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Liber Visionum


Johannes von Morigny. Buch der Visionen

Text: Claire Fanger and Nicholas Watson, Übersetzung: Lorenzo Ravagli

1.

Hier beginnt das Buch der Erscheinungen und Visionen der gesegneten, reinen und allerheiligsten Jungfrau Maria, der Mutter Gottes, die sie durch die göttliche Gnade empfing und mir mit der Erlaubnis des höchsten Gottes offenbarte.

Hier beginnt das Buch der gesegneten Jungfrau, der glorreichen Maria, die auch »Blume der himmlischen Gelehrsamkeit« genannt wird, weil sie in allen Wissenschaften bewandert ist. Was oft nur mühevoll vom natürlichen Verstand mit Hilfe anderer Bücher erfaßt, was langwierig und in großer Breite in voluminösen und kleingeistigen Büchern abgehandelt wird, wird in diesem Buch durch eine Reihe einfacher Gebete vermittelt, die durch Engel und ihre subtilen, unhörbaren Worte offenbart wurden, und manchmal auch durch den Autor, vor allem aber durch die Schau, Erscheinung, Tröstung und Hilfe der unbefleckten Jungfrau Maria, der Mutter Gottes, – es wird in kurzer Zeit, auf subtile Weise, mit Gewißheit und auf wundersame Weise, von Ihm und durch Ihn, in dem alle Dinge sind, offenbart.

2.

Hier beginnt die erste Vorrede im Namen unseres Herrn Jesus Christus. Amen.

Niemand, der eine Kerze anzündet, stellt sie an einen verborgenen Patz oder unter einen Scheffel, sondern auf einen Kerzenständer, damit das helle Licht jenen scheinen möge, die eintreten. Die glorreiche und unbefleckte Mutter Gottes, die Jungfrau Maria, die das Licht der Sünder ist und die Sonne, die sie in unserer Zeit erleuchtet, offenbarte mir, als einem der zu früh geboren wurde,  gewisse Wunder, indem sie mich mit dem Licht ihrer Gnade erleuchtete und aus den Fallstricken des Teufels befreite. Sie wollte nicht, dass das Licht ihrer Gnade an einen verborgenen Platz gestellt werde, sondern auf einen Kerzenständer, so dass sie unzweifelhaft heute und in Zukunft erkannt werde, vor allem von jenen, die an sie glauben, als die glorreichste Königin des Himmels, die mächtigste Herrin der Welt und die größte Herrscherin der Unterwelt.

3.

Und so kann ich, Bruder Johannes von Morigny, ich unwürdiger Mönch und demütiger Diener der Jungfrau und ihres Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, nicht länger in meinem Herzen verbergen, was sie mir auf wundervolle Weise zu zeigen geruhte, indem sie mich mit grenzenloser Liebe, Bewunderung und Hingabe erfüllte. Um der Erleuchtung aller willen habe ich mir vorgenommen, im vorliegenden Buch darzulegen, was ich durch die geistigen Schauungen und heiligen Warnungen erfuhr, durch die sie mich voller Gnade von meinen alten Irrtümern befreite, die mich in den Betrügereien des dröhnenden Feindes gefangen hielten. Ich habe es getan um des Ruhmes und des Preises und der Ehre der allerheiligsten Jungfrau Maria willen und um ihres Sohnes, unseres Herrn Jesu Christi willen und um der heiligen Engel und des gesamten himmlischen Hofes willen: um der Rettung und Vollendung der Seelen und Leiber aller Leser und Hörer willen und damit der Feind vernichtet werde, der einbricht, auf der Suche nach jemandem, den er verschlingen kann, und damit all die Saaten seiner Irrtümer zerstört und zurückgewiesen werden, und die alten Schliche, durch die er viele zu seinen Anhängern machte, indem er sie verführte und in die Finsternis der Verdammnis leitete.

4.

Wie ich das vorliegende Buch schrieb, das die Kenntnis und den Erwerb aller Wissenschaften und Künste betrifft.

Es soll niemand darüber erstaunt sein, dass ich glaube, meine Schauungen könnten niedergeschrieben werden, da jedermann weiß und es Beweise dafür gibt, dass dem Theophilus in einer Vision ein Stück Papier von Maria übergeben wurde, auf dem dieser Theophilus über den Vertrag geschrieben hat, der seine Seele und ihren Schöpfer aneinander band, ein Stück Papier, das daraufhin dem Feind übergeben wurde. Ferner ist die Ketzerei jener, die behaupten, die Seele sei sterblich, durch verschiedenste Visionen widerlegt und ad absurdum geführt worden, da sogar in Abwesenheit des Körpers künftige Ereignisse von ihr geschaut werden können, als würden sie in der Gegenwart stattfinden. Das wäre nicht möglich, wenn die Seele nicht unsterblich wäre. Jedenfalls, was auch immer wir über Schauungen schreiben werden, wir haben ohne jeden Zweifel erlebt, dass diese Mysterien sich auch noch heute ereignen.

5.

Aber es könnte jemand einwenden, es sei Einbildung und Prahlerei über solche Dinge zu schreiben, weil ein Mann, der den Schatz himmlischer Offenbarung entdecke, diesen verbergen müsse. Ich antworte, dass jemand, der einen Schatz auf einer öffentlichen Strasse herumträgt, offenbar dumm und prahlerisch ist – es scheint, als lege er es darauf an, von Räubern überfallen zu werden. Aber ich mache das Gegenteil, daher ist der Einwand falsch. Salomon sagt, wir sollten den Schatz unserer guten Taten stets öffentlich mit uns herumtragen. Heisst es nicht bei Matthäus: »Lass dein Licht so vor den Menschen leuchten, dass sie deine guten Taten sehen und preise deinen Vater, der im Himmel ist.«? Diese Stelle muss man so verstehen: deine Taten sollen öffentlich sichtbar sein, deine Absichten aber verborgen, damit du durch deine guten Taten ein Beispiel für deine Nächsten abgibst, während die Absichten, durch die du Gott gefallen willst, in deinem Herzen verborgen bleiben.

6.

Ein anderer könnte dümmlich fragen, ob es nicht viele religiöse Menschen gebe, die weitaus heiliger und redlicher seien, denen nichts von all dem offenbart worden sei? Diese Frage ist dümmlich und es gibt keinen Grund, auf sie zu antworten. Gab es nicht auch zu Zeiten des Elisha viel mehr Lepröse, Kranke, Behinderte und nicht nur Naaman von Syrien? Und dennoch wurde niemand geheilt als er. Gab es nicht zwölf Apostel? Aber keiner sah Geheimnisse, außer Paulus, während Johannes am meisten von allen geliebt wurde. Und wurde nicht zu Petrus gesagt: »Wenn ich will, dass er bleibe, was geht’s dich an?« Und wenn Petrus es nicht wissen durfte, warum dann wir? Aber wie der heilige Paulus sagte: »Damit die Fülle der Gesichte mich nicht überhebe, ward mir ein Pfahl im Fleisch gegeben, der Bote Satans, um mich zu peinigen.« Ebenso wurde auch mir nicht nur ein Pfahl im Fleische gegeben, sondern das Verlangen nach allen möglichen Sünden, auf dass ich mich nicht überhebe. Daher gestehe ich freimütig, dass ich der geringste aller gottgeweihten Menschen bin.

7.

Alles, was in diesem Buch steht, fällt unter das Sakrament der Busse, und gehört mystisch zu den sieben Hauptsakramenten. Mystisch aus verschiedenen Gründen, insbesondere aber deswegen, weil in jeder Vision ein Bild oder ein Geheimnis verborgen ist. Und da die glorreiche, gesegnete und unbefleckte Jungfrau Maria, die Mutter Gottes, den Wunsch hatte, so viele große Geheimnisse durch ihre Gnadenerweise und Visionen einem so unwürdigen und elenden Sünder zu offenbaren, nämlich meiner Person, lag es nahe, wie dies gewöhnlich auch die Evangelisten tun, zuerst ein Thema des Werkes oder der Vision zu zeigen, mit dem alle folgenden Visionen auf mystische Weise verknüpft werden können. Daher muss das Thema der Visionen, nämlich die erste Vision dieses Buches, die die süße Jungfrau Maria mir zeigte, als erstes berichtet werden, und danach werde ich all die anderen, so gut ich kann, mit ihrer Hilfe und Unterstützung nacheinander erzählen. Denn alles, was in diesem Buch geschrieben steht, wurde von unserer Herrin kanonisiert und wir ordnen es den Apokryphen des Glaubens zu. Hier endet die Vorrede.

8.

Hier beginnt das Buch der Visionen. Und zuerst will ich von der ersten Schau erzählen, die wie ein Thema für alle folgenden Visionen ist, von jener Schau, die ich hatte, als ich etwa zwölf Jahre alt war.

Als ich etwa 14 (!) Jahre alt war, und in Chartres in der Nähe der gesegneten Maria lebte, ganz nah bei der Kirche, etwa einen Steinwurf entfernt, wurde mir, als einem, der zu früh geboren wurde, diese Vision gezeigt. Während einer bestimmten Nacht geriet ich in eine Art von Ekstase, ob im Leib oder außerhalb, das weiß ich nicht, das weiß Gott allein. Und siehe, ich erblickte eine schreckliche Gestalt, und es schien mir absolut sicher, dass es der Feind des Menschengeschlechts sei. Und die Gestalt erhob sich gegen mich, und versuchte mich zu ersticken. Als ich sie sah, floh ich in großer Furcht vor dem schrecklichen Antlitz, aber sie verfolgte mich dahin und dorthin, doch konnte sie mich nicht fassen, und griff doch nach mir, als sie mich verfolgte, so dass ich das Haus verließ, auf der Flucht vor dem Antlitz meines Verfolgers. Und als ich nach draußen flüchtete, hörte sie nicht auf, mich zu verfolgen und als sie mächtig anschwoll, hielt ich inne und rannte zur Kirche der gesegneten Maria. Ich betrat sie durch die rechte Tür neben dem Haupteingang auf der Westseite, und als ich in der Kirche war, erhob ich meine Augen nahe an der Tür, und blickte zum Bild der gesegneten Jungfrau Maria auf. Und siehe, die hingebungsvolle Jungfrau Maria hieß mich mit einem Wink zu ihr zu kommen. Als ich das sah, rannte ich schnell zu ihr, der wahren Trösterin und Zuflucht der Sünder, und stellte mich unter ihren Schutz und ihre Hut. Und danach sah ich meinen Verfolger, den Teufel, nicht mehr. Ich war seiner Nachstellung durch die Anrufung, den Beistand und Schutz der gesegneten Maria, der unbefleckten Mutter Gottes, vollständig entronnen. Ich fühlte eine solche Ruhe in mir, dass ich sogleich erwachte. Als ich erwachte, verstand ich die Vision nicht, aber ich dachte etwas über sie nach, und in meinem Herzen grub ich unauslöschlich die Erinnerung an das Geheimnis ein, das ich mit meinen eigenen Augen gesehen hatte, das in mir Gestalt angenommen hatte. Hier endet das Thema.

9.

Wie ich vom Teufel verführt wurde. Hier beginnt der erste Teil dieses Buches und der Bericht darüber, was mir nach dieser ersten Vision widerfuhr.

Da der Anfang unseres Gebetes aus dem Munde des Herrn kommen soll, wünsche und wage ich es nicht, irgendetwas nach eigenem Gutdünken vorzutragen, was manche tun, die der Herr beklagt, wenn er sagt »sie haben nicht um Rat gefragt vom Munde des Herrn«. Das heißt, sie haben nicht den Rat des Herrn gesucht. Und bei Ezechiel heißt es »masse dir nicht an, Dinge zu sagen, die du nicht hörst«. Später aber, als ich von der Schule zurückgekehrt war, wagte ich es, die folgenden Visionen aufzuschreiben, als ich, zusammen mit anderen Mönchen und unserem Unterprior, durch die Liebe unsere Vaters, des Abtes William von Ransington, im September des Jahres 1308 zusammengerufen worden war. Aber nicht allein durch ihn, sondern auch durch die gesegnete und unbefleckte Jungfrau Maria, die Mutter Gottes, die mir in einem außergewöhnlichen Zustand des Geistes erschien und nur sagte »komm her« und nicht mehr. Zu dieser Zeit war ich in Morigny und hielt mich, zusammen mit anderen Brüdern, meist im Kloster auf.

Eines Tages, als ich in der Kapelle der gesegneten Maria betete, flehte ich sie mit Hilfe der Gebete an, die in diesem Buch enthalten sind. Ich erbat ihren Rat, indem ich drei Fragen stellte, von denen die dritte für meine Geschichte von Bedeutung ist. Die erste Frage war, ob es ihr gefallen würde, mir durch ihre Gnade etwas zu offenbaren, wenn sie mich zu ihrem Schüler haben wolle, wie ich es schon einmal gewesen war. Die zweite Frage war, ob ich ein Amt übernehme könne, wenn ich in der Abtei bleibe. Und die dritte Frage war, ob ich die Visionen mitteilen dürfe, die sie mir in der Vergangenheit hatte zuteil werden lassen und ob ich sie niederschreiben dürfe, um sie und ihren Namen zu verherrlichen. Denn, wenn es nicht ihr Wille sei, dann würde ich nicht wagen, irgend etwas aufzuschreiben. Und es gefiel ihr, mir eines schönen Tages in einem außergewöhnlichen Zustand des Geistes, in einem Traum, vor den Toren einer Kirche zu erscheinen, und gnädig auf meine Fragen zu antworten, und mir einen süßen Rat zu erteilen, indem sie sagte: »Du wirst ein Mönch sein und du wirst woanders hingehen und du wirst erzählen, was ich dir erzählt habe.«

10.

Und nachdem ich dies gehört hatte, sagte sie nichts mehr zu mir, sondern verschwand, und ich erwachte. Und als ich darüber nachdachte, verstand ich durch die mir zuteil gewordene Offenbarung, »du wirst ein Mönch sein«, dass es ihr gefallen würde, wenn ich in der Abtei bliebe (so geschah es), und dass ich ein bewegliches Amt haben würde, das mich oft von einem Ort zum anderen bringt, in Übereinstimmung mit ihrem Wort »du wirst woanders hingehen«, was nicht möglich gewesen wäre, wenn ich im Kloster geblieben wäre. Aber so war es, denn am achten Tag nach der Offenbarung wurde ich zum Vogt unseres Hauses ernannt, was eine verantwortungsvolle Aufgabe ist, voller Mühen und mit der Notwendigkeit verbunden, oft woanders hinzugehen. Und es gefiel ihr, dass ich meine Visionen niederschreibe, gemäß ihren Worten «und erzähle, was ich dir erzählt habe«. Und ich fordere auf und ermahne alle, denen dieses Buch in die Hände fällt, wie Augustinus sagt, »nicht auf den zu achten, der spricht, sondern nur auf den, dessen Worte er spricht«, nämlich die Worte der gesegneten und unbefleckten Jungfrau Maria, der Mutter Gottes. Was die Notwendigkeit betrifft, alles zu erzählen, so sagte sie zu mir: »Berichte, was ich dir erzählt habe.« Möge sie mir durch ihre Barmherzigkeit und ihre Weisheit gewähren, dass ich in ihrem Namen Dinge sage, die ihr gefallen und mögen wir durch sie das ewige Leben erlangen. Amen.

11.

Über meine Verirrungen in die schändlichen Wissenschaften und besonders in die Ars Notoria, die uns vom Teufel ausgehändigt wurde.

Sie erzählte mir all diese Dinge, die mächtigste Königin des Himmels, die glorreiche und unbefleckte Mutter Gottes, die Jungfrau Maria, meine Freundin und Helferin, meine schlagfertigste Beraterin und meine süßeste Trösterin. Sie sagte mir, ich solle um ihres Ruhmes und ihrer Herrlichkeit willen schreiben, um sie heute und in alle Zukunft zu preisen. Aber nachdem ich meine erste Vision hatte, die ich das Thema genannt habe (mit der alle folgenden Visionen auf mystische Weise verknüpft sind), nahm ich das Joch der Religion auf mich und stellte mich als Soldat in den Dienst des Ordens des gesegneten Benedikt.

Vier Jahre nach meinem Eintritt in den Orden überreichte mir ein gewisser Kleriker ein Buch, das viele schändliche Dinge der schwarzen Kunst enthielt. Ich schrieb so viel daraus ab, als ich konnte, und gab es dem Kleriker zurück. Der Teufel wurde auf mich aufmerksam und versuchte mich, und verblendet von der Versuchung, begann ich zu überlegen, wie es mir gelingen könnte, in dieser schändlichen Kunst soweit wie möglich fortzuschreiten. Ich holte mir Rat bei einem lombardischen Arzt mit dem Namen Jakob. Nachdem ich ihn befragt hatte, sagte er mir: »Bitte um Erlaubnis das Studierzimmer zu benutzen, und wenn du sie erhalten hast, halte nach einem Buch mit dem Namen Ars Notoria Ausschau und in diesem Buch wirst du die Wahrheit nicht nur über diese Kunst finden, sondern über alle Künste und Wissenschaften.« Ich tat, wie mir geheißen, und schließlich fand ich das Buch nach einigem Suchen, und kaum hatte ich es gefunden, setzte ich mich daran, das Werk zu vollbringen und die Früchte des Werkes in Empfang zu nehmen.

12.

Inwiefern die Ars Notoria innerlich und äußerlich eine Täuschung ist.

Nun erschien dieses Buch, die Ars Notoria, auf den ersten Blick heilig und als das schönste aller Bücher und nützlich, und sogar als das heiligste aller Bücher, denn es ist in verschiedenen Farben geschrieben und es gibt wunderbare Figuren darin, die ebenfalls verschiedenfarbig sind. Es ist ein sehr kurzes Buch und verspricht dem Ausübenden mit Hilfe des allmächtigen Gottes in kurzer Zeit den Erwerb aller Weisheit der heiligen Schrift und aller anderen Wissenschaften. Es finden sich darin heilige und wundersame Gebete und Figuren, deren Geheimnis eher auf ein Wunder, als auf gewöhnliche Gelehrsamkeit zurückgeht.

O List der alten Schlange! O Wut des neidischen Löwen, der herumschleicht und jemanden zum Verschlingen sucht! Das ist die Kunstfertigkeit des reißenden Wolfes! O falsche Heuchelei des Feindes, der im Gewand eines Lammes erscheint, aber inwendig ein reißender Wolf ist! Du kannst es nicht leugnen, du kannst es nicht verbergen, ich habe dich geprüft, ich habe dich entdeckt und ich habe dich in jenem Buch gesehen, in dem du auf höchst kunstvolle Weise versteckt bist!

Denn ich, Johannes, habe durch mein Beispiel und viele andere Zeugen bewiesen, dass dieses Buch, die Ars Notoria, ohne Zweifel ein Quell des Lasters, ein Ursprung der Verirrung, ein Lehrer des Schreckens, ein Sack voller Listen, ein Fluß der Laster, ein falscher Anwalt der Gnade ist. In ihm ist der Friede an Hass gebunden, der Glaube an Falschheit, Hoffnung an Furcht, und Wahnsinn mit Vernunft gemischt. Diese Kunst ist ein liebliches Unwetter, eine freundlich erleuchtete Nacht, ein lebender Tod, eine wahnsinnige Vernunft, und eine irreleitende Klugheit. Sie ist ein schwindender Reichtum, eine kranke Freude, die äußerlich süß schmeckt, aber innen vergiftet ist. Sie ist ein trauriges Paradies, das zuerst gefällt, dann verwundet, dann tötet. Sie erscheint wie ein sanftes Lamm, ist aber ein reißender Wolf, ein bitterer Honig und so süß wie Absinth, ein wahres Argument, aber eine falsche Folgerung. Zuerst stellt sie ihre Behauptung auf, die süß und wahr ist, dann ihre Erklärung, die bitter und falsch ist, dann kommt die Folgerung, das böse Ende. Sie führt jeden, der sie benutzt, in die Irre, und leitet in die Nacht der Verdammnis. Durch sie werden alle Teufel heraufbeschworen und noch mehr, denn ohne sie kann in der schwarzen Kunst nichts gelingen, ja, je feinsinniger sie ist, um so verführerischer ist sie. Das Buch verwendet fünf Sprachen – Griechisch, Latein, Hebräisch, Chaldäisch und Arabisch – und zwar so, dass es keiner verstehen oder erklären kann und je mehr du es studierst, um so unverständlicher wird es.

13.

Hier folgt die zweite Vision.

Nachdem ich das erste Mal die besagte Ars Notoria gefunden und hineingesehen hatte, wurde ich verführt, zu glauben, dass nichts Böses darin sei. Eines Abends, nachdem ich den Tag über gefastet hatte, sprach ich gewisse Gebete, die in diesem Buch enthalten sind. Und siehe, in dieser Nacht, in einem außergewöhnlichen Zustand des Geistes, sah ich die folgende Vision. Es schien mir, als stünde ich auf einem Feld neben dem Haus meiner Mutter in Otroniacum, und es war Nacht und der Mond schien auf die westliche Mauer des Hauses. Ich sah in diese Richtung und dort auf der Mauer erschien der Schatten einer Hand mit fünf Fingern. Und der Schatten dieser Finger war furchterregend, weil jeder einzelne so riesig und fett war, dass man sie kaum mit fünf menschlichen Händen hätte bekämpfen können. Aber ich drehte mich dem Mond zu und blickte zum Firmament, so dass ich sehen konnte, wo der Schatten der Finger herkam. Und dort am Firmament sah ich die Gestalt eines bestimmten böswilligen Geistes (des Teufels), so schrecklich, so formlos, so übel, dass kein Ohr je davon gehört hat, noch ein menschliches Herz es sich hätte ausdenken können. Und die Gestalt streckte ihre Hand vor dem Mond aus, so dass der Schatten der Finger auf der Mauer am Rande des Feldes erschien. Ihr Kopf befand sich direkt über mir und ihre Umrisse im Osten, aber die Gestalt war so riesig, dass ihr Körper bis zu den Hüften sich vom Zenith, unter dem ich stand, bis zum Horizont erstreckte, denn ich konnte die Hüften oder den Rest der Gestalt nicht sehen, weil sie sich unterhalb meines Horizontes befanden. Und als ich diese Gestalt sah, konnte ich sie wegen ihrer Häßlichkeit nicht lange ansehen, sondern fiel flach auf den Boden, so dass ich sie nicht anschauen musste und rief: »Wahrlich, wahrlich, unerklärlich ist die Gestalt der Dämonen!« Nachdem ich das gerufen hatte, erhob ich mich und kehrte in mein Haus zurück, das neben dem Feld stand und sagte zu denen, die sich darin befanden: »Kommt und seht dieses staunenswerte Ding am Himmel!« Und ich stieg in ein höheres Stockwerk, zusammen mit gewissen Leuten, um ihnen zu zeigen, was ich beschrieben hatte. Als wir durch das Fenster sahen, deutete ich auf die Gestalt, die so schrecklich war, wie zuvor, auch wenn ich sie nicht genau angesehen hatte. Aber plötzlich stieg die Gestalt zum Feld herab und sah aus wie ein heiliger Mann, und war sehr schlicht gekleidet in ein schwarzes Gewand und trug ein schwarzes Diadem auf ihrem Kopf. Als ich das sah, bereute ich ein wenig, dass ich ihn einen bösen Geist genannt hatte und dann wachte ich auf. Und als ich erwachte und mich wunderte, wünschte ich in meinem Herzen zu wissen, wer das gewesen war.

14.

Die dritte Vision, die eine Erläuterung der vorhergehenden ist.

Nachdem ich ein wenig über das Geschaute nachgedacht hatte, begann ich Gott in meinem Herzen zu bitten, er möge mir erklären, was es sei und bedeute, und ich sprach ein gewisses Gebet um Einsicht, das sich im selbigen Buch findet. Ich glaubte nicht, dass darin etwas Böses enthalten sei, sondern dass für den, der Gott liebt, alle Dinge um des Guten willen zusammenwirken, dass Er mich nicht täuschen werde durch eine falsche Annahme, da ich annahm, das Gebet werde in seinem Namen gesprochen. So sprach ich das Gebet. Kaum hatte ich es gesprochen, drehte ich mich um und fand mich in Entrückung und ich schaute das Folgende: Es schien mir, als beträte ich eine Kirche, und siehe, im Chor dieser Kirche las ein Franziskaner aus einem Psalter seinen Schülern vor. Er rief mich und sagte »komm her« und als ich gekommen war, sagte er: »Setz dich und lies in diesem Buch«. So setzte ich mich und las die folgenden Worte: »Ich sah die Gottlosen erhöht und erhoben, wie die Zedern des Libanon; und siehe, er war nicht; ich suchte ihn, aber ich konnte ihn nicht finden.« Und als ich gesprochen hatte, sagte er zu mir: »Der, der sich gezeigt hat, wer war es?« Nachdem dies ausgesprochen war und ich es gehört hatte, wachte ich auf, und voller Bewunderung lobte ich Gott und dankte ihm, denn er hatte mir gezeigt, was meine Schauung bedeutete. Von dieser Stunde an begann ich an der magischen Kunst zu zweifeln, es könnte in ihr etwas Böses sein. Aber da das Böse auf den ersten Blick gut erschien, hielt ich es in meinem Herzen bloß für einen »Zweifel«.

15.

Wie ich die Ars Notoria erlernte und was ich durch sie erreichte.

Als Schüler litt ich in der Schule an großer Armut und konnte mir kaum Bücher oder andere Dinge leisten. Vor allem anderen aber verlangte mich nach Wissen. Und da ich wegen Geldmangel keine Kurse besuchen konnte, in dem genannten Buch aber angeblich ein Weg beschrieben wurde, auf dem ich mein Ziel unmittelbar erreichen zu können glaubte, stellte ich alle anderen Studien zurück und vertiefte mich um so mehr in dieses Buch. Und ich las so viel in ihm, bis ich verstand, was ich tun mußte, um es erfolgreich anzuwenden. Nachdem ich das verstanden hatte, setzte ich alles daran, mein Ziel zu erreichen, besser, als ich dies zuvor vermocht hatte.

16.

Die vierte Vision.

Nachdem ich begonnen hatte, die Anleitungen des Buches in die Tat umzusetzen und bereits beim neunundzwanzigsten Tag angelangt war, dem Tag, an dem der Mond seinen Lauf vollendet, sprach ich in der Nacht, nach dem Ende der Dämmerung, ein Gebet aus dem Buch, das »Zeichen der Gnade« heißt, löschte die Kerze und ging ins Bett. Als ich aber im Bett lag, geriet ich in einen Zustand der Verzückung. Und siehe, das Zimmer, in dem ich lag, füllte sich mit Licht und zwei Männer erschienen, die ich zwar sehen, aber nicht deutlich erkennen konnte. Und zwischen den beiden stand ein dritter, den ich weder sehen noch hören, sondern nur fühlen konnte. Einer der beiden, die ich sah, stand am Kopfende meines Bettes, der andere am Fußende, und der am Kopfende sprach zu mir und sagte stolz, grausam und überheblich: »Hättest du achtzig Tage und mehr zu mir gebetet, wärst du vielleicht imstande gewesen, zu erlangen, wonach du suchst.« Und der andere am Fußende antwortete: »Johannes, höre, was der Vater sagt.« Da ich glaubte, der erste sei der Vater, der zweite der Sohn und der dritte, den ich nicht sah, sondern nur fühlte, der Heilige Geist, erhob ich mich und rang mit meinen Händen und sagte zum Sohn: »Erinnere dich, o Herr, dass du Gott und Mensch zugleich warst und bist und immer sein wirst.« Sogleich antwortete er: »Und ich sage dir, in acht Tagen wirst du eine Vision haben.« Und sobald er das gesagt hatte, wachte ich wieder auf. Ich verstand diese Vision nicht sofort, denn ich glaubte, sie sei gut und von Gott geschickt (was aber nicht der Fall war, vielmehr hatte der Teufel sie hervorgerufen, der die Gestalt eines Engels des Lichtes angenommen hatte, um mich zu verführen). Nichtsdestoweniger tat ich, wie er mir geheißen hatte und flehte während der Zeit, die er verlangt hatte, zu Gott, nach der Anleitung des Buches das Gebet sprechend, das mit den Worten beginnt: »Im Namen der heiligen und ungeteilten Dreifaltigkeit.«

17.

Es folgt die fünfte Vision.

Und nachdem ich mit der Arbeit begonnen hatte, siehe, da hatte ich am vierten Tage folgende Vision: mir schien, als kämen einige stolze, große, überhebliche und schnöde Männer in mein Zimmer, in dem ich lag, nicht durch die Tür, sondern durch das Fenster. Und um mein Bett kreisend, sagte einer stolz: »Wenn du bereit bist, mich zu verehren und mir zu huldigen, wirst du alles erlangen, was du willst.« Ich sagte zu ihm: »Das werde ich ganz gewiss nicht tun.« Denn ich dachte nicht, dass die Kunst, die ich erlernen wollte, solche Dinge einschloß. Und als ich zu Ende gesprochen hatte, siehe, da kamen zwei weitere Mönche, die wie Franziskaner gekleidet waren, durch das Fenster, und in der Nähe meines Bettes stehend, bedrängten sie mich und sagten: »Herr, tut, was der große Fürst von euch verlangt.« Ich antwortete: »Das ist unmöglich.« Und der Stolze, der zuerst gekommen war, sagte: »Wenn du das nicht tust, werde ich kochendes Blei nehmen und es dir in den Mund gießen und du wirst sterben.« Und ich sagte: »Selbst wenn ich sterben muss, werde ich es nicht tun.«

18.

Während all dies geschah, saß ein gewisser Franziskaner in der Nähe meines Zimmers auf einer Bank an der Tür und er sah und hörte alles, was geschah. Ich dachte: »Nun wird unter meinen Brüdern bekannt werden, dass dieses Wissen vom Teufel kommt, denn er sieht es und wird es den anderen erzählen.« Und die ganze Zeit, während ich dies dachte, bedrängten mich die anderen beiden, dem Willen des großen Fürsten Folge zu leisten. Aber ich wollte das auf keinen Fall. Nun, nachdem der große Fürst bemerkt hatte, dass er mich weder durch Drohungen noch durch Schmeichelei umstimmen könne, verließ er das Zimmer. Die anderen beiden blieben zurück und bedrängten mich weiter. Und nach langer Zeit sagte ich erschöpft: »Ruft ihn herein und ich werde es tun.« Als sie dies hörten, riefen sie ihn zurück, aber er wollte nicht kommen. Und als ich erkannte, dass er nicht zurückkam, sagte ich zu ihnen: »Zeigt mir, wie er verehrt werden will.« Sie sagten: »Komm aus deinem Bett heraus und wir werden es dir zeigen.« Also erhob ich mich und sie zeigten mir, wie die Huldigung vonstatten gehen sollte, und als ich das sah, prägte ich es auf ewig meinem Gedächtnis ein. Und als ich über diese Vision nachdachte, fühlte ich großen Zweifel an dieser Kunst, und dass sie in Wahrheit böse sei. Ich sagte: »Mein Herr Jesus Christus, wenn es irgend etwas in dieser Kunst oder Wissenschaft gibt, das dir oder deiner Weisheit oder dem christlichen Glauben entgegengesetzt ist, dann laß sie keinerlei Wirkung haben.« Aber ich hörte nicht mit meinen Übungen aus, sondern setzte sie fort, denn ich sagte mir selbst: »Möglicherweise quält mich der Teufel auf die Art (und der Herr verfolgt ihn), dass ich nicht erreiche, was das Buch verspricht, auch wenn es offensichtlich sehr gut ist – dies vorausgesetzt, werde ich mit meinen Übungen nicht aufhören. Ich will lieber warten und sehen, was am Ende herauskommt.«

19.

Die sechste und siebente Vision.

Während ich mich weiter abmühte, wurde mir zweimal, bevor ich zum Ziel gelangte, von allen himmlischen Geistern offenbart, dass in den Gebeten dieses Buches eine Anrufung böser Geister in ausländischen Zungen enthalten sei, so subtil und raffiniert verschleiert, dass niemand auf der Welt, so feinsinnig er auch sei, die Verschleierung zu erkennen vermöge. Und nachdem ich das gehört hatte, begann ich noch mehr Zweifel an dieser Kunst zu hegen.

20.

Bemerke, dass ich meine Übungen immer noch nicht aufgegeben habe. Es folgt die achte Vision.

Während ich mich in der genannten Kunst übte, hatte ich viele weitere wundersame Visionen, die hier nicht von Bedeutung sind, durch die ich die beiden Arten der Magie erlernte, mit Hilfe der Künste, zu denen das Buch anleitet. Ich erlernte auch die Geomantie, Pyromantie, Hydromantie, Aeromantie, Chiromantie und Geogonie und all ihre Unterabteilungen. Wie ich diese Künste erlernte, kann ich nicht erzählen, das würde zu lange dauern. Wie auch immer, während ich immer noch unwillig war, aufgrund der beschriebenen Visionen dieser Kunst abzusagen, hatte ich ein weiteres Gesicht.

Während einer Nacht schien es mir, als stiege ein Cherub in mein Zimmer herab, gekleidet in eine schwarze Tunika. Und er hieß mich mein Zimmer verlassen. Und da ich nicht wollte, dachte ich, er werde etwas zu mir sagen. Als ich schon auf der Treppe stand, stieß er mich zwischen den Schulterblättern und ich stürzte die Treppe hinab, bis hinunter zum letzte Absatz. Und als ich mich erheben wollte, kam ein böser Geist (der Teufel) und packte mich und hielt mich fest. Als ich sah, dass ich in seiner Hand war, unfähig, mich selbst zu befreien, rief ich zum Engel hinauf: »O Cherub, so habe ich mir das nicht vorgestellt!« Und er antwortete: »Warum hast du zuvor nichts gesagt?« Und während er dies sagte, zog er sich zurück und ich war weiterhin gefangen, in den Händen des Feindes, der an mir zog und mich aus dem Haus meiner Mutter herauszerrte. Da er mir mächtig drohte und sagte, ich könne ihm nicht entrinnen, und dass er mich am Ende töten werde, befand ich mich in Todesangst. Er hielt nach einem Ort Ausschau, wo er sein Vorhaben in die Tat umsetzen konnte, und führte mich um Hausecken und durch Häuser hindurch, aber er fand keine passende Stelle. Während er mich so herumführte, flehte ich ihn immer wieder an, mich nicht zu töten, aber er antwortete, er werde es tun. Und da dachte ich, wenn ich einen Beichtvater finden könnte, würde ich beichten und bereuen, dass ich gesündigt hatte und versprechen, dass ich es nicht wieder tun und nicht mehr sündigen würde. Und sobald ich das gedacht hatte, siehe, da ließ der Feind mich los und rückte von mir ab und sogleich hörte ich die Engel singen, so süß und lieblich, wie noch nie in meinem ganzen Leben. Aber ich vermochte sie nicht zu sehen.

21.

Nun, nach diesem Erlebnis, suchte ich nach einer Gelegenheit, dem Feind zu entkommen, und von diesem Augenblick an zog er sich Stück für Stück von mir zurück. Und siehe, eine Menge Leute war plötzlich vor mir, und ich, nun schon etwas von ihm abgerückt, ließ ihn hinter mir zurück und schloß mich der Menge an. Sobald ich in ihr verschwunden war, sah ich auch den Feind nicht mehr, aber ich fürchtete noch immer, er könnte mich wiederfinden. Ich rannte zu einem Bischof, der sich in der Menge befand und beichtete ihm meine Sünden. Und als das getan war, fürchtete ich den Feind nicht mehr, selbst wenn er mich finden sollte.

Als ich den besagten Beichtvater verließ, betrat ich eine Kirche von der Südseite, und dort, beim Altar am Nordende, auf den Stufen des Altars, stand die süße und unbefleckte Jungfrau Maria, die Mutter Gottes, bekleidet mit den weißesten Gewändern. Ihre Schönheit war so groß und so einzigartig, dass keine menschliche Zunge imstande wäre, das Gesicht zu beschreiben und die Erleichterung, die es mir verschaffte. Und ich war voll der Bewunderung, und dies zu Recht, da selbst die Sonne und der Mond in ihrer Gegenwart verblassen. In ihrer Nähe stand der gesegnete Johannes, der Evangelist, im Gewand eines Dominikaners, auch er schön über alle Massen. Als ich dies sah, wichen alle Gedanken aus meinem Kopf und mein Herz jubelte in solchem Glück, wie ich es noch nie erlebt hatte. Und voller Freude eilte ich zu ihnen und siehe, der Dominikaner, der gesegnete Johannes, kam herab zu mir. Er umarmte und küßte mich und ich küßte ihn und er sagte zu mir: »Johannes, du bist dumm, und du hast falsch gehandelt. Achte darauf, dass du dich künftig besser benimmst.« Und da ich vor Freude außer mir war, wußte ich nicht, was ich antworten sollte und sagte nur: »Hab Erbarmen mit mir.« Und als ich dies gesagt hatte, ging ich hinüber zur gesegneten Maria und umarmte sie. Sie sprach zu mir wie Johannes und ich erwiderte dasselbe und nachdem wir diese Worte ausgetauscht hatten, entfernten sie sich.

Danach betrat ich den Chor der Kirche und dort war ein Altar, auf dem jemand eine Messe zelebrierte. Er war schon fast am Ende angekommen und um den Altar standen die vier Evangelisten in weißen Kleidern, und siehe, einer von ihnen, der das Antlitz eines Engels hatte und den Körper und Glieder eines Menschen, kam zu mir und ich umarmte ihn. Ich setzte mich nieder und hielt ihn in meinem Schoß und als er sich aufsetzte, sprach er zu mir und ich wurde in einen solchen Zustand der Erleichterung versetzt, dass ich augenblicklich erwachte. Voller Verwunderung dankte ich Gott, der mir die Offenbarung so großer Geheimnisse anvertraute, und zum immerwährenden Angedenken an diese Vision schrieb ich das Gebet, das mit den Worten beginnt »Gegrüßt seist du, Heil dir ...«. Nun, da wußte ich wirklich, dass die besagte Ars Notoria zutiefst böse ist, und ich stieß sie ein wenig zur Seite, wenn auch nicht gänzlich.

22.

Neunte Vision über das Verbot der Ars Notoria.

Aber danach hatte ich das neunte Gesicht: es kam eine große Heimsuchung über mich und während dieser Heimsuchung sah ich täglich viele schreckliche Gesichte. Eines Tages wünschte ich, herauszufinden, was sie bedeuten, und ich sprach ein Gebet aus der Ars Notoria zur Stärkung des Gedächtnisses, wie es meine Gewohnheit war. Und siehe, in der folgenden Nacht hatte ich dieses Gesicht. Es schien mir, als läge ein böser Geist im Bett an meiner Seite. Schnell erhob ich mich und verscheuchte ihn mit einem gezückten Schwert. Ich schlug ihn und er entwich. Als er geflohen war, siehe, da trat ein Mann in mein Zimmer, recht groß, mit einem langen Gesicht und einer langen Nase in der Mitte seines Gesichtes, gekleidet in ein Gewand, das nicht ganz weiß war, sondern aussah, als wäre er verbrannt, das heißt, das Gewand hatte die Farbe von Asche, und er rief mich und sagte zu mir: »Du sollst mir ein Gesicht deuten.« Nun, da erinnerte ich mich, warum ich das Gebet gesprochen hatte, und sagte: »O Herr, aber du sollst mir ein Gesicht deuten.« Er antwortete: »Das hat keinen Sinn. Und stochere nicht in Dingen herum, die die nichts mehr angehen, denn, wenn du damit weitermachst, werden wir dich zum Schweigen bringen.«

23.

Nachdem er dies gesagt hatte, sprach er erneut zu mir: »Komm her, denn ich möchte mit dir beichten.« Mich bei der Hand nehmend, führte er mich zur Bank neben meinem Bett und wir beide knieten nieder, so wie Beichtende es tun. Er begann zu beichten und sagte: »Ich bin ein großer Mann, streng und mächtig, und ich war barmherzig, wo ich gerecht hätte sein sollen und ich will, dass du mir deswegen Absolution erteilst.« Ich antwortete: »Das scheint mir keine Sünde zu sein«, und er sagte: »Mein Gewissen plagt mich. Erteile mir sofort Absolution.« So sagte ich: »Ich erteile dir Absolution wegen der Dinge, mit denen dich dein Gewissen plagt.« Aber als ich ihm mit den üblichen Worten die Absolution erteilen wollte, sagte er, »benutze nicht diese Worte, sondern öffne deinen Mund und ich will ihn mit Worten anfüllen.« Als ich meinen Mund öffnete, sprach ich diese Worte der Absolution, als hätte ich sie in einem Buch gelesen:

»Rex regum, princeps principum et dominus dominancium, homo deus filius Marie natus ex virgine«. Und nachdem ich das letzte Wort gesprochen hatte, rief ich mit lauter Stimme: »O, ihr verfluchten Juden«. [Johannes von Morigny hielt die Ars Notoria für eine jüdische Schrift.] Danach sagte ich, um ihm Absolution zu erteilen: »Möge Er dir Absolution erteilen, wegen der Dinge, die du mir gebeichtet hast, die dein Gewissen peinigen.« Und nachdem ich dies gesagt hatte, ging er weg und ich wachte auf. Nun, da verstand ich, und wußte ohne Zweifel, und hatte durch meine eigene Erfahrung bewiesen, dass das Buch der Ars Notoria gänzlich böse ist, dass es meinem Schöpfer nicht gefällt, wenn ich weiter mit ihm arbeite, und dass meine Arbeit mit diesem Buch ihm mißfallen hatte. Und deswegen legte ich von diesem Zeitpunkt ab das schändliche Buch und die darin beschriebene Kunst gänzlich beiseite und beichtete und bereute, was ich getan hatte.

24.

Zehnte Vision: gegen die schwarzen Künste.

Nachdem ich die Ars Notoria beiseite gelegt hatte, verfiel ich, Bruder Johannes, vollständig den schwarzen Künsten. Ich beherrschte sie so gut, dass ich eine neue schwarze Kunst zu entwickeln begann, und mich mit den Ringen Salomos beschäftigte. Nun, eines Morgens zu dieser Zeit wachte ich auf – oder wenigstens schien es mir so –und stieg aus dem Bett und war gerade dabei, den vierten Ring Salomos zum Abschluss zu bringen, als ich eine Stimme hörte, die rief: »Narr, Narr und abermals Narr!« Voller Furcht sagte ich, »Wahrlich, ich bin ein Narr.« Und die Stimme sprach erneut: »Wahrlich, du bist ein Narr. Und wenn du wüßtest, wir sehr du wirst leiden müssen, wegen der Dinge, die du tust, dann würdest du sie nie mehr tun, aus welchem Grund auch immer.« Nachdem ich das gehört hatte, verschwand die Stimme. Ich sah niemanden. Ich war von Furcht wie versteinert, und wagte es nicht, die Ringe Salomos zu vollenden. Und ich legte die schwarze Kunst beiseite, nicht nur teilweise, sondern gänzlich – und dennoch arbeitete ich weiter an meinem Buch über die Meisterschaft in der neuen schwarzen Kunst.

25.

Elfte Vision: wie ich nach meinen magischen Übungen von einem guten Engel vor dem Angesicht des allmächtigen Herrn und Schöpfers gezüchtigt wurde.

Da Gott, der Schöpfer aller Dinge, sah, dass die Furcht vor ihm mich nicht vor dem Bösen schützte, beschloß er, es mit Gewalt zu versuchen und mich einer strengen Züchtigung zu unterwerfen. So sah ich eines Nachts in einem ekstatischen Traum einen Mann in roter Toga in Begleitung anderer, ebenso gekleideter Männer in mein Zimmer kommen. Er setzte sich auf den Stuhl, wie ein Meister. Und durch die Kraft des Heiligen Geistes in meinem Herzen erkannte ich, dass es der Herr Jesus war, der dort saß. Ich warf mich vor ihm nieder, so wie Mönche das tun, wenn sie dem Leiter ihres Ordens gegenübertreten und bat ihn um Vergebung. Und da befahl der Herr Jesus, mein Meister, einem seiner Begleiter, mich fest zu schlagen. Einer von ihnen stand auf und schlug mich mit seiner Faust und sagte: »Nimm das, wegen der Dinge, die du getan hast und weiterhin tust, entgegen dem Willen deines Schöpfers.« Und er schlug mich unerbittlich, so sehr, dass ich vom heftigen Schmerz erwachte, den er mir zufügte. Ich war höchst überrascht, dass ich Schmerz in meiner Schulter empfand und auch in den anderen Körperteilen, die er getroffen hatte, und das über eine Stunde. Und so züchtigte mich der Herr und lieferte mich nicht dem Tode aus. Und aus diesem Grund tat ich die schwarzen Künste ab, und auch das Buch über diese Kunst, an dem ich schrieb, und bereute und bekannte meine Sünden. Hier endet der erste Teil der Vision.

26.

Hier beginnt der zweite Teil, über die Visionen nach der Beichte und die Offenbarung dieses Buches. Dies ist die erste Vision, die von Gott kommt.

Das Geheimnis der Gnade ist ein wundersames Ding, das Bewunderung verdient, unzugänglich dem menschlichen Verstand, und aller Bewunderung würdig. Später, weil ich bereute und beichtete, was ich mit dem Buch und der Ars Notoria angestellt hatte (das Antlitz des Feindes fliehend, dank der süßen Jungfrau Maria, der unbefleckten Mutter Gottes, die mich mit einem Wink ihrer Hand aus der Ferne zu sich rief), überkam mich folgende Vision. Es schien mir, als stünde ich in der großen Kirche der Jungfrau Maria in Chartres, vor dem Hauptaltar, und ich betete zu der glorreichen Jungfrau. Und als ich eine Weile zu ihr gebetet hatte, siehe, da verwandelte sich ihr silbernes Bildnis in ein Wesen aus Fleisch und Blut, in die Jungfrau höchstselbst, die vom Altar herabstieg, und zu mir kam. Sie nahm mich an der Hand und führte mich in die Mitte der Altarstufen und sagte: »Steh hier und bete Gott an und danke ihm.« Und da ich nicht die üblichen Gebete hersagen wollte, sagte ich nichts als: »Ich danke Dir.« Und als ich dort so kniete, mit gefalteten Händen, da sang der ganze Chor das »Te Deum«, wegen des Wunders, das die gesegnete Jungfrau an mir vor aller Augen vollbracht hatte. Und während sie sangen, meditierte ich in meinem Herzen und sagte: »Maria, wenn entdeckt wird, dass das Buch der höchst schändlichen schwarzen Kunst mir gehört, wird es dann heißen, dass dies kein Wunder ist, sondern dass ich mit Hilfe der Magie dein Bildnis habe herabsteigen lassen? Und was soll ich mit diesen Büchern über schwarze Kunst anstellen? Soll ich sie entfernen und vor meinen Brüdern verstecken?« Und während ich über diese Fragen nachdachte, wachte ich auf. Und im Gedenken an diese Vision schrieb ich das Gebet »Gratias ago tibi«, und auch das »Gloriose flos celorum« und ein drittes, das darauf folgt.

27.

Bemerke die zweite Vision. Wie ich mich in Gesellschaft der Engel befand.

Erneut hatte ich anderntags eine Vision. Wieder schien ich in der großen Kirche von Chartres zu sein, nahe der nördlichen Tür, und heran trat an mich, von Süden her, ein Engel voller Schönheit jenseits allen Maßes, gekleidet in ein rotes Gewand, dessen Schwingen von den Schultern bis zu seinen Füßen auf höchst schmucksame Weise hinter ihm gefaltet waren. Ein ganzer Chor von Engeln folgte ihm, in Weiß gekleidet. Als ich ihn auf mich zukommen sah, wich ich voller Ehrfurcht ein wenig beiseite, damit sie an mir vorübergehen konnten, und er schwebte vorüber, indem er mir einen sanften Blick zuwarf, aber nichts sagte. Als ich seine so überaus süße und schöne Gesellschaft sah, wünschte ich nichts mehr, als zu ihnen zu gehören und ich wäre glücklich gewesen, mit ihnen zu gehen, wenn ich es denn gewagt hätte. Einer von den weiß gekleideten Engeln bemerkte dies, ein junges Wesen, schön über alle Massen, ließ die anderen hinter sich und kam zu mir und sagte: »Komm mit uns.« Und ich antwortete: »O Herr, ich wage es nicht!« Er erwiderte: Fürchte dich nicht, komm. Denn es gefällt dem Herrn und er hat befohlen, dass wir dich mitnehmen.« Und er nahm mich an der Hand und führte mich zu seinen gesegneten Gefährten, deren Gesellschaft ich so sehnlichst wünschte. Und als ich unter ihnen war, verließen wir die Kirche durch die Nordtür, umkreisten sie, bis wir zum Haupttor auf der Westseite kamen. Während ich unter ihnen weilte, war ich von so großer Freude erfüllt, dass ich nichts mehr wünschte, als immer bei ihnen zu bleiben, und ich brannte von solcher Liebe, dass ich sie allerzärtlichst auf die Wangen küßte. So zeigte ich jedem von ihnen meine Liebe auf gleiche Art, weil ich nicht wußte, wen ich mehr lieben sollte. Und während ich mich in dieser überaus vornehmen und holdseligen Gesellschaft befand, nicht wissend, ob ich mich im Leib oder außerhalb befand, Gott allein weiß es, wachte ich auf. Verwundert, was ich da gerade erlebt hatte, pries und dankte ich Gott.

28.

Dritte Vision: über das Gebet »Ave gloriosa virginum regina«, das der Kanzler von Paris schrieb.

Und ich hatte eine weitere Vision. Ich trug ein Gebet bei mir, das mit den Worten beginnt, »Gegrüßt seist du, glorreiche Königin der Jungfrauen« und ich hatte den großen Wunsch, es zu Ehren der gesegneten Jungfrau aufzusagen. Aber ich wagte es nicht, weil einer meiner Gefährten mir erzählte, dass alle, die es aufsagen, exkommuniziert werden, weil Philipp der Kanzler, der es geschrieben hatte, verurteilt worden sei. Und Werke, deren Autoren verurteilt worden seien, dürften nicht weiterleben. Wie auch immer, der Zweifel war gesät. Und um diesen Zweifel zu zerstreuen, hatte ich eine Vision. Mir schien, als befände ich mich wieder in der Kirche von Chartres zwischen dem Altar und dem Chor und ich hörte die Kanoniker die genannten Verse im Chor singen.

Und ich sagte zu mir selbst: »Wenn dieses Gebet verboten wäre, würden jene, die es singen, exkommuniziert. Und daher darf ich es aufsagen, so wie jene, weil es der Jungfrau nicht mißfällt, im Gegenteil, es gefällt ihr.« Und als ich das gehört hatte und darüber nachdachte, hatte ich keine Zweifel mehr über das Gebet, weil es der Jungfrau wohl gefiel, wenn ich es aufsagte. Und dies tat ich und verband es mit dem Gebet »Glorreiche Himmelsblume«.

29.

Eine Bemerkung über einige andere Visionen und über bestimmte Gebete.

Viele weitere glorreiche und wunderbare Visionen hatte ich, die ich gar nicht alle erzählen kann. Ich sah eine Stadt in den Wolken, ich sah einen Kristallhimmel, und an dessen Rändern und mitten darin, als wäre er eine Festung, sah ich das Kommen des Antichrist, aber die rechtschaffenen Armen widersagten ihm, so wie es einst geschehen wird. Ich schrieb das erste Gebet dieses Buches nach der neunten Vision, das zum Gedenken an jene Vision verfaßt und von mir gesprochen wurde. Ich verfaßte das Gebet »Excellentissima«, während ich mich mit der Ars Notoria beschäftigte, nach der ersten Vision. Das Gebet »Propositii« schrieb ich, nachdem ich die Ars Notoria zur Seite gelegt hatte, wegen meiner Rückkehr zum rechten Glauben. Und das Gebet »Invocacio sancte Marie«, schrieb ich ebenfalls, aus Reue darüber, dass ich mich mit der besagten Kunst abgegeben hatte. Ferner, nachdem ich es geschrieben hatte, kam eine große Prüfung über mich und ich wünschte zu wissen, ob ich ihr standhalten könne. Ich sprach dieses Gebet dreimal, mit Tränen in den Augen, zu später Stunde. Und als ich in meinem Bett lag, geriet ich in Verzückung und hörte eine Stimme, wie ein Wasserrauschen und wie der Klang einer Trompete, die zu mir sagte: »Johannes, weißt du nicht, dass Gold im Feuer geprüft wird? Weshalb also willst du das wissen?« Und als ich erwachte, dröhnte die Stimme noch in meinen Ohren und ich wußte, dass ich der Prüfung nicht entgehen konnte, sondern dass ich sie geduldig ertragen mußte, weshalb dieses Gebet mir sehr wichtig wurde. Und viele andere Geheimnisse sah und hörte und erfuhr ich.

30.

Bemerke die letzte Vision über die Erlaubnis, dieses Buch um des Vorteils vieler willen zu schreiben.

Nachdem ich erlebt hatte, dass ich zurückgerufen worden und dem Verfolger entflohen war, und nun ganz unter dem Schutz und der Aufsicht der gesegneten und unbefleckten Jungfrau Maria, der Mutter Gottes stand, wußte ich, dass ich nach ihrem Wunsch mein Werk nicht vollenden konnte. Und während ich über diesen Verlust nachdachte, wußte ich nicht, was ich tun sollte, um die guten Absichten, um die es eigentlich ging, zu erreichen, ausgenommen die Tatsache, dass mir durch heilige Schauungen gezeigt worden war, dass die gesegnete Jungfrau Maria meine Freundin war und mit allem vertraut, was die Rettung meiner Seele anbetraf, nicht wegen meines eigenen Verdienstes, sondern allein weil ihre Barmherzigkeit, ihr Mitleid und ihre Gnade dieses Verdienst erwarteten. Und weil ich einen Bund des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe mit ihr geschlossen hatte, der für alle Zeiten gültig ist, würde sie mir alles Gute, was ich von ihr emsig und demütig erflehte und in meinem Geiste festhielt und erhoffte, ohne Zweifel freundlich gewähren und zugestehen. Daher dachte ich, wenn sie mir wieder erscheinen würde, wie es ihre Gewohnheit war, dann würde ich sie um Erlaubnis bitten, ein Buch mit dreißig einfachen Gebeten zu schreiben, durch das ich meinem Ziel näherkommen könnte, das andere Buch, die Ars Notoria, zu zerstören, und all die alten Irrtümer des falschen Feindes.

31.

Und weil ich oft demütig vor dem Bildnis der selbigen Jungfrau in ihrer Kirche betete, erhörte sie mich eines Nachts und schickte mir die folgende Vision. Mir schien, ich befände mich in der Kirche von Otroniacum vor dem Altar der gesegneten Jungfrau Maria, im südlichen Teil der Kirche, einer Kirche, die dem heiligen Petrus geweiht worden war. Und vor dem Bildnis der gesegneten Jungfrau im Süden der Kirche stehend betete ich zu ihr und bat darum, mir mitzuteilen, ob es ihr gefallen würde, wenn ich das besagte Buh schreiben würde, und mir die Erlaubnis zu erteilen. Und ich sprach folgende Worte zu ihr: »Meine Herrin und Freundin, wenn es dir gefällt, werde ich dieses Buch mit dreißig schlichten Gebeten schreiben, mit deren Hilfe ich alle Schriften, Künste und Wissenschaften werde verstehen können, in deinem Namen, da sich herausgestellt hat, dass es dir nicht gefiel, dass ich dieses Ziel mit Hilfe der Ars Notoria erreichen wollte.« Und siehe, das hölzerne Bildnis nahm menschliche Gestalt an und sprach zu mir, und sagte – als wäre sie unwillig und fiele es ihr schwer, als würde sie müde durch das Sprechen –: »Es gefällt mir, wenn du ein solches Buch schreibst.« Und ich antwortete: »Meine Herrin, wie werde ich es erkennen und fähig sein, es  zu schreiben?« Und sie erwiderte: »Wenn du es versuchst, werde ich dich mit solcher Beredsamkeit beschenken, das du es gut schreiben kannst.« Und als sie dies gesagt hatte, erwachte ich und dankte der gesegneten und glorreichen Jungfrau Maria. Ich begann nicht sogleich mit dem Schreiben, sondern erst, als ich seinen Aufbau fertig gestellt hatte, brachte ich es mit ihrer Hilfe zur Erscheinung. Hier endet der zweite Teil der Vision.

32.

Hier beginnt der dritte Teil, den zweiten Zeugen betreffend, dass die Ars Notoria verurteilt werden muss.

Und wie durch den Mund zweier oder dreier Zeugen jede Behauptung beglaubigt werden soll, wünschten unser Herr Jesus Christus und die gesegnete Jungfrau Maria, seine demütige Mutter, dass zwei Zeugen gegen die üble Ars Notoria mir aufdeckten, was sie sei, so dass ich und die, die nach mir kommen, von heute an keinen Zweifel irgendeiner Art mehr hegen bezüglich der Hexereien dieser Ars Notoria.

33.

Nun hatte ich, Johannes, eine Schwester mit dem Namen Gurgeta, die mit fünfzehn  schon für sich selbst verantwortlich war, und aus eigenem Willen – ich zwang sie nicht dazu – mich täglich bat, ich möge ihr das Lesen beibringen. In Anbetracht ihres Alters versicherte ich ihr, dass sie diese Kunst nicht gleich perfekt beherrschen werde. Aber sie widersprach mir immer und da sie nicht abließ und ich ihr Verlangen bemerkte, wünschte ich zu wissen, was für ein Geist und Wille sie leitete (dem Wort des Apostels folgend: »Prüfet die Geister, ob sie aus Gott sind«). Und ich prüfte, so gut ich konnte, ob all dies von einem guten Geist herkam. Und mir kam in den Sinn, sie könnte mit Hilfe der Ars Notoria imstande sein, innerhalb kurzer Zeit das Lesen zu erlernen, ohne dass ihr Alter sie behindere und ohne Mühen. Und so setzte ich sie vor die Ars Notoria, so wie Jungen lernen, die noch nichts gelernt haben, und ich brachte ihr die Buchstaben bei. Und sie lernte so viel – sie, die nie Buchstaben gesehen hatte – dass sie innerhalb eines halben Jahres alles aufschreiben konnte, was sie irgendwo las. Und noch mehr: sie sang in der Kirche vor allen Leuten ein vollkommenes Halleluja, ohne jede Hilfe, so lieblich wie ein Engel. Aber was geschah in der Zwischenzeit?

34.

Die Vision meiner Schwester gegen die Ars Notoria, nachdem sie sie benutzt hatte.

Nachdem meine Schwester mit der Ars Notoria in der üblichen Weise begonnen hatte, wurde sie von vielen schrecklichen Visionen heimgesucht, von denen eine immer wiederkehrte. Während des Schlafes sah sie oder besser, fühlte sie in Ekstase, dass ein bestimmter böser Geist kam und in der Nähe ihres Bettes stand und der böse Geist drückte sich so fest an ihre Seite und an ihren Rücken, dass das Mädchen weder sprechen noch schreien konnte. Er sprach immer zu ihr und drohte, er würde sie töten und foltern und nicht in Ruhe lassen. Immer wieder sagte er ihr das und bedrohte sie auf vielerlei Arten und sie wurde von ihm terrorisiert und fürchtete sich so sehr, dass sie nicht mehr länger allein schlafen wollte.

35.

Eines Nachts lag sie im Zimmer, in dem sie zu schlafen pflegte, zusammen mit einem anderen Mädchen, das bei ihr lag und um Mitternacht, während sie wach war, fühlte sie, wie der böse Geist sich näherte. Von Furcht ergriffen, rief sie nach mir und sagte: »Mein Bruder, dieser Geist ist hier, ich fühle ihn, um Gottes willen verjage ihn, wenn du kannst!« Ich antwortete: »Meine Schwester, was ist los? Gib dich in Gottes Hände, bekreuzige dich und sage das Vater Unser und das Credo und das Ave Maria und er wird dir kein Leid antun, was immer er auch gesagt hat.« Aber der Geist kam näher und begann sie zu quälen und zu schlagen, so dass sie laut schrie, als sei sie von Sinnen und sie sagte zu mir unter Tränen: »O mein Bruder, sieh, nun hat er mich gepackt!« Als sie gesprochen hatte, wurde ich von Angst und Schmerz ergriffen, da ich dachte, sie erleide all das wegen der Ars Notoria. Dann sagte ich zu ihr: »Liebe Schwester, schwöre der Ars Notoria und ihrem Pomp und ihren Praktiken ab, und versprich morgen Gott und der gesegneten Jungfrau Maria vor ihrem Bildnis in der Kirche, dass du dich nicht mehr in dieser Kunst betätigen wirst, wenn die gesegnete Jungfrau Maria dir die Angst vor diesem Geist nehmen wird.« Das versprach sie und augenblicklich entfernte sich der Geist etwas von ihr. Ich erhob mich aus meinem Bett und zündete eine Kerze an, aber als ich in ihr Bett sah, konnte ich nichts sehen. Und sie sagte zu mir: »Sieh: bis jetzt fühlte ich, dass ich in seiner Gewalt war, aber er hat sich etwas zurückgezogen.« Und ich sah immer noch nichts, aber tröstete sie, so gut ich konnte, indem ich über die Vertrauenswürdigkeit Gottes und seine Liebe sprach, und während ich sie tröstete zog sich der Geist vollständig zurück. Und am nächsten Tag tat sie, was ich ihr geraten hatte.

36.

Danach hatte sie keine Angst mehr, wenn ihr der Geist erschien. Wenn sie ihn ansah, wagte er nicht, ihr Bett zu berühren oder sich zu ihr zu legen, sondern, wann immer er ihr erschien, war sie stark und stellte sich ihm entgegen und schlug ihn, zermalmte ihn unter ihren Füßen, und warf seine Überreste aus dem Fenster, so dass der böse Geist viele Male um Erbarmen flehte. All diese Dinge habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen und beschwöre, dass sie wahr sind. Nun habe ich durch mein eigenes Zeugnis und das Zeugnis einer weiteren Person belegt, dass die Ars Notoria etwas Böses ist.

37.

Über die guten Visionen meiner Schwester, nachdem sie die Ars Notoria aufgegeben hat.

Nachdem meine Schwester sich vollständig von der Ars Notoria verabschiedet hatte, begann sie gute Visionen von Gott zu erhalten. Eines Nachts sah sie in Verzückung den Schöpfer aller Dinge in Gestalt dreier Personen an einer großen Tafel in einer Kirche sitzen und sie stand wie nackt vor ihm. Sie sagte voller Furcht, während sie vor ihm kniete: »Hab Mitleid mit mir, weil ich mich dir unversehrt übergebe.« Er antwortete ihr: »Hast du die Macht dich selbst hinzugeben?« Sie erwiderte: »Mein Herr, ich habe sie.« Und er entgegnete: »Dann nehme ich dich an, meine Tochter.« Und sie erwachte und erzählte mir, was sie erlebt hatte.

38.

Eine weitere Vision meiner Schwester.

Eines anderen Tages sah sie im Schlaf, wie die gesegnete und unbefleckte Jungfrau Maria, die Mutter Gottes, ihr erschien und zu ihr sagte: »Tochter, du wirst dich in den Dienst meines Sohnes stellen, dort in unserer Kirche in Rozay-le-Jeune, dort wirst du uns dienen.« Nun, diese Vision kam oft zu ihr. Auch sah sie oft im Schlaf, wie die gesegnete Jungfrau zu ihr sagte: »Tochter, schneide deine Haare« (weil sie wunderschöne Haare hatte). Und so tat sie. Ebenso wurde ihr gesagt, wenn sie die glorreiche Jungfrau Maria sprechen wolle, dann solle sie Busse tun, und Busse tat sie, hatte sie doch zuerst Kleider aus Leinen getragen. In einem anderen Gesicht sah sie das Schiff einer Kirche, angefüllt mit einem Chor von Engeln.

39.

Die gesegnete Jungfrau Maria sagte auch: »Meine Tochter, damit du einen Platz in der Abtei von Rozay-le-Jeune erhältst, muss jemand anders für dich sprechen.« Und nachdem sie mir davon erzählt hatte, sagte meine Schwester zu mir: »Um Gottes willen, ich bitte dich, geht nach Rozay-le-Jeune und suche einen Platz für mich, denn es scheint, wie ich sicher weiß, dass jemand anders als die Jungfrau Maria für mich sprechen soll, und ich weiß und glaube sicher, wenn du für mich um einen Platz bittest, dann werde ich ihn erhalten.« Ich antwortete: »Nun, wie komme ich dazu, wo weder ich noch irgend jemand in unserer Familie jemanden dort kennt?« Sie erwiderte :»Es ist nicht meine Idee, aber um Gottes willen, tu es.« Ich willigte ein und ging alleine nach Rozay-le-Jeune, wo ich noch nie zuvor gewesen war und niemanden kannte, und ohne dass jemand Einwände erhoben oder Ausflüchte gesucht hätte, erhielt ich, wie durch das Wirken des Heiligen Geistes (in Wahrheit wirkte er tatsächlich), einen Platz, nämlich den dritten auf der Warteliste. Meine Schwester wußte das bereits, als wäre sie dabei gewesen. Als ich zurück kam, sagte sie: »Du hast am Dienstag eine Zusage erhalten.« Und ich antwortete: »Woher weißt du das?« Sie aber erwiderte: »Es wurde mir offenbart.« Ich fand das sehr erstaunlich.

40.

Eine weitere Vision.

Danach erschien die Jungfrau Maria auch mir, nachdem ich sie folgendes gefragt hatte: »Wie ist es möglich, dass meine Schwester Nonne wird, wo sie der Abtei doch so viel spenden muss, um eintreten zu können, und sie in Wahrheit nur weniges, wenn überhaupt nichts besitzt?« Maria sagte nur: »Ich werde alles Nötige für sie bereitstellen.« Und von diesem Tage ab wartete meine Schwester demütig auf die Erfüllung dieses Versprechens und ihren Platz im Kloster. Heute, als ich dies schreibe (im Jahre des Herrn 1313), wartet sie immer noch auf das, was die süße Jungfrau Maria geruhen wird, ihr zu gewähren und an ihr zu vollbringen, wie sie es mir und ihr versprochen hat. Sie hat viele andere Dinge seither erlebt, ebenso wie ich, die nicht in diesem Buch aufgezeichnet sind. Wir haben es geschrieben, damit du, geneigter Leser, weißt und glaubst, dass die Ars Notoria etwas Böses ist und die Kunst, die ich inzwischen ausübe, gut.

41.

Über den dritten Zeugen gegen die Ars Notoria

Hier folgt nun der Bericht über den dritten Zeugen. Ich, Johannes, wurde viele Male von einem bestimmten Mönch aus dem Orden des Sankt Bernhard angefleht, und am Ende überredet, ihm die Ars Notoria beizubringen. Nachdem ich es ihn gelehrt hatte, übte er die schwarze Kunst aus. Nun, nachdem er sie eine Zeitlang praktiziert, und versucht hatte, die Bedeutung bestimmter Namen oder Worte, die in ihr eine Rolle spielen, herauszufinden, hatte er die folgende Vision. Wie er mir erzählte, schien es ihm, als befinde er sich im Kloster oder der Abtei Fontainejean und er betrat einen Ort, an dem seine Bücher über die schwarze Kunst und noch manch andere herumlagen. Und dort stand ein Mönch, der einen Psalter in den Händen hielt. Er las den Psalm: »Deus iustitium tuum regi da.« (Ps 72,1) Da begann der Mönch in seiner Vision in dem Psalter herumzublättern und nach etwas zu suchen. Aber, der der darin las, betrachtete ihn ungehalten und herrschte ihn an: »Wonach suchst du? Was willst du? Das, wonach du suchst, findest du hier nicht.« Da er nach etwas suchte, was die Ars Notoria betraf, teilte ihm die Vision mit, dass das, was er suchte, nicht im Psalter zu finden sei. Und da der Psalter das göttliche Gesetz enthält und Gott gefällt, ist offensichtlich, dass die Ars Notoria mit dem göttlichen Gesetz nichts zu tun hat und Gott mißfällt.

42.

Und daher, indem wir alles berücksichtigen, was wir sahen, sind alle von uns, die sie ausgeübt haben, der Überzeugung und bringen dies auch unverhohlen zum Ausdruck, dass diese Ars Notoria verabscheuungswürdig, vollkommen falsch, abseitig und schändlich und verdammt und verflucht ist – ich selbst tue dies aufgrund meiner eigenen Erfahrung und auf die Autorität und das Urteil zweier anderer vertrauenswürdiger Zeugen hin. Und daher sollt ihr alle, die ihr von ihr verführt worden seid oder verführt werdet, die fremden Götter aus eurer Mitte verjagen. Wendet euch mit eurem ganzen Herzen Gott, dem Herrn zu, und seiner glorreichen und unbefleckten Mutter, der Jungfrau Maria. Verlangt und erbittet von ihnen im Glauben, durch die neue Kunst, von der ich hier berichte, was ihr früher durch die verworfene Kunst gesucht habt, außerhalb des Glaubens mit Hilfe des Teufels und seiner Diener, gemäß dem, was Jakob in seiner kanonischen Epistel im ersten Kapitel sagt: »Wenn jemandem unter euch an Weisheit mangelt, möge er Gott darum bitten, der allen Menschen freimütig gibt, und niemanden anklagt, und es wird ihm gegeben werden. Aber er möge im Glauben bitten und nicht zweifeln.«

Hier endet das Buch der Visionen, soweit es die Zurückweisung der Ars Notoria und die Offenbarung der neuen Kunst betrifft.

43.

Nun folgt das Buch der Jungfrau Maria, zuerst eine Ermahnung an den Leser und etwas über die Beschaffenheit der Auserwählten.

Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe. So laßt uns die Werke der Finsternis ablegen und die Waffenrüstung des Lichtes anziehen; wandelt in Ehrsamkeit und im Tageslicht. Wandelt im Licht, wenn ihr im Besitze des Lichtes seid, seid wie die Kinder des Lichtes, so dass die Schatten der Ars Notoria euch nicht mehr für sich gewinnen. Ich beschwöre euch daher, die ihr verführt worden seid, zum Wasser zu kommen. Nicht ihr Fürsten dieser Welt, nicht ihr Stolzen und Reichen, nicht ihr Eitlen und Verschwender, nicht ihr, die ihr der Hurerei ergeben seid oder anderen Perversionen, nicht ihr Zornmütigen oder Streitsüchtigen oder Mörder, nicht ihr Diebe oder Gierigen oder Geizhälse, nicht ihr Götzendiener oder Ungläubigen oder Glaubensspalter oder Ketzer. Denn es steht geschrieben, dass die Weisheit nicht in eine Seele eintritt, die dem Bösen hingegeben ist, oder in einem Leib wohnt, der der Sünde frönt.

Aber kommt, ihr Friedliebenden, ihr Gläubigen, ihr Milden, ihr Züchtigen, ihr Armen und Niedergedrückten, all ihr Tugendsamen, kommt, kauft Wein und Milch ohne Geld und ohne Preis.

44.

Über die Absichten, die jene haben sollten, die sich der neuen Kunst hingeben wollen und über ihre Reinheit.

In einer Nacht voll von Gebeten, in der ich die Jungfrau danach gefragt hatte, zeigte sie mir durch eine Offenbarung, welche Absichten jemand haben sollte, wenn er die Gebete spricht, und die Bilder und Imaginationen benutzt, die in diesem Buch enthalten sind. Denn mir schien, als wäre ich in der großen Kirche von Chartres, zwischen dem Chor und dem Altar, und dort, auf dem Altar, erschien mir die gesegnete Jungfrau Maria. Sie lag in einem Bett und hielt ihren Sohn, unseren Herrn Jesus Christus, in ihren Armen, in derselben Art wie damals, als sie ihn zur Welt brachte. Und vor den Altar tretend, sagte ich: »Meine Herrin und Freundin, ich wundere mich sehr über dich: du bist die Königin des Himmels, die Herrin der Welt und die Herrscherin der Hölle – und wo ist deine Herrlichkeit , wo ist deine Krone? Denn, so wie du mir erschienen bist, hast du mir Dinge offenbart, die all dieser Zeichen der Herrlichkeit entbehren. Und dies erlebte ich bei vielen Gelegenheiten.« Und sie antwortete mir mit süßem Lächeln und sagte: »Wenn ich dir so erscheine, Johannes, und ebenso den anderen, die an mich glauben, dann deswegen, weil ich wegen meines Schmuckes und meiner Macht zu sehr verehrt worden bin.« Und sie fügte hinzu: »Schau und sieh!«

45.

Und ich sah all die Scheußlichkeiten, die heute von vielen Gläubigen im Geheimen verübt werden, die niemand sieht, außer Gott, und jene, denen er es offenbaren will. Sie tun diese Dinge dort und ich habe sie an einem einzigen Geistlichen wahrgenommen, denn ich sah ihn, diesen Geistlichen unserer Kirche und Angehörigen unseres Ordens, und er stand am Altar, als würde er sich darauf vorbereiten, heilige Dinge zu tun. Aber wie bei einem Ungeheuer war sein Gesicht unnatürlich nach hinten gekehrt, so dass seine Füße, seine Brust, seine Arme richtig nach Osten gerichtet waren, dem Altar zugewandt, aber sein Gesicht und seine Kehle blickten der Tür und der Gemeinde entgegen. Und zur Bestätigung zeigte mir die Jungfrau Maria dasselbe noch einmal am Beispiel eines anderen Geistlichen, der ebenfalls hinter dem Altar stand. Und schließlich sah ich, wie der selbe Mann etwas von der glorreichen Jungfrau Maria erbat und dass sie ihn nicht hören wollte und er erhielt nicht, wonach er suchte. Dann sagte die Jungfrau Maria zu mir: »Johannes, dienst du mir so wie er? Wie jemand, der mich und meinen Sohn mit Worten ehrt, dessen Herz weit weg ist von uns, jemand, der, während er mit Heiligem umgeht, in seinem Herzen weltlichen Dingen zugewandt ist, dessen Haupt daher in die falsche Richtung blickt? So jemanden verabscheuen wir, wie du siehst.« Ich fürchtete und wunderte mich sehr und rief aus: »O, meine Herrin, laß es nicht zu, dass ich dir je auf diese Art diene!« Sie entgegnete: »Nun, ich sage dir: ich will keine Gebete, keine Bilder und Imaginationen, sondern allein dein Herz.« Nachdem ich dies gesehen und gehört hatte, wachte ich auf. Und bei dieser Gelegenheit möge jeder gewarnt sein, aufgrund der Autorität der gesegneten und unbefleckten Jungfrau Maria, der Mutter Gottes: wenn das Herz nicht auf die gesegnete und glorreiche Jungfrau Maria, die Mutter Gottes gerichtet ist, dann sind alle Gebete, Bilder und Imaginationen vergeblich. Wenn hingegen das Herz des Ausübenden ganz und ohne Ablenkung auf sie gerichtet ist, dann werden das Gebet, die Bilder und Imaginationen die erwünschten Wirkungen haben, denn Gott wird diese Wirkungen hervorrufen.

46.

Wie und wo die Jungfrau Maria für gewöhnlich erscheint.

Weil die glorreichste Jungfrau Maria, die Mutter Gottes (die jedem beisteht, der sich in Gefahr befindet, um ihn durch ihre unaussprechliche Barmherzigkeit in Sicherheit zu bringen), neue Zeichen hervorzurufen und weitere Wunder für uns Sünder zu vollbringen beliebt, wie ich weiter oben gezeigt habe, deswegen, um Gott und seine Mutter zu preisen und zu verherrlichen, habe ich beschlossen, zu beschreiben, wie und wo die gesegnete Jungfrau gewöhnlich in Visionen erschien (denn in ihrer Güte geruhte sie mir zu erscheinen, so unwürdig ich auch sein mag).

47.

Nun, meistens erschien sie in der Kirche, manchmal aber auch außerhalb über ihren Türen, dort, wo sie als verehrungswürdiges Bild aus Stein, Holz oder Metall gleichsam zum Leben erweckt wird. Manchmal erschien sie in Gestalt einer verehrungswürdigen Mutter, wie eine Nonne; manchmal in Gestalt einer gnadenvollen Königin von lieblicher und wunderbarer Schönheit. Manchmal erschien sie zusammen mit ihrem gesegneten Sohn, manchmal alleine am Eingang einer Kirche, manchmal davor, selten anderswo. Manchmal sah sie mich mit ernster Zurückhaltung an, manchmal irritiert; sie lächelte, während sie mit angenehmer Stimme sprach oder schien empört zu sein. Manchmal aber schwieg sie und bot ihre Hand oder ihren Fuß zum Kuß an. Sie hörte nicht auf Gebete, die nicht direkt oder indirekt mit der Errettung der Seele zu tun hatten, aber manchmal erhörte sie gerechte oder ehrenhafte. Manchmal antwortete sie nicht, und manchmal tat sie, als würde sie zuhören, nicht als ob sie die Bitte völlig ablehnen wollte, aber so, als ob sie sie mit mehr Licht erfüllen oder größeren Ernst von mir erwarten würde. Manchmal erscheint auch Christus am Kreuz und manchmal die Heiligen oder die gesegneten Engel, die gerne auf gerechte und ehrenhafte Gebete antworten. Und noch auf viele andere Arten treten Visionen auf dank der Großzügigkeit unseres gnadenreichen Gottes.

48.

Aber auch wenn der Suchende, der ein reines Leben führt, erfüllt von Liebe, sich selbst in größerem oder geringerem Maß vorbereitet hat, so muss er doch, wenn er auf diesem Weg voranschreiten will, darauf achten, dass er nicht zu erklügeln versucht, wie all das nach naturwissenschaftlichen Prinzipien möglich ist, oder verhindern, dass sein Herz, aufgrund eines Mangels an Glaubensstärke, schwanke und in Irrtum verfalle. Dann würde er nämlich, ergriffen von Sündhaftigkeit, sich selbst um die Wirkungen seiner Gebete bringen. Denn die Geschenke und Werke unseres glorreichen, gnadenvollen und barmherzigen Gottes kann der Mensch nicht ergründen. Daher muss man voller Vertrauen beständig bleiben, gestützt auf Glaube, Hoffnung und Liebe, sich in die demütigsten Gebete versenken und unentwegt in Barmherzigkeit üben, um seinen Glauben und seine Standhaftigkeit unter Beweis zu stellen.

49.

Manchmal erscheint auch, mit Gottes Erlaubnis, ein böser Geist, der die Gestalt eines Engels des Lichtes annimmt, und verlangt Dinge, die jenen entgegengesetzt sind, die weiter oben von der gesegneten Jungfrau oder den guten Engeln gesagt oder gezeigt wurden. Manchmal, wenn die glorreiche Jungfrau erscheint, wird sie von einem bösen Geist begleitet, dem sie zu sprechen erlaubt, der versucht, gegen das Heil der Seele zu argumentieren. Manchmal erscheint ein solcher Geist auch alleine, verkleidet in die Gestalt der glorreichen Jungfrau, um zu verführen und zu zerstören – denn die alte Schlange, dieser Drache des Lasters, der Feind der Menschheit, versucht mit etwas, was der Wahrheit ähnlich ist, jene zu unterwerfen, die er nicht mit seiner lüsternen Falschheit verführen kann. Aber die Zeichen, an denen er erkennbar ist, und an denen ich ihn erkannt habe, sind die folgenden: erstens, Satan kann nie alleine in einer Kirche oder an einem anderen heiligen Ort erscheinen – viel eher wird die gesegnete Jungfrau oder ein guter Engel mit ihm zusammen erscheinen. In anderen Fällen mag er zwar in Gestalt der Jungfrau erscheinen, aber an unreinen oder dunklen Orten (nicht im Licht des Tages) oder an Orten von üblem Ruf, wie einem Bordell oder einem Wirtshaus, manchmal auch in einem Abflußgraben oder einer Höhle. Das dritte Zeichen ist, dass er immer, bevor er verschwindet, versuchen wird, dich zu einer Sünde zu verführen, besonders zur Prasserei, oder er versucht dich zu einem anderen Mißgeschick zu veranlassen, und er wird immer falsche oder zweifelhafte Antworten auf deine Fragen geben. Manchmal wirst du ihn an anderen Zeichen erkennen, die vom Heiligen Geist offenbart werden, um deine Reinheit und Sicherheit zu schützen. Glaube nicht leichtfertig jeder Vision, sondern prüfe die Geister, gemäß dem Ratschlag des Erlösers, ob sie aus Gott sind und bitte den Heiligen Geist, dass er dir beistehe, damit du sie unterscheiden kannst.


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