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Über Gott, die Leere und die Bewegung

Eine freie Übersetzung des zweiten Traktats des Corpus Hermeticum von Lorenzo Ravagli


Hermes: Bewegt sich nicht alles, o Asklepius, was bewegt ist, in einem anderen und durch ein anderes?

Asklepius: Ohne Zweifel.

Hermes: Muss nicht das, worin sich etwas bewegt, größer sein als das, was sich bewegt?

Asklepius: Auch dies muss so sein.

Hermes: Demnach ist also das Bewegende stärker als das Bewegte?

Asklepius: So ist es.

Hermes: Und muss nicht das, worin sich etwas bewegt, eine dem von ihm Bewegten entgegengesetzte Beschaffenheit haben?

Asklepius: In der Tat.

Hermes: Der Kosmos, in dem wir sind, ist doch so groß, dass es keinen größeren Körper gibt als ihn?

Asklepius: Ich denke, ja.

Hermes: Und dieser Kosmos ist sichtbar, denn er ist ja mit vielen und großen Körpern angefüllt, ja eigentlich mit allen Körpern, die es gibt?

Asklepius: Zweifellos.

Hermes: Also ist der Kosmos ein Körper?

Asklepius: Er ist ein Körper.

Hermes: Ein Körper, der sich bewegt?

Asklepius: Sicher.

Hermes: Wie groß muss dann der Raum sein, in dem er sich bewegt? Und wie beschaffen ist dieser Raum? Muss er nicht viel größer als der Kosmos sein, damit die ewige Bewegung in ihm ablaufen kann, damit er nicht durch seine Begrenzung das, was sich bewegt, zusammenpresst und in seiner Bewegung behindert?

Asklepius: Unermesslich groß muss er sein, o Trismegistos.

Hermes: Und von welcher Beschaffenheit? Muss seine Beschaffenheit nicht der des Kosmos entgegengesetzt sein, o Asklepius? Nennt man aber das, was dem Körperlichen entgegengesetzt ist, nicht das Unkörperliche?

Asklepius: Das tut man.

Hermes: Der Raum ist also unkörperlich. Und das Unkörperliche ist göttlich oder Gott. – Göttlich ist nicht, was geworden ist, sondern das, was ungeworden ist. Wenn etwas göttlich ist, dann besitzt es geistige Substanz, Gott aber steht über allen Substanzen, er ist die Substanz aller Substanzen. – Wenn aber der Raum unkörperlich ist, dann kann er nur durch das Denken erfasst werden. Für uns ist auch der höchste Gott ein Gegenstand des Denkens, nicht aber für Gott selbst. Was mit dem Denken ergriffen wird, wird zu einem Gegenstand des Denkens, der Denkende macht ihn zu einem solchen Gegenstand. Gott vermag sich nicht selber mit dem Denken zu ergreifen, da in ihm der Denkende und der Gedachte ununterscheidbar sind. Für uns aber ist er das Andere, darum ist er für uns Gegenstand unseres Denkens. Wenn aber der Raum ein Gegenstand des Denkens wird, dann ist er es nicht als Gott, sondern als Raum. Ist er aber auch Gott, so ist er es nicht als Raum, sondern als die Kraft, die im Raum wirkt und den Raum erfüllt. Alles nun, was bewegt wird, bewegt sich nicht in einem Bewegten, sondern in einem Unbewegten; also ruht das Bewegende, denn es ist unmöglich, dass das Bewegende mitbewegt wird.

Asklepius: Wie kommt es denn, o Trismegistos, dass unsere irdische Welt sich mitbewegt mit dem Bewegenden? Du meintest doch wohl mit dem, was du sagtest, dass die Planetensphären von der Fixsternsphäre bewegt werden?

Hermes: Die Bewegung der Planetensphären ist keine Mitbewegung, o Asklepius, sondern eine Gegenbewegung. Denn sie bewegen sich nicht in der gleichen Richtung wie die Fixsternphäre, sondern in umgekehrter Richtung. Die Gegenbewegung der Fixsternsphäre stellt den ruhenden Pol dar, denn die Gegenwirkung zur Bewegung ist ja der Stillstand. Da sich nun die Planeten in Gegenrichtung zur Fixsternsphäre bewegen und da sie sich auch untereinander gegenläufig bewegen, werden sie, gerade wegen dieser Gegensätzlichkeit vom Ruhenden bewegt. Etwas anderes ist gar nicht denkbar. – Glaubst du, dass der große Bär, den du weder auf- noch untergehen siehst, sich um den gleichen Punkt im Kreis dreht oder unbewegt ist?

Asklepius: Dass er sich bewegt, o Trismegistos.

Hermes: Und wie bewegt er sich, Asklepius?

Asklepius: Er dreht sich immerzu um den gleichen Punkt.

Hermes: Die Drehung um den gleichen Punkt ist eine Bewegung, die von etwas begrenzt wird, was selbst unbewegt ist. Denn die Kreisbewegung verhindert, dass das Bewegte die Bahn des Kreises verlässt. Auf ewig bewegt sich das Bewegte im Kreis, und ebenso ewig bewegt sich das, was sich in entgegengesetzter Richtung bewegt, in seiner Richtung. Sieh um dich und du findest viele Beispiele dafür: Betrachte Tiere oder Menschen, wenn sie schwimmen. Im dahinströmenden Wasser kann der Mensch durch die Gegenbewegung der Hände und Füße an einer Stelle stehen bleiben, so dass er vom Wasser weder mitgerissen wird, noch untergeht.

Asklepius: Das scheint mir klar, o Trismegistos.

Hermes: Also vollzieht sich jede Bewegung in etwas, das ruht und wird von etwas, das ruht, hervorgebracht. Die Bewegung des Kosmos und eines jeden sichtbaren Lebewesens entspringt aber nicht aus etwas, das außerhalb liegt, sondern aus dem Inneren. Sie entspringt der Seele oder dem Geist oder irgend einer anderen bewegenden Kraft. Denn ein Körper kann etwas Beseeltes nicht in Bewegung versetzen, ja nicht einmal einen unbeseelten Körper.

Asklepius: Wie meinst du das, Trismegistos? Werden denn Holz und Steine und die anderen unbeseelten Dinge nicht von Körpern bewegt?

Hermes: Beileibe nicht, Asklepius. Was im Inneren des Körpers ist und das Unbeseelte bewegt, ist selbst kein Körper, und dieses Innere, Körperlose bewegt beide: den der trägt und den, der getragen wird. Denn etwas Unbeseeltes wird niemals ein anderes Unbeseeltes in Bewegung setzen. Immer ist das Bewegende beseelt, eben weil es bewegt. Darum ist die Seele auch beschwert, wenn sie allein zwei Körper tragen muss. Das also ist offensichtlich: was bewegt ist, bewegt sich in einem anderen und durch ein anderes.

Asklepius: Dann muss sich aber das Bewegte in der Leere bewegen, o Trismegistos?

Hermes: O nein, Asklepius. Nichts von dem, was ist, ist leer. Nur das Nichtseiende ist leer. Was aber existiert, kann nicht leer sein.

Asklepius: Dann gibt es also keine leeren Dinge, o Trismegistos? Kein leeres Fass, keinen leeren Krug, keinen leeren Brunnen, keinen leeren Keltertrog oder dergleichen?

Hermes: Was für ein Irrtum, Asklepius! Was ganz voll und erfüllt ist, hältst du das für leer?

Asklepius: Wie meinst du das, Trismegistos?

Hermes: Ist denn die Luft kein Körper?

Asklepius: Doch – sie ist ein Körper.

Hermes: Und durchdringt dieser Körper nicht alles, was ist? Erfüllt er nicht alles, was er durchdringt? Und setzt sich nicht ein Körper aus den vier Elementen zusammen? Alles, was leer erscheint, ist mit Luft, und wenn mit Luft, dann auch mit den vier Elementen erfüllt. Und umgekehrt ist alles, was voll erscheint, leer von Luft, weil es von anderen Körpern angefüllt ist, die die Luft nicht an ihre Stelle lassen. Die Dinge also, die du leer nennst, sind in Wahrheit nur hohl, nicht leer, denn sie existieren und sind mit Luft und dem Atem des Lebens, dem Äther erfüllt.

Asklepius: Ich kann dir nicht widersprechen, Trismegistos. Die Luft ist ein Körper und dieser Körper durchdringt alles, was ist, und erfüllt alles, was er durchdringt. Was aber sollen wir von jenem Raum sagen, in dem sich die Himmelskörper bewegen?

Hermes: Er ist unkörperlich, wie wir schon sagten.

Asklepius: Was ist denn nun dieses Unkörperliche?

Hermes: Geist ist es (Nous) und Logos, der vollkommen sich selbst umgreift, der frei ist von aller Körperlichkeit, frei von Irrtum, unbeeinflusst von körperlichen Dingen und nicht tastbar. Der Geist gründet in sich, fasst alles in sich und erhält alles Seiende im Dasein. Die Wahrheit, das Urlicht und die Urseele gehen wie Strahlen von ihm, dem schlechthin Guten aus.

Asklepius: Was ist dann Gott?

Hermes: Nichts von all dem! Und dennoch existiert er und ist die Ursache aller Dinge, der Seinsgrund allen Seins, des Ganzen und jedes Einzelnen. Nichts hat er dem Nicht-Sein überlassen. Denn alles was ist, kommt aus dem Sein und nicht etwa aus dem Nichtsein. Es liegt nicht im Wesen des Nichts, etwas zu werden, sein Wesen besteht darin, dass es nie etwas werden kann. Dagegen ist es das Wesen des Seins, dass es nie aufhören kann zu sein.

Asklepius: Was also ist dann Gott?

Hermes: Gott ist nicht der männliche, zeugende Geist, sondern der Seinsgrund des männlichen, zeugenden Geistes, er ist nicht der mütterliche, belebende Geist, sondern der Seinsgrund des mütterlich-belebenden Geistes, er ist nicht das Licht, sondern der Seinsgrund des Lichtes.

Daher dürfen wir Gott nur mit zwei Namen benennen, die ihm allein zukommen und keinem anderen Wesen. Denn von den anderen göttlichen Wesen, auch von den Menschen und Dämonen, kann keiner irgendwie gut sein außer durch Gott allein. Er allein ist das Gute und nichts anderes. Alle anderen Wesen vermögen die Natur des Guten nicht zu fassen, denn sie sind Körper und Seelen, sie vermögen die überquellende Fülle des Guten nicht in sich aufzunehmen. Umfasst doch das Gute das Sein aller Wesen, der körperlichen und der unkörperlichen, der sinnlichen und der geistigen. Dieses alles umfassende Sein, die Quelle alles Seins, ist das Gute und dies ist Gott. Nenne also kein anderes Wesen gut, sonst versündigst du dich – nenne auch Gott nie anders als »das Gute«, sonst versündigst du dich ebenso. Das Wort »gut« wird zwar von allen gebraucht, aber nicht alle verstehen, was es bedeutet. Daher erkennen auch nicht alle Gott, nennen sie doch aus Unverständnis auch die Planetenregenten oder einzelne Menschen gut, die es doch niemals sein oder werden können. Denn sie sind gänzlich verschieden von Gott. Das Gute aber ist eins mit ihm, es lässt sich nicht von Gott unterscheiden, denn Gott selbst ist das Gute. Alle anderen Götter werden »Unsterbliche« genannt, man ehrt sie mit dem Namen »Gott«. Für Gott aber ist das Gute kein ehrenvoller Name, es ist sein Wesen. Ein und dasselbe sind das Wesen Gottes und das Gute, sie bilden eine Gattung, aus ihr gehen alle Gattungen hervor. Denn der Gute gibt alles und empfängt nichts. Gott gibt alles und empfängt nichts. Gott ist ja das Gute und das Gute ist Gott.

Der zweite Name aber ist Vater. Denn er hat alles geschaffen und dem Vater kommt das Zeugen zu. Daher ist auch für die, die sich auf dem rechten Weg befinden, das erhabenste und heiligste Werk, Kinder zu zeugen. Und das größte Unglück und die größte Gottlosigkeit ist es, wenn jemand ohne Kinder aus dem Leben scheidet. Ein solcher verfällt nach dem Tode niederen Geistwesen. Und seine Strafe ist folgende: die Seele des Kinderlosen wird in einen Körper verbannt, der weder männlich noch weiblich ist. Dies ist ein Schicksal, das der Sonnengott, der Richter der Toten, über ihn verhängt. Darum, o Asklepius, beglückwünsche keinen Kinderlosen, beklage lieber sein Unglück angesichts der Strafe, die ihn erwartet.

Dies wollte ich dir mitteilen, o Asklepius. Was ich dir sagte, sind die ersten Vorstufen zu einer Erkenntnis des tieferen Wesens der Welt.


Das Corpus Hermeticum in einer preisgünstigen, englischen Übersetzung: Hermetica: The Greek Corpus Hermeticum and the Latin Asclepius in a New English Translation, with Notes and Introduction

Und in einer neuen deutschen, wissenschaftlichen Übersetzung:

Das Corpus Hermeticum deutsch, Teil 1: Die griechischen Traktate und der lateinische 'Asclepius' 

Das Corpus Hermeticum deutsch, Teil 2: Nag-Hammadi-Texte, Testimonien

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