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Anthroposophie / Erweiterungen / Wesen und Erscheinung der Anthroposophie

Wesen und Erscheinung der Anthroposophie

1. Anthroposophie begründet durch Rudolf Steiner

Die Anthroposophie oder anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft wurde von Rudolf Steiner (1861-1925) begründet. Sie stellt einen Versuch dar, die verdrängte und vergessene Geschichte des abendländischen Geistes wieder ins Bewußtsein zu heben. Der Begriff der Anthroposophie schließt sowohl Erkenntnismethoden als auch Erkenntnisinhalte und Lebensformen ein. Aus der Einsicht in die einseitig technokratisch-materialistische Ausrichtung der abendländischen Kultur und Zivilisation ergibt sich das Postulat einer Ergänzung oder Vervollständigung dieser Kultur, ihrer geistigen Inhalte und Lebensformen. Die materialistische Ausrichtung der abendländischen Zivilisation führt zu einer Fixierung des Bewußtseins auf das Leben zwischen Geburt und Tod. Durch die Versteifung auf ein materialistisch-positivistisches Verständnis der wissenschaftlichen Erfahrung wird alles von der wissenschaftlichen Diskussion ausgeschlossen, was sich nicht den die Wirklichkeit verengenden Forschungsmethoden unterwerfen will.

2. Moderne Lebenswelt durch einseitiges Wirklichkeitsverständnis geprägt

Die Macht der Wirklichkeitsdefinition liegt in der Neuzeit in den Händen mechanistisch und technokratisch denkender Autoritäten und Institutionen. Die nicht mechanistisch erfaßbaren oder technokratisch verwertbaren Dimensionen der Wirklichkeit und des menschlichen Lebens werden als irrational verworfen und für nicht-existent erklärt. Das 20. Jahrhundert hat in nahezu allen Lebensbereichen die Erfahrungsgrundlagen dafür geschaffen, zur Einsicht in die fatalen, zerstörerischen Konsequenzen dieses mechanistisch-technokratischen Denkens zu gelangen. Die Lebensbedingungen der Menschheit im 21. Jahrhundert sind zu einem großen Teil ein Ergebnis der technokratischen Gestaltungsmacht, die aus dem materialistischen Wissenschafts- und Wirklichkeitsverständnis erwachsen ist. Die geschichtlichen und sozialen Katastrophen des 20. Jahrhunderts sind nicht auf ein Defizit an wissenschaftlicher Rationalität zurückzuführen, sondern darauf, dass diese Rationalität der unendlichen Komplexität der Wirklichkeit niemals gerecht werden kann.

3. Notwendige Erweiterung des Wirklichkeitsbegriffs

Steiner betonte bereits in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts die Notwendigkeit, die Wirklichkeit in ihrer Komplexität zu erfassen und die Vernetzung ihrer einzelnen Gebiete in einer Totalität von Wechselwirkungen und Interdependenzen zu begreifen. Das global-ökologische Denken ist in seinem Wirklichkeitsbegriff, den er im Anschluß an Johann Wolfgang von Goethe, den deutschen Idealismus und die Romantik umschrieb, bereits vorgeformt, ja mehr noch: philosophisch begründet. In seinem 1886 erschienenen Werk Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung betont Steiner die Notwendigkeit, die komplexe Wirklichkeit mit einer Pluralität von Erkenntnismethoden zu erforschen. Die Reiche des Lebendigen können nicht reduktionistisch aus den Gesetzen der Physik oder mittels einer kausallogischen Denkweise verstanden werden, die seelische Welt und alles Beseelte nicht in Analogie zu den selbstorganisierenden und selbstreproduzierenden lebendigen Systemen. Vollends kann die Wirklichkeit des Geistes nur aus ihm selbst und dem ihm gleichförmigen erkannt werden.

4. Verfeinerung der quantitativen Methoden reicht nicht aus

Zwar setzt sich gegenwärtig in Randbereichen des Wissenschaftsbetriebes die Einsicht durch, daß die Wirklichkeit komplex ist, und daß die Vielfalt der in ihr vorhandenen Qualitäten nicht durch einförmige Methoden erfaßt werden kann, doch besteht weiterhin die Neigung, die qualitativen Differenzen qunatitativ zu beschreiben und zu erklären. Gesucht wird lediglich nach komplexeren mathematischen Modellen. Die fundamentale Unangemessenheit der quantitativen Methoden an die nicht-physikalische Welt wird immer noch nicht durchschaut. So scheinbar perfekt die technischen Simulationen lebendiger, seelischer und geistiger Wirklichkeiten aber auch sein mögen, sie können nicht darüber hinwegtäuschen, daß sie auf keiner Wesenseinsicht beruhen, sondern lediglich eine genialisch-täuschende Mimikry darstellen.

5. Kluft zwischen Wissenschaft und Lebenswelt

Durch ihre einseitige Ausrichtung haben sich die Wissenschaften immer weiter von der Lebenswirklichkeit entfernt. Die wissenschaftlichen Sprachen wurden immer artifizieller, die in den einzelnen Disziplinen aufgehäuften Informationen wuchsen zu immer gewaltigeren Bergen an und ersticken die Erkenntnissehnsucht in einem Wust von Unwesentlichkeit. Die Vermehrung der wissenschaftlichen Kenntnisse hat aber nicht zu einer Vermehrung des sozialen Friedens, der Gesundheit und des Wohlstands geführt, sondern zu einer Zunahme von sozialen Konflikten, Krankheit und Armut. Daß eine direkte Korrelation zwischen der Vermehrung des wissenschaftlichen Wissens und seiner Anwendung auf das Leben auf der einen Seite und der Zunahme des sozialen und seelischen Elends der Menschheit auf der anderen Seite besteht, wird von Vertretern der wissenschaftlichen Autorität kaum zugegeben werden, ergibt sich aber einer halbwegs nüchternen Betrachtung ohne weiteres.

6. Die gegenwärtige Wissenschaft zerstört das Leben, statt es zu schützen

Die Anwendung der mechanistischen Denkweise auf das Leben hat die Zerstörung des Lebens zur Folge. Die Anwendung der mechanistischen Denkweise auf das seelische Leben hat die Verelendung der Seele und die Zunahme seelischer Erkrankungen zur Folge. Die Anwendung der mechanistischen Denkweise auf den Geist hat die exponentielle Vermehrung von geistigen Krankheitszuständen zur Folge. Die neuzeitliche Wissenschaft hat keine Kriege verhindert, sondern lediglich die Methoden der Kriegsführung und der Massentötung perfektioniert. Der industriellen Massenproduktion, die ein Ergebnis der Anwendung des technokratischen Denkens auf den Produktionsprozeß ist, steht die industrielle Massentötung gegenüber, in der die grenzenlose Entwertung des menschlichen Lebens, ja jeglichen Lebens, manifest wird. Die moderne, hochtechnisierte Medizin feiert ihre Pyrrhussiege über die letzten Geisseln der Menschheit, indem sie ihre Trophäen auf Hekatomben hingemarterter Lebewesen errichtet. Gegenwärtig beginnen Wissenschaftler - veranlaßt durch die Explosion der Gesundheitskosten - über vertretbare Formen der Selektion nachzudenken. Nachdem die Anwendung der Wissenschaft auf das Leben zu einer exponentiellen Vermehrung der Kosten des Gesundheitswesens geführt hat, weil sie die Menschen immer kränker macht, strebt die Wissenschaft danach, nun das eigentliche Problem zu beseitigen: den kranken Menschen. Eine andere soziale Folge der neuzeitlichen Entwicklung ist die Etablierung von wissenschaftlich-technokratischen und politischen Eliten, die die Macht unter sich aufteilen, denen eine immer stärker verelendende Masse von Erwerbstätigen oder Erwerbslosen gegenübersteht, die von der Gestaltung der sozialen Verhältnisse weitgehend ausgeschlossen ist, am Tropf der Wohlfahrt hängt und mit den Segnungen der Massenkommunikationsmittel in einem permanenten Dämmerzustand gehalten wird.

7. Wirklichkeitsverlust als Wurzel allen Übels

Die Wurzel des gegenwärtigen Übels ist der Wirklichkeitsverlust aufgrund eines verengten Bewußtseinshorizontes. Die zentralen existentiellen Fragen des Menschen nach dem Sinn des Lebens, nach seiner Herkunft über den Akt der Zeugung hinaus, nach dem Schicksal von Seele und Geist jenseits des Todes bleiben unerörtert und unbeantwortet, weil sich die Wissenschaften nicht mit diesen Fragen befassen wollen. Der gegenwärtige Mensch leidet, sofern er sich der positivistischen Wissenschaftsideologie unterworfen hat, an einem radikalen Sinnverlust. Er leidet aber auch an den sozialen Folgen der Anwendung dieser Wissenschaft auf das Leben, wenn er im Reservat seines Bewußtseins eine Privatinterpretation der Welt pflegt, die nicht mit der herrschenden übereinstimmt. Kein Mensch kann sich heute den schädlichen Folgen der Verengung des neuzeitlichen Bewußtseins entziehen. Mehr als jemals zuvor ist es gegenwärtig nötig, die verdrängte und vergessene Wirklichkeit wieder zum Gegenstand der Erkenntnisbemühung zu erheben.

8. Erweiterung des Wirklichkeitsbegriffs durch Anthroposophie

Die Anthroposophie erweitert das Verständnis von Wissenschaft so, daß sie zu einer Antwort auf diese Fragen kommt, die nicht auf Offenbarung oder Glauben beruht, sondern auf Erkenntnis. Anthroposophie ist eine wissenschaftliche Erkenntnis des Menschen, die diesen nicht als bloß materielles Wesen betrachtet, dessen Existenz auf den kurzen Zeitraum zwischen Geburt und Tod eingegrenzt ist. Sie bezieht die Wirklichkeit der Gestaltungskräfte des Lebendigen, die Wirklichkeit der Seele und des Geistes in die menschlichen Erkenntnisbemühungen ein und kommt auf diese Weise zu einem ganzheitlichen Menschen- und Weltbild, das die Sinnfrage nicht ausklammert, sondern zur zentralen Angelegenheit erhebt.

9. Wiedererweckung der verschütteten Weisheit

Da große Teile des durch die anthroposophische Forschung zugänglichen Wissens bereits Bestandteile der vorneuzeitlichen Kulturen und ihrer spirituellen Überlieferungen waren, aber von der neuzeitlichen Bewußtseinsentwicklung und ihren wissenschaftlichen Exekutoren verdrängt oder ausgelöscht worden sind, kann man auch davon sprechen, daß die Erkenntnismethoden der Anthroposophie dieses vergessene und verschüttete Wissen vom Menschen, von der Natur, von Seele und Geist wieder zugänglich machen und zugleich erheblich erweitern.

10. Anthroposophische Erkenntnismethode

Es kann nicht Aufgabe dieser Darstellung sein, die Erkenntnismethoden der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft im Einzelnen zu beschreiben. Hier nur eine kurze Charakterisierung.

Kennzeichen des etablierten Wissenschaftsbetriebes ist das Streben nach Objektivität. Die modernen Wissenschaften glauben, objektives Wissen nur unter Ausklammerung des erkennenden Subjektes erlangen zu können. In Wahrheit ist aber das erkennende Subjekt mit seiner eigenen Lebenswirklichkeit Quelle aller Objektivität. Die Ausklammerung des erkennenden Subjektes führt konsequent zur Ausklammerung der Wirklichkeit des Seelisch-Geistigen, das nur am Subjekt und durch dieses beobachtet werden kann. Ein »objektiver« Zugang von außen zur Wirklichkeit von Seele und Geist ist nicht möglich, weil das erkennende Subjekt in die Tiefen seines seelischen und geistigen Lebens hinabtauchen muß, um Seele und Geist in ihrer Wirklichkeit erfassen zu können. Das erkennende Bewußtsein kann aber Verfahrensweisen ausbilden, die ebenso strenge Kontrollen ermöglichen und vor Fehlurteilen und Illusionen schützen, wie die in den experimentellen oder philologischen Wissenschaften üblichen Verfahren. Nur wenn das erkennende Bewußtsein in die Wirklichkeit der eigenen Seele und des eigenen Geistes erfahrend eintaucht, kann es zu einer Anschauung der Wirklichkeit von Seele und Geist gelangen. Diese Erfahrung der Wirklichkeit der Seele und des Geistes am eigenen Subjekt eröffnet auch einen Zugang zu dem subjektunabhängigen Seelischen und Geistigen, das in der Welt wirksam ist, sei dies in den Naturreichen oder auf übernatürlichen Schauplätzen.

11. Der anthroposophische Forscher - ein abendländischer Schamane

Die von der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft praktizierten Erkenntnismethoden entwickeln an Seele und Geist des Menschen Beobachtungsorgane und Beobachtungstechniken, die eine unmittelbare Erfahrung der Wirklichkeit von Seele und Geist ermöglichen. Diese Erfahrungsform ist mit aus archaischen Traditionen bekannten Ekstasetechniken verwandt, beruht aber nicht auf einem Fremdeinfluß auf das menschliche Bewußtsein durch den Konsum bewußtseinsverändernder Substanzen (Drogen), sondern stellt eine durch rein seelische Techniken hervorgerufene, selbstinduzierte geistige Erfahrungsform dar, durch die die Seele des betreffenden Forschers zu einer Anschauung der seelischen und geistigen Dimension der Wirklichkeit gelangt, die der sinnlichen Beobachtung nicht zugänglich ist. Diese Erfahrungsform kann auch auf die Naturreiche angewandt werden, was zu Beobachtungen der in den Naturreichen wirksamen seelischen und geistigen Wesen führt. Diese Beobachtungen liegen zum Beispiel der anthroposophisch erweiterten Medizin und ihrer Heilmittellehre oder der biologisch-dynamischen Landwirtschaft und ihren Produktionsverfahren zugrunde. Im Mittelpunkt der Ausbildung des Geistesforschers stehen bestimmte Meditationstechniken, die an der menschlichen Seele Beobachtungsorgane ausbilden (Chakren), die zur Erforschung der seelisch-geistigen Wirklichkeit eingesetzt werden können.

12. Leben und Bildekraft, Gesundheit und Krankheit

Durch den Einsatz dieser Beobachtungswerkzeuge und die Anwendung der entsprechenden Beobachtungsverfahren ist in der Anthroposophie eine Fülle von Kenntnissen entstanden, die eine differenzierte Anschauung der Lebenskräfte, des Wesens der Seele und des Geistes einschließen. Die Geistesforschung erbrachte den positiven Befund, daß der menschliche Körper kein sich selbst organisierendes System ist, sondern von einem eigenständigen System von Kräften aufgebaut wird, das in der Anthroposophie als Bildekräfteleib oder Ätherleib bezeichnet wird. Was in der Embryonalzeit und in der Kindheit und Jugend nach der Geburt Gestalt annimmt, ist ein Ergebnis der gestaltenden Kraft dieser ätherischen Organisation, die nicht nur die Fähigkeit der Bildung und Umbildung der leiblichen Formen des Menschen in sich birgt, sondern auch für die Anverwandlung der von außen aufgenommenen Stoffe verantwortlich ist. Sie erhält auch, entgegen den desorganisierenden physikalischen und chemischen Kräften diese Gestalt am Leben und in ihrer relativ stabilen Form und wirkt den immer vorhandenen Tendenzen zur Erkrankung entgegen. Krankheiten sind demnach auf eine Beeinträchtigung der Wirksamkeit dieser ätherischen Organisation zurückzuführen.

13. Leben und Bewußtsein, ein in sich verschränkter Antagonismus

Gestaltaufbau, Gestalterhaltung und Reproduktion durch Fortpflanzung sind aber nicht die einzigen Funktionen dieses Bildekräfteleibes. Er liegt auch den bildgestaltenden Kräften der menschlichen Seele zugrunde und wirkt sich überall dort aus, wo der Mensch in seinem täglichen Verhalten sich selbst zitiert und reproduziert, d.h. in seinen Gewohnheiten und seinen Gedächtnisleistungen. Während dieser Bildekräfteleib von der Empfängnis bis in die Mitte des menschlichen Lebens mit dem Aufbau und der Erhaltung des physischen Körpers des Menschen beschäftigt ist, beginnt er sich ab der Lebensmitte allmählich von dieser Aufgabe abzuwenden und verstärkt dem seelisch-geistigen Wesen des Menschen als Unterlage für dessen Leistungen zu dienen. Dieser Umschwung drückt sich einerseits in der zunehmenden Gebrechlichkeit des Körpers aus wie auch in der zunehmenden Fähigkeit des seelisch-geistigen Wesens des Menschen zur selbständigen Vorstellungsbildung, zur Bildgestaltung, in der sich das seelische Leben von der leiblichen Grundlage emanzipiert. Dieser Sachverhalt macht einerseits deutlich, daß die Lebenskräfte des Menschen engstens mit dem seelischen Leben des Menschen verbunden sind und mit diesem zusammenwirken, daß sich das seelische Leben aber auch vom ätherischen Leben unterscheidet.

14. Die seelische Organisation

Diesem Tatbestand trägt die Anthroposophie dadurch Rechnung, daß sie die menschliche Seele als eigenständiges System von Kräften und Wirksamkeiten vom Bildekräfteleib unterscheidet. Das seelische Leben des Menschen baut auf dem organischen Leben auf, stützt sich auf dieses, steht aber auch in einer antagonistischen Beziehung zu ihm, da es sich nur entfalten kann, wenn es sich von den bloßen Lebensvorgängen emanzipiert. So ist schon die elementarste Leistung der Seele, das Wachbewußtsein, mit einer Zurückdrängung, einem Abbau der Lebenskräfte verbunden, was sich darin ausdrückt, daß der Wachzustand des Menschen regelmäßig in den Schlafzustand übergeht, der der Regeneration der während des Wachzustandes abgebauten Lebenskräfte dient.

Die Seele des Menschen wird an der physischen und ätherischen Organisation tätig und gelangt dadurch zu einem Erleben ihrer eigenen Inhalte. Was wir im herkömmlichen Sinn als Inhalt unseres seelischen Lebens bezeichnen: die Empfindungen, Gefühle, Begierden, Triebe, Leidenschaften, Vorstellungen und Gedanken, ist Ergebnis der Spiegelung der Seelentätigkeit an der physisch-ätherischen Organisation. Diese Tätigkeit der Seele erstreckt sich durch den Leib und seine Sinnesorgane auch auf die physische Umgebung des Menschen und hat die Vorstellungen von der Welt zur Folge, die der Mensch sich im Laufe seines Lebens aneignet. Es sollte jedoch die Form, die die Inhalte und Kräfte der Seele durch die Spiegelung ihrer Tätigkeit am Leib des Menschen annehmen, nicht mit der Form verwechselt werden, die sie unabhängig von dieser Spiegelung besitzen. Das leibgebundene und das leibfreie Seelenleben sind zwei Erscheinungsformen eines in sich einheitlichen Wesens. Durch die Tätigkeit der Seele am Leib erlangt der Mensch ein Bewußtsein der Wahrnehmungswelt, der Leibeszustände und der Erlebnisse der Seele, durch welche sie auf die Wahrnehmungen des Nicht-Seelischen, mit dem sie in Berührung tritt, antwortet. Diese Tätigkeit der Seele am Leib, durch die sie dem Menschen ein Bewußtsein von der Welt und von ihren eigenen Zuständen vermittelt, tritt aber selbst nicht ins Bewußtsein des Menschen. Dies bedeutet, daß ein Teil der Seelentätigkeit nicht zum Inhalt des Wachbewußtseins des Menschen werden kann.

Das Seelenwesen des Menschen ist viel umfassender als der Inhalt unseres Wachbewußtseins. Das wesenhaft Seelische ist nur einer Beobachtungsart zugänglich, die sich nicht auf die Leiblichkeit abstützt, die einen Großteil der Seele gleichsam vor der direkten Beobachtung verbirgt. Gerade weil die Seele sich zur Erlangung der Selbstwahrnehmung auf den Leib stützt, kann sie von dem Teil ihrer selbst, der an der Leiblichkeit tätig ist, kein Bewußtsein erlangen. Dies könnte sie nur, wenn sie diesen Teil ihrer selbst aus dem Zusammenhang mit dem Leib zu befreien vermöchte.

15. Selbstbewußtsein, Seele und Geist

Ein Selbstbewußtsein, durch das er sich als Ich zu bezeichnen vermag, erlangt der Mensch erst durch die denkende Selbstreflexion. In dieser denkenden Selbstreflexion, in der der Mensch durch die Wahrnehmung seiner Denktätigkeit zu einem Denkselbstbewußtsein gelangt, erfaßt er sich als geistiges Wesen. Dieses geistige Wesen des Menschen, das man auch als Ichwesenheit bezeichnen kann, verbindet sich mit der Seele und durchdringt diese mit seiner anteilnehmenden Wärme und Präsenz. Dadurch eignet sich das geistige Wesen des Menschen die ihm von der Seele präsentierten Erlebnisinhalte als seine eigenen Wesensinhalte an, obwohl es sich – seinem Wesen nach – von all diesen Inhalten unterscheidet.

So wie die Seele durch ihre Tätigkeit am Leib zu einer Wahrnehmung ihrer selbst gelangt, gelangt das geistige Wesen des Menschen, indem es durch die Seele seine Tätigkeit entfaltet und sich auf die ihm von der Seele und vom Leib präsentierten Weltinhalte bezieht, zu einem Bewußtsein dieser Weltinhalte. Wenn es seine Tätigkeit jedoch an der Seele spiegelt und sich durch sie als denkendes Wesen manifestiert, erlangt es an der Wahrnehmung dieser Tätigkeit ein geistiges Selbstbewußtsein.

Ebenso wie die Seele mit den Lebenskräften verbunden und zugleich auf sie antagonistisch bezogen ist, ist das Ich mit der Seele verschränkt und auf sie antagonistisch bezogen. Dies zeigt sich, wenn das Ich durch sein Denken Ideen hervorbringt, die es als moralische Ideale seinem Handeln zugrundelegt, sich dadurch aber in Widerspruch zu den Erlebnissen der Seele stellt. Während diese durch ihre Begierden oder Neigungen den Menschen zu einem bestimmten Verhalten drängen möchte, kann sich das Ich, von den selbstgewählten Idealen geleitet, mit denen es sich in Liebe verbindet, den Neigungen des Seele entgegenstellen und zu ihr in Widerspruch treten. Am Ausgang dieses Konfliktes läßt sich ablesen, wie sehr sich das geistige Wesen des Menschen, das Ich, bereits von den Kräften der Seele emanzipiert hat, oder wie sehr es ihnen noch unterworfen ist.

Während das Ich des Menschen, aufgrund seiner Verwandtschaft mit dem übermenschlichen geistigen Weltinhalt, die Seele dazu drängen möchte, sich auch diesem geistigen Weltinhalt hinzugeben und ihm mit all ihren Kräften zu dienen, kann diese sich aufgrund ihrer Verwandtschaft mit dem Körperlich-Lebendigen, die sie sich im Lauf ihrer Verbundenheit mit diesem Teil des Menschen angeeignet hat, diesem Wollen des Ich entgegenstellen. Dadurch wird die substantielle Verschiedenheit von Seele und Geist, aber auch ihre gegenseitige Verschränkung ansichtig.

16. Der kosmische Ursprung des Menschen

Durch seinen Bildekräfteleib ist der Mensch mit den Bildekräften verwandt und verbunden, die sich in der gesamten Natur in allen Erscheinungen des Lebens auswirken. Diese sind nicht auf die Erde beschränkt, sondern haben ihren Ursprung im Wirken der Sonne und der Planeten, ohne die es auf der Erde kein Leben geben könnte. Zwar manifestieren sich die kosmischen Lebenskräfte für uns erkennbar nur auf der Erde, sie haben aber ihren Ursprung nicht auf dieser. Dies bedarf im Hinblick auf die Sonne keiner besonderen Begründung, gilt aber auch für den Mond und die Wandelsterne.

Bereits durch sein Leben ist der Mensch also ein kosmisches Wesen, das gleichsam auf der Erde nur vorübergehend zu Gast ist. Noch mehr aber gilt dies für die menschliche Seele und das geistige Wesen des Menschen. Während die wahre Heimat der Seele die Astralwelt, die Sternenwelt ist, stammt das Menschen-Ich gar aus einer überkosmischen Heimat. Denn es ist Geist von jenem Geiste, der der Existenz des physischen Universums zugrundeliegt, diesem vorausgeht und ihn überdauert. Der Erde gehört er nur durch seinen physischen Leib an, der aus den Substanzen der Erde gebildet wird und den er mit dem Tode auch wieder auf der Erde zurückläßt.

Während der physische Leib des Menschen mitsamt der physischen Erde in den physischen Kosmos eingebettet ist, ist der Mensch durch seinen Ätherleib Teil eines ätherischen Kosmos, durch seine Seele Abkömmling einer kosmischen Seelenwelt und durch sein geistiges Wesen Bürger einer überkosmischen Geisterwelt. Die kosmischen Ätherkräfte strömen von der Sonne und den Planeten aus, umspülen und durchdringen die Erde und machen das Leben auf ihr möglich. Die kosmische Seelenwelt durchflutet alles Seiende und manifestiert sich in den verschiedenen Lebewesen auf jeweils unterschiedliche Art. Die überkosmische Geisterwelt ist der eigentliche Urgrund aller Dinge, der Mutterschoß des Werdens, aus ihm geht der Mensch als geistiges Wesen hervor, in ihn kehrt er nach dem Tode wieder zurück, um eine neue Inkarnation auf der Erde vorzubereiten.

17. Leben jenseits von Geburt und Tod

Mit dem irdischen Tod ist das Leben des Menschen keineswegs zu Ende. Er durchläuft nach seinem Tod eine Reihe von Daseinszuständen, während derer er das verflossene Leben verarbeitet und aus ihm die geistige Essenz gewinnt, die er seinen künftigen Inkarnationen auf der Erde einverwebt. Der Ätherleib des Menschen ist nicht nur Träger des Lebens, sondern auch Träger der Erinnerungen und Gewohnheiten, die sich der Mensch während seines Lebens auf der Erde aneignet.

Diesen muß er aber nach dem Tode ablegen, um in die rein geistige Daseinssphäre, seine überkosmische Heimat zurückzukehren. Aus dem vergangenen Leben wird eine Art begriffliche Summe gezogen. Dieser »geistige Extrakt« stellt eine höchst komplexe Komposition von Begriffen und ihren Individualisierungen dar, die jene in sich aufgenommen haben. Da Begriffe rein geistig sind, hindert diese nichts, als Teil der geistigen Individualität oder gar ihr wesentlicher Inhalt in dieser fortzuleben. Allerdings nimmt der begrifflich-geistige Inhalt des Menschen eine Form an, die sich erheblich von jener unterscheidet, in der Begriffe im leibgebundenen Vorstellen in Erscheinung treten. Die Welt der kosmischen Intelligenzen, in die der Verstorbene eintritt, ist eine Welt von geistig-begrifflichen Lebensbeziehungen. Der Verstorbene trägt seinen eigenen, während des Lebens gewobenen – individualisierten – Zusammenhang mit dem Kosmos in diesen ein, soweit dieser in begrifflicher Form fortexistieren kann und der Kosmos nimmt ihn auf. Die Auflösung des Ätherleibes im kosmischen Äther ist der Vorgang, durch den der begrifflich-geistige Gehalt des verflossenen Lebens aus der Verbindung mit den sinnlichen Wahrnehmungen gelöst wird, an denen der Verstorbene den geistigen Weltzusammenhang während seines Lebens auf der Erde individualisierte.

Da der individuelle Mensch mit all seinen Irrtümern, Illusionen, Wahrheitseinsichten, Idealen und moralischen Verfehlungen in die nachtodliche Welt eintritt und der Ätherleib die Gesamtheit des verflossenen Lebens in sich trägt, kann die Summe des vergangenen Lebens aus diesem Teil der menschlichen Organisation »extrahiert« werden. Dieser Extraktionsvorgang entpricht in etwa einer induktiven Abstraktion, durch die allgemeine Begriffe aus ihrem Zusammenhang mit den Wahrnehmungen, an denen sie zuvor individualisiert wurden, abgelöst werden. Allerdings ist der Vorgang eine reale Abstraktion, weil sich durch ihn das seelisch-geistige Wesen des Menschen von der sinnlich-physischen Welt real loslöst, »entfernt«.

Entsprechendes gilt auch für den Astralleib mit seinen Trieben, Begierden, Leidenschaften, Fähigkeiten des Fühlens, Wollens und Denkens. Was dieser abstreifen muß, ist der hauptsächliche Inhalt der irdischen Persönlichkeit, insofern diese an der irdischen Welt haftet: was nichts anderes bedeutet, als daß jener Anteil der Individualisierung, der nicht geistiger Art ist, abgelegt werden muß. Eine »Unvollkommenheit« ist eine seelische Eigenschaft, die den Menschen vom Leben im geistigen Weltzusammenhang ausschließt, weil sie ihn in sich selbst festbindet, weil sie z.B. auf dem Irrtum beruht, die individuelle Persönlichkeit könne ohne das Zusammenwirken der Gesamtheit aller Wesen existieren. Für all diese Unvollkommenheiten gilt die buddhistische Formel von Gier, Haß und Verblendung als den Ursachen allen Leides – auf Erden und erst recht im nachtodlichen Läuterungsvorgang. Dieser Vorgang des Abstreifens der irdischen, vergänglichen Anteile von Äther- und Astralleib wird als Aufenthalt im Kamaloka oder Fegefeuer, als Läuterungsvorgang bezeichnet. Er entspricht dem Purgatorium der christlichen Traditionen.

Da das Götterideal des Menschen, dem der Verstorbene entgegenstrebt, die »Totalexistenz« der Individualität im Universum ist, muß diese alles ablegen, was sie daran hindert, sich dem geistigen Weltzusammenhang – dem Chor der Engel, ihrem Wissen und Wollen – selbstlos hinzugeben. Der Verstorbene wäre taub und blind, wollte er auf seiner Sonderexistenz beharren. Nur was sein Wesen für den sich fortschreitend erschließenden geistigen Weltzusammenhang öffnet, kann ihn auch in diesen hineinführen. Was er sich während des Lebens auf der Erde an Fähigkeiten angeeignet hat, das geistige Weltgewebe selbständig denkend zu erfassen, wird nach dem Tod zum Licht, das die Gestalten und Taten der Engel beleuchtet und dadurch sichtbar macht. So muß er, um in die »rein geistige Welt« einzutreten, alle irdischen Schlacken hinter sich zurücklassen. Diese Schlacken bleiben aber im Weltganzen erhalten, denn es sind ja seine Schlacken, die er als Summe seiner Unvollkommenheiten in dieses eingebracht hat. Dieser Vorgang der Läuterung, der – zeitlich gesprochen – rückwärts verläuft, könnte auch mit einem unablässigen Gespräch verglichen werden, das der Verstorbene mit den geistigen Wesenheiten führt: diese lauschen seinen Erzählungen, nehmen den geistigen Gehalt seines verflossenen Lebens in ihr eigenes unvergängliches Sein auf und erzählen dem Verstorbenen dieses Leben wieder, wenn er sich vor der Geburt anschickt, sich einen neuen Ätherleib und physischen Leib aufzubauen. Diese Erzählungen der Engel vom vergangenen Leben bilden einen Bestandteil des Astralleibes und werden von diesem dem Ätherleib des Menschen und auch dem physischen eingeprägt.

18. Wiederverkörperung und Karma

Der Karmagedanke besagt, daß die geistige Individualität (die unsterbliche und ungeborene Ichwesenheit) die Früchte und Hindernisse, die Ergebnis der vergangenen Lebensläufe sind, wieder in sich aufnimmt, um sie in den künftigen Inkarnationen in ihr Schicksal zu verweben. Doch erscheinen die Ergebnisse des vergangenen Erdenlebens in einer solchen Metamorphose, daß ihr Zusammenhang mit dem vorangegangenen oder den vorangegangenen irdischen Existenzen im Einzelfall nicht verstandesmäßig zu erschließen ist. So metamorphosiert sich die Gliedmaßenorganisation einer Inkarnation in die Kopforganisation der folgenden, das Geistige gestaltet sich ins Seelische um, das Seelische ins Ätherische, das Ätherische ins Physische und dieses wiederum ins Geistige. Irrtum wird zu Seelennot, Haß zu Krankheit, aus Krankheit entspringt geistige Wandlung.

Der (von Goethe stammende) Metamorphosegedanke in all seiner Einfachheit und Größe , der sich als Gestaltungsprinzip der menschlichen Wiederverkörperung offenbart, läßt es nicht zu, daß sich seelische Eigenschaften einer Inkarnation nahezu unverändert in die nächste hinüberretten. Ein solcher Vorgang wäre weniger ein Hinweis auf eine Reinkarnation des Geistes, der Individualität oder Entelechie, als vielmehr ein Hinweis auf eine Seelenwanderung. Von einer solchen könnte gesprochen werden, wenn es der betreffenden Seele gelänge, sich selbst in ihrem Zustand, mit all ihren Fähigkeiten und Mängeln, ihren Qualitäten und Eigenheiten über den Tod hinaus zu erhalten und sich wieder mit einem Leib zu verbinden. Häufig erzählen Absolventen von Rebirthing-Sitzungen, daß sie Dutzende von in kurzen zeitlichen Abständen aufeinanderfolgenden Reinkarnationen durchlebt und immer mit denselben seelischen Problemen zu kämpfen gehabt hätten. Es liegt nahe, in solchen Erlebnissen Projektionen zu sehen, in denen die Kontinuität nicht von der geistigen Individualität, sondern von gleichbleibenden Seeleninhalten gestiftet wird, während die Seele Phantasiebilder oder subjektive Imaginationen ihrer jetzigen Lage produziert und sie verzeitlicht ins innere Gesichtsfeld projiziert.

Eine Seelenwanderung ist aber nicht zwingend mit der Reinkarnation des geistigen Trägers der Identität verbunden. Nicht zufällig hat die buddhistische Philosophie Theorien über einen Reinkarnationsablauf ohne geistig-substantielle Wesenheit, die sich reinkarniert, formuliert.

Von persönlicher Unsterblichkeit, einer Unsterblichkeit der Person kann erst dann gesprochen werden, wenn diese Person eine solche Form annimmt, daß sie auch ohne das Vorhandensein einer Leibesorganisation das Bewußtsein ihrer selbst aufrecht zu erhalten vermag. In der Anthroposophie wird eine solche Form der Persönlichkeit als Geist-Selbst bezeichnet. Was an seelischen Erlebnissen und Inhalten durch den Leib bedingt ist, an dessen inneren Organen sich die Seelentätigkeit spiegelt, das muß mit dem Tode bzw. in der Folgezeit abgelegt werden, denn der Leib selbst ist nicht mehr vorhanden und was sich auf dessen Vorhandensein stützte, kann nicht Teil des unsterblichen Wesens des Menschen sein. Die Frage, was von der irdischen Persönlichkeit übrig bleibt, wenn alles Irdische abgestreift wird, muß also so beantwortet werden, daß nur übrig bleibt, was das geistige Tätigkeitswesen des Menschen schon während des irdischen Lebens an nicht auf den Leib gestützen Erlebnissen und Inhalten zu realisieren vermochte.

Die Erfahrung des Kamaloka (der Läuterung) ist Voraussetzung dafür, daß das geistige Wesen des Menschen in die »höheren Regionen« des nachtodlichen Lebens, in die rein geistigen Bewußtseinszustände eintreten kann. Was nicht durch Ablegung (Läuterung) des Ätherischen und Seelischen rein geistig geworden ist, kann weder ins rein Geistige eintreten, noch sich in diesem bewußt erhalten. Dieses Stadium des rein geistigen Daseins durchläuft aber die menschliche Individualität zwischen den einzelnen Inkarnationen.

So wie Inkarnation Eintauchen des Geistes in das Fleisch voraussetzt, so die Geburt in die nachtodliche, geistige Daseinsform Entfleischlichung, Geistwerdung. Es hätte gar keinen Sinn von Re-Inkarnation zu sprechen, wenn sich der Geist nicht wirklich ent-fleischt hätte. Imaginativ stellt das die Schilderung vom verzehrenden Feuer dar, in dem die Begierden, die uns an die irdische Welt fesseln, sich selbst verbrennen. Andererseits ist dieses Durchlaufen der geistigen Daseinsstufe Voraussetzung dafür, daß das geistige Urbild des künftigen physischen Leibes aufgebaut werden, sowie die Umschmelzung der vergangenen Existenz in die Schicksalsbedingungen der künftigen erfolgen kann.

Diese Umschmelzung ist mit einer Umstülpung verbunden. Was in der vorhergehenden Inkarnation Innenwelt war, wird im Dasein nach dem Tode zur Außenwelt, was außen war, wandert nach innen. Diese Umstülpung hat zur Folge, daß das, was man in der Welt bewirkt hat, als eigenes Wesen erlebt, und daß das eigene Wesen als Welt erfahren wird. Die geistig-moralischen Erlebnisse, die durch diese Umstülpung der Ich-Welt-Beziehung zustandekommen, bilden die Grundlage für die Gestaltung der seelisch-geistigen und der leiblichen Organisation in der neuen Inkarnation ebenso wie für die Ausformung der Schicksalsbedingungen, in die die geistige Individualität sich hineinbegibt und die einem auf dem neuen Lebensschauplatz »von außen« entgegenkommen. So wird das Fruchtbringende der vergangenen Inkarnation zu den Anlagen und Fähigkeiten, die man in die neue Inkarnation mitbringt, das im Sinne der kosmischen Moralität Schlechte, das man vollbracht hat, wird zum von außen kommenden Hindernis der eigenen Entwicklung in der künftigen Verkörperung. Bereits die Philosophie der Freiheit, ein philosophisches Werk Rudolf Steiners, schärft mit ihrer Unterscheidung zwischen innerer Bestimmtheit und Lebenschauplatz den beobachtenden Blick für die Schicksalserkenntnis. Was die Philosophie der Freiheit als »Wahrnehmung« bezeichnet, ist nichts anderes als der Inhalt unseres Schicksals, während der »Begriff« unsere Freiheit verbürgt, denn wir können ihn nicht empfangen, sondern müssen ihn tätig hervorbringen.

Der Mensch ist nur ein Teil der Gesamtevolution. Nicht nur er entwickelt sich, mit ihm und auch durch ihn entwickelt sich seine Umwelt. Der Begriff der Umwelt schließt aber die geistige Umwelt des Menschen mit ein. Dieser gehören die geistigen Wesenheiten an, die von verschiedenen Traditionen als Elementarwesen, als Devas, als himmlische Wesen oder Götter bezeichnet werden. Das Schicksal der Götter ist ebenso innig in das menschliche verflochten, wie das des Menschen in das Schicksal der Naturreiche. Eine Vielfalt von natürlichen und geistigen Wesen, die ein gemeinsames Schicksal zusammenbindet, webt an der kosmischen Gesamtevolution. In dieser entfaltet sich die irdisch-kosmische Lebensgemeinschaft, die die Existenz jedes einzelnen Wesens erst ermöglicht. Diese gesamtkosmische Evolution ist das sich in unendlichen Faltenwürfen ausbreitende Gewand der Gottheit, in der wir alle leben, weben und sind.

Geistige Wesenheiten sind nicht nur Teil der kosmischen Geschichte, sondern auch der menschlichen. Vor der Neuzeit war menschliche Geschichte immer auch Geschichte von Göttern. Die Kulturen und Ethnien waren jeweils mit ihren lokalen und ethnischen Gottheiten verbunden: bei ihrem Untergang gingen auch die Völker unter, die unter ihrer Leitung standen oder gingen in den Kulturen der Überwinder auf. In vielen geistigen Traditionen und Mythen spielen diese Auseinandersetzungen übermenschlicher geistiger Wesenheiten in der Entstehung der Geschichte eine zentrale Rolle. Doch im Lauf der Evolution löste sich die Menschheit von der geistigen Vormundschaft, an die Stelle der Fremdlenkung durch geistige Mächte trat die Selbstlenkung des Menschen: Autonomie und Freiheit. Die Verantwortung trägt seit dem Anbruch der Neuzeit der Mensch selbst. Das Schicksal der Erde und der Lebewesen, die sie bevölkern, ist in die Hände des Menschen gelegt: ihr Gedeih und Verderb hängen von ihm alleine ab. Die Verluste und Verengungen, die mit dieser Entwicklung einhergingen, müssen heute durch den Menschen ausgeglichen werden. In Zukunft wird das religiöse Leben der Menschheit wieder polytheistisch und pantheistisch werden.

19. Ausblick auf die Gegenwart und Zukunft

Gegenwärtig steht die Menschheit vor einer Alternative:

  • Entweder sie versinkt vollständig im geistentfremdeten Materialismus, der zu einer apokalyptischen Entfesselung der Selbstsucht, zu Gewalt und Anarchie und schließlich zum Untergang der gegenwärtigen Formen des Lebens auf der Erde führen wird.

Oder es gelingt ihr, wieder eine Beziehung zur Realität des Geistes zu finden. Durch diese Beziehung

  • würde der Bewußtseinshorizont der Menschheit erweitert,
  • das Wissen von der gegenseitigen Verantwortung, von der Abhängigkeit aller Wesen würde wachsen,
  • die Überzeugung würde die Menschen durchdringen, daß sie nicht auf Kosten anderer Lebewesen nach ihrem persönlichen Glück streben können.

Im Wissen von der Abhängigkeit und schicksalmäßigen Verflochtenheit aller Wesen sind sich alle spirituell Strebenden einig. Die Anthroposophie will das ihrige dazu beitragen, dieses Wissen zu verbreiten und eine Form des menschlichen Lebens auf der Erde herbeizuführen, das von gegenseitiger Achtung, von Liebe und Toleranz gegenüber allem Lebendigen geprägt ist, die selbst das Nichtlebendige als Bestandteil des Lebens einschließt.


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