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Anthroposophie / Erweiterungen / Beiträge zur Esoterikforschung / Das Fragment der Geheimwissenschaft 1903

Das Fragment der Geheimwissenschaft im Umriss 1903

Von Lorenzo Ravagli.

Das Fragment der Kosmogonie, das Rudolf Steiner 1903/1904 verfasst hat, ist aus zwei Gründen bemerkenswert.

Erstens, durch die gedanklich-sprachliche Form. Steiner leitet die ganze Weltentwicklung konsequent und logisch konsistent aus den zu Beginn des Textes geschilderten, verschiedenen menschlichen Bewusstseinsformen ab.

Zweitens durch den Inhalt. Im Fragment erscheinen die Engels-Hierarchien als Inhalte einer ausdrücklich als »christliche Geheimwissenschaft« [1] bezeichneten Lehre, mit den Namen, die Dionysios Areopagita systematisiert hat, angefangen von den Engeln bis zu den Seraphim. Steiner legt in diesem Fragment die Inhalte dieser »christlichen Geheimwissenschaft« demnach bereits 1903/04 dar. Die Vorgänge auf den einzelnen Stufen der Evolution werden nicht so detailliert, aber in ihren wesentlichen Grundzügen so beschrieben, wie später in der »Geheimwissenschaft im Umriss«. Darüber hinaus ist die Tatsache bemerkenswert, dass in diesem Fragment an keiner Stelle auf theosophische Literatur Bezug genommen wird. Es taucht weder eine indische Terminologie auf, noch wird sonst in irgendeiner Art diese Literatur einbezogen, denn die gedanklichen Inhalte werden durch logisch-systematische Ableitung aus sich selbst entwickelt.

Es ist offensichtlich, dass Steiner in diesem Fragment den Versuch unternahm, eine voraussetzungslose, aus sich heraus verständliche Herleitung einer Kosmogonie zu schreiben, die nicht mehr als den Begriffsrahmen benötigte, den er bereits in seiner eigenen »Theosophie« umrissen hatte. Auch in diesem Text zeigt sich Steiner wieder, wie in allen bisherigen, seinem Verständnis von wissenschaftlicher Methode verpflichtet, das er in den »Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften« formulierte: »Und darinnen besteht die wissenschaftliche Methode, dass wir den Begriff einer einzelnen Erscheinung in seinem Zusammenhange mit der übrigen Ideenwelt aufzeigen. Wir nennen diesen Vorgang: Ableiten (Beweisen) des Begriffes. Alles wissenschaftliche Denken besteht aber nur darinnen, dass wir die bestehenden Übergänge von Begriff zu Begriff finden, besteht in dem Hervorgehenlassen eines Begriffes aus dem andern. Hin- und Herbewegung unseres Denkens von Begriff zu Begriff, das ist wissenschaftliche Methode.« [2]

1. Bewusstseinsformen

Die einzelnen Evolutionsstufen der Erde werden aus Bewusstseinsformen hergeleitet. Für das gewöhnliche Wachbewusstsein ist eine physische Welt mit ihren Gegenständen vorhanden, die Seelenkräfte des Denkens, Fühlens und Wollens beziehen sich auf diese physische Welt. Von diesem Wachbewusstsein sind der traumerfüllte und der traumlose Schlaf zu unterscheiden.

Traumbewusstsein

Das Traumbewusstsein lebt in Bildern. Traumbilder sind Sinnbilder und das Traumbewusstsein ist schöpferisch, weil es die Sinneseindrücke oder Impressionen, an die es anknüpft, umgestaltet. Der Mensch begibt sich während des traumerfüllten Schlafs in eine andere, die »astrale« Welt, von der ihm seine Träume eine Ahnung vermitteln. Während des Traums nimmt der »seelische« Leib durch seine eigenen Organe diese Welt wahr, wie der physische durch die seinigen die physische Welt.

Durch die Einweihung lassen sich die Organe des Astralleibs entwickeln und ein Selbstbewusstsein, ähnlich dem des Tages, tritt während des Träumens ein. Die astrale Welt stellt sich diesem Selbstbewusstsein, das durch »Erweckung oder Wiedergeburt« hervorgerufen wird, als in sich geordnet und harmonisch dar, im Gegensatz zum chaotischen Traumbewusstsein. Sie ist von Tatsachen und Wesenheiten erfüllt, die sich in Bildern offenbaren. Aus diesen Bildern formen sich die Dinge der sinnlichen Welt. Die physische Welt entsteht aus der astralen, wie Eis aus Wasser. [3]

Wie ein »Erstarren« nimmt sich die Entstehung eines physischen Gegenstandes gegenüber dem astralen Bild aus. Dieses Gedankenbild, das die physische Welt aus der seelischen und geistigen durch »Verdichtung« oder »Ablähmung« von lebendigen Bildeprozessen hervorgehen lässt, ist uns bereits in der »Theosophie« 1904 begegnet. Dort schildert Steiner im Kapitel über die »physische Welt und ihre Verbindung mit Seelen- und Geisterland« die sinnliche Welt als jenen kleinen Ausschnitt der gesamten Umwelt des Menschen, der mit leiblichen (physischen) Sinnesorganen wahrgenommen werden kann. Die Sinnendinge sind eine Erscheinungsform von Seelen- und Geistwesen, verdichtete Seelen- und Geistgebilde. Wie Eis hebt sich die Sinneswelt vom Wasser ab. Weil sie eine verdichtete Form der Geistwelt ist, kann der Mensch sie durch seine Gedanken verstehen. Denn seine Gedanken sind selbst eine Erscheinungsform der Urbilder dieser sinnlichen Dinge. [4]

Die Substanz, aus der die Bilder der astralen Welt geformt sind, so Steiner im Fragment weiter, trägt der Mensch in Form von Begierden, Wünschen, Sympathien und Antipathien in sich. Aus dieser Substanz formt auch das Traumbewusstsein seine Bilder. Im Gegensatz zum Uneingeweihten wird für den Eingeweihten die astrale Welt zum Gegenstand der Anschauung, während der erstere durch seine Wünsche und Begierden nur in dieser Welt lebt. Der Eingeweihte fühlt nicht nur seinen Wunsch, er nimmt ihn auch als Objekt einer Außenwelt wahr, der er beobachtend gegenüber steht. Das »Selbstbewusstsein« des gewöhnlichen Menschen befindet sich während des Traums in einer noch höheren Welt, aus der es sich beim Aufwachen in den Leib hinabsenkt.

Traumloses Schlafbewusstsein

Im traumlosen Schlaf tritt auch die bilderzeugende Kraft aus dem physischen Leib. Das traumlose Bewusstsein ist das Bewusstsein des physischen Leibes. Der »bilderzeugende Leib« [5] stellt die Kräfte des physischen Leibes wieder her, die durch das Tagesbewusstsein verbraucht werden. Die Seele wendet im Tiefschlaf ihre ganze Schöpferkraft dem physischen Leib zu. Die Disharmonie des Tages wird durch sie wieder ausgeglichen. Sie durchtönt während des Schlafs den physischen Leib mit ihren Harmonien, aus denen der physische Leib ursprünglich auch gebildet worden ist. Diese Harmonien durchklingen die ganze Welt. So wie die Bilderwelt, die den Menschen umgibt, vom »Erweckten« wahrgenommen wird, so auch diese Welt mit ihren Klängen. In den Klangharmonien dieser dritten Welt erschließt sich dem Erweckten die Bedeutung und Wesenheit der Bilder, aus denen die physischen Formen entstanden sind.

Es ist offensichtlich, dass Steiner mit diesen Ausführungen auf die beiden Erkenntnisstufen der übersinnlichen Erkenntnis, Imagination und Inspiration, das bildhafte Anschauen und das Leben in Tönen, in »Sprache«, hindeutet, von denen in seinen Schriften nach der Jahrhundertwende, von der »Mystik« bis zu »Wie erlangt man ...« schon die Rede war. Seine Schilderungen der verschiedenen Bewusstseinszustände schließen unmittelbar an die Darstellungen in »Wie erlangt man ...« an. Es ist ebenso offensichtlich, dass er sich systematisch darum bemüht, Beobachtungen zu beschreiben und anhand dieser Beschreibung Begriffe zu entwickeln, ohne den Phänomenen sogleich eine bestimmte traditionelle Terminologie zuzuordnen.

Der Mensch besteht während des Wachens, so Steiner weiter, aus drei Gliedern: dem physischen Leib, der durch seine Sinne die physische Welt wahrnimmt, einem Leib bewegter Bilder, der die Urbilder des physischen Leibes enthält, und dem dritten Leib mit seinen Tonharmonien. Damit können fünf Bewusstseinszustände unterschieden werden: das traumlose Schlafbewusstsein, der Traumschlaf, das wache Tagesbewusstsein, das Bilderbewusstsein und das Tonbewusstsein des Eingeweihten.

Systematik der Bewusstseinszustände, Bewusstseinsformen

Das Bewusstsein des Eingeweihten entwickelt sich aus dem wachen Tagesbewusstsein. Dieses selbst hat sich aus den tieferen Bewusstseinsstufen entwickelt. Der Eingeweihte setzt diese Entwicklungslinie lediglich fort. Es gibt aber noch einen höheren, dem Eingeweihten erreichbaren Bewusstseinszustand. Denn im Tonbewusstsein ist die Seele noch mit dem Leib verbunden. Die Seele kann den Leib ganz verlassen und der Eingeweihte vermag Organe zu entwickeln, um in diesem Zustand wahrzunehmen. Für dieses Bewusstsein ist »der Sinn der Welt« unmittelbar zugänglich, Steiner bezeichnet es als »spirituelles oder rein geistiges Bewusstsein«. Später prägt er für diesen Zustand den Begriff des intuitiven Bewusstseins, der »Intuition« (»Die Stufen der höheren Erkenntnis«).

Diesem spirituellen Bewusstsein müsste ein noch dumpferes Bewusstsein entsprechen, in dem der traumlose Schlaf von einem ganz seelenlosen Zustand unterbrochen wäre. Der physische Leib wäre dann ganz sich selbst hingegeben. Das käme aber einem vorübergehenden Tod gleich. Deswegen kann der gegenwärtige Mensch diesen Zustand nicht »darleben«. Dieser dumpfeste Bewusstseinszustand ging aber in der Entwicklung der Menschheit dem traumlosen Schlaf voraus. Demnach können sieben Zustände unterschieden werden: zusätzlich zu den genannten ein dumpfestes und auf der Gegenseite das spirituelle Bewusstsein. Der »Leib« des Menschen ist gegenwärtig nur bis zur vierten Bewusstseinsstufe, dem Wachbewusstsein, vorgedrungen. Die höheren Zustände kann jedoch der Eingeweihte erreichen. Von den drei ersten Stufen, durch die der Mensch hindurchgegangen ist, trägt er nur noch zwei im Schlaf an sich. Die drei höheren Bewusstseinsstufen können »noch nicht Ausdruck im physischen Leib finden«, weil dieser für sie keine Organe besitzt, er wird sie aber künftig entwickeln. Die Bewusstseinsstufen können tabellarisch zusammengefasst werden:

4. helles Tagesbewusstsein

3. Traumbewusstsein

5. Bilderbewusstsein [Imagination]

2. traumloses Schlafbewusstsein

6. Tonbewusstsein [Inspiration]

1. niedriges, dumpfestes Bewusstsein

7. spirituelles Bewusstsein [Intuition]

2. Übergang zur Ontologie

Die Welt stellt sich entsprechend dar: als physische Welt der leiblichen Sinne, als Bilderwelt, die diese umhüllt und durchdringt, als eine beide durchsetzende Tonwelt und eine allen zugrunde liegende spirituelle Welt. Der heutigen Welt ist eine andere vorangegangen, in der der Mensch lediglich ein in Bildern lebendes Traumbewusstsein besaß. Seine Umgebung bestand aus sich wandelnden Bildern. Unterbrochen wurde dieses Bewusstsein vom traumlosen Schlafbewusstsein. Und dieses wiederum vom dumpfen, ersten Bewusstseinszustand. In einer noch früheren Welt besaß der Mensch nur ein traumloses (bilderleeres) Schlafbewusstsein, unterbrochen vom ersten Bewusstsein und einem noch tieferen, das heute »alle Bedeutung verloren« hat. In der ersten Welt, von der die Geisteswissenschaft spricht, besaß der Mensch nur das tiefste, dumpfe Bewusstsein, das von zwei heute bedeutungslosen Zuständen unterbrochen wurde.

Es lassen sich vier Stufen unterscheiden, durch die der physische Menschenleib gegangen ist. Und in der Zukunft wird sich der »physische Leib des Menschen« die drei höheren Bewusstseinsformen aneignen. Er wird Organe entwickeln, durch die er die Bilderwelt, die Welt der Töne und eine geistige Welt anschauen kann, die sich dann aber in die physische Natur ausgegossen haben werden. [6]

Bemerkenswert ist an diesen Ausführungen, welch fundamentale Bedeutung Steiner dem physischen Leib des Menschen beimisst. Er ist von Beginn der kosmischen Evolution an die Grundlage der spezifisch menschlichen Existenzform, die sich durch verschiedene ontologische Schichten hindurch entwickelt. In jeder dieser Schichten metamorphosiert sich dieser physische Leib grundlegend und nimmt neue Organe in sich auf, durch die er die ontologischen Sphären, in die er eintritt, wahrzunehmen vermag. Am (vorläufigen) Ende des gesamten kosmischen Werdeprozesses wird dieser physische Leib des Menschen so sehr vergeistigt sein, dass er der Träger eines selbstbewussten Weltbewusstseins, des intuitiven Bewusstseins, sein kann. Es ist jenes Bewusstsein oder jene Existenzform des Menschen, die in der »Philosophie der Freiheit« als »in sich geschlossene Totalexistenz im Universum« bezeichnet wird. Für diese Existenzform steht nach 1900 der Begriff des »Geistesmenschen«, des individualisierten und zugleich universalisierten physischen Leibs, in dem das menschliche Ich den Makrokosmos mit all den Bildekräften, die in seinem physischen Leib zusammen geflossen sind, in sein schöpferisches Bewusstsein aufgenommen hat.

3. Übergang zur Kosmogonie

Die »Geheimwissenschaft« benennt diese Entwicklungsstufen des physischen Leibes bzw. des menschlichen Bewusstseins mit Namen, die später auf die Planeten übergegangen sind: Saturn, Sonne, Mond und Erde. Die künftigen: Jupiter, Venus und Vulkan. Der gegenwärtige Eingeweihte muss sich in höhere Welten erheben, um sich die höheren Bewusstseinsformen anzueignen, der Mensch wird sie künftig in der physischen Welt besitzen. Heute werden die Organe des Eingeweihten aus höheren Welten gebildet, dereinst werden sie am physischen Menschenleib aus den Einwirkungen der »physischen Umgebung« entstehen. Der Mensch kann immer nur jene Welt wahrnehmen, aus der seine Organe gebildet sind. In Zukunft wird die physische Welt Bildekräfte besitzen, die gegenwärtig noch höheren Welten angehören. Die »Naturumgebung« des Menschen, aus der er selbst gebildet wird, erweitert und gestaltet sich fortwährend um.

Die Kosmogonie lässt sich als aufeinanderfolgende Verkörperung immer höherer Welten beschreiben. Die »Erde« befindet sich in ihrer vierten Verkörperung, sie besitzt die Fähigkeit, dem Menschen die Organe des hellen Tagesbewussteins einzuprägen. Sie hat sich aus einem anderen physischen Zustand entwickelt, in dem sie dem Menschen lediglich die Organe für das Traumbewusstsein einprägen konnte (und wird insofern »Mond« genannt), dieser wiederum aus einem, der dem Menschen die Organe des traumlosen Schlafbewusstseins einprägen konnte (»Sonne«) und dieser aus dem »Saturn«, der dem Menschen die Organe des traumlosen Tiefschlafs einprägte.

Der Weltkörper kann dem Menschen die Organe einprägen, weil »vorauseilende Menschenwesen« diese Organe vorbilden. Die »Eingeweihten« tun dies in Bezug auf die »Jupiter«organe. Sie bereiten das Physischwerden jener Bilderwelt vor, in die sie sich durch die Ausbildung seelischer Wahrnehmungsorgane zu erheben vermögen. Die Eingeweihten sind die Umbildner des Weltkörpers, den sie bewohnen. Von ihnen strahlen Bildungskräfte aus, die die Dinge der physischen Menschenumgebung ins Dasein rufen. Die »Eingeweihten« der »Mond«stufe haben geistig die physische Gestalt der Erde vorbereitet, die heutige Erdenumgebung war Inhalt ihrer Seelenerlebnisse, sie nahmen die Erde als Gegenstand einer ihnen zugänglichen höheren Welt wahr. Entsprechend der Analogie müssten sich diese »Eingeweihten der Mondstufe« aus dem Traumbewusstsein des Mondes in das wache Tagesbewusstsein erhoben haben.

Sieben große Weltkreisläufe oder Weltperioden unterscheidet die »Geheimwissenschaft«, durch welche die so genannte Erde hindurchgeht. In jeder erringt »der Menschenleib« eine höhere Bewusstseinsstufe. Die Vierheit charakterisiert die Gegenwart, von ihr sprach schon Pythagoras.[7] Vier ist die Zahl der großen Welt des Makrokosmos. Der Mensch steht diesem als Mikrokosmos gegenüber. In seiner Seele trägt er der Anlage nach die künftige Gestalt des Makrokosmos. Im Menschen liegt »der schöpferische Mutterschoß«, eine »schöpferische Keimanlage« dieses Makrokosmos.[8] Die künftige Gestalt der Welt geht aus dem Menschen hervor, er trägt seine geistigen und moralischen Eigenschaften in diese künftige Welt ein.

4. Lebensstufen (Stufen des Seelenerlebens)

Die Seele muss aber zuerst innerlich erleben, was sie nach außen gestalten soll. Ehe sie dem Leib Organe für das wache Tagesbewusstsein einzuprägen vermochte, musste sie Entwicklungen durchlaufen, durch die sie diese Fähigkeit erwarb. Bevor sie die einzelnen Bewusstseinszustände schaffen konnte, musste sie diese in sich erleben. Diese Entwicklungsstufen der Seele, die den Bewusstseinsarten vorausgehen, nennt Steiner »Lebensstufen«. Leben geht dem Bewusstsein voraus, Leben ist innerlich, Bewusstsein auf Gegenüberständliches bezogen. Auch die Erde musste durch vier Lebenszustände hindurch, ehe das Tagesbewusstsein auf ihr erscheinen konnte.

Im Folgenden schildert Steiner nun sieben Stufen des Seelenerlebens (Lebens), die sich aus der Verinnerlichung dessen ergeben, was in den Bewusstseinszuständen als Außenwelt wahrgenommen wird. Damit ist der systematische Knotenpunkt bezeichnet, der durch eine Umstülpung des Äußeren in etwas Inneres die Lebenszustände bildet. Steiner leitet auf diese Weise sieben Lebenszustände ab. Die betreffenden Begriffe sind bereits aus dem Kapitel über die »physische Welt und ihre Verbindung mit Seelen- und Geisterland« der Theosophie vertraut. [9]

(1) In einem »ersten Elementarreich« wird der Stoff in seiner ursprünglichen Eigenschaft, in Bewegung, erlebt, es ist das Reich des dumpfen Stofferlebens.

(2) Im »zweiten Elementarreich« kommt Harmonie in diese Bewegungen, in ihm wird das dumpfe Stofferleben zum innerlichen Gewahrwerden des Rhythmus als Klang, zum Erleben innerer Bewegung.

(3) Im »dritten Elementarreich« formen sich die Bewegungen zu Bildern um, es wird zum Erleben innerer Gestaltung.

(4) Auf der vierten Stufe werden Bilder zu festen Formen, einzelne treten heraus und können äußerlich wahrgenommen werden, es ist das »Reich der äußeren Leiber«, gekennzeichnet durch das Erleben einer festen Umgrenzung.

(5) Auf der fünften Stufe wird der Formenwandel sich bildender und umbildender Gestalten erlebt, also Erleben des Umgestaltens. Es ist das »Reich der wachsenden und sich fortpflanzenden Leiber«. Auf einer höheren Stufe kehrt hier das dritte Elementarreich wieder.

(6) Im sechsten Reich, dem der »empfindenden Wesen«, wird die Wirkung des Äußeren auf das Innere erlebt.

(7) Im siebten, dem »Reich der mitfühlenden Wesen«, wird das Innere der wirkenden Wesen miterlebt. Auch diese sieben Stufen werden tabellarisch zusammengefasst:

4. Erleben einer festen Umgrenzung

3. Erleben innerer Gestaltung

5. Erleben des Umgestaltens

2. Erleben innerer Bewegung

6. Erleben der Wirkungen der Außenwelt als Empfindung

1. dumpfes Stofferleben

7. Miterleben der Außenwelt

5. Schaffender Geist (Formzustände)

Schließlich führt Steiner eine dritte ontologische Kategorie, die des »schaffenden Geistes« ein. Dem »Erleben der Seele« muss das »Schaffen dieses Lebens« vorausgehen. Würde das Erlebbare nicht zuerst ins Dasein gebracht, könnte es nicht erlebt werden. Der Leib nimmt durch Organe wahr, die Seele erlebt sich innerlich, der Geist schafft nach außen. Sieben Arten schöpferischer Tätigkeit müssen den sieben Lebensstufen vorausgehen.

(1) Dem dumpfen Erleben des Stoffes entspricht das schöpferische Hervorbringen des Stoffes. Der Geist lässt den Stoff im Gebiet der »Formlosigkeit« gleichförmig ausströmen.

(2) Auf dem nächsten Gebiet gliedern sich unterschiedliche Stoffe ab und treten in Beziehung zueinander. Es ist das Gebiet der »Form«.

(3) Auf dem dritten gehen von den Stoffen Kräfte aus, die Stoffe ziehen sich an, stoßen sich ab. Es ist das »astrale Gebiet«.

(4) Auf dem vierten arbeiten Kräfte der Umwelt ins Innere von Wesen hinein. Es ist das Gebiet des »Physischen«. Physische Wesen sind Spiegel ihrer Umwelt.

(5) Auf dem fünften Gebiet geben sich die Wesen von innen heraus eine Physiognomie, sie drücken die Umwelt physiognomisch aus. Diese Stufe wird als »physiognomische« bezeichnet.

(6) Auf der sechsten strömt sich die Physiognomie selbst aus. Die Wesen bilden die Umwelt sich selbst gemäß. Es ist das Gebiet des »Gestaltens«.

(7) Auf der siebten Stufe geht das Gestalten in Schaffen über. Die Wesen bilden im Kleinen ihre Umwelt nach. Es ist das Gebiet des »Schaffens«. Damit sind die Stufen der Entwicklung des Geistigen, die Formstufen, beschrieben. Auch diese Stufen können tabellarisch zusammen gefasst werden:

4. Gestaltung im Sinne der Kräfte der Umwelt (physisch)

3. Einverleibung von Kraft (astral)

5. physiognomische Ausdrucksfähigkeit

2. Formgebung

6. gestaltende Macht

1. Formlosigkeit

7. schöpferische Fähigkeit

Es ist ersichtlich, dass das von Steiner zuerst Beschriebene zuletzt in Erscheinung getreten ist und umgekehrt: die ontologische Reihe verläuft also von Schaffen (Geist, Form) über Leben (Seele) zu Bewusstsein. Der Gedankengang ist im Fragment induktiv: das Frühere wird aus dem Späteren als sein ontologischer Ermöglichungsgrund hergeleitet.

6. »Saturn«

Der folgende Teil des Textes setzt mit der Beschreibung des Saturnzustandes ein. Aus den drei ontologischen Kategorien des Schaffens, des Erlebens und des Bewusstseins leitet Steiner nun in Verbindung mit den jeweils sieben Stufen die einzelnen Kreisläufe des Saturn, der Sonne und des Mondes her. Die Aufeinanderfolge der auseinander abgeleiteten Gedanken ist so konzis und verdichtet, dass sie sich nur schwer weiter zusammenfassen lässt. Dies sei dennoch versucht.

Zu Beginn der Saturnentwicklung steht der Menschenleib auf der Stufe der Formlosigkeit. Er muss erst die schöpferische Fähigkeit (die siebte Stufe der Form) erlangen, bevor eine Seele in ihm ihr erstes Stofferleben zu erfahren vermag. Die Seele muss sich so entwickeln, dass sie jeder der sieben Formen des Leibes ihre innere Bewegung mitteilen kann. Erst wenn der Leib schöpferisch ist, erwacht seine Seele zum Leben. Während der Leib sich auf dem Saturn durch sieben physische Stadien hindurch bewegt, erreicht die Seele jedes Mal eine höhere Stufe ihres Erlebens. In ihrem siebten Stadium angelangt, schreitet sie über die Saturnentwicklung hinaus und geht in die Sonnenstufe über.

7. »Sonne«

Auf der Sonnenstufe kann der Leib selbst seine Gestaltung übernehmen. Früher hat die Seele diese Gestaltung geregelt, nun trägt er einen eigenen Gestalter in sich, den »Ätherleib«. Er steht zwischen Seele und Leib als Vermittler. Die Erlebnisse der Seele gehen jetzt auf den Ätherleib über, wie zuvor auf den physischen Leib. Jetzt muss der Ätherleib sieben Formzustände durchlaufen. Wieder erreicht die Seele eine jeweils höhere Stufe. Auf der letzten bildet sie den Bewusstseinszustand des Mondes vor. Sie erlebt mit, wie der Ätherleib Gebilde erzeugt, die die ganze Sonnenwelt abbilden und spürt in sich bereits eine auf und ab wogende Bilderwelt.

8. »Mond«

Zu Beginn des Mondes überträgt sie diese Bilderwelt auf den Ätherleib, der sie benutzt, um nach ihr den physischen zu gestalten. Zwischen Ätherleib und Seele schiebt sich jetzt der »Bilderleib« oder »Empfindungsleib«. Der Bilderleib prägt seine Bilder dem Ätherleib ein, der sie auf den physischen überträgt. Wieder durchläuft der Mensch sieben Formzustände, die Seele reift in jedem höher. Im letzten vermag sie in ihren Bildern die ganze Mondenwelt zu erleben. Gleichzeitig erlebt sie den Erdenzustand voraus, sie beginnt innerhalb der wechselnden Bilder feste Formen zu schauen. Sie vermag jetzt im Ätherleib zu bewirken, dass dieser bleibende Formen ausbildet.

9. »Erde«

Im Erdenkreislauf nimmt der physische Leib die festen Bilderformen in sich auf, die zu seinen Organen werden. Zwischen Bilderleib und Seele schieben sich die Wahrnehmungen der Außenwelt. Der Leib ist der Seele teilweise entwachsen, die Außenwelt bewirkt in ihm unmittelbar Wahrnehmungen. Das Innenleben der Seele besteht im Miterleben dieser Wahrnehmungen. Ausdruck dieser Eigentätigkeit des Leibes ist das Selbstbewusstsein, das allerdings nur allmählich heranreift. Der Mensch muss erst einen Kreislauf der Formen durchmachen, in dem seine Organe nur dumpfes Stoffleben verspüren; in einem zweiten Kreislauf erlebt der Ätherleib die Außenwelt mit und gestaltet die Organe zu lebendigen Werkzeugen des physischen Organismus um; in einem dritten Kreislauf lernt der Bilderleib die Außenwelt nachzubilden, er erregt die Organe, selbst Bilder zu erzeugen, die aber noch nicht Abbilder der äußeren Welt sind. Im vierten Kreislauf erlangt die Seele die Fähigkeit, die Organe des Leibes zu durchsetzen, sie löst die Bilder von den Organen los und überzieht mit ihnen die äußeren Dinge. Erst jetzt steht eine Außenwelt vor ihr, der sie als Innerlichkeit gegenübertritt. Jetzt tritt auch die Notwendigkeit des Schlafs ein, während dessen die Seele die erschöpften Leibesorgane in früherer Art durch den Ätherleib wieder aufbaut. Der Schlaf ist das Rudiment eines früheren Bewusstseinszustands. Der Mensch hat gegenwärtig die Mitte des vierten Erdekreislaufs überschritten, deswegen vermag er nicht nur im Tagesbewusstsein die äußeren Gegenstände wahrzunehmen, sondern auch ihre Gesetze. Die Seele hat bereits mit dem Erleben ihres inneren Umgestaltens der Dinge begonnen.

10. Geisteswissenschaftliche Wesenskunde – »Saturn«

Im Folgenden geht Steiner von der ontologischen Schichtenlehre zur geisteswissenschaftlichen Wesenskunde über. Während des Saturn steht der Menschenleib auf der dumpfesten Bewusstseinsstufe. Aber Wesen, die mit dieser Entwicklungsstufe verbunden waren, besaßen bereits höhere Bewusstseinsformen. Ein Wesen war vorhanden, das bereits ein waches Tagesbewusstsein besaß.

Der Mensch betrachtet die drei Naturreiche Mineralwelt, Pflanzenwelt und Tierreich als unter sich stehend. Jenes Saturnwesen nahm drei Gruppen von Wesenheiten über sich wahr. Die »christliche Geheimwissenschaft« bezeichnet sie mit den Namen (von oben) »Herrschaften (Kyriotetes)«, »Mächte (Dynamis)« und »Gewalten (Exusiai)«, in anderen Kulturen und Völkern tragen sie andere Namen. [10] Unter den Exusiai steht das »charakteristische« Saturnwesen mit seinem wachen Tagesbewusstsein. Steiner nennt seinen Namen nicht, aber es handelt sich offensichtlich um einen »Arche«, einen Zeitgeist. Es ist auffallend, dass Steiner im gesamten Text die Rangstufe der Archai – im Gegensatz zu den anderen Wesenheiten – nie mit ihrem spezifischen Terminus bezeichnet, sondern stets von »Saturnwesen« oder »Saturnplanetengeist« spricht.

Die Wahrnehmungsart dieses Planetengeistes entsprach dem Bewusstsein, das der Eingeweihte als spirituelles [intuitives] Bewusstsein kennt. Die Eindrücke treten nicht von außen, von den Gegenständen an die Sinne heran, sondern »drängen von innen nach den Sinnen«, stoßen an die Gegenstände, spiegeln sich an diesen und erscheinen in ihrem Abglanz dem Bewusstsein. Jenes Saturnwesen strömte seine Lebenskraft auf alle Gegenstände des Saturn, die sie ihm zurückwarfen. Dadurch nahm es sein Leben von allen Seiten im Spiegelbild wahr. Die »Dinge«, die ihm sein Leben zurückstrahlten, waren die Anfänge des physischen Menschenleibs. Denn aus den Anlagen des physischen Menschenleibes bestand der Planet. Die Exusiai hielten sich im Umkreis auf und beleuchteten den Saturn von allen Seiten. Der Saturn war selbst dunkel, er empfing sein Licht von außen. Das Leuchten der Exusiai nahm das Saturnwesen wahr, die Dynamis offenbarten sich aus dem Umkreis durch geistiges Tönen, die Kyriotetes durch ein dem Geruch vergleichbares »Weltaroma«.

Während der Saturngeist die Offenbarungen der genannten Wesen von innen her wahrnahm, erlebte er auch welche von außen: die Seraphim (Steiner schreibt »Serafim«), Cherubim (Steiner: »Cherubine«) und Throne. Ihre Erhabenheit entzieht sich jeder Beschreibung. Schließlich erlebte der Saturngeist noch eine dritte Art von Wesen, die den physischen Leib des Menschen bewohnten, der selbst gänzlich ohne Leben und Empfindung war, wie ein »Automat«. Diese Wesen entwickelten im physischen Menschenleib ihr Leben [Lebensleib – Engel] und ihre Empfindung [Empfindungsleib – Erzengel]. Sie besaßen keinen eigenen physischen Leib und mussten sich des Leibes des Menschen bedienen.

Der heutige Mensch besitzt Leib, Seele und Geist, die dreifach gegliedert sind: (1) physischer Leib, Ätherleib und Empfindungsleib, (2) Empfindungs-, Verstandes- und Bewusstseinsseele (3) Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch. Während sie heute Glieder eines Wesens sind, sind sie auf dem Saturn als selbstständige Wesen vorhanden.

Auf dem alten Saturn war der physische Leib als Anlage des menschlichen und Stoffgrundlage des Weltkörpers vorhanden, der Ätherleib als Engel, der Empfindungsleib als Erzengel, die Empfindungsseele repräsentiert »jenes Saturnwesen« [Arche], die Verstandesseele die Exusiai, die Bewusstseinsseele die Dynamis, das Geistselbst die Kyriotetes, den Lebensgeist die Throne, den Geistesmenschen die Cherubim, über allem stehen die Seraphim. –

Wie man sieht, ist der Mensch als makrokosmische Wesenheit bereits auf dem Alten Saturn präsent. Die Engelshierarchien stellen diesen makrokosmischen Menschen dar. Jede Wesensstufe repräsentiert eines seiner späteren Wesensglieder. Der Arche des Saturn steht über den Wesen, die den physischen Leib des Menschen mit Leben und Empfindung durchsetzen (Engel, Erzengel). Er benutzt diesen physischen Leib als Sinnesorgan, das ihm den gesamten Kosmos widerspiegelt. In ihm offenbaren sich die Exusiai, Dynamis und Kyriotetes. Aus seinem Umkreis die Throne, Cherubim und Seraphim.

Die Entwicklung des Menschenleibes besteht darin, sich diese makrokosmischen Wesensglieder als mikrokosmische Glieder einzuverleiben. Am Ende des ganzen planetarischen Zyklus wird er die hierarchischen Wesensstufen von den Engeln bis zu den Cherubim individualisiert haben. An dieser Stelle wird deutlich, dass Steiner 1903 oder Anfang 1904, als er an der kosmogonischen Fortsetzung der »Theosophie« schrieb, die Neungliedrigkeit des makrokosmischen Menschen deutlich vor Augen stand, die sich im irdischen Menschen abbildet. Da im irdischen Menschen jeweils zwei Glieder zu einer Einheit zusammenwachsen (an der Nahtstelle von Leib und Seele der Empfindungsleib und die Empfindungsseele, an der Nahtstelle von Seele und Geist die Bewusstseinsseele und das Geistselbst), kann dieser irdische Mensch auch als siebengliedriges Wesen beschrieben werden, wie Steiner dies im anthropologischen Teil der »Theosophie« tat.

Der Saturn stellt einen »Gliederleib« dar, der aus Ätherleibern besteht, in denen Engel und Erzengel walten »wie die Lebens- und Nervenkräfte« [dem Ätherleib und dem Empfindungsleib entsprechend] im heutigen Menschen. Wie die Sinneswerkzeuge des heutigen Menschenleibes bedecken den Saturn an seiner Oberfläche lauter Sinnesorgane, die aber nicht Eindrücke empfangen, sondern rückstrahlen. Hier soll Steiner selbst zu Wort kommen: »Da bestrahlten die leuchtenden Gewalten [Exusiai] die Saturnoberfläche, und ihr Licht wurde vielfältig von der Oberfläche desselben zurückgeworfen. Da klang es heran von den Mächten [Dynamis], und diese Klänge drangen wieder als mannigfaches Echo in den Raum hinaus; endlich wurde die Saturnoberfläche von dem Aroma der Herrschaften [Kyriotetes] bestrahlt, und sie gab dieses wieder in vielfach veränderter Form zurück. Und in der Wahrnehmung all dieser Widerstrahlungen bestand das Seelenleben des gekennzeichneten Saturnwesens«, des Arche-Saturngeistes. [11]

Die Entfaltung des Seelenlebens des Saturn vollzieht sich durch sieben Kreisläufe, in denen er durch sieben Formen, von der Formlosigkeit bis zur Schöpferkraft hindurchgeht. Die vier ersten Kreisläufe werden nacheinander von den (absteigenden Wesensstufen) der Throne, Kyriotetes, Dynamis und Exusiai geleitet, der fünfte vom Planetengeist des Saturn selbst, der erst auf dem vierten das helle Tagesbewusstsein erlangt, durch das er im fünften als Seele wirken kann. Im fünften Kreislauf erlangen die Erzengel, indem sie sich des Menschenleibes bedienen, die Fähigkeit als selbsttätige Seelen zu wirken und können dadurch den sechsten leiten. Entsprechendes geschieht mit den Engeln im sechsten und siebten Kreislauf.

Im fünften Kreislauf muss der Planetengeist des Saturn diesen verlassen, um von außen auf ihn einzuwirken. Ein zweiter Weltkörper tritt neben den Saturn, den man als Saturnseele bezeichnen muss, der eine prophetische Vorverkündigung der nächsten Planetenverkörperung, der Sonne, ist. Dieser Himmelskörper umkreist den Saturn in seinem fünften bis siebten Kreislauf.

Auch die Erzengel verlassen im sechsten Kreislauf den Saturn und umkreisen ihn als Planet, der Jupiter genannt wird. Im siebten tun dies die Engel und bilden einen eigenen Planeten, den Mars. Bereits im vierten Kreislauf verselbständigten sich die Exusiai und umkreisten als Merkur den Saturn. Auf dem dritten die Dynamis als Venus. –

Bis in die Formulierungen hinein kehren später in der »Geheimwissenschaft im Umriss« in der Schilderung des Saturnzustandes all diese Motive wieder: der automatenhafte Charakter der ersten Anlage des physischen Menschenleibes, der ganz Sinnesorgan ist, die Archai als »Menschen« des Alten Saturn, die Engel und Erzengel, die das Drüsen- und Nervensystem veranlagen, die lichtausstrahlenden Exusiai, die tönenden Dynamis, die Weltaroma verströmenden Kyriotetes, die aufeinander folgenden Tätigkeiten der einzelnen hierarchischen Wesen, deren Absteigen und Aufsteigen durch den Menschenleib hindurch. Auch die Darstellungen der folgenden planetarischen Entwicklungsstufen enthalten bereits wesentliche Motive der »Geheimwissenschaft im Umriss«. Zwischen der ersten Skizze aus dem Jahr 1903 oder 1904 und der späteren ausführlichen Schilderung sind keinerlei Widersprüche erkennbar, sondern eine bemerkenswerte Übereinstimmung.

11. »Sonne«

Steiner wendet sich der Sonnenentwicklung zu. Auf dieser nimmt der »automatische Leib« des Menschen Leben in sich auf, indem er sich das von den Exusiai ausgestrahlte Licht eingliedert. Die Sonne wird ein leuchtender Körper. Im Umkreis verbleiben die tönenden Dynamis und die aromatisierenden Kyriotetes. Der Saturnplanetengeist hat sich vervielfältigt, aus einem sind sieben geworden. »Sieben wesensgleiche Sprossen« keimen beim Übergang von Saturn zu Sonne aus ihm hervor. Er selbst erlangt die Fähigkeit, ein Gebiet wahrzunehmen, das eine Stufe tiefer steht als er.

Der Saturnplanetengeist steigt also einerseits auf, andererseits ab: der Aufstieg auf der Bewusstseinssprosse ist mit einem Eintauchen und Wirken dieses Bewusstseins in eine tiefere ontologische Schicht verbunden. Eine Anzahl von »Menschenkörpern« hat nämlich nicht die Fähigkeit erlangt, das Licht der Exusiai in sich aufzunehmen, sie heben sich als dunkle Stellen vom Sonnenkörper ab. Die sieben Sonnengeister, die aus dem Saturngeist entstanden sind, nehmen diese als unter ihnen stehendes Naturreich wahr. So wie sich die heutigen Pflanzen vom Licht der Sonne nähren, nähren sich die Sonnengeister vom Licht, das die leuchtenden Menschenkörper ausstrahlen. Diese stehen auf der Stufe von Pflanzen. Ihre Blüten wenden sie dem Sonnenleib zu, ihre Wurzeln dem Umkreis der Sonne. Die Blüte wird vom ausströmenden Licht der Sonne bestrahlt, die Wurzeln von Tönen und Aromen umflossen. Die heutigen Pflanzen könnte man als vollkommen umgewendete, auf der Sonnestufe stehen gebliebene Menschenleiber bezeichnen.

Drei Kreisläufe musste die Sonne durchlaufen, ehe der Menschenleib diese Form annahm. Der erste war eine Wiederholung des Saturn, seine sieben Formstufen Wiederholungen der Lebensstufen des Saturn. Im zweiten Sonnenkreislauf blitzt das Leben im menschlichen Leib auf. Die Erzengel, die die Nachfolge des Saturngeistes auf der Sonne antreten, können sich von diesem Leben noch nicht nähren. Dies tun im zweiten Kreislauf die Kyriotetes, im dritten die sieben Archai und im vierten treten die Erzengel zum Leben der Erdenleiber in dasselbe Verhältnis, wie der Saturngeist auf der vorangehenden Planetenstufe zum physischen Leib des Menschen. Im fünften treten die Engel an die Stelle der Erzengel. Im sechsten wird der physische Menschenleib selbständig, zum Vorbild des heutigen Körpers des Menschen. Er ist ein lebendes Sinnesinstrument, das aber nicht selbst wahrnimmt, da er sich in einem pflanzenartigen Schlaf befindet. Dafür nehmen die hierarchischen Wesen durch diesen Leib wahr.

Wie entstand aus dem Saturn die Sonne? Steiner verdeutlicht dies am Menschenleib auf der vierten Formstufe im siebten, letzten Kreislauf des Saturn. Er vermag als Sinnesorgan den Engeln ihr Wesen zu spiegeln. Dank seiner Sinne besitzen sie eine Art Menschenbewusstsein. Als die Engel ein höheres Bewusstsein als das menschliche entwickeln, müssen sie diesen Leib verlassen. Der physische Saturnleib zerfällt, bevor sich die physiognomische Form (die fünfte Formstufe) des siebten Umlaufs entwickelt. Diese Form ist nicht mehr physisch, sondern seelisch. Die physische Form des Planeten versinkt in den Abgrund und im Seelenplaneten Saturn leben die Engel in einem überphysischen Bildbewusstsein [»Imagination«]. Wachsen die Engel über dieses Bildbewusstsein hinaus, zerfällt auch die seelische Form des Planeten. Er tritt in seine sechste, »gestaltende Form« über. Er befindet sich in der Welt des Tonbewusstseins [»Inspiration«]. Am Ende des siebten Kreislaufs geht der Saturn in seinen siebten, schöpferischen Zustand über. Auf jeder Stufe, die der Saturn erreicht, vereinigt er sich mit den abgetrennten Himmelskörpern, so dass er am Ende wieder alle mit ihren Wesen in sich aufgenommen hat. Aus der schöpferischen Welt, in die er eingetreten ist, geht der Saturn anschließend – nach einem Zwischenzustand – wieder in die niederen Stufen des Daseins über. Die einzelnen Planeten treten nacheinander erneut hervor, aber alle auf einer dem Physischen näheren Stufe.

Allein die physischen Zustände des Himmelkörpers ließen sich physisch wahrnehmen, alle anderen wären nur höheren Sinnen wahrnehmbar. Auch wenn der Himmelskörper physisch nicht wahrnehmbar ist, sind seine Wesenheiten dennoch tätig.

12. »Mond«

Auf der nächsten Daseinsstufe, dem Mond, vermag der physische Menschenleib auch die Tonäußerungen der Dynamis in sich aufzunehmen und sie wiederzugeben, er beginnt selbst zu tönen. Das Tönen des Menschenleibes ist nicht bloß ein Echo der Einstrahlungen der Dynamis, sondern ein Ausdruck seiner eigenen Zustände. Die aufgenommene Tonwelt wird im Menschen zum dritten Glied, dem Empfindungsleib. Er lässt seine Gefühlswelt nach außen tönen. Die sieben Archai der Sonne haben sich inzwischen wieder versiebenfacht, sind also 49 geworden. Sie erleben in den Empfindungsleibern der Menschen, die zugleich die Träger ihres hellen Tagesbewusstseins sind, ihre eigene Gefühlswelt. Auf zwei Reiche blicken sie herunter, zu einem hinauf. Über sich erleben sie das Weltaroma der Kyriotetes. Sie selbst tönen und unter ihnen liegt ein Reich von Menschenleibern, das im Saturnzustand und eines, das im Sonnenzustand stehengeblieben ist. Automatenhafte (mineralartige) Wesen und pflanzenartige Wesen bilden die beiden »Naturreiche« des Mondes, die Archai bilden die Menschen dieses Planetenzustands. Die automatenhaften Wesen sind aber nicht leblos, sondern verströmen Leben um sich herum. Ein Mineralreich im heutigen Sinn besaß der Mond nicht. »Pflanzenminerale« kann man dieses unterste Naturreich nennen. In ihnen wurzeln zurückgebliebene Sonnenwesen, die selbst zwischen Pflanze und Tier stehen. Über ihnen erheben sich die beweglichen Menschenleiber, auf einer Stufe zwischen Tier und Mensch. Sie beherbergen die vervielfältigten Saturngeister. Um ihr Wachbewusstsein zu erhalten, müssen diese aber aus den Menschenleibern heraustreten. Wenn sie deren Leben mitleben, befinden sie sich in einem Traumzustand. Während dessen tönen sie ihr inneres Leben in die Umgebung hinaus. In diesen Tönen äußern sich die Leidenschaften und Begierden der Mondwesen. Die Fortpflanzung findet während des Schlafs statt, das Wachbewusstsein ist begierde-, aber auch lieblos, nur dem Anschauen der Umwelt hingegeben. In den Traumbildern der »Menschenvorfahren« leben wachend die Engel, so wie die Erzengel über den schlafenden Pflanzenwesen wachen.

Die beiden ersten Mondkreisläufe wiederholen den Saturn und die Sonne. Erst im dritten können die Erzengel durch die Traumbilder des Menschenleibes ihre Umgebung erleben. Im vierten tun dies die Engel. Die Archai können zu dieser Zeit den Menschenleib als Instrument ihres Tagesbewusstseins benutzen, indem sie ihn von außen umhüllen. Im fünften Kreislauf benötigen sie den Menschenleib nicht mehr, der nunmehr selbst seine Umgebung wahrnimmt. Im sechsten Kreislauf überlassen die Archai den Ätherleib, im siebten den Empfindungsleib sich selbst.

Wieder gliedern sich während der Mondenzeit Himmelskörper ab. Während der Wiederholung der Sonne (im zweiten Kreislauf) diese selbst, die von den Exusiai herausgezogen wird. Sie beleben die Tierpflanzen von außen, indem sie ihnen Licht zusenden. Während des dritten Kreislaufs treten die Archai heraus, während des vierten die Erzengel. Im fünften Kreislauf der Mars als ätherisch-physische Form, den die Engel beziehen, im sechsten der Jupiter mit den Erzengeln.

13. »Erde«

Auf der Erde, die sich an den Mond anschließt, hat der Menschenleib drei Stufen seiner Entwicklung zurückgelegt. Er diente auf dem Saturn den Saturnwesen (Archai) als »physikalisches Instrument«, als Wahrnehmungsorgan. Auf der Sonnenstufe wirkten diese Saturnwesen von außen als Schöpfer auf ihn ein. Ihre Aufgabe übernahmen auf der Sonne die Erzengel. Auf dem Mond wurden sie schöpferische Wesen. Die Engel blickten zu ihnen während des Mondes als zu ihren Schöpfern auf.

Die Erde wiederholt zunächst die drei vorangegangenen Zustände. Der Menschenleib soll sich vorbereiten, die Bilder des Mondenbewusstseins zu erleben. Er soll lernen, die Umwelt in seinen Bildern innerlich zu spiegeln. Während des Mondes konnten die Engel die Bilder des Menschenleibes betrachten und erlangten die Fähigkeit, auf der Erde das zu schaffen, was sie auf dem Mond wahrgenommen hatten. Die Engel können auf der Erde ihre eigene Natur dem Menschen einprägen, so dass dieser fähig wird, seinesgleichen in seiner physischen Umgebung wahrzunehmen. Diese Fähigkeit wird dem Menschenleib auf den drei ersten Kreisläufen eingeprägt. Auf dem ersten erscheinen ihm die »Nebenmenschen« als wandelnde Automaten, auf dem zweiten wie Pflanzen, auf dem dritten wie Tiere. Mit Beginn des vierten Kreislaufs vermag er die Schöpfung der Engel, seinesgleichen, um sich herum wahrzunehmen. Die Engel stehen drei Bewusstseinsstufen über diesem Leib. Sie können schaffen, was der Mensch wahrnimmt. Sein physischer Leib ist Spiegel der Umgebung, sein Ätherleib kann die Wahrnehmungen der Umgebung in lebendige Bewegung umwandeln, der Bilderleib setzt die inneren Bewegungen in Sinnbilder um und sein neuer, vierter Leib wird Träger des wachen Tagesbewusstseins, das die inneren Bilder mit den äußeren Eindrücken in Einklang bringt. Aber das wache Tagesbewusstsein kann nur die physische Außenwelt wahrnehmen, der Bilderleib [Empfindungsleib, Astralleib] des Menschen bleibt Wahrnehmungsgegenstand der Engel, sein Lebensleib jener der Erzengel. Der Mensch selbst erlebt die Wachstums- und Fortpflanzungskräfte wie in traumlosem Schlaf, die Erzengel nehmen sie so wahr, wie der Mensch die physische Umgebung. Das Bilderbewusstsein des Menschen, das sich in Antlitz und Minenspiel, Charakter und Temperament ausdrückt, steht unter der Herrschaft der Engel.

Als der Bilderleib in des Menschen eigene Verfügung übergeht, in der Mitte des zweiten Kreislaufs, trennen sich die Engel mit der Sonne von der Erde. Im dritten Kreislauf sinken die Menschenleiber, die den Bilderleib nicht durch Sonnenkräfte versorgen können, auf eine tierartige Stufe hinab. Ihre Bilderleiber können jedoch von Engeln belebt werden, die auf der Mondstufe zurückgeblieben sind, die nur auf Bilderleiber wirken können, die ihrerseits auf der Mondstufe stehen. Sie ziehen sich als Mond aus der Erde. Die Wesen des Mondes wirken auf die Bilderleiber der Tiere, aber auch auf den menschlichen. Sobald dieser von der Hingabe an seine höhere Natur abweicht, »die ihm durch die Eindrücke seiner Sinne wird«, können sie sich in seinem Bilderleib betätigen. In »wüsten Träumen« zeigen sich ihre Wirkungen. Im vierten Kreislauf ist der Menschenleib so weit, feine ätherische Wahrnehmungsorgane für seinesgleichen auszubilden. Die vollendeten Engel treten erneut aus der Erde aus, nachdem sie sich zusammen mit den Mondwesen im dritten Kreislauf wieder mit ihr vereinigt haben. Die Bilder des menschlichen Bilderleibs werden immer lebhafter, die Organe des physischen Leibs geben ihnen mit den Spiegelbildern der äußeren Gegenstände Nahrung. Die äußere Erdenumgebung entreißt den zurückgebliebenen Engeln diese Bilder. Sie müssen den Teil der Erde, den sie bewohnen können, aus ihr herausziehen, erneut bildet sich ein Mond.

Der Menschenleib kann jetzt in seinem Bilderleib die Spiegelbilder der physischen Sinnesorgane abspiegeln und auf diese Weise nach innen spiegeln, was er auf dem Saturn nach außen spiegelte. Damals spiegelte er den Saturn-Planetengeist nach außen. Dieser kann jetzt mit seinem niedrigsten Glied im Menschen selbst leben. Dieser Teil schnürt sich ab und wird im Menschen zum Träger des Selbstbewusstseins. Der Mensch lernt sich als Ich zu empfinden. Was der planetarische Geist des Saturn als Umkreis dieses Planeten offenbarte, das Ich, trägt der Mensch jetzt in sich. – Die Archai der Erde sind also jene Wesenheiten, die dem Menschen seinen »Ichleib«, den Träger seines Selbstbewusstseins, verleihen, nachdem sie auf den drei vorangehenden Planetenstufen die Menschen-, Engel- und Erzengelstufe durchlaufen haben.

Im Ätherleib des Menschen offenbaren sich die Erzengel, in seinem Bilderleib [Empfindungsleib] die Engel, in seinem Selbstbewusstsein der planetarische Saturngeist.

Als Sonne, Mond und Erde noch einen Körper bildeten, war der Menschenleib luftartig, die Nachkommen der »Menschentiere« des Mondes wässrig, die Sprösslinge der »Pflanzentiere« des Mondes in einem festen Zustand, während die Nachkommen der »Tierpflanzen« des Mondes aus einer zähen, breiartigen Masse bestanden. Beim Austritt der Sonne blieb der Mond zunächst in der Erde zurück; alle Verhältnisse der Erde änderten sich. Die Menschenleiber verdichteten sich zum wässrigen Zustand, die flüssigen Wesen nahmen feste Formen an, die Pflanzenminerale wurden noch fester. Vor dem Auszug der Sonne war der Stoffwechsel des Menschenleibes ein Atmungsvorgang. Danach wurde er zum Flüssigkeitsstoffwechsel. Mit dieser Ernährungsform war die Fortpflanzung verbunden. Der Menschenleib wurde vom Fortpflanzungstoff der Umgebung befruchtet und spaltete sich unter dessen Einfluss. Unter dem Einfluss des Mondes verdichteten sich in seiner flüssigen Masse knorpelartige Gebilde. Knochen entstanden keine. Erst nach Auszug des Mondes entstand ein Knochengerüst. Gleichzeitig konnte der Mensch die Befruchtungsstoffe nicht mehr aus der Umgebung entnehmen. Mit dem Mond verlor die Erde die Fähigkeit, den Menschenleib zu befruchten. Vor der Mondentrennung hatte der Menschenleib weiblichen Charakter, die Mondenerde einen männlichen.

Der Auszug des Mondes ließ Menschenleiber mit männlichem Charakter entstehen. Diese nahmen die Befruchtungskräfte der früheren Umgebung in sich auf. Die weiblichen Leiber konnten von nun an von den männlichen befruchtet werden. Der doppelgeschlechtliche Leib ging in einen eingeschlechtlichen über. Der frühere Menschenleib befruchtete sich selbst. Der neue weibliche Leib konnte nur noch das Befruchtete ausreifen. Die männliche Kraft in diesem Leib verlor die Fähigkeit den Befruchtungsstoff auszureifen. Nur noch der Ätherleib hat die Kraft, die Reifung zu bewirken. Der männliche Leib konnte mit dem Befruchtungsstoff nichts mehr in sich anfangen. Das Weibliche in ihm blieb auf den Ätherleib beschränkt. So wurde der Ätherleib des Mannes weiblich, jener der Frau männlich. Dieser Übergang in die Eingeschlechtlichkeit ging mit der Ausbildung eines festen Knochengerüsts einher.

Dem Verlust der Fähigkeit zur Selbstbefruchtung ging, in der Zeit, als der Menschenleib sich vom luftförmigen in den wässrigen Zustand verdichtete, die Ausbildung eines Organs zur Luftatmung voraus. Die Erde besaß damals noch keine reine Luftatmosphäre. Spätere flüssige und feste Stoffe waren noch luftartig. Als die Verflüssigung begann, lebte der menschliche Leib im flüssigen Element, nicht auf festem Grund. Er bewegte sich schwimmend, schwebend fort. Die Luft über dem flüssigen Element war dichter als heute. Sie enthielt das spätere Wasser und viele andere Substanzen. Deshalb war der Atmungsapparat des Menschen ganz anders beschaffen. Vor dem Auszug der Sonne bestand der Atmungsvorgang in der Aufnahme von Umgebungswärme und Abgabe dieser Wärme. Was der Mensch als Wärme in seinem Blutkreislauf heute selbst erzeugt, atmete er damals aus der Umgebung ein. Nach dem Austritt der Sonne begann die Luftatmung und die eingeatmete Luft begann im Inneren des Leibes die Wärme zu erzeugen. Mit der Luftatmung wurde der Menschenleib zu einem Wärmeerzeuger in seinem Inneren. Diese Umbildung des menschlichen Leibes hing mit dem Rückzug des Mars von der Erde zusammen. Der Mars war es, der mit seinen Kräften die Wärme erzeugte. Der Blutkreislauf übernahm die Tätigkeit der Marskräfte und dieser konnte sich mit seinen Wesen von der Erde zurückziehen und fortan von außen auf sie einwirken. Die physische Grundlage für diesen Übergang bildete die Durchdringung des Blutes mit Eisen, auf das die Marskräfte besonders wirken. Die heutige Lungenatmung ist eine Folge des Rückzuges des Mars. Mit der Entwicklung des warmen Blutkreislaufs trat auch die Beseelung des Menschen ein, mit der Luftatmung hauchte der Mensch sich seine lebendige Seele ein.

Als die Sonne noch mit der Erde verbunden war, wirkte die Sonne als Männliches und Weibliches zugleich im Menschenleib. Sie ordnete auch die Aufnahme und Abgabe der Wärme, die vom Mars ausging. Nach Auszug der Sonne wurden manche Menschenleiber unfruchtbar. Sie waren die Vorläufer der späteren männlichen Naturen. Solange der Mond noch mit der Erde verbunden war, behielten die anderen Leiber die Fähigkeit der Selbstbefruchtung, die aber mit dem Auszug des Mondes verloren ging. Von diesem Zeitpunkt ab wirkten die Engel, die die Sonne bewohnten, auf die Fortpflanzungsfähigkeit. Der männliche Ätherleib wurde von den Sonnenwesen bearbeitet. Der weibliche Ätherleib (der männlich ist) blieb unter dem Einfluss der Wesen, die den Mond bewohnten. Dafür kam der physische Leib der Frau unter den Einfluss der Sonnenkräfte, der männliche physische Leib unter den der Mondkräfte. All diese Vorgänge waren von der Ausbildung der Sinne begleitet, die die Bilderwelt des Empfindungsleibs unter den Einfluss der Erdumgebung bringen und damit den Menschen unter den Einfluss der Abkömmlinge das Saturn-Planetenleibs. Mit der Kraft des Blutes im Inneren und der Beseelung entsteht durch die Sinneswahrnehmungen ein inneres Leben, das die Umgebung mit Sympathie und Antipathie begleitet.

Die Erde stand, als der Mensch diese Form angenommen hatte (Eingeschlechtlichkeit, Lungenatmung, Blutkreislauf mit Eigenwärme) und Sonne, Mond und Mars sich von ihr getrennt hatten, in ihrem vierten Entwicklungskreislauf.

Der Mensch hatte sich in zwei Geschlechter geteilt, blickte durch seine Sinne in die Umgebung, entwickelte ihr gegenüber Neigungen und Abneigungen. Durch seine Unterscheidung von der Umgebung begann er ein Selbstgefühl zu entwickeln. Der menschliche Leib war viergliedrig. Innerhalb des vierten Gliedes entstand durch das Blut und die Marskräfte »Seeleninnerlichkeit«. Er hatte die Früchte der drei ersten planetarischen Entwicklungsstufen in sich ausgebildet und ein viertes Glied seines Leibes, das durch den Rückzug der Marskräfte entstanden war. Die Geisteswissenschaft nennt »diese« Menschheit die »dritte Haupt-Erdenrasse« (Steiner verwendet den Ausdruck »Lemurier« nicht). Erst jetzt gab es eine menschliche Fortpflanzung und Unterschiede innerhalb der Menschheit, die durch das Aufeinanderwirken der Menschen entstanden. Vererbung und Verwandtschaft waren die Folge. Aber die Erde selbst hatte noch keinen Einfluss auf den Menschen. Die Wahrnehmungen der Umgebung wirkten bloß auf die Bilder des Empfindungsleibs. Der Ätherleib wurde von der Erdenumgebung noch nicht beeinflusst. Die Erde selbst, der vierte Planet, wirkte nicht auf die Vererbungsverhältnisse, sondern nur die drei ersten planetarischen Formen (Saturn, Sonne, Mond), deswegen wird diese »Rasse«, diese Bildungsstufe der Menschenvorfahren, als dritte bezeichnet.

Auf sie folgte eine vierte, bei der die Erdumgebung Einfluss auf den Ätherleib bekam. [Gemeint ist der »atlantische« Zeitraum]. Dazu mussten Wesen auf den Menschen zu wirken beginnen, die nicht die schöpferische Fähigkeit besaßen, auf den Ätherleib befruchtend zu wirken, die aber zugleich mehr konnten, als bloß Wahrnehmungseindrücke aus der physischen Umgebung aufzunehmen, wie dies beim Menschen der Fall war. Sie waren während des Mondenzustands der Erde nicht zu schöpferischen Wesen aufgestiegen, die die Sonne bevölkern konnten, aber zugleich über die Stufe hinaus, auf der sie bloß ein Innenleben durch die Bilder des Menschenleibs führen konnten. Sie vermochten durch die Sinne des Menschen wahrzunehmen, aber nicht, diese Sinne zu schaffen.

14. Die Kosmogonie in der Akasha-Chronik 1905

An dieser Stelle bricht das Fragment der Kosmogonie, der »Geheimwissenschaft«, ab. In ihr sind die gesamten Ausführungen der späteren kosmogonischen Kapitel der »Geheimwissenschaft im Umriss« in ihren wesentlichen Grundzügen präformiert. Die Entwicklungsstufen der einzelnen hierarchischen Wesenheiten und des Menschen werden von Steiner in dieser Skizze nicht anders dargestellt, als später in der »Geheimwissenschaft«. Gleichzeitig ist erkennbar, dass die Form dieser ersten Darstellung keine imaginative, sondern eine begrifflich-ideelle ist. Zwischen diesem Fragment aus dem Jahr 1903 oder 1904 stehen die Darstellungen Steiners über die Kosmogonie, die im Jahr 1905 in der Zeitschrift »Luzifer-Gnosis« erschienen sind. Gegenüber dem Fragment verweist Steiner in den Aufsätzen auch auf die aus der »theosophischen Literatur« stammende Terminologie, um sich seinen Lesern verständlich zu machen. Wenigstens für die Saturnstufe sei ein Vergleich der drei Texte durchgeführt, um die Kontinuität der Anschauungen und Motive herauszustellen. Eine vergleichende Untersuchung aller Planetenstufen würde den Rahmen sprengen. Da der Aufsatz von 1905 eine etwas andere Terminologie der Bewusstseinsstufen verwendet, als das Fragment von 1904, seien diese dem folgenden Vergleich tabellarisch vorangestellt.

Aufsatz 1905

4. Erdenbewusstsein, helles Tagesbewusstsein, gegenständliches Bewusstsein, Selbstbewusstsein

3. Mondbewusstsein, Traum, Bilderbewusstsein

5. Jupiterzustand, selbstbewusstes, psychisches Bilderbewusstsein [Imagination]

2. Sonnenbewusstsein, traumloser Schlaf, [unbewusste Inspiration]

6. Venuszustand, selbstbewusstes Gegenstandsbewusstsein, überpsychisches Bewusstsein [Inspiration]

1. Saturnbewusstsein, tiefe Trance, zugleich unmittelbares Weltbewusstsein [unbewusste Intuition

7. Vulkanzustand, Gottseligkeit, spirituelles, schöpferisches Bewusstsein [Intuition]

 

8. überspirituelles Bewusstsein

(1) Die »erhabensten Wesen«, die auf dem Saturn als schöpferische Mächte wirken, so Steiner im Aufsatz »Das Leben des Saturn« vom August 1905, besitzen ein Bewusstsein, das der Mensch erst nach der Vulkanstufe erreichen wird, das »überspirituelle Bewusstsein«. Die »Geheimwissenschaft«, so Steiner 1905, nennt sie »strahlende Leben« oder »strahlende Flammen«, die »christliche Geheimwissenschaft« »Throne«. [12] Da der Stoff, aus dem ihre Körper bestehen, mit dem Willen des Menschen vergleichbar ist, werden sie auch »Geister des Willens« genannt. Sie sind die Schöpfer des Saturnmenschen. Sie strömen aus ihrem Leib eine Substanz aus, die zum Träger des menschlichen Saturnbewusstseins wird. Auch im Fragment von 1904 treten diese »Geister des Willens« als »Throne« auf und leiten den ersten der sieben Kreisläufe des Saturn. Im Aufsatz von 1905 lassen sie ihre Wesenssubstanz im ersten Kreislauf verströmen. Der Leib des Menschen bildet die erste Anlage des späteren physischen Körpers. Im Fragment heißt es, der Saturn habe aus den Anlagen des physischen Menschenleibes bestanden. In der »Geheimwissenschaft« von 1909: »Man kann die Wesen, welche ihre Seligkeit darin empfinden, im Beginne der Saturnentwickelung Willen auszuströmen, die ›Geister des Willens‹ nennen. (In der christlichen esoterischen Wissenschaft werden sie ›Throne‹ genannt.)« [13] Aus diesem »Willen« der Throne bildete sich die erste Anlage des physischen Menschenleibs. Der Keim des physischen Menschenkörpers, so Steiner 1905, besitzt auf dem Saturn ein »dumpfes« Bewusstsein. Im Fragment steht der Menschenleib während des Saturn auf der »dumpfesten« Bewusstseinsstufe. Die weiteren Saturnkreisläufe, so Steiner 1905, dienen der Ausarbeitung der Anlage des physischen Leibeskeims des Menschen. In der »Geheimwissenschaft« 1909 besitzen die physischen »Menschenphantome« die »einfachste, dumpfeste Bewusstseinsform«. Sie ist noch dumpfer, als die des traumlosen Schlafs. Sie ist mit dem Bewusstsein der »gegenwärtigen Mineralien« vergleichbar. [14] Auch hier dienen die folgenden Kreisläufe des Saturn der Ausarbeitung des physischen Menschenkeims durch die anderen hierarchischen Wesenheiten und erlangt der »Mensch« keine höhere Bewusstseinsstufe, als die dumpfeste.

(2) In einem zweiten Kreislauf beginnen Wesen mit einem »schöpferischen, spirituellen« Bewusstsein zu wirken, die im Aufsatz von 1905 »Geister der Weisheit«, »Kyriotetes« genannt werden. Sie pflanzen dem physischen Menschenleib eine »weisheitsvolle Einrichtung«, einen »vernünftigen Bau« ein. Auch im Fragment sind die Kyriotetes die zweite Kategorie von Wesenheiten, die diese Phase der Entwicklung leitet. Ihre Tätigkeit ist mit der Offenbarung einer Art von »Weltaroma« aus dem Umkreis des Saturn verbunden. Die »Geheimwissenschaft« spricht 1909 ebenfalls von diesen Kyriotetes, deren Tätigkeit nach dem Ausströmen der ungeordneten Willens-Stofflichkeit durch die Throne einsetzt, hier taucht das Weltaroma in Form »durcheinander wogender Geschmacksempfindungen« auf. Die Kyriotetes bearbeiten die Wärmekörper des Saturn, um an ihnen die Ausstrahlung ihres eigenen Lebens zu spiegeln. Die weisheitsvolle Einrichtung, der vernünftige Bau und die Spiegelung des Lebens der Geister der Weisheit weisen alle auf die Durchdringung der physischen Menschenkeime mit den geistigen Ausstrahlungen der Kyriotetes, der Geister der Weisheit, hin.

(3) Der Aufsatz von 1905 nennt als dritte Art Geister mit einem »überpsychischen, selbstbewussten Gegenstandsbewusstsein«, die in der »christlichen Geheimwissenschaft« als »Geister der Bewegung, Dynamis« bezeichnet werden und »in der theosophischen Literatur als ›Mahat‹«. Sie pflanzen dem menschlichen Stoffleib die »Fähigkeit der Bewegung«, der »krafterfüllten Wirksamkeit ein.« Im Fragment folgt die Wirksamkeit der Dynamis ebenfalls auf die der Kyriotetes. Über diese Dynamis heißt es in der »Geheimwissenschaft« 1909, sie bewirkten, dass die physischen Menschenkeime so erschienen, als ob Empfindungsäußerungen, Gefühle und ähnliche seelische Kräfte von ihnen in den Himmelsraum hinausgeschleudert würden. Durch die Spiegelung ihres geistigen Lebens aus dem Umkreis wirke der ganze Saturn wie ein beseeltes Wesen, das Sympathien und Antipathien kundgebe. Die Bewegung und kraftvolle Wirksamkeit, die Empfindungsäußerungen, entsprechen der astralischen Schicht des späteren Menschenwesens.

(4) Der Aufsatz von 1905 geht zu den Geistern der Form, den Exusiai mit einem »selbstbewussten Bilderbewusstsein (psychischen Bewusstsein)« über, durch die der Menschenleib eine begrenzte, plastische Form erhält. Das Fragment bringt die Tätigkeit der Exusiai auf der vierten Stufe mit Lichtausstrahlungen in Zusammenhang, die von den Saturnwärmekörpern zurückgeworfen werden. Die »Geheimwissenschaft« schreibt den Exusiai eine Individualisierung, eine Abschließung der Empfindungsäußerungen zu, die nun als Äußerungen einzelner Wesen erscheinen. Sie teilen das sich offenbarende Leben »in einzelne Lebewesen ab«. Steiner vergleicht diesen Zustand des Saturn mit einer Brombeere, die aus einzelnen Beerchen zusammengesetzt ist. [15]

Ausführlicher wird im Aufsatz von 1905 die Offenbarung der »Geister der Finsternis, der Persönlichkeit, der Selbstheit, des Egoismus« beschrieben. Sie erlangen auf dem Saturn eine Bewusstseinsstufe, die der des gegenwärtigen Erdenmenschen vergleichbar ist. Sie bewohnen den Leib des »Menschen« auf dem Saturn, so wie die heutige Menschenseele den Leib bewohnt. Sie pflanzen diesem Leib Keime von Sinnesorganen ein. Durch diese Sinneskeime vermögen sie die Saturnumgebung wahrzunehmen. Durch die Arbeit an diesen Sinneskeimen erlangen sie ihre »Menschenstufe«. Gleichzeitig pflanzen sie dem Menschen die Selbstheit ein. Auch in den folgenden Kreisläufen bleiben sie mit den Menschenkeimen verbunden. In der »theosophischen Literatur« werden sie als »Asuras« bezeichnet. Das Fragment stellt diese Archai in das Zentrum der Betrachtung. Sie besitzen ein »waches Tagesbewusstsein«. Sie werden als Planetengeist des Saturn angesprochen, so wie der heutige Mensch als Geist der Erde, als jene Hierarchie angesprochen werden kann, die auf der Erde ihre Menschheitsstufe durchläuft. Der Arche des Saturn steht im Fragment über den Wesen, die den physischen Leib des Menschen mit Leben und Empfindung durchsetzen (Engel, Erzengel) und er benutzt diesen physischen Leib als Sinnesorgan, das ihm den gesamten Kosmos widerspiegelt. In ihm offenbaren sich Exusiai, Dynamis und Kyriotetes und aus seinem Umkreis die Throne, Cherubim und Seraphim. Er bestimmt den Charakter des vierten Saturnkreislaufs. Die »Geheimwissenschaft« schildert 1909 diese »Archai« ebenfalls als »Geister der Persönlichkeit«. Sie haben ihren Astralleib auf eine Stufe gehoben, durch die er wie ein »gegenwärtiges menschliches ›Ich‹« wirkt. Durch sie blickt das »Ich« aus der Umgebung des Saturn nieder. Sie teilen ihre Natur den einzelnen Lebewesen des Saturn mit, die dadurch erscheinen, als trügen sie etwas der menschlichen Persönlichkeit Vergleichbares an sich. Es handelt sich aber nur um eine Spiegelung der Persönlichkeit der Archai, und nicht um die eigene Persönlichkeit der Menschenkeime des Saturn. Die Archai führen die seelische Wärme, aus welcher der Saturn bis zu ihrem Eingreifen bestand, in physische Wärme über. [16] Die »Geister der Persönlichkeit« sind deswegen die »Menschen« des Saturn, weil sie nicht nur ein »Ich«, eine geistige Individualität besitzen, sondern von dieser auch ein Bewusstsein erlangen, weil ihnen die Wärmekörper diese Individualität zurückstrahlen – sie spiegeln sich mit ihrer Tätigkeit an den Wärmeleibern des Saturn, wie das Ich des Menschen sich mit seiner Tätigkeit am physischen Leib des Menschen spiegelt.

(5) Abgelöst wird deren Tätigkeit im fünften Kreislauf, so fährt der Aufsatz von 1905 fort, durch die Tätigkeit der »Söhne des Feuers« (Erzengel), mit einem dumpfen Bilderbewusstsein, das dem Mondenbewusstsein des Menschen entspricht. Sie erreichen später auf der Sonne ihre Menschenstufe. Sie träumen in den Sinneskeimen des Menschen, beleben diese und lassen die von ihnen erzeugten Lichtbilder nach außen scheinen, so dass der Saturn zu leuchten beginnt. Durch die nach außen strahlenden Traumbilder der Erzengel beginnen sich aus dem Umkreis die Seraphim, die »Geister der Allliebe« zu offenbaren, sie strahlen etwas durch »freien Willen« von ihrer Natur auf den Saturn aus. Das Fragment spricht von diesen Geistern der Allliebe als solchen, die sich dem Saturn-Arche »von außen« offenbaren und von den Erzengeln als den Wesen, die im fünften Kreislauf die Fähigkeit erlangen, als selbsttätige Seelen zu wirken, indem sie sich des Menschenleibes bedienen. Auch die »Geheimwissenschaft« bringt 1909 die Entwicklung der Erzengel und die Offenbarung der Seraphim in Zusammenhang. Als erstere mit ihrer Tätigkeit eingreifen, beginnt sich im Saturn eine Art Innenleben zu regen. Da und dort flackern Lichter auf, er beginnt zu flimmern, zu glänzen, zu strahlen. Die »Feuergeister«, »Archangeloi«, »Erzengel« manifestieren sich in diesem Lichtleben. Die Wirkungen, die sie auf die Saturnkörper ausüben, lassen sie ihr eigenes Dasein empfinden. Sie besitzen noch nicht die Fähigkeit, sich als Ich zu erkennen, wie die Archai, aber sie erleben, wie die von ihnen wahrgenommene Umgebung sie da sein lässt. Ihr Bewusstsein ist ein traumhaftes Bilderbewusstsein. Durch ihre Tätigkeit verleiben die Erzengel den »Menschenphantomen« die Licht-Urbilder der heutigen Sinnesorgane ein. Gleichzeitig mit den Erzengeln greifen die »Geister der Liebe« ein. Sie bedienen sich der Sinneskeime, um »die Weltvorgänge« im Saturn anzuschauen. Ihnen verdanken die Feuergeister ihr Traumbewusstsein, weil sie ihre Schauungen als Bilder auf die Feuergeister übertragen. Der »freie Wille«, von dem der Aufsatz 1905 spricht, tritt 1909 als »Verzicht« in Erscheinung: die Seraphim verzichten auf »jeden Genuss, jede Freude«, die ihnen aus dem Anschauen des Saturnlebens entstehen könnten und geben »alles« den Feuergeistern hin.

(6) Auf der sechsten Stufe, so der Aufsatz von 1905, offenbaren sich die »Söhne des Zwielichts«, die »Geister der Dämmerung (»in der theosophischen Literatur Barhishad-Pitris oder Lunar-Pitris«) zusammen mit den Cherubim. Sie erreichen ihre Menschenstufe erst auf dem Mond. Auf der Erde sind sie bereits zu Wesen geworden, die die »christliche Geheimlehre« als »Engel« (Angeloi) bezeichnet. Sie entwickeln im Menschenvorfahren »eine Art Verstand«, durch den sich die Cherubim offenbaren. Auch das Fragment spricht von den Engeln als den Wesen, die im sechsten Kreislauf zu einer Art von Selbständigkeit gelangen und von den Cherubim als Wesen, die dem menschlichen Geistselbst vergleichbar sind. Die »Geheimwissenschaft« schildert ebenfalls das Zusammenwirken der Engel und der Cherubim im sechsten Saturnkreislauf. Zu den Lichtoffenbarungen treten die auf- und abwogenden Geschmacksempfindungen hinzu. Nach außen manifestieren sich diese inneren Vorgänge im Saturn als Ton, als Musik. Die »Söhne des Zwielichts« oder »des Lebens«, »christlich: Angeloi«, treten in Wechselwirkung mit den Geschmackskräften. Ihre Ätherleiber bewirken im Inneren des Saturn Lebensvorgänge, die einer Art Stoffwechsel vergleichbar ist. Die Stoffwechselprozesse in den physischen Menschenkeimen ermöglichen es den Cherubim, den »Söhnen des Lebens« ein Bewusstsein zu vermitteln, das dem traumlosen Schlaf und dem Bewusstsein der Pflanzen vergleichbar ist. Es vermag nicht die Außenwelt wahrzunehmen, aber regelt die inneren Lebensvorgänge und bringt sie in Harmonie mit den Weltvorgängen. Die »Geister der Harmonien« nehmen diese Stoffwechselprozesse wahr und regeln sie. Die Menschenphantome erscheinen nun von innen belebt, aber es ist das Leben der »Söhne des Lebens«, das der Seher an den Menschenphantomen wahrnimmt.

(7) Im siebenten Kreislauf schließlich, so der Aufsatz von 1905, beginnt der Mensch »in völliger Dumpfheit« die erste Keimanlage des »Geistesmenschen« durch seine eigene Tätigkeit zu schaffen. Er kann dies, weil sich durch ihn, also den physischen Menschenleib, die Throne offenbaren, die den Keim des Geistesmenschen mit ihrer Wirksamkeit durchdringen. Am Ende des siebenten Kreislaufs geht der Saturnweltkörper in eine Ruhepause, eine Phase der Nichtmanifestation, über, in der aber die Tätigkeit der Hierarchien nicht etwa zur Ruhe kommt, sondern im Gegenteil in höchstem Grade ansteigt. Im Fragment repräsentieren die Throne den »Lebensgeist« des makrokosmischen Saturnmenschen. In der »Geheimwissenschaft« gehört der siebente Kreislauf ebenso dem »Menschen« und den Thronen. Die physische Gestalt des Menschen wird von den Wirkungen der letzteren durchdrungen und erhält die dumpfeste Bewusstseinsform, unterhalb des traumlosen Schlafs, das heute die Minerale besitzen. Dieses Bewusstsein schafft einen Einklang zwischen Innenwesen und physischer Außenwelt. Diesen Einklang regeln die Throne. Der Mensch erscheint wie die Summe, der Abdruck des ganzen Saturnlebens, ein mikrokosmischer Saturn. Als mikrokosmisches Abbild des makrokosmischen Menschen stellt er aber den Keim des Geistesmenschen dar, dessen Idee der universalisierte Mensch ist. Im Inneren des Saturn ist das dumpfe Bewusstsein des physischen Menschenleibes mit Wahrnehmungen verbunden, die heutigen Gerüchen vergleichbar sind, nach außen manifestiert es sich als Persönlichkeit, aber »maschinenhaft«, ohne Selbständigkeit. Geregelt wird diese Persönlichkeitsmanifestation von den Thronen.

Insgesamt vergleicht die »Geheimwissenschaft« die einzelnen Entwicklungsstufen des Saturn mit einer Reihe von Qualitäten. Sie geht von drei rein übersinnlichen Qualitäten aus: »geistig Wesenhaftes«, »reines Innenwesen«, »das in sich selbst vollendet ist und keines äußeren Wesens bedarf, um seiner bewusst zu werden«, verbunden mit der ersten Ausströmung, Selbstopferung der Throne (1), »rein geistiges Licht«, das äußerlich Finsternis ist, das die Erscheinung der Kyriotetes begleitet (2) und »rein seelische Wärme«, die nicht äußerlich wahrnehmbar ist, die zusammen mit den Dynamis auftritt (3). Erst mit dem vierten, von den Exusiai geleiteten Kreislauf, auf dem die Archai ihr Menschentum durchleben, geht die seelische Wärme in physische Wärme über und auf diese physische Wärme folgen die Qualitäten Licht (5 – Erzengel und Seraphim), Geschmack und Ton (6 – Engel und Cherubim); Geruch und maschinenartig wirkendes Menschen-Ich (7 – Mensch und Throne).


Der Vergleich zwischen dem Fragment von 1903/04, dem Aufsatz über das »Leben des Saturn« von 1905 und den Ausführungen der »Geheimwissenschaft im Umriss« von 1909 über den Saturnzustand zeigt bemerkenswerte, grundlegende Übereinstimmungen. Er zeigt, dass Steiner bereits 1903/04 seine kosmogonischen Anschauungen in einer Form darstellen konnte, die zwar schwer verständlich ist, aber ohne jegliche Anleihen an traditionell theosophischer Terminologie auskam.

Der veröffentlichte Aufsatz von 1905 bringt die Schilderung des Saturn und der Hierarchien durch die Identifizierung mancher Wesen mit solchen, von denen auch in der theosophischen Literatur die Rede ist, für die theosophischen Leser in eine Beziehung zu etwas, was ihnen aus dieser Literatur bekannt sein konnte. (Solche Identifizierungen nimmt Steiner für drei von sieben Wesenheiten vor: für die Dynamis [»Mahat«], die Archai [Asuras] und die Engel [Lunar oder Barhishad-Pitri]). Diese Beziehung geht nicht über eine äußerliche Identifikation hinaus und ist für die Entwicklung der Darstellung nicht substantiell.

Auch der Aufsatz von 1905 entfaltet die Beschreibung des Saturnzustandes nicht aus theosophischen Traditionen, sondern wählt einen von solchen völlig unabhängigen, begrifflich-systematischen Ansatz.

Dasselbe gilt für die »Geheimwissenschaft im Umriss«, in der die Bezugnahme auf die spezifisch theosophische Terminologie gänzlich wegfallen konnte, da für Steiner und seine Leser aufgrund der inzwischen ausgebauten Lehre und der seit Jahren dokumentierten Eigenständigkeit eine solche Bezugnahme nicht mehr erforderlich war.


Anmerkungen

[1] GA 89, S. 43. [Zurück zum Text]

[2] GA 1, 1977, S. 170. [Zurück zum Text]

[3] GA 89, S. 25. [Zurück zum Text]

[4] GA 9, 1. Aufl., S. 123 f. [Zurück zum Text]

[5] GA 89, S. 27. [Zurück zum Text]

[6] GA 89, S. 32. [Zurück zum Text]

[7] Zum Quadrat des Pythagoras (Ich, Astralleib, Ätherleib und physischer Leib) siehe z.B. GA 93a, Vortrag vom 7.10.1905, S. 88 ff. [Zurück zum Text]

[8] GA 89, S. 35. [Zurück zum Text]

[9] GA 9, 1. Aufl., S. 123 f. [Zurück zum Text]

[10] GA 89, S. 43. [Zurück zum Text]

[11] GA 89, S. 46. [Zurück zum Text]

[12] GA 11, 1979, Tb, S. 127. [Zurück zum Text]

[13] GA 13, 1962, S. 162. [Zurück zum Text]

[14] GA 13, 1962, S. 168. [Zurück zum Text]

[15] GA 13, 1962, S. 163. [Zurück zum Text]

[16] GA 13, 1962, S. 164. [Zurück zum Text]

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