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Anthroposophie / Geschichte / Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft / Die Weihnachtstagung kann gerufen werden

1977 | Die Weihnachtstagung kann gerufen werden, so dass sie da ist

Gisela Reuther

Anthroposophen sahen in den revolutionären Umtrieben der jungen Generation vor allem eines: die Sehnsucht nach dem Geist. Dabei konnten sie sich auf den Gründer der Bewegung stützen, der selbst solche Umtriebe als Symptome fehlgeleiteter Spiritualität gedeutet hatte. Als Beispiel sei hier an vielzitierte Ausführungen aus einem Vortrag vom 11. September 1920 erinnert.

Hier ist im Zusammenhang mit Exkursen über Leninismus, Trotzkismus und soziale Dreigliederung auch von der intellektualistischen Erziehung die Rede, die verhindert, dass die kosmischen Imaginationen, die der Mensch vor seiner Geburt erlebt, durch seine Phantasie zur Entfaltung gebracht werden können: »Und jetzt[1] beginnt – und darinnen liegt vielfach der Grund für das Stürmische  unserer Zeit –, jetzt beginnt die Zeit, in welcher die Seelen aus der geistigen Welt, indem sie durch die Empfängnis und die Geburt zum irdischen Leben heruntersteigen, sich Bilder mitbringen. Bilder, wenn sie mitgebracht werden aus dem geistigen Leben in dieses physische Leben herein, müssen unter allen Umständen, wenn Heil für den Menschen und für sein soziales Leben entstehen soll, unbedingt sich mit dem astralischen Leib verbinden, während sich das Bildlose nur verbindet mit dem Ich.  [...] Was da tief drinnen sitzt in der Kinderseele, das sind die in der geistigen Welt empfangenen Imaginationen. Die wollen herauf. Und wenn der Lehrer oder der Erzieher sich richtig zum Kinde verhält, bringt er ihm Bilder entgegen«. Durch die intellektualistische Erziehung hingegen geschieht das Gegenteil: »Man bringt das Unbildliche an das Kind heran; [...] was ist die Folge? Verloren gehen diese Kräfte nicht; sie breiten sich aus, sie gewinnen Dasein, sie treten doch in die Gedanken, in die Gefühle, in die Willensimpulse hinein. Und was entstehen daraus für Menschen? Rebellen, Revolutionäre, unzufriedene Menschen, Menschen, die nicht  wissen, was sie wollen, weil sie etwas wollen, was man nicht wissen kann, weil sie etwas wollen, was mit keinem möglichen sozialen Organismus vereinbar ist [...]

Wenn heute die Welt revoltiert, da ist es der Himmel, der revoltiert, das heißt der Himmel, der zurückgehalten wird in den Seelen der Menschen, und der dann nicht in seiner eigenen Gestalt, sondern in seinem Gegenteile zum Vorschein kommt, der in Kampf und Blut zum Vorschein kommt, statt in Imaginationen. Es ist daher gar kein Wunder, wenn jene Menschen, die sich an solchem Zerstörungswerk der sozialen Ordnung beteiligen, eigentlich das Gefühl haben, sie tun etwas Gutes. Denn was spüren sie in sich? Den Himmel spüren sie in sich; er nimmt aber nur karikaturhafte Gestalt an in ihrer Seele. So ernst sind die Wahrheiten, die wir heute einsehen sollen«.[2]

Von solchen Überlegungen ausgehend, antwortete die anthroposophische Bewegung auf die sozialen und politischen Turbulenzen durch Bildungsarbeit und Bewusstseinsbildung, denn in den anthroposophischen Erkenntnissen des Menschen und des Kosmos lagen nach übereinstimmender Auffassung jene imaginativen Bilder vor, die die Sehnsucht der Revolte zu stillen vermocht hätten, wenn sie denn erhört worden wären. Und in der Tat: Die genannte Sehnsucht zeigte sich in der steigenden Nachfrage nach anthroposophischen Bildungsangeboten, die zur Gründung entsprechender Einrichtungen führte. In Achberg entstand um die Dreigliederer Wilfried Heidt und Ursula Weber das Humboldt-Kolleg, in Engen bei Stuttgart ein Freies Jugendseminar, in Stuttgart am Eurythmeum eine Studienstätte für Laieneurythmie, in Köngen unter der Leitung von Rüdiger Fischer-Dorp ein Einführungsseminar und auch in Dornach am Goetheanum begann im Herbst ein einführendes Studienjahr zur Anthroposophie. Insgesamt war die Zahl solcher Seminare und Bildungseinrichtungen auf rund 60 angestiegen, die von jährlich etwa 4.000 jungen Erwachsenen besucht wurden. Viele Bewerber mussten mangels Kapazitäten abgewiesen oder vertröstet werden. Auch die Zahl der Waldorfschulen wuchs: mit der Schule in Karlsruhe wurde die fünfzigste in Deutschland eröffnet, obwohl der Bund der Freien Waldorfschulen die Zahl der Neugründungen angesichts des fehlenden qualifizierten Lehrpersonals einzudämmen versuchte. Diesem Mangel versuchten andere Neugründungen Abhilfe zu schaffen: mit der Einrichtung eines berufsbegleitenden Lehrerkurses erhöhten die drei Hamburger Schulen die Zahl solcher Kurse in Deutschland auf zehn. Der bisherige organisatorische Rahmen der Fortbildungsbemühungen der Schulbewegung erwies sich als zu eng. Die vom Bund der Freien Waldorfschulen veranstaltete, öffentliche pädagogische Arbeitswoche musste in diesem Sommer an zwei Orten gleichzeitig durchgeführt werden: in Stuttgart und Wanne-Eickel. Insgesamt nahmen rund 1.250 Interessenten und praktizierende Lehrer an diesen Arbeitswochen teil. Auch die Zahl der »Gründungswilligen« – von Elterninitiativen, die bei den Vorbereitungen zur Schulgründung mit dem Waldorfschulbund zusammenarbeiteten – hatte sich seit 1972 um 100% auf 31 erhöht. Die 300 Studenten in den Seminaren Stuttgart und Witten reichten nicht aus, um den sich abzeichnenden Bedarf zu decken. Deutschland war zweifellos Vorreiter in Sachen Waldorfpädagogik, aber auch in Frankreich wurde eine erste Waldorfschule eröffnet (Verrière-le-Buisson, Paris). Gleichzeitig fand in diesem Jahr die erste Tagung für Heilpädagogen in Frankreich statt, die 120 Interessenten besuchten. In Finnland wurde nach zähem Ringen ein Schulgesetz verabschiedet, das die Tätigkeit der Waldorfschulen rechtlich absicherte. Selbst die Waldorfschüler und Alumni regten sich: an einer Tagung in Stockholm nahmen 450 von ihnen teil. Nicht nur die Pädagogen organisierten sich, sondern auch Mediziner oder Landwirte: Im Herbst 1977 wurde der »Verband der gemeinnützigen Krankenhäuser für anthroposophisch erweiterte Medizin« gegründet, in dem sich die Friedrich Husemann-Klinik, das Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke, die Augenklinik Schad, die Filderklinik und die Klinik Öschelbronn zusammenschlossen, während die Landwirte auf einer europäischen Demeter-Konferenz in Bad Vilbel debattierten.

Die Anthroposophische Gesellschaft reflektierte diese Entwicklung auf ihre Weise. Auch im Jahr 1977 eröffnete der inzwischen 72jährige große Vorsitzende der Anthroposophischen Gesellschaft (Rudolf Grosse) deren Generalversammlung durch eine Ansprache an die rund tausend versammelten Mitglieder.[3] Die Zusammenkunft fand am Karsamstag statt, der dieses Jahr auf den 3. April, den Tag der Kremation Rudolf Steiners fiel. Der wichtigste Punkt auf der Traktandenliste war die Berufung (Kooptation) eines neuen Vorstandsmitgliedes, der promovierten Wirtschaftswissenschaftlerin Gisela Reuther (1924-2013), die das Amt des schwer erkrankten Werner Berger übernehmen sollte.[4] Trotz ihres gänzlich unspektakulären Verlaufs war die Versammlung, die von 10 Uhr morgens bis 18 Uhr abends dauerte, nicht frei von exotischen Episoden.

Grosse beschränkte sich in seiner Eröffnung darauf, drei Fragen zu stellen, die er auch gleich selbst beantwortete. Der Leser wird nach unserer ausführlichen Auseinandersetzung mit seinem Buch über die Weihnachtstagung[5] unschwer erkennen, dass diese Publikation den Hintergrund der ersten beiden Fragen bildete und dass die dritte einen hypothetischen Mangel ansprach, dem aus der Perspektive des Redners durch eine hinreichende Umsetzung der davon ihm selbst vorgeschlagenen Therapie abgeholfen werden konnte. Laut dem von Kurt Franz David angefertigten Bericht lauteten die drei Fragen: 1. »Ist das Urbild einer Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft noch vorhanden oder lebendig?« 2. »Bleibt die Verbindung mit Rudolf Steiner im Vordergrund, und wie wird sie erreicht?« 3. »Macht sich nicht hie und da ein Pessimismus über die Entwicklung der Anthroposophischen Gesellschaft bemerkbar, und wirkt sich dieses nicht in einer Art Lähmung für die Arbeit aus?«

»In Übersee«, so Grosse, war er mit dem Gedanken konfrontiert worden, das »Zentralereignis« der Gesellschaft, die Weihnachtstagung, sei inzwischen historisch geworden und als historisches Ereignis für die Gegenwart nicht mehr relevant. Seine Antwort auf diese durchaus berechtigte Frage war eine Offensive der narrativen Vergegenwärtigung, die darauf abzielte, wo immer es möglich war, die Geschehnisse dieser Tagung ins Bewusstsein zu rufen, sie also durch einen Vorgang des rhapsodischen »reenactment« als unvergängliche Gegenwart darzustellen. Durch seine Erzählungen sei es ihm, Grosse, als einem Sendboten des »Zentrums« in der »Peripherie« gelungen, etwas, das anfänglich bloß als Worthülse oder Information existierte, wieder mit Leben zu erfüllen und in den Zuhörern die Überzeugung zu wecken, »dass wir ja mitten im Strom der Weihnachtstagung darinnenstehen, denn die ganze Wärme, die das Geschehen der Weihnachtstagung umfasst, umhüllt auch uns, die wir so weit weg vom Zentrum sind«. Das Fazit dieser Erfahrungen fasste er in den Satz zusammen: die Weihnachtstagung »kann gerufen werden, sodass sie da ist«. Damit war die erste Frage beantwortet. Das Urbild der Gesellschaft war vorhanden und lebendig, wenn man es in sein Bewusstsein hereinrief und durch diesen Vorgang die historische Distanz überbrückte, die zwischen der Gegenwart und diesem Ereignis lag. Selbstredend betraf diese Vergegenwärtigung nicht in erster Linie die äußeren Geschehnisse dieser Tagung, sondern vielmehr deren spirituelle Substanz und die mit ihr verbundene Bedeutung, die alle mit ihrer »Wärme« umschloss, die durch den Vorgang des reenactment an ihr teilhatten. Grosse liefert mit seinen Ausführungen ein schönes Beispiel für das, was als »Konstruktion von Tradition« bezeichnet wird. Ein ähnliches Verfahren der Überbrückung historischer Distanz wandten auch Jörgen Smit und Hagen Biesantz an, wie sich noch zeigen wird.

In einem zweiten Schritt holte der Vorsitzende noch etwas weiter aus und versuchte, die Entstehung des Gesellschaftsbewusstseins nicht nur aus der Erzählung von ihrem Gründungsereignis, also einem historisch kontingenten Vorgang, sondern aus einer ontologischen Konstante, aus dem Menschsein schlechthin, abzuleiten. Obwohl er recht allgemein formulierte, wenn er vom »Bild des Menschen« sprach, wird im Verlauf seiner Ausführungen deutlich, dass er jene Menschen meinte, die gleichsam mit dem anthroposophischen Menschenbild imprägniert, »getauft« worden waren. In jedem Menschen lebe, ob bewusst oder nicht, ein Bild seines Wesens, das der Menschheit durch Steiner vermittelt worden sei, jenes Bild, das seine Wesensglieder vom physischen Leib bis zum Ich zu planetarischen Entwicklungszuständen und zur Hierarchienwelt in Beziehung setze. Dieses Bild wachse im Lauf des Anthroposophendaseins heran und werde »zur Substanz« des »inneren Seins«. Begegne man nun einem anderen, der dieses »anthroposophische Urbild des Menschen« ebenfalls in sich trage, dann entstünden »unmittelbar Brücken von Mensch zu Mensch«, denn dieses Bild sei überpersönlich und allen gemeinsam. Und aus dem Bewusstsein dieses Urbildes wiederum entstehe das Bewusstsein der »anthroposophischen Gemeinschaft«. Ebendies aber sei das Besondere der Weihnachtstagung gewesen, dass in das Herz eines jeden der Grundstein versenkt worden sei, der eine »unverbrüchliche« Gemeinschaft gestiftet habe. Diese Gemeinschaft bestehe »über alle Zeiten hinaus« fort. Durch die Taufe auf das anthroposophische Menschenbild also wird der Einzelne in eine mystische Gemeinschaft aufgenommen, in die er hineinwächst und die mit ihm wächst, in eine Art mystischen Leib, der ewig ist und unverlierbar, wenn er sich seine substantielle Verbundenheit mit ihm stets von neuem ins Bewusstsein ruft. Die Verkirchlichung der Anthroposophischen Gesellschaft im Bewusstsein Grosses ist, wie diese Überlegungen zeigen, weit fortgeschritten. Auch die folgenden Assoziationen setzen diese Tendenz fort. Grosse erinnerte daran, dass der 3. April, der Karsamstag, nicht nur der Todestag Christi sei, sondern auch der Tag der Kremation Steiners. Unausgesprochen bleiben die Implikationen. Womöglich dachte Grosse daran, dass Steiner durch seine Kremation der Gesellschaft seine übersinnliche Leiblichkeit eingestiftet hatte, wie Christus die seinige der Menschheit, dass Steiner also zum mystischen Leib der Gesellschaft geworden war. Jedenfalls zweifelte Grosse nicht daran, dass Steiner lebendig und weiterhin gegenwärtig war. Aus den von ihm zitierten Sätzen der Grundsteinmeditation: »Übe Geist-Erinnern, übe Geist-Besinnen, übe Geist-Erschauen, dass gut werde, was wir aus Herzen gründen, aus Häuptern zielvoll führen wollen«, die er als »Motto der anthroposophischen Gemeinschaft im Geiste« auffasste, leitete er das »übersinnliche Bild« einer Gemeinschaft ab, in deren Mittelpunkt etwas stehe, das bleibe, das ewig sei. Die Prinzipien drückten es »lapidar« aus: sie bezeichneten die Gesellschaft »als Gemeinschaft«, deren Grundlage nicht »ein Gelübde« sei, wie in den Mönchs- oder Ritterorden des Mittelalters, sondern »die wirkliche Erkenntnis der geistigen Welt«, »in der wir mitten darinnen stehen«. Ohne den Kontrast zu seinen eigenen Setzungen zu bemerken, die apodiktisch als Tatsache deuteten, was bei Steiner Forderung bzw. Gelingensbedingung war, zitierte Grosse die Sätze: »Die Anthroposophische Gesellschaft soll eine Vereinigung von Menschen sein, die das seelische Leben im einzelnen Menschen und in der menschlichen Gesellschaft auf der Grundlage einer wahren Erkenntnis der geistigen Welt pflegen wollen«.

Aus all diesen Überlegungen ergab sich für Grosse die Konsequenz: »Das Karma, liebe Freunde, ist durch diese Dinge beschützt und akzeptiert, es gibt nichts im Karma, was ausschließen, was gegen diese Gemeinschaft auftreten kann. Wir haben ein schweres Karma während 50 Jahren durchgemacht; aber Karma ist ja ein Appell, dass der Mensch eindringt in seine Gesetzmäßigkeit und in die geistigen Hintergründe, wenn er groß genug den Gedanken fasst«. Diese Aussagen dürften so zu verstehen sein, dass die Konflikte, Sezessionen, Brüche und Ausschlüsse, die ihre Geschichte bestimmt hatten, der Substanz, die durch die Weihnachtstagung in sie eingeflossen war – ihrem mystischen Leib – nichts anzuhaben vermochten. Daher konnte man aus Sicht des Vorsitzenden auch zuversichtlich in die Zukunft blicken, Grund für Resignation gab es nicht: »Wir stehen vor neuem Schaffen und halten da zusammen, gerade weil wir von unserem Karma wissen, uns aber nicht deprimieren lassen. Es ist die Frage, liebe Freunde, ob unsere Toten ... diesen Willensentschluss mitmachen, ob sie ihn aufnehmen als etwas, was wie ein helles Erleuchten für sie zu sehen ist«.

Nach diesen einleitenden Betrachtungen führte Grosse zum Hauptakt des Tages über, der Kooptation eines neuen Vorstandsmitgliedes. Auch hier überrascht die unwidersprochene Selbstverständlichkeit, mit der dieser autokratische Akt vollkommen unbehelligt von demokratischen Vereinsgepflogenheiten über die Bühne ging. Während in früheren Jahren noch die Notwendigkeit empfunden wurde, die Selbsterweiterung des Vorstandes gegenüber der Mitgliedschaft zu rechtfertigen, war aus der selektiven Rezeption von Steiners diesbezüglichen Ausführungen eine unbedingte Gewissheit geworden: »es soll nicht eine Spur eines Vereins entstehen, außer das Gesetz zwingt uns dieses auf«, so Grosse. Vorstandmitglieder würden in der Anthroposophischen Gesellschaft nicht gewählt. Zur Begründung wurde § 2 der Prinzipien angeführt: »Die Anthroposophische Gesellschaft hat ihren Sitz am Goetheanum. Der Vorstand hat von da aus das an die Mitglieder oder Mitgliedergruppen zu bringen, was er als die Aufgabe der Gesellschaft ansieht«. Dass in diesem Paragraphen weder etwas über Kooptation noch den Ausschluss demokratischer Prozeduren steht, schien niemandem aufzufallen. Noch einmal bekräftigte Grosse: »Es ist von besonderer Wichtigkeit, als was sich der Vorstand überhaupt auffasst. Er fasst sich nicht auf als etwas Gewähltes, sagte damals Rudolf Steiner noch ergänzend hinzu, man müsse von Anfang an die Tatsache scharf betonen, dass ein eigentliches Wählen in der Anthroposophischen Gesellschaft unmöglich sei, sondern dass nur Initiative möglich sei«.[6]

Auf die Ansprache Heten Wilkens zur Einführung Reuthers, die er selbst als »laudatioartig« bezeichnete, muss hier nicht eingegangen werden, da ihr Informationsgehalt gleich Null ist. Die versammelten Mitglieder stimmten der Kooptation Reuthers hundertprozentig zu. Mit Reuther rekrutierte die Gesellschaft ein für ihre weitere Entwicklung strategisch bedeutsames Finanzierungs-Knowhow.

Gisela Reuther wurde am 24.02.1924 in Luckenwalde, in der Mark Brandenburg geboren. Da sie aus einem anthroposophischen Elternhaus stammte, wurde sie in die Berliner Waldorfschule geschickt, die sie von 1929 bis zu ihrer Schließung durch den Reichserziehungsminister im Sommer 1937 besuchte.[7] Nach dem Studium in München und der Promotion in Freiburg zog sie mit ihrem Ehemann ins Ruhrgebiet, um sich hier bald einem Arbeitskreis um Wilhelm Ernst Barkhoff anzuschließen. Einige Motive aus ihrem Leben teilte sie in ihrer Antrittsrede selbst mit.

Bereits in ihrer Münchner Studienzeit hatte sich Reuther nach einer Phase adoleszenter Emanzipation vom Elternhaus wieder dem Werk Steiners zugewandt und sich in einer Studentengruppe nicht nur mit Betriebs- und Volkswirtschaft, sondern auch mit dem Nationalökonomischen Kurs Steiners (Sommer 1922, GA 340) beschäftigt. Bei ihrem Examen zu Zins und Zinstheorie gab sie dem prüfenden Professor Auskunft zu Steiners nationalökonomischen Theorien. Aus Freiburg wurde sie zusammen mit ihrem Ehemann von Franz Schily[8], der im Montankonzern des Bochumer Vereins beschäftigt war und Reinhold Boerner[9] von der Hibernia-Chemie nach Bochum eingeladen, um im Unternehmen des ersteren und im dortigen anthroposophischen Jugendkreis mitzuarbeiten. Hier beteiligte sie sich aktiv an der Gründung der Bochumer Schule (1958).[10] Später übernahm sie die Steuerabteilung in Wilhelm ernst Barkhoffs Anwaltskanzlei. Aus den für die Finanzierung der Schule gegründeten Leihgemeinschaften entwickelten Barkhoff, Reuther und andere[11] die Gemeinnützige Treuhandstelle (1961), die Gemeinnützige Kreditgarantie Genossenschaft (1967) und schließlich 1974 die GLS Gemeinschaftsbank.

Da wir schon bei Thema Finanzen sind, schließen sich einige Hinweise auf den Haushalt der Gesellschaft an, die dieses Jahr Manfred Schmidt-Brabant stellvertretend für den erkrankten Schatzmeister vortrug.

Die Einnahmen der Gesellschaft spiesen sich aus drei Quellen: Mitgliederbeiträgen (1,84 Mio), Spenden und Legaten (2,34 Mio) sowie Betriebseinnahmen aus Veranstaltungen des Goetheanum (2,5 Mio), zusammen rund 6,6 Millionen Schweizer Franken, denen jedoch Ausgaben in Höhe von rund 6,7 Millionen Franken gegenüberstanden, die sich zu je einem Drittel auf Betriebskosten (Bau-und Hauswesen), die Administration der Gesellschaft und des Hochschulbetriebs sowie die Bühne verteilten.

Der studentische Zuwachs und die wachsende Zahl an Besuchern machten Baumaßnahmen erforderlich, die in einem »Hochschulbebauungsplan« zusammengefasst wurden, der das gesamte Goetheanumgelände einbezog. Der alte Betonbau bedurfte der Erhaltung und des weiteren Innenausbaus, ebenso andere, noch auf Steiner zurückgehende Gebäude, wie das Heizhaus oder das Glashaus. Zu den Ausbauprojekten gehörten das Nordtreppenhaus und das Nordportal, der Bücherverkauf, der – auch dank der Aufhebung des Bücherverbots – brummte, die Bühnenbeleuchtung und Akustik des großen Saales. Die Werkstätten der Bühne sollten in einem neuen Gebäude untergebracht und die Schreinerei umgebaut werden. Außerdem mussten für die vierhundert Studenten, die an den Schulen und Seminaren studierten, ausreichende Räumlichkeiten bereitgestellt werden. Das pädagogische Seminar sollte ein eigenes Gebäude erhalten, ebenso die Eurythmieschulen. Um den Betrieb des Schulungs- und Tagungsortes und der Bühne zu ermöglichen, war eine umfangreiche Infrastruktur erforderlich, zu der sichere Stromversorgung, Verpflegungs- und Übernachtungsmöglichkeiten, Mitarbeiterwohnungen und Studentenheime gehörten. Auch die nicht gerade üppigen Gehälter der Mitarbeiter mussten bezahlt werden, Altersversorgungen waren aufzubringen und wenn die Rentner, die trotz ihres hohen Alters – wie der Vorstand selbst zeigte – weiter mitarbeiteten, sich irgendwann doch zurückziehen mussten oder entkräftet aufs Todeslager sanken, musste ihre Arbeit auf mehrere Schultern verteilt werden. Auch die Tatsache, dass die Mitgliederzahl der Gesellschaft wuchs – »pro Jahr nehmen wir so viel Mitglieder auf, wie eine mittelgroße Landesgesellschaft hat« – zog mehr Arbeit nach sich. 1978, zum fünfzigjährigen Jubiläum der Eröffnung des zweiten Goetheanumbaus, die mit einer umfangreichen Ausstellung zur Baugeschichte und zur goetheanistischen Architektur gewürdigt werden sollte, stand eine Neuinszenierung des Faust I bevor.

Das Wachstum der Gesellschaft spiegelte sich im Wachstum der Abonnentenzahl der Zeitschrift Das Goetheanum, wie Friedrich Hiebel mitteilte. Auch die beiden Verlage (Rudolf-Steiner- und Philosophisch-Anthroposophischer Verlag) erweiterten ihre Backlist. Als Bestseller hatte sich das Buch von Grosse Die Weihnachtstagung als Zeitenwende erwiesen.

Jörgen Smit, dem die Gesamtverantwortung für die Ausbildungsgänge auf dem Goetheanumgelände übertragen worden war, erstattete über die zuströmende Jugend Bericht. Hier war seit rund 15 Jahren ein »ständiges Wachstum« zu verzeichnen. Die bestehenden Bildungsstätten erweiterten ihre Kapazitäten, neue entstanden. Die Zahl derartiger Einrichtungen betrug insgesamt, wie bereits erwähnt, rund 60, doch sie reichten nicht aus, lange Wartelisten waren die Folge. Doch all diese Erfolgsmeldungen hielten Smit nicht davon ab, seinem Bericht säuerliche Perspektiven unterzumischen. Er fragte sich, ob die Jugend, die an all diesen Ausbildungsstätten herangezogen wurde, »stark genug« für den »großen Kulturkampf der nächsten Jahrzehnte« sein werde. »Wie viele von den Jugendlichen stellen sich bewusst tragend hinein in den großen Zukunftskampf als Vertreter der Anthroposophie und mit welchem Gewicht?«, rief er den Mitgliedern zu. Der künftige Kulturkampf, auf den Smit die anthroposophische Jugend vorbereitet sehen wollte, war nicht etwa der Kulturkampf, der in den Gegenwartsgesellschaften zwischen Linken und der etablierten Gesellschaft oder Linken und Rechten, Progressisten und Konservativen tobte, sondern ein okkulter Kampf, von dem er aus der Steinerlektüre Kenntnis erlangt hatte und den er in die Zukunft projizierte, ohne ihn mit empirischen Kenntnissen zu unterfüttern. In Anknüpfungen an Ausführungen Steiners im Dezember 1918[12], sprach er von zwei Gegenmächten, einem »westlichen« und einem »östlichen Okkultismus«, die sich beide der Entwicklung der Bewusstseinsseele, auf der die anthroposophische Geisteswissenschaft fuße, entgegenstellten. Während der westliche sich des Mediumismus bediene, um Einsichten in den geistigen Weltzusammenhang zu erlangen, die alsdann eingesetzt würden um politische und wirtschaftliche Macht zu erlangen oder zu befestigen, versuche der östliche, den Smit als erweiterten »Jogaweg« bezeichnete – die »toten Verstandeskräfte aus dem Atmen zu beleben«, um die auf diesem Weg gewonnenen Erkenntnisse ebenfalls in den Dienst von Machtinteressen zu stellen. »Zwischen diesen Okkultismen, die auf den vielfältigsten Wegen Machtimpulse hineinströmen lassen in allen möglichen Maskierungen«, stehe die anthroposophische Bewegung, »deren Weg viel schwieriger« sei, da er in täglicher Erkenntnisanstrengung immer wieder neu errungen werden müsse. Die Gefahr sei groß, dass die Kraft erlahme. Die eigentlich interessante Frage, wo und in welcher Form diese Gegenmächte in den tatsächlichen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen wirkten, in welche die sich ausbreitende anthroposophische Bewegung verwickelt war, warf Smit gar nicht auf. Sah er sie in der Pharma- oder Agrarindustrie, in der Kultusbürokratie oder den Medien wirken? Stattdessen warf er eine andere Frage auf, die er gleich selbst beantwortete: Ob die »Erkenntnisarbeit auf der Spitze der Bewusstseinsseele«, aus der die ganze Anthroposophie hervorgegangen war, in den anthroposophischen Bildungseinrichtungen stark genug sei, um einen Stamm von jungen Menschen zu erzeugen, die mit voller Kraft die Anthroposophie vertreten könnten? »Ich glaube«, so Smit, »man kann durchaus mit Ja antworten«. Allerdings sei »dieser Stamm« doch »sehr dünn«, viel größer sei die Zahl derer in den anthroposophischen Bildungseinrichtungen, die nicht so sehr an der Anthroposophie, als an ihrem persönlichen Wohlergehen oder Fortkommen interessiert seien. Das Fundament des Ganzen stehe für viele an zweiter Stelle, falls es sie überhaupt interessiere. »Man muss immer wieder neu staunen, dass es möglich ist, dass einige sagen: ich will mich nur auf die Eurythmie oder Sprachgestaltung begrenzen; diese anthroposophische Erkenntnisarbeit möchte ich zunächst ausklammern«. Ja, es gebe sogar Studenten, die, nachdem sie ihr Eurythmiediplom erlangt hätten, ihre Mitgliedschaft in der Gesellschaft kündigten, mit der Begründung, sie müssten sich nun auf ihre Berufstätigkeit konzentrieren. Leider, so Smit noch einmal, sei der »Stamm« der Jugendlichen, die sich »der Mühe der Erkenntnisarbeit in der Bewusstseinsseele« unterziehen wollten, ziemlich dünn. Doch gerade von diesen hänge das Bestehen der Anthroposophie im »gewaltigen Kulturkampf der nächsten Jahrzehnte« ab. Was also konnte getan werden, um diesen Stamm zu stärken?

Andererseits gehörte für Smit zu dieser Bewährung im bevorstehenden Kulturkampf auch das Bewusstsein, einer Gemeinschaft von Kämpfern anzugehören und auch hier sah er hoffnungsfrohe Ansätze neben Defiziten. Jugendliche vermöchten sich für Anthroposophie zu begeistern, ebenso wie für die Menschheit, die Humanität im Allgemeinen. Aber ein wirkliches Interesse an den konkreten Nächsten vermöchten sie häufig nur schwer aufzubringen. Die Jugend schwankte also aus seiner Sicht zwischen persönlichem Egoismus (Interesse an der Steigerung des Wohlbefindens durch Beschäftigung mit einer spirituellen Weltsicht) und scheinbar selbstlosem, abstraktem Humanismus. Man bekenne sich als zuständig für die ganze Menschheit, »kenne aber nicht einmal« die anderen Jugendgruppen am Ort. Smit schlug auch gleich eine Lösung für dieses Problem vor: »Die konkret anderen müssen ins Gemeinschaftsbewusstsein erhoben werden, wenn es gelingen soll, eine starke, mit Verantwortung und mit Zielbewusstsein geführte anthroposophische Bewegung zu entwickeln in den nächsten Jahrzehnten«. Glücklicherweise gebe es auch Jugendliche, die dieses Interesse an den »konkreten anderen« –Gleichgesinnten, also eigentlich den »konkreten Gleichen« – entwickelten, wenn sie auch eher selten seien. Als positive Beispiele verwies er auf die Waldorfschüler und Ehemaligen, die große Tagungen in Basel, Den Haag oder wie dieses Jahr, in Stockholm und Järna veranstalteten. Aber »es ist noch viel zu wenig«, bemängelte er.

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Anmerkungen:

[1] Gemeint ist die damalige Gegenwart, im weiteren Sinn das 20. Jahrhundert.

[2] Rudolf Steiner, Geisteswissenschaft als Erkenntnis der Grundimpulse sozialer Gestaltung, GA 199, 11. September 1920, Dornach 1985, S. 258-260. Die zitierten Ausführungen sind im Zusammenhang mit den Darstellungen vom 9. Oktober 1918 über die Tätigkeit des Engels im menschlichen Astralleib zu lesen, siehe GA 182, Dornach 1996 (Was tut der Engel in unserem Astralleib?).

[3] Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht. Nachrichten für deren Mitglieder, 54. Jahrgang, Berichte in Nr. 16, 22, 23, 24, 25 und 26.

[4] Werner Berger erlag 1978 seiner Krankheit.

[5] https://anthroblog.anthroweb.info/2016/1976-epiphanie-eines-mythos-teil-1/ und https://anthroblog.anthroweb.info/2016/1976-epiphanie-eines-mythos-teil-2/

[6] Zur Frage der demokratischen Verfahren in der Gesellschaft, siehe weiter oben S. 695. [ anthroblog.anthroweb.info/2015/1972-auszug-aus-aegypten/ ]

[7] Bernhard Rust hielt »Waldorfpädagogik und Nationalsozialismus von vorneherein für unvereinbar«. Siehe Uwe Werner, Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945), München 1999, S. 96. Die Schließungsdaten der deutschen Waldorfschulen: Altona – 6. April 1936, Hannover – 9. Juli 1937, Berlin – 26. August 1937, Stuttgart – 1. April 1938, Kassel – Oktober 1938, Breslau – 24. März 1939, Wandsbek – Ostern 1940, Dresden – Juli 1941.

[8] Franz Schily (1892-1955), der in den 1950er Jahren Vorstandsmitglied der Gußstahlwerke Bochumer Verein AG, Vorsitzender des Wirtschaftverbandes der Gießereiindustrie und Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer Bochum war, gehörte der Christengemeinschaft an. Er war der Vater von Otto und Konrad Schily.

[9] Reinhold Boerner (1889-1956) gehörte zu den Direktoren der Bergwerksgesellschaft Hibernia AG und befasste sich ebenfalls mit Steiners politischen Ideen.

[10] Zu den Schulgründern gehörten Irene und Wilhelm Wollborn, der Direktor der Vereinigten Elektrizitätswerke Westfalen Willy Müller, der Arzt Klaus Dumke, der Rechtsanwalt Wilhelm Ernst Barkhoff, Heinz Eckhoff, Klaus-J. Fintelmann, Karl-Ernst Neuhöfer, Charlotte Reineck, Gisela Reuther.

[11] Beteiligt an der Entwicklung waren neben anderen: Klaus Dumke, Klaus-J. Fintelmann und Franz Schily.

[12] Rudolf Steiner, Die soziale Grundforderung unserer Zeit, GA 186.

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