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Asklepios

Eine freie Übersetzung des gleichnamigen Traktats des Corpus Hermeticum von Lorenzo Ravagli


Hermes: Ein Gott hat dich zu uns geführt, Asklepius! Wahrhaftig ein Gott! Auf dass du an einer Unterredung teilnehmen mögest, bei der er gegenwärtig ist, einer heiligen Unterredung, die mehr als alle unsere bisherigen Gespräche, die uns die Gottheit eingab, von ihrer Gegenwart zeugen soll. Wenn du sie verstehst und durch sie zu einem Schauenden wirst, dann wird dein Herz die Fülle alles Reichtums besitzen, sofern es denn viele Reichtümer gibt und nicht nur einen einzigen, der alle anderen in sich schließt.

Denn das wissen wir doch, dass das Eine und die Mannigfaltigkeit der Dinge zusammengehören, dass alle Dinge aus dem Einen hervorgehen oder dass das Eine alles ist. So sehr durchdringen sich Einheit und Vielheit, dass keines sich vom andern trennen lässt. Aber das wirst du schon begreifen, wenn du gesammelt und aufmerksam an der heutigen Unterhaltung teilnimmst. – Doch nun, Asklepius, geh rasch hinaus und rufe Tat herbei.

Als Tat hereingekommen war, schlug Asklepius vor, auch Ammon teilnehmen zu lassen.

Trismegistos sprach: Auch Ammon möge teilnehmen. Hat er doch schon manches meiner Sendschreiben gelesen. Rufe also Ammon herbei, aber niemand sonst, damit nicht diese Unterredung über die heiligsten Dinge durch die Dazwischenkunft Unverständiger entweiht werde. Denn unfromm wäre es, ein Gespräch, das der Vergegenwärtigung einer Gottheit dienen soll, vor den Ohren Unwissender zu führen.

Nun trat auch Ammon in das Heiligtum. Der Raum war erfüllt von der Andacht der vier Männer und von der erhabenen Gegenwart der Gottheit. Da gebot die Gottheit durch den Mund des Hermes Schweigen und als alle mit Herz und Sinn an seinen Lippen hingen, begann die göttliche Liebe durch ihn zu sprechen:

O Asklepius, jede menschliche Seele ist unsterblich, aber nicht alle sind auf die gleiche Art unsterblich, die einen sind es auf diese, andere auf jene Art.

Asklepius: So sind also nicht alle Seelen gleich, o Trismegistos?

Trismegistos: O Asklepius, wie rasch ist dir der Sinn unserer Worte entfallen! Sagte ich nicht, alles sei eine Einheit und das Eine sei alle Dinge, da doch alles im Schöpfer war, ehe es geschaffen wurde? Deswegen heißt es ja auch, er selber sei das All, denn alles, was ist, ist Teil von ihm. Ihn, den Ureinen, der zugleich Alles ist, den Schöpfer aller Dinge, halte in deinen Gedanken fest, solange wir reden.

Alles steigt vom Himmel herab: die Erde, das Wasser, die Luft. Das Feuer aber, das nach oben strebt, spendet Leben. Was nach unten sinkt, muss ihm dienen. Oder anders: Alles, was aus der Höhe herabsteigt, ist zeugend, was aber von unten nach oben steigt, ist nährend. Die in sich ruhende Erde ist der Mutterschoß, der alles in sich birgt. Sie bringt die Arten, die sie einmal in sich aufgenommen hat, immer wieder neu hervor. Dieses Ganze nun, das All, das alles umfasst, gliedert Seele und Stoff von sich ab und legt sich in der Natur auseinander in eine unendliche Vielfalt von Gestalten. Zahllose Einzelwesen bevölkern die untere Welt mit den unterschiedlichsten Eigenschaften, und dennoch sind alle Eins, denn sie bilden eine Einheit und stammen alle aus dem Einen. Es sind zwar vier Elemente, aus denen die untere Welt zusammengesetzt ist, aber es ist doch nur eine Welt, eine Seele, ein Gott.

Nun aber biete deine ganze Geisteskraft auf und spitze deinen Verstand zu! Denn die Idee der Gottheit können wir nur erfassen, wenn die Gottheit selbst unser Denken mit ihrer Gegenwart erfüllt. Sie gleicht einem Bergbach, der sich aus höchster Höhe in den Abgrund stürzt und mit seinem Ungestüm unsere gesammelte Denkkraft mit sich reißt.

Der sichtbare Gott, die Urbilder und die Welt der Engel

Höre also. Der Himmel, dieser sichtbare Gott, waltet über allen Dingen der sichtbaren Welt. Sonne und Mond regeln ihr Werden und Vergehen. Der Herrscher des Himmels, der Weltseele und des Alls, ist der Schöpfergott. Von den Gestirnen des Himmels, deren Lenker der Schöpfergott Gott ist, ergießt sich ein ununterbrochener Strom des Lebens durch die Welt, durch die Seelen aller Wesen und die Natur. Die Natur aber, die die Einzelwesen hervorbringt, führt zum Entzücken des Schöpfers die untere Welt über die vier Elemente wieder zum Himmel empor .

Alles aber hängt von der oberen Welt und ihren Urbildern ab. Die Einzelwesen gehen aus ihren urbildlichen Ideen hervor, die Urbilder sind die sie durchdringende Einheit, die sie zur Ganzheit zusammenfasst. Die Einzelwesen sind als Teile in den Urbildern enthalten. Die einzelnen höheren Engelwesen gehen aus einem Urbild hervor. Die Urbilder der niederen Engelwesen, der Menschen, der Vögel, die Urbilder aller Wesen, die die Welt bevölkern: sie bringen Einzelwesen hervor, die ihrem jeweiligen Urbild gleichen. Es gibt noch eine andere Art von Lebewesen, die zwar keine denkende Seele, wohl aber eine Empfindungsseele besitzen. Sie ergötzen sich an allem, was ihnen wohl tut, können aber auch Schaden und Mangel empfinden. Ich meine die Pflanzen, die darauf angewiesen sind, dass sie mit ihren Wurzeln und Trieben in der Erde verankert sind. Die einzelnen Pflanzen sind über die ganze Erde verbreitet.

Der Himmel ist voller Engel. Die Lebewesen erfüllen den Raum unterhalb der himmlischen Wohnungen der Engel. Die Einzelwesen sind sterblich, nicht aber die Urbilder dieser Einzelwesen. Denn das Einzelwesen ist ein Teil des Urbildes, das sich zum Einzelwesen verhält, wie eine Gattung - ein Mensch ist ein Teil der Menschheit - und dieser Teil trägt alle Eigenschaften des Urbildes in sich. Alle Gattungen sind unsterblich, nicht aber alle Einzelwesen. Bei den Engeln sind sowohl die Gattung als auch die Einzelwesen unsterblich. Bei allen übrigen ist nur das Urbild, die Gattung unsterblich, die Einzelwesen vergehen. Die Gattung sterblicher Einzelwesen bleibt durch die endlose Reihe der Geburten erhalten. Sterblich ist der Mensch, unsterblich die Menschheit.

Obzwar alle Einzelwesen die Eigenschaften ihrer Gattung besitzen, mischen sich doch die Individuen der verschiedenen Gattungen miteinander. Manches existiert in der Gestalt, in der es geschaffen wurde, anderes ist aus dem Geschaffenen durch Mischung entstanden. Zu schaffen vermögen die höheren und niederen Engel und die Menschen. Gattungen können nur durch das Wirken der höheren Engel entstehen, Einzelwesen nur durch die Hilfe der niederen Engel und Unbelebtes durch den Menschen. Niedere Engel, die aus ihrer eigenen Gattung aufsteigen und sich mit einem höheren Engelwesen vereinigen, werden durch diesen Umgang den höheren Engelwesen ähnlich. Andere, die sich mit Menschen verbinden, werden Freunde der Menschen genannt. Ähnlich verhält es sich mit dem Menschen als Einzelwesen. Der Mensch erscheint in vielerlei Gestalten und kann sich mit fast allen anderen Einzelwesen vermischen. Ein Mensch, der sich im Geiste mit den höheren Engeln verbindet, was er zum Beispiel tut, wenn er sie verehrt oder ihnen Opfer darbringt, wird diesen höheren Engelwesen ähnlich. Denn durch seien Geist ist der Mensch ohnehin den Engeln verwandt. Und den niederen Engeln wird ähnlich, wer sich mit ihnen verbindet. Menschen, die nicht über die mittlere Stellung hinausstreben, die sie als Gattung einnehmen, bleiben was sie sind. Andere wieder nehmen die Eigenschaften der Gattungen an, mit deren Einzelwesen sie sich verbinden.

Der Mensch, ein großes Wunder

Darum ist der Mensch ein großes Wunder, o Asklepius, ein Wesen, das Anbetung und Verehrung verdient. Denn er gleicht sich Gott an, als wäre er selbst Gott, er ist mit den niederen Engeln verwandt, da er gleichen Ursprungs ist wie sie. Was bloß menschlich ist an ihm, achtet er gering und strebt dem anderen Teil zu, der göttlich ist. Um wieviel glücklicher ist die Natur des Menschen gemischt als die anderer Wesen! Er ist den höheren Engeln verwandt und verbunden durch seine eigene Engelsnatur, und schaut mit Geringschätzung auf das, was bloß irdisch an ihm ist. Und dennoch: alle anderen Wesen, denen er durch seine irdische Natur auf Grund einer himmlischen Anordnung verwandt ist, knüpft er durch ein Band der Liebe eng an sich. Er blickt verehrend zum Himmel empor und pflegt die Erde hier unten. So lebt er in einer gesegneten mittleren Region, liebt, was unter ihm ist, und wird von denen geliebt, die über ihm sind. Alles ist ihm zugänglich: mit seinem Geist taucht er hinab in die Tiefen des Meeres und erklimmt den Himmel mit seinem Scharfsinn. Dank seiner Wandlungsfähigkeit vereinigt er sich mit den Elementen: keine Trübung in den Lüften vermag seinen Geist zu verwirren, kein Gestein sein Werk zu behindern und selbst die tiefste Tiefe des Wassers ist für sein Auge kein Hindernis. Er ist alles zugleich und bleibt doch überall derselbe.

Nun siehe! Die mit einer Geistseele begabten Wesen wurzeln im Himmel und wachsen nach unten, die mit einer Lebensseele begabten sprossen aus einer Wurzel unten und wachsen dem Himmel entgegen. Manche ernähren sich von zweierlei Nahrung, andere nur von einer Art. Es gibt nämlich Nahrung für den Leib und Nahrung für die Seele. Die Seele des Kosmos ernährt sich durch rastlose, unaufhörliche Bewegung, die irdischen Lebewesen ziehen ihre Wachstumskräfte aus der Erde und dem Wasser, den Nährstoffen der unteren Welt. Und der göttliche Lebensatem mischt sich mit allem und belebt alles. Beim Menschen aber fügte der Schöpfer zum Denkvermögen, dem Verstand, die Vernunft, das Organ der Geistschau hinzu, indem er den kosmischen Äther in seine denkende Seele pflanzte. Deswegen ist der Mensch allein unter allen Lebewesen imstande, die Absichten des Schöpfers zu erkennen , nur der Mensch ist aufgerichtet und vermag sich zur göttlichen Welt zu erheben.

Bald werde ich euch genauer erläutern, was es mit diesem Geist auf sich hat. Überaus heilig und bedeutsam ist das Wissen vom Geist, so wie das Wissen von Gott. Jetzt aber lasst uns zu Ende führen, was wir begonnen haben. Von der Gemeinschaft mit den höheren Engeln haben wir gesprochen, einer Gnade, die nur den Menschen zuteil wird, wenigstens jenen Menschen, die so glücklich sind, das Organ der Geistesschau, die Vernunft, in sich zur Entfaltung zu bringen. Göttlich ist dieser Geist, der in Gott wohnt und in der Gnosis, dem schauenden Wissen des Menschen.

Asklepius: Dann ist also der Geist nicht auf gleiche Art in allen Menschen, o Trismegistos?

Trismegistos: Nicht alle, o Asklepius, erlangen die wahre Gnosis. Viele jagen wie Aktaion in blinder Begier Trugbildern nach, ohne die wahre Natur der Dinge zu suchen und verfallen der Täuschung. Die Täuschung aber erzeugt in ihren Herzen Bosheit und macht aus dem Menschen, dem höchsten aller Lebewesen, eine Kreatur, die wilden Tieren gleicht. Denn aufgrund seines Doppelwesens, seines Geistes, der ein Ebenbild des Schöpfers ist und seines Leibes, der aus den vier Elementen zusammengesetzt ist, vermag sich der Mensch sowohl der himmlischen als auch der irdischen Welt zuzuwenden.

Der Sinn der leiblichen Existenz

Asklepius: Warum aber, o Trismegistos, musste der Mensch in die irdische Welt verbannt werden? Warum durfte er nicht im Reiche Gottes bleiben und mit ihm die höchste Seligkeit genießen?

Trismegistos: Lass uns Gott bitten, Asklepios, er möge unserem Denken genügend Kraft geben, die Antwort auf diese Frage zu finden! Hängt doch alles von seiner gebenden Güte ab. Höre also.

Der Schöpfer aller Dinge, den wir Gott nennen, ließ aus sich einen zweiten Gott hervorgehen, den wir mit den Sinnen des Körpers wahrnehmen können. Lasst uns diesen zweiten Gott einen sinnlichen Gott nennen, nicht etwa, weil er selbst sinnlich wahrnimmt, sondern weil unsere Sinne ihn wahrnehmen können.

Als der Schöpfer aller Dinge diesen zweiten Gott gebildet hatte, den Ersten der Geschaffenen, den Zweiten nach ihm selbst, entzückte ihn seine Schönheit und Güte. Und er liebte ihn wie ein Kind oder einen Sohn, der er ja auch war. Nun verlangte den Schöpfer nach einem Wesen, das gleich ihm sein Geschöpf bewundern konnte und sein Verlangen wurde Wirklichkeit: der Mensch ging aus diesem Verlangen hervor, das Ebenbild seiner Weisheit und seiner Liebe. Denn wenn Gott nach etwas begehrt, dann ist sein Begehren zugleich Erfüllung. Als er nun den Menschen in geistiger Form geschaffen hatte, sah er sogleich, dass ihm die stoffliche Hülle fehlte, um sich in der stofflichen Welt zu bewegen. Und so schloss er ihn in das Haus des Körpers. Er verschmolz beide Seiten, die himmlische und die irdische zu einer Einheit, indem er sie im rechten Verhältnis mischte. Aus Geist und Körper, einer ewigen und einer vergänglichen Natur bildete er den Menschen, auf dass er ein Bild seines doppelten Ursprungs sei, und das Himmlische zu bewundern und anzubeten, das Irdische zu pflegen und zu lenken vermöge.

Das Irdische aber schließt nicht nur die beiden Elemente Erde und Wasser ein, sondern alles, was der Mensch auf dem Lande und dem Wasser tut oder vollbringt: ob er nun Landwirtschaft betreibt, oder Vieh weidet, Gebäude oder Häfen errichtet, mit seinen Schiffen die Meere befährt oder anderen hilft. Denn jener Teil des Kosmos, der aus Wasser und Erde besteht, ist dem Menschen anvertraut. Durch seine Kenntnisse und Fähigkeiten, Künste und Wissenschaften pflegt und erhält der Mensch diesen Teil des Kosmos. Ohne diese menschlichen Zugaben wäre der Kosmos unvollendet, so hat der Schöpfer die Schöpfung eingerichtet. Was aber der Schöpfer begehrt, das wird sogleich Realität. Irrig wäre der Glaube, Gott könnte etwas in Zukunft missfallen, was ihm einst gefiel, wusste er doch schon im Voraus, was geschehen wird.

Die wahre Anbetung Gottes

Aber o Asklepius, dein Herz ist mit Ungeduld erfüllt und verlangt zu hören, wie der Mensch dem Himmel seine Liebe und Verehrung erweisen kann. So höre also.

Den Himmelsgott und alle, die darin wohnen verehren, heißt nichts anderes, als ihn unentwegt in liebender Hingabe anbeten. Dazu ist weder ein höherer Engel noch irgendein Lebewesen imstande außer der Mensch. Und über die Verehrung und Anbetung, die Hymnen und die Hingabe der Menschen freuen sich alle Himmelsbewohner. Wurde doch der Chor der Musen vom Schöpfergott zu den Menschen herabgesandt, um die irdische Welt zu veredeln und zu schmücken. Der Liebreiz der Lieder sollte sie durchklingen, und durch sanfte, wohklingende Weisen aus dem Mund des Menschen sollte der Vater des Alls verherrlicht werden, der allein alles ist. So wie es ihm im Himmel an Lobpreis nicht fehlt, sollten ihm auch von der Erde süße Harmonien entgegendringen. Einige wenige Menschen mit einem reinen Herzen sind berufen, voller Anbetung zum Himmel emporzusehen. Alle anderen aber, die durch die Last des Körpers beschwert, zu einem geringeren Grad von Einsicht herabgesunken sind, sollen die untere Welt und die Elemente, aus denen sie besteht, ehren und pflegen.

Zu einem Teil also ist der Mensch sterblich. Das mindert aber nicht seinen Wert, im Gegenteil, denn seine Sterblichkeit gewährleistet, dass er die ihm zugedachte Bestimmung zu erfüllen vermag. Trüge er nicht beide Naturen in sich, könnte er seiner zweifachen Aufgabe nicht gerecht werden. Deswegen ist er aus Geist und Stoff gebildet, damit er das Irdische zu pflegen vermag und zugleich das Himmlische in Freiheit liebt.

Nun aber, o Asklepius, spanne nicht nur dein Denken an, sondern lausche auch mit den Kräften deines Herzens. Denn was ich dir jetzt anvertraue, ist nicht für die Menge bestimmt. Wer aber lauter und wahrhaftig ist, wer ein reines, hingebungsvolles Herz besitzt, sollte imstande sein, es zu verstehen.

Erster Gott und zweiter Gott

Der Herr der Ewigkeit ist der erste Gott. Der zweite Gott ist der Kosmos. Der dritte ist der Mensch. Gott, der Schöpfer des Kosmos und alles dessen, was ist, regiert das Ganze. Aber er hat den Menschen als zusammengesetztes Wesen geschaffen und zu seinem Mitregenten bestellt. Wenn sich der Mensch dieser Bestimmung vollständig hingibt, die seiner Liebe und Sorge anvertraut ist, dann gereicht er dem Kosmos und der Kosmos ihm zur Zierde.

Der Mensch versteht sich und auch den Kosmos, sofern er seine Bestimmung nicht vergisst und unterscheiden kann, was ihm dienen und wo er dienen soll. Er möge Gott loben und Dank sagen und im Kosmos sein Abbild verehren, dessen eingedenk, dass er selbst das zweite Abbild Gottes ist. Denn zwei Abbilder gibt es vom Schöpfer: den Kosmos und den Menschen.

So wie der Kosmos aus Himmlischem und Irdischem zusammengesetzt ist, so auch der Mensch: mit seinem göttlichen Anteil, seiner Seele und seinem Geist, vermag er in den Himmel hinaufzusteigen, mit seinem irdischen Anteil, der aus Feuer, Wasser, Erde und Luft besteht und sterblich ist, bleibt er auf der Erde, damit nicht verwaist und verlassen zurückbleibt, was seiner Pflege anvertraut ist.

Die Harmonie in diesem Doppelwesen wurzelt in seiner wirklichen Verbundenheit mit Gott. Deren Frucht ist die Güte. Güte vollendet sich erst da, wo der Mensch dem Begehren trotzt und geringachtet, was ihm fremd ist. Fremd sind seinem göttlichen Wesen alle irdischen Dinge, nach deren Besitz der Körper verlangt. Daher spricht man bei ihnen von Besitz, da sie nicht mit uns geboren, sondern erst später unser Eigentum geworden sind. All diese Dinge sind dem inneren Menschen fremd, auch der Körper ist ihm fremd. Daher sollten wir nicht nur die Gegenstände unserer Begierden, sondern auch ihn, aus dem unsere Begierden stammen, gering achten.

Wenn nun ein Wesen, das die höchste Gottheit zu solchem Welt- und Gottesdienst berufen hat, der Welt mit seiner Arbeit dient, Gott fromm verehrt, und nach beiden Seiten, der himmlischen und der irdischen, dem göttlichen Willen gehorcht, was glaubst du, wird sein Lohn sein?

Wenn die Welt eine Schöpfung Gottes ist, dann wird der, der ihre Schönheit mit pflegsamer Liebe bewahrt und vermehrt, durch sein tägliches Mühen an der Verwirklichung des göttlichen Wollens teilhaben und wenn er, gestützt auf seinen Leib, darum ringt, der Welt eine Form zu geben, die den Absichten des Schöpfers entspricht, wie sollte er dann nicht den gleichen Lohn empfangen wie unsere Vorfahren? Möge die Güte Gottes auch uns diesen Lohn zukommen lassen: dies wünschen wir und dafür beten wir. Möge sie uns von unserer Wacht in der irdischen Welt befreien und uns, der Fesseln der Sterblichkeit ledig, gereinigt und geheiligt in unsere wahre Heimat, die himmlische Welt, entlassen!

Asklepius: Gut und wahr sprichst du, o Trismegistos.

Trismegistos: Dies ist der Lohn all derer, die von frommer Ehrfurcht für Gott und von hegender Liebe für die Welt erfüllt sind. Jenen aber, die böse und gottlos sind, bleibt die Rückkehr in den Himmel versagt. Sie müssen die schmachvolle Wanderung in Körper antreten, die ihren unheiligen Seelen entsprechen.

Wahre und falsche Gnosis

Asklepius: Also können Menschenseelen durch ihren Wandel auf Erden die Aussicht auf ein unsterbliches Leben im Himmel verspielen?

Trismegistos: So ist es. Die einen glauben nicht an die Unsteblichkeit der Seele, andere halten sie für ein Märchen oder finden sie gar lächerlich. Denn die Verlockungen der unteren Welt und ihrer Besitztümer sind groß. Sie packen die Seele und lassen sie nicht mehr los, so dass sie im Leib versinkt, wie im Morast. Aber es gibt auch eine Bosheit, die aus Neid auf die Unsterblichkeit nicht zulassen will, dass die Seele ihren göttlichen Anteil zur Entfaltung bringt. Um mich einer prophetischen Redeweise zu bedienen: wahrlich, ich sage dir, keiner von denen, die nach uns kommen, wird sich mit reinem Herzen und reiner Liebe der Philosophie zuwenden, um die Gottheit durch immerwährende Hinlenkung des geistigen Auges auf sie zu erkennen. Viele werden kommen, die die Philosophie zur Verwirrung der Geister und Seelen missbrauchen.

Asklepius: Wie wird das gehen?

Trismegistos: Voller Schlauheit ersinnen sie Studiengänge, die untergeordnete Wissenschaften wie die Arithmetik, die Geometrie und die Musik mit der Philosophie vermischen.

Die reine Philosophie aber, die in der unablässigen Hingabe an das Göttliche besteht, darf sich auf diese Wissenschaften nur so weit einlassen, als nötig ist, um durch die Betrachtung des Kreislaufs der Wandelsterne, ihrer Wiederkehr zu ihren Ausgangspunkten und ihrer regelmäßigen Bahnen Bewunderung für die Weisheit zu erwecken, die dies alles so gut geordnet hat. Auch die Weiten der Erde, die Tiefen des Meeres, die Bewegung der Luft, die Gewalt des Feuers, ihr Wesen und ihre Wirkungen soll sie erkennen, um in ihnen die kunstvolle Anordnung Gottes zu bewundern, anzubeten und zu lobpreisen.

Musik wirklich zu verstehen, heißt die Ordnung des Kosmos zu verstehen und zu wissen, welcher Platz in ihr nach göttlicher Absicht jedem Ding zukommt. Vereinigt doch der Kosmos alle Einzelwesen zu einem Ganzen wie ein Kunstwerk seine Teile und bringt eine Harmonie hervor, deren himmlische Klänge vollkommener und süßer sind als alle Musik auf Erden.

Aber die, die nach uns kommen, sie werden sich von der Schläue der Sophisten täuschen lassen, und von der wahren, reinen und heiligen Philosophie abwenden. Mit reinem Herzen und lauterem Denken der Gottheit dienen, sie in ihren Werken ehren, dem göttlichen Willen, der die vollkommene Güte ist, danken: das ist die einzig wahre Philosophie.

Der Geisthauch des kosmischen Lebens

Doch lasst uns nun vom Geisthauch des Lebens reden.

Erst war Gott und das, was die Griechen Hyle, die Welt der Elemente, nennen. Und mit dieser Welt war der Geisthauch des Lebens verbunden oder besser, das schöpferische Leben war in der Welt, aber nicht so wie es in Gott war. Und die Elemente, aus denen die Welt besteht, sie waren nicht Gott. Darum existierten sie nicht, solange sie noch nicht geboren waren, und doch existierten sie schon in dem, aus dem sie geboren werden sollten.

Nun aber heißt ungeboren nicht nur das, was noch nicht geboren ist, sondern auch das, was keine Zeugungskraft besitzt, aus dem etwas entstehen könnte. Alles aber, was existiert und von Natur aus zeugungsfähig ist, das zeugt auch, aus ihm können neue Wesen hervorgehen, sogar dann, wenn es aus sich selbst entstanden ist. Denn niemand wird zweifeln, dass aus dem, was aus sich selbst entstanden ist, ohne Schwierigkeit das hervorgehen kann, woraus alles andere entsteht. Gott also, der Immerwährende, Ewige, kann und konnte nicht geboren werden. Er ist, er war, er wird immer sein. Aus sich selbst alles zu sein, das ist das Wesen Gottes.

Die Hyle aber, oder die Natur und der Lebenshauch der Welt, haben die Kraft des Gebärens und Zeugens in sich, auch wenn nicht von Anfang an. Die Quelle der Fruchtbarkeit liegt gerade in dieser Besonderheit der Natur, die die Kraft und den Stoff zu Empfängnis und Geburt in sich enthält. Sie ist, ohne Befruchtung von außen, für sich allein zeugungsfähig. Von ihr aber müssen wir unterscheiden, was die Kraft der Empfängnis durch die Verbindung mit einem anderen Wesen erhält, so wie wir unseren Weltraum von dem unterscheiden, was in ihm ist. Auch er scheint ungeboren und trägt doch die ganze Natur in sich. Raum ist das, in dem sich alles befindet. Denn die Dinge könnten nicht existieren, wenn es keinen Raum gäbe, der sie in sich trägt. Bei allem, was entstehen soll, muss daher zuerst der Raum da sein. Dinge, die nirgends sind, könnten weder Qualität noch Quantität, weder Lage noch Wirkung, sie könnten keinerlei Eigenschaften besitzen. Auch die Welt der Urbilder trägt die Kraft in sich, alles zu gebären. Obwohl sie selbst nicht geboren, physisch sichtbar ist, bietet sie doch ihren fruchtbaren Mutterschoß allen künftigen Wesen zur Empfängnis dar. Darin also besteht das Wesen der stofflichen Welt, dass sie Schöpferkraft in sich trägt, auch wenn sie selbst nicht physisch in Erscheinung tritt. Da nun die Natur die Kraft der Zeugung schlechthin in sich trägt, ist sie fruchtbar im Guten wie im Bösen.

Nun sollt ihr aber nicht wie die Vielen reden. Sie sagen nämlich, Gott hätte die Welt gänzlich frei vom Bösen halten sollen. Menschen, die so denken, sollte man gar nicht erst antworten. Um Euretwillen aber will ich den Grund für das Böse in der Welt erläutern. Gott konnte das Böse nicht ganz von der Welt fernhalten, denn es ist gleichsam ein Teil von ihr. Dennoch hat er gegen das Böse so weit vorgesorgt, als es möglich war, indem er dem Menschen die Kraft der Erkenntnis, die Selbstbeherrschung und die Gnosis zuteil werden ließ. Und aufgrund dieser Fähigkeiten vermögen wir den Täuschungen, den Ränkespielen und den Versuchungen des Bösen zu widerstehen. Wer schon seinen Anblick meidet, noch ehe es sich seiner bemächtigen kann, ist dank der Klugheit und Einsicht Gottes gegen das Böse geschützt. Denn alle menschliche Weisheit kommt aus der Güte Gottes.

Vom Geisthauch des Lebens aber wird alles in der Welt befruchtet und zum Wachsen gebracht; die Lebenskraft ist wie ein Organ, das vom Willen Gottes benutzt wird. Soviel sollten wir vom Schöpfergott verstehen, den nur unser Geist zu begreifen vermag, dass er der Lenker und Herr jenes sichtbaren Gottes ist, der den Raum in sich fasst, die Substanz aller Dinge und die Elemente, aus denen alles, was zeugt und schafft, besteht. Vom Geisthauch des Lebens werden alle Einzelwesen in der Welt bewegt und gelenkt, ein jedes gemäß der ihm von Gott verliehenen Natur. Die Natur aber ist die Urmutter und der Schoß aller Wesen, in ihr wandeln sie sich und folgen aufeinander in ununterbrochener Kette. Ihr Lenker ist Gott, der einem jeden Ding in der Welt zuteilt, was ihm gebührt. Alles erfüllt er mit Lebenskraft: jedes Wesen wird entsprechend seiner Eigenart von ihr durchdrungen.

Der Kosmos aber ist einer unsichtbaren sphärischen Hohlkugel vergleichbar. Blicktest du von einem beliebigen Punkt an der Oberfläche einer solchen Hohlkugel nach unten, du würdest nicht erkennen können, was zuunterst ist. Darum glauben viele, der Kosmos sei wie ein Raum und habe bestimmte Eigenschaften. Aber nur wegen der Einzelwesen, deren Abbilder in ihn eingeprägt sind, kann man den Kosmos mit sinnlichen Augen sehen. Nur das Abbild des Kosmos erscheint unseren Augen, seinem wahren Wesen nach ist er unsichtbar. Daher nennen die Griechen seinen untersten Teil Hades (»aides«), was unsichtbar bedeutet, denn den untersten Teil einer Sphäre kann man nicht sehen. Die einzelnen Wesen aber nennen sie ideai, das heisst die »Sichtbaren«. Was die Griechen Hades nennen, heisst bei den Römern »inferi« (Unterwelt), weil die Unterwelt am äußersten Ende der Hohlkugel liegt.

Das also sind die Urwurzeln, die Urelemente für alles andere; denn alles andere existiert in ihnen oder durch sie oder geht aus ihnen hervor.

Asklepius: Und was ist dieses andere, o Trismegistos?

Trismegistos: Es ist das Irdische, Physische an den Einzelwesen, das einem jeden seiner Natur entsprechend eingeprägt wird. Die Elemente ernähren die sichtbaren Körper, der Geisthauch des Lebens die Seelen, die Gnosis aber den Geist. Nur dem Menschen wurde dieses himmlische Geschenk der Gnosis zuteil, weil er allein Geist besitzt. Aber nur wenige sind imstande, die Gnosis zu empfangen. Wie die Welt aufleuchtet im Licht der Sonne, so leuchtet der Menschengeist auf im Licht der Gnosis, ja er leuchtet noch mehr. Denn was von der Sonne beschienen wird, versinkt immer wieder in Dunkelheit, wenn die Nacht hereinbricht.

Wenn sich aber die Gnosis in der Seele des Menschen einwohnt, verwächst sie so sehr mit ihr, dass kein finsterer Nebel des Irrtums den Geist zu verwirren vermag, der von ihr erfüllt ist. Zu Recht wird daher die Gnosis die Seele der Götter, die Seele der Engel genannt. Allerdings scheint mir, dass dieses Erkenntnislicht nicht allen Engeln auf gleiche Art zukommt, sondern den großen, alten und ursprünglichen höheren Geistwesen auf vorzüglichere Art.

Die vielen Arten von Geistwesen

Asklepius: Welche Geistwesen, o Trismegistos, sind die Häupter der Welt und ihre Herrscher von Anbeginn?

Trismegistos: Große und göttliche Geheimnisse breite ich hüllenlos vor dir aus und so erflehe ich für dieses Unterfangen den Segen des Himmels.

Es gibt viele Arten von Geistwesen. Einige sind nur dem Geiste zugänglich, andere auch den Sinnen. Geistig heißen die höheren nicht deshalb, weil sie von uns nicht wahrgenommen werden – im Gegenteil, wir nehmen sie in einem tieferen Sinne wahr als die sichtbaren. Aber diese erhabenen göttlichen Ideen gehen so weit über das Vorstellungsermögen des Menschen hinaus, dass sie sich verflüchtigen, zurückströmen in ihren himmlischen Urquell und sich mit dem Weltenozean wieder vereinen, wenn du nicht deine ganze Geisteskraft bündelst, um sie in deinem Denken zu vergegenwärtigen.

Bestimmte Geistwesen sind die Urheber der gesamten Erscheinungswelt. Andere, die Herrscher der Planetensphären, unterliegen den Gesetzen der sichtbaren Welt. Das sind die sinnlich wahrnehmbaren Götter, die alles bewirken, was im sichtbaren Kosmos geschieht. Einer wirkt durch den anderen und jeder gießt sein belebendes Licht in seine Wirkungen. Der Herrscher des Himmels aber ist Jupiter. Denn durch den Himmel spendet er allen das Leben. Der Herrscher des Jupiter ist das Licht. Denn Jupiter durchschreitet die 36 Dekane, die Häuser der Stundenwächter, der Götter, welche die 10-Grad-Abschnitte der Sternzeichen regieren, von denen alles Licht ausströmt. Deren Herrscher ist der allgestaltige Gott, der den einzelnen Wesen ihre Gestalten verleiht.

Über die sieben Sphären der Wandelsterne herrscht Fortuna, die Göttin des Schicksals, die alles verwandelt, ohne das göttliche Gesetz, das den Kosmos beherrscht, aufzuheben.

Das Pneuma, der geisterfüllte Lufthauch, der kosmische Äther aber, ist das Organ oder Werkzeug aller Götter, er ist das Medium, das all ihre Wirkungen vermittelt. Ihr Herrscher ist (unlesbar). Auf diese Art ist das Sterbliche mit dem Unsterblichen, das Sinnliche mit dem Übersinnlichen verknüpft. Die oberste Lenkung aber liegt in der Hand des Schöpfergottes. Und weil dies so ist, sind alle Wesen untereinander in einer Kette verbunden, die vom untersten bis zum obersten Gliede reicht, so dass die Wesen nicht eine Vielheit, sondern eine Einheit bilden. Denn von einem einzigen Wesen hängen alle ab, aus ihm strömen sie alle aus, und nur weil sie unseren Sinnen einzeln und getrennt erscheinen, glauben wir, es seien ihrer viele. Sehen wir sie aber auf geistige Art, erkennen wir ihre Einheit. Von diesem Einen kommt alles, von ihm wird alles geschaffen und durch seinen Willen entsteht alles ausser ihm.

Das Wesen der Urgottheit

Asklepius: Und was ist diese Urgottheit selbst, o Trismegistos?

Trismegistos: Mit dieser Frage steigen wir auf zur Weihevollendung, o Asklepius. Die Menschen nennen Gott voll Ehrerbietung »Vater« oder »Herr aller Wesen« oder mit noch reineren Namen. Und der Name Gottes muss uns heilig sein. Aber wenn wir die Größe der Gottheit bedenken, wird uns kein Name genügen. Denn was ist ein Wort? Ein Ton, der entsteht, wenn unser Atem die Luft in Schwingung versetzt, ein Ton, der unsere Wünsche kundtut, unsere Empfindungen oder unsere Gedanken. Worte sind so eingeengt und umgrenzt, damit ein Gespräch unter Menschen stattfinden kann. Aber der wirkliche Name Gottes begreift alles in sich: Geist und Lebensodem und Pneuma, alles, was auf diesen beruht oder durch sie zustande kommt oder aus ihnen geschaffen wird. Und ein solcher Name für den Inbegriff aller Erhabenheit, den Vater und Herrn des Alls, und sei er auch noch so komplex zusammengesetzt, lässt sich nicht finden, geschweige denn aussprechen. Daher nennen wir ihn auch den Namenlosen oder besser den Allnamigen, ist er doch Eins und Alles zugleich. Alle Dinge müssten seinen Namen tragen oder er müsste die Namen aller Dinge tragen. Dieser Schöpfergott, der Eins und Alles ist, trägt die Fülle der Schöpferkraft des Männlichen und des Weiblichen in sich. Immer ist er schwanger durch seine eigene Zeugungskraft, immer zeugt er alles, was er gebären will. Sein Wille jedoch ist die vollkommenste Güte. Diese Güte lebt in allen Dingen, die aus ihm hervorgehen, damit alle seien, wie sie sind und die Natur auch künftig alle Wesen aus sich gebären kann. Dies, o Asklepius, soll dir begreiflich machen, warum und wie alles entsteht.

Asklepius: Gott trägt also das männliche und das weibliche Geschlecht in sich, o Trismegistos?

Die Macht der Liebe

Trismegistos: Ja, Asklepius. Aber nicht nur Gott allein, sondern alle beseelten und unbeseelten Wesen. Denn es gibt kein Lebewesen, das unfruchtbar wäre. Nähme man dem, was ist, seine Fruchtbarkeit, so könnte es unmöglich bleiben, was es ist. Darum trägt auch der Kosmos diesen Schöpfertrieb in sich, der alles, was geboren wird, am Dasein erhält. Beide Geschlechter besitzen Zeugungskraft und ihre Vereinigung ist etwas Geheimnisvolles, das du Eros oder Aphrodite nennen magst. Dieses Geheimnis erfasse mit deinem Herzen - denn es ist gewisser und einleuchtender als alles andere. Jener große Gott der Allnatur hat allen Wesen das Mysterium ewiger Schöpferkraft mitgeteilt und dieses Mysterium, mit dem die höchste Freude, die größte Heiterkeit und Lust verbunden ist, ist zugleich der höchste Wert, denn ihm ist die göttliche Liebe eingegossen.

Bedenke, wie groß die Gewalt und die zwingende Macht dieses Mysteriums ist, das du ja auch an dir selbst erfährst! Fasse jenen Moment ins Auge, in dem die beiden Naturen, die männliche und die weibliche, angeregt durch ihre dauernde Wechselwirkung, ihre Zeugungskraft in einander ergießen, und die eine den Samen der anderen gierig in sich einsaugt und in sich verschließt! Durch die innige Verschmelzung der beiden erlangt dann die weibliche Natur die Kraft der männlichen und die männliche sinkt in weiblicher Erschlaffung dahin. Dieses geheimnisvolle Geschehen, das voller Liebreiz für die Sinne ist und doch von eherner Notwendigkeit beherrscht, vollzieht sich zu Recht im Verborgenen, auf dass nicht das Göttliche beider Naturen erröte über die Vereinigung der Geschlechter, was gewiss der Fall wäre, wenn sie vor aller Welt geschähe und dem Spott der Unerfahrenen oder den Augen unfrommer Menschen ausgesetzt wäre. Und du weißt ja, es gibt nicht viele fromme Menschen auf der Welt, sondern so wenige, dass man sie zählen kann. Deswegen wohnt in vielen die Bosheit, da es ihnen an Wissen und Gnosis mangelt. Denn aus der Erkenntnis des göttlichen Willens erwächst die Verachtung für alle Laster der Welt, aber auch das Heilmittel gegen sie. Wer sich aber von Torheit und Unwissenheit nicht befreit, in dem erstarken alle Fehler und verwunden die Seele bis zur Unheilbarkeit, so als ob sie von einem Gift angesteckt und von Aussatz überzogen würde. Nur jene sind gefeit, deren Seele durch die beste aller Arzneien, durch Wissen und Gnosis geheilt wird.

Darum ist unsere Unterredung, möge sie auch nur wenigen nützen, doch nicht wertlos. Warum nun hat der Schöpfergott nur den Menschen Anteil an seiner göttlichen Gnosis gegeben? Höre und du wirst verstehen!

Als Gott der Vater und Herr nach den himmlischen Geistwesen die Menschen schuf, indem er die niederen und die höheren Elemente zu gleichen Teilen abwog, da verbanden sich die Mängel der niederen Stoffe mit den Körpern und blieben an ihnen haften. Andere Übel drangen durch die Nahrung in sie ein, deren ja alle Lebewesen bedürfen. Und daher haben sich in den Menschenseelen Triebe und Begierden und andere Leidenschaften festgesetzt. Die Götter aber sind aus dem reinsten Teil der Natur geschaffen und bedürfen keiner Stütze von seiten der Vernunft und der Gnosis. Unsterblichkeit und ewige Jugend ersetzen bei ihnen den Verstand und die Weisheit. Dafür stellte der Schöpfergott sie unter das Gesetz der ehernen Notwendigkeit. Den Menschen aber verlieh er Vernunft und Gnosis, damit sie die Mängel, die aus dem Körper stammen, ausgleichen und sich von ihnen frei zu machen vermögen. Der Mensch sollte die Hand ausstrecken nach der Unsterblichkeit, damit er den Göttern nicht zu ferne sei. Auch die guten und zur Unsterblichkeit befähigten Menschen schuf der Schöpfer aus zwei Naturen, aus der sterblichen und der unsterblichen, damit diese Zwienatur mehr sei als die Geistwesen, die nur die Unsterblichkeit besitzen, und mehr als alle bloß sterblichen Wesen. Darum verehrt auch der Mensch, der den höchsten Geistwesen verwandt ist, diese Wesen im Kultus und in seinem lauteren Herzen. Die Götter aber blicken mit zärtlicher Liebe auf alles Menschliche und behüten es.

Die von Menschen geschaffenen Götter

Nun lerne die Macht und Kraft des Menschen kennen, Asklepius. Wie Gott der Schöpfer der himmlischen Götter ist, so ist der Mensch der Bildner der Götter, die in den Tempeln wohnen, die sich an der Nähe der Menschen erfreuen. So empfängt der Mensch nicht nur das Licht des göttlichen Lebens, er gibt es auch, er geht nicht nur seinen Weg empor zu Gott, er bildet auch selbst Götter. – Du staunst, o Asklepius? Oder zweifelst du vielleicht wie so viele?

Asklepius: Ich bin bestürzt, o Trismegistos, aber ich preise den Menschen, dass ihm ein solches Glück zuteil geworden ist.

Trismegistos: Ja, er verdient es, dass man ihn für ein Wunder hält, ist er doch größer als alle Götter. Die geistigen Wesen im Himmel sind aus dem reinsten Teil der Natur gebildet und ihre sichtbaren Zeichen, die Sterne, sind nur runde Häupter, keine vollständigen Körper. Die Göttergestalten aber, welche die Menschen formen, haben eine Doppelnatur, eine göttliche, die reiner und viel erhabener ist als der Mensch und eine andere, die unter ihm steht, nämlich die Stoffe, aus denen sie gebildet werden. Und sie besitzen nicht nur Häupter, sondern vollständige Körper mit allen Gliedern. So führt die Menschheit das Werk des Schöpfers fort: Wie der Vater und Herr die ewigen Götter schuf, damit es Wesen gäbe, die ihm gleichen, so schuf die Menschheit sich selbst ihre Götter nach ihrem eigenen Bild und Gleichnis.

Asklepius: Meinst du die Bildnisse der Götter, o Trismegistos, die in Tempeln oder an heiligen Orten stehen?

Trismegistos: Ja, von diesen rede ich, Asklepius. Von jenen Bildnissen, die von Geist und Leben erfüllt sind, die viele und mächtige Wirkungen hervorrufen, die das Künftige vorauswissen und es durch das Los, durch den Seher, den sie inspirieren, durch Träume und auf mancherlei andere Weise verkünden; von jenen Bildnissen, die die Menschen in körperliche Schwächen stürzen und sie heilen, die Freude oder Kummer über sie bringen je nach Verdienst. Weißt du nicht, Asklepius, dass Ägypten das Abbild des Himmels ist, odee besser, die irdische Spiegelung aller Herrschaften und Mächte des Himmels, die gewissermaßen auf Ägypten herabgestiegen sind? Wahrlich, unser Land ist der Tempel des ganzen Kosmos.

Die apokalyptische Prophezeiung

Da aber die Weisen auch das Künftige wissen sollen, will ich dir das Folgende nicht vorenthalten: Es wird eine Zeit kommen, in der es scheint, als habe Ägypten umsonst mit frommem Herzen an der eifrigen Verehrung Gottes festgehalten; eine Zeit, in der sein ganzer heiliger Gottesdienst wirkungslos und vergeblich erscheinen wird. Dann werden die Götter von der Erde wieder in den Himmel zurückkehren, sie werden Ägypten verlassen, und das Land, das einst die Heimat alles Heiligen war, wird verwaist sein, es wird einer Witwe gleich um die verstorbenen Götter klagen. Fremde werden dieses Land und seine Gaue beherrschen und die Gottesdienste werden nicht nur vernachlässigt werden, sondern noch schlimmer: Frömmigkeit und Gottesdienst werden verboten und bestraft werden. Dann wird dieses heiligste aller Länder, die Heimat der Tempel und Heiligtümer, übersät sein von Leichen und frischen Gräbern. O Ägypten, Ägypten, dein Dienst am Heiligtum wird nur noch eine Fabel sein, die deine eigenen Kinder nicht mehr glauben, nur Worte werden übrig bleiben, in Stein gehauen, die von deinen frommen Taten erzählen. Ägypten aber wird der Skythe bewohnen oder der Äthiopier oder andere Barbaren.

Denn die Götter werden in den Himmel zurückkehren, die verwaisten Menschen werden sterben und – verlassen von Gott und Mensch – wird Ägypten als Witwe trauern. Du aber, heiligster Fluss: von Strömen Blutes wirst du anschwellen bis zur Uferhöhe, deine göttlichen Wogen werden ganz verseucht sein von Blut, und viel größer wird die Zahl der Toten sein als die der Lebenden. Wer überlebt, wird nur an seiner Sprache als Ägypter zu erkennen sein, in seinem Verhalten aber wird er einem Fremden gleichen.

Du weinst, Asklepius? – Noch Schlimmeres wird kommen und noch mehr wird Ägypten zu leiden haben, noch viel schrecklicher wird das künftige Unheil sein. Einst war Ägypten ein heiliges Land, das Gott am meisten liebte. Nur in seine Landschaft stiegen die Götter wegen der Frömmigkeit seiner Bewohner herab , um hier zu wohnen, es war die Lehrmeisterin der Heiligkeit und der frommen Liebe – und dieses Land wird zum Vorbild der größten Grausamkeit werden.

Dann wird für die Menschen der Kosmos kein Gegenstand der Bewunderung und Anbetung mehr sein, sondern Ekel hervorrufen. Dieses vollkommene Kunstwerk - denn es gab und gibt kein Besseres und es wird auch nie etwas Besseres geben - wird verachtet werden. Dieses unvergleichliche Gotteswerk, dieser Wunderbau, dieser Reichtum im Wechsel vielgestaltiger Bilder, dieses Werkzeug des göttlichen Willens, das ohne Neid den Menschen fördert, diese Fülle und Vielfalt des Seins, die doch in Wahrheit eine Einheit ist, – all das, was verehrt, gelobt, geliebt werden kann, von denen, die es wahrhaft sehen, all das wird den Menschen eine Last sein, und darum werden sie es verachten, statt es zu lieben. Man wird die Finsternis dem Licht vorziehen und den Tod für besser halten als das Leben. Keiner wird zum Himmel emporblicken, fromme Menschen werden für verrückt und Gottlose für klug gehalten werden, der von Leidenschaft Getriebene wird als Held dastehen und der Schlechteste als gut gelten. Die Seele und alle Fragen, ob sie unsterblich sei oder hoffen könne, die Unsterblichkeit zu erlangen, sie werden nicht bloß spöttisches Gelächter erregen, man wird einen leeren Wahn in all dem sehen. Ja, glaube mir, selbst die Todesstrafe wird dem drohen, der sich in Frömmigkeit dem Geiste hingibt. Eine neue Gesetzgebung wird kommen, kein heiliges Wort frommer Verehrung, nichts, was vor dem Himmel und den himmlischen Göttern Bestand hätte, wird man mehr hören oder glauben. Ein schrecklicher Abgrund zwischen Göttern und Menschen wird sich auftun, allein die bösen Engel werden bleiben, sich mit den Menschen vermischen, ihre Hände auf die Elenden legen und sie zu verwegenen Übeltaten antreiben, zu Krieg, Raub und Betrug, zu lauter Dingen, die dem Wesen der Seele fremd sind. Die Erde wird nicht unerschüttert bleiben, das Meer wird keine Schiffe mehr tragen, der Himmel wird wanken und die Gestirne aus ihren Bahnen geraten. Die Stimme Gottes wird verstummen , die Früchte der Erde werden verderben, sie wird aufhören, Früchte zu tragen und selbst die Luft wird in dumpfem Brüten erschlaffen.

So wird es heraufziehen, das Greisenalter der Welt: ein Zeitalter der Gottlosigkeit, der Ordnungslosigkeit und des Chaos. Wenn all das eingetreten ist, o Asklepius, dann wird der Herr und Vater, der Gott von Urbeginn und Schöpfer des ersten und einigen Gottes, auf die Schandtaten und rohen Sitten der Menschen hinblicken, und durch einen Akt seines Willens, der die reine Güte ist, wird er der Zerstörung Einhalt gebieten. Die Irrenden wird er auf den rechten Weg zurückleiten, die Boshaften wird er mit Wasserfluten wegschwemmen oder mit Feuer verzehren oder er wird ihnen durch Seuchen und Kriege ein Ende setzen. So wird er dem Kosmos sein einstiges Aussehen wiedergeben, auf dass er selbst wieder verehrungs- und bewunderungswürdig sei und die Menschen wie eifrige Herolde Gott, den Bildner und Neuschöpfer eines so großen Werkes, preisen und in Lobgesängen feiern.

Denn dies ist die Wiedergeburt der Welt: alles Gute wird neugeschaffen, die Natur selbst wird in ihrer ursprünglichen Heiligkeit und Göttlichkeit durch den Willen Gottes, den ewigen und anfangslosen, wiederhergestellt, wenn das Äon abgelaufen ist. Denn der göttliche Wille hat keinen Anfang, er ist immer derselbe und bleibt durch alle Zeiten, der er ist. Von Weisheit erfüllter Wille, das ist das ewige Wesen Gottes.

Asklepius: So ist also die Güte des Höchsten in Wahrheit Gnosis, o Trismegistos?

Trismegistos: Der Wille, o Asklepius, wird aus der Gnosis geboren, die einzelnen Willensakte aus dem Willen. Und Gott, die Fülle des Alls, will ja nichts vergeblich, er will nur, was er hat. Er will alles Gute und hat alles, was er will. So denkt und will er alles Gute. Dies Gute aber ist Gott und das Abbild dieses Guten ist der Kosmos, der darum ebenfalls gut ist.

Asklepius: Ist denn der Kosmos wirklich gut, o Trismegistos?

Trismegistos: Er ist gut, Asklepius, wie du gleich erkennen wirst. Gott ist für alle Wesen der Verwalter und Verteiler des Guten, er gibt allen Geist, Seele und Leben. Der Kosmos aber schenkt und spendet den Sterblichen alles, was sie schätzen: den Reigen der Jahreszeiten, das Keimen, Wachsen und Reifen der Früchte und vieles mehr. Gott aber thront auf dem Gipfel des Himmelsberges und ist doch überall und sieht alles um sich her. Denn jenseits des Himmels ist ein sternenloser Ort, der außerhalb des Sichtbaren liegt. Zwischen Himmel und Erde wohnt Jupiter als Verwalter des Zwischenreiches. Über Land und Meer herrscht Jupiter Plutonius. Er ist der Ernährer aller Lebewesen und aller fruchttragenden Bäume. Durch seine Kraft gedeihen Erdreich, Frucht und Strauch. Schließlich gibt es andere Geistwesen, die je nach ihren Aufgaben und Wirkungen über den ganzen Kosmos verteilt sind. Bestimmte Geistwesen aber, die über die Landschaften herrschen, werden sich in einer Stadt niederlassen, die am äußersten westlichen Rande Ägyptens liegt und alle Menschen werden über die Meere und das Land zu dieser Stadt hineilen.

Asklepius: Wo aber sind diese Götter in unserer Zeit, o Trismegistos?

Trismegistos: Sie wohnen in einer mächtigen Stadt im Lybischen Gebirge. –

Das Leben der Seelen nach dem Tode

Doch genug davon. Lasst uns nun von den Unsterblichen und den Sterblichen reden. Die Menge schwankt zwischen Todessehnsucht und Todesfurcht hin und her, ohne die Wahrheit zu kennen.

Der Tod tritt ein durch die Auflösung des Körpers, wenn die Arbeit seine Kraft aufgebraucht hat und die Zahl der Jahre erfüllt ist, nach denen seine Glieder zu einem einheitlichen Werkzeug zusammengefügt sind, das die Vorgänge des Lebens unterhält. Der Körper stirbt, weil er die Lebenskräfte nicht mehr an sich halten kann.

Das also ist der Tod: die Auflösung des Körpers und das Ende aller Wahrnehmungen und Empfindungen, die wir ihm verdanken. Sich deshalb Sorgen zu machen, ist überflüssig. Es gibt etwas viel Wichtigeres, um das wir uns kümmern müssen, das aber die Menschen aus Unwissenheit oder Unglauben übersehen.

Asklepius: Was ist dies, Trismegistos, was die Menschen nicht kennen oder bezweifeln?

Trismegistos: Höre, Asklepius. - Wenn die Trennung von Leib und Seele vollendet ist, gelangt die Seele in den Herrschaftsbereich des höchsten Engelsfürsten, der im nachtodlichen Gericht ihre Verdienste prüft und ihr erlaubt, wenn er sie für fromm und gerecht befunden hat, an einem ihr angemessenen Ort Wohnung zu nehmen. Wenn sie aber von Fehlern und Lastern befleckt und besudelt ist, dann stürzt er sie von oben hinab in die Tiefe und überlässt sie den Wirbelstürmen, dem Feuer und Wasser, dem Streit der Elemente. Zwischen Himmel und Erde wird sie umhergetrieben in den Ätherfluten des Kosmos und zur Strafe ein ganzes Weltalter hindurch nach allen Richtungen gerissen. Auf diese Weise wird ihr ihre Unsterblichkeit zum Verhängnis, denn weil sie ihre Empfindungsfähigkeit nicht verliert, dauert auch ihre Strafe ein ganzes Äon. Darum bedenke, dass wir uns in Furcht und Scheu hüten müssen, nicht in ein solches Schicksal verstrickt zu werden. Die das nicht glauben, werden später, wenn sie denn gesündigt haben, gezwungen werden, es zu glauben, nicht durch Worte, sondern durch das, was ihnen widerfährt, nicht durch Drohungen, sondern durch das Erleiden der Strafe.

Asklepius: So werden also die Vergehen der Menschen nicht nur durch das menschliche Gesetz bestraft?

Trismegistos: O nein, Asklepius. Nicht nur alles Irdische ist sterblich, sondern auch das, was nach der Weise des Körpers lebt und durch diese irdische Lebensweise vom wahren Leben abfällt. All dieses Irdische fällt schon während des Lebens der Strafe anheim Das Unsterbliche aber erleidet nach dem Tode seine Strafe, und sie ist um so schwerer, wenn während des Lebens die Vergehen verheimlicht wurden. Denn die Strafen werden ja von einem geistigen Wesen verhängt, dem nichts verborgen beibt und entsprechen genau der Schuld.

Asklepius: Warum werden solche Menschen, die ihre Vergehen während des Lebens verheimlichen, schwerer bestraft?

Trismegistos: Weil die vom Gesetz der Menschen Verurteilten ihr Leben verlieren, und dadurch der Natur zurückgeben, was sie ihr schulden, während jene anderen nach dem Tod eine Strafe abbüßen, die sie verdient haben.

Aber für den gerechten Menschen gibt es einen wirksamen Schutz: Hingabe an Gott und tiefe Frömmigkeit. Solche Menschen bewahrt Gott vor allem Bösen. Der Vater und Herr aller, der allein alles ist, hat ja seine Freude daran, sich allen zu offenbaren. Aber er offenbart sich nicht an einem bestimmten Ort, mit bestimmten Eigenschaften, sondern er erleuchtet den Menschen durch die Gnosis des Herzens. Und wenn die Finsternis des Irrtums aus seiner Seele vertrieben ist, er das klare Licht der Wahrheit in sich aufgenommen hat und sein Geist sich voll und ganz mit der Gnosis verbindet, dann wird er durch die glühende Liebe zu ihr frei vom sterblichen Teil seines Wesens und entwickelt das Vertrauen auf die künftige Unsterblichkeit wie einen Keim in sich. Das ist der Unterschied zwischen Guten und Bösen. Ein Mensch, der zur Klarheit kommt durch Frömmigkeit, Gottverbundenheit, innere Erfahrung, Kultus und Gottesverehrung, schaut den wahren Grund der Dinge gleichsam mit Augen. Durch die Sicherheit seines hingebenden Glaubens hat er soviel voraus vor den anderen Menschen, wie die Sonne an Licht vor den übrigen Gestirnen. Denn die Sonne erleuchtet die übrigen Sterne nicht durch die Menge ihres Lichtes, sondern durch ihre göttliche Heiligkeit. Die Sonne betrachte also als einen zweiten Gott, der alles lenkt und allem Irdischen sein Licht schenkt, sei es beseelt oder unbeseelt.

Das ewige Leben des Kosmos

Wenn also der Kosmos ein Lebewesen und zwar ein ewig lebendiges war und ist und sein wird, dann ist nichts im Kosmos sterblich. So wie er uns erscheint, ist er immer lebendig in einem jeden einzelnen seiner Glieder, und da er als Ganzes immer ein und dasselbe Lebewesen ist und zwar ein ewig lebendiges, ist in ihm nirgends Raum für Sterblichkeit. Also muss er übervoll des Lebens sein und zwar des ewigen Lebens – wenn es denn in seiner Natur liegt, immer zu leben. Also ist die Sonne, oder sagen wir, der Kosmos, ewig, er ist der Herrscher über alles, was Leben in sich trägt und Leben weitergibt. Beides verwaltet und ordnet er immer neu. Und Gott ist der ewige Regent alles Lebendigen und Lebengebenden im Kosmos und zugleich der ewige Spender des Lebens. Nachdem er einmal das Leben allen kosmischen Quellen des Lebens geschenkt hat, sorgt er auch durch seinen ewigen Willen für die Fortdauer seines Geschenkes.

Im Leben der Ewigkeit bewegt sich der Kosmos und innerhalb dieser lebenspendenden Ewigkeit hat er seinen Ort. Darum wird er nie still stehen und auch nie zugrunde gehen. Denn er ist umschlossen vom ewigen Leben wie von einem Schutzwall und in eins verschlungen mit ihm. Der Kosmos spendet allen Wesen, die in ihm sind, sein Leben, er ist der Raum, der alles in sich birgt, was unter der Sonne lebt. Seine Bewegung ist eine doppelte: ihm strömt Leben von außen, aus der Ewigkeit zu, und er belebt alles, was in ihm ist. Er verteilt und verbreitet alles nach bestimmten, ihm eingeprägten Ideen von Zahl und Zeit durch die Macht der Sonne und den Lauf der Gestirne. Der Zeitenlauf ist ganz vom göttlichen Gesetz bestimmt.

Zeit und Ewigkeit

Die irdische Zeit wird geformt durch die verschiedenen Zustände der Luft, den Wechsel von Wärme und Kälte, die himmlische aber durch den regelmäßigen Umlauf der Gestirne und ihre Rückkehr an den gleichen Ort. Der Kosmos ist der Schoß, der die Zeit in sich aufnimmt und durch den Lauf und die Bewegung der Zeit erhält sich das Leben in ihm. Die Zeit aber bleibt erhalten gemäß einer bestimmten Ordnung. Und so bewirkt der geordnete Ablauf der Zeit eine Erneuerung all dessen, was im Kosmos ist. Da aber alles in dies Geschehen einbezogen ist, bleibt nichts stehen, ist nichts unveränderlich, nichts unbeweglich, sei es nun irdisch oder himmlisch, außer Gott allein. Denn er ist die Fülle des Seins und die Vollkommenheit, er ist Mittelpunkt und Umkreis in einem. Er steht fest in sich selbst, er kann nicht von außen bewegt werden, denn alles ist in ihm und er ist in allem. Er bewegt sich auch nicht innerhalb der Ewigkeit, denn diese Ewigkeit ist ja selbst unbeweglich. In sie fließt die Bewegung der Zeit zurück, aus ihr entspringt die Bewegung der Zeit.

Gott war und ist immer. Er ist unwandelbar und mit ihm auch die Ewigkeit, die jenes ungeborene Wesen in sich trägt, das wir zu Recht den übersinnlichen, geistigen Kosmos nennen. Und das Abbild dieses zweiten Gottes ist unsere irdische Welt, diese Nachahmerin der Ewigkeit. Nun besitzt aber die Zeit, obwohl sie immer in Bewegung ist, eine ihrem Wesen entsprechende Dauer, da sie nach dem Gesetz der Notwendigkeit stets in sich selbst zurückkehrt. So ruht zwar die Ewigkeit unbeweglich und fest. Da aber die Zeit, die beweglich ist, immer wieder in die Ewigkeit zurückströmt und in ihrer Bewegung einem Gesetz des Umlaufs folgt, das ihrem Wesen entspricht, scheint es, als ob die Ewigkeit, die doch unbeweglich ist, sich bewegt, eben durch das Strömen der Zeit, in der sie waltet und wirkt und in der alle Bewegung stattfindet. So wird die Ruhe der Ewigkeit zur Zeit und die Bewegung der Zeit zur Ruhe durch das unabänderliche Gesetz des Kreislaufs.

Und so vermögen wir auch Gott bei aller Unwandelbarkeit als etwas in sich Bewegtes zu denken. Die wandellose Bewegung, seine ewige Dauer, ist seine unermessliche Größe. Diese Größe aber ist unfassbar. Ein Wesen, das für die Sinne nicht sichtbar ist, hat keine Grenze, es ist ungreifbar und unmessbar, man kann es nicht erforschen. Wo es ist, wohin es geht, woher es kommt, wie es beschaffen ist  – das wissen wir nicht. Es bewegt sich in höchster Ruhe und ruht in sich selbst in endloser Dauer, Gott oder Ewigkeit oder beides, oder eines im anderen oder beide in einander. Darum ist die Ewigkeit ohne die Bestimmheit der Zeit. Die Zeit hat eine Dauer, die durch die Zahl oder wechselnde Zustände oder die periodische Wiederkehr bestimmt werden kann. Beide sind unbegrenzt, beide ewig. Da aber die Ruhe der Ewigkeit der feste Grund ist, in dem alles Bewegliche wurzelt, steht sie mit Recht an erster Stelle.

Gott und die Ewigkeit sind der Urbeginn alles Seins. Dem Kosmos steht nicht der erste Rang zu, weil er wandelbar ist. Denn in ihm ist das erste Prinzip die Bewegung, nicht die Dauer und Unveränderlichkeit; seine unwandelbare Festigkeit erlangt er allein durch das Gesetz der Bewegung.

Der göttliche Geist ist wie die Ewigkeit. Er ruht in sich selbst und bewegt sich doch in seiner ewigen Ruhe. Er ist heilig, unvergänglich, von ewiger Dauer und was man sonst noch sagen könnte vom ewigen Leben des Schöpfergottes, dem Inbegriff aller Wirklichkeit. Der göttliche Geist ist der Inbegriff alles Geistigen und aller Weisheit, er ist in seinem Wesen eins mit Gott.

Der im Kosmos ausgebreitete Geist aber ist der Mutterschoß aller sichtbaren Dinge und aller Erkenntnis dieser Dinge.

Das menschliche Erkennen

Und der Menschengeist ist ein Abbild des göttlichen Geistes. Ein Abbild des Abbildes, weil der Kosmos und der kosmische Geist das erste Abbild ist. Der menschliche Geist ist eingetaucht in die Stoffeswelt, in den Körper. Er ist abhängig von der Kraft, mit der das Gedächtnis die Erfahrungen festhält. Bis zum Menschen ist der göttliche Geist auf der Stufenleiter der geistigen Wesen herabgestiegen, nicht weiter. Denn der Schöpfergott wollte seinen Geist nicht unterschiedslos auf alles verteilen, damit er nicht herabgewürdigt werde durch die Vermischung mit niederen Wesen.

Das Erkennen des Menschen ist abhängig von der Kraft der Erinnerung. Durch diese Kraft ist er zum Herrn der Erde geworden. Wissen von der Natur und der Beschaffenheit des kosmischen Geistes erlangt man durch denkende Betrachtung des sinnlich wahrnehmbaren Kosmos. Denn der Geist der Ewigkeit, des Einen Gottes, bildet sich in der sichtbaren Welt ab und aus ihr kann man den göttlichen Geist erkennen. Wirkliche Weisheit aber ist Gnosis, die uns Einblick in den Geist des Schöpfergottes auch jenseits der Schöpfung gewährt, und von dieser Weisheit besitzen wir in der sichtbaren Welt nicht einmal einen schwachen Umriss, nicht den Schatten eines Schattens. Denn wo das Erkennen der Zeit unterworfen ist, ist Täuschung, wo geurteilt wird, ist Irrtum.

Ein weiterer Unterschied besteht zwischen dem Verstand, der die Gesetze aus den sinnlichen Abbildern herausliest und dem Geiste, der sich zu einer Schau des Göttlichen erhebt: unser Verstand vermag sich durch Sammlung bis zum Verständnis des kosmischen Geistes zu erheben. Unsere Gnosis aber dringt weiter vor, bis zur Erkenntnis der Ewigkeit und der höchsten Geistwesen, die über dem Kosmos sind. Durch einen dichten Nebel nur sehen die gewöhnlichen Menschen die himmlischen Dinge, soweit es eben ihr Verstand zulässt. Sammeln wir aber unseren Geist und richten ihn auf jene höchsten Dinge, stoßen wir durch jenen engen, beschwerlichen Durchgang, der die Höhle unseres Bewusstseins verschließt, dann erreichen wir die Schau, die unser Bewusstsein weitet und es mit jener Glückselgkeit erfüllt, mit der sich nichts anderes messsen lässt.

Du siehst, o Asklepius, wie wir in die Welt gestellt sind und an welche hohen Dinge wir rühren. Dem Schöpfergott aber sage ich Dank, dass er mich erleuchtet hat mit jenem Licht, in dem wir ihn zu schauen vermögen. Und ihr, meine Schüler, möget ihr die göttlichen Geheimnisse in der Stille eures Herzens verbergen und mit Schweigen verhüllen.

...

Da sich dies nun so verhält, o Asklepius und ihr anderen, so wisset, dass jener übersinnliche Kosmos, der nur mit den Augen des Geistes erkannt werden kann, unkörperlich ist und dass ihm nichts Körperliches beigemischt ist, nichts, was sich nach Qualität, Quantität und Zahl bestimmen lässt.

Unsere sichtbare Welt ist der mütterliche Schoß für die Eigenschaften und Körper aller Einzelwesen. Doch hätten all diese Körper ohne Gott nicht die Kraft zu leben. Denn Gott ist das All, von ihm kommt alles und alles hängt von seinem Willen ab. Und dieses All ist voller Güte, Schönheit und Weisheit, es ist unnachahmlich, Gott allein wahrnehmbar und begreiflich. Alles kommt von ihm, ist in ihm und durch ihn: die mannigfaltigen Qualitäten, die Quantitäten, die alles Maß übertreffen und alle Einzelwesen. Wenn du das verstehst, Asklepius, dann wirst du Gott danken. Und wenn du das All betrachtest, wirst du erkennen, dass die sichtbare Welt und alles, was in ihr ist, von jenem unsichbaren Kosmos und den Wesen, die ihn bewohnen, gleich einem Kleide gewoben worden ist.

Urbild und Abbild, Einheit und Vielheit

Denn jedes einzelne Lebewesen, sei es sterblich oder unsterblich, vernünftig oder unvernünftig, beseelt oder unbeseelt, trägt ein Abbild seines Urbildes in sich. Obwohl jedes Lebewesen seinem Urbild entspricht, unterscheiden sich doch die Individuen voneinander, mögen sie auch im großen Ganzen die gleiche Form haben. So besitzt das Menschengeschlecht ein gemeinsames Urbild, wie schon die äußere Erscheinung zeigt, aber bei aller Einheitlichkeit sind die Einzelnen doch voneinander verschieden.

Das göttliche Urbild des Einzelwesens ist zwar unkörperlich und für alle gleich. Da aber die Formen der sichtbaren Dinge von zwei Seiten her gebildet werden, vom Körperlichen und vom Unkörperlichen her, ist es unmöglich, dass zu verschiedenen Zeitpunkten und an verschiedenen Orten zwei Formen entstehen, die einander völlig gleichen. Die sinnlichen Erscheinungsformen wandeln sich in jedem Augenblick, in jeder Stunde des himmlischen Kreislaufs, der ja von jenem Gott beherrscht wird, den wir den Allgestaltigen nennen, den Spender aller Formen. Das Urbild aber dauert, indem es immer wieder neue Abbilder aus sich hervorbringt, die so verschieden sind nach Zahl und Art wie die Augenblicke im himmlischen Kreislauf. Denn der sichtbare Himmel verändert sich, während er sich dreht, das Urbild aber dreht und verändert sich nicht. So bleibt das Urbild sich selbst gleich, die Einzelformen aber sind verschieden trotz des gleichen Urbildes.

Asklepius: Aber ändert nicht auch der himmlische Kreislauf seine Erscheinungsform, o Trismegistos?

Trismegistos: Nun, Asklepius, hast du denn die ganze Zeit über geschlafen, als ich mit dir redete? Denn was ist der himmlische Kreislauf und aus was besteht er, wenn nicht aus lauter Dingen, die entstanden sind? Wenn du vom himmlischen Kreislauf sprichst, dann sprichst du über den sichtbaren Himmel und die Erde und die Elemente. Und wechseln diese nicht ihre Erscheinungsform so oft, wie andere Dinge? Der Himmel ist feucht und trocken, heiß und kalt, klar und trübe im Wechsel; das sind die schnell wechselnden Erscheinungsformen, die der eine, alles umschließende Himmel annimmt. Auch die Erde durchläuft unaufhörlich viele Erscheinungsformen; sie bringt Geschöpfe hervor, ernährt die Geschöpfe, die sie erzeugt, treibt alle Arten von Früchten hervor, mit vielfältigen Unterschieden, und sie erzeugt vielelerlei Arten von Bäumen, Blumen und Beeren, die sich nach Beschaffenheit, nach Duft, Geschmack und Aussehen unterscheiden. Die meisten Wandlungen aber macht das Feuer durch, es nimmt sogar göttliche Formen an: So erscheinen Sonne und Mond in allen Gestalten; sie gleichen unseren Spiegeln und wetteifern an Glanz, um in sichtbaren Bildern das himmlische Urfeuer zu spiegeln.

Die Beseelung der Götterbildnisse

Doch genug davon. Kehren wir zum Menschen zurück und zum göttlichen Geschenk der Vernunft, dank dem der Mensch ein vernünftiges Wesen ist. Das größte aller Wunder, dem kein anderes gleicht, ist nämlich dies, dass der Mensch es vermochte, Götter ins Dasein zu rufen und ihnen Gestalt zu geben.

Da nämlich unsere Vorfahren sich über das wahre Wesen der Götter irrten, weil sie nicht mehr glaubten und keine Sorgfalt auf den geistigen Kultus und eine dem Göttlichen gemäße Verehrung wandten, erfanden sie die Kunst, selbst Götter zu bilden. Mit diesen Gebilden verbanden sie eine Kraft aus dem Kosmos, die sie durch die Mischung von Substanzen gewannen, und da sie keine Seelen erzeugen konnten, so beschworen sie niedere Engel und bannten sie durch Riten und Geheimkulte in ihre Bildwerke, die dadurch die magische Macht erlangten, Gutes und Böses zu vollbringen. Dein Großvater Asklepius ist ein Beispiel dafür, der Erfinder der Heilkunst, dem im Lybischen Gebirge, nicht weit vom Krokodilstrand ein Tempel geweiht ist. Dort liegt sein Körper begraben; der höhere Mensch aber ist in den Himmel zurückgekehrt. Bis zum heutigen Tag lässt er den Kranken durch seine Heilkunst alle Hilfe zukommen, nun durch eine göttliche Macht, die ihm nach dem Tode zugewachsen ist. Und hat nicht mein Großvater Hermes seine Wohnung in der nach ihm benannten Vaterstadt Hermopolis genommen und hilft nun allen Sterblichen, die von überall her zu ihm kommen, und rettet sie? Und Isis erst, die Gemahlin des Osiris, tut sie nicht vielen Menschen Gutes, wenn sie gnädig ist, schadet sie nicht auch vielen, wenn sie zornig ist? Denn stoffliche und irdische Götter geraten leicht in Zorn, sie sind ja von den Menschen aus beiden Substanzen, aus irdischen und himmlischen, gebildet worden. So betrachten auch die Ägyptern heilige Tiere als Götter und in einzelnen Städten Ägyptens werden die Seelen der Menschen verehrt, denen diese Tiere als lebende Symbole geweiht waren, so dass die Städte von ihren Gesetzen beherrscht und nach ihren Namen benannt wurden. Das ist auch der Grund, Asklepius, warum den einen anbetungswürdig und verehrenswert erscheint, was die anderen verachten und warum die Städte Ägyptens gewöhnlich im Krieg miteinander liegen.

Asklepius: Und diese irdischen Götter, o Trismegistos, welches ist ihre Natur, und auf welche Weise werden sie in ihre Bildnisse hereingebannt?

Trismegistos: Sie sind zusammengesetzt aus Kräutern, Asklepius, aus Steinen und Gewürzen, die eine göttliche Kraft in sich tragen. Und durch häufige Opfer, durch Hymnen und Lobgesänge und den Wohlklang süßer Weisen, die die Harmonie der Sphären nachbilden, stimmt man sie gnädig, damit das Himmlische, das man hereingelockt hat in die Bildwerke, aus Freude an diesem immer wiederkehrenden Brauch die Menschen ertrage und lange Zeiten unter ihnen wohne. Auf solche Weise ist der Mensch zum Bildner von Göttern geworden. Und glaube ja nicht, Asklepius, dass die Wirkungen dieser irdischen Götter zufällig sind. Die himmlischen Götter, die in den Höhen wohnen, üben die Ämter, die ihnen aufgetragen wurden, ihrem Rang gemäß aus. Auch bei den irdischen Göttern hat jeder ein bestimmtes Werk zu besorgen: die einen verkünden durch heilige Lose und Inspiration die Zukunft, andere sehen, was kommt und helfen entsprechend und so stehen sie den Menschen bei wie liebende Verwandte.

Schicksal, Notwendigkeit und Ordnung

Asklepius: Und welchen Anteil hat dann das Schicksal an der Weltordnung, o Trismegistos? Wenn doch die himmlischen Götter das Weltall als Ganzes beherrschen, die irdischen es im Einzelnen verwalten?

Trismegistos: Was wir Schicksal nennen, Asklepius, ist das unabänderliche Gesetz, nach dem alles, was geschieht, in ununterbrochener Folge wie in einer Kette verknüpft ist. Das Schicksal ist entweder die Kraft, die alles bewirkt, oder der Schöpfergott, oder der von diesem geschaffene zweite Gott oder die durch göttlichen Willen festgelegte Ordnung alles himmlischen und irdischen Geschehens. Also sind beide, Schicksal und Notwendigkeit, unzertrennlich verbunden. Das Schicksal ist die Mutter, in deren Schoß alles seinen Anfang nimmt, die Notwendigkeit aber treibt weiter zu den Wirkungen, die dem Anfang entsprechen. Und beide zusammen zeitigen die Ordnung, die Verflechtung und zeitliche Anordnung der Ereignisse. Denn nichts ist ohne Ordnung, der Kosmos selbst ist Ordnung.

Diese drei also: Schicksal, Notwendigkeit und Ordnung sind Ausdruck des göttlichen Willens, der die Welt nach seinem Gesetz und seiner Voraussicht regiert. Darum ist ihnen alles eigene Wollen oder Nichtwollen fremd. Kein Zorn erregt sie, keine Gunstbezeugung stimmt sie um, sie dienen der ewigen Weltordnung und diese Ewigkeit ist unabwendbar, unwandelbar und unauflöslich.

An erster Stelle steht das Schicksal, das gleichsam den Samen ausstreut, aus dem die künftige Saat hervorwächst, dann folgt die Notwendigkeit, die unausweichlich die Folgen zeitigt und als drittes die Ordnung, die das ganze Gewebe der vom Schicksal und der Notwendigkeit hervorgerufenen Ereignisse zusammenhält. Alles zusammen ist eine Ewigkeit, die keinen Anfang und kein Ende kennt, die umschwingt in immerwährender Bewegung nach dem festen Gesetz eines unwandelbaren Kreislaufs, die wechselweise aufsteigt und verschwindet in den einzelnen Teilen des Kosmos, so dass sie zu verschiedenen Zeiten da wieder emporsteigt, wo sie einst verschwand. Das ist ja die Natur des Kreislaufs: alle Punkte im Kreis sind so ineinander gefügt, dass du nicht sagen kannst, wo der Kreis beginnt. Denn immerzu scheint ein Punkt dem andern sowohl vorauszugehen als auch nachzufolgen.

Der Zufall aber ist auch in alles irdische Geschehen verwoben.

Nun habe ich über die einzelnen Fragen mit Euch gesprochen, soweit es meine menschliche Kraft zuließ und soweit es die Gottheit erlaubte. So bleibt uns nur noch eines: dass wir Gott im Gebet lobpreisen und dann für unseren Körper sorgen. Lange genug haben wir uns mit dem Göttlichen beschäftigt und unseren Geist mit solcher Speise gesättigt.

Da sie aus dem Heiligtum herausgetreten waren, schickten sie sich an, zu beten, den Blick nach Süden gerichtet. Denn dorthin muss schauen, wer bei Sonnenuntergang beten will, wie jener, der bei Sonnenaufgang betet, nach Osten schauen soll. Schon hatten sie zu beten begonnen, da flüsterte Asklepius: Sage, Thot, sollen wir nicht unserem Vater vorschlagen, nach heiligem Brauch ein Opfer von Weihrauch und Wohlgeruch mit unserem Gebet zu verbinden?

Dies hörte Trismegistos und rief erregt:

Schweig, Asklepius, Weihrauch zu verbrennen und Wohlgerüche aufsteigen zu lassen, wenn man zu dem einen Gott betet, kommt einer Entweihung des Heiligen gleich. Er bedarf dessen nicht. Er ist selbst alles und alles ist in ihm. Wir wollen ihn anbeten und ihm danken, das genügt. Denn Lobpreis und Dank von den Sterblichen, das allein ist ein würdiges Brandopfer für den höchsten Gott.

Lobpreis des Höchsten

Wir danken Dir, Allerhöchster, Erhabenster.
Mit ganzer Seele und mit ganzem Herzen erheben wir uns zu Dir.
Deine Gnade hat uns wie ein Licht erleuchtet,
auf dass wir schauend Dich erkennen.

Wir danken Dir, des Namen keiner nennt.
Wir ehren Dich mit dem Namen Gott, denn Du allein bist der Herr.
Wir preisen Dich mit dem Namen Vater, denn allen neigst Du Dich wie ein Vater
und allen Dingen hast Du Deine zärtliche Liebe durch die Tat bezeugt,
besser als sonst irgend ein Vater.

Denn Du hast uns den Geist, das Wort und die heilige Schau geschenkt.
Den Geist, auf dass wir Dich erkennen,
Das Wort, auf dass wir Dich anrufen,
die heilige Schau, damit wir Dich erkennen
und gerettet an Deinem Lichte uns erfreuen.

Wir freuen uns, denn Du hast Dich uns in der Fülle Deines Wesens offenbart.
Wir freuen uns, denn obwohl wir noch im Körper weilen,
hast Du uns zu Göttern geweiht und zu Mitbesitzern Deiner Ewigkeit.

Dies ist der einzige Dank der Menschen, dass sie Deine Herrlichkeit erkennen.
Wir haben Dich erkannt, Du hellstes Licht, das nur der Geist erkennt.
Wir haben Dich erkannt, Du wahres Leben unseres Menschenlebens.
Wir haben Dich erkannt, Du mütterlicher Schoß des Alls,
fruchtbar und schwanger durch den ewigen Vater.

Wir haben Dich erkannt, Du ewige Dauer,
die in sich ruht und doch das All im Kreise schwingt.

Mit solchem Lobpreis beten wir Dich an, Du einziges Gut
und nur die eine Gnade erflehen wir von Deiner Güte:
erhalte und bewahre uns in Deiner Erkenntnis und in Deiner Liebe
und lass uns nimmermehr abirren von diesem Pfad des Lebens.

Da wir nun gebetet haben, wollen wir uns zu einem reinen, nicht von Fleisch befleckten Mahl begeben.


Das Corpus Hermeticum in einer preisgünstigen, englischen Übersetzung: Hermetica: The Greek Corpus Hermeticum and the Latin Asclepius in a New English Translation, with Notes and Introduction

Und in einer neuen deutschen, wissenschaftlichen Übersetzung: Das Corpus Hermeticum deutsch, Teil 1: Die griechischen Traktate und der lateinische 'Asclepius'

Das Corpus Hermeticum deutsch, Teil 2: Nag-Hammadi-Texte, Testimonien

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