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Adolf Arenson: Rudolf Steiner und der Bodhisattva des 20. Jahrhunderts

Adolf Arenson (1855-1936)

Vortrag am 30. März 1930, dem Todestag Rudolf Steiners in Stuttgart. Wiederholt auf der Generalversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft am 28. April 1930 in Dornach. Arenson war 75 Jahre alt als er diesen Vortrag hielt.

Meine lieben Freunde!

An dem Tage, da unser großer Lehrer und Führer den physischen Plan verließ, stellte sich die Forderung, die er in der Weihnachtstagung erhoben hatte, in einer ganz besonderen Weise vor unsere Seele. Damals, in den Weihnachtstagen 1923, wurde kraft seines Wortes, das den Willen der geistigen Lenker unserer Erdenmission verkündete, eine Einheit geschaffen zwischen dem, was wir als die anthroposophische Bewegung kennen, und unserer Anthroposophischen Gesellschaft, die bis dahin nur der äußere Rahmen für jene Bewegung gewesen war. Damit aber war die Forderung an jedes Mitglied der Gesellschaft gestellt, seine Zugehörigkeit in einem neuen Lichte zu erschauen; wir wurden gewürdigt, die Verantwortung den geistigen Mächten gegenüber, die bis zu jenem Zeitpunkt Rudolf Steiner getragen hatte, mit ihm zu teilen. Und als ein Zeichen für die Eins-Werdung von Bewegung und Gesellschaft, das aber nicht nur Zeichen, sondern zugleich Realität war, stellte er sich selbst an die Spitze der Gesellschaft. Vertrauensvoll konnten wir seine Gabe hinnehmen, denn er war es ja, der uns leitete, der uns vor falschen Schritten zu bewahren wusste. Mit einem Schlage war das alles anders geworden in dem Augenblick, wo er nicht mehr leibhaft unter uns war. Jetzt steigerte sich unsere Verantwortung ins Unermessliche – ohne auf den weisen, liebe-erfüllten Rat unseres Führers bauen zu dürfen, mussten wir von nun an Weisheit und Liebe nur bei uns selber suchen – und wir wussten, in wie spärlichem Maße unsere Seele diese höchsten Güter barg. In dieser schweren Lage waren wir beim Tode Rudolf Steiners – sind es heute noch. Man kann diese Schilderung unserer Lage entmutigend empfinden. Aber man kann ihr gegenüber auch einen andern Standpunkt einnehmen: den, dass es gerade jetzt gilt, all unsere Kräfte anzuspannen, um das Lebenswerk Rudolf Steiners in Reinheit zu erhalten, es der Menschheit zugänglich zu machen. Und dann kann uns eine große Freudigkeit überkommen, ein Gefühl der Beglückung, dass solch eine Aufgabe uns anvertraut wurde. Und die Aktivität, die aus dieser Beglückung erwächst, kann uns hinweghelfen über den Schmerz, unseren großen Führer nicht mehr in unserer Mitte zu sehen.

Aber eines ist notwendig, wenn wir das Werk Rudolf Steiners in der Menschheit verbreiten wollen: dass wir selbst es kennen, dass wir selbst es verstehen!

Wenn ich sage »verstehen«, so brauche ich dieses Wort natürlich mit einer gewissen Einschränkung. Denn wir wissen ja alle, dass unser Verständnis in der Gegenwart nur ein begrenztes sein kann. Aber soweit eben unser heutiges Denken dazu imstande ist, sollten wir das, was wir den andern bringen wollen, selbst im Innern erfasst haben! Das Geistesgut, das in Tausenden von Vorträgen niedergelegt ist, gibt ja dem heutigen Denken unzählige Rätsel auf. Wir stoßen da auf offenbare Widersprüche, und mehr noch: wir gehen an tiefen Geheimnissen, die sich hinter den Worten Rudolf Steiners verbergen, ahnungslos vorbei. Deshalb glaube ich, dass es im Sinne des Geistes Rudolf Steiners ist, wenn ich heute, am Gedenktage seines physischen Todes, versuchen möchte, ein anthroposophisches Gebiet zu beleuchten, das heute noch ziemlich ungeklärt ist.

Seit dem Beginn seines Wirkens hat Rudolf Steiner von jenen Sendboten gesprochen, die aus geistigen Welten vorbereitend wirken, damit die großen Etappen unserer Entwicklung sich in der richtigen Weise vollziehen können. So mussten sie in der Vergangenheit vorarbeiten, um die Menschheit reif zu machen, den Christus zu empfangen; und wiederum ist jetzt und in der Zukunft ihre Aufgabe, das, was durch den Christus in die Menschheit einfließen soll, ihr zuzuführen. [25.10.1909, GA 116] In der orientalischen Namengebung heißen diese Sendboten »Bodhisattvas«, und Rudolf Steiner betont: »Erst wenn man sich an ihnen orientiert hat, steigt man in entsprechender Weise hinauf zur Erkenntnis dessen, was der Christus für die Menschheit gewesen ist, sein kann und fortwährend sein wird.« [17.10.1910, GA 124]

Nun werden Sie begreiflich finden, dass der Geistesforscher nur schwer die Worte findet, um uns mit unseren irdischen Vorstellungen und Gedanken ein Bild dieser hohen Wesenheiten zu vermitteln. Das empfindet man lebhaft, wenn man daran geht, die einzelnen Aussprüche Rudolf Steiners zusammenzustellen. Oft scheinen sie auf den ersten Blick sich geradezu zu widersprechen; oft ist die Ausdrucksweise eine so subtile, so schwer verständliche, dass man einzelne Sätze erst nach wiederholtem Lesen, manchmal erst nach Wochen und Monaten versteht. Deshalb ist es auch ganz unmöglich, hier in kurzem ein klares, erschöpfendes Bild von dem Wesen der Bodhisattvas zu geben – das ist nur in intimer Arbeit des Einzelnen zu erreichen. Aber ein anderes ist möglich. Man kann die großen charakteristischen Züge zusammenstellen, und dadurch kann man sich ein Verständnis verschaffen, wie diese Wesenheiten in unsere menschliche Entwicklung eingreifen, wie sie immerdar bestrebt sind, im gegebenen Moment ein Neues in unsere Menschheitsentwicklung einfließen zu lassen.

Das habe ich versucht, und da ergibt sich das folgende Bild: Ein Bodhisattva ist nicht etwa ein hochentwickelter Mensch, sondern ein Bodhisattva ist eine hohe geistige Wesenheit, die niemals so wie wir auf Erden gewandelt ist – und auch nicht etwa wie der Christus, der ja real in den Hüllen des Jesus wohnte.

Rudolf Steiner sagt, dass ein Bodhisattva ein Teil jener Wesenheit ist, die man als den großen Lehrer der Menschheit bezeichnen kann; die in den verschiedensten Epochen und in der verschiedensten Weise sich manifestierte und die man in der christlichen Anschauung als den »Heiligen Geist« bezeichnen würde. [31.8.1909, GA 113; Adolf Arenson widerspricht hier Steiner: »So sehen wir, dass ein Bodhisattva ein menschliche Wesen ist, welches beständig mit der geistigen Welt verbunden ist und nicht ganz in der physischen Welt lebt. Seine Wesenheit ist gleichsam zu groß, um in einen menschlichen Körper Platz zu finden, nur ein Teil reicht in die irdische Hülle hinab, der größere Teil bleibt in den geistigen Welten. Der Bodhisattva ist infolgedessen stets im Zustande der Inspiration.« Rom, 13.4.1910.] Rudolf Steiner stellt es im grandiosen Bilde dar: »So gehören zu dem Christus zwölf Bodhisattvas, die vorzubereiten und weiter auszubauen haben, was er als den größten Impuls unserer Kulturentwicklung gebracht hat. Da erblicken wir die Zwölf – und in ihrer Mitte den Dreizehnten. Damit sind wir aufgestiegen in die Sphäre der Bodhisattvas und eingetreten in einen Kreis von zwölf Sternen – und in ihrer Mitte die Sonne, die sie erleuchtet und erwärmt, von der sie jenen Lebensquell haben, den sie dann wieder herunterzutragen haben auf die Erde.«

Weiter sagt Rudolf Steiner, dass die Bodhisattvas die Lehrer der Menschheit sind, dass der Quell der Lehren aber der Christus ist. [5.9.1910, GA 123] Und: Jeder Bodhisattva hat eine bestimmte Mission in der Erdenentwicklung. Wenn diese Mission vollbracht ist, braucht er sich nicht mehr in einem physischen Leibe zu verkörpern. Darm wird er ein »Buddha«, das heißt die Individualität, die als Bodhisattva niemals ganz in die menschliche Gestalt hineingegangen ist, zieht in der letzten Inkarnation völlig hinein, zieht sich dann aber auch wieder zurück in gewisse geistige Höhen und darf von da aus die Angelegenheiten der Menschheit weiter lenken. [16.9.1909, GA 114] Das war zum Beispiel bei dem Bodhisattva der Fall, der in der Inkarnation von Gautama Buddha zur Buddhawürde aufstieg. Das wird auch dereinst bei dem Nachfolger des Buddha, bei dem gegenwärtigen Bodhisattva, der Fall sein, aber erst in 3000 Jahren von heute an; und seine künftige Buddhawürde wird bezeichnet als Maitreya-Buddha. [14.10.1911, GA 131]

Nun ist es außerordentlich irreführend, dass sehr häufig Rudolf Steiner denjenigen Menschen, durch den der Bodhisattva sich äußert, einfach den »Bodhisattva« nennt. Er folgt hier dem orientalischen Sprachgebrauch. So spricht er häufig von dem »wiederverkörperten« Bodhisattva. Und so nennt er auch Jeshu ben Pandira oft den Nachfolger desjenigen Bodhisattvas, der sich in der letzten Inkarnation des Gautama Buddha zur Buddhawürde erhob. Allerdings drückt er sich dann auch wieder ganz präzis aus, wenn er sagt; »Jeshu ben Pandira stand unter dem Schutze des Nachfolgers von Buddha, des neuen Bodhisattvas.« [4. 9.1910, GA 123] Aber wenn man nicht gerade diese Stellen kennt, kann man leicht zu der Auffassung kommen, dass derjenige Mensch, der so unter dem Schutze des Bodhisattvas steht, selbst der Bodhisattva ist!

Das ist nämlich sehr wichtig zu wissen; denn die vage Auffassung, was eigentlich ein Bodhisattva ist, die unter unseren Mitgliedern heute ziemlich allgemein ist, stammt aus dieser oft ungenauen Ausdrucksweise; die andererseits nicht einfach »zufällig« bei Rudolf Steiner ist – wir werden das noch im Verlaufe dieser Ausführungen verstehen. Jedenfalls aber hat er dafür gesorgt, dass für denjenigen, der zum Beispiel seine Zyklen genau kennt, diese Verwechslung des inspirierten Menschen mit dem Bodhisattva eine Unmöglichkeit ist. So sagt er im Zyklus 9 im 9. Vortrag 3, dass wir solche »Verkörperungen« nicht alle nach der Schablone auffassen müssen. «»Man kann«, sagt er, »von einer immer und immer wiederkehrenden Verkörperung der Bodhisattvas sprechen; muss aber wissen, dass der Bodhisattva hinter all den Menschen, in denen er sich verkörpert hat, gestanden hat als Teil derjenigen Wesenheit, die selber die personifizierte Weisheit unserer Welt ist.« Und vorher sagt er: dass nur, wenn man die Sache so versteht, man auch andere Individualitäten, die wiederum große Lehrer sind, eine Verkörperung des Bodhisattva nennen kann. Und in Rom sagte er am 13. April 1910: »Seine Wesenheit (die des Bodhisattva) ist gleichsam zu groß, um in einem menschlichen Körper Platz zu finden. Nur ein Teil reicht in die irdischen Hüllen herab; der größere Teil bleibt in den höheren Welten.« [13.4.1910, GA 118]

Nach diesen ein für alle Male geltenden Erklärungen hat, wenn ich mich so ausdrücken darf, Rudolf Steiner die Berechtigung, fernerhin von den »Verkörperungen« des Bodhisattva zu sprechen, denn nun kann man nicht mehr dem genannten Irrtum verfallen.

Ja, aber, meine lieben Freunde, wer kannte aus den vielen Vorträgen gerade diese wenigen Stellen! Und außerdem: wie leicht vergisst man solch Aussprüche, deren Wichtigkeit man im Augenblick nicht durchschaut!

Also dieses müssen wir in den folgenden Ausführungen stets gegenwärtig haben, sonst werden wir uns nicht verstehen. Wir kommen nun zu der Betrachtung des Jeshu ben Pandira, von dem Rudolf Steiner sagt, dass er 105 Jahre vor Christo der Leiter jener Bewegung war, die sich im Therapeuten- und Essäertum gab und der beseelt war von demjenigen Bodhisattva, der der Nachfolger des Buddha war.

Rudolf Steiner sagt, dass Jeshu ben Pandira unter dem Einfluss des ihn inspirierenden Bodhisattva das Kommen des Christus vorbereitete; denn er hatte die Aufgabe, wenigstens bei einigen wenigen Menschen das Verständnis zu wecken für das, was der Christus sein werde, für die Tatsache, dass die Zarathustra-Individualität sich in einem Spross der salomonischen Linie des Hauses David inkarnieren werde.

Und ferner sagt Rudolf Steiner, dass der Bodhisattva, der der Inspirator, der Beschützer des Jeshu ben Pandira war, immer wieder sich verkörpert hat und dass auch für das 20. Jahrhundert eine dieser Verkörperungen anzusetzen ist. [14.10.1911, GA 131] In Zweigvorträgen in Leipzig sagte er nun in bestimmter Weise: »Jeshu ben Pandira, der nahezu alle hundert Jahre einmal verkörpert gewesen ist seitdem, er ist auch jetzt schon verkörpert und wird der eigentliche Verkünder des Christus im ätherischen Gewände sein, gleichwie er damals den Christus als physischen Christus verkündete.« [GA 130]

Und jetzt, meine lieben Freunde, kommen wir zu einer wichtigen Charakterisierung, in welcher Weise diese so genannte Verkörperung des Bodhisattva durch die Individualität des Jeshu ben Pandira sich kundgibt. Rudolf Steiner sagt, dass immer, wenn der Bodhisattva wiederverkörpert erscheint, »die Menschen erleben werden, dass da oder dort ein mehr oder weniger begabtes Kind lebt, dem man es nicht anmerkt, dass es zur Vorbereitung der künftigen Menschheitsentwicklung Besonderes zu leisten hat«. [16.9.1909, GA 114]

Dann, im Vergleich zum Christus-Ereignis, wo die Jesus-Individualität die Hüllen verließ und der Christus statt des Jesus diese Hüllen bezog, sagt Rudolf Steiner weiter: «Bei dem Bodhisattva wird es so sein, dass zwar auch so etwas wie eine Auswechslung eintritt – aber die Individualität bleibt in gewisser Weise, und die Individualität, die dann eintritt – die neue Kräfte für die Entwicklung der Menschheit bringen soll, die taucht unter – und ein solcher Mensch erlebt dadurch eine gewaltige Umwandlung. Diese Umwandlung tritt besonders zwischen dem 30. und 33. Jahre ein. Und immer ist es so, dass man es niemals wissen kann, bevor diese Verwandlung eintritt, dass gerade dieser Leib ergriffen werden wird von dem Bodhisattva.» »Das ist das Kennzeichen«, sagt Rudolf Steiner. Dasselbe finden wir ebenso prägnant ausgedrückt in einem Vortrage, den Rudolf Steiner am 1. Oktober 1911 [GA 130] in Basel gehalten hat. Klar geht daraus hervor, dass, wenn von einem Menschen gesagt würde, der diese Umwandlungsjahre – also frühestens vom 30. Jahre an – noch nicht erlebt hat, er sei der künftige Bodhisattva, man also genau wüsste: der ist es sicher nicht. Und diese Auffassung wird durch Rudolf Steiner selbst bestätigt: »Und man würde am besten erkennen, dass irgendwo das Richtige nicht getroffen worden, wenn man von einem jüngeren Menschen, als der 30 Jahre alt ist, sagen würde, dass der Bodhisattva sich in ihm zeige. Daran würde man gerade das Unrichtige erkennen.«

[GA 130; Gegenüber Friedrich Rittelmeyer äußerte Steiner 1921: »Jeshu ben Pandira wurde zu Beginn des Jahrhunderts geboren, und wenn wir noch 15 Jahre leben; können wir etwas davon erleben.«]

Das alles ist von außerordentlicher Wichtigkeit! Denn hätte Rudolf Steiner diese Kennzeichen nicht so klar, so eindeutig zum Ausdruck gebracht, dann stünden wir vor der Gefahr, den Bodhisattva dort zu suchen, wo er nicht zu finden ist. Und diese Gefahr würde eine andere, noch größere Gefahr in sich schließen. Ich erinnere Sie an die Worte Rudolf Steiners, die ich ihnen vorhin zitiert habe: dass man zu einer Erkenntnis der Christus-Tat nur dann aufsteigen kann, wenn man zuerst an den Bodhisattvas sich orientiert hat. Das aber heißt nichts Geringeres als: dass mit dem Nichterkennen des Sendboten Christi im 20. Jahrhundert die Gefahr bestünde, auch den Christus selbst nicht zu erkennen, wenn er in ätherischer Gestalt erscheint.

Und dass diese Gefahr wenigstens – sagen wir – der Möglichkeit nach vorhanden ist, davon zeugt das Folgende:

Meine lieben Freunde, ich lege nicht allzu großen Wert auf die Absonderlichkeiten, die von Zeit zu Zeit in unserer Gesellschaft auftauchen. Sie wissen, Rudolf Steiner hat diese Dinge, solange sie harmlos waren, selbst oft mit einem gewissen Humor behandelt. So erzählte er einmal, dass er, ich glaube 12 oder 20 wiederverkörperte »Maria Magdalenas« kennen gelernt hat und Ähnliches. So etwas kommt und geht wieder. Aber wenn, ein Gerücht sich hartnäckig jahrelang behauptet, dann kann man es einfach nicht ignorieren. Denn, nicht wahr, ein solches Gerücht könnte doch auch Wahrheit enthalten! Und ein solches Gerücht kursiert seit einigen Jahren schon. Es lautet: dass in nächster Zeit der Bodhisattva auftreten wird, von dem Rudolf Steiner sagt, dass er im 20. Jahrhundert erscheint. Ja, es wird schon davon gesprochen, dass dieser zukünftige Bodhisattva an diesem oder jenem Ort sei, und sogar mehrere Namen wurden schon genannt. Und gestützt wird dieses Gerücht durch einen angeblichen Ausspruch Rudolf Steiners. Auf eine Frage, wie es sich mit dem kommenden Bodhisattva verhalte, soll nämlich Rudolf Steiner geantwortet haben: Der Bodhisattva sei zu Beginn des Jahrhunderts geboren und schaue mit Interesse auf die Entwicklung der Anthroposophischen Gesellschaft.

So ist es nicht nur mir, sondern auch anderen Freunden erzählt worden – in Stuttgart und auch in anderen Städten.

Schauen wir uns diese Sprüche, die, wie gesagt, seit längerer Zeit schon kursieren, ein wenig näher an.

Die Version, dass man von einer Persönlichkeit spricht, die der zukünftige Bodhisattva sein soll, ist natürlich nach all dem Gesagten ein Widerspruch in sich! Denn das Wesen des Bodhisattva ist ja: dass man ihn niemals eher erkennt, als bis er den Leib ergriffen hat, den er inspirieren, beseelen will – von einem »zukünftigen« Bodhisattva in dem Sinne zu sprechen, dass man den Menschen bezeichnet, dessen Leib der Bodhisattva ergreifen wird, ist ja gerade das, was Rudolf Steiner als eine Unmöglichkeit hinstellt!

Ich denke, ich brauche Ihnen das nicht nochmals an Hand der Zitate zu beweisen. Nun kann jemand mit dem Einwand kommen: Ja, aber ein hoher Eingeweihter macht doch eine Ausnahme! Der kann es doch wissen, wenn auch Rudolf Steiner sagt, dass niemand es vorher wissen könne. Das ist ein Einwand, der nur Zeugnis davon ablegen würde, dass derjenige, der diesen Einwand bringt, eben doch keine Ahnung von dem Wesen eines Eingeweihten hat. Ob der Eingeweihte es vorher wissen kann, diese Frage lasse ich unberührt – darüber zu entscheiden, steht mir nicht zu. Aber wenn er es weiß, dass er nicht darüber sprechen wird, das ist etwas, was jeder weiß, der mit den elementarsten Gesetzen des Okkultismus vertraut ist. Rudolf Steiner sagt, dass hier ein Gesetz walte, das er in künftigen Vorträgen weiter behandeln werde [14.10.1911, GA 131] – er spricht eben von dem Gesetz, dass niemand den Bodhisattva vorher erkennen könne. Ein Eingeweihter verletzt kein Gesetz, das aus geistigen Welten stammt. Wir dürfen unsere irdische Moral nicht zum Maßstab für den Eingeweihten machen!

Sie sehen, dieses Gerücht fällt in sich zusammen. Nur Unkenntnis dessen, was Rudolf Steiner über das Wesen der Bodhisattvas gesagt hat, kann zu dem eigentlich recht grotesken Ausspruch kommen: der oder jener Mensch sei der zukünftige Bodhisattva.

Anders verhält es sich mit dem Ausspruch, den Rudolf Steiner einem Mitgliede gegenüber getan haben soll. Ich bin im Allgemeinen recht skeptisch, wenn ich höre: »Rudolf Steiner soll gesagt haben ...« Aber ich könnte mir gut denken, dass diese Worte von ihm gesprochen worden sind, dass der Bodhisattva des 20. Jahrhunderts schon wieder »verkörpert« ist (Sie wissen ja, wie wir das Wort »verkörpert« aufzufassen haben!), das sagte er ja am 5. November 1911 in Leipzig. [GA 130] Ich zitierte Ihnen vorhin den Wortlaut. Aber da hat Rudolf Steiner natürlich keinen jüngeren Menschen gemeint, sondern eben einen älteren, der schon von dem Bodhisattva ergriffen ist. So aufgefasst ist dieser Ausspruch durchaus verständlich; es verstößt in keiner Weise gegen die geistigen Gesetze. Rudolf Steiner sagt mit diesen Worten ganz einfach: Der Mensch, der von dem Bodhisattva inspiriert ist, ist schon da, er weilt schon unter uns.

Aber die gerüchtweise gesprochenen Worte, »dass der Bodhisattva im Beginne des Jahrhunderts geboren sei«, die sind nicht so einfach zu verstehen. Mit der gewöhnlichen Erdenlogik aufgefasst, sind sie sogar ein kompletter Unsinn.

Bedenken Sie doch nur, einmal sagt Rudolf Steiner: »Wenn jemand einen Menschen unter 30 Jahren als den Bodhisattva bezeichnet, so ist das ein Kennzeichen dafür, dass der Bezeichnete es nicht ist.« Und dann bezeichnet Rudolf Steiner selbst einen Menschen, der unter 30 Jahren ist, als den Bodhisattva! Denn allerspätestens konnte Rudolf Steiner diesen Ausspruch im Beginn des Jahres 1925 tun. Anfang des Jahrhunderts geboren, konnte, der Betreffende im günstigsten Falle 24 bis 25 Jahre alt sein – also unter 30 – also ein Kennzeichen, dass er es nicht ist. Nicht wahr, das ist doch recht durchsichtig. Wenn ich nun vorhin sagte, ich könne mir gut vorstellen, dass Rudolf Steiner diesen Ausspruch getan hat, so werden Sie mich sofort verstehen, wenn Sie sich ein wenig darauf einlassen, dass der Eingeweihte seine besondere Sprache hat. Sie wissen, Heraklit nannte man den Dunklen, weil seine Aussprüche in dieser geheimnisvollen Sprache geprägt waren. Die Apokalypse ist voll dieser dunklen Worte – ich erinnere nur an die Zahl 666 oder an das Buch, das Johannes verschlingt. Rudolf Steiner hat das Opfer gebracht, in seinen Schriften und Vorträgen sich der Alltagssprache zu unterwerfen, damit die Welt draußen ihn verstehe. Aber auch er bedient sich häufig dieser Geheimsprache, die für den Materialismus unserer Zeit unverständlich und oft irreführend ist. So in seinen Mantrams, in den Wahrsprüchen usw. Und dann auch, wenn Fragen an ihn gestellt werden, die er nicht einfach nach dem Usus des Alltags beantworten kann. Wer in Unkenntnis dieser Tatsachen solche Fragen an ihn richtete – und wer von uns, der in ein persönliches Verhältnis zu ihm kam, hätte nicht solche Fragen an ihn gestellt? –, der weiß, in welche Unsicherheit und Zweifel einen oftmals die Antworten Rudolf Steiners versetzen konnten.

Wenn also dieser gerüchtweise verbreitete Ausspruch Rudolf Steiners wahr ist, so war es jedenfalls solch eine Frage, die dann Rudolf Steiner zu der Antwort veranlasste, dass der Bodhisattva im Beginn des Jahrhunderts geboren sei. Kannte der Fragesteller alles, was Rudolf Steiner über das Wesen des Bodhisattvas gesagt hatte, dann musste er sofort erkennen, dass die Antwort, im gewöhnlichen Sinne erfasst, ein Widersinn war, wie wir gesehen haben. Und dann musste er die tiefere Bedeutung zu ergründen suchen.

Welches aber kann diese tiefere Bedeutung sein? Fragen wir einmal: Was bedeutet das Geborenwerden, wenn wir es auf den Bodhisattva anwenden? Das Geborenwerden des Bodhisattva tritt ja erst nach dem 30. Jahre der dazu ausersehenen Persönlichkeit ein. Das haben wir ja gesehen!

Stellen wir es einmal in Parallele mit der irdischen Menschwerdung. In der irdischen Menschwerdung spielt die Dreizahl eine wichtige Rolle – Empfängnis, Embryonalentwicklung, Geburt. Auch bei dem Beseeltwerden eines Menschen durch den Bodhisattva haben wir es mit der Dreizahl zu tun.

1. Im 30. Jahre etwa ergreift der Bodhisattva den Leib des ausersehenen Menschen.

2. Vollzieht sich infolgedessen eine Verwandlung in diesem Menschen, ein vollständiger Umschwung.

3. Wenn der Bodhisattva den Menschen bis in den Ätherleib durchdrungen hat, dann tritt er mit seiner Mission offenkundig vor die Menschheit hin; dann ist er da, meine lieben Freunde, erkennbar für jeden, der von dieser Mission des Bodhisattva weiß. Sie begreifen: im übertragenen Sinne ist es durchaus richtig zu sagen: jetzt erst ist er der Welt geboren.

Und welches ist denn diese Mission des Bodhisattva? Rudolf Steiner sagt es deutlich und klar: »Jener Bodhisattva, der damals (in Jeshu ben Pandira) gewirkt hat für die Vorbereitung des Christentums, war immer wieder und wieder verkörpert.« [6.9.1910, GA 123]

Im Vortrag vom 4. November 1911: »Er ist auch jetzt schon verkörpert« und »Er wird der eigentliche Verkünder des Christus im ätherischen Gewände sein, gleich wie er den Christus damals als physischen Christus vorausverkündete«.

Weiter sagt Rudolf Steiner: »Wenn Jeshu ben Pandira (also der Bodhisattva durch ihn) in einer Wiederverkörperung in unserer Zeit hinweisen würde auf die Christus-Erscheinung, so würde er hinweisen auf den Christus, der nicht im Physischen erscheinen kann, sondern der da erscheinen muss in einem ätherischen Gewande; gerade so wie er dem Paulus vor Damaskus erschienen ist.« Und er fügt hinzu: »Gerade daran würde man ihn erkennen können.« Und als ein weiteres sicheres Kennzeichen gibt Rudolf Steiner an, dass er nicht etwa sich für den Christus ausgeben wird.

Und jetzt können wir fragen: Wo haben wir diese Individualität zu suchen, durch die der Bodhisattva, der ja, wie Rudolf Steiner betont, schon wieder unter uns Menschen wirkt, seine Mission erfüllt? Die Mission, den ätherischen Christus zu verkünden?

Ich stelle die Gegenfrage: Wer ist es, der als Erster und Einziger in der Menschheit das Kommen des Christus im Ätherleibe verkündet hat? Rudolf Steiner!

[Dazu Steiner: »Das ist das größte Geheimnis unseres Zeitalters: das Geheimnis von dem Wiederkommen des Christus ... In der ätherischen Gestalt wird der Christus wiederkommen in den genannten Zeiten. Da werden die Menschen wahrnehmen lernen den Christus, indem sie durch dieses Äthersehen hinaufwachsen werden zu ihm ... Die ersten Anzeichen von diesen neuen Seelenfähigkeiten (...) werden sich deutlicher zeigen in der Mitte der dreißiger Jahre unseres Jahrhunderts, ungefähr in der Zeit zwischen 1930 und 1940. Die Jahre 1933,1935 und 1937 werden besonders wichtig sein.« (Karlsruhe, 25.1.1910.)]

»Gerade daran würde man ihn erkennen«, sagt Rudolf Steiner, »dass er den ätherischen Christus verkündet.«

Nehmen Sie diese Worte ganz ernst, meine lieben Freunde! Sie besagen, dass nur Einer es sein kann, der den ätherischen Christus verkündet! Denn könnten es zwei oder mehr Menschen sein, die ihn verkünden, dann könnte Rudolf Steiner nicht sagen, »gerade daran« würde man den Bodhisattva erkennen, der durch Jeshu ben Pandira gewirkt hat, dass er den ätherischen Christus verkündet. Denn dann wären ja wieder dem Zweifel, dem Irrtum alle Tore geöffnet! Nur Einer kann es sein. Und dieser Eine, dieser Einzige war Rudolf Steiner!

Rudolf Steiner, der in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts jene Umwandlung erfuhr, der er in seinem »Lebensgang« ein ganzes Kapitel widmet [GA 28, Kap. 22], und der dann, immer mehr von dem Bodhisattva erfüllt und durchdrungen, mit der von ihm geschaffenen Anthroposophie vor die Welt hintrat und sich offenkundig als der Vorverkündiger und Vorbereiter des ätherischen Christus bekannte.

Sie sehen, man kann wiederum im übertragenen Sinne sagen: Das war die wahre Geburt des Bodhisattva, als Rudolf Steiner im Beginn des 20. Jahrhunderts als Anthroposoph und damit als Verkünder des ätherischen Christus der Menschheit seine Mission offenbarte.

Denn dass die Anthroposophie, die Schöpfung Rudolf Steiners, die Mission hat, den ätherischen Christus zu verkünden, das wird uns wiederum deutlich gesagt: »Es ist die Aufgabe der Anthroposophie, den Christus in ätherischer Gestalt zu verkünden« und: »Um dieses vorzubereiten, ist Anthroposophie da«. [GA 130]

Am 21. September 1911 in Mailand sagte er: »Ich appelliere in der Zeit des Intellektualismus nicht an Ihren Autoritätsglauben, sondern an Ihre intellektuelle Prüfung. Und der Bodhisattva des 20. Jahrhunderts wird auch nicht appellieren an irgendwelche Verkünder, die ihn als Maitreya-Buddha proklamieren: sondern an die Kraft seines eigenen Wortes. Und er wird als Mensch in der Welt allein stehen.« [GA 130] Immer wieder muss ich die Worte Rudolf Steiners wiederholen: »Daran würde man ihn erkennen.« Meine lieben Freunde, erkennen wir ihn! Suchen wir nicht weiterhin unter den Lebenden den so genannten Bodhisattva, das heißt den Menschen, durch den der Bodhisattva den ätherischen Christus verkündigen will. Der ätherische Christus ist ja schon verkündet! In mehr als hundert Vorträgen und auch in öffentlichen Schriften ist er seit mehr als 20 Jahren verkündet, seit dem Jahre 1908! Und der ihn verkündete, er hat unter uns geweilt, wir haben ihn geschaut, wir haben ihn gehört! Prüfen Sie mit Ihrem Intellekt, wie Rudolf Steiner es uns ans Herz legt, ob sich rächt in ihm alles das vereint, was uns als Kennzeichen dienen soll, um den vom Bodhisattva des 20. Jahrhunderts inspirierten Menschen zu erkennen.

Und bis in die intimsten Dinge hinein leuchtet diese Erkenntnis!

Als damals die Jesuiten-Verdächtigungen von Adyar aus über Rudolf Steiner verbreitet wurden, hielt Rudolf Steiner in Berlin einen zweistündigen Vortrag über seinen Lebensgang. Er schilderte seine Jugendzeit. Aber – sonderbar! – er sprach niemals in der Ich-Form, immer nur von »Rudolf Steiner«: »Rudolf Steiner tat dies und jenes«, »Rudolf Steiner hatte einen langen Schulweg« usw. So auffällig musste uns das erscheinen, dass Rudolf Steiner selbst den Satz einfügte: »Ich bitte Sie, es nicht für eine Art Koketterie zu halten, dass ich stets von Rudolf Steiner spreche ...« [4.2.1913, GA 38]

Meine lieben Freunde, heute verstehen wir es! Der Bodhisattva war es, der von Rudolf Steiner sprach. Er sprach von dem Menschen, durch den er sprach!

Und die andere Tatsache. Rudolf Steiner war niemals als Mitglied der Gesellschaft beigetreten. Nur Lehrer war er! Er gab die Schätze der Weisheit, die ihm anvertraut waren, den Menschen weiter und schaute der Entwicklung der Gesellschaft, die sich ja dann später von Adyar loslöste, beobachtend zu. Und als im Jahre 1923 sich zeigte, dass die Mitglieder selbst nicht die Kraft hatten, die Bewegung in richtiger Weise zu tragen, da identifizierte sich in heroischem Entschlusse Rudolf Steiner mit der Gesellschaft und wandelte sie mit diesem Schritte um in eine esoterische Gemeinschaft. In feierlicher Weise legte er den geistigen Grundstein zu dieser neu geschaffenen Schöpfung. Und wie eröffnete er diese Grundsteinlegung?

Nicht mit Worten, sondern mit geheimnisvollen Schlägen eröffnete Rudolf Steiner die Weihnachtstagung. Symbolische Schläge waren es, die nur denjenigen bekannt waren, die in der Vorkriegszeit gewissen Graden jener esoterischen Institution angehörten, deren Rudolf Steiner im 36. Kapitel seines »Lebensganges« Erwähnung tut. Eine deutliche Sprache sprachen diese Schläge. Sie sagten: »Das Neue, das ich euch geben will, knüpfe ich hiermit an an das vorhandene Frühere, treu dem Gesetze der Esoterik.« Das waren die Worte, die jene Schläge sprachen und die Rudolf Steiner selbst später verschiedenen Angehörigen jener vorkrieglichen Institution bestätigte.

Wenn ich – wahrhaftig mit tiefer Trauer – den Zwiespalt erschaue, den die Fiktion von der »alten und der neuen Esoterik« in unserer Gesellschaft geschaffen hat, dann empfinde ich die gewaltige Wahrheit des uralten Weisheitswortes: »Die Wurzel alles Übels, ist das Nichtwissen.« Gerade der Beginn der Weihnachtstagung war für jeden Kundigen ein prophetischer Protest gegen diese Fiktion! Lassen sich mich zusammenfassen, was ich in diesen Ausführungen gesagt habe; es könnten sich sonst mancherlei Missverständnisse aus ihnen ergeben.

Ich sage nicht: Rudolf Steiner ist der Bodhisattva des 20. Jahrhunderts. Denn diese hohe Wesenheit, die zu der Gemeinschaft des Heiligen Geistes gehört, war niemals in einem Menschen verkörpert. Er, der Bodhisattva, beseelte, er inspirierte denjenigen Menschen, den er zu seinem Werkzeug ausersehen.

Ich sage auch nicht: Rudolf Steiner ist der wiederverkörperte Jeshu ben Pandira; und auch nicht, dass er in 3000 Jahren der Maitreya-Buddha sein wird. Alles das sage ich nicht. Das zu zeigen ist nicht die Aufgabe dieser Stunde.

[Walter Johannes Stein schrieb in sein Notizbuch über das Gespräch mit Friedrich Rittelmeyer: »Rittelmeyer sagt: ›Im August 1921 sagte Rudolf Steiner über Jeshu ben Pandira: ,Wenn wir noch 15 Jahre leben, können wir etwas davon erleben. Jeshu ben Pandira ist an Anfang des Jahrhunderts geboren ...’‹«]

Was ich Ihnen darlegen wollte, damit Sie selbst es an den Worten Rudolf Steiners prüfen, ist dieses: Rudolf Steiner ist diejenige Persönlichkeit gewesen, die von dem Bodhisattva des 20. Jahrhunderts inspiriert wurde, durch die die Mission des Bodhisattvas des 20. Jahrhunderts erfüllt wurde:

Einmal, indem Rudolf Steiner zwei Jahrzehnte hindurch den ätherischen Christus verkündete und vorbereitete.

Und dann, indem er die Anthroposophische Gesellschaft schuf und sie durch die Weihnachtstagung zur Einheit mit der anthroposophischen Bewegung erhob, damit sie sein Werk weiterführe, wenn die Zeit seines irdischen Wirkens vorüber sei.

Nicht ohne Grund sagte er am 4. November 1911 in Leipzig: »Es ist die Aufgabe der Anthroposophie, den Christus in ätherischer Gestalt zu verkünden.« Das ist sein Vermächtnis an uns, durch das er auch nach seinem Tode noch der Verkündiger des ätherischen Christus geblieben ist. Und, meine lieben Freunde, eingezeichnet in den ätherischen Kosmos ist diese unsere Aufgabe und harrt der Erfüllung durch uns. Des sollten wir in jedem Augenblick eingedenk sein. Natürlich können noch mancherlei Fragen in uns aufsteigen. So die Frage: Weshalb dieses geheimnisvolle Verstecken? Konnte Rudolf Steiner nicht einfach mit offenkundigen Worten erklären: Ich bin derjenige Mensch, durch den der Bodhisattva des 20. Jahrhunderts spricht? Nein! Im Zeitalter der Intellektualität und der Freiheit wäre das ein Verstoß gegen beides gewesen. Unserem, an seinem Werke geschulten Intellekt musste es überlassen bleiben, den Sinn seiner dunklen Worte richtig zu erfassen, damit wir nicht durch die Autorität seiner Persönlichkeit vergewaltigt würden!

»Aber weshalb denn irreführend? Nicht genug, dass seine Worte dunkel sind, sie können uns geradezu in den Irrtum hineinführen!« Ebenso wenig wie wir jemals in Freiheit das Gute wählen konnten, wenn wir nicht die Möglichkeit hätten, auch das Böse zu tun – ebenso wenig kann diese Wahrheit zu selbsterrungenem Eigentum der Seele werden, wenn am andern Ende des prüfenden Erkenntnisstrebens nicht der Irrtum stünde.

Aber Andeutungen genug gibt er, die uns auf den richtigen Weg führen können. So im Zyklus 19 im 10. Vortrag [14.10.1911, GA 131], wo er uns sagt, woran man den vom Bodhisattva inspirierten Menschen erkennen könne. Und im 9. Vortrag des Lukasevangeliums, wo es wörtlich heißt: »Denjenigen, die in der Geisteswissenschaft bewandert sind, ist er wohl bekannt, und es wird schon einmal die Zeit kommen, wo über diese Tatsachen ausführlich gesprochen werden wird, wo auch der Name dieses Bodhisattvas zu nennen ist.«

Nicht wahr, damit ist einwandfrei gesagt: Der Bodhisattva ist da, er ist schon unter uns. Er ist sogar denen, die in der Geisteswissenschaft bewandert sind, wohl bekannt. Und eines Tages werdet Ihr auch seinen Namen erfahren!

Hier lassen Sie mich ein Persönliches einschalten, das mir wichtig erscheint, Ihnen mitzuteilen.

Man kann meine heutigen Ausführungen als »verstandesgemäß« auffassen. Sie sind es auch. Aber dieses Wort hat für manchen einen gewissen Beigeschmack. Deshalb glaube ich, dass es richtig ist, wenn ich das Folgende hinzufüge: Gewiss, meine Darstellungen waren rein gedanklicher Natur. Aber die Erkenntnis, dass Rudolf Steiner das Instrument des Bodhisattva des 20. Jahrhunderts war, die lebt in mir seit dem Jahre 1911. Das war keine intellektuelle Erkenntnis. Das war ein Erlebnis. Dass ich bis heute geschwiegen habe – selbst fünf Jahre noch nach dem Tode Rudolf Steiners –, ist, weil ich vorher nicht in der Lage war, es in rein gedanklichen Formen darzustellen, so wie Rudolf Steiner es von uns fordert. Und hier möchte ich ein richtunggebendes Wort Rudolf Steiners einfügen.

Als Carl Unger und ich eines Tages Rudolf Steiner fragten, wie weit wir in unseren Zweigvorträgen und auch in unseren öffentlichen Vorträgen gehen dürften mit Bezug auf das viele Esoterische, das er uns schon damals gegeben hatte, erwiderte Rudolf Steiner: »Alles, auch das Intimste, können Sie weitergeben, wenn es in rein gedanklicher Form entwickelt wird und wenn es sich logisch ergibt.« Das war fortan für uns beide das Richtunggebende für unsere Vorträge – und das wirft vielleicht auch ein Licht auf die vier letzten esoterischen Vorträge Carl Ungers.

Aber eben aus diesem Grunde konnte ich heute Ihnen nur einen Teil meines damaligen Erlebnisses darstellen – ich muss in Geduld abwarten, ob es mir gelingt, auch für das Übrige noch die gedankliche Form zu erringen.

Es ist nicht möglich, in einem Vortrag dieses Thema zu erschöpfen. Manche scheinbaren Widersprüche könnte ich selbst noch aufweisen. Aber was bedeuten diese kleinen Diskrepanzen gegenüber den überwältigenden Tatsachen, die ich vor Sie hinstellte!

1. Die Tatsache, dass Rudolf Steiner immer und immer wiederholt: Die Mission des Bodhisattva des 20. Jahrhunderts ist, dass er den ätherischen Christus vorverkündet, gleichwie es die Mission des Jeshu ben Pandira war, den physischen Christus vorzuverkünden – und an dieser Vorverkündigung würde man den vom Bodhisattva inspirierten Menschen erkennen.

2. Die Tatsache, dass Rudolf Steiner diese Aufgabe erfüllt hat, indem er als Erster und Einziger zwei Jahrzehnte hindurch der Vorverkünder des ätherischen Christus war.

3. Es gibt noch eine Stelle, wo er hat durchblicken lassen, dass er selber der vom Bodhisattva inspirierte Mensch ist. Ja, meine lieben Freunde, einmal hat er es ausgesprochen, wenn auch immer noch kaschiert, immer noch verdeckt – und zwar im Matthäusevangelium, im 10. Vortrag. [10. 9.1910, GA 123]

Dieses Kapitel beginnt mit einer ganz kurzen Rekapitulation des von ihm an den vorhergehenden Tagen Gesagten. Die Rekapitulation schließt er mit den Worten: »Das haben wir in den letzten Stunden auseinandergesetzt.« Und weiter: »Wir haben dann gestern die neun Seligkeiten als den Anfang der so genannten Bergpredigt von diesem Gesichtspunkte aus charakterisiert. Wir könnten noch weiter fortsetzen« usw. Wer ist denn dieser »Wir«? Natürlich Rudolf Steiner. Er bedient sich da eben der rednerischen Gepflogenheit, im Plural zu sprechen, gewissermaßen die Hörer mit einzubeziehen. Und so finden Sie in seinen Vorträgen häufig dieses »Wir«, das natürlich als »Ich« zu verstehen ist.

Und nun lesen Sie den Schluss des 10. Vortrags: »... Und wenn die Essäer-Lehre in unserer Zeit wieder erneuert werden soll, wenn wir leben wollen – nicht im Geiste der Tradition von einem alten Bodhisattva, sondern im Sinne des lebendigen Geistes eines neuen Bodhisattva, so müssen wir uns ebenso inspirieren lassen von dem Bodhisattva, der einst der Maitreya-Buddha werden wird. Und dieser Bodhisattva inspiriert uns so, dass er darauf aufmerksam macht: die Zeit rückt heran, wo der Christus in neuer Form, in einem ätherischen Leibe, eine Gnade sein wird für die Menschen, welche durch eine neue Essäer-Weisheit die neuen Kräfte entwickeln in der Zeit, wo die Wiederkunft des Christus im ätherischen Gewande an die Menschen belebend herantreten wird. Ganz im Sinne des inspirierenden Bodhisattva, der der Maitreya- Buddha werden soll, wollen wir reden. Wir wissen dann, dass wir nicht im Sinne irgendeines Religions-Bekenntnisses von dem Christus reden, wie er wiederum wahrnehmbar werden soll für den physischen Plan, und wir scheuen uns nicht zu sagen: Uns wäre gleichgültig, wenn wir etwas anderes sagen müssten, weil wir es als Wahrheit erkennen; wir haben auch keine Vorliebe für irgendeine orientalische Religionslehre, sondern wir leben nur für die Wahrheit: wir sprechen es mit den Formeln aus, die wir kennen lernen aus der Inspiration des Bodhisattvas selber, wie die künftige Erscheinung des Christus sein wird.« Sie sehen, auch hier spricht Rudolf Steiner wieder in der »Wir«-Form, die aber nur eine Umschreibung der »Ich«-Form ist. Und jetzt bitte, berücksichtigen Sie das alles und hören Sie die vier in Frage kommenden Stellen der eben verlesenen Schlussseite noch einmal an:

1. »So müssen wir uns ebenso inspirieren lassen von dem Bodhisattva, der einst der Maitreya-Buddha sein wird.«

2. »Und dieser Bodhisattva inspiriert uns so, dass er darauf aufmerksam macht, dass ... usw.«

3. »Ganz im Sinne des inspirierenden Bodhisattva, der der Maitreya-Buddha werden soll, wollen wir reden.«

4. »Wir sprechen es mit den Formeln aus, die wir kennen aus der Inspiration des Bodhisattva selber«. Setzen Sie statt des umschreibenden »wir«, das Wort »ich«, das gemeint ist, dann haben Sie die Lösung.

Ja, die Dinge sind schon sehr ernst. Denn heute den Bodhisattva suchen, während derjenige, der seine Mission erfüllt hat, unter uns gelebt und gewirkt hat – heute den »zukünftigen« Bodhisattva suchen – was würde denn das bedeuten?

Das hieße die Tragik des Judentums erneuern. Unter den Menschen des Judentums hat der Messias, den die Propheten vorverkündet haben, gelebt und gewirkt. Und heute nach 2000 Jahren warten ihre Nachkommen auf den Messias. Heute noch gibt es im orthodoxen Judentum Menschen, deren erster Gang nach dem Erwachen morgens zum Fenster hin ist, um nach dem Osten auszuschauen, ob der Messias über Nacht gekommen ist. Gewiss, wir lächeln über solch veralteten Ritus in unserer aufgeklärten Zeit – aber eine unendliche Tragik spiegelt sich in ihm.

Uns vor einer ähnlichen Tragik zu bewahren, das erschien mir als eine heilige Pflicht.

Sie, meine lieben Freunde, darauf hinzuweisen, Sie aufzufordern zu einer unbefangenen Prüfung an dem Werke Rudolf Steiners selbst, das erschien mir als eine Aufgabe, die ich dem Geiste Rudolf Steiners schuldig bin – eine Aufgabe, würdig, um den Gedenktag Rudolf Steiners zu begehen.

• Elisabeth Vreede: Die Bodhisattvafrage in der Geschichte der anthroposophischen Gesellschaft, 9. und 11. Juli 1930


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