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Die völkisch-nationalsozialistische Gegnerschaft gegen die Anthroposophie – Dokumente und Quellen



1. Eine Auswahl von Zitaten


1918:

NS-Gegner

Uwe Werner: Rudolf Hess, Jakob Wilhelm Hauer und die Anthroposophen

»Hauer bekämpfte schon 1921 Rudolf Steiner und die Anthroposophie. In den zwanziger Jahren begründete er eine ›deutsche Glaubensbewegung‹ von der er erhoffte, daß sie zur nationalsozialistischen Staatsreligion erhoben werde. Als Mitarbeiter des SD, des SS-Geheimdienstes, hatte er schon im Februar 1934 ein entscheidendes Gutachten geliefert, dessen Wortlaut teilweise in die Verbotsformulierung gegen die Anthroposophische Gesellschaft übernommen wurde.«

Völkische Gegner

Rudolf Steiner über Guido von List:

»Mir erscheint es ganz unmöglich, daß jemand, der einsieht, worauf es mir bei dem ankommt, was mir Anthroposophie ist, dieses zusammenstellt – wie es Dessoir tut – mit ... der absonderlichen Rassenmystik Guido Lists.«

Völkische Gegner

Rudolf Steiner über Jörg Lanz von Liebenfels:

»Das sollte jeder, der sich für geheimwissenschaftliche Dinge interessiert, wissen, daß die materialistische Deutung gewisser Tatsachen verhältnismäßig nur harmlos oberflächlich wird, wenn sie von Leuten ausgeht, die nur etwas von sinnlicher Wissenschaft wissen, daß sie sich aber geradezu ins Roh-Ungeheuerliche verlieren muß, wenn jemand von höheren Dingen etwas gehört hat, und mit denen ins materialistische Fahrwasser gerät.«

Völkische Gegner

Karl Heyer: Der Fall Seiling und der Fall Rohm

»Vier Bekenntnisse hat Seiling im Laufe seines Lebens abgelegt: 1898 bekennt er seinen früheren Materialismus als irrig und ist Spiritist geworden. 1910 erklärt er, daß er aus Vertrauen zu Rudolf Steiner zur theosophischen Bewegung gefunden hat. 1918 ›bekennt‹ er, 8 Jahre unter suggestivem Einfluß gestanden zu haben, und erklärt endlich — viertens — seine Rückkehr zum Katholizismus!«


1919:

Völkische Gegner

Ernst Uehli: Der Fall Seiling und der Fall Ruth 1919

»Von Seilings Schrift ging auch wesentlich die Fama aus, Steiner sei Jude, obwohl er wissen mußte, daß es eine Unwahrheit ist. Was mag Seiling verbrochen haben, daß er, wenn er einen Menschen haßt, ihn zum Juden stempelt? Hätte Seiling seine Christusschrift mit eigenen Gedanken und aus seinem Geist heraus, statt mit fremden Gedanken verfaßt, dann wäre sie gewiss kürzer und klarer geworden, Sie hätte dann rundweg gelautet: ›Wer war Christus? Christus war ein Jude‹«.

NS-Gegner

Dietrich Eckart (Mentor Hitlers) über die Waldorfpädagogik 1919

»Daß ich hier die ganze bisherige Tätigkeit Dr. Steiners untersuche und aus zahllosen Einzelheiten das Gesamtbild dieses modernen Cagliostro aufbaue, wäre zu verlangen unbillig. ... Unzweifelhaft hat er Dinge auf dem Gewissen, die ins aschgraue gehen, und ist auch ihretwegen schon so und so oft zur Rede gestellt worden ... Wenn er noch lange die Steinerei betreibt, fürchte ich, wird er einmal in einer schwülen Sommernacht durch die Luft nach dem Blocksberg sausen, den Doktor der schwarzen Kunst zur Seite.«

NS-Gegner

Dietrich Eckart 1919 über Rudolf Steiner

»Über 15 Jahre habe ich den Instinkt gegen Steiner in mir getragen – heute weiß ich, warum. Ob übrigens jener Graf Brockdorff, von dem wir soeben lasen, mit dem preußischen ›Staatsmann‹ Grafen Brockdorff-Rantzau identisch ist? Wer dessen Bild (mit dem Schoßhund) in der »Woche« gesehen hat, wird geneigt sein, das zu bejahen. Umsonst hielt er es wohl nicht mit der neuen, der Judenregierung. Ob Preuß oder Hirsch oder Steiner – der Geist ist derselbe, auch wenn er sich nicht theosophisch gebärdet.«


1920:

NS-Gegner

Friedrich Doldinger: H.I, Oberdörffer – Die Anthroposophie als unarische Weltanschauung 1920

»Anthroposophie sei das unarische Bestreben, Kenntnis anders zu erhalten als durch innere Vervollkommnung. ... Diesen Weg zu gehen sei die arische Rasse berufen, die das reinste Blut habe.«


1921:

NS-Gegner

Adolf Hitler über Steiner 1921 im »Völkischen Beobachter«

» .. daß es nicht nur zweckmäßig, sondern endlich notwendig ist, sich diesen Herrn Minister, intimen Freund des Gnostikers und Anthroposophen Rudolf Steiners, Anhänger der Dreigliederung des sozialen Organismus und wie diese ganzen jüdischen Methoden zur Zerstörung der normalen Geistesverfassung der Völker heißen, etwas näher daraufhin zu besehen, ob das geistlose Gesicht nach Lloyd Georges Meinung wirklich nur die Folge des Mangels an Geist ist, oder die Larve, hinter der sich anderes verbirgt.«

Alldeutsche Gegner

D. Traub in der Zeitschrift »Deutschlands Erneuerung« über Steiner und die »Dreigliederung« 1921

»Der Hauptfeind Steiners ist der Staat. Alles richtet sich gegen den Staat. Der Staat ist für ihn nur Macht und Gewalt. Weiter nichts. Kein Wunder, daß man kaum einen Ansatz in seinen Gedanken davon findet, was Staat und nationales Leben für ein Volk und seine Kultur bedeuten.«

NS-Gegner

Eugen Kolisko: Antisemitische Gegner der Anthroposophie – Anthroposophie als jüdische Lehre 1921

»... daß der ›Leuchtturm‹ Worte Lagardes und Körners als Leitmotive enthalte und ›im Sinne dieser Männer‹ geschrieben sei. Außerdem erschienen in den nächsten Tagen Äußerungen von antisemitischer Seite in demselben Blatte, wo unter anderem gesagt wurde, es wäre interessant, woher das Geld zu den anthroposophischen Hochschulkursen käme. Wenn man Namen wie Kolisko und Steiner lese, könne man sich schon denken, was für Leute dahinter stünden.«

Alldeutsche Gegner

Roman Boos: Wer verrät das Deutschtum? 1921

»Die Idee des dreigliedrigen sozialen Organismus ... wird auf Anstiften ›deutsch‹-nationalistischer Kreise von einer ›Frankfurter Zeitung‹ angepöbelt ... Wenn es auf Kosten des wirklich deutschen Wesens geht, so versagt es sich auch eine »Frankfurter Zeitung« nicht, sich bei Antisemiten beliebt zu machen.«

Alldeutsche Gegner

Alldeutsche Hetze des Prof. Fuchs in Göttingen 1921

»Die auf Sonnabend, den 26. Februar, geplante Gegenversammlung, in welcher Herr Alwes und Herr Mayen aus Breslau den wahren Sachverhalt öffentlich darlegen wollten, wurde von Herrn Polizeidirektor Warmbold, einem Freunde von Prof. Fuchs und Gegner der Anthroposophie und. Dreigliederung, im ›Interesse der öffentlichen Ruhe, Sicherheit und Ordnung‹ verboten unter Berufung auf die Bestimmung des allgemeinen Landrechtes ...«

Alldeutsche Gegner

Walter Johannes Stein: Rudolf Steiner und seine Gegner – Hauer, Diederichs, Leese, Keyserlingk 1921

»... Alle jene, welche durch irgendein Vorurteil meinen, wer Menschheitsziele verfolgt, müsse darum sein Volkstum vergessen haben, werfen Rudolf Steiner vor er sei nicht ›deutsch‹ ... Gegner dieser Art sehen nicht oder wollen nicht sehen, wie ihnen ihr eigenes Wesen Steiners umfassenderes Wesen verdeckt. Man kann Deutscher sein und Mensch sein, das eine schließt das andere ein, oder kann es wenigstens einschließen. Anthroposophie ist eine Menschheitsbewegung, geboren aus deutschem Geiste.


1922:

Alldeutsche Gegner

Prof Max Wundt in der Zeitschrift »Deutschlands Erneuerung« gegen die »Dreigliederung« des sozialen Organismus 1922

»In ihrem Erfolg bedeutet die ›Dreigliederung des sozialen Organismus‹ also die Herrschaft der internationalen Geldmächte. Rathenaus berühmte 300 reichste Männer, die sich alle kennen und die die Welt beherrschen, und Steiners Dreigliederung des sozialen Organismus erstreben genau dasselbe.«

Völkische Gegner, NS-Gegner

Karl Heyer: Von den Gegnern der anthroposophischen Bewegung 1921/22

»Nach außen hin tritt seit vielen Monaten besonders laut diejenige Gegnerschaft der anthroposophischen Bewegung gegenüber, die ... in einem künstlichen Kult von Blut und Rasse ihre Grundlage hat ... Es ist dies die deutsch-völkische, deutsch-nationale, nationalistisch-alldeutsche, ›arisch‹-antisemitische Strömung. Diese kennt nur auf Blutszusammenhängen beruhende Menschengruppen, sie haßt das Ich und alles, was dieses Ich frei und zum kraftvollen Träger der sozialen Kräfte machen will.«


1935:

NS-Gegner

Jakob Wilhelm Hauer an den Sicherheitsdienst RFSS, Oberabschnitt Süd-West, Stuttgart, vom 7. Februar 1935. BAD R 4901-3285. Hauer

»Ich halte die anthroposophische Weltanschauung, die in jeder Beziehung international und pazifistisch eingestellt ist, für schlechthin unvereinbar mit der nationalsozialistischen. Die nationalsozialistische Weltanschauung baut sich auf dem Gedanken von Blut, Rasse, Volk und dann auf der Idee vom totalen Staat. Gerade diese zwei Grundpfeiler der nationalsozialistischen Weltanschauung und des Dritten Reiches werden von der Weltanschauung der Anthroposophen verneint ... Jede Untersuchung und Betätigung der Anthroposophie entspringt der anthroposophischen Weltanschauung mit Notwendigkeit. Darum bedeuten Schulen, die auf anthroposophischer Weltanschauung aufgebaut, von Anthroposophen betreut werden, eine Gefahr für echte deutsche Bildung.«


1936:

NS-Gegner

Bericht des SD-Hauptamtes Berlin über »Anthroposophie« vom Mai 1936, BAD Z/B I 904.

»Durch das Festhalten der anthroposophischen ›Geisteswissenschaften‹ an diesem alten Geist-Begriff gehört die Anthroposophie der Epoche abendländischen Denkens an, die einem neuen rassisch-völkischen, das Leben und den Menschen als leiblich-geistige Ganzheit wertenden Denken gegenüber um ihren Fortbestand ringt. Auch die Anthroposophie löst den Geist aus seiner Verbindung mit der Rasse und dem Volk und verdammt das Rassische und Völkische in eine niedere Sphäre der Primitivität, des Instinkts, des durch den Geist zu überwindenden Triebs, der Vorzeitlichkeit. Sie erweist damit ihre Verflechtung mit den Hauptströmungen der bisherigen europäischen Geistesgeschichte, vor allem der Aufklärung, dem deutschen Idealismus und dem Liberalismus des vergangenen Jahrhunderts. In ihr ist die Geisteshaltung der französischen Revolution, das Humanitätsideal der Freimaurerei, aus der die Theosophie als die Mutterorganisation der Anthroposophie entstand, lebendig geblieben. Sie vermischt sich dann wie die Freimaurerei und Theosophie mit orientalischer Mystik, Okkultismus und Spiritismus, die in breiter Front, etwa in Form der Geheimlehren der Kabbala, über Europa hereinbrachen ...

Diese weltanschaulichen Grundlagen bewirkten, daß die Anthroposophie in verhängnisvoller Weise allen anti-völkischen und anti-nationalen, überstaatlichen, pazifistischen und insbesondere jüdischen Einflüssen offengestanden hat ...«


1937:

NS-Gegner

Alfred Baeumler, Leiter des Referates Wissenschaft beim »Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Erziehung der NSDAP«, zitiert nach Achim Leschinsky, Waldorfschule im Nationalsozialismus, in: Neue Sammlung, H. 3, Mai/Juni 1983, S. XXX.

»Insofern Rasse eine Naturwirklichkeit ist, scheint schon im Ansatzpunkt eine wesentliche Übereinstimmung zwischen der Menschenkunde des Nationalsozialismus und der Rudolf Steiners vorzuliegen ... Würde man jedoch versuchen, den Begriff der Rasse in unserem Sinne in diese biologische Fundierung einzuführen, dann würde er die Menschenkunde Steiners zersprengen.«


1938:

NS-Gegner

Alfred Baeumler, Leiter des Referates Wissenschaft beim »Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Erziehung der NSDAP«, zitiert nach Uwe Werner, Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945), München 1999.

»Die biologische Wirklichkeit wird von [Steiner] nicht nur übersehen, sondern bewußt in ihr Gegenteil verkehrt. Die Anthroposophie ist eines der konsequentesten antibiologischen Systeme, die es gibt.« Es »kann nach den Grundvoraussetzungen der Anthroposophie die [pädagogische] Zielsetzung nur eine menschheitliche, nicht eine rassisch-völkische sein.«


1940:

NS-Gegner

Gregor Schwartz-Bostunitsch an Reichsleiter Alfred Rosenberg im Jahr 1940.

»Entweder ›Mythos des 20. Jahrhunderts‹ oder ›Das Christentum als mystische Tatsache‹, wie Steiner sein zusammengestohlenes Werk nennt ... Eine Symbiose dieser zwei Weltanschauungen kann es nicht geben.«


1941:

NS-Gegner

Bericht des Reichssicherheitshauptamtes von 1941 »Die Anthroposophie und ihre Zweckverbände«, zitiert nach Uwe Werner, Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945), München 1999, S. 427.

»Die Anthroposophie steht im Widerspruch zur nationalsozialistischen Rassenlehre. Nach nationalsozialistischer Auffassung beziehen sich die rassischen Vererbungsgesetze nicht nur auf den Leib, sondern auf den ganzen Menschen, auch auf Geist und Seele. Die Anthroposophie erkennt ebenso wie die christliche Kirche im wesentlichen nur eine leibliche Vererbungslehre an, indem sie behauptet, daß lediglich der Leib des Menschen von den Eltern stammt, Geist und Seele aber aus dem Geisterreich in diesen Leib übersiedeln. Auf Grund dieser rein äußeren Rasseauffassung muß die Anthroposophie auch zu einer internationalen pazifistischen Einstellung kommen.«

NS-Gegner

Reinhard Heydrich an Reichsleiter Darré. Der Abteilungsleiter des RSHA Heydrich, einer der engsten Mitarbeiter Himmlers, schrieb am 18.10.1941 an den Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft:

»Aus einem Gesamtbericht über die Anthroposophie, den ich demnächst übersende, ergibt sich, daß die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise aus dem Geiste der Anthroposophie erwachsen ist und in ihren letzten Zusammenhängen nur aus dem Geiste der Anthroposophie verstanden werden kann. Praktisch hat sich dabei ergeben, daß die führenden Anhänger der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise, vor allem Dr. Bartsch von Bad Saarow, gleichzeitig überzeugte Verfechter der Anthroposophie sind.

Im Wesen der anthroposophischen Lehre liegt es aber, daß sie keine Weltanschauung für das gesamte Volk ist, sondern eine den Nationalsozialismus gefährdende Sonderlehre für einen eng begrenzten Personenkreis darstellt ... Bei dem großen Kreis von Bauern, Landwirten und Gärtnern, die bisher der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise ergeben waren, habe ich davon abgesehen, jeden einzelnen von ihnen auf seine politische Haltung überprüfen zulassen, da ich der Überzeugung bin, daß die anthroposophische Verseuchung des Volkes im wesentlichen dadurch beseitigt werden kann, daß den führenden Vertretern der Anthroposophie eine weitere anthroposophische Betätigung unmöglich gemacht wird.

Eine politische Belastung der einzelnen kleinen Anhänger der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise könnte auch deshalb nur schwer festgestellt werden, weil es zur ganzen Haltung der Anthroposophie gehört, daß sie sich zur Zeit sehr national und deutschbetont gibt und nach außen den Eindruck einwandfreier politischer Haltung erweckt, in ihrem tiefsten Wesen aber einen gefährlichen Faktor orientalischer Zersetzung der germanischen völkischen Art darstellt. Ich schlage daher vor, nur im Einzelfall von Fall zu Fall in eine Überprüfung dieser Mitläufer einzutreten.
...
gez. Heydrich


2. Antisemitische Gegner der Anthroposophie. Anthroposophie als »jüdische Lehre«


Quelle: »Dreigliederung des sozialen Organismus« erschien von Juli 1919 bis Januar 1922 in Stuttgart Dreigliederung, Nr. 34, 2. Jg. 1921, 8. Woche


Gegen die Anthroposophie ist jedes Mittel recht.

Eugen Kolisko


[Eugen Kolisko gehörte zu den Schülern Rudolf Steiners jüdischer Herkunft und setzte sich gegen antisemitische Angriffe zur Wehr]

Den Lesern dieses Blattes wird noch erinnerlich sein, in welcher Weise ein Teil der Studentenschaft der Universität Göttingen im Juli 1920 die beiden Redner Dr. W. J. Stein und Dr. E Kolisko, die in zwei Vorträgen die Anthroposophie gegen die Angriffe des dortigen Universitätsprofessors Fuchs zu verteidigen sich gedrängt sahen, durch Lärmen und Tumult in der Diskussion nicht zu Worte kommen ließ.

Am 31. Januar d. J. sprach ich in Göttingen über das Thema: »Die Neugestaltung der Naturwissenschaft durch Anthroposophie«. Die freie Aussprache wurde nach dem Vortrage, der vor einem Publikum. gehalten war, das zum großen Teile aus Studenten bestand, in sachlicher Weise von verschiedenen Diskussionsrednern, zunächst von Professor Ehrenberg eingeleitet. Diese Redner brachten zahlreiche Einwände gegen die Einzelheiten des Vortrages vor. Ich wollte zu den Einwänden jedes Einzelnen mich äußern, um eine gründliche Auseinandersetzung zu ermöglichen, wurde jedoch von der Versammlung daran verhindert und auf das Schlußwort verwiesen.

Unter den Rednern trat dann Herr Fr. K. Roedemeyer auf. Er erklärte, daß man allen Grund hätte, gegen Steiner mißtrauisch zu sein, da in den beiden Büchern der Frau Elisabeth Mathilde Metzdorf-Teschner und in der Zeitschrift »Der Leuchtturm«, herausgegeben von K. Rohm in Lorch, gegen ihn die Beschuldigung erhoben sei, daß er die Idee der Dreigliederung der Frau Metzdorf-Teschner gestohlen habe. Die drei Schriften zeigte er dem Publikum vor. Besonders wies er auf eine angebliche Äußerung des Münchener Kriegsministeriums hin, die in dem Buche angeführt sei und beweisen sollte, daß schon am 16. Januar 1918 ein Vortrag der Frau Metzdorf-Teschner über ihre »morphologische Dreigliederung« genehmigt worden sei.

Ich erklärte im Schlußworte, währenddessen ein Teil des studentischen Publikums lärmend den Saal verließ, nachdem es vorher mein Zu-Worte-kommen nach jedem einzelnen Redner verhindert hatte, daß die Schrift der Frau Metzdorf-Teschner für jeden Unbefangenen als das Machwerk einer Wahnsinnigen zu erkennen und daß die Zeitschrift »Der Leuchtturm« ein Schmutzblatt sei, auf das niemand sich berufen kann, der weiß, was ein anständiges Buch ist.

Nichtsdestoweniger erschien am 3. Februar im »Göttinger Tageblatt« ein Referat über diesen Vortrag, das neuerdings das Buch der Frau Teschner den Lesern empfiehlt; es wird dort auch behauptet, Dr. Kolisko sei den Beweis dafür schuldig geblieben, daß diese Frau wahnsinnig sei, und habe sich begnügt, sie zu diskreditieren, ferner daß der »Leuchtturm« Worte Lagardes und Körners als Leitmotive enthalte und »im Sinne dieser Männer« geschrieben sei. Außerdem erschienen in den nächsten Tagen Äußerungen von antisemitischer Seite in demselben Blatte, wo unter anderem gesagt wurde, es wäre interessant, woher das Geld zu den anthroposophischen Hochschulkursen käme. Wenn man Namen wie Kolisko und Steiner lese, könne man sich schon denken, was für Leute dahinter stünden. Es charakterisiert dies die Art, wie in Göttingen gegen die Anthroposophie gearbeitet wird.

Geradezu eine Schamlosigkeit bedeutet das Vorgehen in bezug auf das Buch der Frau Metzdorf-Teschner [Opens internal link in current window Steiner über Metzdorf-Teschner]. Dasselbe führt den Titel: »3:5, 5:8 = 21:34. Das Geheimnis, die Schuldenlasten in absehbarer Zeit tilgen zu können.« Wir führen nur einige Stellen daraus an (genau wörtlich zitiert). Z. B. S. 11: »Der II. Teil des Werkes schafft den Beweis, daß das Brodeln und Kochen der Geister einen Entwicklungsprozeß unserer menschlichen Gehirnzellen darstellt, der aus dem 6. Abschnitt der Stufenleiter der Seele ohne soziale Denkatome, der sich einen Zweimachtstaat schuf, sich zu einem neuen 8. unermeßbar schönen, harmonischen Abschnitt, infolge ausgereifter sozialer Denkherde entwickeIn will« usw.

Oder: »Die Konflikte der Streitenden löst nur die Einheitskonfession. Zu ihr reichen sich Monarchie und Republik, Pazifist und Antisemit, Kommunist und Semit und deutschvölkischer Schutz- und Trutzbund die Hände unter Tränen lächelnd, gebeugt über die Stufenleiter der Seelenlehre. Gemeinsam haben sie die Hindernisse von 6:8 zu überwinden.«

Die Stelle über das Kriegsministerium, die von Roedemeyer angeführt wurde, lautet: »Das Presseamt des Kriegsministeriums in München kennt Tag und Jahreszahl, nach welcher die Geburtsstunde der morphologischen Dreigliederung 1917 (also vor Steiners Kernpunkt der sozialen Frage) ist, durch ein tief ins Frauenleben einschneidendes Ereignis. Die Wissenschaft kann sich also auf Geschichtsdaten verlassen. Schon am 16. Januar 1918 genehmigte das Pressereferat den Vortrag darüber, der den Anthroposophen am 20. April anvertraut wurde und erst am 11. Mai zurückerstattet wurde.«

Es ist natürlich unerfindlich wie das Presseamt »durch ein tief ins Frauenleben einschneidendes Ereignis« die Geburtsstunde der morphologischen Dreigliederung der Frau Teschner wissen soll. Und was hätte die Anthroposophie für die Dreigliederung aus dem hellen Wahnsinn gewinnen sollen, der in dem unsinnigen Buche steht, wenn schon wirklich ein Zweig der Anthroposophischen Gesellschaft das Manuskript von Frau Metzdorf-Teschner vier Wochen in der Hand gehabt hat? Es handelt sich natürlich nur darum, den Hörern und Lesern durch das Wort »Kriegsministerium« zu imponieren.

Es liegt also die Tatsache vor, daß Herr Roedemeyer sowie der Schreiber der Berichte im »Göttinger Tageblatt« (mit K. gezeichnet) entweder die Schrift nicht gelesen hatten, dann sind sie gewissenlos und leichtsinnig; denn solche Vorwürfe bringt man nur öffentlich vor wenn man sich von dem Wert der Quellen überzeugt hat, oder sie erkannten trotz Lesens den Wahnsinn nicht, dann sind sie unfähig, oder was das Wahrscheinlichste ist, sie wissen das alles und bringen doch diese Vorwürfe vor, weil ihnen gegen die Anthroposophie jedes Mittel recht ist, dann sind sie bewußte, freche Verleumder.

Es ist eine Kulturschande, daß solche Menschen ins heutige öffentliche Leben hereinwirken können. Auch muß es einmal ausgesprochen werden: Derjenige, der sich auf irgend etwas beruft, das in der Zeitschrift »Leuchtturm« gegen Rudolf Steiner und die Anthroposophie vorgebracht wird, der ist ein in moralisch minderwertiger Mensch; denn die Qualität dieses Blattes kann jeder erkennen, der es einmal in die Hand genommen hat.

Der Kampf gegen die Anthroposophie nimmt in der letzten Zeit Formen an, die wegen ihrer Niedrigkeit und Verworfenheit ein furchtbares Licht auf unser dekadentes öffentliches Leben werfen. Bücher von Wahnsinnigen unter entsprechender Aufmachung gegen eine Sache, die man tot machen will, auszubeuten, frei erfundene Lügen zu Dutzenden zu verbreiten (vgl. die Schrift: »Die Hetze gegen das Goetheanum«, Verlag des Goetheanum, Dornach), die Anthroposophie bewußt mit allem Möglichen zusammenzuwerfen, um sie dann desto besser angreifen zu können, das sind die Methoden vieler Gegner.

Die Anthroposophie muß es zu ihrer Aufgabe machen, auf diese Vorgänge nicht bloß vom Standpunkte der Gegnerschaft hinzuweisen, sondern vor allem der Öffentlichkeit die Augen zu öffnen über die moralische und intellektuelle Qualität vieler, die im heutigen öffentlichen Leben stehen.


3. Über Dr. Rudolf Steiner

D. Traub


Aus:

»Deutschlands Erneuerung«. Monatsschrift für das deutsche Volk. 5. Jahrgang 1921, Heft 8, August S. 458–463.

Herausgegeben von Geh. Hofrat G. v. Below, H. St. Chamberlain, H. Class, Prof. R. Geyer-Wien, Geheimrat M. v. Gruber, Prof. Erich Jung, Dr. Erich Kühn, Geheimrat Prof. Dr. D. Schäfer, Dr. G.W. Schiele, Reg.-Präsident a. D. Fr. v. Schwerin, Geheimrat R. Seeberg. Schriftleitung Dr. Erich Kühn. Verlag: J. F. Lehmann, München


Vorbemerkung:

Der Verleger Julius Friedrich Lehmann (1864-1935) war früher und enger Vertrauter Hitlers. »Deutschlands Erneuerung« war das wichtigste völkische Organ (George L. Mosse, »Die völkische Revolution«, Frankfurt a.M. 1991, S. 240 f.). Jeder wichtige Theoretiker der völkischen Bewegung schrieb darin, unter anderem Heinrich Claß, der stellvertretende Herausgeber, Leiter des Alldeutschen Verbandes und Autor des Buches »Wenn ich der Kaiser wär«, der Wirtschaftsexperte der Deutschnationalen Volkspartei, Dr. Paul Bang, der unter dem Pseudonym »Wilhelm Meister« einen der zügellosesten Angriffe auf die Juden unter dem Titel »Judas Schuldbuch« veröffentlichte, Alfred Rosenberg, der Verfasser des »Mythos des 20. Jahrhunderts« und Wilhelm Frick, der spätere nationalsozialistische Innenminister sowie Georg Wilhelm Schiele, ein Anhänger der Artamanen. (George L Mosse, ebenda) Wolfgang Kapp, der »Deutschlands Erneuerung« mitbegründete, gehörte auch zu den Hauptunterstützern der Zeitschrift »Auf gut deutsch« von Dietrich Eckart.


Eine geistige Seuche geht durch das Land

D. Traub


Man hat uns wirtschaftlich und politisch wehrlos gemacht, nun soll das deutsche Volk auch geistig zugrunde gehen. Darum stellen sich Apostel und Propheten ein, welche das »materialistische« Zeitalter ablösen wollen und zu dem Zweck »in Geist« »machen«. Wahrlich, man kann geradezu in »Geist« ersaufen, soviel Angebot ist da. Niemand wünscht heißer eine geistige Wiedergeburt unseres Volkes, als wir; aber die Art und Weise, wie sie heute reklamemäßig aufgezogen wird, ist eine geistige Erkrankung unseres Volkes.

Im »Tag« preist Herr Graf Keyserlingk den großen indischen Dichter Rabindranath Tagore, der jetzt nach Darmstadt gekommen ist, um Deutschland zu »erlösen«. Also auf nach Darmstadt! In Stuttgart sitzen Tausende von Menschen zu den Füßen von Steiner oder von einem neuen Totenerwecker oder in der Zeltmission oder bei anderen Brüdern von »Geist«, welche den Mut haben, 50 Mk. Eintrittspreis dafür zu verlangen, daß einer zu ihnen spricht, der die Erlösung der Welt in sich verkörpert mit den Worten »Ich bin die Wahrheit und das Leben.«

Freilich wehren sich besonders die Anhänger von Herrn Steiner mit allen Mitteln dagegen, daß man ihren Heiligen in eine solche Linie einrückt. Ein umfangreiches Werk »Vom Lebenwerk Rudolf Steiners« (Verlag Ch. Kaiser, München) ist erschienen, in welchem er als eine »Hoffnung neuer Kultur« in allen Tonarten gepriesen wird. Auf Schweizer Boden zu Dornach hat man einen Steinertempel errichtet, mit dem außerordentlich bescheidenen Titel »Goetheanum!« 5 Millionen Franken sollen dafür verwendet worden sein, und man fragt sich manchmal, woher diese Gelder zusammengeströmt sind. (Für den »kommenden Tag« werden Aktienbeteiligungen auch in die Millionen gesucht!) Jedenfalls scheint es uns kein Vorzug dieser »Schöpfung« zu sein, daß auch während des Krieges dort vor Vertretern aller Nationen Vorträge gehalten werden konnten.

Der Stil dieses Kunstwerks wird in der Zeitschrift »Die Drei« als eine »neue Offenbarung« hingestellt. Steiner habe selbst den Bau geleitet, daraus erhelle seine geistige Bedeutung.

Aber genug! Steiner hat das Recht, daß man sich mit ihm selbst auseinandersetzt. Niemals haben wir freilich das Verfahren der alten gnostischen Sekten und Dialektiker so fein ausgebildet gefunden, wie hier. Man behandelt alle Bücherweisheit und Wissenschaft der alten Zeit verächtlich, zugleich aber weist man den Leser von einem Buch auf das andere, wenn er die wahre Lehre des Meisters der Weisheit, Steiner kennen lernen will. Fragt man, was er eigentlich mit seiner Behauptung will, wird man auf ein weiteres Buch verwiesen; findet man hier die Antwort nicht, dann heißt es: Sie müssen eben dort nachschlagen, da stehts! Und so geht die Sache weiter. Die berühmte »Dreigliederung des sozialen Organismus« beruft sich auf die »Kernpunkte« der sozialen Frage oder auf den »Aufruf an das deutsche Volk und an die Kulturwelt« oder auf die »Philosophie der Freiheit« usw. Dieses Verfahren ist wohl berechnet. Es soll eine Weihrauchwolke von Erkenntnis und Geheimnissen verbreitet werden, welche vor allem auf den Halbgebildeten einen verwirrenden Eindruck des Staunens und der Bewunderung ausübt. Man läßt den Jünger gar nicht zu eigenem Bewußtsein kommen. Jeder Einwand der gesunden Vernunft wird niedergeschlagen, indem auf eine neue »Enthüllung« aufmerksam gemacht wird. Bei der Gelegenheit kauft man sich ein Buch nach dem andern und ist nachher - so klug wie zuvor! Aber der Zweck ist erreicht: die meisten sind müde geworden und glauben, daß schließlich »eben doch etwas dahintersteckt«.

Dazu kommt ein anderer Kniff. Von vornherein stellt sich Steiner selbst als Märtyrer hin, der verhöhnt wird. Auch in seinem Buch über die Dreigliederung rechnet er bereits mit dem Hohn, der eben ertragen werden muß, und wenn dann die Zeit vorbei sei, - dann, ja dann »werden selbst die verbohrtesten Menschen nicht mehr standhalten gegenüber der Idee der sozialen Dreigliederung«. Das ist wieder sehr geschickt gemacht. Für den Angegriffenen werden so von vornherein Sympathien erweckt, ohne daß überhaupt eine sachliche Wertung und geistige Auseinandersetzung stattgefunden hat. Diese selbst wird von vornherein in ihrer Wirkung herabgesetzt.

Aber sind wir nicht ungerecht? Bedeutet die Erscheinung Steiners nicht wenigstens insofern Glück, als er aus dem materialistischen Zeitalter herausführt und die Menschen wieder zu »geistiger Vertiefung« anleitet? Wir bestreiten das rundweg. Es ist lange nicht alles Geist, was sich so nennt. Im Gegenteil. Die Art geistiger Vertiefung, wie sie Steiner durch seine mystischen Konzentrationsmittel auf der einen Seite und durch seine Hellseherei auf der anderen Seite herbeiführt, bedeutet nur eine neue Materialisierung des Geistes. Er wird dadurch an die Oberfläche gezogen. Man kann in Geist machen - eine herrliche Gelegenheit für hysterische Männer und Frauen! Geist ist aber etwas anderes, als mystische Versenkung und hellseherische Fähigkeiten. Will man die Art echten Geistes kennen lernen, muß man zu den Helden des Geistes gehen. Sie reden sehr wenig von Geist, sondern sind Geist; sie geben keine Apparate und Präparate, sondern schaffen Charaktere. Wirklicher Geist ist nämlich zuletzt nichts anderes, als Charakter. Die Vertiefung des Charakters hat nichts zu tun mit jener räumlich arbeitenden, oberflächlichen Kultur einer gesteigerten Nervenerregung und einer Anlage Einzelner zu gewisser Fernsicht, welche geradezu ein Anreiz zu krankhaften Erscheinungen ist, sobald sie von einer nervös erregten, halbgebildeten Menge in Anspruch genommen wird. Daß wir mit dieser schroffen Kritik nicht Unrecht haben, beweist die andere Tatsache, daß Dr. Steiner zwar die materialistische Geschichtsauffas-sung eines Marx ablehnt, im Grund aber mit ihr arbeitet. Er gibt ihr voll-ständig recht für die Vergangenheit, behauptet, daß in der Zeit vor dem Kriege tatsächlich das Geistes- und Rechtsleben nichts anderes gewesen sei, als ein Überbau des wirtschaftlichen Lebens. Nur für die Zukunft soll es anders sein, laut seiner Idee der Dreigliederung. Man kann aber den Teufel nicht mit dem Beelzebub austreiben. Wenn man sieht, wie in der Zeitschrift »Die Drei« ein Schüler von Herrn Steiner sich an Kant vergreift und seine Erkenntnis lächerlich macht als Erzeugnis eines »Besitzinstikts«, dann hat man hier ein so krasses Beispiel materialistischer Geschichtsauffassung, wie man es geschmackloser und abstoßender gar nicht erleben kann. Das Jonglieren mit allen Begriffen und Vorstellungen gehört gerade zu dem Geheimnis, den Menschen, den man zum Jünger machen will, möglichst irre zu mache, zu umnebeln, um ihn dann willenlos für die tiefe Erkenntnis des Steinerproblems heranreifen zu lassen. Im »Boschzünder« rechnet Otto Debatin mit Rudolf Steiner glänzend ab. Als gesunder Mensch meint er: »Ich habe nun einmal eine gefühlsmäßige Abneigung gegen eine »geistige« Bewegung, in der Inkarnationen, Zigarettenreklame, Dreigliederung, Schulreform, Hellseherei, eurhythmische Tanzkünste, Tempelarchitektur, wirtschaftliche Assoziationen und noch vieles andere mehr zu einer seltsamen Mischung verarbeitet werden.«

Was sagt denn nun eigentlich Rudolf Steiner über die berühmte Dreiglie-derung selbst? Im Gegensatz zur Vergangenheit sollen künftig die Gebiete des geistigen, wirtschaftlichen und rechtlichen Lebens »selbständig nebeneinander« sich entfalten. Es müsse ein Wirtschaftsleben entstehen, in dem »nur Gütererzeugung und Güterzirkulation sachgemäß verwaltet« werden, in dem aber aus der Stellung des Menschen in dem Wirtschaftskreislauf »nichts bewirkt wird für seine rechtliche Stellung zu anderen Menschen und für die Möglichkeit, die in ihm veranlagten Fähigkeiten durch Erziehung und Schule zur Entfaltung zu bringen.« Wie wird nun das Wirtschaftsleben gestaltet? In der Form von »Assoziationen, die als gleichgerichtete Wirtschaftszweige sich einander angliedern und durch ihre Organe der Idee der Dreigliederung verwalten.« Dabei darf das Rechtsleben helfen; es soll aber beileibe nicht zu tun haben mit der Form des »alten Re-gierens«. »An die Stelle des alten Regierens tritt die Idee des dreigliedri-gen sozialen Organismus« (wörtlich so ausgedrückt!). Diese Idee wird (also: sie wird!) die Beziehung der Menschen »so regeln, wie sie demokratisch der mündig gewordene Mensch dem mündig gewordenen Menschen gegenüber regeln kann, ohne daß bei dieser Regelung die Macht mitspricht. Denn das »geistige Leben« sei eben die Hauptsache. Die Erziehung soll nur »freie Menschen« schaffen. Es sei ein Unding, daß Staat und Wirtschaft die Menschen ausbilden wollten, so daß sie sich für ein bestimmtes Amt eigneten. Was ein Mensch in einem bestimmten Lebensalter wissen und können soll, das muß sich »aus der Menschennatur heraus ergeben«. Staat und Wirtschaft werden sich so gestalten müssen, daß sie den Forderungen der Menschennatur entsprechen. Nicht der Staat oder das Wirtschaftsleben haben zu sagen »so brauchen wir den Menschen«, sondern »das geistige Glied des sozialen Organismus soll aus seiner Selbstverwaltung heraus die entsprechend begabten Menschen zu einem gewissen Grad der Ausbildung bringen und Staat und Wirtschaft sollen sich gemäß den Ergebnissen der Arbeit im geistigen Glied (!!) einrichten«. Deshalb wird die völlige Losreißung des Unterrichtswesens vom Staats- und Wirt-schaftsleben verlangt. Die Menschen müssen aus dem »frei auf sich ge-stellten Geistesleben« die Lebensantriebe empfangen, welche durch die bisherigen Regierungsimpulse in ihnen wirkten. Die Wirtschaftsverwaltung muß von »jedem politisch rechtlichem Machteinschlag befreit werden«. Die Wirtschaft soll sich allein nach Richtlinien bestimmen lassen, die sich »aus dem Quell der Wirtschaft und deren Interessen ergeben«. Menschenwesen soll auf Menschenwesen in völliger Freiheit wirken. Deshalb darf aber die Wirtschaft ja nicht eine freie sein. Der freie Markt ist nach Steiners Auffassung die Quelle alles Übels. Alle Wirtschaft muß dem Zufall des Marktes entrissen werden. Zwischen Konsum und Produktion muß in vernunftgemäßer Weise eine Vermittlung stattfinden.

Das sind im wesentlichen die erschütternden Grundgedanken der vielberühmten und angestaunten »Dreigliederung«, welche nun mit Dampfkraft arbeitet; eine Waldorfschule in der Nähe von Stuttgart ist errichtet, die mit großen Kapitalien des Herrn Kommerzienrat Molt Menschen anstellt, Dutzende von jungen Leuten verzaubert, und man brüstet sich, ein Allheilmittel für die Rettung der Welt gefunden zu haben. Jedes nähere Eingehen auf die Frage, wie denn diese »Idee« nun praktisch wirken soll, widerspricht einem so großen Geist wie Dr. Steiner. Er enthüllt die wunderbare Weisheit: »Die Einzelheiten des Wirtschaftslebens sind unermeßlich viel.« Dafür können keine Weisungen gemacht werden. Aber »wer nach den Kernpunkten der sozialen Frage arbeitet, wird das Zurechtkommen um so besser gestalten, je sachgemäßer man verfährt«. Jeder Mensch, der sich einigermaßen mit Volkswirtschaft abgegeben hat, geschweige wer sich Jahrzehnte damit beschäftigt hat, wird mit Recht wütend über eine derartige hochmütige Salbaderei. Aber das paßt eben zum Ganzen. Die »Idee« wird es machen. Diese »Idee« ist nichts als ein leerer Rahmen. Aber sie arbeitet »von selbst«, und wer sich ihr anvertraut, wird schon den rechten Weg finden, und er hat dabei den Vorzug, Schüler einer »Idee« zu sein. Ideen hat ja nur Herr Steiner; alle die Leute, die unser Wirtschaftsleben groß gemacht und darüber sich Rechenschaft gegeben haben, sind Stümper. Die Dreigliederung marschiert! Die Zeitschriften über die Dreigliederung wachsen. Die Dreigliederung wird angebetet. Wehe dem, der den Kniefall weigert! Er versteht nichts, er ist »Materialist«. Der Geist beginnt erst in der internationalen Bücherei für Sozial- und Geisteswissenschaften des kommenden Tags, Aktiengesellschaft für Anthroposophie und Dreigliederung - hast du noch Atem? Ich nicht! Aber wenn du keinen Atem mehr hast, dann bist du ja ein freier Mensch und würdig, einzugehen zu den Freuden der Erkenntnismysterien von Dornach! Herrgott, behüte mich! ich habe noch Atem und sage: Das ist alles dilettantenhafter Schwindel, weiter nichts. Ich schäme mich, daß ein Deutscher die ehrliche soziale Arbeit von Geschlechtern in Theorie und Praxis so »verbessert«, ohne etwas darin zu arbeiten!

Nicht aus Neid oder Übermut oder Unkenntnis schreiben wir so bitter über diese heutigen Erscheinungen, sondern wir sagen: Wenn ein Mensch früher sich erlaubt hätte, solche allgemeine Oberflächlichkeiten zu sagen, so wäre man eben über ihn zur Tagesordnung übergegangen und hätte höchstens gedacht, schade für das Papier! Daß einer aber hervortritt und mit solchen allgemeinsten Redensarten es fertig bringt, erwachsene Menschen zu »begeistern«, das ist ein entsetzliches Zeugnis für den geistigen Tiefstand unseres Volkes oder vielmehr für die ungeheure Halbbildung unserer sogenannten gebildeten Kreise. Denn die Steinerschen Gedanken werden getragen von der sogenannten »Intelligenz«. Ein wesentlicher Charakterzug dieser Intelligenz ist aber der, in ihrem Denken gedankenlos zu sein und in ihrer Arbeit keine Stetigkeit und Zähigkeit zu besitzen. Oder urteilen wir wirklich zu stark?

Der Hauptfeind Steiners ist der Staat. Alles richtet sich gegen den Staat. Der Staat ist für ihn nur Macht und Gewalt. Weiter nichts. Kein Wunder, daß man kaum einen Ansatz in seinen Gedanken davon findet, was Staat und nationales Leben für ein Volk und seine Kultur bedeuten. Dabei geht er von der falschen Voraussetzung aus, daß die alte Auffassung, welche im Staat eine unentbehrliche Kraft der Lebensentfaltung gesehen hat, »zu Ende sei«. Wenn sich Steiner nämlich darauf beruft, daß »die eine Gruppe von Menschen, aus der die führenden Persönlichkeiten vor dem Kriege hervorgegangen sind, noch in den Anschauungen lebe, die zum Niedergang geführt haben«, so möchten wir ihn fragen, ob denn diese Gedanken bei den Franzosen, Engländern und Amerikanern auch zum Niedergang geführt haben? Sie führten weder dort zum Niedergang noch bei uns, aber bei uns hat man diesen Gedanken nicht geglaubt. Bei uns vertraute man nicht dem Staat, sondern der materialistischen Geschichtsauffassung von Marx und Engels und darum sind wir besiegt worden. Frankreich und England aber sind mit denselben Gedanken aus dem Kriege herausge-kommen, wie sie ihn geführt haben, nämlich im Bewußtsein der Größe und Macht des Staatsgedankens. Und es gehört ein ungeheurer Trug-schluß dazu, uns jetzt zu nasführen und dem Staat die Schuld an unserem Niedergang zu geben. Ach ja! Des Pudels Kern der ganzen Steinerschen Werbearbeit ist: Der Anhänger des alten Staatsgedankens soll als ideenlos, materialistisch hingestellt werden. »Geist will« man dem deutschen Volk zu trinken geben, bis es vollends ganz - geistlos - wird und die verachtet, die noch Geist und Charakter genug haben, um in Zucht, Gehorsam, Ehrfurcht, Autorität, Wehrhaftigkeit keine brutale Macht, sondern die Erziehung zu beglückender Mannhaftigkeit zu erkennen, ohne die es keine Erlösung gibt. Lassen wir all diese Narrheiten beiseite, als ob der offene, freie Markt beiseite geschafft werden müsse. Wer heut noch nicht begreift, daß wir durch all die Assoziationen und Zwangswirtschaften entsittlicht und entnervt worden sind, dem ist nicht zu helfen. Halten wir uns nicht bei der Verlogenheit eines falschen Liberalismus auf, der meint, durch Einsicht und Verständigung auf die dauernde Besserung der Menschen zu wirken, und der das gute Wort »Freiheit«, das die deutsche Sprache mit reichem Inhalt von Frieden und Huld gefüllt hat, auflöst in eine Nebelwelt von freiem Menschentum, die die Verantwortung gegenüber dem Staat als lästige Fessel empfindet, und nur ihren eigenen Anlagen dienen. Lassen wir auch die Kindlichkeit beiseite, mit welcher in der Zeitschrift »Drei« über die pädagogischen Tiefen der neuen Erziehung erzählt wird. Wir werden uns damit am andern Ort beschäftigen. Hier kommt es uns allein darauf an, zu zeigen, daß dieser neue »Geist« in bewußten Gegensatz treten soll zu der staatlichen Weltauffassung und so das arme deutsche Volk, das seinen eigenen Staat tatsächlich schon verloren hat, nun noch die geistige Rechtfertigung für diese ungeheure Schuld erfahren soll. Der neue »Geist« verführt die Anhänger, weil er wenig Forderungen und Pflichten kennt, weil er mit einer ungeheuren Einbildung auftritt, die Schlüssel zu den Welträtseln zu besitzen, weil er die einzigartige politische Armseligkeit unseres Volkes noch als Zeugnis des »Geistes« verwertet, der nichts vom Staat, sondern nur von Geistespflege wissen darf.

Wir haben keine Lust, andere zu kritisieren, und wünschten, heutzutage mit allen zu leiden, damit alle zur Tat neugeboren werden. Aber hier handelt es sich um die Pflicht des Seelsorgers. Die Seele unseres Volkes darf uns nicht mit geistigen Dämpfen verwirrt, sondern muß in herbe Zucht sittlicher Pflicht zum Vaterland genommen werden, damit sie wieder gesundet. Aus Steiners Schriften weht kein erfrischender, gesunder Geist. Der geschäftemachende Weise moderne Art ist kein Erlöser. Und es ist ein Satyrspiel, wie uns eine Okkultistin Frau Elsbeth Ebertin aus Bamberg schreibt, daß Herr Dr. Steiner »unter sehr kritischen Aspekten« stehe. »Vom astrologischen Standpunkt« aus ist es ihr geradezu erstaunlich, wie sich sein vorhergesagtes Schicksal erfülle. Man könne ihn in Anbetracht des drohenden Unheils bedauern. Denn er gehöre »zu den - Februargeborenen des Jahres 1861, die unterm besonders ungünstigen Zeichen des Uranus stehen!« Na also! Herr Fehrenbach, der verflossene Reichskanzler, schrieb der Dame, daß er »zu den Januargeborenen gehöre und sich hoffentlich das Glück der Januargeborenen erfülle!«

Der arme Januargeborene hatte Pech! Aber es ist bezeichnend, daß ein deutscher Reichskanzler in den Tagen um Spaa überhaupt sich noch Zeit nimmt, über astrologische Dinge mit einer Dame zu scherzen. In welcher Stickluft soll nach dem Willen unserer Regierenden unseres deutschen Volkes Seele atmen! Sie soll nach ihrem Willen verdummen und sich verrenken vor Geistigkeit und sternguckerischem Geistreichtum. Denn wir sind halt bestimmt zum Volk der Dichter und Denker!

Gott sei Dank haben wir die große Zeit erlebt. Das war im Krieg. Damals standen wir auf der Höhe, als man sang: Deutschland muß leben, auch wenn wir sterben müssen.


4. Gegen Rudolf Steiners »Dreigliederung des sozialen Organismus«

Professor Max Wundt


Aus: »Deutschlands Erneuerung«. Monatsschrift für das deutsche Volk. 6. Jahrgang 1922, Heft 4. Seiten 207 - 211

Herausgegeben von Geh. Hofrat G. v. Below, H. St. Chamberlain, H. Class, Prof. R. Geyer-Wien, Geheimrat M. v. Gruber, Prof. Erich Jung, Dr. Erich Kühn, Geheimrat Prof. Dr. D. Schäfer, Dr. G.W. Schiele, Reg.-Präsident a. D. Fr. v. Schwerin, Geheimrat R. Seeberg. Schriftleitung Dr. Erich Kühn. Verlag: J. F. Lehmann, München


Editorische Vorbemerkung:

Der Verleger Julius Friedrich Lehmann (1864-1935) war früher und enger Vertrauter Hitlers. »Deutschlands Erneuerung« war das wichtigste völkische Organ (George L. Mosse, »Die völkische Revolution«, Frankfurt a.M. 1991, S. 240 f.). Jeder wichtige Theoretiker der völkischen Bewegung schrieb darin, unter anderem Heinrich Claß, der stellvertretende Herausgeber, Leiter des Alldeutschen Verbandes und Autor des Buches »Wenn ich der Kaiser wär«, der Wirtschaftsexperte der Deutschnationalen Volkspartei, Dr. Paul Bang, der unter dem Pseudonym »Wilhelm Meister« einen der zügellosesten Angriffe auf die Juden unter dem Titel »Judas Schuldbuch« veröffentlichte, Alfred Rosenberg, der Verfasser des »Mythos des 20.. Jahrhunderts« und Wilhelm Frick, der spätere nationalsozialistische Innenminister sowie Georg Wilhelm Schiele, ein Anhänger der Artamanen. (George L Mosse, ebenda) Wolfgang Kapp, der »Deutschlands Erneuerung« mitbegründete, gehörte auch zu den Hauptunterstützern der Zeitschrift »Auf gut deutsch« von Dietrich Eckart. –

Prof. Max Wundt veröffentlichte 1924 das Buch »Was heißt völkisch«, in dem er die Überzeugung vertrat, daß Blut und Boden die Volksgemeinschaft bedingten und daß erst »bewußte Volkheit« ein Volk »zu wahrer völkischer Gemeischaft« führe. (George L. Mosse, Die völkische Revolution, S. 234)


Gegen Rudolf Steiners »Dreigliederung des sozialen Organismus«

Max Wundt


Prof. Max Wundt, Jena. Aus: Deutschlands Erneuerung. 6. Jahrgang 1922, Heft 4. Seiten 207 - 211

Unter den Plänen, die uns heute so reichlich entgegentreten, um unserem armen darniederliegenden Vaterlande zu helfen, macht Rudolf Steiners Gedanke der Dreigliederung des sozialen Organismus vielleicht am meisten von sich reden. Die Lehre selbst ist einfach, einfacher, als sie in der eigentümlichen Darstellung Steiners und seiner Anhänger gelegentlich erscheint. Der soziale Organismus besteht danach aus drei Gliedern: dem Wirtschaftsleben, dem Rechtsleben und dem Geistesleben. Rudolf Steiner sagt: (»Die Kernpunkte der sozialen Frage«, Seite 44): »Das erste System, das Wirtschaftssystem, hat es zu tun mit all dem, was da sein muß, damit der Mensch sein materielles Verhältnis zur Außenwelt regeln kann. Das zweite System hat es zu tun mit dem, was da sein muß im sozialen Organismus wegen des Verhältnisses von Mensch zu Mensch. Das dritte System hat es zu tun mit all dem, was hervorsprießen muß und eingegliedert werden muß in den sozialen Organismus aus der einzelnen menschlichen Individualität heraus.« Der Satz mag zugleich als Probe der köstlichen Steinerschen Sprache dienen. Den nicht ganz klaren Vergleich mit den 3 Organsystem des menschlichen Körpers können wir dabei auf sich beruhen lassen. diese drei Glieder sollen nun jedes selbständig für sich entwickelt werden und sich möglichst einer Einwirkung aufeinander enthalten. Rudolf Steiner und seine Anhänger werden nicht müde, uns die gewaltigen Vorteile einer solchen Zerlegung des sozialen Organismus in drei selbständig nebeneinander stehende Glieder zu rühmen. Wirtschaft und Geistesleben werden nicht mehr unter der Vormundschaft des Staates zu leben haben, und der Staat wird nicht mehr, wie es etwa im letzten Kriege geschehen ist, durch Konkurrenzkämpfe der Wirtschaft in politische Konflikte hineingerissen werden. Hört man Steiners Anhänger, so ist überhaupt seit den Zeiten der alten Pharaonen nichts Herrliches in der Welt geschehen, was nicht irgendwie mit der Dreigliederung zusammenhinge.

Die Prüfung dieses Planes kann von zwei Fragen ausgehen: 1. Ist seine Durchführung möglich? und 2. Ist sie wünschenswert? Wir können dabei allerdings nur unseren gemeinen Menschenverstand zur Anwendung bringen und müssen dahingestellt sein lassen, ob der Plan selbst und seine Durchführung etwa aus der »Erkenntnis höherer Welten« stammt. Da aber für ihn unter den gewöhnlichen Sterblichen nun einmal geworben wird, und seine etwaige Durchführung doch jedenfalls alle angeht, so werden wir uns das Recht nicht bestreiten lassen, ihn mit unseren gewöhnlichen Verstandeskräften zu prüfen.

1. Ist die Durchführung dieses Planes möglich? Steiner betont immer wieder, daß es sich dabei um keine Utopie handele. Er und seine Anhänger verwickeln sich allerdings hierbei schon in Widersprüche, mit denen sie überhaupt sehr freigebig sind. Einmal behaupten sie, der Plan spreche nur aus, was in der wirklichen Entwickelung hervortrete und sich gestalte, dann aber erklären sie wieder die ganze innere Umwandlung, welche die Anthroposophie von den Menschen verlangt als eine Voraussetzung seiner Durchführung. Als eine Utopie wird man wohl allgemein gelten lassen, was andere Menschen voraussetzt, als sie nun einmal sind. Wenn also die innere Verbesserung der Menschen, welche die Anthroposophie doch nun einmal erstrebt, Voraussetzung für die Durchführung dieses Planes ist, so können wir ihn füglich auf sich beruhen lassen. Gibt es nur noch edle und gute Menschen, so ist die soziale Frage ohnehin gelöst, und wir brauchen uns über die Organisation der Gesellschaft keine weiteren Sorgen zu machen. Ich glaube aber, daß man mit einer solchen Abweisung des Planes als Utopie, zu der zu der die Art, wie er gerade im Zusammenhang mit der Anthroposophie gepredigt wird, allerdings herausfordert, Steiner doch nicht ganz gerecht wird. Ich glaube vielmehr, daß Steiner etwas durchaus Wirkliches und was für unsere Zeit gelten soll, verlangt. Es bliebe also die Frage nach der Möglichkeit zu beantworten.

Prüfen wir die Trennung der einzelnen Glieder. Im Vordergrunde steht ohne Zweifel bei Steiner die Trennung der Wirtschaft vom Staate, ein Gedanke, der heute infolge der Übermüdung an Sozialisierungsversuchen ja sicher auf einen vorbereiteten Boden trifft. Er sagt, daß die Wirtschaft nur ihren eigenen Gesetzen folgen soll, und er will uns glauben machen, daß dann die für alle erwünschte Gestaltung des wirtschaftlichen Lebens sich von selber einstellen würde. Dabei ist er aber der Meinung, daß nicht mehr wie bis jetzt die einzelnen wirtschaftlichen Gruppen sich in sich selber zusammenschließen sollen, die Produzenten, Kaufleute, Konsumenten jeder für sich, sondern der Zusammenschluß in Genossenschaften erfolgen soll, in denen die an einem bestimmten wirtschaftlichen Vorgang als Produzenten, Kaufleute und Konsumenten Beteiligten sich vereinigen. Man fragt sich, auf welchem Wege diese wirtschaftlichen Gruppen dazu gebracht werden sollen, von ihrem rein wirtschaftlichen Standpunkte eine solche Organisation herzustellen. Aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten wird sich doch immer Produzent, Kaufmann oder Konsument, jeder mit Seinesgleichen verbinden, um seine wirtschaftliche Macht nach Möglichkeit zu steigern. Es bedürfte einer übergreifenden Macht, um die Einzelnen zu einer solchen, für die Gesamtheit vielleicht wünschenswerten genossenschaftlichen Organisation zu bewegen. Und es ist nicht einzusehen, welche Macht dies sein sollte, wenn nicht der Staat. Wie wird sich andererseits diese Trennung für den Staat auswirken? Noch genauer gefragt: wie wird der Staat zu seinem Gelde kommen, da er ja Machtmittel gegen die Wirtschaft nicht zur Verfügung haben soll? Aus »freiem Verständnis«, auf das sich Steiner beruft, werden wohl immer nur die wenigsten ihre Steuern bezahlen.

Dann die Trennung des geistigen Lebens vom Staate! Der Staat soll nicht mehr bestimmen, was gelehrt wird, sondern seinen Antrieb von dem freien geistigen Leben empfangen. Das klingt sehr schön, aber Steiner ist unvorsichtig genug, die Anwendung auf Seite 9 der »Kernpunkte« gleich auf die Jurisprudenz zu machen. Auch der Inhalt der auf der Universität gelehrten Rechtswissenschaft soll nicht mehr an einem staatlichen Gesetz seine feste Regel finden, vielmehr soll auch hier der Staat warten »auf dasjenige, was ihm von dem freien Geistesleben aus überantwortet wird. Er wird befruchtet werden von den lebendigen Ideen, die nur aus einem solchen Geistesleben entstehen können.« Was teilweise ohne Zweifel richtig, wünschenswert und auch verwirklicht ist, wird so von Steiner aufs äußerste gesteigert, wodurch es jeden Sinn verliert. Man vergegenwärtige sich nur einmal die aus dem Wesen der Wissenschaft hervorgehenden und für die Entwicklung der Wissenschaft so nötigen Unterschiede der Rechtsauffassung unter den verschiedenen juristischen Schulen und Gelehrten, und man kann sich ungefähr vorstellen, was dabei herauskommen wird, wenn jeder junge Referendar mit der Forderung an den Staat herantritt, ihm das Recht zu bieten, das sein Lehrer auf der Universität für das richtige erklärte.

Eine Trennung der Wirtschaft vom geistigen Leben gibt es bei Steiner nicht. Es ist ihm selbstverständlich, daß der Geist der Wirtschaft ihre Antriebe mitteilen soll, und daß dafür die Wirtschaft das geistige Leben erhält. In Wahrheit komme es nur auf das Zurückdrängen der Staatsmacht an, das ist der eigentliche Zweck der Dreigliederung.

Diese drei selbständig nebeneinander stehenden Gebiete sollen zusammengehalten werden nicht in objektiven Mächten, sondern im Innern der einzelnen Menschen. Wie jeder einzelne allen dreien bis zu einem gewissen Grade angehört, so wird er dafür zu sorgen haben, daß seine Handlungsweise innerhalb jedes einzelnen Gebietes nur dessen eigenen Gesetzen entspricht. Damit wird aber eine psychologische Unmöglichkeit vorausgesetzt und geradezu die Einheit des Bewußtseins aufgehoben. Jeder Mensch müßte danach drei Seelen in seiner Brust haben. Tatsächlich ist es natürlich selbstverständlich, daß er sich in den allermeisten Fällen durch die Bedingungen des Gebietes bestimmen lassen würde, dem er vornehmlich angehört. Ein Volk lebt als eine Einheit zusammen. Es ist nicht möglich, ihm sein Leben in verschiedene getrennte Glieder auseinander zu reißen. Notwendig müßte sich eine neue Einheit bilden. Es fragt sich nur, bei wem sie liegen würde. Bei wem sie nach Steiners Plan tatsächlich liegen würde, werden wir alsbald sehen.

2. Ist die Durchführung dieses Planes wünschenswert? Die Beantwortung dieser Frage ist ohne Zweifel viel wichtiger. Wir verlassen hier die rein theoretische und wenden uns der praktische, politischen Beurteilung zu. Dabei möchte ich von einem Gedanken ausgehen, der heute wohl als ziemlich allgemein anerkannt gelten darf: das Wesen des Staates ist Macht. Es handelt sich dabei nicht um eine besonders alldeutsche oder militaristische Auffassung. Wir haben es hier ja gar nicht mit dem Verhältnis des Staates gegenüber anderen Staaten zu tun, sondern nur mit dem Verhältnis zu seinen eigenen Gliedern. Und hier geben sogar Pazifisten zu, daß das Wesen des Staates Macht ist. Ich führe eine Stelle aus der Schrift von Kurt Wolzendorff »Der reine Staat« an, auch deshalb weil sich der Verfasser begeistert für Steiners Dreigliederung ausspricht. Wolzendorff sagt auf Seite 14: »Das ureigenste Wesen des Staates ist seine nicht weiter ableitbare Herrschaftsgewalt, seine Macht.« Es ist nun bezeichnend, daß der Machtgedanke bei Steiner so gut wie vollständig fehlt. Auf die einfache, für eine politische Beurteilung selbstverständliche Frage, wo in dem dreigegliederten Organismus die Macht liegt, gibt er wie geflissentlich keine Antwort. Um so notwendiger ist es, diese Frage zu stellen.

Denken wir uns also die Dreigliederung, soweit es denn eben möglich sein mag, durchgeführt. Wo liegt die Macht?

Sicherlich liegt die Macht nicht bei dem Staat. Denn die Macht des Staates wird hier wie mit Absicht möglichst zurückgedrängt. Er hat nur noch Polizeiaufgaben und gewinnt eine verwünschte Ähnlichkeit mit dem alten Nachtwächterstaat. Er wird vollständig von der Wirtschaft abhängig, von der er sein Geld erhalten muß [sic!]. Alle Berufungen auf »elementare Rechtsempfindungen« werden nicht hindern, daß die wirtschaftlichen Mächte dem Staate nur soweit Mittel zur Verfügung stellen, als er ihre Geschäfte besorgt.

Das Geistesleben wird aus dem »freien Verständnis« erhalten, natürlich von der Wirtschaft, die allein die dazu nötigen Geldmittel aufzubringen vermag. Daß dabei die technischen Wissenschaften einseitig in den Vordergrund gezogen würden, und die rein geistige Wissenschaft warten könnte, was für sie etwa noch abfällt, versteht sich von selbst [sic!]. Bisher haben wir es in Deutschland für einen großen Vorzug etwa vor Amerika gehalten, daß unsere Universitäten nicht unter der Botmäßigkeit irgendwelcher Geldmagnaten standen und also nicht von der Laune Einzelner, sondern von der dauernden Willensrichtung des Staates allein abhängig sind. Unterstützungen von den wirtschaftlichen Mächten, die den Universitäten ja gerade in neuester Zeit so reichlich zufließen, bedeuten für diese nur dann keine Gefahr, wenn sie in Freundschaft und also unter gleich freien und gleich Berechtigten empfangen werden.

Daß die Wirtschaft in dem dreigegliederten Organismus die Hauptsache ist, daraus macht auch Rudolf Steiner kein Hehl. Er nennt sie das erste Glied des sozialen Organismus (Seite 45) und vergleicht sie dem »Kopfsystem» (Seite 46). Es kann nach allem Gesagten nicht zweifelhaft sein, daß die Herrschaftsgewalt, die Macht, hier restlos an die Wirtschaft übergeht, ohne daß die anderen Glieder irgendeine Möglichkeit hätte, ihren von der Wirtschaft etwa abweichenden Willen zur Geltung zu bringen. Wem aber wird innerhalb der Wirtschaft die Macht zufallen? Oder anders ausgedrückt: Wer schützt den wirtschaftlich Schwachen? Die Steinerianer, die ja, wie gesagt, alles Herrliche der Welt für die Dreigliederung in Anspruch nehmen, berufen sich sogar auf die große, von Kaiser Wilhelm I. und Fürst Bismarck eingeleitete soziale Gesetzgebung und behaupten, sie stünde mit ihren Gedanken in Übereinstimmung. Aber gerade dies Beispiel zeigt ja deutlich, wer allein den wirtschaftlich Schwachen zu schützen vermag. Die soziale Gesetzgebung ist doch ganz gewiß nicht aus dem eigenen Antriebe der Wirtschaft entstanden, sondern sie ist ihr von dem Staate aufgezwungen worden. Denn Kaiser Wilhelm und Bismarck waren doch gewiß staatliche Mächte. Dieser Schutz des wirtschaftlich Schwachen fällt also weg. Die Macht fällt restlos dem wirtschaftlich Starken zu, d.h. demjenigen, der das meiste Geld hat.

Damit haben wir den wahren Herrscher in dem dreigegliederten Organismus gefunden. Es ist das Geld, das seinem Wesen nach international, sich in großen internationalen Machtgruppen zusammenschließt. Auf diese internationale Vormachtstellung des Kapitals wird offen hingewiesen, denn es wird uns versichert, daß die einzelnen Glieder sich international zusammenschließen werden (Seite 98). Nun verstehen wir, warum auf die Einheit des Volkes ein so geringer Wert gelegt wird. Sie kann ruhig verloren gehen, damit das internationale Großkapital um so leichter seine Herrschaft über die Völker ausüben kann. Nun verstehen wir, warum der Staat zur Machtlosigkeit verdammt wird. Er soll der Macht des internationalen Kapitals kein Hindernis in den Weg legen können.

In ihrem Erfolg bedeutet die »Dreigliederung des sozialen Organismus« also die Herrschaft der internationalen Geldmächte. Rathenaus berühmte 300 reichste Männer, die sich alle kennen und die die Welt beherrschen, und Steiners Dreigliederung des sozialen Organismus erstreben genau dasselbe.

3. Damit sind die angepriesenen Vorteile der Dreigliederung auf ihren wahren Wert zurückgeführt. So bleibt der Gedanke dieser Gliederung selbst, auf dessen Originalität sich Steiner (Seite 19 Anm.) und seine Anhänger viel zugute tun. Wolzendorff vergleicht ihn in der genannten Schrift (Seite 25) rühmend mit der berühmten Lehre Montesquieus von der Trennung der politischen Gewalten. Wenn diese Theorie also auch als Plan einer künftigen Neugestaltung nichts taugte, so möchte es noch immer ein geistreicher Versuch sein, die in dem wirklichen sozialen Organismus zusammenwirkenden Glieder aufzuweisen. Aber mit der berühmten Selbständigkeit Steiners ist es schlecht bestellt. Steiner selbst erwähnt gelegentlich auf Seite 41 den bekannten Soziologen Albert Schäffle, der ein Buch über »Bau und Leben des sozialen Körpers« geschrieben hat, rückt aber ziemlich entschieden von ihm ab. In Wahrheit hat er den ganzen Gedanken der Dreigliederung von Schäffle übernommen [sic!]. Nur handelt es sich bei Schäffle natürlich allein um eine Darstellung der in der Gesellschaft lebendigen Glieder, und Schäffle ist sich der sie verbindenden Mächte wohl bewußt, als deren wichtigste er das Recht nennt. Aber die Dreigliederung selbst ist bei ihm vorhanden. Über Schäffles Lehre kann man sich am bequemsten aus seinem »Abriß der Soziologie« unterrichten, der nach seinem Tode von Karl Bücher herausgegeben ist (Tübingen 1906). Hier heißt es auf Seite 173/174: »Der Verfasser hat in »Bau und Leben« – unter dem Einfluß der Veranschaulichung durch Analogie – die einfacheren Veranstaltungen als Gewebe bezeichnet ... Als Hauptanstalten, als »Organe« und »Organsysteme» hatte er daraufhin – in beiden Auflagen auf sachlich fast übereinstimmende Weise – aufgestellt und unterschieden: A. Die materiellen oder nach der Außenwelt gerichteten Institutionen, nämlich 1. das Niederlassungs- und Transportwesen, 2. Das Schutz- und Sicherheitswesen, 3. Die Technik, 4. Die Volkswirtschaft (als Sozialstoffwechsel); B. die Institutionen des geistigen Volkslebens, nämlich 5. Die Veranstaltungen der Geselligkeit, 6. Der Bildung, der Erziehung, des Unterrichtes (Schule), 7. Der Wissenschaft, 8. Der schönen Künste, des ästhetischen Volkslebens, 9. Des religiösen Volkslebens; C. 10. Die Institutionen des einheitlichen Wollens und Machens (Macht), d.h. die Staats und Kommunaleinrichtungen.« –

Es lohnte nicht, sich so ausführlich mit Steiner auseinanderzusetzen, wenn seine Gedanken sich nicht einer Richtung eingliederten, die heute schon geradezu als eine Gefahr für unser Volksleben bezeichnet werden muß. Die Loslösung vom Staate ist allerorten im Gange, als eine natürliche Gegenwirkung gegen die im Beginn der Revolution übersteigerten Bestrebungen der Verstaatlichung. Daß Steiner hier manches ausspricht, was sich tatsächlich vollzieht und zum Teil verwirklicht ist, muß man zugeben. Aber das sind oft recht verderbliche Erscheinungen und einer besonderen Verstärkung bedürfen sie nicht. Die Gefahr, daß unser Volk auseinanderfällt in Stämme, in Parteien, in wirtschaftliche Gruppen, war vielleicht selten so groß wie heute. Und starke Mächte sind geschäftig, dies Auseinanderfallen noch zu fördern. Daß auch der Gedanke der Dreigliederung, ob gewollt oder ungewollt, im Dienste solcher Bestrebungen steht, und daß er zugunsten einer der stärksten Mächte, der Geldmacht, ausfallen würde, glaube ich gezeigt zu haben.

Was wir brauchen, was wir gerade heute brauchen, ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was die Dreigliederung uns verspricht. Wir brauchen eine Macht, die sich wieder für das Ganze des Staates verantwortlich fühlt und für das Ganze des Staates einsteht. Die Form, in der sie verwirklicht werden kann, ob in der Form der Monarchie oder der Republik, ist eine Frage zweiten Ranges. Aber daß eine solche Macht in unserem Staate wieder errichtet wird, ist geradezu die politische Forderung des Tages.


5. Wer verrät das Deutschtum? – Alldeutsche und Antisemiten gegen die Anthroposophie

Quelle: »Dreigliederung des sozialen Organismus« erschien von Juli 1919 bis Januar 1922 in Stuttgart. Dreigliederung, Nr. 38, 2. Jg. 1921, 22. März 1921.


Wer verrät das Deutschtum?

Roman Boos


»Le Deutschtum« ist ein Ausdruck, den man als Spottwort in französischen Zeitungen immer wieder trifft, wenn das Bild des abscheulichen Popanzen beschworen werden soll, in dem das deutsche Wesen der neueren Zeit im Massenbewußtsein der Franzosen und fast aller Völker der Erde heute lebt. Dieser Popanz hat ganze Völker jahrelang in Kriegsbegeisterung gehalten, und er war eine der gewaltigsten Mächte unter denen, die Deutschland zu Boden geworfen haben.

Verräter am Deutschtum nenne ich diejenigen, die aus dem deutschen Volk heraus Fetzen geliefert haben, aus denen dieser Popanz zusammengestückt worden ist; denn es ist nicht nur »unechtes« Zeug, was an ihm hängt, sondern gar viel »echtes«. Echt in dem Sinn, daß es aus deutschen Händen stammt, und zwar aus solchen Händen, die sich gerade als die wahren Träger des »Deutschtums« gebärdet haben.

Wer, wie der Schreibende, durch den ganzen Krieg hindurch in einem immer mehr ententisch gesinnten Land für den deutschen Geist kämpfte — er gab mitten im Krieg einer rechtswissenschaftlichen Abhandlung über Zentralprobleme der modernen Rechtsentwickelung den Untertitel: »Deutsche Geistesformen deutschen Geisteslebens« —, der darf es aussprechen, daß die furchtbarsten Feinde des deutschen Geistes diejenigen waren und noch sind, die das Wort »Deutschtum« zu einem brutalen Brüllwort gemacht haben und die durch ihr Gebaren unmittelbar daran mitgewirkt haben, eine reale Großmacht zu erzeugen, von der das deutsche Volk dann zerschmettert worden ist: eben den Popanzen »Le Deutschtum«.

Während des Krieges wartete die Welt auf das Aufsteigen einer politischen Idee aus Deutschlands Boden. Was hörte man statt dessen? In Brest den Säbel klirren, in Versailles die Schreibfeder knirschen. Vom »Diktieren des Friedens« und davon, daß das deutsche Volk in diesem Krieg lediglich »um seine Existenz kämpfe«, hatte man ununterbrochen reden gehört. Über das Prahlen mit dem Diktatfrieden hat der November 1918 entschieden. Aber nicht minder über das Reden vom »Kampf um die eigene Existenz«. Denn solches Reden ist, weltpolitisch betrachtet, einfach naiv gewesen. Existenzwille allein ist keine politische Idee. Er kann nicht so formuliert werden, daß er fähig wäre, Bundesgenossen in fremden Völkern, sogar im Schoße der feindlichen, zu werben. Mit einer ideellen Großmacht, mit einer aus den jahrtausendealten deutschen Sozialkräften gewachsenen weltpolitischen Idee allein hätte der Kampf gegen den Popanzen »Le Deutschtum« und gegen die einseitigen, aber ungeheuer stoßkräftigen westlichen Ideologien geführt werden können. Diejenigen, welche unterlassen haben, einer solchen, sich zum Leben heraufringenden wahrhaft deutschen politischen Idee zum Durchbruch zu verhelfen, sie bilden die zweite Gruppe der Verräter am Deutschtum.

Diese beiden Gruppen haben sich nun vereint, um gemeinsam über diejenigen herzufallen, die aus wahrhaft deutschem, aus goetheanischem Geistesleben heraus eine weltpolitische Idee ins Dasein heben wollen, die auch heute noch den Kampf mit den Vernichtungskräften aufnehmen könnte, trotz allen Sünden der verschiedenen Verrätergruppen, wenn es gelingen würde, sie mit genügendem Nachdruck ins öffentliche Leben hineinzustellen.

Die Idee des dreigliedrigen sozialen Organismus, die die besten Traditionen des alten deutschen Genossenschaftsgedankens und Selbstverwaltungsprinzipes in einer den weltpolitischen Aufgaben der Gegenwart angemessenen Weise zur Entfaltung bringen will, wird auf Anstiften »deutsch«-nationalistischer Kreise von einer »Frankfurter Zeitung« angepöbelt! Was liegt hier vor?

Ein alldeutscher Professor, der wissenschaftliche Diskussionen nicht anders führen kann, als im Stil einer schlechten Studentenmensur, ist in einer Versammlung mit dem unsinnigen Vorwurf, daß die Propagierung der Dreigliederungsidee durch die oberschlesischen Ortsgruppen des Bundes für Dreigliederung »Vaterlandsverrat« sei — hinten herunter gefallen. Nachdem der hier Schreibende in einem Vortrag in dieser Versammlung die geistig-politisch-wirtschaftliche Lage von Deutschland nach dem Osten hinüber sachlich so dargestellt hatte, daß dem Publikum (außer denen, die von Professor Fuchs unterwiesen worden waren, statt mit dem Hirn, mit den Schuhsohlen zu denken) die Idee der Dreigliederung als eine zugleich deutsche und weltpolitisch praktikable Idee durchsichtig wurde, versuchte der Professor Fuchs mit einem ungeheuern Aufwand von Effektmitteln des Schmierentheaterhelden dem Publikum die Dreigliederung als einen »Vaterlandsverrat« hinzustellen. Es gelang ihm aber nicht mehr, als mit den Schuhsohlen des von ihm herbeigeschleppten Trosses von »Le-Deutschtum«-Mannen Kontakt herzustellen. Ein großer Aufwand schmählich war vertan! — Nur Schuhsohlen waren zur Entrüstung gebracht!

Was blieb da dem Mann anderes übrig, als mit einem noch viel größeren Aufwand eine »Revanche« — man verzeihe in diesem Zusammenhang das undeutsche Wort — sich zu verschaffen. Er mobilisierte, was er mobilisieren konnte (und bekanntlich noch einiges darüber hinaus) und sorgte für einen furchtbaren Spektakel. »Le Deutschtum« siegte glänzend bei diesem Anlaß!

Und die »Frankfurter Zeitung«, die während des ganzen Krieges und seit dessen Abschluß ununterbrochen mit gescheuten und halb gescheuten Gedanken und Halbgedanken alle tiefen und lebenskräftigen Ideen sabotiert hatte, sie öffnete willig einer vom Göttinger »Deutschtum« ausgeschleuderten Schimpfiade ihre Spalten!

Wenn es auf Kosten des wirklich deutschen Wesens geht, so versagt es sich auch eine »Frankfurter Zeitung« nicht, sich bei Antisemiten beliebt zu machen.

Impotenz und Popanz sind natürliche Verbündete gegen wahrhaft deutschen Geist; und sie beide wollen Arm in Arm die Keime niedertrampeln, aus denen allein auf dem durch Raubbau geschwächten deutschen Boden wirklich international handlungsfähige politisch-soziale Ideen erwachsen könnten.

Es ist ja begreiflich, daß die beiden wahlverwandten Kämpen verhindern wollen, daß in das Abrasseln des Abstimmungsmechanismus in Oberschlesien wahrhaft deutscher Geist hinein- und aus ihm in die internationale Welt hinausspreche. Denn dieser Mechanismus ist ja ein Werk der dritten gegen den deutschen Geist verschworenen Großmacht: des »Geistes«, der den Versailler Vertrag geschaffen! — Auf einer gegen Süden treibenden, dem Zerbersten entgegenschmelzenden Eisscholle standen vier Menschen. Einer von ihnen begann, mit Balken und Brettern ein Fahrzeug zu bauen, um beim Bersten der Scholle Boden unter den Füßen zu haben. Da nahmen die anderen drei die Bretter und Balken zur Hand und fielen damit über den vierten her. Daß er einen guten Gedanken hatte, wirkte auf sie wie eine persönliche Beleidigung.

Zusatz der Schriftleitung:

Inzwischen hat die »Frankfurter Zeitung« (in Nr. 196 vom 15. März 1921) ihre aus alldeutschem Denken orientierte »Kritik« »eingeschränkt« und insbesondere den Vorwurf des Landesverrats fallen gelassen, nachdem ihr durch eine Zuschrift des Bundes für Dreigliederung die selbstverständliche Tatsache zum Bewußtsein gebracht war, daß, nachdem nun die Abstimmung in Oberschlesien erfolgt, auch der Bund für Dreigliederung selbstredend der Meinung ist, daß es für jeden Deutschen keine andere Stellung geben kann, als für Deutschland zu stimmen. Nach wie vor weist aber die »Frankfurter Zeitung« die Ideen der Dreigliederung als »utopistisch« ab, weil sie eben aus den im Aufsatz von Dr. Boos geschilderten Verhältnissen heraus weder willens noch fähig ist, auf diese Ideen einzugehen. —

Nicht ohne Interesse ist es vielleicht auch, daß die »Göttinger Zeitung« vom 16. März 1921 im Anschluß an eine von ihr abgedruckte Erklärung des Bundes für Dreigliederung, mit dessen Bestrebungen übrigens auch sie sich nicht zu befreunden vermag, ausdrücklich hervorhebt, sie sei von vornherein überzeugt gewesen, »daß der Vorwurf des beabsichtigten Landesverrats absurd und unwürdig war«. Und es zeugt doch immerhin von in Göttingen sich verbreitender Einsicht, wenn die genannte Zeitung schreibt, weite Kreise der Stadt könnten sich des Eindrucks nicht erwehren, daß der von den Anhängern der Dreigliederung für die Lösung der oberschlesischen Frage gemachte Vorschlag »für bestimmte Herren eine gefundene Sache war, um den Anthroposophen einen neuen Schlag zu versetzen.« Alle anständig Gesinnten werden ihr ferner zustimmen, wenn sie daran anschließend bemerkte: »Eine derartige Ausnutzung allgemein nationaler Dinge zu persönlichen Geschäften lehnen wir ab. Auf diese Weise wird man die Anthroposophie niemals ›erledigen‹, ebensowenig wie durch Trillerpfeifen und Niederjohlen.«


6. Alldeutsche Hetze des Prof. Fuchs in Göttingen – Initiative zu einer Volksabstimmung in Oberschlesien

Quelle: »Dreigliederung des sozialen Organismus« erschien von Juli 1919 bis Januar 1922 in Stuttgart. Dreigliederung, Nr. 38, 22. März, 2. Jg. 1921


Alldeutsche Hetze des Prof. Fuchs in Göttingen gegen die Dreigliederung


Am 18. Februar veranstaltete der Bund für Dreigliederung in Göttingen einen öffentlichen Vortrag. Dr. jur. Roman Boos aus Dornach sprach über »Die großen Fragen der Gegenwart, die Anthroposophie und die Dreigliederung des sozialen Organismus«. Der Vortrag von Dr. Boos hinterließ bei dem ernst zu nehmenden Teil des Publikums einen bedeutenden Eindruck, und Professor Fuchs, welcher mit seiner Leibgarde erschienen war, trug durch sein Auftreten in der Diskussion und die packende Verteidigung des Dr. Boos eine empfindliche Schlappe davon.

In der folgenden Woche erhielten wir Kenntnis, daß in Göttingen auf Freitag, den 25. Februar, eine Protestversammlung gegen den Bund geplant sei. In den zu dieser Protestversammlung einladenden Inseraten in der Göttinger Presse wurden alle Stände und Parteien zur Vereinigung einer Abwehr der gegen Deutschlands Bestand gerichteten Umtriebe des Bundes für Dreigliederung aufgefordert, welche zur Abtrennung Oberschlesiens vom Deutschen Reich führen können. Der Hauptredner war Professor F. Göppert. Als Einberufer zeichneten: »Vereinigte Verbände heimattreuer Oberschlesier, Ortsgruppe Göttingen«, nach Rücksprache und mit Zustimmung der großen politischen Parteien von links bis rechts.

Den Ausgangspunkt der Protestversammlung bildete die Tätigkeit der Breslauer Ortsgruppe des Bundes, welche in einer großen Anzahl von oberschlesischen Städten Vorträge über die Dreigliederung veranstaltet hatte und ein Flugblatt zur Verbreitung brachte, welches die Einwohner Oberschlesiens aufforderte, zur Rettung Oberschlesiens die Dreigliederung einzuführen als die einzige Möglichkeit, die verwickelte oberschlesische Frage in einer von den Verhältnissen geforderten Weise zu lösen.

Herr Regierungsbaumeister Alwes aus Breslau, welcher an der Tätigkeit der Breslauer Ortsgruppe in Oberschlesien mitbeteiligt ist, versuchte zu Wort zu kommen und die Versammlung über den wahren Sachverhalt aufzuklären. Studentengruppen versuchten ihn daran zu verhindern, und nur durch das Eingreifen von Schriftleiter Schiller (Volksblatt) und von Prof. Hippel, welcher die Studenten an die Regeln des Anstandes erinnern mußte, konnte Herr Alwes u. a. sein Befremden darüber aussprechen, daß kein Vertreter der vereinigten Verbände heimattreuer Oberschlesier in der Versammlung gesprochen hätte, obwohl sie in der Anzeige als Einberufer genannt waren. Lehrer Munderloh als Vertreter dieses Verbandes mußte erklären, daß er nicht zu den Einberufern der Versammlung gehöre.

Die Versammlung nahm eine Entschließung an, in welcher gegen die Stellungnahme des Bundes für Dreigliederung protestiert wird, die zur Abtrennung Oberschlesiens vom Deutschen Reiche führen soll. Es wurde beschlossen, diese Entschließung dem Auswärtigen Amt zu übermitteln. Ein Antrag eines Gegners der Dreigliederung, Herrn cand. chem. König, die Abstimmung über die Entschließung zu vertagen bis zu der von Herrn Alwes angekündigten Gegenversammlung am Samstag, um erst eine Klärung der Sachlage herbeizuführen, wurde mit starker Stimmenmehrheit abgelehnt. Die auf Sonnabend, den 26. Februar, geplante Gegenversammlung, in welcher Herr Alwes und Herr Mayen aus Breslau den wahren Sachverhalt öffentlich darlegen wollten, wurde von Herrn Polizeidirektor Warmbold, einem Freunde von Prof. Fuchs und Gegner der Anthroposophie und. Dreigliederung, im »Interesse der öffentlichen Ruhe, Sicherheit und Ordnung« verboten unter Berufung auf die Bestimmung des allgemeinen Landrechtes (a. d. 18. Jahrh.), Teil II, Tit. 17, § 10.


Fortsetzung der alldeutschen Hetze gegen Anthroposophie 1921


Quelle: »Dreigliederung des sozialen Organismus«. Die Zeitschrift erschien von Juli 1919 bis Januar 1922 in Stuttgart.

Dreigliederung, Nr. 38, 2. Jg., 22 März 1921


Editorische Vorbemerkung:

Zu den alldeutschen Gegnern der Anthroposophie, die Steiner bei ihrer Anhängerschaft durch die Behauptung zu diskreditieren versuchten, er sei jüdischer Abstammung, gehörte General Gerold von Gleich. Während von katholischer Seite schon wesentlich früher der Vorwurf gegen Steiner erhoben worden war, er sei Freimaurer, also Agent der republikanischen Internationale, während theosophische Gegner wie Annie Besant behaupteten, er sei »Jesuitenzögling«, also katholischer Agent, behaupteten die Deutschnationalen, er sei Agent der jüdischen Weltverschwörung. Insbesondere jüdische Schüler Rudolf Steiners (E. Kolisko, C. Unger, W. Johannes Stein), setzten sich in der Dreigliederungszeitung gegen diese Behauptung zur Wehr, weil sie deren antisemitische Implikationen zurückweisen wollten.

Der Sohn des Generals, Sigismund von Gleich, ehemaliger aktiver Leutnant, gehörte zu Steiners Schülern. Dem General mißfiel die nicht standesgemäße Ehe seines Sohnes. Aus diesem Familienzwist entwickelte sich eine öffentliche Fehde gegen Steiner und die Anthroposophie. Gerold von Gleich hielt Vorträge und verfaßte Schriften gegen Steiner.


Fortsetzung der alldeutschen Hetze gegen die Anthroposophie und Dreigliederung in Ludwigsburg


In Ludwigsburg, einer in der Nähe Stuttgarts gelegenen ehemaligen Hauptgarnisonstadt Württembergs, hielt General von Gleich am 14. März einen öffentlichen Vortrag über das Thema »Rudolf Steiner als Prophet«.

Der Vortrag, den Herr von Gleich vom Manuskript ablas, stellte sich in den wesentlichen Punkten nicht als eine eigene kritische Quellenarbeit dar, sondern als eine Zusammenfassung und Verwendung dessen, was einige der unsaubersten Gegner Dr. Steiners, der Anthroposophie und der Dreigliederung, wie Max Seiling und Karl Rohm, Prof. Fuchs u. a. schon vorgebracht haben.

Das Vorgehen des Herrn von Gleich mußte unbedingt den Eindruck erwecken, daß er als Exponent einer Mache aufgetreten ist; die von einer geschlossenen Gegnerschaft mit bestimmten, leicht zu durchschauenden Absichten und Zielen ausgeht. Von den unsauberen Machenschaften der Gegner, von denen an dieser Stelle schon öfter Kenntnis gegeben werden mußte, unterschied sich Herr v. Gleich dadurch, daß er alles übertraf, was bisher geleistet ist an gewissenlosen Verleumdungen, Verdrehung der Tatsachen, perfiden Entstellungen der wahren Zusammenhänge und an Schmutzigkeit in dem Versuch der moralischen Entwertung alles dessen, was die Anthroposophie an moralischen Qualitäten darstellt. Die Art und Weise, wie er die Persönlichkeit Rudolf Steiners in jeder Hinsicht moralisch zu erledigen versuchte, war nichts als ein Angriff auf jede menschliche Gesittung.

Herr von Gleich warf die Judenfrage in bezug auf Dr. Steiner in einer Weise auf, aus der klar hervorgeht, daß absichtlich die persönlichen Erklärungen Dr. Steiners über seine Abstammung und unsere Veröffentlichungen in der Dreigliederungszeitung nicht berücksichtigt, sondern totgeschwiegen werden sollen.

Aus einer nicht bekanntgegebenen Quelle behauptet Herr von Gleich, daß Dr. Steiner bezüglich der Wiederverkörperung Mitteilungen über seine Persönlichkeit gemacht und in Zusammenhang damit Äußerungen über den ehemaligen Kaiser Wilhelm II. getan habe, welche in ihrer durchsichtigen und plumpen Aufmachung nur die Absichten verraten können welche diese Gegnerschaft verfolgt.

Herr von Gleich widmete den Abend, wie er in seinem Vortrage angab, den Gefallenen. Eine wenig würdige, wenig deutsche Totenfeier seitens eines ehemaligen Generals, der das Gedenken an die Gefallenen in eine Verhöhnung des Menschentums kleidet, indem er die Würde, die man den Toten schuldet, durch einen Sumpf ersetzte. Herr v. Gleich hatte die Geschmacklosigkeit, das Gedächtnis an seinen ehemaligen Chef dadurch zu verunglimpfen, indem er sagte: »Es besteht Grund zur Annahme, daß die Theosophie in den Schicksalstagen der ersten Marneschlacht lähmend auf die Tatkraft des ohnehin entschlußschwachen Generalobersten von Moltke eingewirkt hat. In den Kreisen des Generalstabs wurde glaubhaft versichert, daß nicht nur die schwache Gesundheit des Generalstabschefs, sondern auch gewisse theosophische Veranstaltungen in Luxemburg ihn davon abgehalten haben sollen, sich rechtzeitig dahin zu begeben, von wo aus der Entscheidungskampf allein zu leiten war, nach Reims oder Chateau-Thierry.« Herr von Gleich äußerte sich über die gegenwärtig in Stuttgart stattfindenden freien anthroposophischen Hochschulkurse in einer Weise, die, an den Tatsachen gemessen, sich als ein Angriff auf wissenschaftlichen Geist und Bildung qualifiziert.

Herr von Gleich schloß seinen Vortrag, dessen Niveau sich selbst charakterisiert, mit den Worten: »Mit Gott, für König und Vaterland«. Derjenige Teil des Publikums, der an seinen Ausführungen interessiert war, spendete ihm lebhaften Beifall.

Herr Kommerzienrat Molt wandte sich sofort an den Redner mit der Bitte, ihm das Wort zur Verteidigung zu erteilen. Herr von Gleich verschwand jedoch durch eine Seitentür. Als Herr Molt trotzdem versuchte, zu Wort zu kommen, erklärte Herr Buchhändler Aigner, daß eine Diskussion nicht stattfinde, und der Versuch einer Erklärung an die Versammlung vonseiten Herrn Molts wurde verhindert durch in Funktion gesetzte Trillerpfeifen und Gejohle. Das an Herrn von Gleich interessierte Publikum verließ dann den Saal und überließ es einigen »Elementen«, die Ruhestörung fortzusetzen. Das Licht wurde ausgedreht und damit jeder Versuch einer Verteidigung unterbunden.

Infolgedessen sahen wir uns veranlaßt, im Inseratenteil der »Ludwigsburger Zeitung« und des »Stuttgarter Tagblatts« den folgenden offenen Brief an Herrn von Gleich zu richten, welcher in den genannten Blättern am 16. März erschienen ist:


Offener Brief an Herrn General von Gleich


Herr General!

Sie haben in Ihrem gestrigen Vortrag im Bahnhof-Hotel in Ludwigsburg über das Thema »Dr. Rudolf Steiner als Prophet einer bedenklichen Lehre« eine Reihe Behauptungen aufgestellt, welche notorische Verleumdungen sind:

Es ist eine Verleumdung, wenn Sie behaupten, Dr. Steiner sei Jude und habe sich über seine Abstammung nie geäußert. Tatsache ist, daß er sich bei den Vorträgen im Siegle-Haus vom 2. März und 8. Juni 1920 öffentlich und beweiskräftig über seine arische Abstammung ausgesprochen und die antisemitischen Angriffe abgewiesen hat. In der »Dreigliederungs-Zeitung« Nr. 37 vom März und 52 vom Juni 1920 sind diese Äußerungen dokumentarisch belegt.

Es ist eine Verleumdung, daß Dr. Steiner jemals in irgendeiner Form und in irgendeiner Beziehung über die Wiederverkörperungslehre in der von Ihnen behaupteten Weise Mitteilungen über seine eigene Persönlichkeit gemacht hat. Wer das Gegenteil behauptet, ist ein Lügner. Dadurch erledigt sich auch Ihre damit verknüpfte Aussage über Kaiser Wilhelm II.; sie gehört in dasselbe moralische Werturteil.

Eine Verleumdung ist die Behauptung, daß der Verlag der Monatsschrift »Die Drei« mit ausländischem Geld arbeite.

Sie haben das Gedächtnis an die Gefallenen, dem Sie, wie Sie behaupteten, den Abend widmen wollten, in zweifacher Weise besudelt, indem Sie dieses Gedenken durch die Art Ihrer Behandlung in den Schmutz gezogen haben und dem zu den toten Helden gehörenden Generalstabschef von Moltke anläßlich der Marneschlacht eine gröbliche Pflichtverletzung durch eine theosophische Veranstaltung in Luxemburg verleumderischerweise vorgeworfen haben.

Die schamlose Art, mit der Sie sexuelle Angelegenheiten mit den Bestrebungen der Anthroposophischen Gesellschaft behandelten, schlägt der Wahrheit ins Gesicht und kann nur unter dem Gesichtspunkte der Schweinigelei betrachtet werden.

Anthroposophische Gesellschaft:

(gez.) Dr. Carl Unger

[Carl Unger gehörte zu den Schülern Rudolf Steiners jüdischer Herkunft].

Bund f. Dreigliederung d. sozialen Organismus:

(gez.) E. Molt.

Der wahre Grund Ihrer Hetze gegen Dr. Steiner ist die Zugehörigkeit Ihres Sohnes zur Anthroposophischen Gesellschaft und seine Verlobung mit einer ehrbaren, aber unvermöglichen Dame. Um diese »nicht standesgemäße« Heirat zu hintertreiben, verlangen Sie meine Mithilfe, indem ich veranlassen sollte, ihm in seiner Eigenschaft als Angehöriger der Schriftleitung »Die Drei« möglichst wenig Gehalt zu bezahlen oder ihn in jene Schweizerische Gesellschaft versetzen solle, deren Internationalität Sie brandmarkten.

Daß ich Ihre unerhörten Zumutungen und Ihre Verleumdungen gebührend zurückwies, war die Veranlassung zu diesem sich auf so unsagbar niedrigem Niveau bewegenden Vortrag. Um Ihren aus rein persönlichen Gründen hervorgegangenen Haß ausleben zu können, haben Sie unter dem Deckmantel einer patriotischen Tat diese Versammlung veranstaltet!

Stuttgart, 15. März 1921.

(gez.) E. Molt, Kommerzienrat.


Die folgende Erklärung wurde von der Zuhörerschaft der Ferienkurse der Freien anthroposophischen Hochschulkurse am Donnerstag, den 17. März 1921, einstimmig angenommen.


Erklärung

Wir unterzeichneten Teilnehmer der Ferienkurse vom 12. bis 23. März 1921 der Freien Anthroposophischen Hochschulkurse Stuttgart verwahren uns auf das energischste gegen die schmutzigen Verleumdungen, die Herr Generalmajor a. D. Gerold v. Gleich in seinem Vortrag in Ludwigsburg, am Montag den 14. März 1921, sowie in seinem Pamphlet »Rudolf Steiner als Prophet. Ein Mahnwort an das deutsche Volk« gegen die Person Rudolf Steiners vorgebracht hat.

Des weiteren erklären wir:

Über den Charakter der Ferienkurse, über die Herr von Gleich in unwürdigster Weise sich geäußert hat, können nur diejenigen urteilen, die an ihnen teilnehmen. Wir verwahren uns auf das entschiedenste gegen jede Herabwürdigung dieser wissenschaftlichen Veranstaltung.

Wir Unterzeichneten bitten den Bund für Anthroposophische Hochschularbeit, diese unsere Erklärung zu veröffentlichen.

Es folgen (bis jetzt) 483 Unterschriften.

Wir kommen hiemit der Aufforderung nach:

Bund für Anthroposophische Hochschularbeit, Arbeitsausschuß.

I. A.: Willi Stokar, stud phil.

Werner Rosenthal, stud. rer. nat.

Wir fügen hinzu, daß an diesen Kursen mehrere Hundert Studenten und Akademiker aus allen Teilen Deutschlands teilnehmen.

Die Schriftleitung


7. Rudolf Steiner und seine Gegner: Hauer, Diederichs, Leese, Keyserlingk 1921

Quelle: »Dreigliederung des sozialen Organismus« erschien von Juli 1919 bis Januar 1922 in Stuttgart.

Dreigliederung, Nr. 35, 2. Jg., 1921, 9. Woche


Rudolf Steiner und seine Gegner

Walter Johannes Stein


Das Studium der Gegnerschaft Rudolf Steiners liefert einen Einblick in die Kulturverhältnisse der Gegenwart. Die Gegner Steiners müssen in ihren Aussagen und Werken symptomatisch gewertet werden. Man kann die sonst in verborgenen Tiefen wirkenden Zeitströmungen durch sie an einem Punkte erfassen, wo sonst Verschleiertes sein wahres Wesen enthüllt. Dabei muß scharf ins Auge gefaßt werden, wer der ist, der etwas ausspricht. Dies tun diejenigen, die als Kämpfer für Rudolf Steiner eintreten. Die Gegner der Anthroposophie erklären das für eine unsachliche Kampfesweise. Sie ist es nicht. Wer in einer Diskussion nur recht behalten will, kann sich damit begnügen, über den Inhalt dessen zu sprechen, was vorgebracht wird und es widerlegen. Wer aber darauf ausgeht, die Wirklichkeit an ihren Symptomen offenbar zu machen, der muß darauf achten, wer etwas sagt. Von diesem Gesichtspunkt aus sind die Gegner Rudolf Steiners interessant. Es ist auch nicht gleichgültig, wie jemandes Lebenswandel beschaffen ist, der über dies oder jenes schöne Worte macht. Dies muß eingesehen werden. Unsere Zeitgenossen empfinden das aber als unsachlich. Sie sagen, man habe eine »persönliche« Kampfesweise. Schon dieses Argument ist ein bemerkenswertes Symptom der Zeit. Unsere Zeit neigt dazu, überall vom Menschen abzusehen. Man glaubt heute nicht an den Menschen. Man erwartet die Lösung sozialer Probleme von irgendwelchen Einrichtungen, man ist sich nicht genügend bewußt, daß der Mensch es ist, der die Einrichtungen schafft. Die materialistische Geschichtsauffassung sieht im Menschen ein Produkt äußerer Kräfte, sie zeigt symptomatisch, wie der Glaube an den Menschen verloren worden ist, wie man sich nicht bewußt ist, daß der Mensch es ist, der auch die Geschichte macht. Dieser Unglaube an den Menschen hat den Willen gelähmt.

»Wissenschaftliche«

Man betrachtet z. B. als Volkswirtschafter statistisch oder mit sonstigen Methoden das Leben, aber man kommt nicht zum Eingreifen in die Wirklichkeit. Und man haßt diejenigen, welche eine Anthroposophie vertreten, das heißt eine Welt- und Lebensanschauung, die gestalten kann, weil sie den Menschen zum Ausgangspunkt nimmt. Auch die Naturwissenschaft will vom Menschen nichts wissen, betrachtet ihn nur als Anhängsel, als oberstes der Tiere. Im Weltbild der heutigen Naturanschauung hat der Mensch keinen Platz, und im sozialen Leben haben wir Einrichtungen, die den Menschen als Menschen herausgeworfen haben aus der sozialen Ordnung. Er kann sich in die bestehende Ordnung nirgends als Vollmensch einfügen, kapselt sich in ein Klassenbewußtsein ein oder fühlt sich als Unterdrückter in die Ecke geworfen.

Dies alles steckt hinter dem Glauben an abstrakte Wahrheiten, über die man reden könne unabhängig von dem sie aussprechenden Menschen. Es ist aber nicht gleichgültig, wer etwas sagt, und ein solcher Satz z. B. wie der von der Befreiung der kleinen Nationen hat seine besondere Bedeutung, wenn ihn der ausspricht, der, indem er ihn ausspricht, das Gegenteil will.

Unser Zeitalter muß nicht nur auf den Inhalt achten, sondern auf das Wollen, das einen Inhalt formt. Dieser Wille ist das Erste. Die Gegner Rudolf Steiners wollen nicht, was er will. Das ist der Ausgangspunkt. Was dann vorgebracht wird, ist Verbrämung. Es ist mühsam zusammengesucht aus allen möglichen Quellen. Man will widerlegen. Achtet man darauf, so kann man am Zusammenprall des Willens, der in der Anthroposophie waltet, mit den verschiedenen Nuancen des Gegenwollens erkennen, was heute in der Welt da ist an solchem Gegenwollen. Der wirkliche Wille ist in der Gegenwart gelähmt. Was als Parteien, als Sekten, Konfessionen auftritt, lebt davon, daß es sich gegenseitig bekämpft. Sein eigenes Wollen ist längst versiegt und zum Dogma geworden. Es ist ausgelaufen in Tradition. So lebt es vom Kampf. Anthroposophie hat nicht nötig, vom Kampf zu leben. Indem sie den Menschen in den Mittelpunkt stellt, zieht sie aus jetzt fließenden Quellen ihr Leben, fern von aller Tradition. Der Inhalt der anthroposophischen Lehre ist untrennbar vom Menschen. Er ist ein erlebter Inhalt.

Bekenntnisreligionen

Diejenigen, welche die Vertreter von Bekenntnissen sind, deren Quellen schon vor Jahrhunderten versiegt sind, hassen die Anthroposophie, weil sie kein bloß Traditionelles ist wie die Bekenntnisse es sind. Die Vertreter dieser Bekenntnisse behaupten zwar auch, ein Erleben zu haben, aber dieses Erleben liefert ihnen nicht den Inhalt ihrer Lehre. Diesen holen sie aus den überlieferten Schriften, und nur das Gefühl, in das sie das Überlieferte betten, ist erlebt. Daraus entspringt ihre Kampfweise. Sie suchen die Welt irrezuführen in bezug auf den wahren Charakter der Anthroposophie. Sie stellen diese so dar (wider oder ohne besseres Wissen, als wäre Anthroposophie aufgewärmte alte indische Theosophie, das heißt auch nur ein Traditionelles. Das ist ihnen zur Technik geworden. Man schreibt Bücher über Theosophie, Okkultismus, Spiritismus, über alles Mögliche, womit Anthroposophie nichts zu tun hat, und erwähnt sie dann zwischen durch, um so den falschen Glauben zu erwecken, sie sei auch nichts Anderes.

Die Bekenntnisreligionen haben abgewirtschaftet. Eine neue Grundlage der Religion zu suchen, sind ihre Vertreter zu schwach. Sie sind zu gelähmt dazu in ihrem Wollen. So sehen sie in der Anthroposophie eine feindliche Macht, die bekämpft werden muß, weil sie offenbar macht den Unterschied eines lebenden und eines toten Christentums. Diese Einstellung hat sowohl der Katholizismus als auch der Protestantismus zur Anthroposophie. Der Unterschied zwischen beiden liegt nur darin, daß die z. B. jesuitischen Gegner vor allem betonen, daß Anthroposophie dem Kirchenglauben widerspricht, während die Protestanten, die ihrer Gläubigen nicht so sicher sind, mehr geltend machen, was auf das Gemüt wirken soll, und vom »schlichten Kinderglauben« sprechen. Die katholische Kirche bekämpft am meisten, was mit ihr übereinstimmt, wenn es nicht gerade aus ihrem eigenen Schoß kommt, und daher sind ihr solche Dinge am peinlichsten wie das, was Rudolf Steiner S. 23 f. seines Vortrags »Die Wahrheit über die Anthroposophie und deren Verteidigung gegen die Unwahrheit«, Dornach, 5. Juni 1920, ausführte. [Abgedruckt als Teil 1 der Schrift: »Die Hetze gegen das Goetheanum«. Der Kommende Tag A.-G. Verlag, Stuttgart.] Da zeigte Steiner, daß er die Inhalte seiner Lehre durch eine Forschungsmethode ergreife, die eine der Gegenwart ebenso gemäße Methode ist, das Übersinnliche zu erforschen, wie die des Jo hannes vom Kreuz oder des Thomas von Aquin – das heißt der allerrechtgläubigsten katholischen Theologen, für ihre Zeit war. Steiner zeigte in diesem Vortrag, daß die Einwände die von katholischer Seite gegen seine Methode gemacht werden, auch für Thomas von Aquin oder Johannes vom Kreuz gelten würden.

Die protestantischen Theologen ärgert am meisten der Anspruch der Anthroposophie, Wissenschaft zu sein. Der Protestantismus ist ja historisch dadurch geworden, daß man nicht mehr bloß auf Autorität hin die Glaubensdinge annehmen, sondern selbst denken wollte. Dieses selbst Denken hat aber dazu geführt, alles was den Christus betrifft, überhaupt in Frage zu stellen. Dafür ist z. B. symptomatisch, was Kurt Leese, Lic. theol. Pfarrer, auf S. 189 seines Buches »Moderne Theosophie — ein Beitrag zum Verständnis der geistigen Strömungen der Gegenwart« über das Wesen des Christentums sagt: ,,Das Wesen des Christentums ist die in ihrer Formulierung schwankende, letztlich in der Uneinheitlichkeit des neuen Testamentes selbst begründete Auslese, die unter dem mitwirkenden Einfluß des jeweiligen Kultursystems von denjenigen getroffen wird, die in ihrer Weltanschauung und Lebensführung den bewußten Willen haben, den Zusammenhang mit der Christusverkündigung des Neuen Testamentes aufrecht, bzw. nicht aufrecht zu erhalten« Und nun, nachdem man so eigentlich das Christentum innerhalb des Protestantismus eingebüßt hat, kommt die Anthroposophie und will eine Wissenschaft sein, die nicht das Neue Testament entwurzelt, wie die protestantische Theologie-Wissenschaft, sondern neu begründet. Man müßte umlernen oder den Brotberuf niederlegen. Beides ist zu unbequem, also bekämpft man die Anthroposophie. Man will die »Gläubigen« nur ja nicht merken lassen, daß inzwischen, daß man selber abgewirtschaftet hat, ein lebendiges Christentum da ist.

Völkische Gegner

Nicht nur Kurt Leeses Buch, sondern alle Bücher gegen die Anthroposophie könnten den Untertitel tragen: »Ein Beitrag zum Verständnis der geistigen Strömungen der Gegenwart«. Jede charakterisiert sich selbst, wenn sie sich mit der Anthroposophie auseinandersetzt. So z. B. Dr. J. W. Hauer in einem Artikel »Die Anthroposophie als Weg zum Geist« (in Heft 11 der Monatsschrift »Die Tat«, Februar 1921), S. 810 f. Er zitiert dort einen Satz, der sich auf S. 186 der 1. Aufl. von Steiners »Philosophie der Freiheit« findet. Steiner sagt dort, die Ethik des Monismus charakterisierend, der Monismus könne keinen fortdauernden übernatürlichen Einfluß auf das sittliche Leben zulassen. Hauer gibt dies wieder, indem er sagt: »Einen übernatürlichen Einfluß auf die Entwicklung des sittlichen Lebens gibt es nach der Anschauung des Monismus — und zu ihm bekennt sich Dr. Steiner in dem Buche – nicht.« Die Logik, die Hauer hier anwendet, ist die folgende: Wenn ich sage: ich lasse nicht zu, daß mir jemand auf den Fuß tritt, so bedeutet das, ich habe behauptet, es sei mir niemand auf den Fuß getreten. »Übernatürlichen Einfluß nicht zulassen«, setzt Hauer gleich: »Übernatürlichen Einfluß gibt es nicht«. Darauf beruht aber dann die ganze weitere Schlußfolgerung dieses »gewichtigsten Beweises«, wie Hauer ihn S. 880 a. a. O. nennt. Herrn Dr. Hauer charakterisiert noch eine Tatsache, die er selbst geschaffen hat. S.807 a.a.O. hatte er einen Satz Haeckels als Satz Steiners zitiert. In einem Gegenartikel im selben Heft habe ich dies konstatiert a.a.O. S.831. Hauer schrieb darauf im selben Heft S. 879 eine Entgegnung »Zur Richtigstellung«, in dieser passiert ihm sofort dasselbe noch einmal (!), und er zitiert einen Satz Steiners als meinen. Es ist der Satz: »Der Dualist trennt die Summe alles Seins in zwei Gebiete.« Vergl. a. a. O. 825, wo ich den Satz mitten in einem 15 Zeilen langen Zitat bringe.

Das ist ein svmptomatisches Beispiel für die Logik und Genauigkeit eines modernen Wissenschafters. Von dieser Seite her (ich meine nicht Dr. Hauer, sondern die ganze Gruppe, für die er symptomatisch ist) haßt man die Anthroposophie, weil sie offenbar macht, wie unser Wissenschaftsgeist beschaffen ist. Von seiten der »Literatur« aber hat man eine besondere Taktik. Graf Keyserlingk z. B. tadelt zwischen Lob eingestreut, um damit den Schein der Objektivität zu erzielen, übrigens ein ähnliches Verfahren, wie das des Verlags Diederichs, der mir für meinen Artikel im »Tat«-Heft soviel Seiten weniger anbot, als Herr Dr. Hauer die ihm vom Verlag ursprünglich zugebilligte Seitenzahl mit seinem Artikel überschritten hatte, außerdem aber dann noch jene Berichtigung einfügen konnte, die ich nicht zu sehen bekam, ehe das Heft gedruckt war. So war also die Aufmachung so gemacht, daß der Schein der Objektivität angestrebt wurde, indem es z. B. auf der Bauchbinde des Heftes heißt: »Für oder wider Rudolf Steiner«. Tatsächlich aber ist keine Rede von Unparteilichkeit. Zwar klagt Herr Diederichs S. 878 a.a.O.: »Ich muß gestehen, es ist mir trotz allen Bemühens nicht so recht gelungen, die Jünger Steiners zu einer stärkeren Mitarbeiterschaft heranzuziehen«, hat aber ganz kaltblütig einen Artikel von Herbert Hahn, der ihm gleichzeitig mit dem in das Heft aufgenommenen Artikel von Walter Kühne zuging, mit der Begründung, er sei zu lang und er habe keinen Platz mehr, zurückgeschickt. [Er hatte nur mehr Platz für ein so kurzes Elaborat, wie es Herrn Dr. Hauers Berichtigung war.]

Daher schreibt Herr Diederichs S. 878: »Als Herausgeber fühle ich die Pflicht, ganz unparteiisch zu sein.« Schade nur, daß er dies Gefühl nicht in die Lebenspraxis umsetzt. — Dies kann als symptomatisch für die »Literaturgegner« gelten. Sie sind der Anthroposophie feind, weil sie das Geredete oder Geschriebene oder Gedruckte in die Lebenswirklichkeit umsetzen will. Das paßt vielen nicht. So schreibt z. B. Lic. Wilhelm Bruhn, Privatdozent und Studienrat in Kiel im 775. Band der Sammlung »Aus Natur und Geisteswelt« unter dem Titel »Theosophie und Anthroposophie« auf S. 99, nachdem er geschildert hat, was der »Theosoph« alles tut, »schon das alles zieht die heilige Unberührtheit des Ewigen verhängnisvoll in die Niederungen des Irdisch-Sinnlichen herab und bringt dadurch den sittlichen Aufschwung des Menschen um seine beste Triebkraft ...«

Die Anthroposophie, und damit auch die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus hat aber auch noch andere Gegner. Für diese Gruppe ist es symptomatisch, was z. B. Professor W. Rein in Jena schreibt. Er hält die Idee der Dreigliederung für eine solche, die die Welt nicht umgestalten kann, weil sie zu jenen Ideen gehört, bei denen »der Begriff der Menschheit eine ausschlaggebende Rolle spielt. Davon wollen wir Deutschen heute nichts hören.« (Der »Tag«, Ausg. A. v. 12. Jan. 1921, Berlin, Nr. 9.)

Deutscher sein und Mensch sein schließen sich in der Anthroposophie nicht aus

Alle jene, welche durch irgendein Vorurteil meinen, wer Menschheitsziele verfolgt, müsse darum sein Volkstum vergessen haben, werfen Rudolf Steiner vor er sei nicht »deutsch«, und doch braucht man nur sein Buch »Vom Menschenrätsel« zu lesen, oder das Buch »Gedanken während der Zeit des Krieges für Deutsche und diejenigen, die nicht glauben, sie hassen zu müssen«, um ihn in diesem Punkt richtig zu beurteilen. Gegner dieser Art sehen nicht oder wollen nicht sehen, wie ihnen ihr eigenes Wesen Steiners umfassenderes Wesen verdeckt. Man kann Deutscher sein und Mensch sein, das eine schließt das andere ein, oder kann es wenigstens einschließen. Anthroposophie ist eine Menschheitsbewegung, geboren aus deutschem Geiste. —

Wer sind ihre Gegner? Diejenigen sind Rudolf Steiners Gegner, die befangen sind in ihrem eigenen Wesen, in alten Traditionen, oder aber auch angefressen von der Dekadenz einer überreif gewordenen Zivilisation, ihr reines Menschentum nicht mehr voll bewahren konnten. Unsere Zeit wird am Spiegel der Anthroposophie ihr eigenes Wesen kennen lernen müssen und wissen müssen, daß wer Anthroposophie angreift, sich selbst offenbart.


8. Der Fall Seiling und der Fall Ruth 1919

Quelle: »Dreigliederung des sozialen Organismus«. Die Zeitschrift erschien von Juli 1919 bis Januar 1922 in Stuttgart.

Dreigliederung, Nr. 14, 1. Jg., Oktober 1919


Der Fall Seiling

Ernst Uehli


[...]

Max Seiling wollte um jeden Preis seine Apostatengeschichte an den Mann bringen und so gab er ihr den Titel: »Die Anthroposophische Bewegung und ihr Prophet«.

Seiling war viele Jahre lang Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft. Als Schriftsteller nahm er sich vor, für die Lehre Steiners öffentlich einzutreten. In sein Wagnerbuch nahm er einige theosophische Lehren Steiners auf. Er verfaßte eine Schrift »Theosophie und Christentum«. Der Titel dieser Schrift gibt Auskunft, welche Wege Seiling ging. Die Theosophie in dieser Schrift stammte von Steiner, das Christentum von ihm selber. Später (1911) gab Steiner eine Schrift heraus »Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit«. Sie zeigte, als Resultat geisteswissenschaftlicher Forschung, die Christus-Wesenheit in einer Weltentwicklungs-Perspektive. Ohne Dogma, der Selbsterziehung des Denkens freigestellt wurde die geistige Führung des Menschen und der Menschheit in Zusammenhang mit dieser Welt-Wesenheit dargestellt. Seiling delektierte sich an dieser Schrift und verfaßte nun, was er seine Christusschrift nannte: »Wer war Christus?« Was wunders, mag er sich gesagt haben, wird die Welt staunen, wenn ein Hofrat (damals war er es noch) der Welt verkündigt »Wer war Christus?« Was er darin vorbrachte, stammte samt und sonders aus der Schrift Steiners. Seiling machte sich keines eigenen Gedankens schuldig. Von ihm sollte die Welt erfahren »Wer war Christus?« Damals stand er auf dem Höhepunkt seiner eitlen Verliebtheit in das, was ihm als Ideal vorschwebte. Er legte diese Schrift dem eigentlichen originalen Verfasser Rudolf Steiner vor. Seiling bekam die Antwort: »Sie stellen mich in Ihrer Schrift als einen Stümper hin.« Jeder, wer den Zusammenhang ein wenig kennt, wird diese Antwort als die einzig mögliche verstehen, Seiling verstand sie auch und der Apostat war fertig.

Auf Seite 6 seiner Apostatengeschichte sagt Seiling, Steiner habe sich in der Schrift »Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit« so kurz und ungeschickt gefaßt, daß man es dem Leser nicht verübeln könne, wenn er über die in dieser neuen Lehre gegebene Zumutung empört sei. Er habe also versucht, im Sinne Steiners die Fragen, die sich an diesen ungeheuerlich erscheinende Lehre anknüpfen lassen, in seiner Schrift zu beantworten. Worum handelt es sich also? Seiling begriff nichts von der Schrift Steiners und weil er nichts begriff, schrieb er eine Schrift zur öffentlichen Aufklärung über das, was er nicht begriffen hat. Diesem Dokument gibt er dann die Überschrift »Wer war Christus?« Zuvor will er sich aber noch der Bewunderung Steiners versichern. Er erreicht begreiflicherweise das Gewünschte nicht und wird haßerfüllter Apostat.

In einem Aufsatz in den »Psychischen Studien« hatte Seiling erklärt, die Lehre Steiners sei gut. (Hat er doch mit Hilfe dieser Lehre drei Schriften verfaßt). Den Menschen Steiner verabscheut er von einem gewissen Zeitpunkt an als Missetäter. Ein Missetäter kann also nach Seilings Meinung eine gute Lehre schaffen, die sich zum Bücherschreiben eignet. Seiling nahm die gute Lehre, die er selbst vertrat, von einem Missetäter an. Diese Logik, auf Seiling selber angewandt, bedeutet dann etwa: die Apostatengeschichte, genannt »Die anthroposophische Bewegung und ihr Prophet« ist von Anfang bis zum Ende voll Schuftigkeit, Unwahrheit und Perfidie, geschrieben aber hat sie ein guter Christ. In der Hinsicht, wie Seiling sein Christentum an den Mann bringen will, ist diese Apostatenschrift ein Unikum, ein Dokument einer in Hass verkehrten, enttäuschten eitlen Verliebtheit.

Hätte dieser lorbeerhungrige Hofrat eines Tages in der Anthroposophischen Gesellschaft erklärt, ich mag euch alle miteinander nicht, ihr anerkennt meine Christusschrift nicht, ihr anerkennt mich überhaupt nicht, wie es mein Bedürfnis ist, ich pfeife auf euch alle und auf eure Weltanschauung [...] : Alle Achtung! hätte man sagen müssen, alle Achtung vor diesem Hofrat, wenigstens ist er ehrlich. Statt dessen erhebt dieser Pygmäe an Geist, an Charakter, an Mannhaftigkeit [...] gegenüber Steiner die Anklage schwarzer Magie. Dazu dient ihm der Fall Ruth.

Um diesen Fall ins rechte Licht zu rücken, müßte man ihn aktenmäßig darstellen. Hier muß ein Querschnitt genügen. Diese Dame Ruth beschuldigte in einem Aufsatz in den »Psychischen Studien« »Die Anthroposophie – sexuelle Magie« Steiner der sexuellen Magie. Seiling gesteht selbst, daß für Fernstehende diese Anklage nicht sehr beweiskräftig sei. Die Schreiberin sei vor und nach der Niederschrift des Artikels in einer Nervenheilanstalt gewesen, während sie zur Zeit der Niederschrift an der Berliner Universität Chemie studiert habe und schon deshalb in einem verhältnismäßig normalen Zustand gewesen sein müsse. Nach dieser rindsledernen Logik wäre also derjenige, der in Berlin Chemie studiert sicher in einem verhältnismäßig normalen Zustand. Man lasse also alle Verrückten in Berlin Chemie studieren, damit sie verhältnismäßig normal werden.

Ruth war zuerst in einer Nervenheilanstalt. Der behandelnde Arzt diagnostizierte bei ihr Symptome von »dementia praecox«. Dann kam Ruth in eine Irrenanstalt, aus der sie nach längerem Aufenthalt vorläufig probeweise entlassen wurde. Nicht Nahestehende wie Seiling, sondern gerade Fernstehende, werden beurteilen können, was das heißt, wenn die genannte Ruth aus einem Händedruck oder der bloßen Anwesenheit Steiners im gleichen Raum Versuchungen und unsichtbare Eingriffe verspürt oder wenn Frau Steiner mit Ruth ein Stück Schokolade teilt, diese darin ein Mittel erblickt, ihr Blut zu gewissen Experimenten zu verdicken. Diese sehr wenig normalen Albernheiten wird jeder Fernstehende als ein für dieses Mal richtigen Fall für Sigmund Freud ansehen müssen ...

Die Schilderungen elementarer Leidenschaftsausbrüche, und was sonst zu einem solchen Krankheitsbild gehört, zu geben, muß einer aktenmäßigen Darstellung des Falles Ruth überlassen bleiben. Gegenüber der Betroffenen selber kann man nur aufrichtiges Mitleid empfinden, hieraus war auch, wie Seiling wohl wußte, das Verhalten Herrn und Frau Steiners Ruth gegenüber bestimmt. Wie Seiling den Fall verwendet, das kennzeichnet ihn und bestimmt »seinen Charakter in der Geschichte«, das gibt den Maßstab und das Niveau ab zu seinem Apostatenbericht.

Von Seilings Schrift ging auch wesentlich die Fama aus, Steiner sei Jude, obwohl er wissen mußte, daß es eine Unwahrheit ist. Was mag Seiling verbrochen haben, daß er, wenn er einen Menschen haßt, ihn zum Juden stempelt? Hätte Seiling seine Christusschrift mit eigenen Gedanken und aus seinem Geist heraus, statt mit fremden Gedanken verfaßt, dann wäre sie gewiss kürzer und klarer geworden, Sie hätte dann rundweg gelautet: »Wer war Christus? Christus war ein Jude«.

Nicht um die Leser mit einem Apostaten der Anthroposophischen Gesellschaft bekannt zu machen, fand der Fall Seiling eine Darstellung, sondern um den Leser die Quelle zu zeigen, aus der die Wahlverwandtschaft Seilings schöpft. Er und seine Helfershelfer praktizieren seiner Schrift mit Vorliebe durch Hintertüren dahin, wohin sie sie haben möchten. Seit Steiner mit den »Kernpunkten der sozialen Frage« und mit Vorträgen über die Losung dieser Frage die Öffentlichkeit beschäftigt, wird diese Schrift Seilings öfter aufgegriffen und zur Gegnerschaft benutzt. Den Gehalt dieser Schrift und den Mann, der sie geschrieben hat, den Lesern der Dreigliederung selber vorzuführen, scheint daher gerechtfertigt, und notwendig zu sein. Am meisten wurde bisher die Seilingsche Schrift durch den Leuchtturm von Lorch ausgeschlachtet. Hier ist die Wahlverwandtschaft besonders stark. Trägt doch der Leuchtturm die Devise einer lebensbejahenden, gottgläubigen und gottfrohen Weltanschauung an der schamlosen Stirn.

Seiling legt am Schlusse seiner Schrift mit großer Befriedigung das Bekenntnis ab, daß er in den Schoß der katholischen Kirche zurückgekehrt sei. Kein vernünftiger Mensch wird etwas dagegen einzuwenden haben. Interessiert es aber die Öffentlichkeit, Privatangelegenheiten eines ehemaligen Hofrates zu erfahren? Seiling aber hat es eilig, nachdem er sich am Falle Ruth delektiert hat, öffentlich seine Verliebtheit in ein neues Ideal bekanntzugeben, bei dem er auf seine Rechnung gekommen zu sein scheint. Denn die katholische Kirche macht es ihm leichter als die anthroposophische Weltanschauung, sie öffnet ihm bereitwillig das Tor und sagt: Tritt ein mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.


9. Völkische Gegner: Seiling und Rohm

Quelle: Karl Heyer, Wie man gegen Rudolf Steiner kämpft, Stuttgart 1932


Eine hervorragende Rolle spielt in der Gegnerschaft Max Seiling. Er war längere Zeit Mitglied der Theosophischen bzw. Anthroposophischen Gesellschaft, wurde dann Gegner und schrieb eine Schrift gegen Rudolf Steiner. Nun ist Seiling allerdings 1928 verstorben, und man würde deshalb lieber nicht sich noch weiter mit ihm befassen. Dennoch können wir nicht davon absehen, da ohne ihn ein überaus großer Teil der Gegnerschaft unverständlich bleiben müßte. Immer wieder bis in allerneueste Zeit haben spätere Gegner Rudolf Steiners — der ja gleichfalls verstorben ist — aus Seilings Schrift geschöpft, und so wirkt er als einer der wichtigsten Gegner fort. Die Öffentlichkeit hat daher ein Recht darauf, über Seiling das Nötige zu erfahren, damit er erkannt werden könne als der, der er war. (Vgl. auch schon Ernst Uehli , »Der Fall Seiling« in Dreigl. I 14 vom Oktober 1919; s. ferner auch Anthr. IV 22, S. 5.)


Seilings »Bekenntnisse«


(In diesem Abschnitt sind Vorarbeiten von Dr. Eugen Kolisko über Seiling benutzt

Im Jahre 1898 schildert Seiling in der Vorbemerkung zu seiner Schrift Meine Erfahrungen auf dem Gebiete des Spiritismus seinen bisherigen Entwicklungsgang:

Von Hause aus Maschinentechniker, Lehrer an technischen Hochschulen, nebenbei Beschäftigung mit Philosophie. Noch kurz bevor er dem Spiritismus nähertrat, habe er in einem Aufsatz in der Zeitschrift Die Gesellschaft 1893 zu verstehen gegeben, daß er »allen übersinnlichen Lehren und Vorstellungen nicht gerade wohlwollend gegenüberstehe«. (In diesem Aufsatz, erschienen in der Mainummer der genannten Zeitschrift, S. 555-570, fordert Seiling z. B. (S. 565) »die vollständige Ausscheidung des religiösen Unterrichtes aus der Schule«.) »Ich erwähne diese Dinge«, fährt er 1898 fort, »um den Leser wissen zu lassen, daß ich keineswegs disponiert war, hinter einem Klopflaut den Geist eines Verstorbenen zu wittern, und daß ich andererseits in Folge meiner jetzigen Überzeugung das immerhin nicht ganz leicht fallende Bekenntnis machen muß, daß meine frühere Auffassung der Natur teils Irrig, teils unzulänglich war.«

Im Jahre 1910 schrieb Seiling in seiner kleinen Schrift Theosophie und Christentum (4, 5, 6):

»Was ich in früheren Jahren über Frau Blavatsky und die von ihr vertretenen Lehren erfahren habe, hat mich nicht veranlassen können, der theosophischen Bewegung näher zu treten. Ich wurde erst stutzig, als die Leitung dieser Bewegung in Deutschland von Dr . Rudolf Steiner in die Hand genommen worden war.« Zwei Werke besonders legen, schreibt Seiling, »von der Geistesschärfe und dem ungewöhnlichen Wissen Steiners ein glänzendes Zeugnis ab«: die Philosophie der Freiheit, in der »eine besten Sinne moderne, der Individualität gerecht werdende Weltanschauung mit seltener Gründlichkeit entworfen« werde, und die Welt- und Lebensanschauungen im 19. Jahrhundert. »Ohne seine scharf ausgeprägte eigene Weltanschauung zu verleugnen, hat Steiner hier in die Gedanken anderer sich so einzuleben verstanden, daß man seinen gegnerischen Standpunkt oft gar nicht bemerkt. Besonders hat er dem materialistischen Bekenntnis soviel Gerechtigkeit widerfahren lassen, als man nur immer verlangen kann. Ein Forscher, der bei seinen Betrachtungen und Untersuchungen nicht die geringste Sympathie oder Antipathie verrät, der also einen streng objektiven Standpunkt einnimmt, schien mir in hohem Maße vertrauenswürdig ... Nachdem also ein Rudolf Steiner begonnen hatte, die Theosophie zu verkünden, fühlte ich mich verpflichtet, genauer hinzuhorchen.«

Seiling war Theosoph geworden. Er verteidigte Rudolf Steiner und schrieb z. B. in den Psychischen Studien 1913, S. 423 von einer bestimmten Lehre Steiners es erfülle ihn »diese grandiose Lehre mit der höchsten Bewunderung für die durch sie zum Ausdruck kommende Weisheit der Weltenordnung.« 1915 in seiner Schrift Wer war Christus? (S. 4) bezeichnet er Rudolf Steiners Lehre als eine »über aller wissenschaftlichen Kritik erhabene Antwort« auf die Frage nach Christus.

Im Jahre 1918 schrieb Seiling, Gegner geworden, in seiner Schrift Die anthroposophische Bewegung und ihr Prophet (S. 7): »Hier habe ich zu bekennen, daß ich, angezogen von der theosophischen Lehre, 8 Jahre lang Mitglied der Theosophischen bzw. Anthroposophischen Gesellschaft war und, unter der suggestiven Macht Steiners stehend meine Christus-Schrift« (die soeben erwähnte Schrift Wer war Christus?) »verfaßt habe, daß aber mein allmählich wieder erwachendes kritisches Verhalten mich schließlich zur gänzlichen Lossagung vom neuen Propheten und seiner Gemeinde geführt hat.«

Und in der gleichen Schrift erklärt Seiling im Nachwort (S. 48 f): »Welche Fülle von Segen dem in die katholische Kirche Übertretenden zuteil wird, kann man namentlich aus den Bekenntnissen der zahlreichen Konvertiten ersehen ... Wenn außerhalb der Kirche das richtige Verständnis für deren Wesen und Einrichtungen bestände, könnte es überhaupt andersgläubige Christen gar nicht geben.« So kam endlich auch Seiling durch verschiedene katholische Bücher »immer mehr zu der Überzeugung, daß das wahre Heil einzig in der katholischen Kirche zu finden ist«. »So gewährt es mir denn eine große Befriedigung, diese unerquickliche Schrift mit einem positiven Hinweis abschließen und bei dieser Gelegenheit meine Rückkehr zum Katholizismus öffentlich bekennen zu können.«

Vier Bekenntnisse hat also Seiling im Laufe seines Lebens abgelegt: 1898 bekennt er seinen früheren Materialismus als irrig und ist Spiritist geworden. 1910 erklärt er, daß er aus Vertrauen zu Rudolf Steiner zur theosophischen Bewegung gefunden hat. 1918 ›bekennt‹ er, 8 Jahre unter suggestivem Einfluß gestanden zu haben, und erklärt endlich — viertens — seine Rückkehr zum Katholizismus!

1910 nennt er Rudolf Steiner »in hohem Grade vertrauenswürdig«. 1918 schreibt er eine Schrift, um zu beweisen, daß Steiner kein Vertrauen verdiene. Und er entschuldigt sich für diesen Umschwung damit, daß er 8 Jahre lang unter der suggestiven Macht Dr. Steiners gestanden habe. Und unter diesem Einfluß will er gar ganze Bücher bzw. Schriften verfaßt haben! Welches Vertrauen verdient wohl ein Mann, der solches von sich selbst erklärt? Seiling gesteht damit doch nur ein, daß er ein vollständig kritikloser Anhänger Steiners gewesen ist, und zwar durch 8 Jahre hindurch!

Und dieser selbe Mann, dieser — nacheinander — Materialist, Spiritist, Theosoph, Katholik bringt es fertig, in der 2. Auflage seiner Schmähschrift (5. 51) mit Bezug auf Rudolf Steiner die Verse von Grillparzer zu zitieren:

Wen immerdar man anders schaut,
Der macht mir bange;
Nur ein Tier wechselt seine Haut:
Das ist die Schlange.

Noch ein weiteres kleines Beispiel für Seilings Häutungskünste: 1915 setzt er sich, wie auch sonst oft in seinen Schriften für die Lehre von der Wiederverkörperung ein (Wer war Christus? S. 22). Auch 1917 in den Psychischen Studien (S. 82) scheint er ihr noch anzuhängen. 1918 schreibt er dagegen in seiner Schmähschrift (47/8): »Während ferner der Katholik dieses eine Erdenleben so gestalten kann, daß er nach dem Tode in die ewige Seligkeit eingeht, kann der mit seinem Karma beladene Anthroposoph diesen Zustand erst nach vielen qualvollen Wiederverkörperungen erreichen.« Das hindert Seiling aber nicht, im selben Jahr 1918 in der 3., verbesserten Auflage seiner Schrift Die Kardinalfrage der Menschheit, in der er S. 45 seine Schmähschrift von 1918 zitiert, also nach deren Erscheinen, auf S. 43 zu schreiben: »Noch zwingender als Baumann zeigt Rudolf Steiner in seinem Schriftchen Reinkarnation und Karma (Berlin 1909), daß diese Vorstellungen vom Standpunkte der modernen Naturwissenschaft notwendig sind«!


Seiling als »Anhänger« Rudolf Steiners


(Dieser Abschnitt beruht auf Darstellungen von Zeugen, insbesondere von seinem Neffen, Herrn Max Gümbel-Seiling und von Herrn Maler A. Rieper München. Aus dem vorliegenden, sehr viel größeren Material können hier wegen Raummangels leider nur einige charakteristische Tatsachen entnommen werden.)

Um 1907 war Seiling noch ausgesprochener Gegner Dr. Steiners. Er sprach von diesem immer nur mit dem verächtlichen Ausdruck »dieser Mensch«, und in gehässigster Weise. Dennoch hörte er Rudolf Steiners Vorträge in München und machte sich vor und nach diesen an ihn mit Fragen und längeren Gesprächen heran. Zu einer Dame sagte er damals: »Ich würde ja nicht hereingehen« (in Dr. Steiners Vorträge), »wenn ich ihn nicht brauchte«.

Etwa 1908 wurde er Mitglied der damaligen Theosophischen Gesellschaft. Er stürzte sich mit fieberhafter Begeisterung in die Theosophie, verwandelte sich nun in einen glühenden Verehrer der Person Rudolf Steiners und fing an, ihn in der widerwärtigsten Weise zu verhimmeln und sich ihm aufzudrängen. »Ich habe ihm die Hand geküßt«, berichtete er seinem Neffen nach einem Besuche bei Dr. Steiner. Seiling selbst wurde Gegenstand schwärmerischer Verehrung von seiten einiger Damen und empfand es mit Genugtuung, wenn diese nach seinen Vorträgen, die er besonders über Richard Wagner hielt (den er sehr vergötterte), ihm, Seiling, die Hände küßten; einmal kniete sogar im Überschwang der Begeisterung eine Dame vor ihm nieder! (Dieser selbe Seiling war es, der später in seiner Schmähschrift (2. Aufl. S. 25) Steiner vorwarf, er »lasse« sich die Hände küssen!

»Ist es nicht, als ob die Wahrheit selber spreche«, sagte er von Rudolf Steiner nach einem Vortrag von diesem zu seinem Neffen. Und drängend zu Dr. Steiner: »Ich hoffe, daß mein Neffe ein guter Theosoph wird«. Steiner erwidert ihm ruhig: »Lassen Sie ihm Zeit«. Aber das konnte er nicht verstehen! Zum Neffen: »Was soll das heißen! man soll dir Zeit lassen?! Es ist doch keine Zeit zu verlieren!«

Ja, es kam sogar vor, daß wenn Dr. Steiner irgendwo Kaffee oder Tee getrunken und kaum den Rücken gewandt hatte, Seiling sich gierig auf die Tasse Dr. Steiners stürzte und den Satz heruntertrank!

Ungestüm drängte er zu den intimeren Veranstaltungen in der Theosophischen Gesellschaft, und als ihm — irrigerweise — berichtet worden war, sein Neffe sei vor ihm zu diesem engeren Kreis zugelassen worden, rief er empört: »Was, vor mir!?«

Maßlose Eitelkeit und persönliches Geltungsbedürfnis waren neben einem gewissen kriecherischen Wesen (wenn er nämlich auf seine Art »verehrte«) überhaupt besonders hervorstechende Züge in Seilings Charakter. Er hielt sich für einen guten Sänger und für einen hochbegabten Schauspieler. »Ich fühle mich auch heute noch imstande, den Romeo zu spielen«, pflegte er noch als Sechziger zu sagen. Freilich wurde seine Eitelkeit — das muß man ihm zugute halten — systematisch gezüchtet durch Cliquen in München, die ihn in ungesunder Weise verehrten.

Eine führende Persönlichkeit der Anthroposophischen Gesellschaft verdarb es gründlich mit ihm, da sie ihn einmal einfach »Herr Seiling« anredete, statt »Herr Hofrat«. Auf diesen seinen Titel tat er sich viel zugute. Und einen nicht geringen Teil seines Erfolges bei Urteilslosen dürfte er gerade diesem Titel verdanken, der z. B. dem Gegner Dr. Hans Leisegang imponiert hat (vgl. Werb. II 30, 158).

Aber — nebenbei! — wie steht es mit diesem Titel? Seiling war etwa 17 Jahre Lehrer ans Polytechnischen Institut (der späteren Technischen Hochschule) in Helsingfors, in dem damals bekanntlich mit Rußland verbundenen Finnland. Er verließ das Institut 1897 als sogenannter »älterer Lehrer«. 1896 war ihm der Hofratstitel verliehen worden. Als »K. r. Hofrath« (Kaiserlich russischer Hofrat) bezeichnet er sich selbst auf dem Titelblatt seiner Schrift Meine Erfahrungen auf dem Gebiete des Spiritismus (1898). Soweit ist an sich formell alles in Ordnung. Nur kann man leider (für Seiling!) wissen, daß dieser Titel in Rußland eine sehr geringe Bedeutung hatte; er war so alltäglich — auch Subalternbeamte erhielten ihn —, daß, wie mir ein Kenner der Verhältnisse schreibt, in Rußland kaum jemand von diesem Titel Gebrauch machte; man hätte ihn ausgelacht. Erst bei Reisen ins Ausland, z. B. in Deutschland, wo der Hofratstitel höher im Kurs stand, begannen seine Träger sich an ihn zu erinnern! (Eine Bestätigung für die Bedeutungslosigkeit des Titels in Rußland findet man übrigens in Gogols Revisor, einer Komödie die in einem kleinen russischen Kreisstädtchen in ländlicher Atmosphäre spielt und in der gleich zwei »Hofräte« auftreten, zwei Lokalbeamte: der Postmeister und der Armenhausverwalter.)

Der Hofrat war von leidenschaftlicher Intoleranz. Jedem anders Denkenden fiel er heftig ins Wort. Wer widersprach, mußte sich auf die gröbsten Schimpfworte und auf den wütendsten Haß gefaßt machen, der in ihm zuweilen bis zur eigenen physischen Erlahmung tobte. »Ich habe es oft erlebt«, schreibt der Neffe, »wie seine Sympathien sich plötzlich, durch eine Bemerkung veranlaßt, ins Gegenteil umkehren können, wie die gestrigen Freunde heute mit wahrer Wollust verdächtigt und beschimpft werden. Als ich dem Maler F. H. mein Erstaunen ausdrückte, daß er so lange mit ihm auskomme, antwortete er mir: ›Ich behandle ihn stets wie ein rohes Ei.‹«


Wie Seiling Gegner wurde


Kein Wunder, daß gekränkte Eitelkeit einen solchen Menschen so schnell wieder aus der Nähe Rudolf Steiners entfernen und ihn zum haßerfüllten Gegner werden lassen konnte. Die große Kränkung seiner Eitelkeit erfolgte so: Seiling hatte eine Schrift geschrieben: Wer war Christus? Sie stellte z. Tl. ein schlechtes Plagiat namentlich aus internen Vorträgen Rudolf Steiners dar — durch das er es aber besser zu machen vermeinte als dieser —, z. Tl. eine spiritistische Verballhornung der Evangelien. Seiling brachte es z. B. fertig, die Erscheinungen Christi nach dem Tode als Materialisationen, die Himmelfahrt aber als Levitationserscheinung auszudeuten! Grotesker konnte er die geisteswissenschaftliche Forschung nicht verkennen als mit solchen Plattheiten. Ton und Niveau der Schrift waren dementsprechend. Seiling aber richtete nun das Ansinnen an den Philosophisch-Anthroposophischen Verlag, diese Schrift herauszubringen! Sie wurde, wie es nicht anders möglich war, abgelehnt, und damit war Seiling, der es nicht über sich brachte, soviel Selbsterkenntnis zu üben, um den Grund der absolut selbstverständlichen Ablehnung in sich zu suchen, der Gegner, als der er alsbald zu wirken begann.

(Nicht ohne unfreiwilligen Humor ist die Tatsache, daß Seiling just diese unmögliche Schrift — sie erschien dann 1915 in München in einem anderen Verlag — »unter der suggestiven Macht Steiners« geschrieben haben will (s. o.), während in Wirklichkeit er das erbärmliche Machwerk Dr. Steiner aufzudrängen suchte!)

Seilings vorheriges Anhängertum Rudolf Steiner gegenüber schlug nun in Haß und Feindschaft um.

»Von da an warf er sich mit glühendem Eifer der katholischen Kirche in die Arme«, schrieb später der Neffe. Man sah den ehemaligen Materialisten, Spiritisten, Theosophen nun gelegentlich sogar liegend vor dem Altar der Ludwigskirche in München. »Er kennt eigentlich nur Extreme: Verehrung, Verachtung oder besser gesagt: Schwärmerei, Schmähung.«

»Was ein bisschen was ist, ist katholisch«, sagte nun der Hofrat.

Anfang 1917 erschienen dann seine Aufsätze gegen Rudolf Steiner in den Psychischen Studien, 1918 seine Schmähschrift.

»Den typischen Renegaten« nennt ihn treffend der Steiner-Gegner Chr. Gahr (a. a. 0. Anm. 82), und er warnt (42) mit Recht davor, Seiling (und Bamler) anders als mit peinlichster Sorgfalt heranzuziehen.

Seilings Werdegang und seine Taten sprechen für sich. Wer aber wie der Schreiber dieser Zeilen ihn außerdem auch noch persönlich gekannt hat, ihn und so manche »Kronzeugen« der Gegnerschaft — auch gerade solche, auf die Seiling selbst sich so nachdrücklich beruft —, der weiß es noch unmittelbarer, noch erlebnismäßiger, aus wie trüben Quellen kleinen, engen, gescheiterten Menschentums die schmutzige Flut hervorgequollen ist, die sich gegen den Großen wälzte, der diese Menschen duldete, ertrug, der ihnen gütig zu helfen suchte, den aber sie nie wirklich hatten verstehen können, der ihnen dann unbequem wurde, den sie endlich zu hassen begannen, weil ihre Eitelkeit bei ihm nicht das fand, woran sie sich nähren konnte. Manche von ihnen hatten wohl einmal aus dem höheren Teil ihres Wesens ihn gesucht, aber es siegte das Niedere in ihnen, und sie sanken um so tiefer.


Seiling als Gegner


Wir sind ihm schon wiederholt begegnet in den früheren Abschnitten dieser Arbeit und fanden ihn am Werk: Wie er z. B. die »Verdächtigung« Dr. Steiners als Juden lancierte (S. 23), wie er verleumderische Zitierkünste übte (S. 19, 20), wie er die geisteskranke Ruth zur Veröffentlichung ihrer »Erlebnisse« brachte (S. 39). Wir haben uns auch sonst schon mit Vielem von dem zu befassen gehabt, was auch er vorbringt, und können uns daher hier mit einer kurzen Charakteristik seines Gegnerwirkens begnügen.

Seilings Gegnerwirken! Es ist so recht ein Spiegel seines Charakters. Seine Schmähschrift gegen Steiner, nicht etwa eine sachliche Auseinandersetzung mit der Anthroposophie, stellt sich vielmehr dar als eine große Sammlung von Irrtümern, Torheiten, Mißverständnissen, Verzerrungen, Insinuationen, Perfidien, Verdächtigungen, objektiven oder subjektiven Unwahrheiten und Verleumdungen, vor allem gegen die Person und den Charakter des ehemals Verhimmelten, nunmehr Gehaßten. Wie ein verbogener Spiegel liefert die von Haß verzerrte Seele Seilings Zerrbilder von allem, was sich in ihr spiegelt.

Da finden wir auf echt Seilingsch die angeblichen Widersprüche in Rudolf Steiners Entwicklung dargestellt (worauf schon 1917 Wöbcken und Wohlbold in den Psychischen Studien 190 f, 261 f erwiderten), da schlachtet er den »Fall« Bamler aus, da muß Ruth von ... u herhalten. Da beschwört er andere traurige Persönlichkeiten, auf deren Produkte er hereinfallen konnte (oder wollte). Da kehren immer wieder die typischen Wendungen des verdächtigen sollenden Klatschbasenstils, das Mitteilen von Gerüchten per »soll‘«, Wendungen wie: »Natürlich liegt die Vermutung nahe, daß ...« (41), «böse Zungen behaupten zudem, daß ...« (41), oder: »Derartige Aussprüche sind ja allerdings bloße Behauptungen. Es ist jedoch bezeichnend, daß sie überhaupt aufgestellt werden konnten ...« (43), »der zwar schwer beweisbare, aber immerhin bezeichnende Vorwurf ...« (47), »Diese Idee soll Steiner übrigens gestohlen haben. So behauptet ...« (52).

Einmal leistet Seiling sich folgendes: In den Psychischen Studien 1917, S. 124, hatte der Anthroposoph Deinhard die Hoffnung ausgesprochen, Dr. Steiner selbst werde auf einen vorangegangenen Aufsatz von Seiling eingehen oder dies durch einen seiner allernächsten Freunde tun lassen. Es schrieb dann u. a. Gustav Wöbcken gegen Seiling (S. 190 f). Daraufhin bezeichnete Seiling (S. 322) Wöbcken in Anführungszeichen als einen der »allernächsten Freunde« Steiners, mit der alleinigen Begründung, daß Deinhard die erwähnte Hoffnung, ein solcher werde Seiling antworten, ausgesprochen hatte. — Diese an sich gewiß wenig bedeutungsvolle Stelle zeigt, wie Seilings Denkvermögen durch den Haß zuweilen fast bis zum Schwachsinn herabgemindert erscheint. Ähnlich, wenn er z. B. (S. 51 seiner Schrift) aus der Überschrift von Steiners 1919 veröffentlichtem Aufruf an das deutsche Volk und an die Kulturwelt den Schluß zieht, Steiner rechne das deutsche Volk nicht zur Kulturwelt!

Oder folgendes: Rudolf Steiner hatte einmal in einem Vortrag vom 26. April 1919 vor Arbeitern ausgeführt (S. 13), wie sozial notwendig es sei, daß die Menschen wieder innerlich viel aktiver werden. Bisher sei es so gewesen, daß zuerst der Staat sie übernahm, für sie sorgte, ihnen Pension zahlte bis zum Tode; nach dem Tode wurden sie ins Grab »pensioniert« von der Kirche. Diese sorgte — dies war der klare Sinn — für das Leben nach dem Tode im Jenseits. Seiling aber macht daraus (a.a.O. 55): »Um den materialistisch gesinnten Arbeitern nach dem Munde zu reden, tatzt Steiner sogar nach dem kirchlichen Begräbnis«.

Man könnte zeigen, wie Seiling in seinem Haß mit der Zeit immer blinder geworden ist, so daß er seine Behauptungen gegenüber den ursprünglichen Formulierungen noch immer weiter verschärfte usw., oder wie er z. B. eine Stelle aus einer Schrift, die er 1914 selbst als einen Irrtum erklärte, 1917 gegen Anthroposophie ausspielt und dergl. ... wenn einen der Widerwille nicht abhielte, sich über das unbedingt notwendige Maß hinaus mit dem trüben, widrigen Gegenstand noch weiter zu befassen.


Rohm


Ein ehemaliges Mitglied der Theosophischen Gesellschaft war auch ein anderer Gegner: Karl Rohm [Steiner über Rohm ], bei dem Seiling seine Schmähschrift in 2. Auflage herausgebracht hat. Rohm erschien eines Tages, als er noch Mitglied war, zu einer nur für Mitglieder bestimmten Feier, brachte dazu aber seine Frau mit, die nicht Mitglied war. Er wurde in schonendster Weise darauf aufmerksam gemacht, daß die Feier einen intimen Charakter habe, und daß daher, schon um keinen Präzedenzfall zu schaffen, nur Mitglieder anwesend sein könnten. Rohm bestand jedoch darauf, daß seine Frau dabliebe. Nun wurde ihm erklärt, daß die Veranstaltung nicht beginnen könne, solange noch Nichtrnitglieder im Saale wären. Hierauf verließ er mit seiner Frau schimpfend und unter Drohungen den Saal, meldete in einem groben Brief seinen Austritt an und ist seither der Gegner, als der er sich besonders in seinem Hetzblatt Der Leuchtturm lebhaft betätigte. Dort schrieb er auch 2 Jahre vor dem Brand des Goetheanums (in der Oktobernummer 1920) die nachmals »berühmt« gewordenen Sätze über das Goetheanum, welche die Astrologin Elsbeth Ebertin in ihrem Buch Ein Blick in die Zukunft? (Freiburg 1921, S. 63) als »Drohungen« «eines haßerfüllten Gegners« Rudolf Steiners abdruckte (und ihnen dadurch um so größere Verbreitung gab):

»Geistige Feuerfunken, die Blitzen gleich nach der hölzernen Mausfalle« (so nannten das aus Holz erbaute erste Goetheanum seine Feinde) »zischen, sind also genügend vorhanden, und es wird schon einiger Klugheit Steiners bedürfen, ›versöhnend‹ zu wirken, damit nicht eines Tages ein richtiger Feuerfunke der Dornacher Herrlichkeit ein unrühmliches Ende bereitet.«

Dies mag genügen. Im übrigen sind Niveau, Gehalt und Methoden der Rohmschen Zeitschrift und ihres Herausgebers vor Jahren nicht nur in der Zeitschrift Dreigliederung des sozialen Organismus (S. z.B. I, 16, 52), sondern auch von anderen unbefangenen Beurteilern derart treffend und erledigend charakterisiert worden, daß es sich erübrigt, auf dieses Thema heute zurückzukommen. Es sollte daher hier im Wesentlichen nur auf die Tatsache hingewiesen werden, daß es sich bei der völlig unqualifizierbaren Gegnerschaft auch dieser Persönlichkeit um etwas handelt, das in rein persönlichen Motiven erbärmlichster Art seinen eigentlichen Ursprung hat.


10. Rudolf Steiner über Guido von List

Quelle: Von Seelenrätseln, 1. Aufl. Berlin 1917, GA 21, Dornach 1976.


In seiner Auseinandersetzung mit der Kritik von Max Dessoir schreibt Steiner:

S. 74

»Im Grunde ist Dessoirs Kritik nicht anderes als viele ›Entgegnungen‹, denen die von mir vertretene Anthroposophie ausgesetzt ist. Mit ihnen sind Auseinandersetzungen unfruchtbar, weil sie nicht dasjenige kritisieren, was sie zu beurteilen vorgeben, sondern ein von ihnen willkürlich geformtes Zerrbild, gegenüber dem dann ihnen die Kritik recht leicht wird. Mir erscheint es ganz unmöglich, daß jemand, der einsieht, worauf es mir bei dem ankommt, was mir Anthroposophie ist, dieses zusammenstellt – wie es Dessoir tut – mit einer literarischen unwillkürlichen Burleske wie den Faustbüchern von J. A. Louvier, mit der absonderlichen Rassenmystik Guido Lists, mit der Christian Science – ja selbst mit alledem, was Dessoir als ›Neu-Buddhismus‹ bezeichnet.«


Menschliche und menschheitliche Entwicklungswahrheiten. Das Karma des Materialismus, Vortrag vom 26. Juni 1917 in Berlin, GA 176, Dornach 1964, S. 94.


In seiner Auseinandersetzung mit der Kritik von Max Dessoir sagt Steiner:

S. 94

»Dann bringt er [Dessoir] die Rassenmystik von Guido von List. Ich habe zu Guido von List keine andere Beziehung, als daß ich einstmals von ihm, der ich gekannt habe, als er noch ein verständiger Mensch war und seinen Roman ›Carnuntum‹ geschrieben hatte, in dem Anfang der achtziger Jahre, eine Abhandlung bekommen habe, in der Zeit, als ich noch die ›Luzifer-Gnosis‹ herausgab; da habe ich sie zurückgeschickt als dilettantisch und unbrauchbar. Das ist die einzige Beziehung, die ich zu Guido von List habe.


11. Rudolf Steiner über Jörg Lanz von Liebenfels

Quelle: Lucifer-Gnosis, No. 32, Jan-Februar 1906. GA 34, Dornach 1987, S. 500-504


Einige Bemerkungen zu dem Aufsatz: »Die Geheimlehre und die Tiermenschen in der modernen Wissenschaft«.

(In Heft 29, 30 und 31 dieser Zeitschrift)


Es ist begreiflich, daß die Ausführungen dieses Aufsatzes die Bedenken vieler Leser der Zeitschrift »Lucifer-Gnosis« hervorrufen. Ja, der Herausgeber hat sogar vielfach die Meinung hören müssen, daß solche Darlegungen gar nicht in diese Zeitschrift gehören. Nur eine Phantasie – so sagte man wohl – könne dergleichen Ansichten ausklügeln, die sich mit der Reinheit der Gesinnung nicht verträgt, welche zu der Erhebung zum geistigen Leben nötig ist. Ich kann alle diese Meinungen ganz gut begreifen, und dennoch schien es mir nicht nur zulässig, sondern sogar notwendig, die Ausführungen der verehrten Verfasserin über die Schriften von Lanz-Liebenfels den Lesern vorzuführen. Der Verfasserin habe ich auch nicht verschwiegen, dass ich meine Meinung über die Sache unverhohlen nach Abdruck aussprechen werde. Heute soll es nur – weil der Raum mehr nicht gestattet – kurz geschehen; aber ich werde schon im nächsten Hefte, vom geheimwissenschaftlichen Gesichtspunkte, diejenigen Fragen behandeln, zu denen der Aufsatz drängt.

Notwendig erschien mir der Abdruck, weil in den Darlegungen Lanz-Liebenfels‘ so recht ein Beispiel gegeben ist, wozu es führt, wenn jemand mit einer materialistischen Gesinnung an Dinge dieser Art herantritt. Lanz-Liebenfels ist nämlich keineswegs der einzige, der in solchen Bahnen wandelt; was er sagt, ist nur ein radikales Beispiel für eine Richtung, zu der die gegenwärtige Gesinnung nur allzuleicht hinneigt.

Überall begegnet man dem Bestreben, die menschlichen Verhältnisse möglichst nahe den tierischen Trieben zu bringen. Man gefällt sich darinnen, dieses Tierische in aller Menschenbetrachtung in den Vordergrund zu rücken. Wer in diese Dinge tiefer hineinblickt, der wird unschwer erkennen, daß in einem Zeitalter, in dem die Naturwissenschaft so materialistisch gestaltet ist, wie in dem gegenwärtigen, die Gefahr nahe liegt, auf der beschrittenen Bahn so weit zu gehen, daß man gewisse Tatsachen der Menschengeschichte in ein Licht rückt, das von einem Zusammenflusse der Menschheit mit der Tierheit herrührt.

Von einer Auseinandersetzung mit den Forschungen Lanz-Liebenfels‘ muß hier abgesehen werden. Das einzige, worauf es ankommen kann, ist, sie vom Gesichtspunkt der Geistesforschung zu charakterisieren.

Mit vollem Recht sagt Lanz-Liebenfels in der in dem genannten Aufsatze zugrunde gelegten Schrift: »Die wissenschaftlichen Schriften der Alten sind in einer Geheimsprache geschrieben und enthalten durchaus keine Ungereimtheiten und Fabeleien.« Das ist buchstäblich wahr; aber eben deswegen muß man, um richtig über diese Schriften urteilen zu können, den Schlüssel zu dieser Geheimsprache besitzen. Und diesen Schlüssel kann man durch nichts anderes erlangen als durch eine wirkliche Kenntnis der Geheimwissenschaft.

Und niemand, der diesen Schlüssel besitzt, ist noch imstande, zu glauben, daß die Alten wirklich von einem physischen Tiermenschen sprachen, wenn sie gewissen Menschen Tiernamen beilegten. Sie besaßen eben noch eine wirkliche Anschauung von den höheren Leibern des Menschen. Ihnen war der Astralleib des Menschen in der Erfahrung gegeben. Sie wußten, daß der physische Leib in einer astralen Wolke ruht, die ein Ausdruck der Triebe, Instinkte, Leidenschaften usw. des Menschen ist. Und sie sahen, wie dieser bewegliche Astralleib sich fortwährend verändert, sich anpaßt ebensowohl an ein höheres wie an ein niederes Seelenleben. Ebenso wie der Mensch hat auch das Tier einen Astralleib.

Nun läßt sich sagen, daß sich der menschliche Astralleib um so höher in Gestalt, Farbe, Bewegung usw. über den tierischen erhebt, je mehr der Mensch seine Triebe und Leidenschaften veredelt. Je weniger dies aber geschieht, desto ähnlicher erscheint der menschliche Astralleib irgend einem tierischen. Den Alten kam es nun einfach darauf an, in ihren Bezeichnungen und Abbildungen nicht den physischen Menschenleib, sondern den Astralleib zugrunde zu legen. Sie wollten in gewissen Fällen gar nicht den physischen Leib abbilden, sondern ein Sinnbild für den astralen schaffen.

Wenn sie von Völkern redeten, die ganz von niederen Trieben beherrscht waren, so deuteten sie das dadurch an, daß sie den Menschen die tierische Bezeichnung gaben, welche nach der Beschaffenheit des Astralleibes sich ergab. Nannten sie einen Menschen eine »Meerkatze«, so wollten sie nichts anderes sagen, als daß ihnen sein Astralleib so erschien, daß er sie an den einer Meerkatze erinnerte. So konnte es auch kommen, daß auf »nüchternen geschichtlichen Tributlisten« angeführt wird: ein König habe aus dem Lande Musri »pirati«, »baziati« und »udumi«, also verschiedene Arten von Tiermenschen erhalten. Warum sollen diese nicht neben Elefanten, Pferden, Kamelen usw. angeführt werden, was auf S. 559 (des Heftes 30 von Lucifer-Gnosis) ganz unmöglich erklärt wird? Dem physischen Leibe nach haben diese Menschen nicht Tieren ähnlich gesehen; allein auf ihren Astralleib wurde solche Bezeichnung bezogen. –

Man wird die Mitteilungen der Alten wohl verstehen mit diesem geheimwissenschaftlichen Schlüssel. Man mache sich klar z.B., was in der Abhandlung (dieser Zeitschrift) »Die Stufen der höheren Erkenntnis« gerade in diesem Hefte gesagt ist.

Wer zur Anschauung der astralen Welt gelangt, der sieht zunächst als Astraltraum seine eigenen Begierden, Triebe und Leidenschaften; und sie erscheinen ihm wie Tiere oder Dämonen, die außer ihm sind.

Wie klar wird dadurch eine Stelle, die z.B. Liebenfels aus dem Talmud anführt: »Alle Tiere sind im Traum gutbedeutend, ausgenommen der Affe und die Meerkatze.« Daß solches gerade von diesen Tieren gesagt wird, hängt natürlich mit bestimmten Ansichten einer gewissen Zeit zusammen. –

Nach dem Gesagten kann man sich klar machen, wozu es führen muß, wenn man auf die physische Welt bezieht, was in einer Darstellung der Alten sich auf die astrale Welt bezieht. Was wird unter einer solchen Voraussetzung aus der Behauptung, die z.B. nicht anders zu verstehen ist, als ein Mensch, der einem Volke mit schon veredelten Trieben angehört, habe sich geschlechtlich eingelassen mit einem Genossen eines noch niedrigen Volkes. Aus diesem letzteren Menschen wird ein physisches Tier gemacht. Hat man die Sache soweit geklärt, so braucht man sich auf das übrige wirklich nicht mehr einzulassen. Denn alle andern grotesken Auslegungen beruhen auf ähnlicher Unkenntnis des wahren Schlüssels zu der alten »Geheimsprache«.

Es wird immer gefährlich sein, wenn die Darstellungen der höheren Welten Menschen in die Hände kommen, welche nur die physische Welt kennen wollen und die daher alle geistigen Wahrheiten in grob-sinnlicher Art deuten. Diese Gefahr liegt nun einmal bei den »Kindern unseres Zeitalters« vor. Und die Leser des hier in Rede stehenden Aufsatzes, die bedenklich geworden sind, können noch recht erbauliche Dinge zu hören und zu lesen bekommen. Denn wir sind noch lange nicht auf dem Höhepunkte des Materialismus angelangt. Als ein charakteristisches Beispiel, wozu dieser Materialismus führt, mußte einmal so etwas hier abgedruckt werden.

Was die Geheimwissenschaft zu solchen Dingen sagt, davon ist in dieser Zeitschrift gesprochen worden, und wird noch oft gesprochen werden. Kein Leser dieser Zeitschrift kann daher durch Darlegungen wie die charakterisierten wirklich beirrt werden. Aber das sollte jeder, der sich für geheimwissenschaftliche Dinge interessiert, wissen, daß die materialistische Deutung gewisser Tatsachen verhältnismäßig nur harmlos oberflächlich wird, wenn sie von Leuten ausgeht, die nur etwas von sinnlicher Wissenschaft wissen, daß sie sich aber geradezu ins Roh-Ungeheuerliche verlieren muß, wenn jemand von höheren Dingen etwas gehört hat, und mit denen ins materialistische Fahrwasser gerät.

Die Gefahren, auf welche damit hingewiesen ist, können in der heutigen Zeit eben nicht hintangehalten werden, da nun einmal gewisse Teile der Geheimwissenschaft im Druck zu haben sind. —

Ich werde in einem Artikel, welcher demnächst erscheint: »Geheimlehre und Freimaurerei, sowie verwandte Richtungen« auf gewisse Abwege hinweisen, zu denen eben notwendig die Öffentlichkeit unseres Lebens führen muß.

Das rechte Verhältnis gewinnt man zu diesen Dingen aber allein durch das Wissen von denselben, keineswegs durch das Nichtwissen. Deshalb steht der Artikel in dieser Zeitschrift. Was darin über die Mysterien Groteskes gesagt wird, will ich heute gar nicht besprechen, denn darüber wird in dem eben erwähnten Artikel gesprochen werden. Auch über zwei andere Irrtümer möge sich der Leser aus Darlegungen unterrichten, welche demnächst in »Lucifer-Gnosis« enthalten sein werden, nämlich über die unrichtige Angabe, daß im Laufe der Menschenverkörperungen sieben männliche und sieben weibliche abwechseln sollen. In Wahrheit folgt in der Regel – Ausnahmen sind allerdings vorhanden – auf eine männliche immer eine weibliche usf. Ebensowenig ist das über die heute so übergenug besprochene Doppelgeschlechtlichkeit in der gegenwärtigen Menschheitsepoche zutreffend. Denn diese ist nichts anderes als ein bedauerlicher Rückfall in uralte Menschheitsentwickelungsstufen.


12. Von den Gegnern der anthroposophischen Bewegung

Die Drei, 1. Jg., Nr. 9, Dezember 1921

S. 950-956


Von den Gegnern der anthroposophischen Bewegung

Karl Heyer


Es ist eine für das Geistesleben der Gegenwart überaus charakteristische Tatsache, daß dieses Geistesleben ein Ereignis so gut wie vollkommen ignoriert hat, das als ein höchst bedeutungsvolles, ja einzigartiges mit Recht den Anspruch auf ernsteste Beachtung hätte erheben können: den öffentlichen Kongreß der anthroposophischen Bewegung in Stuttgart vom 28. August bis 7. September 1921 (Man vergleiche hierzu das Oktoberheft dieser Zeitschrift.). Einzig und allein ein deutschnationaler Reichstagsabgeordneter hat sich das allerdings sehr zweifelhafte »Verdienst« erworben, durch eine von Philistergeist diktierte hoch-»politische« parlamentarische Anfrage an die Reichsregierung die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf den Kongreß der anthroposophischen Bewegung zu lenken. Und auch ihn beunruhigte nicht etwa dieser Kongreß selbst, sondern nur die zu seiner Bekanntmachung verwandte Poststempelreklame!

Das Geistesleben der Gegenwart lehnt die Anthroposophie ab. Es lehnt sie ab aus jener unbedingten Gesetzmäßigkeit heraus, die noch immer das Alte, Überlebte, dekadent Gewordene zum Feind des Jungen und Zukunftskräftigen werden ließ. Gegner der Anthroposophie sind daher im Grunde alle, die da glauben, noch irgend einen alten traditionellen Geistesbesitz ihr eigen zu nennen, in dem sie sich durch Anthroposophie gestört fühlen. Diesen stehen gegenüber alle jene, die ein Bewußtsein oder doch ein Gefühl dafür haben, daß nur aus einem Innerlich-Ursprünglichen im Menschen aufgenommen und ausgebildet werden kann, was über das Chaos und die Dekadenz der Zeit hinauszuführen vermag. Die Zahl dieser Menschen mehrt sich und daher mehrt sich auch die Zahl derer, die sich der anthroposophischen Bewegung anschließen. Deren Fortschritte aber sind der eigentliche Grund der immer mehr zunehmenden Gegnerschaft.

Gerade in den letzten Monaten, insbesondere seit der Ankündigung des anthroposophischen Kongresses, ist die Hetze, die nach Dr. Rudolf Steiners großer öffentlicher Abrechnung mit den Gegnern der Anthroposophie durch seinen Vortrag in Stuttgart vom 25. Mai einigermaßen zurückgetreten war, wieder riesenhaft angeschwollen. Und diese Gegnerschaft nötigt immer wieder diejenigen zur Abwehr, welche die unermeßliche Bedeutung der Anthroposophie für das Kulturleben der Gegenwart und für Millionen von Menschen erkennen, denen die Gegnerschaft den Zutritt zur Anthroposophie durch ein Netz von Unsinn, von Lügen und Verleumdungen versperren will. Dieses Netz zu zerreißen und so den Zugang zur Anthroposophie frei zu machen zu versuchen, ist daher eine Aufgabe, die aus den Lebensnotwendigkeiten der Sache heraus erfüllt werden muß, auch wenn man sich dabei immer wieder genötigt sieht, Lüge Lüge und Verleumdung Verleumdung zu nennen und überhaupt auf Dinge einzugehen, die gewiß nicht zu den lebenverschönernden gehören, die zu wissen aber ein unbedingtes Erfordernis für den bedeutet, dem es um den Fortgang der spirituellen Menschheitsbewegung ernst ist.

Immer deutlicher gliedern sich aus dem mißtönenden Chor der Gegner der anthroposophischen Bewegung gewisse Kategorien heraus, deren Summe eben zugleich die Summe der hauptsächlichsten gegenwärtigen Geistes- und Kulturströmungen darstellt. Und indem diese Strömungen zur Anthroposophie »Stellung« nehmen, charakterisieren sie sich selbst in ihrem innersten Wesen, da die Motive ihrer Gegnerschaft gerade mit alledem zusammenhängen, was der kulturgeschichtliche, wenn auch abgelähmte oder dekadent gewordene Impuls dieser Strömungen ist.

Deutsch-völkische, arisch-antisemitische Gegner

Nach außen hin tritt seit vielen Monaten besonders laut diejenige Gegnerschaft der anthroposophischen Bewegung gegenüber, die in der Pflege gewisser überlebter Lebenszusammenhänge, in einem künstlichen Kult von Blut und Rasse ihre Grundlage hat, eine Strömung, deren geschichtliche Wurzeln weit zurückreichen in viel ältere Zeiten, in denen aus ihnen in Vollsaftigkeit das gesunde Leben des sozialen Organismus entsprang. Es ist dies die deutsch-völkische, deutsch-nationale, nationalistisch-alldeutsche, »arisch«-antisemitische Strömung. Diese kennt nur auf Blutszusammenhängen beruhende Menschengruppen, sie haßt das Ich und alles, was dieses Ich frei und zum kraftvollen Träger der sozialen Kräfte machen will.

Katholisch-jesuitische Gegner

Ein Gegenstück zu ihr ist die katholisch-jesuitische Strömung. Auch sie kann und will das Ich nicht aufkommen lassen, sondern will es unterordnen dem großen geschlossenen hierarchisch-juristischen System der Kirche. Da die Erkraftung und das Auf-sich-stellen des Ich unbequem, das Sich-hingeben hingegen an ihren wohl ausgebauten, heute gleichsam von neuem aufnahmebereit dastehenden objektiven Lebenszusammenhang bequem ist und besondere Anstrengungen nicht erfordert, werden aus der Atomisierung unserer chaotischen Zeit viele Menschen in ihren Schoß gerne zurückgleiten. Auf daß dies aber möglichst umfassend geschehe, darf so etwas wie die Anthroposophie natürlich nicht aufkommen.

Wissenschaftliche Gegner

Seit Jahrhunderten ist die neuere Wissenschaft heraufgekommen. Ihre Größe beruht darauf, daß sie, insoweit sie konsequent blieb, sich beschränkte auf Ausbildung und methodische Anwendung all derjenigen geistigen Kräfte des Menschen,– die umschlossen sind in der Sphäre der Intellektualität, der Verstandesmäßigkeit. Hierdurch ist diese Wissenschaft zu ihren Triumphen gekommen. Hiervon will sie daher nicht ablassen. Die Zeit aber fordert ein Hinausgehen über die bloße Intellektualität zu einem bewußten Ergreifen übersinnlicher Realität. Dieses geschieht durch Anthroposophie, und gerade dieses lehnt aus dem Beharrungsvermögen heraus die herkömmliche wissenschaftliche Gesinnung ab. Darin liegt die Gegnerschaft begründet. (Ein Anhängsel dieser Gegnerschaft sind auch besonders »fortschrittlich«, demokratisch und ähnlich gerichtete Zeitungen, insoweit sie »wissenschaftlich« gestimmt sind.)

Protestantisch-kirchliche Gegner

Unbestreitbar beruhen all diese Gegnerschaften der Anthroposophie auf sachlich tief begründeten Gegensätzen. Nicht in gleicher Weise gilt dies von einer weiteren: der protestantisch-kirchlichen Gegnerschaft. Der Protestantismus beruht auf der Anerkennung des menschlichen Ich. Er will dieses Ich in seiner Freiheit zum Träger des geistigen Lebens machen. Bei der Verwirklichung dieses Impulses ist er auf halbem oder Viertelswege stehen geblieben. Die Anthroposophie will diesen Weg zu Ende gehen. Sie will von dem Ich aus, gleichsam »auf der anderen Seite«, wieder den Anschluß an objektive, geistige Welten erringen. Dem dürfte der Protestantismus, wenn er sich selbst richtig verstände, sich nicht entgegenstellen. Tun es protestantische Geistliche doch, so muß ihre Gegnerschaft in dem angedeuteten Sinne als »unsachlich« bezeichnet werden. Etwas von Sorge um den nährenden Beruf lebt in dieser Gegnerschaft.

Gegner im Journalismus

Außer den bisher genannten gibt es noch eine Kategorie der Gegnerschaft: die der »oberflächlichen Menschen«. Ihre Zahl ist heute Legion. Journalisten, Literaten, Ästheten, kurz alle die, denen es überhaupt ein Greuel ist, daß irgendwo in der Welt etwas mit Ernst und aus tieferen Quellen heraus betrieben werden soll. Zugleich bilden sie den Chor der anderen, ernsteren Gegnerschaften.

In der Wirklichkeit des Lebens vermischen und kreuzen sich natürlich alle genannten Gruppen zumeist in der mannigfaltigsten Art.

Alle aber müssen, um Anthroposophie zu bekämpfen, zur Unwahrheit, zur Entstellung, zur Verleumdung, zur Lüge greifen.

***

So buntscheckig die Gegnerschaft, so mannigfaltig sind ihre Methoden. Man kann hier schon eine Reihe ganz bestimmter Verleumdungsmethoden unterscheiden. Alle Kategorien der Gegner wenden, im Großen betrachtet, mehr oder weniger alle diese Methoden an. Sie bewußt zu durchschauen ist von wesentlicher Bedeutung, und es soll daher im Folgenden eine Übersicht über einige der hauptsächlichsten dieser Methoden gegeben werden.

Einer der beliebtesten Tricks ist der, den man den »Vermischungstrick« nennen könnte:

Anthroposophie wird vermischt mit mehr oder weniger inferioren Dingen, mit denen sie entweder nur scheinbar oder überhaupt nichts zu tun hat, z. B. den vielerlei inferioren Okkultismen unserer Zeit, allen möglichen dilettantischen Bestrebungen, aus Aberglauben, Unwissenheit, Sensationslüsternheit oder gar bloßer Geschäftsroutine geboren. Durch derartige Artikel hat sich z. B. das »Berliner Tageblatt« verschiedentlich hervorgetan. Oder, um nur ein charakteristisches Beispiel unter vielen zu nennen: der Direktor der psychiatrischen Universitätsklinik Hamburg, Prof. Dr. phil. et med. W. Weygandt, schreibt in einem durch eine ganze Reihe von Zeitungen gegangenen Aufsatz »Der Hang unserer Zeit zur Mystik«: »Nichts ist so absurd, daß es nicht sein Publikum fände. Ein Herr Häußer reist durchs Land mit der in mystische Superlative gekleideten Verheißung, die zusammenbrechende Welt zu retten; naiv bescheiden sagt er in der Einladung zu Vorträgen für ein bis zwölf Mark Eintritt von sich selbst: ›Ich, der Reine, der Hohe, der Starke, der Göttliche‹. Riesigen Andrang finden die Lehren Rudolf Steiners über das hellseherische Forschen.« Professor Weygand entblödet sich also nicht, Rudolf Steiner in einem Atem mit einem Narren wie Häußer zu nennen! Andere gehen noch raffinierter vor, indem sie Anthroposophie in ähnlichen suggestiven Zusammenstellungen nicht einmal nennen, aber doch so charakterisieren, daß der Leser die Worte — sei es sogleich, sei es bei späterem Bekanntwerden mit Anthroposophie — auf sie bezieht. Noch kaschierter wird der »Vermischungstrick« dadurch angewendet, daß eine Zeitung z. B. auf einen Aufsatz über etwas mit der Anthroposophie Zusammenhängendes, wie etwa die Eurhythmie, einen scheinbar selbständigen Aufsatz mit den abenteuerlichsten Dingen über H. P. Blavatzky folgen läßt, damit dem Leser unbewußt, aber um so sicherer, sich die beiden Komplexe vermischen. Anthroposophie sucht man auf diese Weise mit besonderer Vorliebe immer wieder als eine bloße Abart indischer Weisheit bzw. englisch-indischer Theosophie hinzustellen (Vgl. z. B. Jakob Gemmel S. J. in den »Stimmen der Zeit«, August 1921, 3. 391: »Beginnt die Theosophie bzw. Anthroposophie, diese hauptsächlich buddhistisch orientierte »Weisheit« nicht auch schon in mittleren und kleinen Städten die Geister zu verwirren«?).

Ein Sonderfall dieses »Vermischungstricks« liegt vor, wenn man zur Bekämpfung der Anthroposophie diese mit dem zusammenbringt, was man selbst bzw. das Publikum, auf das man wirken will, besonders verabscheut und haßt. Hierin ist vor allem die alldeutsch-antisemitische Gegnerschaft groß: Dr. Steiner sucht sie mit zäher Hartnäckigkeit eine jüdische Abstammung anzudichten, der Dreigliederung einen irgendwie gearteten Zusammenhang mit dem Kommunismus. Einen gewissen Höhepunkt in der Anwendung dieser Verleumdungsmethode erreicht ein Aufsatz in der Zeitschrift »Neues Leben« (Herausgeber Dr. Ernst Hunkel). Dort heißt es im elften Heft (vom »Wonnemond 1921«) Seite 159: »Auch daß Leute wie Matthias Erzberger [Von mir hervorgehoben. D. V.]) aus Buttenhausen, Molt, Direktor der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, Meebold, Direktor der Württembergischen Kattunmanufaktur in Heidenheim mit ihren Millionen sich im Steinerschen Unternehmen beteiligen, möchte zum Aufsehen anregen.« Der einzige Grund, ausgerechnet Erzberger als Teilhaber oder dergl. am »Kommenden Tag« hinzustellen, ist natürlich die Verhaßtheit dieses Mannes in den Kreisen der hakenkreuzgeschmückten Anhänger, auf die man wirken will. Aus ähnlichen »Gründen« denunzieren andere Dr. Steiners Übungen als »jesuitisch« (was von katholischer Seite als absurd bezeichnet wurde), ihn selber aber (früher wenigstens) als von Jesuiten erzogen. Das katholische »Hochland« wiederum (Maiheft 1921, 5. 255 f.) verleumdet die anthroposophische Bewegung als »Sektenkirche« etc.; denn das ist dem Katholiken besonders verhaßt. Umgekehrt bringt man die Bewegung in Gegensatz zu dem was die eigenen Anhänger lieben oder vergöttern: Die Kirchenvertreter erklären die Anthroposophie als dem Christentum feindlich gegenüberstehend, in »Staatsgesinnung« machende Politiker die Dreigliederung als »staatsfeindlich« usw.

Eine andere Methode besteht darin, daß man sich selbst erst ein zur Bekämpfung geeigneteres Objekt, als es die Anthroposophie selbst ist, schafft, indem man sie absichtlich oder »unabsichtlich« verdreht, mißversteht, vertrivialisiert. Man bekämpft dann nur scheinbar die Anthroposophie, in Wahrheit den selbst erzeugten Unsinn. Diese Methode ist, in allerweitestem Umfange bei fast allen Gegnern verbreitet. Groß darin ist z. B. Professor Dr. Arthur Drews, Karlsruhe.

Und wiederum ist auch von der eben genannten Methode eine besondere Abart zu nennen, die sieh daher ganz besonderer Beliebtheit erfreut, weil sie die allergeringsten Anforderungen an Geist und Witz stellt. D. Gottfried Traub z. B., der bekannte deutschnationale Theologe und Politiker und zugleich einer der plattesten Bekämpler der Anthroposophie, »reist« geradezu, bildlich gesprochen, auf diese Methode. Sie besteht darin, daß man die verschiedenen Betriebe des »Kommenden Tages« in unsinniger Weise aufzählt und aneinanderreiht, dabei aber verschweigt, welches die sozialwirtschaftliche Idee ist, aus der heraus diese Zusammenfassung gerade ganz verschiedenartiger Betriebe erfolgt ist. Mit dem Wort »Warenhausrummel« glaubt z. B. in ähnlicher Weise Dr. Hans Heinrich Schaeder in seinem Aufsatz »Wider die Weltanschauung Rudolf Steiners« im Augustheft 1921 des »Hochlandes« (auf den noch zurückzukommen sein wird) die vielseitigen Bestrebungen der anthroposophischen Bewegung auf den verschiedenen Lebensgebieten abtun zu können, und sofort machen sich alle möglichen Gegner ein von so törichtem Unverstand zeugendes Wort zu eigen.

»Methode« ist es auch bereits geworden, die Anthroposophie dadurch zu verdächtigen, daß man behauptet, dieser oder jene Anthroposoph sei, natürlich durch seine Beschäftigung mit der Anthroposophie, geisteskrank geworden. Von Dr. Rittelmeyer z. B. hat man solches ausgesagt so daß dieser gezwungen war, öffentlich dagegen Stellung zu nehmen, Dr. Schaeder aber sucht gleich alle »Steineranhänger« als durch Suggestion mehr oder weniger geistig defekt geworden hinzustellen, ihre Aussagen aber dadurch zu entwerten, indem er — zugleich mit einem deutlichen Wink mit dem Zaunpfahl — in dem genannten Aufsatz (S.617) schreibt: »Die Diskussion mit irgend einem Steineranhänger ist unmöglich. Ein jeder von ihnen steht unter der vollkommen suggestiven Wirkung der Persönlichkeit und der Lehre seines Meisters — wieweit faktische psychische Veränderungen, psychische Belastungen bei Steineranhängern eintreten, müßte der Psychiater untersuchen — er ist nicht imstande, kritische Einwürfe überhaupt aufzunehmen.«

Von großer Bedeutung für die Geistesentwicklung der neueren Zeit ist es, daß in Dr. Rudolf Steiner und seinem Lebensgang die Tatsache vorliegt, daß ein kontinuierliches Weiterschreiten von naturwissenschaftlichen Grundlagen in naturwissenschaftlicher Gesinnung und Methodik zur wissenschaftlichen Erkenntnis der übersinnlichen Welt möglich und erfolgt ist. Hierin ist der eigentliche tiefere Grund zu erblicken, warum die Gegnerschaft fast unisono und mit größter Zähigkeit immer wieder die uralte Behauptung verkündet, Dr. Steiner habe zwischen seiner naturwissenschaftlichen« und seiner »theosophischen« Periode eine grundlegende »Wandlung« durchgemacht, beide trenne eine Kluft. Aus engen Horizonten, mit dem Willen, auf größere organische Zusammenhänge nicht einzugehen, sucht man »Widersprüche« zwischen den verschiedenen Werken oder den verschiedenen Auflagen der Werke Rudolf Steiners nachzuweisen, um so die Diskontinuität seiner Geistesentwicklung darzutun. Männer wie der Tübinger Privatdozent Dr. Hauer verwenden einen großen Teil ihrer Zeit und Gedankenkräfte auf dieses in wahrstem Sinne unfruchtbare Beginnen. Zu einer größeren Überschau, aus der sich sofort die großartige Kontinuität des Steinerschen Werdeganges mit ihrer gerade durchgehenden großen Linie im Ganzen und eine Lösung der »Widersprüche« auch im einzelnen ergibt, wollen sich, bewußt oder unbewußt, solche Menschen nicht erheben, und darum gehen an ihnen auch spurlos Ausführungen von solcher Stringenz und solch monumentalem Stil vorüber, wie sie in positiver, jeden Unbefangenen überzeugender Weise Dr. Rudolf Steiner auf dem öffentlichen Kongreß der anthroposophischen Bewegung in Stuttgart in seinen Abendvorträgen über seinen geistigen Entwicklungsgang gab, durch die gerade diese Kontinuität den Hörern zur völligen Evidenz gebracht wurde. Daß aber zum Begreifen dieser Tatsache ein gewisses aktiveres, lebendigeres Denken als das müde und passive der Hauer, Möricke und der vielen anderen gehört, ist der Grund, weshalb die Behauptung von den »Wandlungen« Dr. Steiners sich ohne Zweifel noch lange durch die gegnerische Literatur fortwälzen wird.


Von den Gegnern der anthroposophischen Bewegung


Die Drei, 2. Jg., Nr. 10, Januar 1922

S. 1031-1037

(Fortsetzung und Schluß.)


Im Folgenden sei eine Reihe charakteristischer Aussprüche und Behauptungen über die Anthroposophie wiedergegeben, an denen man erkennen kann, wie und auf welchen Wahrheitsgrundlagen aus den verschiedenen Lagern der Gegner heraus über Anthroposophie geurteilt bzw. gegen sie angegangen wird. Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren.

Es braucht nicht verwunderlich zu erscheinen, daß die »Oberflächlichen« Anthroposophie hauptsächlich durch Albernheit zu bekämpfen suchen. Den Rekord dürfte in dieser Beziehung in letzter Zeit wohl der (deutschnationale) »Tag« in Berlin geschlagen haben und in ihm ein gewisser Karl Eugen Schmidt. Was von dieser Kategorie von Menschen geschrieben wird, ist so unsäglich albern oder auch nicht selten so unsäglich ordinär, daß sich die Wiedergabe geradezu verbietet. Erwähnt seien als Beispiele daher nur, daß in der »Deutschen Allgemeinen Zeitung« in einem Aufsatz gleichsam Dr. Steiner zum Empfang zu seinem Vortrag in Berlin (am 15. September) die Anthroposophie als »seelische Bedürfnisanstalt« bezeichnet wird, während z. B. in den »Münchener Neuesten Nachrichten« ein Schmutzfink das Streben nach übersinnlichen Erlebnissen durch Übungen als »frivole Unzucht« erklärte.

Die Untergründe des Widerstrebens derjenigen, die sich heute für die allein »Wissenschaftlichen« halten, gegen die anthroposophische Bewegung kommen mit einer Offenherzigkeit, wie man sie selten findet, in Worten zum Ausdruck, die ein Hochschullehrer im (roten) »Tag« in einer Betrachtung über die Darmstädter anthroposophische Hochschulwoche schreibt. Er sagt: »Wer als Hochschullehrer Augen hat zu sehen, der sieht längst, wie sich die psychologische Einstellung unserer Studenten, auch unserer Techniker und Mediziner, dieser früheren Säulen des Materialismus (von mir hervorgehoben. D. V.), wandelt. Sie sind des Wissen und Können häufenden Alexandrinismus müde, sie suchen und tasten wieder nach einem Menschenideal, nach Daseinswerten; sie möchten den Hochschulen die Aufgabe aufzwingen, nicht mehr bloß Berufsmenschen, sondern Menschen schlechthin zu bilden (Von mir hervorgehoben. D. V.).« Dies ist also das Verbrechen der Anthroposophie, daß sie Menschen bilden will und selbst Techniker und Mediziner, diese »Säulen des Materialismus«, ergreift! Das muß natürlich verhindert werden, und zwar mit allen Mitteln! Zu welchen Mitteln man zu diesem Zweck seine Zuflucht nimmt, zeigt das Beispiel des Berliner Universitätsprofessors Nicolai, der in einer öffentlichen Versammlung des Monistenbundes in Berlin über die Freie Waldorfschule in Stuttgart zugegebenermaßen den Satz sprach: »Wie kann man objektiv sein, wenn mit dem Golde einer Zigarettenfabrik Kinderseelen gemordet werden? — Können Sie gegen Mörder objektiv sein?«, ohne auch nur den leisesten Versuch zu machen, diese verleumderischen Behauptungen durch den Hinweis auf irgendeine Tatsache zu begründen oder zu beweisen (vgl. hierüber Dreigliederungszeitung II. 52).

Die protestantischen Gegner der Anthroposophie nehmen besonders Anstoß an deren Anspruch, eine Wissenschaft zu sein. Sie wollen sich selbst und die übrigen Menschen auf der Stufe eines »kindlichen Glaubens« (zu dem, möglichst abstrakt und blutleer gedachten, protestantischen Gott) zurückhalten. Nur in ihm, so meinen sie, »habe« man Gott, dem sich der Mensch durch Erkenntnisse entfremde. Auch der Anthroposophie gegenüber können sich deshalb solche Leute nur ein Glaubensverhältnis denken. Daher schreibt Friedrich Gogarten (in der Frankfurter Zeitung Nr. 637 vom 28. August 1921) von der Anthroposophie: »Man dürfte nichts dabei denken, und wenn man was sagte, müßte man es Steiner nur nachsagen. Je gedankenloser, um so besser). Täte man es anders, so wäre notwendig alles, was man dächte und sagte, falsch, man könnte es anstellen, wie man wollte.« Dies ist zwar das diametrale Gegenteil der Wahrheit, wird aber von Gogarten ohne weiteres den Anhängern Steiners als Gesinnung unterschoben. Kein Wunder daher auch, daß dieser von vielen heute als ein »geistiger Führer« anerkannte Theologe weiterhin von Steiner sagt: »Und da es für den Geist auch keine Schranken des Raumes und der Zeit gibt, liegen alle Vergangenheiten und Zukünfte, alle Reiche der Welt offen vor seinem Blick und er liest in ihnen wie in einem sauber gedruckten und leicht verständlich geschriebenen Buch*). Das ist Steiner.« Wer auch nur ein Werk Dr. Steiners mit Verständnis gelesen hat, weiß, daß auch diese Worte eine frivole Verleumdung darstellen. Auf dem gleichen Niveau steht es, wenn Gogarten in der »Christlichen Welt« (1921, Nr. 33) den »Kommenden Tag« eine »Aktiengesellschaft ... zur Erforschung der übersinnlichen Welten« nennt. — Mit besonderer Vorliebe laden die protestantischen Gegner ihren Ärger auf den ihnen durch seine Stellungnahme für die Anthroposophie unbequemen Dr. Rittelmeyer ab. Die einen stellen ihn (wie bereits oben erwähnt) als durch die Anthroposophie geistig erkrankt hin, andere sagen ihm nach, Dr. Steiner habe ihn »zum Dank für seine Gefolgschaft zum wiedergekommenen Bernhard von Clairvaux erklärt« (vgl. Dreigliederungszeitung III. 2), wieder andere bekämpfen ihn durch sinnentstellende Wiedergabe aus seinen Vorträgen (vgl. Dreigliederungszeitung III. 12). Kirchliche Polemik!

Das Niveau, auf dem wieder eine andere Reihe von Gegnern den anthroposophischen Bestrebungen entgegentritt, wird charakterisiert durch folgende Worte eines ungenannten Verfassers in einem gegen die Anthroposophie gerichteten Leitaufsatz im Juliheft des »Schwäbischen Bundes« (5. 241 ff.): »Es muß offen herausgesagt werden, daß das ganze Geschwätz von dem angeblich heillosen Materialismus der Vorkriegsjahrzehnte und der als ebenso äußerliche und phrasenhafte Reaktion dagegen einsetzende Verinnerlichungsrummel lächerlich sind ...« Der Aufsatz schließt nach einer Schimpferei auf die »anthroposophischen Scharlatanereien« mit den Worten: »Dieses trübe, fatalistische Reich gilt es vor allem auszulüften und auszuräuchern. Es ist hohe Zeit, daß der Deutsche seinen inneren und äußeren Schmutz endlich gehörig abwäscht und ohne Weltanschauungssprüche an die nächste Arbeit geht«).

Hier sind wir bereits in den geistigen Bann- und Dunstkreis der deutsch-völkisch-»nationalen« Strömung geraten.

Man erkennt sofort die Gesinnungsverwandtschaft, wenn man den eben angeführten Ausspruch z. B. mit dem vergleicht, was D. Traub in der Zeitschrift »Deutschlands Erneuerung« (August 1921, 5. 458 ff.) in einem Aufsatz »Über Dr. Rudolf Steiner« von sich gibt. Da heißt es z. B. gegen Beginn von der gegenwärtigen Zeit: »Wahrlich, man kann geradezu in ›Geist‹ ersaufen, soviel Angebot ist da.« Der rohen Gesinnung, die sich in diesen Worten ausprägt, entspricht der ganze Aufsatz, in dem sich eine Verlogenheit an die andere knüpft. Um nur ein einziges Beispiel zu nennen:

Traub schreibt mit bezug auf die Steinerschen sozialen und staatlichen Ideen (in Sperrdruck): »Wer heute noch nicht begreift, daß wir durch all die Assoziationen und Zwangswirtschaften entsittlicht und entnervt worden sind, dem ist nicht zu helfen.« Er will hiermit den Anschein erwecken, als seien die von der Dreigliederung vertretenen Wirtschaftsassoziationen irgendwie der Zwangswirtschaft zu vergleichen. Er unterdrückt, wie man annehmen muß, wider besseres Wissen (Traub bezeichnete sich in einer öffentlichen Versammlung in Stuttgart als eifrigen Leser der Dreigliederungszeitung), die Tatsache, daß die Assoziationen im Sinne der Dreigliederung das gerade Gegenteil von Zwangswirtschaft sind. Es handle sich bei der Bekämpfung der Anthroposophie »um die Pflicht des Seelsorgers«, schreibt Traub weiterhin, und er meint, »wirklicher Geist« sei »nichts anderes als Charakter«. Hiernach kann man ermessen, welche Seelsorger, mit welchen Charakteren heute »Deutschlands Erneuerung« betreiben.

Ein Gesinnungsverwandter D. Traubs wiederum ist der Verfasser der Schrift »Der religiöse Weltaufruhr im völkischen Licht« (Leipzig 1921), Thomas Westerich.

Dieser »völkische« Mann, der sich zum Vorkämpfer der »Arier-Licht-Rasse«, der »Blondlinge«, »Sonn-Haarigen«, »Himmels-Blauäugigen« gegen die »Schwärzlinge«, »Kahiniten«, die »Kinder der Tiefe« etc. machen möchte, übertrifft an »Charakter« in dem oben angedeuteten Sinne des D. Traub diesen noch beträchtlich.

Im Mittelpunkt seiner Behauptungen steht z. B. die, Dr. Steiner habe Christus »zu einem satanischen »Erdgeist« herabgedrückt«. Auch er vertritt zwar ein »Esoterisches« in dem, was er »Christentum« nennt.

Welchen Geistes dieses ist, zeigt, daß er »die wahre Vergeistigung der Lehre Christi« in dem Wort findet: »Du sollst Gott deinen Vater über alles lieben und deinen Nächsten, d.i. dein Volk, wie dich selbst!« Diese Karikatur könnte man dann wohl »völkisches Christentum« nennen?

Dieses scheint aber erst jetzt das Licht der Welt oder doch der Öffentlichkeit erblickt zu haben. Westerich schreibt nämlich: »Dem Bibelforscher-Unfug, dem Steinerschen Okkultismus kann erfolgreich nur mit den geistig aufgeschlossenen christlichen Wahrheiten begegnet werden. Leider hat sich auf unserer Seite die erste Tat, der befreiende Schachzug bis vor kurzem nicht einstellen wollen.« Diesen »Schachzug« hat nun, wie Westerich uns weiter belehrt, nach Vorbereitungen durch ihn selbst, Dr. Artur Dinter mit seiner »christlichen Geistlehre« getan (Diese »Geistlehre« hat Dinter in seinem bekannten [Kitsch- und Tendenz-]Roman »Die Sünde wider den Geist« entwickelt. Sie stellt ein wüstes Gemisch dar von Spiritismus [Tischrücken, Schreibmedien usw.], einer Pseudotheosophie [mit Wiederverkörperung, höheren Wesenheiten usw.] und metaphysisch »begründetem« Antisemitismus und Rassenfanatismus [»In den Juden ... verkörpern sich die boshaften und verstockten Geister«]. Der Roman sollte, wie Dinter im Nachwort [S. 240] versichert, »auf unablässiges Drängen meiner jenseitigen und diesseitigen Freunde unter allen Umständen noch bis Weihnachten [1920] erscheinen«. Auch Westerich hat »Jenseitsfanfaren zur deutschen Not« geschrieben [mit »Geisterworten«, »Kundgebungen des Geistes Emanuel Swedenborg« usw.]. Eine viel versprechende Richtung.).

***

Worauf läuft nun all dies hinaus, was sich in dieser Weise als Gegnerschaft der anthroposophischen Bewegung von den verschiedensten Seiten darstellt? Zwei Ziele lassen sich deutlich unterscheiden.

Das eine ist, daß man — hierin sind die katholisch-jesuitischen Gegner unübertrefflich — planmäßig, mit den bekannten Mitteln, den Menschen ein tiefes Mißtrauen einzuflößen sucht gegen das, wovon man mit Recht fürchtet, daß die Menschen ohne diese Machinationen eines Tages danach verlangen würden aus tiefen Sehnsuchten der Seele heraus — oder daß man an die lnstinkte und Leidenschaften der Menschen appelliert, sie aufwühlt, um so eine Atmosphäre des Hasses zu erzeugen, die man braucht, um zu gegebener Zeit Methoden der Gewaltanwendung organisieren zu können. Hierauf arbeitet offensichtlich besonders die alldeutsch-antisemitische Gegnerschaft hin. An vielversprechenden Anfangsresultaten hiervon fehlt es schon jetzt nicht (man vergleiche dazu z.B. den Bericht »Die Eurhythmie und der Pöbel« in der Dreigliederungszeitung II. 51). Auf beide Weise aber wirkt man gleichsam »von unten« her, indem man die anthroposophische Bewegung bei weitesten Volkskreisen in Mißkredit bringt.

Damit aber arbeitet man zugleich einem Zweiten vor. Man erzeugt eine »öffentliche Meinung«, die es gestattet, auch »von oben« her zu wirken, d. h. durch behördliche Maßnahmen (sei es auch erst unter veränderten politischen Konstellationen), um so der Bewegung mehr oder weniger nachhaltigen Abbruch zu tun. Dies ist das immer offenkundiger werdende Ziel, auf das namentlich die vereinigte Firma der alldeutschen und jesuitischen Gegnerschaft lossteuert. Nicht weniger als sechs- bis siebenmal erhebt Pfarrer Kully – Arlesheim (Schweiz) in seiner Schmähschrift den Ruf nach den Behörden, die der anthroposophischen »Gefahr« entgegentreten sollen, denen schon wiederholt, nur leider bisher erfolglos, »Mitteilung gemacht« sei, denen gegenüber man sich zu intimeren Mitteilungen erbietet usw.

Dieser Ruf »videant consules« durchzieht immer stärker die gegnerischen Aufsätze, Broschüren, Bücher. Die deutsch-nationale Schwäbische Tageszeitung in Stuttgart z. B. schreibt in ihrer Nr. 203 vom 1. September mit aller Deutlichkeit: »Und die Regierung der deutschen Republik läßt im 20. Jahrhundert solchen Unfug freundlich lächelnd zu: Alles durch das Volk, alles für das Volk!« In einem durch eine Reihe katholischer Blätter gegangenen wüsten Aufsatz von »Justinus« über »Steiners Anthroposophie« wird mit dem gleichen Zaunpfahl gewinkt: »Eingehender und fachsicherer als hierorts ist dies den zuständigen Behörden mehrfach mitgeteilt worden. Maßnahmen sind nicht erfolgt, ebensowenig wie betreffs der medizinischen, chemischen, physikalischen Lehren. Ebensowenig betreffs der Massenfahrten jüngerer Akademiker alle paar Monate nach Dornach« (!) Hans Heinrich Schaeder aber schlägt in seinem bereits mehrfach erwähnten Hochlandaufsatz (S. 617/618) höchst systematisch in aller Nüchternheit das Folgende vor: »Die Einzelaufgaben, die sich hier stellen, sind ideeller und praktischer Natur. Neben die Analyse der »Geisteswissenschaft«, der eigentlich eine ausführliche Widerlegung nicht mehr zu folgen braucht, neben die wissenschaftliche, politische, religiöse Belehrung derjenigen, die ihr zuneigen, insbesondere in Hochschulkreisen, müssen einige ganz praktische Maßnahmen treten: die Überwachung von Steiners propagandistischer und organisatorischer Tätigkeit und die Beachtung besonders der Punkte, an denen er mit dem Strafgesetz in Konflikt kommen könnte und vielleicht einmal kommen wird. Also: Überwachung seiner finanziellen Unternehmungen, seiner politischen Tätigkeit (Möglichkeit des Landesverrats), seiner medizinisch-therapeutischen Lehren (Möglichkeit der Kurpfuscherei), insbesondere der Wirkungen seines persönlichen Einflusses auf einzelne, sei es nun, daß er sie finanziell oder im Verlauf meditativer Übungen gesundheitlich oder moralisch schädigt. Der schwere Vorwurf, den seinerzeit die Frankfurter Zeitung auf landesverräterische Tätigkeit von Steineranhängern in Oberschlesien erhoben hatte, ist nicht hinreichend geklärt worden — daß anderseits in der Konsequenz des Dreigliederungsgedankens schwere Beunruhigungen des öffentlichen Lebens liegen, denen es vorzubeugen gilt, ist gewiß. Auf die merkwürdigen Finanzoperationen, die bei der Finanzierung der Stuttgarter Aktiengesellschaft vor sich gegangen sind, ist unlängst hier im »Hochland« der Blick gelenkt worden. Alle diese Momente gilt es weiterhin im Auge zu behalten.«

Schaeder, der aus einer gewissen böswilligen Borniertheit eine sachliche Auseinandersetzung mit der Anthroposophie als überflüssig ablehnt, meint, es werde »auf die Dauer nicht zu umgehen sein, diesen Kampf (gegen die Anthroposophie) zu organisieren« (von mir hervorgehoben. D. V.). Ob er naiv genug ist, glauben machen zu wollen, der »Kampf« sei bisher noch nicht organisiert gewesen? Aber daß die Organisation zwecks systematischer Denunziation der anthroposophischen Bewegung bei den Behörden noch immer weitere Fortschritte in der nächsten Zeit machen wird, darauf kann man allerdings nach allem mit größter Sicherheit rechnen (Inzwischen sind solche »Fortschritte« verwirklicht werden. In Darmstadt hat sich ein »Bund der Steinergegner« gebildet, der allerdings einstweilen mehr den Eindruck einer Filiale der Deutschnationalen Partei macht. Am 10. November ist er in Darmstadt mit einer ersten öffentlichen Veranstaltung hervorgetreten. Sie bedeutete ein kaum zu überbietendes Fiasko [vgl. den Bericht in der Dreigliederungszeitung III. 20]. Das wird den Bund aber wohl weiter nicht stören. Vielleicht »wächst« er sogar sehr mit seinen höheren Zwecken.). —

So sehen wir also, wie von allen Seiten her die Hetze gegen die anthroposophische Bewegung systematisch betrieben wird. Die Geschichte dieser Gegnerschaft schreiben heißt im Grunde nichts anderes als die Geschichte der Dekadenz und des Niederganges der gegenwärtigen Kultur und der sie bildenden, aus älteren Zeiten herübergekommenen geistigen Strömungen schreiben. Und es mag uns wohl oft die historische Tragik zum Bewußtsein kommen, die darin liegt, daß diese geistigen Strömungen, die in entsprechenden früheren Zeiten durchaus ihre volle Berechtigung und ihre Bedeutung für den geschichtlichen Fortschritt der Menschheit hatten, jetzt, da sie ihre Zeit längst überschritten haben, gemäß einem allgemeinen Weltgesetz zu Trägern der Niedergangskräfte und zu Hemmungsfaktoren einer gesunden Weiterentwicklung werden. Und es entspringt ja auch nur dem gleichen Weltgesetz, daß der einzelne Mensch immer wieder in jeder Zeit sich neu hineinstellen muß in das Auf und Ab der dahinflutenden Strömungen, daß er nicht, ohne an seiner Seele Schaden zu nehmen, aus einer gewissen kulturgeschichtlichen Bequemlichkeit heraus diejenigen Impulse verleugnen kann, die in jeder Zeit immer wieder neu und ursprünglich aus den Untergründen der Gesamtmenschheitsentwicklung in den Seelen der Menschen aufsteigen wollen.

Gerade die so haßerfüllte Gegnerschaft des dekadent Gewordenen, geistig und moralisch im Niedergang Befindlichen beweist, daß in dem von ihm Bekämpften solche lebendigen Impulse walten, so unvollkommen auch immer das aus anthroposophischem Streben bisher Erreichte sein mag, Impulse, die diese anthroposophische Bewegung gleichsam zum »Stein des Anstoßes« werden lassen, an dem die Geister sich scheiden, Impulse, die enthüllend wirken auf das, was in den Seelen der Menschen heute lebt, eben auch insoweit es die Niedergangskräfte sind, die in ihnen walten. Ein Spiegelbild der Kultur der Gegenwart bedeutet daher die Gegnerschaft der Anthroposophie. Daß der Blick in ein solches Spiegelbild nicht zu erfreulichen und erhebenden Bildern führen kann, dürfte niemand wundernehmen. Daß er gleichwohl immer wieder getan werden muß, sollte jedem klar sein, dem es um rückhaltlose Einsicht in die wirkenden Realitäten der Zeit ernstlich zu tun ist und der da weiß, daß auch gerade die positive Vertretung der Anthroposophie nur auf dem Untergrund solcher Einsichten diejenige Stoßkraft haben kann, die notwendig ist, wenn Anthroposophie ihre Weltmission erfüllen soll.


13. H.I. Oberdörffer – Die Anthroposophie als unarische Weltanschauung

Quelle: »Dreigliederung des sozialen Organismus« erschien von Juli 1919 bis Januar 1922 in Stuttgart

Dreigliederung, Nr. 22, 2. Jg. 1920, 48. Woche


Ein Vermaterialisierungsphänomen.

Friedrich Doldinger


Am 12. und 14. November hielt in Freiburg i. Br. zur Verbreitung seiner Arierblut-Theorie Herr Dr. med. H. I. Oberdörffer [zu Oberdörffer -->] Vorträge über »Der Kampf um die Weltanschauungen«. Er griff im ersten Vortrage die Anthroposophie in der Weise an, daß er sie in mehrfach wiederholter Zusammenstellung mit Spiritismus und Theosophie als eine derjenigen Bewegungen bezeichnete, die sich den Menschen aufdrängen durch autoritativ vorgetragene dogmatische Lehren, ohne einen klaren Weg zu weisen. Anthroposophie sei das unarische Bestreben, Kenntnis anders zu erhalten als durch innere Vervollkommnung. Dr. Steiner nenne sie hochtrabend Geisteswissenschaft, sie sei aber nichts als eine vermaterialisierte Form eines Weges zu höherem Wissen. Geistige Wesenheiten gäbe es nicht, sondern nur eine einzige Welt, und um diese zu erkennen, nur einen Weg: Vervollkommnung und chemische Verfeinerung des Körpers.

Diesen Weg zu gehen sei die arische Rasse berufen, die das reinste Blut habe. Anthroposophie sei eine Albernheit. Die »Halluzinationen und Visionen der Anthroposophen« von geistigen Welten seien die nach außen projizierten eigenen Gedanken, welche durch Reizwirkungen eines durch falsche Lebensführung verunreinigten Blutes ausgelöst würden. Die Anthroposophen würden bewußt solche Halluzinationen betreiben. Ihr Hellsehen sei ein Träumen, das aus dem Darm und den Sexualorganen stamme.

Was ein schöner und vollkommener Körper sei, demonstrierte der Redner, indem er an seinem eigenen Gesicht und Gliedmaßenbau die Maße des goldenen Schnittes aufzeigte. Einen schönen Menschen dächten wir blondhaarig. Redner selbst ist blond. Am Schlusse des II. Vortrages wurde er deutlicher, indem er sich selbst als das lebendige Beispiel der von ihm gemeinten Wiedergeburt und Verjüngung hinstellte. (Vergl. hiezu die Zeitgeist-Schilderung des Jesuitenpaters Lippert. Jesuitica II. in Nr. 42, April 1920.)

Als nach Schluß des ersten Vortrags ein Vertreter der anthroposophischen Weltanschauung von dem angekündigten Rechte, Fragen zu stellen, Gebrauch machte und Herrn Dr. med. Oberdörffer nach kurzer Klarstellung des wahren Tatbestandes fragte, auf Grund welcher Studien er zu seinen Aussagen komme, behauptete er, Anthroposophie durch langjährige Beschäftigung mit ihr und durch frühere persönliche Bekanntschaft mit Steiner genau zu kennen. Dr. Rudolf Steiner aus Galizien oder einem anderen finstern Platz sei unarischen Blutes und könne deshalb nur Getrübtes vorbringen. Weiteren Erörterungen entzog sich Dr. Oberdörffer, indem er sich hinter der Feststellung, daß er Psychiater sei, verschanzte und die Versammlung schloß. Es soll nicht verkannt sein, daß Dr. Oberdörffer mit dieser Verhaltungsweise im »Kampf um die Weltanschauungen«, mit der Berufung auf seine eigene Gründlichkeit und Autorität zur Bekräftigung der Objektivität des vorgebrachten Unsinns allerdings ein psychiatrisches Phänomen mit drastischer Lebendigkeit illustriert.

Versuche, Herrn Dr. Oberdörffer zu bewegen, einem Vertreter der in so unglaublich gewissenloser Weise angegriffenen Anthroposophie Gelegenheit zur Verteidigung zu geben, schlugen fehl. Im persönlichen Gespräch vor Beginn des II. Vortrages bekannte er, Rudolf Steiner seine Abwendung von atheistischer Weltanschauung zu verdanken. Er habe lange Zeit hindurch Meditationen gemacht, aber an sich erfahren, daß er ins Ungesunde komme. Hingewiesen darauf, daß er während des Vortrages diese seine Erfahrung in die Anthroposophie hineinprojiziert, die Tatsachen entstellt und Rudolf Steiner persönlich verunglimpft habe ... antwortete Dr. Oberdörffer, er habe Grund, persönlich zu sein. Dr. med. Oberdörffer leitet aus persönlicher Verärgerung also die Berechtigung her, gewissenlos sein zu dürfen und das, was er an sich selbst an Ungünstigem erfahren, der Anthroposophie anzuhängen.

Im II. Vortrag stellte Dr. Oberdörffer zunächst fest, daß er zu den Ariern auch die Semiten rechne. Dann trug er autoritativ über okkulte Symbolik usw. mehreres vor und behauptete schließlich, man hätte ihm das letztemal seine Darstellung, daß die Visionen aus den Sexualorganen stammten, übel genommen. Da keine andere Möglichkeit der Berichtigung blieb, wurde er hier durch Zwischenruf unterbrochen; denn Dr. Oberdörffer hatte behauptet, Anthroposophie stamme daher, gegen diese Behauptung war von anthroposophischer Seite opponiert worden. Dr. Oberdörffer wollte also die Tatsachen so verdrehen, daß es aussehen sollte, als ob die Opposition selbst aus jenen bezeichneten Kräften stamme, während gerade darauf hingewiesen worden war, daß Anthroposophie nichts damit zu tun hat.

Eine Reihe von Fragen, die zum Schluß von den Zuhörern schriftlich gestellt werden konnten, z. B.: »Wie kommen Sie dazu, da Sie gegen jeden Dogmatismus mit Recht kämpfen, selbst autoritativ über Völkerentwicklung usw., okkulte Symbole usw. Behauptungen aufzustellen? Ist Ihnen bekannt, daß Rudolf Steiner, den Sie bekämpfen, stets nur so mitteilt, daß die freie selbsteigene Urteilskraft wachgerufen wird? Warum verschweigen Sie, daß Anthroposophie nichts darstellt oder anrät, was mit dem freien Willen des Menschen nicht im vollsten Einklang steht, daß sämtliche Werke Steiners so gestaltet sind, daß an ihrer Durcharbeitung die eigenen Fähigkeiten entwickelt werden?« Diese Fragen tat der Redner mit der Banalität ab, er könne doch in einem Vortrag nicht alles sagen. Er gab damit indirekt die Richtigkeit des in den Fragen Dargestellten zu, während er im 1. Vortrag von diesem das Gegenteil behauptet hatte. Weitere Anfragen aus der Versammlung, warum er sich einer Besprechung entziehe, erledigte er mit der Phrase: weil ich ein freier Mensch bin. Nach Dr. Oberdörffer gehört es also zum Wesen des freien Menschen, unter dem Mäntelchen seiner medizinischen Autorität die gewissenlosesten Äußerungen zu tun und ihrer Klarstellung sich durch eine pathetische Phrase zu entziehen. Die anwesenden nichtanthroposophisch orientierten Studierenden ließen über ihre Anschauung von der wissenschaftlichen Nullität Dr. Oberdörffers keinen Zweifel.

Nach Dr. Oberdörffer besteht die Welt des Stoffes von Ewigkeit zu Ewigkeit. Beeinflussen können wir nur den Wechsel der Stoffe durch Veredelung unseres Körpers. Diese ist die höchste Lebensaufgabe, und deren Verkündung nach Dr. Oberdörffers Auffassung seine neue einzigartige, von ihm selbst verkörperte Leistung. Die Tragödie Oberdörffer ist ein klassisches Phänomen dafür, zu welchen Graden der Vermaterialisierung eine Seelenverfassung getrieben wird, die unter Ablehnung des Geistes nach einem Lebensethos sucht, mit dem sich eine Erlöserrolle spielen läßt.


14. Die Krise der Anthroposophischen Gesellschaft 1923. Die völkischen Gegner der Anthroposophie


Hella Wiesberger

Quelle: Rudolf Steiner Gesamtausgabe, GA 259, Dornach 1991

S. 843-844


»Wenn heute ... nachgedacht werden muß, wie die Anthroposophische Gesellschaft regeniert werden soll, so darf auf der andern Seite nicht vergessen werden, daß die Anthroposophische Gesellschaft ein zwei Jahrzehnte langes Leben hatte ... Denn Geschichte, wirkliche Geschichte, erlebte, gewirkte Geschichte läßt sich nicht auslöschen.«

Rudolf Steiner, Stuttgart, 27. 2. 1923, GA 257

Mit dem Entschluß Rudolf Steiners, zu Beginn des 20. Jahrhunderts für seine anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft öffentlich einzutreten, beginnt auch die soziale Wirksamkeit des lebendigen Wesens Anthroposophie, das zu seiner Entfaltung im Kulturleben eines Gesellschaftsorganismus bedarf. Hier wurzelt die mit allem Leid sozialen Wirkens verbundene Tätigkeit Rudolf Steiners als Baumeister einer Mysterienstätte, deren Modernität er schon früh dahingehend charakterisierte:

»Wir haben kein Recht, Autorität zu erzwingen: Erste Gemeinschaft, die Organisation mit Freiheit anstrebt.« War doch früher die Zugehörigkeit zu Gemeinschaften, in denen spirituelle Erkenntnisse gepflegt wurden, stets mit strengen Verpflichtungen verbunden.

Die Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft ist somit begründet in dem Bemühen, für die anthroposophische Bewegung als der von Rudolf Steiner geschaffenen Geistesströmung eine wesensgemäße Pflegestätte zu bilden; sie ist das Ergebnis des Zusammenwirkens von Rudolf Steiner als Geisteslehrer mit seinem Schülerkreis. Die Schwierigkeiten, die in einem solchen Gemeinschaftsgebilde, in dem die Freiheit des einzelnen voll respektiert wird, notwendig auftreten müssen, sollten im Lichte des Wortes gesehen werden: »Der Kampf ist auf geistigem Felde kein Böses; er ist da das Lebenselement« — vorausgesetzt, daß er mit entsprechender Achtung vor dem andern geführt wird.«

[...]


S. 847-848

Die Gegner-Frage


Zu diesen großen internen Schwierigkeiten stieß noch die immer massiver auftretende äußere Gegnerschaft. Die Angriffe kamen damals von allen Seiten. Rudolf Steiner wurde nicht nur von Vertretern der Wissenschaft und der Kirchen angegriffen, sondern es wurde auch von politischen Gruppen demagogisch gegen ihn als Jude, Kommunist, Freimaurer etc. gehetzt.

Zum Beispiel erschien als Leitartikel auf der Titelseite der Münchner nationalsozialistischen Zeitung »Völkischer Beobachter« vom 15. März 1921 ein Aufsatz von Adolf Hitler »Staatsmänner oder Nationalverbrecher«, in dem es im Zusammenhang mit dem damaligen deutschen Außenminister Simons heißt, daß es endlich notwendig sei, sich diesen Herrn Minister — er war jüdischer Abstammung —, »intimen Freund des Gnostikers und Anthroposophen Rudolf Steiner, Anhänger der Dreigliederung des sozialen Organismus und wie diese ganzen jüdischen Methoden zur Zerstörung der normalen Geistesverfassung der Völker heißen«, etwas näher anzusehen. »Und wer ist die treibende Kraft hinter all diesen Teufeleien? Der Jude! Freund des Doktor Rudolf Steiner, des Freundes Simons ›des Geistlosen‹.«

Und im August desselben Jahres 1921 wurde »der Kampf gegen Steiner« in der katholisch und deutschnational ausgerichteten Zeitschrift »Hochland« als eine »unerläßliche Pflicht« für alle diejenigen deklariert, »denen an der Reinhaltung unserer öffentlichen Situation liegt«, und hinzugefügt: »Vielleicht wird es auf die Dauer nicht zu umgehen sein, diesen Kampf zu organisieren.« Zu dieser Zeit wurde auch bekannt, daß auf einer Liste gewisser politischer Kreise unter den zu ermordenden prominenten deutschen Persönlichkeiten als Nummer 8 oder 9 Rudolf Steiner aufgeführt gewesen sein soll. (Hans Büchenbacher »München 1923« in »Erinnerungen an Rudolf Steiner. Gesammelte Beiträge aus den Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit in Deutschland 1947-1978«, Stuttgart 1979.)

Da Rudolf Steiner aufgrund seines Einsatzes für eine soziale Neugestaltung eine berühmte und umstrittene Persönlichkeit geworden war, hatte die damals größte deutsche Konzertagentur ihm angeboten, seine öffentlichen Vorträge in Deutschland zu organisieren. Der Andrang zu diesen Vorträgen wurde so groß, daß er zeitweise durch die Verkehrspolizei geregelt werden mußte.

Als Folge davon kam es zu der in der Zeitschrift »Hochland« angekündigten Organisierung des Kampfes. Von alldeutscher und völkischer Seite — diesen Vorläufern des Nationalsozialismus — wurden Tumulte inszeniert. Besonders schlimm war es in München. Bei dem öffentlichen Vortrag am 15. Mai 1922 im Hotel »Vier Jahreszeiten« konnte Rudolf Steiner einem auf ihn geplanten Attentat [aus dem Umkreis der Thule-Gesellschaft] nur durch den Einsatz einer von Freunden gebildeten Leibgarde unversehrt entkommen. Die Völkischen hatten schon vorher proklamiert: «Hoffentlich finden sich deutsche Männer, die verhindern, daß dieser Herr den Boden Münchens überhaupt betritt.» (Hans Büchenbacher »München 1923«, a.a.O.)

Diese Vorkommnisse machen erst verständlich, warum in den Gesellschaftsverhandlungen des Jahres 1923 die Frage der Gegnerabwehr so stark im Vordergrund stand. Sie war einfach zur Existenzfrage für Rudolf Steiner und die Gesellschaft geworden. Von deren Seite versuchte man die Abwehr zwar mit ehrlicher Absicht, aber es mangelte an Routine und Schlagfertigkeit. Insbesondere war die Art des Vorgehens für Rudolf Steiner so ungenügend, daß er sich veranlaßt sah, festzustellen: »Wenn es wirklich notwendig werden sollte, daß ich mich lediglich damit beschäftige, die Gegner abzuwehren, so ist das ja für mich eine Aufgabe, die natürlich unendlich viel schwieriger ist als die Abwehr der Gegner durch das positive Sich-Stellen einer Aufgabe von seiten der Anthroposophischen Gesellschaft. Aber der Entschluß, selber daranzugehen, die Gegner abzuwehren ... würde ja als erstes notwendig machen, daß ich meine Tätigkeit für die Anthroposophische Gesellschaft einstellen müßte, mich zurückziehen müßte auf bloß persönliches Wirken.«

[...]


S. 863-864


Bald darauf muß er in seinem Entschluß weiter bestärkt worden sein durch die politischen Ereignisse in Deutschland. Als die Meldung von dem am 9. November in München erfolgten Hitler-Ludendorff-Putsch in Dornach bekannt wurde, soll er geäußert haben: »Wenn diese Herren an die Regierung kommen, kann mein Fuß deutschen Boden nicht mehr betreten.« (Persönliche Mitteilung von Anna Samweber an Hella Wiesberger). Noch am gleichen Tag habe er die Berliner Mitarbeiterin Anna Samweber, die sich gerade in Dornach aufhielt, gebeten, sofort nach Berlin zurückzukehren, um seinen Auftrag, die dortigen Mietverhältnisse zu kündigen, zu übermitteln. (Persönliche Mitteilung von Anna Samweber an Hella Wiesberger) Demnach hatte er sich auf dieses politische Ereignis hin sofort entschlossen, seinen und Marie Steiners Berliner Wohnsitz aufzugeben und den Philosophisch-Anthroposophischen Verlag von Berlin nach Dornach zu verlegen. Mit Marie Steiner muß er damals verabredet haben, daß sie von Holland aus — wohin sie zu einer anthroposophischen Tagung und Gründung der holländischen Landesgesellschaft am 12./13. November abzureisen hatten — direkt nach Berlin weiterreisen und den Umzug veranlassen solle, während er selbst nach Dornach zurückkehren werde, um die Weihnachtstagung vorzubereiten. Auch müssen sie — wahrscheinlich noch in Dornach, eventuell erst in Holland — über die Besetzung des künftigen Vorstandes der Gesellschaft miteinander beraten haben.


Sitzung mit dem Dreissigerkreis in Stuttgart, 8. Februar 1923


Quelle: GA 259, S. 284-286.


Dr. Steiner: Das eine ist die Gegnerschaft, die sich der Verleumdung bedient; das andere ist das, was die Gegnerschaft durch Aufstellung eines Zerrbildes macht. Dann fragt es sich, ob nicht doch diese Gegnerschaft unter Umständen — Sie können sich darüber ja äußern — ein bißchen kühner angegriffen werden müßte, was nur durch die Verwendung einzelner Worte möglich und notwendig ist.

Nicht wahr, die Gegner sind vielfach geschützt durch ein gewisses Ansehen, das sie in offizieller Weise haben. Denn für die Welt ist der gestern von Dr. Rittelmeyer erwähnte Dr. Jeremias eben der bekannte Orientalist der Leipziger Universität, während er — wenn das so ist, wie Dr. Rittelmeyer dargestellt hat — eine ganz gemeine Natur ist. Der hat mich wiederholt besucht, hat sich über einzelne Fragen in ernsthafter Weise auseinandergesetzt, hat gebeten, beim Vortrag in Leipzig anwesend sein zu können. Es war kein Grund vorhanden, ihn nicht anwesend sein zu lassen. Nachher entpuppt er sich als ein gemeiner Heuchler. Solche Beispiele sind eigentlich etwas, was man heute nicht mehr entbehren kann in der Charakteristik der Gegner. Man muß den Leuten diese Maske herunterreißen. Ich führe das nur als ein Beispiel an. Man müßte sich klar darüber sein, was das heißt, wenn sich jemand eingeschlichen hat in der Maske desjenigen, der «erkennen will» und nachher auftritt als gemeiner Verleumder. Wenn wir nicht dazu gelangen, diese Gemeinheit unter Leuten, die einfach durch ihre amtlichen Würden geschützt sind, etwas zu enthüllen, wenn uns das nicht gelingt, dann geht die Sache schwierig.

Dr. Rittelmeyer: Ich bin bei der Versammlung dabeigewesen. Da hat er Sie, Herr Doktor, persönlich preisgegeben. Er hat gesagt, er unterscheide zwischen der Anthroposophie selbst und der Person des Gründers der Anthroposophie. Der Güterzug könne Waren enthalten, die gut seien, wenn auch die Lokomotive schadhaft sei.

Dr. Steiner: Solch eine Sache muß man vor der Welt an den Pranger stellen. Das ist heute nach der einen Seite so. Aber nach der anderen Seite muß die besondere Art der Kampfesweise charakterisiert werden, die darin besteht, daß die Gegner sich nicht einlassen auf eine Diskussion, sondern sie nehmen zum Teil die Sache an wie der Goesch, aber zugleich treten sie mit den gemeinsten, unsachlichen, rein persönlichen Verleumdungen auf. Dies ist die ganz präzise Tatsache; davor kann in der Gegenwart nicht zurückgeschreckt werden, diese zu kennzeichnen. Eventuell müßten einzelne Beispiele charakterisiert werden. Aber das braucht nicht mit Namen angeführt zu werden, vielleicht ist es sogar nicht gut, Namen anzuführen, vielleicht können die Namen vermieden und die Leute einfach charakterisiert werden.


15. Rudolf Hess, Jakob Wilhelm Hauer und die Anthroposophen


Uwe Werner, Januar 2001


Meine Recherchen, die sich vorwiegend auf Primärquellen stützen (vgl. Uwe Werner, Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus, München 1999), kommen zu folgendem Ergebnis:

Rudolf Hess war kein Anthroposoph und hatte auch keine Sympathie für die Anthroposophie. Er zeigte ein Interesse an der biologisch-dynamischen Landwirtschaft und – in geringerem Grade – an Aspekten der Waldorfpädagogik, so weit sie vom Einfluss der Anthroposophie getrennt werden. Schon als Heydrich am 1. November 1935 das Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland unterzeichnete, unterstützte Hess diese Maßnahme in einem Schreiben an Himmler vom 19. November 1935 mit den Worten »da dieser Tage mit Recht gegen Reste der Anthroposophie vorgegangen wird ...«.

Daß man später vermutete, daß Hess etwas mit Anthroposophie zu tun hatte, hat zwei Gründe: erstens der Ruf des Amtes Hess als »weiche« Stelle im Regime, an der man sich für Beschwerden gegen das Vorgehen von Parteistellen oder sonstige Anliegen Gehör erhoffen konnte, und zweitens die Verleumdungen eines erbitterten Gegners von Rudolf Steiner und der Anthroposophie, des Tübinger Professors Jakob Wilhelm Hauer, ein persönlicher Bekannter Himmlers.


Kontakte der Anthroposophen zum Amt Hess


In den ersten Jahren des Nazi-Regimes hatte Hess noch eine erhebliche Macht. Als »Stellvertreter des Führers« war er gegenüber allen Parteistellen weisungsberechtigt, ja, er erhielt sogar Ministerrang mit Vetorecht gegen alle Gesetzesvorlagen. Jeder konnte sich mit seinen Anliegen an das Amt Hess wenden, und tat es auch oft. Das Amt Hess hat nicht wenig zu der Illusion der ersten Jahre beigetragen, dass die Brutalitäten und Zerstörungskräfte der Nazis Auswüchse seien und von den Nazis auch »Gutes« erwartet werden könne.

Hess war ein Anhänger von Naturheilverfahren und von naturnaher, vegetarischer Ernährung. Als die biologisch-dynamischen Landwirte von der chemischen Düngemittelindustrie angegriffen wurden, und der nationalsozialistische Wirtschaftsminister in Thüringen ein Verbot der Verbreitung biologisch-dynamischer Produkte erließ (15. November 1933), entschlossen sich die biologisch-dynamischen Landwirte auf Anraten und durch Vermittlung des Gartenarchitekten Alwin Seifert, sich an Hess zu wenden. Seifert interessierte sich nicht für Anthroposophie, aber sympathisierte mit der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Er hatte den Garten der Villa von Hess in München gebaut und ging bei ihm ein und aus.

Seifert sprach Hess an. Dieser erklärte sich bereit, die biologisch-dynamischen Landwirte anzuhören. In Berlin fand eine 1/2 stündige Sitzung statt. Hess bestimmte darauf hin, dass man die Polemik lassen solle und erst einmal wissenschaftliche Versuche anstelle, an denen die Leistungsfähigkeit dieser »Landwirtschaftsmethode« überprüft werden könne. Das geschah auch. Die Versuche wurden über 4 Jahre hin durchgeführt, und die Resultate waren so überzeugend, daß schließlich (1939/40) auch Richard Walther Darré Interesse daran fand, der aber von Himmler verdrängt wurde: Himmler meinte, hier die gesunde Ernährung für seine SS zu finden.

Himmler und Hess, ansonsten intern die größten Gegner, hatten – wie andere Naziführer auch – dieses gegenüber der Anthroposophie gemeinsam: sie betrachteten sie als okkultistisch-mystische Bewegung mit Misstrauen oder Haß, interessierten sich aber für manche aus der Anthroposophie hervorgegangene »Methoden« wie die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise und – teilweise – die Waldorfpädagogik. Deshalb wollten sie diese als »Methoden« ausdrücklich unter Weglassung der Anthroposophie vereinnahmen.

Die zweite und letzte direkte Begegnung zwischen einem Anthroposophen/in und Rudolf Hess fand im Jahre 1934 statt und dauerte 3 Minuten. Elisabeth Klein, Vertreterin der Dresdner Rudolf Steiner Schule, fing Hess im Wartezimmer des Braunen Hauses, der Parteizentrale in München, ab. Als dieser sie fragte, was denn an den Waldorfschulen Besonderes sei, antwortete sie, dass sich die Waldorfschulen zum allgemeinen Schulwesen so verhielten wie die biologisch-dynamische Landbauweise zur üblichen Landwirtschaft. Dies war der einzige Kontakt mit Hess. Ansonsten hatte Klein einen der Privatsekretäre von Hess, Alfred Leitgen, von den Vorzügen der Waldorfpädagogik eingenommen. Von diesem ging dann die Unterstützung für die Waldorfschulen aus, die deren Schließung zwar letztlich nicht verhinderte, aber teilweise hinauszögerte.

In diesem Zusammenhang wurden die beiden Gutachten Baeumlers erstellt. Eines über die Waldorfschulen, bei denen Hess die Einrichtung von 2 oder 3 staatlichen Versuchsschulen befürwortete, in denen aber die anthroposophischen Lehrer durch nazitreue Lehrkräfte ersetzt werden sollten. Das andere über die Philosophie Rudolf Steiners, in dem Baeumler die Gegensätzlichkeit von Nationalsozialismus und Anthroposophie genau herausarbeitete. Baeumler ließ aber das rein Philosophische gelten. Durch die Komplizität der beiden Widerständler in der Verbotsstelle des Propagandaministeriums, Hugo Koch und Heinrich Gruber, konnten Steinerwerke noch 1939 wieder gedruckt werden.

Bei all diesen Unternehmungen handelte es sich seitens der Anthroposophen unzweideutig um Versuche, dem Nazistaat soweit es ging, Überlebensmöglichkeiten für ihre Institutionen abzuringen. Hess war gutmütig, hatte ein offenes Ohr für Anliegen aus allen möglichen Richtungen, aber von Anthroposophie keine Ahnung. Bestrebungen, Hess die Anthroposophie nahe zu bringen, hat es seitens der Anthroposophen nicht gegeben. Außerdem gab es dazu auch keinerlei Gelegenheit.


Die Behauptungen Jakob Wilhelm Hauers


Daß er in späterer Zeit trotzdem mit Anthroposophie in Zusammenhang gebracht wurde, ist einerseits auf ungenügende Recherchen der eben geschilderten Zusammenhänge zurückzuführen. Selbst Anna Bramwell, die sich auf solche und ähnliche Zusammenhänge (Darré) stützt, hat in dieser Frage kein Quellenmaterial vorgelegt (Siehe U. Werner, Anthroposophen..., S. 296 und 336). Wieviele Anthroposophen gäbe es heute, wenn man durch genießen von Demetergemüse, und mehr war es bei Hess nicht, Anthroposoph werden würde!

Vielmehr ist die Arbeit von Jakob Wilhelm Hauer für diese Gerüchtebildung, aus der dann angebliche Tatsachen entstanden, verantwortlich.

Hauer bekämpfte schon 1921 Rudolf Steiner und die Anthroposophie. In den zwanziger Jahren begründete er eine »deutsche Glaubensbewegung« von der er erhoffte, daß sie zur nationalsozialistischen Staatsreligion erhoben werde. Als Mitarbeiter des SD, des SS-Geheimdienstes, hatte er schon im Februar 1934 ein entscheidendes Gutachten geliefert, dessen Wortlaut teilweise in die Verbotsformulierung gegen die Anthroposophische Gesellschaft übernommen wurde.

Als Hess am 10. Mai 1941 nach England abflog, schrieb er – zwischen dem 13. und 16. Mai – gleich drei Briefe an Heinrich Himmler, in denen er Hess, der eine Neigung zur Anthroposophie hätte, als ein Opfer der Anthroposophen darstellte. Diese hätten ihn in England in Empfang genommen und suggestiv bearbeitet. »Ich darf noch einmal darauf hinweisen, dass ich seit Jahren vor der Anthroposophie gewarnt habe. Seit zwei Jahrzehnten bekämpfe ich sie. Und es ist furchtbar, dass diese seelische Pest so lange im deutschen Volk grassieren durfte, bis sie eine Grundfeste des Reiches erschüttern konnte«. (Hauer an Himmler am 13. Mai 1941).

Hauers Darstellung war gelungen, da Hessens Gesicht für die Naziwelt gewahrt blieb: Hess wäre nicht selbst verantwortlich für sein Handeln, sondern nur der Suggestion der Anthroposophen erlegen. In den folgenden Wochen wurde Hauer denn auch mehrfach nach Berlin gerufen. Er bereitete im Reichssicherheitshauptamt die Aktion gegen die inneren Gegner vor, die okkultistischen Bewegungen, die vor dem Rußlandfeldzug (22. Juni 1941) ausgemerzt werden mußten. Die Gestapoaktion, die am 9. Juni 1941 anlief, richtete sich nicht zuletzt gegen die Anthroposophen und die Pfarrer der Christengemeinschaft. Ihre Entlassung aus den Gefängnissen verdankten einige von ihnen der auf Umwegen erlangten Hilfe aus den Kreisen des Widerstands von Admiral Canaris, von Oberst Oster und von Carl Langbehn.

Behauptungen über ein angebliches Interesse von Hess für die Anthroposophie verkennen die damaligen Verhältnisse und haben meines Erachtens sämtlich ihren Ursprung in den Thesen von Hauer, die natürlich innerhalb des Sicherheitsdienstes der SS bekannt waren. Auch Schellenberg kann sie in Vorbereitung der Aktion vom 9. Juni 1941 nur dort, vermutlich in direktem Kontakt mit Hauer, übernommen haben. Dass diese heute von Gegnern der Anthroposophie benutzt werden, um diese auf dem Umweg über Hess mit dem Nazitum zu verbinden, ist wissenschaftlich fahrlässig und eine grobe Geschichtsfälschung.

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