

«Taja Gut spielt nicht nur mit den Identitäten, er spielt auch mit ‹der Anthroposophie›. Denn gleich heißt es weiter, nachdem festgestellt ist, dass es um das Verhältnis zur Anthroposophie geht: ‹Und zwar zur Anthroposophie Rudolf Steiners.› ‹Es gibt ja keine andere›, antwortet das kursive Ich. ‹Ich weiß nicht›, erwidert das nicht-kursive Ich. Wie bitte? Das eine Ich weiß nicht, ob es nicht doch noch eine andere Anthroposophie gibt, als die Rudolf Steiners? Nun, welche denn? Um die Anthroposophie der ‹Eiferer› jedenfalls geht es nicht, das macht das nicht-kursive Ich gleich im Folgenden deutlich. Das Selbst, das sich befragt oder befragt wird, will also sein Verhältnis zur Anthroposophie der Nichteiferer klären. Wenigstens zwei Formen von Anthroposophie scheinen demnach zu existieren: die der Eiferer und die der Nicht-Eiferer. Aber gibt es die Anthroposophie aus der Sicht des sich befragenden Selbstes nun wirklich, auch die Rudolf Steiners? Da bin ich mir nicht so sicher. Heißt es doch auf Seite 15: ‹Es gibt also etwas, was du Anthroposophie nennst, aber von ›den Anthroposophen‹ und ihrem Dafürhalten, ja sogar von der Form unterscheidest, in der sie bei Steiner in Erscheinung tritt?› Ja, antwortet das nicht-kursive Ich, ‹sowenig wie ›die Anthroposophen‹ gibt es ›die Anthroposophie Rudolf Steiners‹. Die Anthroposophie Rudolf Steiners gibt es also doch nicht. Wie kann dann aber ein Selbst ein 160-seitiges Büchlein über sein ‹Verhältnis› zu dieser Anthroposophie schreiben, die es gar nicht gibt? […]»

Ravagli fragt sich also, ob Taja Gut nun daran glaubt, dass es ‹Rudolf Steiner an sich› gäbe – oder doch nur ‹für sich› (oder ‹für ihn›?). Man bemerkt hier bereits den schwankenden Boden …

Ich sehe diesen Befund als Hinweis auf eine Diagnose: Mehr, als manche sehen können, leiden sie an der überall grassierenden Zeitkrankheit Dyslexie– Leseschwäche –, trotz Waldorfschul-Unterricht, der doch das richtige Lesen nach Rudolf Steiner vermitteln soll! Besagt: Wir können nicht ‹richtig› lesen, wir meinen es bloß zu können. Vor allem bei Texten Rudolf Steiners. Das wird uns aber nicht einmal bewusst, muss es auch nicht, denn wir befinden uns dabei in guter Gesellschaft. Die ‹großen Geister› von heute finden Dyslexie – normal. Nach Derrida und den frz. Linguisten gibt es so etwas wie «den Autor» bekanntlich gar nicht; wir lesen eh nur, was wir verstehen; wir konstruieren den Textinhalt (als Denkvordergrund) aus unserem Vorverständnis (dem Denkhintergrund) in mehr oder weniger ‹freier Phantasie›. Und finden dann darin das, was wir uns im Grunde ‹immer schon gedacht› haben. Wie jener Redakteur von Info 3, der die ‹Die Geheimwissenschaft im Umriss› schon ‹vor der Geburt gelesen› hatte und der sich deshalb nicht die Mühe machen muss, sie nach derselben erneut zu lesen; er stimmt Steiner sowieso aus unmittelbarer Gewissheit zu, weil er ‹genau dasselbe› sich immer schon gedacht habe. – Oder auch nicht. Im letzteren Fall sind wir ‹not amused›, sprechen von Steiners Rassismus oder ähnlich schlimmen Sachen. Und ‹zandern› herum. Die Leser der ‹Europäer› wissen, wie das so läuft.

Anthroposophisch-erkenntnistheoretisch kann man sich diesen Wahnsinn aber doch erklären. Hier ein Hinweis, wie dies gehen könnte. Ich folge dabei einer Passage aus Rudolf Steiners weitgehend unbekanntem Buch «Die Philosophie der Freiheit. Grundzüge einer modernen Weltanschauung. Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode.» und wende diese auf sie selbst und auf mich an, der sie liest. Und es zeigt sich: Warum für meine Beobachtung das eine Wort im Text Rudolf Steiners auf das andere folgt, weiß ich nicht ohne weiteres (die reale Abfolge der Wörter im Text geht ja auf den Autor ‹an sich› zurück!); warum mein Denken den Begriff, der bei dem einen Wort in mir auftaucht, mit dem Begriff verbindet, der mir bei dem anderen Wort einfällt, weiß ich unmittelbar aus den Inhalten der Begriffe. Es kommt natürlich gar nicht darauf an, ob ich die richtigen Begriffe habe. Der Zusammenhang derer, die ich habe, ist mir klar, und zwar durch sie selbst. (vgl. Rudolf Steiner ‹Die Philosophie der Freiheit›, 3. Kapitel, S. 44) – Aha! – Aha? Steiner findet, diesen Sachverhalt sollte man sorgfältig beobachten lernen. Und merken, was sich da abspielt.

Was ist dabei mein Wahrnehmungsinhalt? Der Satz Rudolf Steiners. Ich lese ihn. Spricht nun Rudolf Steiner durch mich, den Leser? Oder liest Rudolf Steiner durch ihn, den Leser, diesen seinen Satz? Oder ist der Wahrnehmungsinhalt der andere: ‹Mein› Lesen des Satzes Rudolf Steiners durch mich? Würde ich das Letztere erstmal beobachten, dann wäre mir klar, der gelesene Satz ist gar nicht mein Satz. Ich sähe nämlich, neben dem Satz, den ich lese, auch noch mich, wie ich, einen Satz lesend eben einen Satz Rudolf Steiners lese. ‹Satz Rudolf Steiners›: Das ist ein Genitiv! Da ist dieser Satz, den Rudolf Steiner geschrieben hat. Da bin ich, der ihn lesend wieder erzeugen kann. Was haben diese zwei Elemente miteinander zu tun? Bin ich nun der Hervorbringer des Satzes? Ja, denn ohne mein lesendes Tun gäbe es den Satz als meinen Bewusstseinsinhalt gar nicht. Aber in welchem Sinne bringe ich ihn hervor? Bin ich denn der Autor? Ja, denn indem ich den Satz lese, vollziehe ich, was der Autor tat, bevor er den Satz verschriftlichte: ich spreche ihn mir vor. Aber in welchem Sinne tue ich das? Ws sehe ich denn dabei? Mich und den Satz, oder nur den Satz, und mich nicht? Ich kann nun auch fragen: Ist Anthroposophie denn das, was wir tun, wenn wir uns für Anthroposophie interessieren? Die Frage fordert: Nein. Was aber ist Anthroposophie heute anderes, als was die Leute, die sich für sie interessieren, darunter verstehen? Was jeder einzelne darunter versteht, versteht sich! Denn es gäbe doch heute gar keine Anthroposophie, wenn nicht wir, die Leute, Rudolf Steiners Schriften lesen und nach dem Gelesenen irgendwie denken und handeln würden. Also ist Rudolf Steiner und ich, der ich ihn lese, eins? Man hört aus Dornach: Wir sind, Rudolf Steiner lesend, die Anthroposophie. («Lesend sind wir mit Rudolf Steiner das all-eine Wesen, welches alles durchdringt; wir sind lesend eins mit dem Textgeschehen». Oder so ähnlich.) Und es ist ganz egal, ob das, was ich aus ihm herauslese, mit dem übereinstimmt, was andere daraus lesen (Frei nach Bodo von Plato …)

Wo aber ist der wirkliche Rudolf Steiner? Manche seiner Leser reden in Verkennung solcher Weisheit so, als hätten sie Rudolf Steiner für sich allein. Die oben genannten ‹Eiferer› eben. Aber aus der Sicht der anderen Leser sind sie auch bloß eine Variante von Lesern, die sich ihren Steiner konstruieren, nur eine unsoziale, da sie das, was sie sich selbst gestatten, nämlich Rudolf Steiner zu ‹verstehen›, bei den anderen nicht anerkennen. So gesehen, gehören natürlich auch die Gegner zu den Lesern. Die sind also auch ‹Anthroposophen›. Wie Helmut Zander zum Beispiel. Der wurde ja schon in Dornach gefeiert als ein ‹moderner Anthroposoph›. Was der sagt, wenn er über Anthroposophie schwafelt, ist, so gesehen, eben definitionsgemäß auch Anthroposophie. – Alles klar?

Klar ist wohl doch das andere: Wir kommen offenbar mit dem Lesen von Rudolf Steiner nicht klar. Da geht einfach alles durcheinander. Dabei könnte man doch genau dieses Durcheinander mit Rudolf Steiner klären! In der ‹Philosophie der Freiheit›, auch 3. Kapitel, kann man zum Beispiel ganz naiv lesen: «Wenn ich einen Gegenstand sehe und diesen als einen Tisch erkenne, werde ich im allgemeinen nicht sagen: ich denke über einen Tisch, sondern: dies ist ein Tisch. Wohl aber werde ich sagen: ich freue mich über den Tisch. Im ersteren Falle kommt es mir eben gar nicht darauf an, auszusprechen, dass ich zu dem Tisch in ein Verhältnis trete; in dem zweiten Falle handelt es sich aber gerade um dieses Verhältnis. Mit dem Ausspruch: ich denke über einen Tisch, trete ich bereits in den oben charakterisierten Ausnahmezustand ein, wo etwas zum Gegenstand der Beobachtung gemacht wird, was in unserer geistigen Tätigkeit immer mitenthalten ist, aber nicht als beobachtetes Objekt.»

Man kann also Rudolf Steiner nur im Ausnahmezustand ‹richtig lesen›? Und nicht in dem Zustand, wo ich als Leser des Textes mir selbst nicht vorkomme? Und mir gar nichts dabei denke? Ich erlaube ausnahmsweise mir einige verdeutlichende Veränderungen am Text und überlasse das Urteil dem Leser, ob dies etwas besagen kann:

Wenn ich etliche Buchstaben auf einer Seite der ‹Philosophie der Freiheit› sehe, diese zu einem Satz zusammenlese und dann darüber nachdenke, werde ich im allgemeinen nicht sagen: ich denke über einen Satz Rudolf Steiners, sondern: dies ist ein Satz mit diesem (herrlichen, unsinnigen, großartigen, fragwürdigen und so weiter) Inhalt. Wohl aber werde ich sagen: ich freue (oder ärgere) mich über den Satz. Im ersteren Falle kommt es mir eben gar nicht darauf an, auszusprechen, dass ich zu dem Satz Rudolf Steiners in ein Verhältnis trete; in dem zweiten Falle handelt es sich aber gerade um dieses Verhältnis. Mit dem Ausspruch: ich denke über einen Satz Rudolf Steiners, trete ich bereits in den oben charakterisierten Ausnahmezustand ein, wo etwas zum Gegenstand der Beobachtung gemacht wird, was in unserer geistigen Tätigkeit immer mitenthalten ist, aber nicht als beobachtetes Objekt. – Und dann lesen wir ebenso weiter: «Das ist die eigentümliche Natur des Denkens, dass der Denkende das Denken vergisst, während er es ausübt. Nicht das Denken beschäftigt ihn, sondern der Gegenstand des Denkens, den er beobachtet. | Die erste Beobachtung, die wir über das Denken machen, ist also die, dass es das unbeobachtete Element unseres gewöhnlichen Geisteslebens ist.»

Kann man damit etwas anfangen? Zunächst: Klar doch. Darüber sogar schreiben zu können gilt doch als Reifeprüfung für jeden Anthroposophie-Schriftsteller! Haben diese aber diese Sätze schon mal auf ihre eigene Tätigkeit des Lesens dieser Sätze angewandt? Das habe ich noch nicht gefunden. Aber vielleicht kennt ja jemand jemanden, der das versucht hat. Bitte mir unbedingt Bescheid sagen, ernsthaft. – Jedenfalls, versucht man diese Art der Anwendung, so ergibt sich: Wir vergessen, dass wir es sind, die über den Satz Rudolf Steiners nachdenken. Wir meinen, was wir so denken, sei das, was Rudolf Steiner dabei dachte. Und warum? Weil wir ‹das Denken› vergessen. Wir sollen es aber beobachten lernen. Und was stellen wir zuerst fest? Dass wir es übersehen. Wir übersehen nicht bloß das Denken, wir übersehen auch noch unsere denkende Tätigkeit. Wir beobachten nicht, wie wir selber uns das ausdenken, von dem wir meinen, dass es in dem Satze Rudolf Steiners stehe. Doch genau das ist die erste Beobachtung, die wir über ‹das Denken› machen können. Und diese Beobachtung, heben wir den Blick dabei, zeigt uns – horribile dictu! – den grauenhaften Zerfalls-Zustand der anthroposophischen Bewegung. Wir reden über Rudolf Steiner, jeder auf seine Art, aber wir merken gar nicht, dass wir nicht über Rudolf Steiner, sondern nur über den ‹Rudolf Steiner› sprechen, den wir uns ausgedacht haben. Und das lässt uns entweder völlig kalt, weil wir es durchschauen, wie manche Vertreter der Dornacher Gesellschaft, und uns sagen: Da kann man nichts machen. Steiner ist tot. Wer will hier in seinem Namen sprechen, und anderen sagen, was richtig und was falsch ist? Oder wir ereifern uns, ganz zu Recht, und sagen: Den wahren Steiner gibt es doch wirklich! Doch dann folgt meistens: Hier, ich habe ihn! So spricht er in Wahrheit! (Die ich meine!). Dabei wissen wir doch eigentlich mit Goethe, wie es sich mit der Wahrheit verhält: «Kenne ich mein Verhältnis zu mir selbst und zu Rudolf Steiner (als einer Außenwelt!), so heiß' ich's Wahrheit. Und so kann jeder seine eigene Wahrheit haben, und es ist doch immer dieselbige.» Klingt doch gut. Aber: Beginnt bei der Kenntnisnahme dieses Doppelverhältnisses nicht – der von Rudolf Steiner beschriebene Ausnahmezustand? Vollziehen wir diesen dann auch gegenüber einem Satz Rudolf Steiners? Dann kennten wir auch seine Wahrheit. Sie wäre die unsrige. Wenn nein: dann wähnen wir ‹Wahrheit›, ohne das Doppelverhältnis zu beachten. Wie kann uns das passieren? Meist so: Wenn wir anhand eines Textes überhaupt nur mehr oder weniger zusammenhängende Begriffe produzieren, haben wir nach der heutigen Theorie eben ‹akademisch korrekt› den Text auch ‹begriffen›. Den Text nämlich, den wir so produziert haben. ‹Unser Denken› produziert gegenüber den Sinnes-Objekten Gedanken wie die Leber Galle. Das Gedankenproduzieren am Text ist eine in der Schule mit Hilfe der Gewalt des Lehrerbeamten eingeübte Reflex-Reaktion auf den Reiz der wahrgenommenen Buchstaben. Uns wurde eingetrichtert, dass auf das Buchstabenbild ‹Baum› hin das Wort ‹Baum› zu produzieren ist, bei dem wir dann auch ‹Baum› vorzustellen haben. Und beim schulmäßig eingeübten ‹Denken› von ‹Baum› und den ‹dazugehörigen Begriffen› haben wir dann unterhaltsam und logisch zugleich ‹vom Hölzchen aufs Stöckchen› zu kommen. Das nannte man früher ‹Besinnungsaufsatz›. Früher sagte man, ohne schamrot zu werden: wir haben den Autor aber schön ‹interpretiert›. Heute weiß man, das ist bloß die sozial geforderte Kaschierung einer peinlichen Verlegenheit: Wir haben immer schon, seit wir auf diese Art Lesen gelernt haben, das Gelesene selbst konstruiert. Wir konstruieren die Wirklichkeit ganz einfach, wie in der Schule gelernt: Wahrnehmung plus Begriff ergibt die Wirklichkeit. Und beim Lesen gibt die Verbindung beider eben ‹die Wirklichkeit› des Textes. Was man sonst – aufgeklärt –‹Konstruktivismus› nennt, nennen ‹anthroposophisch› sich verstehende, weil über Rudolf Steiner schreibende Schriftsteller gern auch mal ‹Intuition›: Dann ist die durch solche ‹anthroposophische Intuition› erzeugte Wirklichkeit dessen, was Rudolf Steiner meinte, ganz eindeutig die ‹Verbindung von Wahrnehmung und Begriff›: Die Wahrnehmung der Wörter Rudolf Steiners wird mit den Begriffen des jeweiligen Autors verbunden. So generieren wir eben auch ‹die Wirklichkeit Rudolf Steiner›. Man liest die Wörter Rudolf Steiners, und denkt sich etwas dabei. Damit man sich nicht eingestehen muss, dass es so banal (obwohl das Banale manchmal kompliziert-gespreizt sprich ‹anthroposophisch› ausgedrückt wird) doch wohl nicht sein kann, halten aufklärungsresistente Leser bei dem, was sie sich so konstruieren, an der Parole vom «Autor Rudolf Steiner» fest. Der Autor stellt das doch so dar, nicht ich! Ich sage bloß, was ER wirklich sagte. Man erfindet sich den Autor, der diesen Schwachsinn geschrieben haben soll. (Und liefert damit den Gegnern oft das gesuchte Feindbild.)

Das alles scheint leicht, läuft wie von selbst, seitdem Rudolf Steiner ja angeblich mausetot ist und sich, wie man annimmt, nicht wehren kann. Ist es aber doch nicht ganz: Die ‹Rache› des wirklichen Autors der den wirklichen Text schrieb, folgt auf dem Fuße. Hat nicht Rudolf Steiner gefordert, dass sein Name und sein Werk niemals getrennt werden dürfen? Was besagt das denn? Wem gehört denn der Satz, den ich in einer Schrift Rudolf Steiners lese? Mir, weil ich ihn lesend ‹verstanden› habe? Oder, weil ich ihn mir verständlich zurechtgelegt habe? Was das eine bedeuten soll, müsste jetzt ein Problem sein. Das letztere aber auch. Wenn ich diese Probleme missachte, treten die Folgen ein. Der Leser verhängt diese über sich selbst. Jedenfalls der Leser Rudolf Steiners. Denn Steiner ist ja nicht ein Autor wie andere, wenn man ihm seine Selbstaussagen probehalber abnehmen will. Da spricht ‹die geistige Welt›. Also die Welt, aus der der Leser stammt. Seine wahre Wesenheit sozusagen. Sein Seinsgrund. Wenn er das nicht bemerkt, sondern so tut, als sei er selbst das, was er sich so denkt, so ist er es auch. Nur hat das eben Konsequenzen. Die ‹Rache› des ‹Geistes›, von dem der reale Leser real stammt, an dem illusionären Leser, der ihn leugnet, oder ihn mit sich ‹verwechselt›, also als nichtexistent behandelt, kommt von Innen. Der ‹Geist des Lesers› verwirrt sich, er kennt sein Verhältnis zu sich selbst nicht, und nicht sein Verhältnis zur Außenwelt. Verworrenheit tritt ein, greift um sich, wird endemisch, weil wir die Wirklichkeit des Geistes (Rudolf Steiners) nicht erfassen können, – weil wir es nicht ernsthaft wollen. Und doch entkommen wir ihr nicht. Jedenfalls nicht, soweit wir als werdende Anthroposophen uns mit Rudolf Steiner befassen. Denn die wahre Wirklichkeit des Textes des wirklichen Rudolf Steiners zeigt sich darin, dass beide auf die gewöhnliche Art nicht verständlich sind. Dieser Autor will das ausdrücklich so, er sagt es jedenfalls immer wieder. So heißt es zum Beispiel in der ‹Theosophie›: «Wie man Bücher in unserem Zeitalter zu lesen pflegt, kann dieses nicht gelesen werden.» Warum nicht? Weil, wie gezeigt, ohne den ‹Ausnahmezustand›, also die Selbstbeobachtung des Lesers beim Lesen, ohne meine Kenntnis des Verhältnisses zu mir selbst und zur Außenwelt, nur Selbst-Illusionen als ‹Verstehen› auftreten können. Deshalb hat Rudolf Steiner seine Texte so ‹schwierig stilisiert›. Damit man auf die gewöhnliche Art mit den ‹Steiner-Texten› nicht zurecht kommt. Das sollte man wohl beachten. So sprechen die Vorreden von dem Inhalt der Bücher Rudolf Steiners. Beachtet man also nicht, wie man durch den Schulunterricht, durch die Gewohnheiten der Zeit, die gewöhnliche Art des Lesens eingetrichtert bekam, dann meint man zwar, man habe seine Bücher gelesen. Doch: «Wer es bloß [so] durchliest, der wird es gar nicht gelesen haben.» Man realisiert dann den inneren Zusammenhang des Textes mit der Selbstbeobachtung des Lesers nicht. Man bringt seine am Text produzierten Begriffe zwar in eine Art Zusammenhang, aber dieser bestätigt sich nicht am Text. Es ergeben sich dann so genannte ‹Widersprüche›, ‹Ungereimtheiten›, man beschwert sich über dies und das, zum Beispiel über den Stil Steiners, über seine ‹ungenaue Terminologie›, seinen ‹arroganten Wahrheitsanspruch› und so weiter. Ganz zu recht, denn man berührt da den anderen, mit der eigenen Vorstellungswelt nicht ‹kompatiblen› Steiner. Dann fragt man sich: Was soll mir das? Habe ich das nötig? Kann ich das nicht besser ausdrücken als Steiner? Diese Art ist doch total veraltet, und so weiter. Es gibt Leute, die schreiben die Steiner-Werke auf ‹verständlich› und ‹konsistent› um.

Gleichzeitig will man aber auch zur allgemeinen anthroposophischen Gemeinde gehören, ‹mensch› lebt ja auch manchmal davon. Doch damit entgeht man den Folgen dieser Zeitkrankheit Dyslexie nicht. Schon gar nicht in der anthroposophischen Gemeinde. Es geht weiter. Der nächste Schub liefert schon die Symptome für die Diagnose R41.0: ‹Verlust der Orientierung› und ‹Durcheinander der Denkvorstellungen›. Nervosität frisst Ichheit. Wie von Ravagli an einem Fall von vielen beschrieben. Was man nicht glauben mag: Diese Nervenkrankheit entsteht tatsächlich im Umgang mit dem – laut Autor – einzigen Heilmittel dagegen: an den Texten Rudolf Steiners. Was ist da eigentlich los?

Taja Gut, Wie hast du's mit der Anthroposophie? Eine Selbstbefragung. Pforte Verlag 2010, 160 S.
Rüdiger Blankertz besitzt auch eine Website -->