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Anthroposophie / Geschichte / Geschichte der Anthroposophie im 20. Jahrhundert / Anthroposophie ist keine Religion, aber religiös

1981 | Anthroposophie ist keine Religion, aber religiös

Rudolf Steiner, Tafelzeichnung. Torquay 1924

Wie bereits angedeutet, griff Hagen Biesantz in der Generalversammlung 1981 noch einmal die Frage nach dem Verhältnis zwischen Anthroposophischer Gesellschaft und Christengemeinschaft auf, die Grosse bereits berührt hatte.[1] Anlass war eine Sendung, die der Westdeutsche Rundfunk zu Steiners Geburtstag am 27. Februar ausgestrahlt hatte.[2] Darin war in der üblichen uninformierten Journalistenprosa von der »sogenannten Christengemeinschaft« als »anthroposophischer Religion« die Rede gewesen.

Biesantz bestätigte nur, was seine Zuhörer ohnehin wussten, wenn er darauf hinwies, dass es keine »sogenannte«, sondern nur eine »wirkliche« Christengemeinschaft gab und dass es sich bei dieser nicht um die »anthroposophische Religion« handle. Er stellte die dümmliche Aussage richtig, indem er die Frage der religiösen Erneuerung in den geistesgeschichtlichen Kontext des 20. Jahrhunderts stellte.

Die Sehnsucht nach einer solchen Erneuerung hatte sich laut Biesantz zu Beginn dieses Jahrhunderts weniger in der Masse der Gläubigen, als an exponierten Angehörigen der theologischen Elite, wie Kardinal Newman (Großbritannien), Nathan Söderblom (Schweden) oder Friedrich Heiler (Deutschland) gezeigt. Ihre Bemühungen verliefen jedoch mehr oder weniger im Sande. Bestenfalls stießen sie, mangels spiritueller Substanz, zu einer »toleranten Religionsphilosophie«, zum Dialog mit nichtchristlichen Religionen vor, nicht jedoch zu der von ihnen angestrebten Verlebendigung des religiösen Lebens.

Biesantz sah in der Gegenwart – im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, wie er sagte – Anzeichen dafür, dass die genannte Sehnsucht inzwischen zu einem Massenphänomen geworden sei. Interessanterweise knüpfte er diese These nicht an solche Erscheinungen wie das bereits 1971 publizierte Buch David Spanglers Revelation: The Birth of a New Age oder an Marilyn Fergusons The Aquarian Conspiracy: Personal and Social Transformation in the 1980s, das 1980 veröffentlichte »Manifest der New Age-Bewegung« (W. Hanegraaff) an, sondern an die Beobachtung, dass die beiden letzten amerikanischen Präsidenten Mitglieder und zugleich prominente Repräsentanten religiöser Bewegungen gewesen seien: Jimmy Carter ein Vertreter der »Pfingstbewegung« und Ronald Reagan ein Angehöriger des amerikanischen »Fundamentalismus«.

Während die Pfingstbewegung sich auf individuelle Erweckungserlebnisse abstütze, versuche der Fundamentalismus die ursprünglichen Traditionen in einer sich säkularisierenden Umwelt zu stärken. Beide Strömungen erneuerten jedoch nicht, sondern belebten lediglich das Alte oder bemühten sich um eine solche Belebung. In den USA erstarkten die Kreationisten, die nach wie vor überzeugt seien, Gott habe die Welt in sechs Tagen geschaffen und sich gegen den Unterricht der Evolutionstheorie an Schulen mit dem Argument wehrten, es handle sich nicht um wissenschaftliche Tatsachen, sondern um eine bloße Hypothese (womit sie nicht ganz Unrecht hatten).

Biesantz sah in diesem Kampf gegen die Evolutionstheorie ein Symptom für das Versagen der Religionsgemeinschaften, sich tatsächlich zu erneuern. Eine solche Erneuerung sei laut Steiner[3] nur möglich, wenn der gemeinsame Wahrheitsquell von Wissenschaft, Kunst und Religion, »die geistige Welt«, von Grund auf neu erschlossen werde. Ebendies habe Steiner zu Beginn des 20. Jahrhunderts getan, und an diese Pioniertat hätten die Theologen angeknüpft, die die Christengemeinschaft als eine Bewegung zur realen Erneuerung des religiösen Lebens gegründet hätten.

Könne man also doch, wie der Westdeutsche Rundfunk, behaupten, es gebe eine »anthroposophische Religion«? Die Antwort von Biesantz lässt keine Zweifel offen: »Nein. Das gibt es nicht«. Denn die Christengemeinschaft sei nicht von der Anthroposophischen Gesellschaft gegründet worden oder von den damaligen Trägern der anthroposophischen Arbeit, sondern von Vertretern des spezifisch religiösen Lebens – eben den genannten Theologen. Deswegen habe Steiner auch – wie von Grosse bereits erwähnt – 1922 betont, wer einmal den Weg in die Anthroposophische Gesellschaft gefunden habe, bedürfe keiner religiösen Erneuerung. Dies bedeute aber keineswegs, dass die Anthroposophie nichts mit Religion zu tun habe und man als Anthroposoph »Atheist« sein müsse. Denn wer sich mit ihr intensiver beschäftige, werde nicht umhin können, zu bemerken, dass die bloß passive, intellektuelle Rezeption anthroposophischer Gedanken nicht ausreiche, um sie zu verstehen, dass es vielmehr darauf ankomme, von der distanzierten Reflexion zur Meditation, zum Erleben des Gedachten fortzuschreiten. Und eben dieser Übergang werde aus der Perspektive der Zeitbildung, für die Wissenschaft nur sei, was unter Ausklammerung des erkennenden Subjekts und seiner Zuständlichkeiten zustande komme, als Eintritt in die nichtwissenschaftliche oder parawissenschaftliche Welt des Quasi-Religiösen abgeurteilt.

Wer aber seine Erkenntnistätigkeit nicht nur ausübe, sondern auch beobachte und dadurch erlebe, werde erkennen, dass »das Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit« einer Verschmelzung mit dem schöpferischen Seinsgrund dieser Wirklichkeit, einer »Kommunion« gleichkomme. Dieses Motiv aus Steiners Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften ziehe sich durch sein gesamtes Werk hindurch, so dass er unmittelbar im Anschluss an seinen deutlichen Hinweis an die Anthroposophen, sie bedürften der Christengemeinschaft nicht, im letzten Vortrag, der im Goetheanum vor dem Brand gehalten worden sei, von der »geistigen Kommunion des Menschen« im Erkenntnisprozess habe sprechen können, die durch meditative Vertiefung zu dessen Transsubstantiation führe.[4]

Es gebe also sehr wohl ein »religiöses Element« in der Anthroposophie, obwohl diese selbst keine »Religion« sei. Verständlich werde dieses religiöse Element, wenn man einsehe, dass durch die Anthroposophie weder Kunst, Wissenschaft noch Religion, sondern die Mysterien erneuert worden seien. In diesen seien keine gesonderten Disziplinen, sondern die Einheit aller gepflegt worden, also das, was als formative Kraft der Ausdifferenzierung des Wahren, Schönen und Guten zugrunde liege. Daher könne es aus der Perspektive der erneuerten Mysterien keine Feindschaft zwischen Kunst, Wissenschaft und Religion geben, sondern nur gegenseitige Befruchtung, ja Durchdringung. Anthroposophie beginne mit der Wissenschaft, belebe diese künstlerisch und ende mit religiöser Vertiefung. Dieser Weg sei jedoch keine Einbahnstraße, sondern müsse in beide Richtungen und stets von neuem beschritten werden. Religion sei in der Anthroposophie – oder aus der Anthroposophie – kein Endzustand, sondern eben ein Element, das die anderen Disziplinen begleite und durchdringe. Daher sei bereits zu Beginn dieses Weges – in Steiners philosophischen, also wissenschaftlichen, Werken – von einem religiösen Erleben in der Wissenschaft und durch die Wissenschaft, eben der »Kommunion« die Rede. Gemeint sei mit dieser Kommunion die Verbindung des erkennenden Bewusstseins mit dem Weltzusammenhang, der durch die Intuition zusammenhangstiftender Ideen in jenem aufleuchte. Der Augenblick des Verstehens oder der Evidenz sei eine Vorankündigung jener »geistigen Kommunion«, von der Steiner später sage, sei gehe mit einer Transsubstantiation des gesamten Menschen einher.[5] Wie erwähnt, geht für Steiner das Erkennen des Menschen durch die Belebung der Gedanken, die sich auf Geistiges beziehen, auf dem Weg über Imagination, Inspiration und Intuition in Opferdienst, in kosmische Liturgie über, die der erkennende Mensch in der Welt als »Tempel« oder »Gotteshaus« zelebriert.

Laut Biesantz führt das Verstehen auch über Parteistandpunkte, über das Festhalten an Meinungen und einseitigen Interessen hinaus, zum Gewahrwerden des Wesens einer Sache, und damit zur Übereinstimmung der verstehenden Bewusstseine. Es stiftet also sozialen Frieden. Insofern walte im intuitiven Gewahrwerden des Wesens, des Zusammenhangs, der Menschheitsrepräsentant, der sich ebensowenig mit Parteistandpunkten, mit dem menschlich Partikulären, identifiziere, sondern dieses erlöse, indem er es in seine universelle Menschlichkeit aufnehme.

Nun sei die anthroposophische Erkenntniskommunion, die mit dem Verstehen beginne, lediglich ein Anfang, denn sie gehe in die Transsubstantiation über, die aus der Zuwendung zur Erde, zum Stoff hervorgehe. Die Anthroposophie, die das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltall führen wolle, entferne sich nicht von der »Wandlungssphäre« der Erde, denn auch die Erde sei ein Himmelskörper im Weltall, auch sie sei vom Geist durchdrungen. Christus sei in die absterbende Werkwelt herabgestiegen, um diese wiederzubeleben. Durch das Verstehen der geistigen Substanz der Anthroposophie bereite sich der Mensch darauf vor, an jener kosmischen Transsubstantiation mitzuwirken, die mit dem Abstieg des Sohnes in die Werkwelt des Vaters begonnen habe.

Daher habe Steiner Friedrich Rittelmeyers Frage, ob es eine geistige Form der Kommunion gebe, die nicht die Substanzen von Brot und Wein benötige, auch mit »Ja« beantwortet.[6]

Die Zusammenführung des menschlichen Geistes mit dem kosmischen Geist sei ein Weg, der gegangen werden müsse, wenn man an sein Ziel gelangen wolle. Erkenntnis müsse in Meditation übergehen und diese in geistige Erfahrung der Kommunion. Der »Erdenkultus«[7] verhalte sich zu dieser wie die drei Synoptiker zu Johannes, der ebenfalls nicht von Brot und Wein spreche, sondern Jesus Christus das Wort in den Mund lege: »Ich bin der wahre Weinstock und ihr seid die Reben« (Joh. 15.1), also die Jünger vom Leben Christi unmittelbar durchströmt sein lasse. Während Johannes die christlichen Mysterien repräsentiere, stünden die drei Synoptiker für die sichtbare Kirche, die auf dem Felsen Petri gegründet sei, jener stehe für die geistige Kommunion, diese für den Erdenkultus. Beide gehörten zusammen, wie die vier Evangelien. Ein Widerspruch bestehe nicht, auch wenn der Anthroposoph, der in den erneuerten Mysterien lebe, den Unterschied der beiden Sphären klar erkennen müsse und aufgrund dieser Erkenntnis nicht von einer anthroposophischen Religion im kirchlichen Sinn sprechen könne.[8] Aufgabe der Anthroposophischen Gesellschaft sei es vielmehr, so Biesantz, das »esoterische Christentum« zu pflegen, das nicht als organisierte Religionsform in Erscheinung trete, daher könne sie auch nicht mit gesellschaftlich oder gemeindlich verfassten Formen des Christentums konkurrieren.

In der allgemeinen Aussprache am Ende der Generalversammlung erfuhr die Mitgliedschaft noch von einer einsamen Entscheidung, die der Vorstand gefasst hatte: Jörgen Smit war zu Beginn des Jahres die Leitung der pädagogischen Sektion von Rudolf Grosse übergeben worden.

Der inzwischen 78jährige Friedrich Hiebel entließ die Versammlung mit einer apokalyptischen Rede, die sich zwischen chiliastischen Zukunftshoffnungen und Katastrophenängsten hin und her bewegte. In täglich wachsendem Maß werde die Menschheit mit »Furchtgespenstern und Alpträumen« konfrontiert, die sich auf ihr Überleben bezögen. In seinem letzten Vortrag zur Weihnachtstagung am Neujahrstag 1924 habe Rudolf Steiner auf die »Zerstörungsstoffe« hingewiesen[9], die die gegenwärtige Zivilisation und die Menschheit an den »drohenden Abgrund« führten. Aber er habe mit der Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft auch die Hoffnung auf eine »Weltenzeitenwende« verknüpft, da die Bewegung, deren Form sie sei, der Erde diene, indem sie sich dem Himmel zuwende. Trotz ihrer Unzulänglichkeiten, die sie auch schon an den »Abgrund ihres Bestehens« geführt hätten, sei diese Gesellschaft doch einzigartig, da sie auf die »Werdekraft der menschlichen Ich-Entwicklung« baue.

Von der Weihnachtstagung an gerechnet, trete die Gesellschaft in ihr 57. Lebensjahr und damit in ihre Saturnperiode, das höchste Stadium ihrer Reife ein.[10]

Zwischen 1935 und 1945 sei die Gesellschaft in der Mitte Europas durch Verbot »äußerlich ausgelöscht« worden. Nach irdischen Maßstäben hätte sie durch dieses Verbot ihren Todesstoß erleiden müssen. Dem war jedoch nicht so, vielmehr sei sie mit dem Eintritt in ihr 21. Lebensjahr (von 1924 an gerechnet) aufgeblüht, und habe die Prüfung ihrer geistigen Mündigkeit, teilweise weiterhin unter politischer Gewaltherrschaft (in den Ostblockländern) bestanden. Aus den »Grabkammern und Katakomben« sei sie mit größerer Stoßkraft als je zuvor auferstanden und in das Bewusstsein Mitteleuropas vorgedrungen. Die zentrale Mission der Anthroposophie bestehe in der (Förderung der) Entfaltung der Bewusstseinsseele. Die frei gewordene Ichkraft könne in den tiefsten Abgrund des Materialismus stürzen und dort zur Beute retardierter Vernichtungskräfte werden. Ebenso könne sie aber das Tor der übersinnlichen Erkenntnis aufstoßen. Die Menschheit stehe erst innerhalb des ersten Drittels der Entwicklung der Bewusstseinsseelenkultur (seit 1413), die durch die Anthroposophie im kommenden Jahrtausend zur spirituellen Entfaltung kommen werde. Eingesetzt habe diese Kultur zu Beginn des 15. Jahrhunderts mit einem Aufschwung von Naturwissenschaft und Technik, befreit worden sei durch sie das Individuum aus dem Kollektiv. Steiner habe die positiven Aspekte der modernen Naturerkenntnis und der aus ihr hervorgegangenen Technologien gewürdigt, aber auch auf ihre Gefahren hingewiesen. Die Bewusstseinsseele müsse den Weg zur »Über-Natur« finden, sondern werde sie von der »Unternatur« verschlungen. Diese zeichne sich ab in den technologischen Karikaturen von Imagination, Inspiration und Intuition: der »Television«, dem »Grammophon« und dem »Kinematographen«. »Satanische Widersachermächte« umgarnten die Menschheit »kreischend und krähend« mit diesen Surrogaten spiritueller Erfahrung. Selbst die amerikanische Raumfahrt erschien Hiebel als »hybride Perversion des Mysteriums der Himmelfahrt«. Dennoch wollte er das »technische Ingenium«, das zu immer weiterer Vervollkommnung der materiellen Zivilisation führe, nicht bilderstürmerisch verwerfen. Hoffnung vermöge die Menschheit jedoch nicht aus diesem Fortsturz in den Abgrund zu schöpfen, sondern allein aus dem Wieder-Erscheinen des Christus in der ätherischen Welt, auf dessen Verständnis der anthroposophische Schulungsweg vorbereite.

Damit kam auch Hiebel auf den Vortrag Steiners vom 1. Oktober 1911 über die »Ätherisation des Blutes« zu sprechen, der in der gesamten Diskussion über Siemens und die Atomkraft so schmählich missbraucht und missdeutet werde. Eine Aussage Steiners werde aus dem Gesamtzusammenhang herausgerissen und als wirtschaftspolitisches Plädoyer des Geistesforschers zugunsten der Kernenergie interpretiert.[11]

Zwar reichlich verschwurbelt, aber dennoch berechtigt, ist Hiebels Hinweis auf die hohen Hürden geisteswissenschaftlicher Hermeneutik, deren Nichtbeachtung schon manchen Interpreten straucheln ließ: »Der Inhalt eines solchen Vortrages kann nur heilvoll mit reinen Händen der Geistesschülerschaft entgegengenommen werden, wenn er nicht sonst, heruntergezerrt in die Arena politischer Argumentationen, in den Bereich gefährlichster Fehlinterpretationen außerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft gerät, welche ihrerseits die Politik in jeglicher Form von Tagesproblematik nicht zu ihren Aufgaben zählt.«

Die Anthroposophie, so Hiebel, rufe zur »Zukunftsgestaltung der gesamten Menschheitskultur« auf. Sie berge in sich die »unerschütterliche Hoffnung auf eine spirituelle Erneuerung der Erdenwelt«. Und sie erwecke »unermessliche Dankbarkeit gegenüber dem Zukunftsweg anthroposophischer Lebensgestaltung als dem Vollzug eines göttlichen Geistesdienstes auf Erden«. – Selbstbewusstsein war nicht das Problem des greisen Führungspersonals der anthroposophischen Gesellschaft zu Beginn der 1980er Jahre.

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Anmerkungen:


[1]Nachrichtenblatt, Nr. 23/24, 7./14. Juni 1981.

[2] Siegfried Berger, Geburtstag des Anthroposophen Rudolf Steiner, Zeitzeichen Manuskript zum 27. Februar 1861.

[3] Die Ansprache wurde von Biesantz für den Druck im Nachrichtenblatt Nr. 23/24, vom 7./14. Juni 1981, S. 93-96 bearbeitet und mit Anmerkungen versehen. An dieser Stelle verweist eine Anmerkung auf den Vortrag vom 31.12.1910 in: Okkulte Geschichte, GA 126, Dornach 1992. Dieser Vortrag enthält allerdings keine Ausführungen über das Wiedererringen des »gemeinsamen Wahrheitsquells« von Wissenschaft, Kunst und Religion, sondern Darstellungen über die Inspiration der ersten drei nachatlantischen Kulturepochen durch die Triarchie der Engel, Erzengel und Zeitgeister, die Inspiration der griechischen Kulturepoche durch die Geister der Form, sowie das Wirken der letzteren zur Zeit der atlantischen Katastrophe und im 13. Jahrhundert.

Einige Ausführungen in diesem Vortrag sind für die gegenwärtige Diskussion über den sogenannten Klimawandel von besonderem Interesse: »Wir haben«, so führt Steiner aus, »gleichsam eine Grenze zwischen den alten Einwirkungen in der atlantischen Zeit und denen in der nachatlantischen Zeit, eine Grenze, die ausgefüllt ist von der atlantischen Katastrophe, von jenen Vorgängen, die das Antlitz unserer Erde in bezug auf Verteilung von Wasser und Land total verändert haben. Solche Zeiten und ihre Veränderungen hängen zusammen mit großen Vorgängen in der Konstellation, in der Lage und Bewegung der mit der Sonne zusammenhängenden Weltenkörper.

Und in der Tat wird aus dem Makrokosmosraum hereindirigiert das, was sich als solche Perioden in der Erde abspielt. Es würde heute zu weit führen, wenn ich Ihnen auseinandersetzen wollte, wie diese aufeinanderfolgenden Perioden dirigiert werden, eingeteilt werden von dem, was man heute in der Astronomie nennt das Vorrücken der Tagundnachtgleiche. Das hängt zusammen mit der Stellung der Erdachse zur Achse der Ekliptik, das hängt mit großen Vorgängen in der Konstellation unserer benachbarten Weltenkörper zusammen, und da gibt es in der Tat ganz bestimmte Zeiten, in denen durch die eigentümliche Stellung der Erde in ihrer Achse zu den anderen Körpern ihres Systems eine ganz andere Verteilung von Hitze und Kälte auf unserer Erde vorhanden ist als sonst. Es ändern sich die klimatischen Verhältnisse durch diese Stellung der Erdachse zu den Nachbarsternen. Und in der Tat: Im Laufe von etwas über 25.000 Jahren beschreibt unsere Erdachse eine Art von Kegel- oder Kreisbewegung, so dass unsere Erde Zustände, die sie in einer gewissen Zeit erlebt, in einer anderen Form nach 25.000 bis 26.000 Jahren wieder erlebt, gerade auf höherer Stufe. Immer aber zwischen diesen großen Zeitabschnitten liegen kleinere Abschnitte. Und die Sache geht auch nicht durchaus kontinuierlich fort, sondern so, dass gewisse Jahre Knotenpunkte, tiefe Einschnitte sind, in denen Wichtiges geschieht.

Und da dürfen wir insbesondere darauf hinweisen, weil es für die ganze geschichtliche Entwickelung unserer Erdenmenschheit wesentlich bedeutsam ist, dass im 7. Jahrtausend vor Christo ein ganz besonders wichtiger astronomischer Zeitpunkt war – wichtig, weil er sich durch die Konstellation der Erdachse zu den Nachbarsternen in einer solchen Verteilung der klimatischen Verhältnisse auf Erden ausdrückte, dass eben dazumal die atlantische Katastrophe wirkte, sechs- bis sieben- bis achttausend Jahre vor unserer Zeitrechnung – sie wirkte ja durch lange Zeiten hindurch. Wir können hier nur das betonen, was richtig ist und nicht die phantastischen Zeiträume, die angegeben werden, denn es liegt viel weniger weit hinter uns, als gewöhnlich geglaubt wird. In diesem Zeitraum wirkten allerdings die makrokosmischen Verhältnisse so ins Physische hinein, dass sich die Wirkung ausprägte in diesen gewaltigen physischen Revolutionen unserer Erde, die uns als die atlantische Katastrophe entgegentreten und das Antlitz der Erde vollständig veränderten. Das war die stärkste physische Umänderung, das war die stärkste Einwirkung vom Makrokosmos auf die Erde. Dafür war damals der Einfluss von dieser Seite her auf den Geist der Menschen am geringsten; deshalb konnten in diesem Zeitraum die weniger starken Mächte der Hierarchien beginnen, einen starken Einfluss auf den Menschen auszuüben, der dann allmählich wieder abflutete.« GA 126, S. 92-94. – Astronomische Einflüsse auf die Klimata der Erde werden unter dem Stichwort »Milanković-Zyklen« auch in der heutigen Klimatologie diskutiert. Der serbische Geophysiker und Mathematiker Milutin Milanković veröffentlichte seine 1924 von Köppen und Wegener aufgegriffenen Thesen erstmals 1920. Siehe die Artikel in Wikipedia: ogy.de/175s (zum Zyklus), ogy.de/i921 (zu Milanković).

[4] Gemeint ist der in GA 219 abgedruckte Vortrag vom 31. Dezember 1922 in Dornach. In diesem Vortrag kommt Steiner auf die »schöpferischen Gedanken« zu sprechen, die aus der Geistesforschung gewonnen werden können, im Unterschied zu den leblosen und wirkungslosen »Spiegelgedanken« der Naturwissenschaft. Vom Erleben dieser schöpferischen Gedanken habe er bereits in seinen Grundlinien einer Erkenntnistheorie als einer Kommunion mit dem Göttlichen gesprochen. In den Grundlinien ... findet sich nicht das Zitat, das Biesantz anführt (»Das Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit ist die wahre Kommunion des Menschen«), sondern eine ähnliche Passage, welche die Summe der erkenntnistheoretischen Untersuchungen in die Formel zusammenfasst, »dass wir nicht über das Wesen der Welt denken, sondern dass das Denken ein Zusammengehen mit dem Wesen der Wirklichkeit ist«. (Grundlinien ..., GA 2, Dornach 1979, S. 113). Steiner spricht im genannten Vortrag nicht nur über die »geistige Form des Kommunizierens«, d.h. der Kommunion, sondern auch über einen dem Menschen der Gegenwart gemäßen »kosmischen Kultus«, der aus dieser Form der Kommunion hervorgehe. Es lohnt sich, seine Ausführungen mit ihren entscheidenden Nuancen im Zusammenhang zu lesen. Denn es ist laut Steiner durchaus möglich, die »Gedanken der Geistesforschung« in unproduktiver Art, wie die »Spiegelgedanken« der Naturwissenschaft, zu konsumieren. Werden sie aber »durch Imagination, Inspiration und Intuition belebt«, geht aus ihnen nicht nur ein neues Leben des Menschen, sondern auch der gesamten Erde hervor: »Die Gedanken, die wir aufnehmen aus der Geistesforschung, werden belebt in Imagination, Inspiration, Intuition. Nehmen wir sie auf, dann sind sie selbständig im Erdenleben existierende Gebilde.

Von diesen schöpferischen Gedanken konnte ich einstmals in meinem kleinen Büchelchen über die Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung sagen: Dieses Denken stellt dar die geistige Form des Kommunizierens der Menschheit. – Denn indem der Mensch sich überlässt seinen Spiegelgedanken über die äußere Natur, wiederholt er nur die Vergangenheit, lebt er in Leichnamen des Göttlichen. Indem er seine Gedanken selber belebt, verbindet er sich durch seine eigene Wesenheit, kommunizierend, die Kommunion empfangend, mit dem die Welt durchdringenden, ihre Zukunft sichernden Göttlich-Geistigen.

So ist spirituelle Erkenntnis eine wirkliche Kommunion, der Beginn eines der Menschheit der Gegenwart gemäßen kosmischen Kultus, der dann wachsen kann dadurch, dass der Mensch nun gewahr wird, wie er seinen physisch-mineralischen und seinen vegetabilischen Organismus mit seinem astralischen und Ich-Organismus durchzieht, wie er dadurch, dass er in sich selber den Geist lebendig macht, nun auch in das, was sonst als Totes, als Ersterbendes ihn umgibt, den Geist hineinbannt. […]

Es ist ja so, dass, wenn wir hinschauen auf irgendein Gebilde der Erde, das wir als unsere Nahrung in uns aufnehmen, wir in ihm dann ein Abbild haben der ruhigen Sterngruppierungen. Das nehmen wir auf. Wir nehmen das Sternenwesen, das Himmelswesen in uns auf mit dem Stoff der Erde, der im Erdenwirken enthalten ist. Aber wir müssen uns bewusst sein, dass wir als Menschen in unserem Wollen, in unserem von Liebe durchzogenen Wollen dasjenige, was Stoff geworden ist, in Geist zurückwandeln, eine wirkliche Transsubstantiation vollziehen, wenn wir uns unseres Darinnenstehens in der Welt bewusst werden, so dass das gedanklich-geistige Leben in uns lebendig wird. [...]

Was sonst nur abstrakte Erkenntnis wäre, wird zu einem fühlenden und wollenden Verhältnis zur Welt. Die Welt wird zum Tempel, die Welt wird zum Gotteshaus. Der erkennende Mensch, sich aufraffend im Fühlen und Wollen, er wird zum opfernden Wesen. Das Grundverhältnis des Menschen zur Welt steigt auf vom Erkennen zum Weltenkultus, zum kosmischen Kultus. Dass all dasjenige, was unser Verhältnis zur Welt ist, zunächst sich als kosmischer Kultus erkennt im Menschen, das ist der erste Anfang dessen, was geschehen muss, wenn Anthroposophie ihre Mission in der Welt vollziehen soll.« Das Verhältnis der Sternenwelt zum Menschen und des Menschen zur Sternenwelt, GA 219, Dornach 1984, S. 191-194.

[5] Siehe die vorangehende Anmerkung.

[6] Rittelmeyer, der bekanntlich zu den maßgeblichen Gründern der Christengemeinschaft gehörte, berichtet in seinen erstmals 1928 erschienenen Erinnerungen über ein Gespräch, das er mit Steiner geführt und das nur aus zwei Sätzen bestanden habe. In der Meditation sei er zur Einsicht gelangt, »dass Christus wirklich bis in Leib und Blut hinein empfangen werden kann, ohne dass Brot und Wein da sind. [...] Das Gespräch mit Rudolf Steiner verlief so, dass ich fragte: ›Ist es nicht auch möglich, Leib und Blut Christi zu empfangen ohne Brot und Wein, nur in der Meditation?‹ Steiner erwiderte: ›Das ist möglich. Vom Rücken der Zunge an ist es dasselbe.‹ [...]« An diese bemerkenswerte Äußerung Steiners knüpft Rittelmeyer Reflexionen über das Verhältnis von Religion (hier Christengemeinschaft) und Erkenntnis (hier Anthroposophie) sowie Gemeinde und Gesellschaft an, die mit den von Biesantz vorgetragenen Auffassungen weitgehend übereinstimmen: »Da stand ich vor der Frage: Gut, das ist möglich, so unmittelbar in Christus gleichsam einzutreten; aber wie viele Menschen werden dazu imstande sein? Ist es nicht für die weitaus größte Mehrzahl der Menschen notwendig, eine Feier zu haben, in der sie auf ihre Weise zu diesem Erlebnis kommen, zu der Wirklichkeit, die in Christus da ist, hingeführt werden?

Von hier aus wird das Verhältnis zwischen anthroposophischer Bewegung und Christengemeinschaft klar. Wäre für die Anthroposophische Gesellschaft ein Kultus gegeben worden, so könnte er in viel größerem Umfang auf den Einzelheiten der neuen Weltanschauung beruhen, die in der Anthroposophie heraufkommt. Aber diese neue Weltanschauung muss sich doch erst durchkämpfen, auf allen Gebieten, und hat noch schwere Auseinandersetzungen zu bestehen. Darauf kann die Menschheit im Ganzen nicht warten. Auch gibt es Menschen in Fülle, die für dieses Durchkämpfen einer neuen Weltanschauung gar kein unmittelbares Interesse haben. Für sie alle kann ein Kultus da sein, der sich zwar mit der geistigen Erkenntnis, die in der Anthroposophie da ist, in voller Übereinstimmung befindet und aus ihr allein möglich ist, der aber nicht diese geistige Erkenntnis lehrt oder voraussetzt, sondern den Menschen unmittelbar gibt, was sie mit der höchsten Wirklichkeit verbindet.

Was die Christengemeinschaft den Menschen zu vermitteln hat, ist das Höchste. Es ist der lebendige Christus in aller Wirklichkeit und Lebensmächtigkeit. Etwas Höheres gibt es nicht. Aber es ist dieses Höchste in einem bestimmten Zeitalter und für ein bestimmtes menschliches Bedürfnis.

Wenn die Christengemeinschaft sich nur aus Anthroposophen zusammensetzte, so würde Steiner die Aufgabe der Christengemeinschaft für verfehlt gehalten haben. Die Anthroposophische Gesellschaft hat ihre eigenen großen Aufgaben als eine Kulturbewegung, die heute in der intellektualistisch-materialistischen Gegenwart vor allem notwendig ist und schwer genug zu kämpfen hat, um sich durchzusetzen. Darum könnte sie, auch finanziell, eine solche neue Gemeinschaft gar nicht tragen. Aber abgesehen davon wünschte Steiner auch eine Menschenart heranzubilden, die sich in der Zukunft allmählich mehren wird. Sie sucht die Kommunion im Geist und kann auf ihre Weise durch das, was ihr Rudolf Steiner gegeben hat, zu demselben Allerhöchsten kommen, was die Christengemeinschaft in ihrer Weise bringt. Denn das Ziel der anthroposophischen Bewegung ist auch die volle Kommunion mit Christus bis in Leib und Blut hinein. Sie kann erlebt werden, auch wenn es unbewusst bleibt, ebenso in der Meditation wie im Kultus.

Als man Steiner fragte: Wie unterscheiden sich die anthroposophische Bewegung und die Christengemeinschaft? antwortete er: ›Die anthroposophische Bewegung wendet sich an das Erkenntnisbedürfnis und bringt Erkenntnis; die Christengemeinschaft wendet sich an das Auferstehungsbedürfnis und bringt Christus.‹ [...]

Wer in der Christengemeinschaft lebt, darf sich im Kultus dem gegenwärtigen Christus unmittelbar gegenüber fühlen. Er hat Nahrung für seine Seele und Hilfe für sein Leben, so stark und groß, wie er sie nur wünschen kann. Er braucht sich nicht um die anthroposophischen Einzelerkenntnisse zu kümmern. Aber er lebt mit von dem Höchsten, wozu anthroposophische Erkenntnis vordringen kann. Hat er Erkenntnisbedürfnisse, so können wir Führer der Christengemeinschaft, die wir selbst aus der Anthroposophie so reich beschenkt worden sind, ihm die Hilfe dazu aus der Anthroposophie darreichen. Denn wir wollen mit der werdenden Weltanschauung gehen und nicht mit der vergehenden. Aber alles dies steht völlig in der Freiheit des Einzelnen, sowohl des Priesters wie des Gemeindegliedes. Nichts Anthroposophisches ist Dogma der Christengemeinschaft. Was die Christengemeinschaft eint, sind die großen Grundwahrheiten und Grundtatsachen des Christentums, allerdings aus einer neuen Geistigkeit heraus geschaut – und dass sie ohne diese verloren worden wären, zeigt die Geschichte der Gegenwart – , aber doch so, dass sich in ihr eben die objektiven Heilstatsachen der Menschheit aussprechen. Die Anthroposophische Gesellschaft ist eine Kulturbewegung, die alle Gebiete umspannt. Die Christengemeinschaft ist eine Heilskirche, die alle Menschen umfassen kann.

Wenn dies alles klar gesehen und offen ausgesprochen wird, ohne dass sich allzu menschliche Gefühle hin und her darin geltend machen, dann kann jeder wissen, wohin er gehört. Was ihm am meisten hilft, dass er selbst ein Helfer der Menschheit und ein Mitarbeiter des Christus wird, das ist für ihn das Richtige.

Dies war der Geist, in dem Rudolf Steiner zur Begründung der Christengemeinschaft ein ›Rater und Helfer‹ wurde . Seine Lebensschöpfung war außer der Anthroposophie selbst die Anthroposophische Gesellschaft. Aber eine Menschengemeinschaft sollte entstehen, die allen Menschen hilft , dass sie aus unserer Zeit heraus wirklich Christen werden können. Vermittlerin wollte die Anthroposophie sein, dass Christus in reinem und hohem Geist da ist für alle Menschen unserer Zeit. Doch die Anthroposophie wollte sich nicht selbst mit ihrer reichen neuen Welt zum Inhalt dieser Menschengemeinschaft machen, sondern warten, ob man nach ihr fragt – aber auch denen dienen, die nicht nach ihr fragen. Nachdem das wahre gesunde Verhältnis zwischen Geist und Natur erkannt war, konnten wiedergewonnen werden das Sakrament und der Kultus, in denen allein eine wirkliche Christengemeinschaft sich einen und sich aufwärts erziehen kann, wiedergewonnen auch eine starke Christus-Verkündigung, die Christus handelnd offenbart an Mensch und Erde und so der materialistischen Zeit gewachsen ist. Aber dies alles steht nun für sich selbst da und spricht für sich selbst.« Zitiert nach Friedrich Rittelmeyer, Meine Lebensbegegnung mit Rudolf Steiner, Stuttgart 2015 (Jubiläumsausgabe), S. 139-143.

[7] Den Begriff des »Erdenkultus« – im Unterschied zum kosmischen Kultus – schöpft Biesantz aus dem Vortrag vom 29.12.1922, ebenfalls in GA 219. »Hat man in sich im Zentrum gefunden die physischen und seelischen und geistigen Weltenkräfte zusammenwirkend, schaut man sie draußen in den Weltenweiten. Das menschliche Wollen erhebt sich zum künstlerischen Schaffen und zuletzt zu einem solchen Verhältnisse zur Welt, das nicht bloß ein passives Erkennen ist, sondern das eine positive Hingabe ist, die ich so charakterisieren möchte, dass ich sage: Der Mensch sieht nicht mehr in abstrakter Weise mit den Kräften seines Kopfes in die Welt hinein, sondern er beginnt hineinzuschauen mehr und mehr mit seiner ganzen Wesenheit, und das Zusammenleben mit dem Weltenlaufe wird ihm ein Geschehen von anderer Art, als das Zusammenleben mit den Alltagstatsachen. Das Zusammenleben mit dem Weltenlauf wird ihm zum Kultus, und es entsteht der kosmische Kultus, in dem der Mensch in jedem Augenblicke seines Lebens drinnen stehen kann. Von diesem kosmischen Kultus ist jeder Erdenkultus ein symbolisches Abbild.« S. 161. Den unmittelbar auf dieses Zitat folgenden Satz zitiert Biesantz merkwürdigerweise nicht: »Dieser kosmische Kultus ist das Höhere gegenüber jedem Erdenkultus.«

[8] Auch an dieser Stelle hat Biesantz für den Druck eine präzisierende Anmerkung eingefügt: »Rudolf Steiner. An die Mitglieder. Nachrichtenblatt vom 5. Oktober 1924: ›Denn diese Bewegung für christliche Erneuerung ist nicht aus der Anthroposophie herausgewachsen. Sie hat ihren Ursprung bei Persönlichkeiten genommen, die vom Erleben im Christentum heraus, nicht vom Erleben in der Anthroposophie heraus einen neuen religiösen Weg suchten, sie suchten nicht den anthroposophischen Weg, sie suchten einen spezifisch religiösen Ich verwies sie darauf, dass der Kultus und die ihm zugrunde liegende Lehre allerdings durch die Anthroposophie dargereicht werden können, trotzdem die anthroposophische Bewegung die Pflege des geistigen Lebens von anderen Seiten aus als ihre Aufgabe betrachten müsse‹ (Die Konstitution 1924/1925, GA 260a, Dornach 1987, S. 397).

Um Missverständnissen vorzubeugen, sei darauf hingewiesen, dass die Anthroposophische Gesellschaft das ihr innewohnende religiöse Element auch im öffentlichen Kulturleben betätigen kann, wenn dies von dem jeweiligen Zusammenhang erfordert wird und in einer nicht kirchlich gebundenen Form geschieht. Über den freien Religionsunterricht der Waldorfschulen sagt Rudolf Steiner in einer Lehrerkonferenz in Stuttgart am 5.Februar 1924: ›Es ist eben damals bei der Gründung großer Wert darauf gelegt werden, die Schule als eine von der Anthroposophischen Gesellschaft unabhängige Institution zu schaffen. Damit stimmt logisch ganz gut überein, dass der Religionsunterricht von den Religionsgemeinschaften aus besorgt wird, der freie Religionsunterricht von der Anthroposophischen Gesellschaft aus, die Anthroposophische Gesellschaft mit dem freien Religionsunterricht darinnenstehend wie die anderen religiösen Gemeinschaften. Die Anthroposophische Gesellschaft gibt eigentlich den Religionsunterricht und den Kultus‹ (Die Konstitution 1924/1925, GA 260a, S. 436).

[9] Gemeint ist die Ansprache am Abend des 1. Januar 1924, GA 260, Dornach 1994, S. 270 f. »Wenn man heute in die Welt hinaussieht, so bietet sich, zwar seit Jahren schon, außerordentlich viel Zerstörungsstoff. Kräfte sind am Werk, die ahnen lassen, in welche Abgründe die westliche Zivilisation noch hineinsteuern wird ...« usw.

[10] Zugrunde liegen dieser Parallelisierung der Gesellschaft mit dem individuellen Menschenleben Ausführungen Steiners in den sogenannten Karmavorträgen. Dieser hatte die aufeinanderfolgenden Jahrsiebte in aufsteigender Reihe den Planetensphären zugeordnet: von 0 bis 21 Mond, Merkur und Venus, von 21 bis 42 der Sonne und von 42 bis 63 Mars, Jupiter und Saturn. Mit dem Eintritt in das zehnte Jahrsiebt im 63. Lebensjahr begebe sich der Mensch spirituell in die Region jenseits der Saturnsphäre, also die Fixsternregion (Vgl. Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge, GA 239, Paris, 24. und 25.5.1924 sowie Das Initiatenbewusstsein, GA 243, Torquay, 16.8.1924). Häufig wird diese Gliederung so verstanden, als seien die Entwicklungsmöglichkeiten des Menschen mit dem Eintritt in die Fixsternsphäre erschöpft. Was sich aber erschöpft, ist lediglich die Möglichkeit, die folgenden Jahrsiebte mit den Planetensphären zu parallelisieren und damit deren zeitliche Periodisierung. Die Fixsternsphäre wird auch als Region der Dauer bezeichnet: was aus ihr geschöpft wird, unterliegt nicht mehr der Zeit, sondern der Ewigkeit. Obwohl Steiner selbst eine Periodisierung der Geschichte der anthroposophischen Gesellschaft – allerdings mit dem Jahr 1902 beginnend – vorgenommen hat, die übrigens mit der von Hiebel angewandten im Widerspruch steht, ist eine solche Hermeneutik der Vereins- oder Bewegungsgeschichte nicht unproblematisch. Ebenso wie die »33jährige Umlaufzeit geschichtlicher Ereignisse« wurde die chronobiografische Hebdomadenlehre für vereins- und ideenpolitische Zwecke instrumentalisiert, z. B. um das Ende einer Epoche und den Anfang einer neuen aus der scheinbaren Notwendigkeit einer postulierten Zeitgesetzmäßigkeit abzuleiten. Das vorliegende Beispiel zeigt, dass der Willkür keine Grenzen gesetzt sind: je nachdem, von welchem Ausgangsdatum man ausgeht, ergeben sich vollkommen unterschiedliche Periodisierungen.

[11] Gemeint sind die Sätze: »[...] und je mehr wir von dieser [dritten] Kraft anwenden, desto eher wird die Erde zu einem Leichnam werden, damit das, was das Geistige der Erde ist, [sich] hinüberwirken kann zum Jupiter. Die Kräfte müssen angewandt werden, um die Erde zu zerstören, damit der Mensch frei wird von der Erde und damit der Erdenleib abfallen kann [...] Wir werden dadurch lernen, dass es notwendig ist, die Erde zu zerstören, sonst wird der Geist nicht frei«. Das esoterische Christentum und die geistige Führung der Menschheit, GA 130, Dornach 1995, S. 95. Der von Hiebel zu Recht monierte »wirtschaftspolitische« Missbrauch dieser Sätze ist übrigens dem Missbrauch von Aussagen Steiners über ätherische Menschenvorfahren vergleichbar, die durch Dekontextualisierung und Projektion zu Aussagen über Rassenpolitik umgemünzt werden.

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