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Anthroposophie / Geschichte / Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft / Kulturpolitik im Zeichen Michaels

1978 | Kulturpolitik im Zeichen Michaels – auf den Spuren Utnapischtims

Cafe Griensteidl, Wien 1896. Einer der Orte, an dem Rudolf Steiner bevorzugt in das gesellige Leben der Kaiserstadt eintauchte.

1978 stand ein für die anthroposophische Metahistorie bedeutender Jahrestag bevor: im Herbst 1979 sollte der Anbruch des »neuen Michaelzeitalters« zum hundertsten Mal wiederkehren. Auf den Erzengel Michael hatte Steiner früh hingewiesen. Bereits 1904 trat er in Vorträgen, die in Berlin gehalten wurden, als Gegner Mammons und Beelzebubs und als Wesen in Erscheinung, das den »psychischen Idealismus« des Menschen lenke. Ohne dass sich der Einzelne zu ihm in ein »Schülerverhältnis« setze, könne er keine Freiheit erringen, so Steiner damals.[1] Hier findet sich auch der erste Hinweis auf einen Kampf Michaels gegen Mammon und Beelzebub, der »vor dreißig Jahren« – d.h. 1874 – zugunsten Michaels ausgegangen sei, allerdings lediglich auf den »höheren Planen« (also in jener Sphäre der Wirklichkeit, die Steiner später als »geistige Welt« bezeichnete), während dieser Kampf auf der Erde vom Menschen noch ausgefochten werden müsse – mit ungewissem Ausgang. 1907 deutete Steiner an einem 16. September das sechste apokalyptische Siegel als Darstellung des Menschen, der das Böse in Gestalt des Drachen überwunden habe und dadurch dem Erzengel Michael gleich geworden sei.[2] Auch 1908 wies er in seinen Nürnberger Vorträgen über die Apokalypse des Johannes auf Michael hin, der hier als das »Antlitz« oder der »Stellvertreter des Sonnengenius« bezeichnet wurde, der den großen Drachen Sorat überwinde.[3] In der Münchener Vortragsreihe Der Orient im Lichte des Okzident wurde der Erzengel Michael 1909 mit dem »Hüter der Schwelle« gleichgesetzt.[4] 1913 war in Stuttgart die Rede davon, dass Michael seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ein neues Zeitalter inspiriere.[5] Hier wurde er als »Sendbote Christi«, als »Inspirator der Wissenschaft« bezeichnet, der die habituellen menschlichen Erkenntnisformen spiritualisiere. Das erste Mal wies Steiner in einer esoterischen Stunde, die am 18. Oktober 1907 in Berlin stattfand, vor kleinem Kreis auf den November 1879 als Zeitpunkt, zu dem Michael »auf der Astralebene« den Sieg gegen »Mammon, den Geist der Hindernisse« errungen habe.[6] Vor einem größeren Mitgliederkreis findet das Jahr 1879 als Zeitpunkt des Anbruchs einer neuen Michaelsherrschaft am 19. Januar 1915 Erwähnung.[7]

Die Hinweise auf dieses Jahr kehren 1915 in vielen Vorträgen wieder. Stellvertretend seien einige Sätze aus einem Linzer Vortrag zitiert, der am 18. Mai 1915 stattfand: »Die ganze Entwickelung, selbst der sprachliche Volksgeist hat in Mitteleuropa so gewirkt, dass hereingeprägt wurde in seine Sprache dieser Zusammenhang des Ich mit dem Christus-Prinzip: I-CH = Jesus Christus. I-CH, das sich zusammenfügt so, dass es ›Ich‹ wurde. Und indem man in Mitteleuropa ›Ich‹ ausspricht, spricht man den Namen des Christus aus. So nahe will man das Ich mit dem Christus fühlen, so innig damit verbunden sein. Dieses intime Zusammenleben mit der geistigen Welt, wie es in Mitteleuropa auf allen geistigen Gebieten angestrebt werden muss, kennt man weder im Westen noch im Osten. Daher muss im 20. Jahrhundert etwas geschehen, damit sich allmählich über den ganzen europäischen Kontinent in entsprechender Weise ausbreiten kann das Christus-Prinzip. Ich habe es öfter in verschiedenen Vortragszyklen betont, dass im November 1879 diejenige geistige Wesenheit, die wir als den Erzengel Michael bezeichnen, eine besondere Entwickelungsstufe erreicht hat. Michael wurde sozusagen der führende Geist. Dieser führende Geist bereitet nun das Ereignis vor, das im ersten meiner Mysteriendramen als Erscheinung des ätherischen Christus über die Erde hin angedeutet ist, das Ereignis, welches im 20. Jahrhundert eintreten muss. Dann wird eintreten, dass erst einzelne Seelen, dann mehr und immer mehr Seelen wissen werden: Der Christus ist wirklich da, der Christus wandelt wiederum auf der Erde, aber in ätherischer Gestalt, nicht in physischer Gestalt«.[8] Michael, der feurige Gedankenfürst des Weltalls, ist der Verkünder des lebendigen Christus, ihn zu verstehen, »heißt heute den Weg finden zu dem Logos, den Christus unter Menschen auf der Erde lebt«.[9] Unter dem »Christusprinzip« ist das Prinzip der Freiheit und der Liebe[10] zu verstehen, das bereits im Zentrum der »Philosophie der Freiheit« steht und dort in die Maxime zusammengefasst wurde: »Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnisse des fremden Wollens ...« »Das Christus-Prinzip verbindet mit der vollen Ausprägung des Ich die dem Geist der Liebe entströmende Kraft und lässt sie walten von Mensch zu Mensch«, heißt es in einem Vortrag am 11.06.1909 in Budapest.[11]

Intim verwoben mit dem »Christusprinzip« erscheint »Mitteleuropa«, der deutsche Volksgeist, der der deutschen Sprache das ICH einfügte. Im 20. Jahrhundert wächst diesem Mitteleuropa, das die menschliche Individualität als »Ich« bezeichnet und damit den Kerngehalt dieser Individualität im Menschheits-Ich verankert, die Aufgabe zu, unter der Führung des Erzengels Michael zur Schau bzw. Erkenntnis des in ätherischer Gestalt wiederkehrenden, lebendigen Christus zu finden. Auf diese unvollendete Aufgabe, von deren Erfüllung nicht nur Heil oder Unheil Europas abhängt, bezieht sich auch das Mantram über den »deutschen Geist«, das Steiner in einem Berliner Vortrag am 14. Januar 1915 seinen Zuhörern mitteilte: »Der deutsche Geist hat nicht vollendet, / was er im Weltenwerden schaffen soll. / Er lebt in Zukunftssorgen hoffnungsvoll, / Er hofft auf Zukunftstaten lebensvoll; / – In seines Wesens Tiefen fühlt er mächtig / Verborg‘nes, das noch reifend wirken muss ...«[12] Aber jede Aufgabe ist eine Prüfung und beide bergen das Risiko des Scheiterns in sich. Auf dieses Risiko beziehen sich die am 20. September 1924 gesprochenen Sätze: »Ehe denn der ätherische Christus von den Menschen in der richtigen Weise erfasst werden kann muss die Menschheit erst fertig werden mit der Begegnung des Tieres, das 1933 aufsteigt«.[13] Vergegenwärtigt man sich die Geschichte »Mitteleuropas« – und der anthroposophischen Gesellschaft – ab dem Jahr 1933, kann man nur feststellen, dass beide die Prüfung nicht bestanden haben, sondern in größerem oder geringerem Umfang dem Tier, das aus dem Abgrund aufstieg, verfallen sind. Auf realgeschichtlicher und bewusstseinsgeschichtlicher Ebene ist dieses Tier aber bis heute nicht überwunden. Vielmehr erhebt es sein Haupt gegenwärtig in anderer Gestalt von neuem. Und wieder stellt sich die Frage, ob Mitteleuropa, ob jene Kultur, die ihr »Ich« an Christus gebunden hat, der die Aufgabe gestellt ist, die Begegnung von Mensch zu Mensch zum Sakrament zu erheben,[14] diese Prüfung bestehen wird oder endgültig verschwindet. Was im 20.  Jahrhundert nicht geschehen ist, die »allmähliche Ausbreitung des Christus-Prinzips über den ganzen europäischen Kontinent«, klingt als weitgehend ungehörter Aufruf durch das Europa des 21. Jahrhunderts.[15]

Der für das anthroposophische Selbstverständnis fundamentale Ereigniszusammenhang des Anbruchs des neuen Michaelzeitalters, des Auftritts seines Verkünders und der von ihm ausgegangenen Bewegung verlangte nach einer entsprechenden Würdigung. Diese sollte durch eine Goetheanumtagung mit dem Arbeitstitel »Anthroposophie und der geistige Auftrag Europas« erfolgen, die im November 1979 in Wien geplant war. Durch dieses Projekt stellte sich die anthroposophische Gesellschaft in ein ganzes Gewebe für ihre Identität symbolisch hoch bedeutsamer Zusammenhänge, die alle in der Rede anklingen, die Reimar Thetter, der Vertreter der österreichischen Landesgesellschaft und Verantwortliche dieses Projektes auf der Generalversammlung 1978 vortrug.[16]

Schon die einleitenden Sätze seiner Ansprache knüpften das beabsichtigte Geschehen in der äußeren Welt an das metahistorische Narrativ, aus dem die Gesellschaft nach wie vor ihre Legitimation bezog. Der Plan sei zustande gekommen, als Manfred Schmidt-Brabant 1977 in Wien weilte »und der genius loci ihm zuflüsterte, hier ist der Ort und die Zeit, wo eine Goetheanumtagung 100 Jahre nach Beginn der Michaelsperiode stattfinden soll«. »Goetheanumtagungen« waren keine Veranstaltungen mit lediglich lokaler Bedeutung, sie sollten, wie Thetter sagte, die »lokalen Landesgesellschaften gewissermaßen erhöhen in den Rang einer allgemeinen, weltweiten Anthroposophischen Gesellschaft und zu verwirklichen versuchen, was in dieser Anthroposophischen Gesellschaft aktuell lebt«. Die Aufmerksamkeit der gesamten Mitgliedschaft sollte 1979 auf den November des Jahres 1879 hingelenkt werden. Hinblicken müsse man auf das, was »der Künder der neu angebrochenen Michaelsepoche«, Rudolf Steiner, zu dieser Zeit erlebt habe. Aus der Anonymität sei der Jüngling, dessen Seelenentwicklung sich in der »Einsamkeit und Geborgenheit des Natur- und Volkszusammenhangs der österreichischen Landschaft« vollzogen habe, damals (mit 18 Jahren) hervorgetreten. Aus der Isolation seines dörflichen Wohnorts (Neudörfl) sei er in die Geselligkeit des Wiener kulturellen Lebens gezogen. Durch die Begegnungen und Gespräche, die er in der Kaiserstadt erlebte, sei seine Seele »geformt« worden, damit sie die »Geistesoffenbarung nach dem Ablauf des Kaliyuga« (1899) in sich aufzunehmen vermochte. Im Kräutersammler Felix sei er einem »Vertreter des mittelalterlichen Rosenkreuzertums« begegnet, später jenem geheimnisvollen Meister, der in seine Seele »die Kontinuität zu den alten Mysterienströmungen gelegt« habe, in Karl Julius Schröer der »irdischen Fortsetzung« jenes Vertrages, der zu Beginn der Neuzeit zwischen Platonikern und Aristotelikern geschlossen worden sei, der den Auftrag an die Aristoteliker enthielt, den »Erkenntnisboden« für die erneute Offenbarung des Platonismus am Ende des 20. Jahrhunderts zu bereiten. Schröer habe Steiner an Goethe, den einstigen Platoschüler, verwiesen, an den anknüpfend er die erkenntniswissenschaftlichen Grundlagen der Anthroposophie geschaffen habe. Die Begegnung mit Rosa Mayreder habe ihren Niederschlag in der »Philosophie der Freiheit« gefunden, die Auseinandersetzung mit dem Aristoteliker Franz Brentano die Grundlage für die in der Schrift »Von Seelenrätseln« 1917 veröffentlichte Dreigliederung (der physiologischen Funktionssysteme) geschaffen. Die Begegnung mit Fercher von Steinwand und den Zisterziensermönchen von Heiligenkreuz habe seine Erlebnisse von Reinkarnation und Karma konkretisiert. Durch all diese persönlich-überpersönlichen Begegnungen sei Steiners Seele »zubereitet« worden, um die Offenbarung in Empfang zu nehmen, die »bei Eröffnung der Schleusen der geistigen Welt« nach Ablauf des Kaliyuga in die Bewusstseinsseelenentwicklung der Menschheit hereinströmen sollte.

Immer mehr steigerte sich Thetter im weiteren Verlauf seiner Ansprache in eine perennialistische Interpretation der Anthroposophie und der Gesellschaft hinein. Steiner, fuhr er fort, sei »nicht nur Geistesforscher«, »Künder der geistigen Welt« und »Menschheitsführer« gewesen, sondern er habe auch die Wege gewiesen, um die »Geistesoffenbarung des 19. Jahrhunderts«[17] in den Seelen der Einzelnen und in einem Gesellschaftszusammenhang irdisch zu beheimaten. Die »Krönung« dieses Bemühens um irdische Beheimatung sei – »wir wir wissen« – die Neubegründung der Anthroposophischen Gesellschaft gewesen, durch die eine Menschengemeinschaft zum Gefäß für die immerwährende Erneuerung der Offenbarung geworden sei, die der Menschheit seit dem Anbruch der Michaelsperiode zuströme. Dieses Zuströmen sei mit dem Tod Steiners nicht etwa »beendet«. Allerdings sei es davon abhängig, dass »Menschen und Menschenvereinigungen« sich bereitmachten, das Zuströmende in sich aufzunehmen.

So weit, so gut, könnte man sagen, immerhin formulierte Thetter eine Bedingung und ging nicht selbstredend davon aus, auch in der gegenwärtigen Anthroposophischen Gesellschaft ströme die michaelische Geistesoffenbarung ungebrochen und in stetiger Erneuerung fort. Aber er schränkte diese Bedingung sogleich wieder ein, wenn er behauptete, zur Aufnahme dieser Offenbarung befähigten die Begegnungen und Gespräche, die »auf dem Boden der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft« gepflegt würden. Durch diese Aussage und die auf sie folgenden Sätze wurde die traditionelle Legitimationserzählung der anthroposophischen Gesellschaft konkretisiert und verdichtet, die auch die Zukunft dieser Gesellschaft untrennbar mit dem Strom des Heiligen verband, das nach gängiger Auffassung mit Steiner und durch die Weihnachtstagung in sie einzufließen begonnen hatte. Denn die der Gesellschaft von ihrem Begründer zugewiesene Aufgabe sei es, das Erscheinen und Wirken »der Platoniker« vorzubereiten, das am Ende des Jahrhunderts bevorstehe. Durch Steiner selbst sei der Auftrag an die Aristoteliker, »die Bewusstseinsseele durch Spiritualisierung des Intellekts zur Aufnahme geistiger Offenbarung zu bereiten«, bereits erfüllt worden, aber zum Aufgabenbereich der Anthroposophischen Gesellschaft, mit der sich Steiner – vermutlich »immerwährend« – verbunden habe, gehöre es, diesen Auftrag fortzusetzen und zu vollenden – unter Einbezug der zu erwartenden platonischen Offenbarung am Jahrhundertende. Damit werde – von den Mitgliedern der anthroposophischen Gesellschaft – die Aufnahme des Geistselbstes beim Übergang in die sechste Kulturepoche vorbereitet. Was die Mitglieder der Gesellschaft heute taten, bereitete also Geschehnisse vor, die sich in der Mitte des 4. Jahrtausends nach Christus abspielen sollten. Einen »immerwährenden Auftrag« schrieb Thetter der Gesellschaft zu, die Aufgabe »des europäischen Westens« und Mitteleuropas, dem Osten Europas die »goldenen Eimer zur Entwicklung des Geistselbstes zu reichen«.

Problematisch an diesen Überlegungen ist vielleicht weniger, dass sie insgesamt eine Paraphrase von Ausführungen darstellen, die sich ausnahmslos bei Steiner finden, problematisch ist vielmehr, dass sich aus Steiners Aussagen im Verlauf der nach seinem Tod verflossenen Jahrzehnte eine hier erneut aktualisierte Erzählung geformt hatte, die immer mehr auf eine Identifikation einer von ihm menschheitlich verstandenen Aufgabenstellung mit einer gesellschaftlichen, derjenigen der anthroposophischen Gesellschaft nämlich, hinauslief. Und ebenso fragwürdig erscheint der gigantische Überbau, der hier herangezogen wurde, um die Veranstaltung einer Tagung in Wien zu begründen.

Thetter stellte die geplante Goetheanumtagung noch in weitere Traditionslinien oder symbolische Kontexte. Natürlich stand an erster Stelle der Bezug auf Steiner: dieser habe bereits als Kind sieben Jahre lang täglich die Grenze zwischen Transleithanien und Cisleithanien überschritten und damit realsymbolisch die Vermittlung zwischen Ost und West zum Ausdruck gebracht. 1922 habe der West-Ost-Kongress in Wien diese Realsymbolik gewissermaßen auf den Begriff gebracht.[18] Die anvisierte Tagung solle zum Ausdruck bringen, wie »der Impuls«, auf den die Gesellschaft zurückblicke, in ihr fortwirke. Seit dem Ende des zweiten Weltkriegs bemühe sich die anthroposophische Gesellschaft in Österreich darum, diesen Impuls zu verwirklichen (wie wir aus Thetters Berichten bei vorangegangenen Generalversammlungen wissen, leider nicht sonderlich erfolgreich) und diesem Ziel werde auch die geplante Veranstaltung dienen. Durch sie solle mitgewirkt werden an der Schaffung eines »Organs«, in das sich »etwas Neues hineinversenken« könne, das zugleich »Teil jener immerwährenden Offenbarung« sei, »aus der heraus die Anthroposophie durch Rudolf Steiner geworden ist«. »Immerwährender Auftrag« – »immerwährende Offenbarung« – »immerwährende Erneuerung«: »immerwährend« ist ein Synonym für »ewig« und die Verwendung dieser Begriffe im Kontext einer bürgerlichen Gesellschaft macht das Ausmaß an Verblendung deutlich, in der die Eliten dieser Gesellschaft gefangen waren.

Thetter erhoffte sich von dieser Tagung, dass sie nicht im Hintergrundrauschen der vielen kulturellen Veranstaltungen Wiens untergehen werde, sondern vielmehr selbst zu einer »kulturellen Tat« werde, wobei nicht ganz klar ist, ob er die Kultur der anthroposophischen Gesellschaft oder der Gesellschaft im allgemeinen meinte. Er erhoffte sich von ihr einen Hinweis darauf, dass es nicht nur eine Anthroposophie gebe, »die in einer Schatzhöhle gehortet« werde, »aus der heraus die Menschheit begabt werden kann, sondern dass es einen Menschenzusammenhang gibt, in dem diese Anthroposophie schöpferisch-lebendig wirksam ist, sich weiterhin entwickelt und ihre befruchtenden und erneuernden Impulse in die Kulturwelt einfließen lässt«.

Noch einmal ließ der österreichische Generalsekretär am Ende seiner Ausführungen Motive der Metahistorie aufklingen, um alle Zweifel an der Bedeutung des bevorstehenden Ereignisses auszuräumen. Der Veranstaltungsort liege nicht nur in der Landschaft, aus der Rudolf Steiner herausgeboren sei, er liege geologisch und geschichtlich an der Kreuzung einer europäischen Nord-Süd- und Ost-West-Achse. Im Burgenland unweit Wiens, wo der Osten an Mitteleuropa heranbrande, in der Burg Lockenhausen, sei das Urbild der Templerszene in Steiners Mysteriendrama zu suchen, hier habe auch Gilgamesch bei Utnapischtim, in der Nähe Neudörfls, wo Steiner seine Kindheit verbracht habe, die Einweihung gesucht. Dieser landschaftliche, geistgeographische Untergrund kultureller Impulse könne weiterwirken, wenn er denn ins Bewusstsein gehoben werde.

Die durch Thetters Rede leicht berauschte Versammlung dürfte abrupt in einen Zustand der Nüchternheit versetzt worden sein, als Michael Knapp das Wort ergriff und begründete, warum er nicht bereit war, den Vorstand für seine Amtsführung zu entlasten.[19] Er brachte seine Unzufriedenheit darüber zum Ausdruck, dass Udo Hermannstorfer bei der Generalversammlung 1977 durch einen Geschäftsordnungsantrag Gerhard Kienles daran gehindert worden sei, seine Kritik am Vorstand zu erläutern. Tatsächlich hatte Hermannstorfer bemängelt, dass bei der Kooptation Gisela Reuthers der seit Oktober 1971 kaltgestellte Herbert Witzenmann, dessen Funktionen in Vorstand und Hochschule seither als »ruhend betrachtet« worden waren, nicht mit in die Beratungen oder Überlegungen einbezogen wurde. Der schon 1977 reichlich anachronistisch wirkende Vorstoß Hermannstorfers erhielt durch die Weigerung Knapps, den Vorstand für seine Geschäftsführung zu entlasten, eine geradezu bizarre Note, zumal nach einer gemeinsamen Mitteilung Witzenmanns und Clara Kreutzers vom März 1974 Witzenmann selbst sich bis auf weiteres als »beurlaubt« betrachtete. Damit war er, was seine Mitwirkung im Vereinsvorstand anbetraf, gewissermaßen in den Zustand eines Schläfers eingetreten, der durch die Tatsache der Vorstandserweiterung aus seinem Schlaf erweckt worden war. Allerdings hatte er sich nicht selbst zu Wort gemeldet, sondern der Antragsteller stellvertretend für ihn.[20] Hinzu kam, dass das Protokoll der Generalversammlung die Wortmeldung Hermannstorfers nur verstümmelt wiedergegeben hatte, was dazu führte, dass im Nachrichtenblatt eine Berichtigung veröffentlicht werden musste. Da jedoch über den Geschäftsordnungsantrag 1977 ordnungsgemäß abgestimmt worden war, gab es am Verhalten der Versammlungsleitung nichts zu bemängeln. Unterstützt wurde Knapp durch Johannes Zwiauer, dem es auch nicht gefiel, wenn jemandem das Wort entzogen wurde. Er bat darum, einen solchen Vorgang künftig durch vermittelnde Worte seitens des Vorstandes zu entschärfen.

Da sich nun auch der Musiker Caspar Bergsma (*1940) zu Wort meldete, und Manfred Schmidt-Brabant vorwarf, dieser habe eine Diskussion über Hermannstorfers Anliegen mit dem Argument unterdrückt, über einen Geschäftsordnungsantrag auf Beendigung der Debatte sei keine Aussprache möglich, fühlte dieser sich bemüßigt, in die Debatte einzugreifen. Schmidt-Brabant berief sich auf das übliche Verfahren, Geschäftsordnungsanträge vorrangig zu behandeln und solche, die sich auf Beendigung einer Debatte bezögen, umgehend zur Abstimmung zu stellen. Dieses Verfahren ist nicht nur üblich, sondern auch logisch: würde über einen solchen Antrag, seine Zulässigkeit oder Unzulässigkeit erst lange debattiert, führte sich dieses Instrument der Selbstkorrektur eines diskursiven Verhandlungsprozesses von selbst ad absurdum. »Manche Freunde« so Schmidt-Brabant, »haben hinterher gesagt: Hätte man nicht begütigend, erläuternd diesen Geschäftsordnungsantrag behandeln können? Aber gerade das wäre als eine Manipulierung der Generalversammlung erschienen. In dem Augenblick, wo die Versammlung selber sich zu einer Willensentscheidung aufruft, hat der Versammlungsleiter die Pflicht, der Versammlung die Möglichkeit zu geben, sich über den Antrag selbst im klaren zu werden durch einen Entscheid. Alles Dazwischenreden des Versammlungsleiters wäre ein Eingriff in die Freiheit der Versammlung. ... Es gibt andere Geschäftsordnungsanträge, z.B. Zusammenfassung bestimmter Beschlüsse, bestimmter Anträge, solche, die die Reihenfolge der Traktanden verändern und ähnliche. Solche können auch einer inhaltlichen Debatte unterliegen. Nach dem üblichen Gebrauch jedenfalls liegt für Geschäftsordnungsanträge auf Schluss der Debatte keine inhaltliche Erörterung mehr vor«. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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Anmerkungen:

[1] Rudolf Steiner, Die okkulten Wahrheiten alter Mythen und Sagen, GA 92, Dornach 1999, 24.06.1904, S. 15.ff.

[2] Rudolf Steiner, Mythen und Sagen. Okkulte Zeichen und Symbole, GA 101, Dornach 1992, 16.09.1907, S. 189.

[3] Rudolf Steiner, Die Apokalypse des Johannes, GA 104, Dornach 2006, 29.06.1908, S. 235.

[4] Rudolf Steiner, Der Orient im Lichte des Okzident, GA 113, Dornach 1982, 30.08.1909, S. 171.

[5] Rudolf Steiner, Vorstufen zum Mysterium von Golgatha, GA 152, Dornach 1990, 18.05.1913,S. 38 ff.

[6] Rudolf Steiner, Aus den Inhalten der esoterischen Stunden I, 1904-1909, GA 266/1, Dornach 1995, S. 255-257. Das Ereignis war allerdings in theosophischen Kreisen schon früher bekannt. 1893 hielt der Theosoph C.G. Harrison vor der Berean Society sechs Vorträge über »Geheimwissen, Theosophie und katholischen Glauben«, die 1897 unter dem Titel »Das Transcendentale Weltall« auf Deutsch erschienen. Die Übersetzung besorgte Carl Graf zu Leiningen-Billigheim, ebenfalls ein Mitglied der Theosophischen Gesellschaft. Im vierten dieser Vorträge führte Harrison aus: »Das Jahr 1879 bezeichnete den Schluss einer Epoche im intellektuellen Leben Europas und Amerikas. In diesem Jahre errangen die Heerscharen des Lichtes unter dem Erzengel St. Michael einen entscheidenden Sieg über die Heerscharen der Finsternis, von Beelzebub und Mammon geführt, in einer Reihe von Schlachten, welche sich über einen Zeitraum von 30 bis 40 Jahren erstreckten«. Harrison, Das transcendentale Weltall, 1897, o.O., S. 79.

[7] Rudolf Steiner, Menschenschicksale und Völkerschicksale, GA 157, Dornach 1981, 19.01.1915, S. 94 f.

[8] Rudolf Steiner, Das Geheimnis des Todes, GA 159, Dornach 1981, 18.05.1915, S. 281.

[9] Rudolf Steiner, Anthroposophische Leitsätze, GA 28, Dornach 1998, S. 97-98.

[10] 1908 spricht Steiner vom Christusprinzip als der »höchsten Potenz der Liebe«, GA 105, Dornach 1983, 12.08.1908, S. 134.

[11] Rudolf Steiner, Das Prinzip der spirituellen Ökonomie im Zusammenhang mit Wiederverkörperungsfragen, GA 109, Dornach 2000, S. 256. 1907 bezeichnete Steiner in Aufzeichnungen für Edouard Schuré das Christusprinzip als den »zentralen kosmischen Faktor der Evolution« und setzte die Austilgung dieses Prinzips »aus der westlichen Kultur« mit der »Auslöschung des eigentlichen Sinnes der Erde« gleich. Siehe Rudolf Steiner, Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904-1914, GA 264, Dornach 1996, S. 349. – Diese Auffassungen werfen auch ein Licht auf die derzeit wieder kontrovers diskutierte Frage, ob »der Islam« zu Deutschland bzw. Europa »gehöre« oder nicht. Aus anthroposophischer Sicht kann man vielleicht sagen: Wenn man Deutschland oder Europa nicht geographisch oder ethnisch, sondern spirituell versteht, dann gehört der Islam, sofern er dieses »ICH« in sich aufzunehmen und ihm im einzelnen Menschen Geltung zu schaffen vermag, sehr wohl dazu, sofern er dazu nicht in der Lage oder bereit ist, jedoch mit Bestimmtheit nicht. – Es sei an dieser Stelle an Ibn Arabi erinnert, einen Sufimystiker des 12./13. Jahrhunderts, der in seinen »Mekkanischen Offenbarungen« schrieb: »Jesus war unser erster Meister, unter dessen Händen wir zu Gott zurückkehrten. Er sorgt sich sehr um uns und vergisst uns auch nicht einen Augenblick. Ich hoffe, dass wir, so Gott will, die Zeit seiner Herabkunft noch erleben mögen«. Siehe: Muhyiddin Ibn Arabi, Der sagenhafte Greif des Westens, Norderstedt 2012, S. 20.

[12] Rudolf Steiner, Aus schicksaltragender Zeit, GA 64, Dornach 1959, 14.01.1915, S. 184.

[13] Rudolf Steiner, Apokalypse und Priesterwirken, GA 346, Dornach 2001, 20.09.1924, S. 239-240.

[14] Rudolf Steiner, Der Tod als Lebenswandlung, GA 182, Dornach 1996, 16.10.1918, S. 146.

[15] Die ausführlichste Darstellung des Michael-Themas findet sich im Dornacher Vortrag vom 14. Oktober 1917. Rudolf Steiner, Die spirituellen Hintergründe der äußeren Welt, GA 177, Dornach 1999, 14.10.1917, S. 158 ff. Siehe auch: ders., Die Sendung Michaels (1919), GA 194 sowie ders., Anthroposophische Leitsätze. Der Erkenntnisweg der Anthroposophie. Das Michael-Mysterium (1924-1925), GA 26.

[16] Was in der anthroposophischen Gesellschaft vorgeht. Nachrichten für deren Mitglieder, 55. Jg., Nr. 23, 4. Juni 1978.

[17] Da das neue Michaelzeitalter 1879 begonnen hatte, konnte der Beginn seiner Offenbarung durch die Anthroposophie ins 19. Jahrhundert datiert werden. Entsprechend Steiners eigenem Selbstverständnis gehörte seine wissenschaftliche Grundlegung der Goetheschen Erkenntnismethoden wesentlich zu dieser Offenbarung und damit zur Anthroposophie.

[18] Rudolf Steiner, Westliche und östliche Weltgegensätzlichkeit. Wege zu ihrer Verständigung durch die Anthroposophie. Zweiter internationaler Kongress der anthroposophischen Bewegung in Wien vom 1. bis 12. Juni 1922, GA 83, Dornach 1981. Zu diesem 57 Jahre zurückliegenden Ereignis ließ sich kein zahlensymbolischer Bezug herstellen.

[19] Was in der anthroposophischen Gesellschaft vorgeht. Nachrichten für deren Mitglieder 55. Jg., Nr. 24, 11. Juni 1978.

[20] 1979 sollte es zu einem letzten heroischen Auftritt Witzenmanns bei einer Generalversammlung kommen.

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