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Vom doppelten Antlitz der Sonne, von Göttern, Menschen und Dämonen

Eine freie Übersetzung des fünfzehnten Traktats des Corpus Hermeticum von Lorenzo Ravagli


Ich habe Dir eine lange Abhandlung geschickt, Ammon, mein König, als Erinnerung oder Zusammenfassung all der anderen. Sie bemüht sich nicht darum, mit gängigen Meinungen übereinzustimmen, im Gegenteil: sie widerspricht vielen dieser Meinungen. Dass sie selbst manchen meiner früheren Belehrungen widerspricht, wird Dir gewiss nicht entgehen. Mein Lehrer, Hermes – der sich oft mit mir unter vier Augen unterhalten hat, manchmal war auch sein Sohn Tat anwesend – pflegte zu sagen, jene, die meine Bücher läsen, fänden ihren Aufbau sehr einfach und klar, wenn sie in Wirklichkeit unklar sind und die wahren Bedeutungen der Worte verschleiern. Auch trage der Versuch der Griechen, sie aus meiner in ihre Sprache zu übersetzen, so sagte er, zur weiteren Verwirrung und Verunklarung bei.

Aber diese Abhandlung in unserer Muttersprache benutzt keine Worte, die den Sinn verhüllen. Die ägyptische Sprache besitzt die Kraft, allein durch ihren Klang die Dinge im Geist zu vergegenwärtigen, von denen die Rede ist.

Daher, mein König, sofern Du die Macht besitzt (und welcher König besäße sie nicht?) laß diese Abhandlung unübersetzt, damit solch hohe Mysterien nicht zu den Griechen gelangen, damit die eitle, schlaffe und gefällige Sprache der Griechen die Erhabenheit und Knappheit unserer von magischer Kraft erfüllten Muttersprache nicht entweihe. Denn die Griechen sind voll des leeren Geredes, o König, eines Geredes, das nur durch seine gewundenen Argumentationsgänge wirkt, und sie nennen Philosophie, was in Wahrheit eine dümmliche Weisheit der Narren ist. Wir dagegen ergehen uns nicht in leerem Gerede, denn unsere Worte sind voll von magischer Kraft.

Nachdem dies geklärt ist, möchte ich meine Abhandlung durch eine Anrufung Gottes beginnen, des Meisters, des Schöpfers, des Vaters und Erhalters des gesamten Weltalls, des Alls, das Eines ist und des Einen, das Alles ist. Denn die Fülle der Dinge ist eines und ist in einem, nicht, weil das Eine sich selbst verdoppelt, sondern weil beide eins sind. Halte bei allem was folgen wird, an dieser Überzeugung fest, mein König. Wenn jemand seine plumpen Hände an das legt, was Eins und Alles und mit sich selbst identisch ist, um es auseinander zu reißen – indem er das All als Vielheit mißversteht, statt es als Fülle aufzufassen, dann versucht er etwas Unmögliches, trennt mutwillig das All vom Einen und zerstört dadurch das All. Denn das All muss Eines sein, wenn denn überhaupt eines existieren soll (was auch wirklich der Fall ist) und es hört nie auf Eines zu sein, so dass die Fülle nie zerfällt.

Schau auf all die Wasserquellen und die feurigen Schlünde, die aus der Mitte der Erde hervortreten! Am selben Ort beobachtet man drei unterschiedliche Wesenheiten: Feuer, Wasser und Erde, die aus einer Wurzel hervorgehen. Daher hat man gesagt, die Erde sei ein Schatzhaus aller Stoffe, das diese Stoffe von sich aussendet und im Gegenzug Substanzen aus dem Himmel aufnimmt.

Auf folgende Weise bindet die Werkmeisterin, die Sonne, den Himmel an die Erde. Sie sendet Gestaltungskräfte aus dem Himmel herab und nimmt die Stoffe in sich auf, indem sie alles an sich heranzieht und zugleich alles, was sie besitzt, freigiebig verschenkt, so wie wir am Licht sehen, das sie neidlos ausgießt. Denn aus der Sonne strömen die Kräfte des Guten herab, die nicht nur den Himmel und den Luftraum durchdringen, sondern auch die Erde und selbst die Tiefen und Abgründe der Finsternis.

Wenn die Sonne über eine bewegende Intelligenz verfügt, dann ist der sichtbare Körper der Sonne ihr Leib, und mit dem Licht strömt auch diese Intelligenz zur Erde. Allein die Sonne kennt die wahre Natur dieser Intelligenz und woher sie stammt, da sie ja der Geist der Sonne ist. Solange wir auf Vermutungen angewiesen sind, können wir die Intelligenz der Sonne nicht unmittelbar beobachten.

Etwas anderes ist es, die Sonne geistig zu schauen. Da das Wesen der Sonne das Licht ist, das alles sichtbar macht, sowohl oben im Himmel, als auch unten auf der Erde, vermögen wir auch dieses Wesen geistig zu sehen. Wohlan denn! Die Sonne ruht im Mittelpunkt des Kosmos und trägt diesen wie eine Krone. Wie ein guter Wagenlenker treibt sie den Wagen an und hält die Zügel fest, damit die Gestirne bei ihrem Lauf nicht aus der Bahn geraten. Und dies sind die Zügel: Leben und Seele und Geist und Unsterblichkeit und Werden. Der Wagenlenker läßt die Zügel locker, damit der Kosmos sich bewegt, aber nicht zu locker (um die Wahrheit zu sagen), damit er die Herrschaft nicht verliert.

Auf diese Weise werden alle Dinge gestaltet. Die Sonne verleiht den Unsterblichen ewige Dauer und nährt den unsterblichen Teil des Kosmos mit dem aufsteigenden Licht, das ihrem einen, himmelwärts gewandten Antlitz entströmt. Ihrem anderen Antlitz jedoch, das sie dem Irdischen zuwendet, dem Reich des Wassers, der Erde und der Luft, entströmt ein Licht, das alles, was wird und sich wandelt, belebt und zum Bewußtsein erweckt.

Sie bringt ihnen Umwandlung und Umformung, wenn sie durch Veränderung ein Ding spiralförmig in ein anderes überführt, Form in Form und Gestalt in Gestalt verwandelt, ebenso wie sie es mit den himmlischen Körpern tut. Denn die Dauer jedes Körpers ist Veränderung: in einem unsterblichen Körper ohne Auflösung, in einem sterblichen mit Auflösung. Dies ist es, was Sterbliches vom Unsterblichen und Unsterbliches vom Sterblichen unterscheidet.

Ebenso, wie das Licht der Sonne ununterbrochen strömt, so strömt auch Fruchtbarkeit von ihr aus, an jedem Ort und zu jeder Zeit. Um die Sonne kreisen viele Geistwesen (Dämonen), wie Heere, die sich ständig neu anordnen. Sie sind nicht allzusehr von den Unsterblichen verschieden, auch wenn sie unter den Sterblichen wirken. Ihnen wurde das Reich des Menschen zugeteilt und sie wachen über sein Handeln. Was die Götter ihnen auftragen, das vollbringen sie durch Sturzfluten, Wirbelstürme, Gewitter, Vulkanausbrüche und Erdbeben; mit Hungersnöten und Kriegen zahlen sie die menschliche Überheblichkeit heim.

Überheblichkeit, mangelnde Verehrung, ist das größte Vergehen der Menschen gegen die Götter: Gutes zu tun, ist die Aufgabe der Götter, zu verehren, die Pflicht des Menschen; und die Geistwesen, die zwischen Menschen und Göttern stehen, dienen beiden. Was auch immer die Menschen sonst vollbringen – aus Irrtum oder Wagemut oder unter Zwang (was sie Schicksal nennen) oder Unwissenheit: in den Augen der Götter laden sie damit keine Schuld auf sich. Allein die mangelnde Verehrung zieht Strafe nach sich.

Die Sonne ist die Bewahrerin und Ernährerin alles Lebens. Gerade so, wie der geistige Kosmos den sinnlich-sichtbaren durchdringt, und ihn befestigt, indem er in ihm Veränderung und Mannigfaltigkeit der Formen hervorruft, gerade so durchdringt die Sonne mit ihrer Kraft alle Dinge, verleiht allem, was entsteht, Dauer, und nimmt wieder in sich auf, was seine Lebenskräfte aufgezehrt hat und dahinschwindet.

Die Sonne lenkt die Heere der mittleren Geistwesen (Dämonen), von denen es viele unterschiedliche gibt, mit Hilfe der Herrscher der Wandelsterne, und jedem teilt sie die gleiche Zahl an Geistwesen zu. So folgen sie den Anordnungen des Regenten des jeweiligen Wandelsterns, dem sie zugeordnet sind, und sie sind – je nach ihrer Natur – gut oder böse, ihre Kräfte sind gut oder böse. Denn die Kraft ist die Äußerung des Wesens. Manche von ihnen tragen auch gute und böse Anteile in sich.

Ihnen allen wurde Macht über die Dinge auf Erden erteilt und über die Plagen dieser Erde. Sie rufen Wandel und Umwälzungen hervor, in Städten oder Völkern, aber auch für einzelne Menschen. Sie greifen in unsere Seelen ein, um ihre Absichten zu verwirklichen, und sie entfachen das Feuer der Leidenschaft in ihnen, indem sie in unseren Muskeln und unserem Mark, in unseren Venen und Arterien, in unserem Gehirn, ja unseren Eingeweiden lauern.

Die Mittlergeister oder Dämonen, die im Augenblick unserer Geburt Wache halten, die unter einer bestimmten Konstellation der Sterne stattfindet, ergreifen Besitz von uns, sobald wir das Licht der Welt erblicken und eine Seele empfangen. Ständig wechseln sie ihren Aufenthaltsort in unserer Seele, in der sie sich kreisförmig fortbewegen. Jene, die die zwei Teile der Seele durch den Körper betreten, ziehen sie in zwei unterschiedliche Richtungen, jeden Teil auf ihre Seite. Aber der geisterfüllte Teil unserer Seele wird von den Dämonen nicht bezwungen, er bleibt empfänglich für Gott.

Daher wird die Wirkung der Dämonen auf einen Menschen durch den Lichtstrahl, der von der Sonne ausgeht und in seine geisterfüllte Seele fällt, neutralisiert (aber nur wenige Menschen sind auf diese Weise erleuchtet). Denn weder Dämonen noch Gestirngötter vermögen etwas gegen einen Strahl geistigen Lichtes auszurichten, der von Gott kommt, und durch die Sonne auf den Menschen fällt. Alle anderen jedoch, sowohl Seelen als auch Körper, tragen die Dämonen als Beute mit sich fort, zumal sie an den dämonischen Kräften Gefallen finden und sich in ihnen wohlfühlen. Und diese Art von Liebe ist fehlgeleitet und leitet fehl. Durch unsere Leiber als ihre Werkzeuge beherrschen die Dämonen das irdische Königreich. Hermes hat diese Herrschaft als »Schicksal« bezeichnet.

Der geistige Kosmos hängt von Gott ab, der sinnlich-sichtbare Kosmos vom geistigen, aber die Sonne wird von Gott durch den geistigen und den sinnlichen Kosmos mit dem Guten genährt, mit anderen Worten: mit seiner Schöpferkraft. Um die Sonne breiten sich die acht Sphären aus, die von ihr abhängen: die Sphäre der Fixsterne, die sechs Planetensphären, und die eine, die die Erde umgibt.  Von dieser Sphäre hängen die Dämonen ab, und von den Dämonen die Menschen. Und so hängen letzten Endes alle Dinge und Menschen von Gott ab.

Daher ist Gott der Vater des Alls; seine Werkmeisterin ist die Sonne; und der Kosmos ist ihr Instrument. Geistige Wesen regieren den Fixsternhimmel, der Himmel regiert die Planetengötter, und von den Göttern gesandte Dämonen regieren die Menschen. Das ist das Heer der Götter und Dämonen.

Durch sie schafft Gott alles, ohne dass es aus ihm herausträte und alle Dinge sind ein Teil Gottes. Aber wenn alle Dinge ein Teil Gottes sind, dann sind alle Dinge Gott und er erschafft sich selbst, indem er die Dinge erschafft. Sein Schaffen nimmt kein Ende, da er selbst endlos ist. Und da Gott kein Ende hat, hat auch seine Schöpfung keinen Anfang und kein Ende.


Das Corpus Hermeticum in einer preisgünstigen, englischen Übersetzung: Hermetica: The Greek Corpus Hermeticum and the Latin Asclepius in a New English Translation, with Notes and Introduction

Und in einer neuen deutschen, wissenschaftlichen Übersetzung:

Das Corpus Hermeticum deutsch, Teil 1: Die griechischen Traktate und der lateinische 'Asclepius'

Das Corpus Hermeticum deutsch, Teil 2: Nag-Hammadi-Texte, Testimonien

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