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Gott ist das Füllhorn des Guten

Eine freie Übersetzung des sechsten Traktats des Corpus Hermeticum von Lorenzo Ravagli


Das Gute, o Asklepios, ist in nichts – außer in Gott, oder besser: Gott allein ist das immerwährende Gute. Wenn es sich so verhält, dann muss das Gute das Wesen aller Bewegung und alles Werdens sein (denn nichts ist frei davon). Aber dieses Wesen besitzt eine Energie, die in sich selbst ruht, die weder Mangel noch Überfluß leidet, die in sich vollkommen ist, und am Anfang aller Dinge steht. Wenn ich sage, dass das, was allem das Dasein verleiht, gut ist, dann meine ich auch, dass es ganz und immerzu gut ist.

Nun, dieses Gute gehört zu nichts anderem, als zu Gott allein. Gott mangelt es an nichts, so dass er – aus Verlangen nach dem Guten – auch nicht böse werden kann. Er kann nichts verlieren, da er alles ist. Nichts kann in ihm Sorge hervorrufen, er könnte es verlieren (denn Sorge ist eine Art von Unvollkommenheit). Nichts ist stärker als Gott, das ihm zum Feind werden könnte. Nichts steht ihm gleich, das seine Gerechtigkeit vermindern könnte. Nichts ist schöner, das in ihm Verlangen nach dem Schönen hervorrufen könnte. Nichts erregt durch seine Unachtsamkeit seinen Zorn. Nichts ist weiser, das dadurch seine Eifersucht zu erwecken vermöchte.

Wenn aber all diese Eigenschaften nicht zu seinem Wesen gehören, was bleibt dann übrig, außer das Gute? Und da keine dieser Eigenschaften sich in seinem Wesen findet, so wird man aus demselben Grund das Gute in keinem anderen Wesen finden. All die genannten Eigenschaften findet man in den anderen Dingen, in Kleinen, im Großen, in jedem einzelnen Ding und auch in jenem Lebewesen, das größer als alle anderen und mächtiger als sie alle ist: in jenem Lebewesen, das wir als Kosmos bezeichnen. Alles, was wird, unterliegt dem Leiden. Dinge, die gezeugt werden, sind voll von Leiden und Leidenschaft, aber wo es Leiden und Leidenschaft gibt, findet man das Gute nicht, und wo das Gute ist, da gibt es weder Leiden noch Leidenschaft. Dort, wo die Nacht ist, gibt es keinen Tag und wo der Tag ist, keine Nacht. Daher kann das Gute nicht im Werdenden enthalten sein, es ist allein im Ungewordenen. Dem Stoff wurde die Fähigkeit verliehen, an allem teilzuhaben; so auch wurde ihm die Fähigkeit verliehen, am Guten teilzuhaben. Auf diese Weise ist auch der Kosmos gut, insofern er alle Dinge hervorbringt, er ist gut, insofern er alle Dinge ins Dasein bringt. In jeder anderen Hinsicht jedoch ist er nicht gut. Er unterliegt dem Leiden und der Bewegung und er ist ein Erzeuger von Dingen, die dem Leiden unterliegen.

Unter den Menschen verwendet man den Ausdruck gut als Gegenbegriff zu böse. In dieser unteren Welt wird das Böse, das nicht überhand nimmt, als gut bezeichnet, und als gut das, was den geringsten Anteil von Bösem in sich enthält. In der unteren Welt kann das Gute nicht von allem Laster befreit werden, denn hier wird das Gute vom Bösen verunreinigt, und einmal verunreinigt, bleibt es nicht länger gut. Das Gute ist daher in Gott allein, oder Gott selbst ist das Gute. Daher existiert unter den Menschen nur der Name des Guten, nicht das Gute selbst, o Asklepios. Es kann hier nicht existieren. Der stoffliche Leib, der von Lastern geplagt wird, von Leidenschaften, Begierden, Zorn, Illusionen und Irrtümern, läßt keinen Raum für das Gute. Und das Schlimmste von allem, o Asklepios, ist dies: hier auf Erden glauben die Menschen, all diese Eigenschaften, die ich eben genannt habe, seien das Beste, wo sie doch in Wahrheit das Schlechteste sind. Der Irrtum ist der Ursprung aller Übel. Der Irrtum, die Verblendung ist die Abwesenheit des Guten in der irdischen Welt.

Was mich betrifft, so danke ich Gott für die Einsichten, die er mir gegeben hat, selbst für die Einsicht, dass das Gute in diesem sichtbaren Kosmos nicht existieren kann. Denn der Kosmos ist ein Füllhorn des Lasters, so wie Gott ein Füllhorn des Guten ist, oder das Gute ein göttliches Füllhorn. Wenn es in der Tat Dinge gibt, die durch ihre Nähe zum göttlichen Wesen mit ihrer Schönheit vor allen anderen herausragen, dann scheint all das, was an seinem Wesen teilhat, noch reiner und klarer zu sein. Man darf behaupten, o Asklepios, dass das Wesen Gottes (falls ihm denn überhaupt ein Wesen zugesprochen werden kann) die Schönheit ist, man muss aber auch erkennen, dass das Schöne und das Gute in keinem Ding, das diesen Kosmos erfüllt, gefunden werden kann. Alles, was unsere Augen sehen können, ist gespenster- und schattenhaft, nicht aber das, was unsere Augen nicht sehen können, besonders das Wesen des Schönen und des Guten. So wie das Auge Gott nicht sehen kann, kann es auch das Schöne und das Gute nicht sehen, denn sie gehören zum Wesen Gottes, sind seine Wesenszüge, gehören ihm zu eigen, sind untrennbar von ihm, werden über alles andere geliebt: entweder Gott liebt sie oder sie lieben Gott, was letztlich auf das selbe hinausläuft.

Wenn Du Gott verstehen kannst, dann wirst Du auch das Schöne und Gute verstehen, das alles überstrahlende Licht, das allein Gott überstrahlt. Denn die unvergleichliche Schönheit und das einzigartige Gute, das ist Gott selbst. So wie Du Gott denkst, denke auch das Schöne und das Gute. Denn sie sind nicht von Gott getrennt und haben mit den übrigen geschaffenen oder erzeugten Wesen nichts gemein. Wenn Du nach Gott fragst, dann fragst Du auch nach dem Schönen. Und es gibt nur einen Weg, der von hier zum Schönen führt: Ehrfurcht, verbunden mit Gnosis. Nur jene, die die Gnosis nicht besitzen und nicht auf dem Pfad der Ehrfurcht wandeln, wagen es, die Menschheit als schön und gut zu bezeichnen. Aber ein gewöhnlicher Mensch vermag nicht zu sehen, ja nicht einmal zu erträumen, was das wahrhaft Gute ist. Die Menschheit wurde von jeder Art von Übel überschwemmt und der Mensch glaubt, dass das Böse gut sei. Daher strebt er unablässig nach dem Bösen und fürchtet, es könne ihm genommen werden. Er trachtet mit allen Kräften, es zu vermehren und nicht nur, es zu besitzen. So, o Asklepios, ist das Gute und Schöne unter den Menschen beschaffen, und wir können es weder vermeiden noch hassen. Am schwersten erträglich ist die Einsicht, dass wir seiner bedürfen und ohne es nicht leben können.


Das Corpus Hermeticum in einer preisgünstigen, englischen Übersetzung: Hermetica: The Greek Corpus Hermeticum and the Latin Asclepius in a New English Translation, with Notes and Introduction

Und in einer neuen deutschen, wissenschaftlichen Übersetzung:

Das Corpus Hermeticum deutsch, Teil 1: Die griechischen Traktate und der lateinische 'Asclepius'

Das Corpus Hermeticum deutsch, Teil 2: Nag-Hammadi-Texte, Testimonien

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