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Von Zeit und Ewigkeit, Gott und der Schöpfung

Eine freie Übersetzung des elften Traktats des Corpus Hermeticum von Lorenzo Ravagli


Hermes: Da die Menschen so viele verschiedene Meinungen über das Weltall und Gott geäußert haben, ist mir die Wahrheit bis jetzt verborgen geblieben. Mach sie mir zugänglich, mein Meister, – durch Dich allein werde ich zur Einsicht gelangen.

Geist: Merke Dir meine Worte, Hermes Trismegistos, und halte sie gut in Deinem Gedächtnis fest. Ich meinerseits werde nicht zögern, Dir mitzuteilen, was ich schaue.

Höre, wie es sich mit Gott und dem Universum verhält, mein Kind.

Gott schafft die Ewigkeit (Aiôn),
die Ewigkeit den Kosmos,
der Kosmos die Zeit,
die Zeit das Werden.

Das Wesen Gottes ist Weisheit,
das Wesen der Ewigkeit Unentzweitheit,
das Wesen des Kosmos Ordnung
das Wesen der Zeit Wandel
das Wesen des Werdens Leben und Tod.

Gott wirkt durch Geist und Seele,
die Ewigkeit durch Dauer und Unsterblichkeit,
der Kosmos durch Lauf und Gegenlauf der Gestirne,
die Zeit durch Zunahme und Abnahme,
das Werden durch Qualität und Quantität.

Die Ewigkeit ist in Gott,
der Kosmos in der Ewigkeit,
die Zeit im Kosmos,
das Werden in der Zeit.

Die Ewigkeit ruht in Gott,
der Kosmos bewegt sich in der Ewigkeit,
die Zeit vergeht im Kosmos,
das Werden wird in der Zeit.

Die Quelle aller Dinge ist Gott,
die Ewigkeit ist ihr Wesen,
der Kosmos ihr Stoff.
Ewigkeit ist die Kraft Gottes,
der Kosmos der Ewigkeit Werk.

Aber der Kosmos ist ohne Anfang,
er entsteht ewig aus der Ewigkeit.
Nichts im Kosmos wird jemals vergehen,
da die Ewigkeit unvergänglich ist.
Nichts wird im Kosmos aufhören, da die Ewigkeit ihn einschließt.

Hermes: Aber was ist die Weisheit Gottes?

Geist: Das Schöne und das Gute, Glückseligkeit und Erhabenheit und Ewigkeit. Die Ewigkeit schafft Ordnung, indem sie dem Stoff Unsterblichkeit und Dauer verleiht.

Der Stoff gründet in der Ewigkeit, so wie die Ewigkeit in Gott gründet. Werden und Zeit, von doppelter Natur, verteilen sich auf Himmel und Erde. Im Himmel sind sie unveränderlich und unzerstörbar, auf der Erde veränderlich und vergänglich.

Gott ist die Seele der Ewigkeit,
die Ewigkeit die Seele des Kosmos,
der Himmel die Seele der Erde.

Gott ist im Geist,
der Geist in der Seele,
die Seele im Stoff,
aber alle verdanken ihr Dasein der Ewigkeit.

Von innen gesehen ist der Kosmos, der alles stoffliche Dasein umfängt, von der Allseele durchdrungen, die vom Geist der Weisheit und von Gott erfüllt ist; von außen gesehen, umgibt die Allseele den Kosmos und erweckt ihn zum Leben. Von außen gesehen ist der Kosmos ein großes und vollkommenes Lebewesen, von innen gesehen, ist er durch die Gesamtheit aller Lebewesen ergossen und belebt sie mit seinem Leben. Oben im Himmel dauert die Seele unentzweit fort, hier unten auf Erden nimmt sie die Gestalt dessen an, was sie belebt.

Die Ewigkeit hält all dies zusammen, entweder durch die Notwendigkeit, die Vorsehung oder die Natur, oder wie auch immer man es nennen mag. Die Gesamtheit dessen was ist, ist der alles durchwirkende Gott, aber Gottes Kraft übertrifft alle Kräfte, sie ist mit nichts vergleichbar, was der Mensch oder die untergeordneten Götter besitzen. Daher, o Hermes, solltest Du nicht glauben, dass irgendetwas im Himmel oder auf Erden Gott gleichkommt, weil Du dich damit von der Wahrheit entfernen würdest. Nichts ist dem Unvergleichlichen, dem Einen und Einzigen gleich. Du solltest auch nicht glauben, dass Gott etwas von seiner Macht an andere abgibt. Gibt es irgendeinen Erzeuger von Leben und Unsterblichkeit und Wandel außer ihm? Was sollte er anderes tun, als zu schaffen? Gott rastet nicht, denn dann würde alles rasten, da doch alles von ihm erfüllt ist. Nirgends im Kosmos, in keinem einzigen Ding findest Du Müßigkeit. Von dem, der alles schafft, zu sagen, er ruhe, oder von etwas, das entsteht, zu sagen, es ruhe, ist leeres Gerede.

Alles ist jederzeit im Werden begriffen, gemäß dem Ort, an dem es sich befindet. Der Eine, der alles schafft, wohnt in allen Dingen, nicht festgebunden in ihnen, oder wirkend nur im Einzelnen, sondern mit einem Willen alles durchwirkend. Da er wirkende Macht ist, verdankt er seine Herrschaft nicht den Dingen, die durch ihn entstehen, sondern alles, was entsteht, verdankt ihm sein Dasein.

Erschaue durch mich den Kosmos, der sich vor Deinem geistigen Auge ausbreitet, und betrachte seine Schönheit sorgfältig, diesen alterslosen Leib, der älter ist als alles, diesen Leib in seiner ewigen Jugend, der in immer schönerer Jugend erblüht.

Und sieh die sieben Himmel, die sich unter Dir ausbreiten, von einer ewigen Ordnung durchdrungen: jeder trägt zur Vollendung der Ewigkeit mit seinem Umlauf bei. Alles ist von Licht erfüllt, nirgends ist Feuer. Aus der Anziehung und Vermählung des Gegensätzlichen und Unähnlichen entstand das Licht, das aus der Lebensfülle des göttlichen Vaters herabfließt, des Vaters alles Guten, des Herrschers und Befehlshabers der gesamten Ordnung der sieben Himmelswelten. Allen voran zieht der Mond seine Bahnen, das Werkzeug der Natur, und formt die Stoffe in seinem Herrschaftsbereich um. Und in der Mitte des Alls ruht die Erde, die Amme, die die irdischen Geschöpfe nährt, als hätten sich in ihr alle Substanzen des herrlichen Kosmos wie in einer Perle verdichtet. Betrachte die Vielfalt – wie groß ist sie! – der unsterblichen und sterblichen Lebewesen, und zwischen den beiden, den Unsterblichen und Sterblichen, den kreisenden Mond!

Alles ist von Seele erfüllt und bewegt sich, manches am Himmel, manches auf Erden. Was rechts ist, geht nicht nach links, was links ist, geht nicht nach rechts, das Obere geht nicht nach unten und das Untere nicht nach Oben. Dass all dies in seiner vollkommenen Ordnung von einer Schöpfermacht ins Dasein gerufen wurde, mein teurer Hermes, brauche ich Dir nicht weiter zu erklären. Denn es sind Körper und diese Körper besitzen eine Seele und sie werden bewegt, – aber Körper und Seele können sich nicht zu einem Ganzen vereinigen, ohne etwas, das sie zusammenfügt. Dieses Zusammenfügende muss existieren und es muss Eines sein, wenn es Einheit vermitteln soll.

Da es vielerlei unterschiedliche Bewegungsarten und Körper gibt, während alle sich mit einer Geschwindigkeit bewegen, kann es nicht zwei oder mehr als zwei Erzeuger geben. Wenn es viele wären, könnte es nicht eine Ordnung geben. Die Folge einer Vielheit von Schöpfern wäre der Neid auf die besseren. Lass mich das näher erklären! Wenn es einen zweiten Schöpfer gäbe, der die sterblichen, dem Wandel unterworfenen Lebewesen schüfe, würde er auch unsterbliche Lebewesen schaffen wollen und der Schöpfer der unsterblichen Wesen würde auch sterbliche schaffen wollen. Bedenke: Wenn es zwei Schöpfer gibt, und Stoff und Seele nicht dasselbe sind, wer von den beiden würde dann der Erzeuger sein? Oder wenn beide an der Schöpfung beteiligt wären, welcher hätte den größeren Anteil daran?

Sieh es so: Jeder lebendige Körper, ob sterblich oder unsterblich, ob vernünftig oder vernunftlos, ist aus Stoff und Seele zusammengesetzt. Denn alle lebendigen Körper sind beseelt. Die unbelebten Körper bestehen nur aus Stoff; die Seele, die vom Schöpfer kommt, ist die Ursache des Lebens, aber der Schöpfer, der die Unsterblichen erschafft, ist die letzte Ursache des Lebens. Wie also sollte er nicht auch der Schöpfer der unbelebten Dinge sein? Wie könnte ein unsterbliches Wesen, das das Unsterbliche erschafft, nicht auch der Schöpfer der sterblichen Lebewesen sein?

Ohne Zweifel gibt es jemanden, der diese Lebwesen erschafft und ohne Zweifel ist dieser Jemand nur ein Wesen, denn auch die Seele ist ein Wesen, das Leben ist ein Wesen und der Stoff ebenso. Aber wer ist dieser Jemand? Wer, wenn nicht der eine Gott? Wem, wenn nicht Gott allein, steht es zu, beseelte lebendige Wesen zu erschaffen? Gott ist also einer. Da Du zugestimmt hast, dass es nur einen Kosmos gibt, nur eine Sonne, nur einen Mond und eine Gottheit, willst Du etwa behaupten, Gott, der Schöpfer von allem, gehöre derselben Kategorie wie das von ihm Geschaffene an und sei ein Vieles statt nur Einer?

Gott ruft alles ins Dasein, was ist. Ein Gott, der nicht Einer wäre, wäre die größte Absurdität. Und warum sollte es so wunderbar sein, dass Gott sowohl das Leben, als auch die Seele, die Unsterblichkeit und den Wandel hervorbringt, wo doch selbst Du so viele mannigfaltige Dinge vollbringst? Du siehst und hörst, du schmeckst und tastest, gehst umher und denkst und atmest. Es ist nicht so, als ob jemand sähe, jemand anders höre, jemand dritter spreche, und noch ein anderer taste, rieche, herumgehe, denke und atme. Ein und dieselbe Person vollbringt all diese Dinge. Nichts von all dem kann geschehen, ohne Gott. So wie Du nicht länger ein lebendiges Wesen wärest, wenn Du aufhören würdest, tätig zu sein, so wäre Gott nicht länger Gott, wenn er aufhören würde, zu schaffen – daher ist es Unrecht zu sagen, Gott ruhe oder sei untätig.

Und wenn bewiesen ist, dass Du nicht sein kannst, ohne tätig zu sein, wie mehr muss das von Gott gelten? Denn, wenn es etwas gibt, was nicht von ihm geschaffen wird, dann ist er unvollkommen, daher ist es Unrecht, so etwas zu behaupten. Wenn aber Gott nicht unvollkommen und auch nicht müßig ist, dann schafft er alle Dinge.

Gib mir nur einen Augenblick Zeit, Hermes, und Du wirst bald verstehen, dass das Schöpfungswerk Gottes eine zusammenhängende Schöpfung ist: alles, was einst ins Dasein trat, was jetzt ins Dasein tritt und was künftig ins Dasein treten wird. Dies ist das Leben, mein teurer Freund, dies ist das Schöne und das Gute, dies ist Gott.

Wenn Du es aus der Erfahrung verstehen willst, blick auf das, was geschieht, wenn Du Dich anschickst, zu zeugen: das ist nicht wie das göttliche Schöpfungswirken. Gott empfindet bei seinem Wirken keine Wollust und niemand hilft ihm dabei. Er schafft alleine und er ist ewig in seinem Schaffen, da er ist, was er erschafft. Würde das Geschaffene von ihm getrennt, dann würde es ins Nichts zerfallen. Alles würde aufhören zu leben, da es kein Leben mehr gäbe, das es erfüllt. Aber, wenn alles lebt und das Leben eines ist, dann ist auch Gott einer. Wiederum: Wenn alle Dinge leben, sowohl die im Himmel, als auch die auf Erden, und wenn das Leben, das sie erfüllt, in allen ein und dasselbe ist, dann entsteht es durch Gott und ist Gott. Alle Dinge also entstehen durch Gottes Wirken und das Leben ist die Vereinigung von Geist und Seele.

Die Ewigkeit ist ein Inbild Gottes,
der Kosmos ist ein Inbild der Ewigkeit,
die Sonne ist ein Inbild des Kosmos,
der Mensch ist ein Inbild der Sonne.

Der Tod ist nicht die Zerstörung von etwas, das zusammengefügt wurde, sondern die Trennung des Zusammengefügten. Manche sagen, diese Veränderung sei Tod, da der Körper sich auflöse und das Leben in die Unsichtbarkeit entschwinde. Höre mich voller Hingabe an, mein teurer Hermes, wenn ich sage, dass der Kosmos und die Dinge, von denen man sagt, sie lösten sich auf, lediglich in Umwandlung begriffen sind. Denn täglich entschwindet ein Teil des Kosmos ins Unsichtbare, aber deswegen löst sich der Kosmos keineswegs auf. Die kreisförmige Bewegung des Kosmos, durch die einzelne Teile unsichtbar werden, entspricht den menschlichen Leidenschaften. Die kreisförmige Bewegung führt zur Wiederkehr des Entschwundenen und das vorübergehende Verschwinden ist in Wahrheit eine Erneuerung.

Der Kosmos enthält alle Formen in sich. Die Formen sind Teil seines Wesens und es ist Ausdruck seines Lebens, dass sie ineinander übergehen. Da der Kosmos alle Formen in sich enthält, wie muss da der beschaffen sein, der ihn erschaffen hat? Lass uns nicht unterstellen, er sei formlos. Aber wenn er auf die gleiche Art alle Formen in sich enthält, wie der Kosmos, dann unterscheidet er sich nicht von diesem. Was, wenn er nur eine einzige Form hat? Wäre er dann nicht weniger, als der Kosmos? Wie also ist er beschaffen? Kommt unser Verständnis von Gott hier an eine Grenze? Mitnichten. Denn es verhält sich so: Wenn Gott überhaupt Form in sich trägt, dann kann es nur eine Form sein, eine unkörperliche nämlich, im Gegensatz zu den körperlichen, die er schafft, eine Form, die nicht sichtbar ist. Und durch die Körper, die er schafft, läßt er die Mannigfaltigkeit der Formen offenbar werden, die diese eine Form auf geistige Weise in sich birgt.

Wundere Dich nicht, wenn ich von einer unkörperlichen Form spreche. Denn auch die Form des Wortes ist unkörperlich und ist doch eine Form. Auch Berggipfel scheinen in Gemälden weit hervorzustehen, aber in Wirklichkeit ragen sie nicht aus der Fläche der Leinwand heraus. Verfolge aufmerksam, was ich sage – es scheint sehr gewagt, darum ist es aber nicht weniger wahr. So wie der Mensch nicht außerhalb des göttlichen Lebens existieren kann, so kann auch Gott nicht existieren, ohne immerfort das Gute zu bewirken. Denn Schaffen ist das Leben und die Bewegung Gottes, Schaffen, das alles bewegt und mit Leben erfüllt.

Manches von dem, was ich sage, verdient besondere Aufmerksamkeit. Nun, sei besonders aufmerksam. Alle Dinge sind in Gott, aber nicht so, wie etwas, das sich an einem bestimmten Ort befindet. Denn ein Ort ist ein Körper und Körper sind unbeweglich und was sich an einem bestimmten Ort befindet, das bewegt sich nicht. In Deiner Imagination liegen die Dinge anders. Nun denke an das, was alles andere umfaßt, und daran, dass das Unkörperliche an nichts gebunden ist – ebensowenig wie Deine Vorstellungskraft – dass nichts schneller und mächtiger ist, als der Geist. Das Körperlose kennt keine Grenzen, keinen Ort, keine Zeit und keine Macht, die es daran hindern könnte, sich zu entfalten.

Bedenke dies: Befiehl Deiner Seele, nach Indien zu reisen, und sie wird schneller dort sein, als du es ihr befehlen kannst. Befiehl ihr, den Ozean zu überqueren, und sie wird sofort dort sein, nicht so, als wäre sie von Ort zu Ort gegangen, sondern ortlos und zeitlos hat sie sich dorthin bewegt. Befiehl ihr, sich zum Himmel aufzuschwingen und sie wird dafür keine Flügel benötigen. Nichts wird sie aufhalten, nicht das Feuer der Sonne, nicht der Äther, nicht das Kreisen der anderen Himmelskörper. Durch sie alle hindurch wird sie sich bis zum äußersten Ende des Weltalls aufschwingen. Und selbst wenn Du begehrst, durch die Grenze des Weltalls durchzubrechen und die Dinge zu sehen, die sich außerhalb befinden (sofern es dort überhaupt etwas gibt), steht dies in Deiner Macht.

Sieh, welche Macht, welche Schnelligkeit Du besitzt! Wenn schon Du dazu imstande bist, sollte Gott all dies nicht vermögen? So mußt Du Dir Gott vorstellen: alles trägt er in sich – den Kosmos, sich selbst, das Weltall – in Form von Gedanken. Daher kannst Du auch Gott nicht verstehen, solange Du ihm nicht gleich wirstGleiches wird von Gleichem erkannt. Wachse zu unermesslicher Größe an, erhebe Dich über die körperliche Welt, verlasse den Kreislauf der Zeit, werde selbst ewig – und Du wirst Gott erkennen. Wenn Du erst erkannt hast, dass für Dich nichts unmöglich ist, dann betrachte Dich als unsterblich und fähig, alles zu verstehen, jede Kunst, jede Wissenschaft, das Wesen jedes lebenden Dings. Steige über alle Höhen hinaus und tauche tiefer als jede Tiefe. Verschaffe Dir eine Anschauung von allem, was geschaffen wurde, von Feuer und Wasser, von Trockenheit und Feuchtigkeit, sei überall zugleich, auf dem Land, auf dem Meer, im Himmel, sei ungeboren, im Schoß Deiner Mutter, sei jung, alt, tot, jenseits des Todes. Und wenn Du all dies zugleich erfaßt – Zeiten, Orte, Dinge, Qualitäten, Quantitäten – dann wirst Du Gott erkennen.

Aber wenn Du Deine Seele in Deinem Körper einsperrst und sie erniedrigst, indem Du sagst: »Ich verstehe nichts, ich kann nichts tun, ich fürchte das Meer, ich kann mich nicht in den Himmel erheben, ich weiß nicht, was ich war oder sein werde« – was hast Du dann mit Gott gemein? Solange Du böse bist und den Leib über alles liebst, wirst Du nichts vom Schönen und Guten verstehen. Kein Wissen vom Göttlichen zu besitzen oder gleichgültig gegen dieses Wissen zu sein, ist die schlimmste aller Verfehlungen. Aber die Bereitschaft dieses Wissen zu erlange, darauf zu hoffen und es anzustreben, das ist der gerade und leichte Weg, der zum Guten führt. Sobald Du Dich auf den Weg begibst, wirst Du dem Guten überall begegnen, auch dort, wo Du es am wenigsten erwartest. Ob Du wachst oder schläfst, segelst oder wanderst, ob tagsüber oder nachts, ob Du schweigst oder redest: nichts gibt es, in dem es nicht wäre.

Und Du sagst: »Gott hat keiner gesehen?« Hüte Deine Zunge! Wer ist sichtbarer als Gott? Deswegen hat er alle Dinge geschaffen, damit Du ihn durch seine Schöpfung und in ihr zu erblicken vermagst! Denn nichts ist unsichtbar, nicht einmal das Unkörperliche. Den Geist erblicken wir im Akt des Erkennens und Gott in der Schöpfung.

Bis hierher, o Trismegistos, wollte ich Dir die göttlichen Geheimnisse enthüllen. Betrachte alles Übrige in diesem Licht und Du wirst nicht fehlgehen.


Das Corpus Hermeticum in einer preisgünstigen, englischen Übersetzung: Hermetica: The Greek Corpus Hermeticum and the Latin Asclepius in a New English Translation, with Notes and Introduction

Und in einer neuen deutschen, wissenschaftlichen Übersetzung:

Das Corpus Hermeticum deutsch, Teil 1: Die griechischen Traktate und der lateinische 'Asclepius'

Das Corpus Hermeticum deutsch, Teil 2: Nag-Hammadi-Texte, Testimonien

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