suche | spenden | impressum | datenschutz

Übersicht

Theosophische Vorgeschichte
 
Die Entfaltung der Anthroposophie
 
Aufschwung und Krise
 
Ringen um Erneuerung
 
Die Weihnachtstagung 1923-24
 
Rudolf Steiners Tod und seine Folgen
 
Alexanderlegende und ein Zirkel von Spiritisten
 
Streit um ein Testament
 
Sukzession und falsche Bodhisattvas
 
Scherbengerichte und Märtyrerkronen
 
Anthroposophie im Jahr der Machtergreifung
 
Die Neigungen der Welt
 
Ausschluss und Verbot
 
Ahrimans Unterpfand
 
Verhärtete Fronten – künftige Versöhnung
 
Der Prozess um den Nachlass Rudolf Steiners
 
Impromptu zwischen den Zeiten
 
Lauter ungelöste Fragen
 
Die beleidigte Gesellschaft
 
Das Schweigen der Lämmer
 
Das Ende einer Ära
 
Die Grösse eines Wagnisses
 
Die Bücher Rudolf Steiners gehören ins Goetheanum
 
Spirituelle Emanation
 
Weihnachstagung als ewige Aufgabe
 
Ein Tag von weltgeschichtlich negativer Bedeutung
 
Anrufung der Toten, Aufruf an die Lebenden
 
One giant leap
 
Getrübte Euphorie
 
Der Staub von zwanzig Jahren
 
Auszug aus Ägypten
 
Dem Gewissen kann man keinen Zwang antun
 
Es ist eine grenzenlose Qual gewesen
 
Großkampf der Widersachermächte
 
Geistorgan der Menschheit
 
Mysterienstätten und die Sehnsucht nach dem Geist
 
Mutter, Töchter und das Jahrhundertende
 
Die Opferhandlung Rudolf Steiners
 
Der Ruf aus der Geisteswelt
 
Der Untergang des Abendlandes
 
Ohne Angabe von Gründen
 
Ganz reale Widersachermächte
 
Prophete rechts, Prophete links
 
Ätherische Frühlingsfrische
 
Rudolf Steiners eigentliche Aufgabe
 
Ohne mehr Anthroposophie werden wir nichts leisten können
 
Die Verabschiedung eines Souveräns
 
Wachsende Anerkennung, zunehmende Bedrohung
 
Epiphanie eines Mythos – Teil 1
 
Epiphanie eines Mythos – Teil 2
 
Postume Rehabilitation
 
Eingriff des Widersachers
 
Andrängende Studentenwogen
 
Ballen und Spreizen
 
Wir haben eine Schlacht geschlagen
 
Deutscher Herbst
 
Sanfte Revolution
 
Die Weihnachtstagung kann gerufen werden
 
Auf der Suche nach dem unentdeckten Amerika
 
Anthroposophie im Dreipäpstejahr
 
Versäumte Versöhnung (1)
 
Versäumte Versöhnung (2)
 
Zwischen Erlösungsbedürfnis und anthroposophischer Mission
 
Kulturpolitik im Zeichen Michaels
 
Horizontale Schwellen
 

Elisabeth Vreede: Die Bodhisattvafrage in der Geschichte der anthroposophischen Gesellschaft.

Elisabeth Vreede (1879-1943)

Zwei Vorträge in Stuttgart, 9. und 11. Juli 1930. Vreede war 51 Jahre alt, als sie diese Vorträge hielt.

Erster Vortrag – 9. Juli 1930

Liebe, verehrte Freunde, als ich das letzte Mal hier vor Ihnen sprechen durfte [14. Mai 1930], da durfte ich auch eine Fortsetzung jener Vorträge in Aussicht stellen, da wir ja mit dem damals gestellten Thema nicht fertig geworden waren. Nun hat es sich so ergeben, dass ich, bevor von einer Fortsetzung die Rede sein konnte, jetzt wieder zu Ihnen sprechen darf.

Ich möchte nun versuchen, diesen Vortrag so zu gestalten, dass er doch etwas wie eine Fortsetzung enthält des damals Gesprochenen, dass man wiederum heraushören möchte die Art und Weise, wie unser Lehrer Dr. Steiner gewirkt hat in unserer Gesellschaft und wie er mit besonderen Problemen, wie demjenigen des Bodhisattvas, von dem wir jetzt sprechen werden – wie er eben diese behandelt hat.

Wenn wir die Frage des Bodhisattvas berühren, mit der sich ja viele Freunde in unserer Gesellschaft augenblicklich beschäftigen, werden wir wissen, dass unser Freund Herr Arenson über dieses Thema einen Vortrag gehalten hat [30. März 1930 in Stuttgart], der vielen bekannt sein wird, schon auch dadurch, dass er in dankenswerter Weise gedruckt worden ist, dass er die Zyklen- und Vortragsstellen, in denen Dr. Steiner über dieses Thema gesprochen hat, gesammelt hat, so dass man nun das viele Material, das da zusammengetragen worden ist, vor sich haben konnte.

Es ist selbstverständlich, dass man gegenüber dem Ernst, der aus dem Vortrag von Herrn Arenson spricht, einen ebenso großen Ernst will walten lassen, wenn dieses Thema jetzt hier vor uns behandelt werden soll.

Es ist gewiss richtig – so glaube ich –, was Herr Arenson gesagt hat, dass unter den Mitgliedern vielfach eine vage Auffassung über die Wesenheit des Bodhisattvas herrscht, und vielleicht liegt es eben daran, dass wir es da zu tun haben mit einem Begriff aus der orientalischen Kultur heraus, mit einem Begriff, der dem abendländischen Denken zunächst noch ferne liegt und der uns nur durch Rudolf Steiner nahegelegt worden ist, in der Zeit, von der ich Ihnen eben sprechen möchte.

Rudolf Steiner hat diesen Gegenstand nur behandelt im Zusammenhang mit dem orientalischen Geistesleben, wie dieses durch die Theosophische Gesellschaft geflossen ist, mit der wir ja früher vereinigt waren. Und so erscheint es mir notwendig oder richtig, dieses Thema eben in die Geschichte oder Vorgeschichte der Anthroposophischen Gesellschaft hineinzustellen und von dieser Seite aus zu versuchen, einen Zugang zu der Bodhisattvafrage zu bekommen.

Nun werden Sie finden, wenn Sie unsere ganze Literatur durchnehmen – die Zyklen und die anderen Vorträge, die ja auch größtenteils in irgendeiner Nachschrift da sind –, Sie werden finden, dass Dr. Steiner in den allerersten Jahren seines Wirkens bemüht war, das Orientalisch-Indische, das in der Theosophie lebte, in ein Abendländisches herüberzuführen. Er wollte nichts anderes lehren als abendländischen Okkultismus. Er fand vor, als er in der Theosophischen Gesellschaft zu wirken begann, die indische Theosophie und auch die Menschen, die ihr anhingen. Die ganzen ersten Jahre waren ein Bemühen, die Ausdrücke, an die sich die Mitglieder gewöhnt hatten, die sie aber im Grunde wenig durchschauten, hinüberzuführen in die entsprechenden abendländischen Begriffe, um dann allmählich die Menschen zu einer abendländischen Geistesforschung zu führen. [Vreede war 1900 mit 21 Jahren in Den Haag Mitglied der Theosophischen Gesellschaft geworden und lernte Steiner auf dem Theosophischen Kongress in London kennen].

Sie finden nun in den Jahren 1904,1905 einige Male eine Erwähnung von der Wesenheit des Bodhisattvas, so dass Dr. Steiner eine Art von Definitionen gibt in mannigfacher Art, wie er ja die Dinge von den verschiedensten Seiten zu beleuchten pflegte. So spricht, er von den Bodhisattvas in dem sogenannten »Zyklus von 31 Vorträgen« aus dem Jahre 1905 [Grundelemente der Esoterik, GA 93a], wo er das ganze Gebiet des indischen Okkultismus durchgegangen ist und fast alle Ausdrücke, die dort gebräuchlich waren, neu beleuchtet, gewissermaßen übersetzt, für die Mitglieder erklärt hat. Später ist er auf das allermeiste dieser Dinge nicht mehr zurückgekommen, weil er dann diejenigen Begriffe herausgearbeitet hatte, die für das abendländische Geistesleben verständlich sind.

Wir finden dann wiederum den Bodhisattvagedanken außerordentlich stark auftreten in den Jahren 1909 [GA 110, 113, 114, 116], 1910 [GA 123, 124], 1911 [GA 130, 131] und abklingend 1912 [GA 137], 1913 [GA 152], und von da an hat wieder über die Bodhisattvafrage Stille geherrscht. Sie war von ihm mit einem besonderen Ereignis verknüpft worden, von dem wir noch zu sprechen haben werden und das Ihnen im Großen und Ganzen bekannt sein wird. Wenn man diese Zeit mitgemacht hat – ich meine dasjenige, was da spielte als die Alcyone- oder Krishnamurti-Angelegenheit in der Theosophischen Gesellschaft –, dann hat man aus ihr außerordentlich starke Eindrücke mitbekommen können. Es war eine Zeit des stärksten Erlebens, was man da durchmachen konnte. Einiges davon wird Ihnen ja schon vertraut sein, insoweit Sie meinen letzten Vortrag hier gehört haben.

Wenn man nun versuchen will, die schwierigen Angaben Rudolf Steiners über die Bodhisattvas zu verstehen, kann es einem vielleicht helfen, wenn man erfährt, was einer als persönliches Erleben haben konnte in dem Mitmachen des außerordentlich starken, intensiven Erlebens der Bodhisattvafrage in jenen Jahren. Herr Arenson erwähnt eine ganze Reihe von Vorträgen, in denen die Bodhisattvafrage behandelt wird. Sie werden diese Vorträge alle finden in den Jahren 1909 bis 1912, hervorgerufen durch das, was die Theosophische Gesellschaft damals bewegte, an die wir ja gewissermaßen gekettet waren. Ich möchte Ihnen etwas erzählend vorführen von dem, was damals die Herzen und die Seelen durchziehen konnte, denn ich glaube, dass gerade die Schilderung dieser mehr seelischen Erlebnisse etwas mithelfen könnte zum Verständnis der Probleme, die jetzt aufgeworfen worden sind.

Bevor ich jedoch dazu komme, möchte ich etwas ausführlicher sprechen über die Lehre der Bodhisattvas, wie wir sie klar bei Rudolf Steiner finden und wie Sie sie auch in den Vorträgen von Herrn Arenson haben vernehmen können. Ich möchte dieses Gebiet zuerst aufgreifen, um nicht zu abstrakt zu sprechen über dasjenige, was dann zu sagen sein wird, und weil es gut ist, uns noch einmal zu vertiefen in dasjenige, was Rudolf Steiner uns darüber gelehrt hat. Insbesondere möchte ich anknüpfen an den wichtigen Vortrag, den ich später dann in die Geschichte der anthroposophischen Bewegung hineinstellen werde, den ich jetzt seinem Inhalte nach zugrunde legen will, um Ihnen dasjenige, was Rudolf Steiner unter Bodhisattvas versteht, etwas näher noch zu erläutern. Ich meine den Vortrag über die Sphäre der Bodhisattvas in dem Zyklus »Der Christusimpuls und die Entwickelung des Ichbewusstseins« [GA 116, 25.10.1909].

Wenn man dasjenige nimmt, was Dr. Steiner da sagt, so findet man: die Bodhisattvawesenheiten sind solche, die immer in der geistigen Welt sind und sich – wie Sie wissen werden – um den Christus herum scharen, die in einer Zwölfheit zum Christus gehören, seinen Anblick genießen und seine Lehre in sich aufnehmen – aber nur die Lehre –, um die Wesenheit, des Christus wiederum auf der Erde zu verkündigen, denn sie steigen nacheinander herunter auf die Erde, sie sind die großen Lehrer der Menschheit.

Man muss sie unterscheiden von denjenigen Wesenheiten, die Dr. Steiner die »Urlehrer der Menschheit« [GA 110, 15./16.04.1909] genannt hat, von denen er sagte, dass sie von einer bestimmten Zeit an von der Erde sich zurückgezogen haben und jetzt im Monde ihren Wohnort haben: Man muss sie unterscheiden von den Lehrern der Menschheit, die im Urbeginne der Erdentwicklung aus anderen Planeten herabgestiegen sind und die junge Menschheit in Künsten und Wissenschaften unterrichtet haben. Was die Menschheit an Handfertigkeiten, an Können, was sie an Wissen und auch an Künsten besitzt, das wurde ihr von Wesenheiten beigebracht; die zwischen der Menschenstufe und der Engelstufe stehen, Wesenheiten, die während der Mondenentwicklung zurückgeblieben sind und daher nicht voll zur Engelhierarchie gehören. Dr. Steiner nannte sie luziferische Wesenheiten, von denen die Menschheit aber viel Gutes erfahren hat, sozusagen ihre ganze Kultur bis weit in die griechische Zeit hinein. Die großen Heroen, die großen Helden der Vergangenheit, sie trugen einen luziferischen Geist auf dem Grunde ihrer Seele [GA 129, 21./22.08.1911].

Das ist eine andere Strömung als diejenige, die wir jetzt zu berühren haben.

Von den Bodhisattvas kann man nicht in der Weise sprechen – obwohl auch sie herunterstiegen zur Erde – wie von diesen luziferischen Wesenheiten. Wenn man sie in ihrer Zwölfheit betrachtet, kann man in ihnen ein Abbild des Tierkreises erblicken, und auch ein Abbild von ihnen in demjenigen, was der Christus Jesus auf Erden als seine zwölf Apostel um sich gehabt hat.

Dr. Steiner hat den Namen »Buddha« mit dem Namen Merkur, dem Weisheitsgotte, in Verbindung gebracht [GA 124, 13.03.1911 / GA 136, 13.04.1912], da es im Grunde genommen dasselbe Wort ist. So heißen auch die Bodhisattvas eigentlich »Weisheits-Wesenheiten«. Man kann in ihnen eine Art Merkurwesen sehen, die aber nicht luziferischer Natur sind, die sich frühzeitig zum Christus bekannt haben und ihm gefolgt sind, im Gegensatz zu den vorhin geschilderten Wesenheiten (die ja zum Teil auch vom Merkur stammen), die im Grunde genommen rebellische Geister waren, in der Entwicklung zurückgeblieben sind.

Von den Bodhisattvas sagt Dr. Steiner in Übereinstimmung mit der orientalischen Lehre: sie steigen einer nach dem anderen zur Erde hinunter, verkörpern sich eine Weile als Bodhisattva (ich will zunächst den Ausdruck gebrauchen), um dann zu der Buddhawürde aufzusteigen. Ein Bodhisattva, der zum Buddha geworden ist, kehrt nicht mehr zur Erde zurück, und es kommt dann der nächste Bodhisattva. Und was die Bodhisattvas auf Erden verrichten, das ist bis zum Mysterium von Golgatha ein Vorbereiten gewesen des Verständnisses der Menschen für das Mysterium von Golgatha. Und nachdem der Christus auf Erden erschienen ist, helfen sie dem Menschen, das Verständnis für die Christuswesenheit und seine Tat zu erringen. Sechs, so können wir rechnen, sind bis zum Mysterium von Golgatha herabgestiegen, und sechs andere werden folgen.

Nun sagt Dr. Steiner in diesem Vortrag [GA 116, 25.10.1909], dass die Bodhisattvas sich früher nie voll verkörpert haben, sondern dass man da einen Menschen gesehen hätte und hinter ihm wie herausragend eine mächtige geistige Gestalt. Die Gestalt ging nicht voll in die Leiblichkeit hinein, und es genügte für die Mission der Bodhisattvas, dass in solcher Weise ein Menschenwesen durchdrungen wurde und dasjenige aufnahm, was durch die Bodhisattvawesenheit gegeben werden konnte. Das ging so bis in die vierte nachatlantische Kulturperiode hinein. Dann war die Menschheit so weit gekommen, dass ein Bodhisattva, der sich nicht voll verkörpert hätte, sich nicht mehr hätte verständlich machen können. Die Erdendinge wären nicht sehr verständlich gewesen für eine Wesenheit, die sich so weit abseits gehalten hätte, dass sie nicht voll in eine Menschenwesenheit hineingegangen wäre. Dr. Steiner führt als Erläuterung das menschliche Gewissen an, das ja in der Zeit des 6., 7. vorchristlichen Jahrhunderts entstanden ist. Wir wissen, dass vorher die Menschen, wenn sie etwas Böses taten, die Furien, die Erinnyen erlebten von außen, die ihnen die Bosheit ihres Tuns vorhielten, während dann später in ziemlich rascher Entwicklung im Menschen selber die Stimme des Gewissens zu sprechen an fängt. So etwas hätte ein nicht in der irdischen Welt verkörpertes Wesen nicht verstehen können.

Wir müssen bedenken, dass die Bodhisattvas nicht in dem Sinne Lehrer sind wie die vorhin geschilderten, die dem Menschen tatsächlich allerlei Fertigkeiten, das Zählen, Rechnen, Schreiben usw. beigebracht haben, sondern ihre Lehren sind solche, die sich mehr auf das Moralische beziehen. Sie bringen eben den Abglanz dessen, was sie an der Christuswesenheit erlebt haben. Sie finden das in der Lebensgeschichte des letzten Bodhisattvas, der zum Gautama Buddha geworden ist, wo er selber schildert, wie ihm seine vorigen Inkarnationen aufgegangen sind. Diese scheinen sehr phantastisch für die heutigen menschlichen Begriffe. Er schildert zum Beispiel, wie er ein Hase gewesen sei und zu einem Einsiedler kam, der nichts zu essen hatte und hungerte. Da sprang der Hase aus Mitleid ins Feuer und ließ sich braten, damit der Einsiedler Nahrung bekommen sollte. Also eine Opfertat, aus Mitleid begangen, ist es, was der Buddha da schildert [GA 114, 17.9.1909]. – Und Dr. Steiner sprach davon, dass von dem jetzigen Bodhisattva ausgehen wird die Lehre von der Tugend, dass die Tugend wird gelehrt werden können, so dass die Lehre hineingeht in die menschliche moralische Entwicklung. Daher wird der zukünftige Buddha heißen: »der Buddha der guten Gesinnung« [GA 118, 27.02.1910], der Maitreya-Buddha, der Bringer des Guten in der Liebe, in der Freundschaft.

In jenem Vortrag nun, von dem wir sprachen, schildert Dr. Steiner, wie der Buddha, bevor er noch Buddha war, in der Inkarnation, wo er der Gautama Buddha wurde, etwa 600 Jahre v. Chr., wo die vierte nachatlantische Kulturperiode auch für Indien angefangen hatte, wie da die Notwendigkeit vorlag, dass die Bodhisattvawesenheit nun ganz durchdringe, ganz in einen Menschenleib hineinginge, um dasjenige kennenzulernen, was das Menschenlos auf Erden ist. Und wenn Sie von diesem Gesichtspunkt aus das Buddha-Leben betrachten, dann werden Sie sehen, wie eine Wesenheit von Stufe zu Stufe herangeführt wird an das Menschenleben, wo es Leid, Krankheit, Tod gibt. Und wie dieses eine Leben genügte, so sagte Dr. Steiner, um erkennen zu können, was das Erdenleben für eine Menschenseele bedeutet. – Und dann kam die Erleuchtung unter dem Bodhibaum, wodurch der Bodhisattva zur Buddhawürde aufsteigt. Sie können dieselbe Schilderung auch aus einem anderen Vortrag nehmen, der gerade hier in Stuttgart gehalten worden ist, und Sie werden sehen, wie Dr. Steiner dieses Buddha-Werden ganz anthroposophisch beschreibt. Wie abendländisch ist die Schilderung im Vergleich zu der gebräuchlichen orientalischen! Er legt das Hauptgewicht darauf, dass eine Wesenheit Mensch geworden ist und als Mensch seine Lehren gibt, die vorher nur inspiriert gewesen waren. Ich meine den Vortrag »Die Evangelien« [GA 117, 14.11.1909].

Dort spricht Rudolf Steiner über das Buddha-Werden des letzten Bodhisattvas: »Er hatte früher sozusagen sich selber leiten lassen von oben, hatte die Impulse empfangen von der geistigen Welt und sie weitergegeben. In dieser Inkarnation aber, 600 Jahre vor unserer Zeitrechnung, wurde er zur Buddhawürde erhoben im 29. Jahre seines Lebens, das heißt, in dieser Inkarnation erlebte er das, dass seine ganze Individualität in den physischen Leib hineinging.

Während er früher als Bodhisattva mit einem Teil draußen bleiben musste, um die Brücke schlagen zu können, so war das der Fortschritt zur Buddhawürde, dass er ganz im Leibe inkarniert war. Dadurch konnte er nicht nur durch Inspiration die Lehre von dem Mitleid und der Liebe empfangen, sondern in sich selber schauen und als die eigene Stimme des Herzens diese Lehre empfangen. Das war die Erleuchtung des Buddha im 29. Jahre seines Lebens unter dem Bodhibaum.

Da war es, dass ihm aufging die Lehre von dem Mitleid und der Liebe, unabhängig von den Zusammenhängen mit der geistigen Welt, als ein menschliches Seeleneigentum, dass er denken konnte die Lehre von dem Mitleid und der Liebe, die er ausgesprochen hat in dem achtfachen Pfad. Und die Predigt darauf ist die große Lehre von dem Mitleid und der Liebe zum ersten Male aus einer menschlichen Brust heraus!«

Sie sehen, das ist es, worauf hier die Betonung gelegt wird, dass sie zum ersten Mal aus einer menschlichen Brust ausgesprochen wird. In der orientalischen Anschauung wird der Hauptwert darauf gelegt, dass der Buddha sich nicht mehr zu verkörpern braucht, dass er eingeht in das Nirwana, wo ausgelöscht sind alle Begierden und alle Inkarnationen; das Eingehen in ein sogenanntes »Nichts«. Für diese auch im Abendlande gebräuchliche Auffassung war es eine große Überraschung, als Rudolf Steiner uns von der weiteren Aufgabe sprach, die der Buddha auch später verrichtet hat. Man bekam nicht den Eindruck, dass das, was mit dem Buddha vorging, als er in das Nirwana eingegangen war, dass das ein seliges Ruhekissen wäre, wie es in der orientalischen Lehre vorgestellt wird. Es wurde ihm eine hohe Aufgabe nach der anderen zuteil. Wir wissen, die letzte Aufgabe, die ihm gestellt wurde – sogar von einer menschlichen Wesenheit, von Christian Rosenkreutz –, war eine solche, die bis in die Sphäre des Mars hinaufführte und zu einer Tat, die wiederum als eine Opfertat bezeichnet werden kann [GA 137, 11.6.1912; GA 130, 18.12.1912; GA 141, 22.12.1912]

Diese Auffassung ist eine historische, wie sie der abendländischen Forschung eignet, die nicht haltmacht da, wo die Buddha-Wesenheit in die geistige Welt gleichsam verschwindet, sondern noch über das, was dann später mit ihr geschieht, zu berichten weiß, während es die Eigenart östlicher Geisteshaltung ist, dass sie gerade diese Dinge mehr verschwommen lässt, sich nicht dafür interessiert, was mit dem Buddha nach dem Erreichen des Nirwana geschehen ist, und mehr die rhythmische Wiederkehr der wiederholten Erdenleben der Bodhisattvas betont.

Nachdem ich dies vorausgeschickt habe, möchte ich nun das Folgende sagen. Dr. Steiner gebraucht in dem Vortrag über »Die Sphäre der Bodhisattvas» den Ausdruck, dass, wenn die weisen Weltenlenker weiter die Politik verfolgt hätten, den Bodhisattva sich nicht ganz inkarnieren zu lassen, so wäre das nicht gegangen. Weil der Kontakt mit der Menschenwelt nicht genügend mehr dagewesen wäre. So musste schon der nächste Bodhisattva sich in einer ganz anderen Weise mit der Menschenwelt verbinden,

Es ist gewiss schwierig, die Zusammenhänge der großen Weltenlehrer mit der menschlichen Wesenheit zu schildern, denn es sind nirgends so tiefe Geheimnisse verborgen als da, wo es sich um die Verkörperungen der großen Lehrer der Menschheit handelt. Und, wenn man auch einige Einzelheiten mitzuteilen vermöchte, so stehen wir doch immer vor großen Rätselfragen. Nehmen Sie zum Beispiel nur die bedeutsame Stelle im Zyklus XIX »Von Jesus zu Christus« [GA 131, 14.10.1911], wo Dr. Steiner über Jeshu ben Pandira spricht, wie er da plötzlich Moses und die Propheten erwähnt – das genügt schon, um zu zeigen, dass da große Geheimnisse verborgen liegen. Da, wo aus der geistigen Welt heraus Beschlüsse gefasst werden für die Verkörperung einer Wesenheit, da hören die Schemen, die man sich machen kann, auf. Der Orient liebt solche Schemen, liebt es, das regelmäßige Kommen und Gehen der Bodhisattvas zu betrachten, und achtet wenig auf die einzelnen Unterschiede, die da in den verschiedenen Zeiträumen sein müssen. Aber von unserm Zeitraum, vom vierten nachatlantischen Zeitalter angefangen, sagte Rudolf Steiner, dass der Bodhisattva sich zwar verbindet mit einer Menschenwesenheit, aber dass die Individualität dieser Menschenwesenheit zu gleicher Zeit bleibt in einer gewissen Weise. Es ist nicht so wie bei dem Christus Jesus, wo das Ich des Jesus die Hüllen verließ bei der Jordantaufe, sondern das Ich der Menschenpersönlichkeit bleibt auch vorhanden, wenn der Bodhisattva in ihn einzieht [ebd.].

Wir haben daher auf eine Individualität zu schauen, die der Träger der Bodhisattvawesenheit ist. Und wenn man die Zeit mitgemacht hat, wo Dr. Steiner über den Bodhisattva gesprochen hat und über Jeshu ben Pandira [GA 123, 4./ 5.9.1910], dann konnte man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass eine durch alle Verkörperungen durchgehende Menschenwesenheit gemeint war, die in Beziehung steht zu dem Bodhisattva. Gewiss, man kann oft Rätselfragen aufsteigen fühlen, wenn man die einzelnen Stellen liest, die von dieser Frage handeln. Gerade, weil das möglich ist, möchte ich auch dasjenige erwähnen, was ich selber als persönlichen Eindruck hatte: dass es sich dabei handelte um die immer wieder zurückkehrende Jeshu-ben-Pandira-Individualität, die in einem bestimmten Zeitpunkt ihres Lebens immer wieder schicksalsmäßig mit der Wesenheit des Bodhisattvas verbunden wurde.

 

Nach dieser Einleitung möchte ich nunmehr eingehen auf jene Zeit, da Dr. Steiner so oft und mit einer solchen Kraft über die Bodhisattvas gesprochen hat. Es unterliegt für mich keinem Zweifel, dass dieses Sprechen hervorgerufen wurde durch dasjenige, was sich in der Theosophischen Gesellschaft damals abgespielt hat. Das Ende ist ja auch heute noch nicht da, der Vorhang über dieses Drama immer noch nicht gefallen.

Es war die Zeit in den Jahren 1909 bis 1910, als die Führerin der theosophischen Bewegung, Annie Besant, immer wiederum schrieb, man könne spüren, wie die Menschenherzen dem Geistigen besonders aufgeschlossen seien. Die Menschen erwarteten einen Weltenlehrer, den Bodhisattva. Und etwas später konnte man hören: die Menschen erwarteten den Christus, ja sogar, in Indien finde man, dass die Menschenseelen in der Erwartung eines Christus leben, der sich wiederverkörpern werde. Und dann ging es bald mehr ins Konkrete, dass geschrieben wurde: Er wird kommen, er ist da, der Christus, der der Bodhisattva ist, denn das ist dieselbe Wesenheit! Das eine – so wurde gesagt – ist nur der orientalische, das andere der okzidentalische Name. Und es wurde dann hingewiesen auf den Hinduknaben Krishnamurti, der diese Verkörperung sein sollte. Annie Besant sagte einmal darüber: »Im Abendlande nennt man ihn den Christus, im Morgenlande nennt man ihn den Bodhisattva.« Und sie fügte hinzu: »Ich ziehe es vor, ihn Bodhisattva zu nennen.« [In der Juli-August-Nummer 1912 der Zeitschrift »Theosophy in India«, schrieb Annie Besant: »Ich glaube, dass der höchste Lehrer von Göttern und Menschen, der im Osten der Jagat Guru und der Bodhisattva, im Westen der Christus heißt, innerhalb der nächsten dreißig Jahre auf Erden erscheinen wird ... Diesmal wird er, so glaube ich, einen indischen Körper tragen.«]

Dr. Steiner nahm das sehr ernst, er sprach mit großer Strenge darüber, dass in okkulten Angelegenheiten nie eine subjektive Vorliebe herrschen dürfe. Wenn bestimmte Namen gebraucht werden, so darf keine persönliche Willkür herrschen. Diese Namen: Christus, Bodhisattva, Buddha, haben eine ganz bestimmte Bedeutung und dürfen nicht verwechselt werden.

Ja, Annie Besant sagte auch (und dieser Fehler war nicht neu, sondern ging durch die ganze Geschichte der Theosophischen Gesellschaft): Der Christus (der zugleich der Bodhisattva sein sollte), der ist auch derjenige, der in Jeshu ben Pandira verkörpert war. [In ihrem Buch »Esoterisches Christentum«, Berlin 1903, behauptete Besant, Jesus sei 105 vor Christus geboren worden und identifizierte ihn mit dem Lehrer der Essäer Jeshu ben Pandira, s. S. 92 f.]. Ein wahrer Rattenschwanz an Verwechslungen war da. Nun stand Dr. Steiner vor der Tatsache, dass Dinge behauptet wurden, die gegenüber dem wahren Okkultismus grobe Fehler waren. Dr. Steiner betonte immer, dass Lehren die verschiedensten sein können in einer Bewegung, die auf Geistigem gegründet ist; hier aber handelte es sich um Wesenheiten, deren Namen genannt wurden und mit verkörperten Menschenwesen in Beziehung gebracht wurden, da kann nicht das eine mit dem anderen verwechselt werden, ebensowenig wie – um einen recht trivialen Vergleich zu gebrauchen – Herr Müller zu gleicher Zeit Herr Meier sein kann. Dr. Steiner versuchte das zurechtzurücken, damit Klarheit herrschen könne in diesen Dingen.

Heute mag es uns von vorneherein schrecklich konfus vorkommen, was damals behauptet wurde: der Christus und der Bodhisattva seien dieselbe Wesenheit. Damals war es aber geeignet, die größte Verwirrung hervorzurufen. Nun ging diese ganze Verwirrung auf einen Urfehler zurück, den schon Blavatsky begangen hatte. Blavatsky war eine so geartete Persönlichkeit, dass sie eben starke okkulte Antipathien hatte. Rudolf Steiner hat uns ja erzählt, dass es auch im Okkultismus so etwas geben könne wie ganz subjektive Antipathien. Eine solche Antipathie hatte Blavatsky zum Beispiel gegen die Jahve-Wesenheit als Mondgottheit und all das, was mit dem Monde zusammenhängt, aber auch gegen den Christus und das Christentum überhaupt, wie es sich mehr oder weniger unvollkommen in den Vertretern des Christentums verkörpert [GA 254, 18.10.1915; GA 258, 11.6.1923]. Und wenn Sie die ersten Veröffentlichungen der Theosophischen Gesellschaft, zum Beispiel die ersten Jahrgänge der Zeitschrift »The Theosophist« [seit 1879] in die Hand bekommen würden, so würden Sie ein wüstes Geschimpfe auf den Christus Jesus finden, dass Ihnen ganz schlecht dabei zumute werden könnte.

Solche Dinge, die am Ausgangspunkt stehen, sind sehr stark karmabildend für eine geistige Gesellschaft. Das ist dann etwas, womit eine solche Gesellschaft nicht fertig werden kann. Es gehört eben zu dem schlechten Karma der Theosophischen Gesellschaft, von Anfang an keine Beziehung zu dem Christus gehabt zu haben, sogar eine Antipathie gehabt zu haben. Später versuchte die deutsche Abteilung der Theosophischen Gesellschaft lange vor Dr. Steiner in einer etwas kläglichen Weise Christliches einfließen zu lassen. Das wurde von »oben« her nicht gerne gesehen.

Dass man aber in der Gesellschaft selber in Bezug auf den Christus ins Absurde gekommen ist, das hat schon mit dem schlechten Karma dieser Gesellschaft zu tun. Man verwechselte Jesus von Nazareth mit Jeshu ben Pandira. Man sagte: Der Jesus, von dem die Evangelien reden, hat hundert Jahre vor unserer Zeitrechnung gelebt. – Ich erinnere mich, wie mir einmal jemand sagte: Wenn die Blavatsky doch so in der Akasha-Chronik zurückschauen und im Jahre 105 v. Chr. den Jeshu ben Pandira sehen könne, dann hätte sie doch auch den Jesus im Jahre Null sehen müssen! Diese Persönlichkeit meinte, das Schauen, das gehe so wie am Schnürchen der Zeiten entlang. Dem ist aber nicht so. Man kann geistig dasjenige nicht schauen oder nicht richtig schauen, wogegen man seine Antipathien hat. Und dieser Fehler, er wirkt immer weiter. Annie Besant ist es passiert, als sie von sich aus versuchen wollte, Christliches in die Theosophische Gesellschaft hineinzubringen, nachdem sie vorher durch eine lange Periode des Atheismus gegangen war – da hat sie ein Buch geschrieben: »Esoterisches Christentum«. Es wird etwa 1902 erschienen sein [engl. Erstausg.1897; dt. Übers. 1903]. Es wurde von Dr. Steiner sogar sehr gelobt, weil es ihn freute, dass man in der Gesellschaft versuchte, zu einem Erkennen des Christus zu kommen [GA 34]. In dieses Buch hat Annie Besant dasjenige, was sie von ihrer Jugend her vom Christentum wusste, hineingelegt, aber auch wieder den Irrtum hineinverflochten von der Verwechslung des Jesus von Nazareth mit Jeshu ben Pandira, indem sie sagt, er sei geboren 105 v. Chr., er wurde »zum Tode geführt« – von einem Kreuzestod wird nicht gesprochen, denn man nimmt ja geschichtlich an, dass Jeshu ben Pandira nicht eigentlich gekreuzigt worden sei, und daher wird auch für den Christus Jesus, infolge dieser Verwechslung bei Annie Besant, der Kreuzestod nicht angenommen. So kam der alte Fehler doch wieder hinein und hat das Buch eigentlich unwirksam gemacht.

Und als dann Dr. Steiner selbst, hier in deutschen Gegenden und auch auswärts, wo er zu Vorträgen eingeladen wurde, seine Lehre über den Christus brachte, da war zunächst Zustimmung, dann aber bald eine Gegenströmung in der Theosophischen Gesellschaft vorhanden.

Es kam dann sehr bald eine Zeit, dass etwas inszeniert wurde, dass man auftrat mit jenem indischen Knaben, der nun als der wiederverkörperte Christus gelten sollte, aber zu gleicher Zeit der Bodhisattva sein sollte, der der nächste Buddha werden wird, der »große Weltenlehrer« – so dass eine außerordentliche Konfusion vorhanden war. Als Annie Besant merkte, dass es »die Menschen im Abendland« abgestoßen hat, dass Sie von einem im Fleische wiedererscheinenden Christus sprach, hat sie diese Bezeichnung gleich fallengelassen, später sogar vor Gericht abgeleugnet [1913 im Prozess, den die Eltern Krishnamurtis gegen sie anstrengten], jemals von Christus im Zusammenhang mit Krishnamurti gesprochen zu haben –, aber die Verwechslung von Bodhisattva und Christus ist jedenfalls geschehen.

Dr. Steiner musste das aus der Welt schaffen. Er musste dasjenige klarstellen, was aus bestimmten Tendenzen heraus durcheinander geworfen war. Und in einer wunderbar positiven Weise ging er daran, dies zu tun, in einer solchen Weise, dass er die menschliche Freiheit zugleich unangetastet gelassen hat. Er hat nicht gesagt: »Der Krishnamurti ist nicht der Christus« oder: »Er ist nicht der Bodhisattva«. Sie werden nirgends sogar die Erwähnung des Namens dieses Hinduknaben in den Vorträgen finden. Sondern er hat uns immer und immer wieder gesagt und das fing eben im Jahre 1909 an: Meine lieben Freunde, der Christus kommt nur einmal in die Welt in physischer Gestalt. Er ist der Mittelpunkt der Erdenentwicklung. So wie eine Waage nur einen Mittelpunkt haben kann, so kann in der Erdenentwicklung nur einmal das Ereignis von Golgatha stattfinden. – Sie werden aus den Vorträgen wissen, wie oft das wiederholt wurde [GA 116, 25.10.1909]! Und dann hat er auch immer wieder davon gesprochen – auch das werden Sie in den Zyklen und anderen Vorträgen, gerade aus den Jahren 1909 bis 1912, überall finden, dass gesagt wird: Ja, der abendländische Okkultismus, der anerkennt durchaus den orientalischen Okkultismus, und wir gehen mit dem orientalischen Okkultismus durchaus darin einig, dass der Bodhisattva so lange sich wiederverkörpert, bis er zum Buddha aufsteigt und sich dann nicht mehr zu verkörpern braucht. Ebenso wie das jeder morgenländische Okkultist weiß, weiß auch der abendländische Okkultist, dass der Christus nur einmal physisch verkörpert dagewesen sein kann; und man darf ebensowenig zu uns sagen, der Christus werde noch einmal im Fleische verkörpert erscheinen, wie es uns einfallen würde, zu dem Orientalen davon zu sprechen, dass der Buddha sich noch weiter inkarnieren werde, nachdem er von der Bodhisattva- zur Buddhawürde aufgestiegen ist.

Man wird vielleicht fragen: War es denn notwendig, das so und so oft zu wiederholen? Ja, denn trotzdem Dr. Steiner durchaus seine eigene Bewegung innerhalb der Theosophischen Gesellschaft hatte, hatten diese falschen Lehren doch einen großen Einfluss auf viele Mitglieder, da ja die deutsche Sektion eine Abteilung der Theosophischen Gesellschaft war. Viele, besonders aus den außerdeutschen Ländern, waren Schüler von Annie Besant gewesen, bevor sie den Weg zu Dr. Steiner fanden, und alle schauten eigentlich voller Ehrfurcht zu ihr auf. Es war eine Zeit der schwersten Seelenprüfungen für die Mitglieder der damaligen Zeit, und viele Seelenkämpfe sind durchgemacht worden, gerade durch die Art, wie Dr. Steiner diese Erkenntnisse vorbrachte; es der Freiheit eines jeden Einzelnen überlassend, die Schlussfolgerung zu ziehen. Es haben sich wirklich schwere innere Kämpfe abgespielt. Es ist wirklich Herzblut geflossen über die Frage: Hat Annie Besant recht, den Krishnamurti als den Weltenlehrer hinzustellen oder als Bodhisattva oder als den Christus – oder hat Dr. Steiner recht? Unsere Gegenwart hat vielleicht weniger Verständnis für solche Seelenkämpfe. Man muss sich vielleicht in die Vorkriegspsychologie hineinversetzen, um zu verstehen, was damals seelisch durchgemacht wurde, als man sich sagen musste: Wenn Annie Besant darin nicht recht haben sollte, dann müsse auch alles andere falsch sein, was von ihr darüber gelehrt wird!

Wenn man andererseits heute sieht, wie Menschen Seelenschmerzen erleiden, weil einer im Boxkampf den Tiefschlag bekommt, den man lieber beim Gegner sehen möchte – dann mag es einem heute vielleicht merkwürdig vorkommen, dass es damals so ungeheuer aufregend auf die Menschen gewirkt hat, dass Dr. Steiner etwas anderes sagen musste, als Annie Besant sagte. Ich könnte Ihnen Stellen vorlesen, wo Dr. Steiner die Mitglieder auffordert, den Mut zu haben, einzusehen, wo Wahrheit und wo Nicht-Wahrheit ist. (Da war allerdings die Trennung von der Theosophischen Gesellschaft schon vollzogen.) Es war gerade hier in diesem Saale, wo Rudolf Steiner eine wahre Strafpredigt über diejenigen ergehen ließ [20.05.1913], die in der Seele immer noch nicht sich entschließen konnten, einzusehen, dass von der anderen Seite nicht die Wahrheit gesagt würde, trotzdem man damals (Mai 1913) schon längst in der Lage war, das wissen zu können.

Ich möchte nun, um eben die Sache geschichtlich zu verfolgen, einmal vor Ihrem Seelenauge die Jahre vorbeiziehen lassen, als Dr. Steiner mit seiner Gruppe nicht dasjenige mitmachte, was die andern machten, die im »Stern des Ostens« waren. Wie Dr. Steiner Schritt für Schritt die Wahrheit in Bezug auf Christentum und Buddhismus vor die Mitglieder hinstellte. Sie finden es in dem Düsseldorfer Zyklus über die geistigen Hierarchien schon kurz angedeutet [GA 110, 15./16.4.1909]. Dann kam im Juni 1909 der Theosophische Kongress in Budapest. Auf diesem Kongress hielt Dr. Steiner einen öffentlichen Vortrag: »Von Buddha zu Christus« [GA 109, 31.5.1909]. Auch Annie Besant sprach über Buddha. So standen diese beiden Menschen als die Verkörperungen von zwei Strömungen nebeneinander, obwohl sie gewissermaßen auf einem Podium waren. Es war bei diesem Kongress, dass sich dasjenige abspielte, was Dr. Steiner uns später erzählt hat: Annie Besant habe ihm angeboten, wenn er den Krishnamurti als den wiederverkörperten Christus anerkenne, würde sie ihn, Dr. Steiner, als den wiederverkörperten Johannes den Evangelisten anerkennen [GA 167, 28.3.1916]. So unglaublich uns das heute erscheinen mag: in der Theosophischen Gesellschaft gab es eine Zeit, wo Inkarnationen so wie Ritterorden ausgeteilt wurden. Das war alles aufgepfropft auf den Grundirrtum, der damals heraufkam von dem Bodhisattva, der identisch sein sollte mit der Christuswesenheit, und von dem jungen Menschen Krishnamurti – damals noch ein Kind – als dem zukünftigen »Weltenlehrer«. Schritt für Schritt vorgehend, hat Rudolf Steiner den Kampf dagegen aufgenommen, aber wie gesagt – in voller Positivität und in vollem Umfange Freiheit gewähren lassend.

Im August 1909 war der Zyklus in München mit dem vielsagenden Titel »Der Orient im Lichte des Okzidents« [GA 113]. Da wurde insbesondere das orientalische Geistesleben beleuchtet, gipfelnd in der Frage: Was ist eigentlich ein Bodhisattva? Gerade in diesem Zyklus werden Sie beim Durchlesen die wichtigsten Aufschlüsse über die Bodhisattvawesenheiten bekommen.

Im Oktober desselben Jahres war dann die Generalversammlung der deutschen Sektion in Berlin, und diese Gelegenheit benützte Dr. Steiner, um über die Sphäre der Bodhisattvas zu sprechen, in dem Vortrag 12, der in so großartiger Weise die Wesenheit des Christus und die Lehre der Bodhisattvas vor uns hinstellt. Da wurde, nachdem der Unterschied zwischen dem Christus und einem Bodhisattva vorher klar herausgearbeitet war, nun der Zusammenhang zwischen der einen und der anderen Wesenheit erklärt.

Da war nun für jeden, der es hören wollte, klargemacht, dass der Christus nicht mehr in einem physischen Leibe verkörpert sein kann, so dass derjenige, der sagt, dass er sich verkörpere – der muss sich irren. Das war die gewissermaßen negative Seite von Dr. Steiners Aufgabe. Aber die positive Seite wurde ganz besonders vertreten. Man könnte das so formulieren, obwohl es so natürlich nicht ausgesprochen wurde: Wenn Annie Besant sagt, dass eine Erwartung in den Menschen lebt, dass der Christus wiederkommen werde, so ist das richtig, wenn man es nicht physisch nimmt. So kam der Moment heran, wo Rudolf Steiner zum ersten Male davon sprach, dass der Christus ätherisch wiederkommen werde, wo er das ganz genau hinstellt, dass der Christus wohl kommen werde, dass er erwartet werden dürfe, aber nicht in physischer, sondern in ätherischer Gestalt.

Es war im Anfang des Jahres 1910, als Dr. Steiner mit großer Kraft und für die Mitglieder überraschend diese Tatsache hingestellt hat. Es war, wie mir berichtet worden ist, zum ersten Mal bei einem Vortrag in Stockholm im Januar 1910. (Es gibt leider keine Nachschrift von diesem Vortrag, soweit mir bekannt.) Und von da an können Sie die Zeit verfolgen: Januar, Februar, März 1910 – überall spricht Dr. Steiner davon, dass der Christus im Ätherischen wieder erscheinen werde [GA 118], und überall brachte er zugleich die Lehre von dem zukünftigen Maitreya-Buddha. Wie eine Welle ging von ihm aus, die dazu geführt hat, dass zuletzt so viel Einsicht da war bei den Mitgliedern in Deutschland, dass Sie dann nicht mitmachten bei demjenigen, was von der anderen Seite aus als Unfug geschah.

Wiederum in Skandinavien war es – es ist merkwürdig, wie oft und eindringlich Dr. Steiner in Skandinavien über diese Dinge gesprochen! hat –, als er in Kristiania [Oslo] den Vortragszyklus »Die Mission einzelner Volksseelen« im Frühling 1910 hielt. Da können Sie lesen, wie stark Dr. Steiner dort über das Erscheinen des ätherischen Christus gesprochen hat. Er hat es sogar in einem öffentlichen Vortrag [13.06; keine Nachschrift] erwähnt, hat überall das Richtige einfließen lassen gegenüber dem Falschen, das verbreitet worden war.

Im August 1910 war dann die Aufführung des ersten Mysteriendramas: »Die Pforte der Einweihung« [GA 14]. Und da gebrauchte Rudolf Steiner auch diese Gelegenheit, um durch die Seherin Theodora aussprechen zu lassen, dass sie den künftigen Christus im ätherischen Lichte schaut. Durch das Mittel der Kunst sollte auch noch der Hinweis gebracht werden, dass eine »naive Seherin«, die Theodora, dasjenige schaut und den Menschen vorverkündet, was bald von vielen geschaut werden wird. Durch das herrliche Mittel der Kunst bringt so Dr. Steiner erneut diese Erkenntnis an die Menschen heran. Zu gleicher Zeit ist dieses Mysteriendrama, das in die Zeit des heranbrechenden Kampfes mit der Theosophischen Gesellschaft fällt, gerade dasjenige, wo angeknüpft wird, wie Sie wissen werden, an das Märchen von Goethe, angeknüpft wird dadurch an dasjenige, was als ein mächtiger geistiger Hintergrund hinter diesem Märchen und hinter der anthroposophischen Bewegung steht – wir brauchen bloß an dasjenige zu erinnern, was Dr. Steiner von dem übersinnlichen Kultus erzählt hat [GA 240, 19./20.7.1924; GA 238, 16.9.1924], der da war in der Zeit, als Goethe sein Märchen schrieb. Gerade in dem Augenblick, August 1910, stellt Dr. Steiner seinen eigenen Weg ganz klar hin neben das andere, was von der theosophischen Seite kam.

So finden Sie in dieser Zeit eine außerordentlich gesteigerte Tätigkeit in Bezug auf die Frage, das Wahre hinzustellen, das Unwahre abzuweisen. Und man kann die Empfindung haben, dass da durch Dr. Steiner nicht nur so gewirkt worden ist, dass unter den Menschen, den Mitgliedern, Klarheit geschaffen wurde, sondern dass das auch unmittelbar in die geistige Welt hineingewirkt haben muss, indem für die Bodhisattvawesenheit der Weg frei gehalten worden ist gegenüber dem unglaublichen Gemisch von Wahrheit und Irrtum, das verbreitet worden war. Es muss Ungeheures bedeuten für die Bodhisattvawesenheit, wenn vor ihrem Auftreten auf dem physischen Plan solche Verwirrungen gestiftet werden, wie sie durch den »Stern des Ostens« angerichtet worden waren. Denn von jener Seite hatte man ja einen ganzen Orden gegründet, um dem Weltenlehrer, wie man sagte, den Weg vorzubereiten.

Dr. Steiner hat sich einmal folgendermaßen darüber geäußert. Er sagte: Ja, man könne doch nicht einen Verein gründen, um eine Wesenheit in die Welt kommen zu lassen. Man könne für geistige Ideale Vereine gründen, aber nicht für das Erscheinen desjenigen, der die Ideale verwirklichen soll. Und er gab als Beispiel an: Viele Deutsche haben in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sich gesehnt nach einem vereinigten Deutschland. Sie haben Vereine gegründet, um ein Deutsches Reich zustande zu bringen, aber ich habe niemals gehört – so sagte Dr. Steiner –, dass man einen Orden gegründet habe, um Bismarck in die Welt zu helfen [GA 133, 20.6.1912]! – Das ist einfach ein Unfug, einen Verein zu gründen, wo die Menschen warten sollen auf den, der da kommen soll. – Und er ließ immer wieder durchblicken, dass man, wenn man richtig Theosophie oder Anthroposophie treibt, dass man dann gerade dasjenige schafft, wodurch die Antwort aus der geistigen Welt heraus kommen wird.

Man muss sich einmal vorstellen, was es heißt, wenn Menschen Jahre, fast Jahrzehnte lang in untätiger Erwartung eines kommenden Weltenlehrers verbleiben sollen! Und in derselben Zeit hat Dr. Steiner das ganze gewaltige Geistesgut der Anthroposophie vor uns hingestellt und immer weiter ausgebaut! Ich möchte dieses aussprechen, damit man empfinden kann, wie hier durch Dr. Steiner eine Tat des Klarstellens und der Reinlichkeit verrichtet worden ist, die zweifellos auch für ihn hat bestimmte Folgen haben müssen.

Es kam dann die Zeit im September 1910, wo Dr. Steiner in Bern den Zyklus über das Matthäusevangelium gehalten hat [GA 123], der bei allen, die ihn gehört haben, in unauslöschlicher Erinnerung leben wird. Da sprach er zum ersten Mal über Jeshu ben Pandira, der der Lehrer des Schreibers des Matthäusevangeliums war und der im Essäerorden gewirkt hatte, wo man von der physischen Abstammung des kommenden Jesus gewusst und gelehrt hat. Dann brachte Dr. Steiner Jeshu ben Pandira mit der Bodhisattvawesenheit in Zusammenhang. Wie er dort in Bern gesprochen hat, das war so, dass man nur dem zustimmen kann, was Herr Arenson gesagt hat: dass es eine Inspiration, eine Durchdringung mit der Bodhisattvawesenheit war.

Es war ein unvergesslicher Eindruck für alle, die Dr. Steiner da gehört haben, als er die Worte sprach, in denen er sich mit dem kommenden Bodhisattva identifiziert hat. Man konnte die Empfindung haben: Durch all das, was vorausgegangen war, war unser Lehrer in eine solche Beziehung unmittelbar mit der Bodhisattvawesenheit selber gekommen, die für ihn einer Inspiration, einer Durchdringung gleichkam. Ich möchte Ihnen die Stelle vorlesen, die man damals empfinden konnte als aus einer Durchdringung mit der Bodhisattvawesenheit selber herausgesprochen: »Und wenn die Essäerlehre in unserer Zeit wieder erneuert werden soll, wenn wir leben wollen – nicht im Geiste einer Tradition von einem alten Bodhisattva, sondern im Sinne des lebendigen Geistes eines neuen Bodhisattva, so müssen wir uns ebenso inspirieren lassen von dem Bodhisattva, der einst der Maitreya-Buddha werden wird. Und dieser Bodhisattva inspiriert uns so, dass er darauf aufmerksam macht: Die Zeit rückt heran, wo der Christus in neuer Form, in einem ätherischen Leibe, eine Gnade sein wird für die Menschen, welche durch eine neue Essäer-Weisheit die neuen Kräfte entwickeln in der Zeit, wo die Wiederkunft des Christus im ätherischen Gewände an die Menschen belebend herantreten wird. Ganz im Sinne des inspirierenden Bodhisattva, der der Maitreya-Buddha werden soll, wollen wir reden.« [GA 123, 10.09.1910]

Da wird also gesagt, dass durch die Inspiration des Bodhisattvas die Erkenntnis von der ätherischen Wiederkunft des Christus gegeben wird. – Nachdem schon einige Tage vorher man im Vortrag den Eindruck hatte, da geht etwas vor wie eine Inspiration, war es bei diesem Vortrag in ganz starker, gewaltiger Weise so, dass der Eindruck ein solcher war: Da ist ein unmittelbarer Zusammenhang, da wird aus unmittelbarer Inspiration heraus gesprochen.

 

Liebe Freunde, ich werde niemals diesen Eindruck ableugnen. Ich habe ihn auch jahrelang in der Seele getragen. Aber ebenso habe ich die andern Eindrücke in der Seele getragen, dass sich unser Lehrer auch bei anderen Gelegenheiten von anderen Wesenheiten hat inspirieren lassen, wenn es gleichsam karmisch gegeben war; den Eindruck von dem, was er uns da vermittelte, wenn seine Geistesforschung ihn mit Wesenheiten der geistigen Welt in Beziehung gebracht hat, so dass eine Inspiration unmittelbar da sein konnte, auch während er zu den Mitgliedern in kleinerem Kreise sprach. Da in Bern war es vor allen Mitgliedern, die eben zu dem Zyklus gekommen waren. Bei dem anderen handelte es sich um etwas, was sich in der damaligen Esoterik abspielte. Die Tatsache kann man vielleicht so aussprechen: Man konnte erleben, dass Dr. Steiner Inspirationen gewissermaßen uns »vorleben« konnte – es ist schwierig, ein richtiges Wort zu finden. Um es zu schildern, möchte ich ein Wort anwenden, das von Paulus gesprochen worden ist: »Ich bin ein Mensch, und nichts Menschliches ist mir fremd.« Man pflegt heute dieses Wort zumeist auf das Menschlich-Allzumenschliche anzuwenden, wenden wir es aber im höchsten Sinne an!

Wir wissen aus unserer Geisteswissenschaft, insbesondere aus dem Zyklus »Der Orient im Lichte des Okzidents« [GA 113], dass es eine ganze Menschheitsströmung gegeben hat; die sogenannte südliche Strömung der Einweihung, in der die Menschen sich inspirieren ließen, wo Wesenheiten von ihnen Besitz ergriffen, wobei die so Eingeweihten nicht besonders hoch stehende Menschen zu sein brauchten, aber Werkzeuge sein konnten für die geistige Welt. Durch die mehr südlichen Gegenden – Ägypten, Indien – ging der historische Weg dieser südlichen Strömung. Und dann ist noch der andere Weg der nördlichen Strömung dagewesen, zu der zum Beispiel Zarathustra gehört hat, bei der der Mensch sich so erstarkte in seiner eigenen Wesenheit, dass er selber von der geistigen Welt verkünden konnte. Und wir wissen: Die Aufgabe der Anthroposophie ist es, diese beiden Wege zu vereinigen so, dass sie sich zusammenfinden. In diesem Sinne möchte ich das Wort anwenden, dass unserm Lehrer nichts Menschliches fremd war, dass er all das in sich vereinigte, was in der Menschheitsentwicklung überhaupt durchgemacht werden konnte. Trotzdem man ihn in erster Linie als den Menschen empfinden konnte, der selbständiger Geistesforscher war, der so geforscht hat, wie es früher nur aus der geistigen Welt heraus geoffenbart werden konnte, so hat er sich auch selber inspirieren lassen und hat es uns zu unserem Unterricht nicht vorenthalten.

Es war mir von Mitgliedern gesagt worden, als ich in die Schulung Steiners eintrat, dass es Stunden gäbe, (bei den sogenannten esoterischen Stunden), wo er durch eine bestimmte Formel gleichsam ankündige, dass er aus einer Inspiration heraus sprechen werde. Ich habe das nur einmal mitgemacht. Beim Zyklus in Düsseldorf über die geistigen Hierarchien [GA 110] war es. Dieser Zyklus hatte einen überwältigenden Eindruck gemacht. Man soll sich nur vorstellen können, dass all das einmal noch nicht in unserm Lehrgut da war, was in diesen Vorträgen enthalten ist, alle die gewaltigen Erkenntnisse über das Sonnensystem, das Sich-Bilden der Planeten im Zusammenhang mit den Hierarchien usw. (es war ja auch die Geheimwissenschaft noch nicht erschienen), dann kann man verstehen, was für eine ungeheure Ausfließung des Geistes dieser Zyklus bedeutete. Dann wird man sich auch vorstellen können, dass das Halten eines solchen Vortragszyklus, das Einprägen von solch erhabenen übersinnlichen Erfahrungen in Menschenbegriffe und Menschenworte, dass das auch für den, der solches Geistesgut der Menschheit schenkt, Folgen haben muss, dass die Seele noch ganz besonders inspiriert werden kann, mit Wesen in Beziehung treten kann in anderer Weise noch, als es sonst der Fall sein würde. Und so hatten wir damals in Düsseldorf während des Zyklus eine Zusammenkunft im kleinen Kreise, eine »esoterische Stunde«, eben wie sie damals öfters gehalten wurden. Da begann Dr. Steiner mit den Worten: »Meine lieben Schwestern und Brüder! Diese esoterische Stunde ist eine solche, die nicht steht unter der Verantwortung desjenigen, der da spricht.« Und dann schilderte er uns, wie Zarathustra von Ahura Mazdao eingeweiht worden war, wie Zarathustra dem großen Sonnenwesen gegenüberstand. Er war selber der Zarathustra in diesem Augenblicke. Es war gewaltig, das zu erleben, wie unser großer Lehrer, der uns das Ergebnis seiner Forschung mitgeteilt hatte, nun selber uns zeigte, wie ein alter Menschheitsführer und Lehrer, sich inspirierend offenbaren konnte, dem der Weg gleichsam geebnet war durch all das, was auch dem Zyklus als Lehre zugrunde gelegen hatte.

Und so war das damals in Bern, nur wieder etwas anders, auf einer anderen Stufe hervorgerufen dasselbe Erlebnis. Als ein Einmaliges ist es zu betrachten. Immer wieder hat Dr. Steiner in den nächsten Jahren von Jeshu ben Pandira und den Essäern gesprochen, aber wohl niemals mit der Eindringlichkeit, wie es gerade in diesen Vorträgen in Bern geschehen war. Es war ein ungeheures Erlebnis für alle, die da waren.

Wenn so etwas geschehen war, dann war Rudolf Steiner auch immer derjenige, der nachher wieder die andere Seite zeigte, das Gleichgewicht brachte dadurch, dass er selber in seiner Wesenheit wieder sich behauptete. Ich möchte als solche Gelegenheit den ersten Vortrag ansehen, den er im folgenden Winter 1910/11 in Berlin gehalten hat und der in dem Zyklus steht: »Exkurse in das Gebiet des Markusevangeliums« [GA 124]. Es sind zwischen dem Berner Zyklus und diesem Berliner Vortrag kaum andere Vorträge gehalten worden. Ich kenne den Berliner Vortrag allerdings nur vom Lesen, ich kam erst beim zweiten Vortrag nach Berlin. Ich glaube, wenn ich ihn gehört hätte, würde ich mit noch größerer Bestimmtheit meinen Eindruck sagen können. In dem ersten Berliner Vortrag nach den Sommer-Herbst-Kursen pflegte Dr. Steiner oft eine Art Leitsatz-Thema für die weiteren Wintervorträge anzugeben. So war es auch diesmal, obwohl der Vortrag als eine »Rückschau auf das letzte Jahr« gegeben worden ist. Da spricht er, wie auch sonst so oft, wiederum davon, dass man immer von verschiedenen Seiten an die Dinge herangehen müsse, wenn man wirkliche Erkenntnis gewinnen will; wie man im Abendlande jahrhundertelang den Bodhisattvabegriff nicht gehabt hat, wie man ja auch erst seit etwa hundertfünfzig Jahren dazu gekommen ist, orientalische Forschung zu treiben. Und er schildert das als etwas, was uns zu einem demütigen Gefühl in unserem Erkenntnisstreben verhelfen könne. Ich möchte Ihnen einige Stellen aus diesem ersten Vortrag vorlesen: »Wenn wir uns mit diesem Gefühle durchdringen, werden wir gern und willig von überall her die Vorstellungen, die Empfindungen und Gefühle herholen wollen, welche es uns möglich machen, die großen Tatsachen des Daseins von den verschiedensten Seiten her zu beleuchten. Unsere Zeit macht das notwendig. Immer mehr und mehr wird sich das Bedürfnis in unserer Zeit entwickeln, die Dinge von den verschiedensten Seiten her anzusehen. Daher schließen wir uns heute nicht mehr ab gegenüber einer anderen Anschauung oder Meinung, gegenüber einem anderen Weg zu den höchsten Dingen hin, als unser eigener oder der unserer eigenen Kultur es ist.« [GA 124, 17.10.1910]

Ich kann nicht anders als den Eindruck haben aus diesen Worten und aus diesem ganzen Vortrag, dass hier hingewiesen wird auf einen anderen, im Orient üblichen Weg, dem man sich nicht verschließen will, wenn auch der eigene Weg ein anderer ist. Und hindurch klingt für mich durch diesen Vortrag, dass Rudolf Steiner wirklich der erste Anthroposoph war, der als der Mensch seine Forschungen angestellt hat, dass er nicht »Theosoph« war in dem Sinne, wie eigentlich bis dahin alles aus der geistigen Welt dem Menschen geoffenbart worden war. Wir wissen, dass die alten Erkenntnisse lange nachgewirkt haben, bis ins 18. Jahrhundert in Menschen wie Saint-Martin, wie auch Annie Besant ihr Hauptwerk »Die uralte Weisheit« (The Ancient Wisdom) genannt hat. Man hatte in der Theosophischen Gesellschaft so wenig Verständnis für das selbständige Forschen Rudolf Steiners, dass man ihn sogar gefragt hat – wie er uns einmal erzählte [GA 254, 11.10.1915] welches denn das Medium sei, das für ihn diese wunderbaren Dinge aus der Akasha-Chronik erforscht habe. Denn in der Theosophischen Gesellschaft hat man später, als die Blavatsky nicht mehr da war und die »Meisteroffenbarungen« aufgehört hatten, durch besonders präparierte Medien sich Kundgebungen über Atlantis, Mondenentwicklung usw. verschafft. Das war man dort gewöhnt. Dr. Steiner war der erste Mensch der Neuzeit, der diese Dinge mit eigenem Hellsehen erforscht hat, der die Vorbedingungen mitbrachte, dass er ein solches Schauen haben konnte und der dadurch für uns alle den Weg vorgezeichnet hat, es uns ermöglicht hat, auch so vorzugehen, um selber, wenn auch in noch so bescheidenem Maße, Geistesforscher zu werden, den Geist selbständig zu erforschen. Das scheint mir die Fortführung dessen zu sein, was uns Rudolf Steiner vorgelebt hat: der »in die Höhe blickende Mensch«, wie er das Wort »Anthropos« uns übersetzt hat, der in geistigen Höhen Weisheit suchende Mensch. Und oft hat er gesagt, dass Anthroposophie etwas ist, das man nur in der irdischen Welt entwickeln könne, das man von hier hinauftragen müsse in die geistige Welt. Man muss die geistigen Erkenntnisse schon durch die Pforte des Todes mittragen, man kann sie gerade in der geistigen Welt nicht erwerben. Er sprach auch davon, dass ein Mensch, der in dieser Welt geistig forschen kann, nicht nur für die Menschen ein Lehrer sein kann, sondern auch für die geistigen Wesen, dass auch die geistigen Wesenheiten angewiesen sind darauf, von Menschen zu erfahren, was Geisteswissenschaft ist. Sie kann nur hier auf Erden erzeugt werden. So wies er hin auf die Bedeutung des Menschen für die geistige Welt. Sie finden das auch in dem Mysteriendrama, da wo Benedictus davon spricht, dass ihm auf einer gewissen Stufe seines Strebens die Würde verliehen war, »mit meinem Rat zu dienen in den Geistessphären« [GA 14].

So Rudolf Steiner zu betrachten als den ersten Geistesforscher, der für jeden den Weg gezeigt hat, wie er selber Geistesforscher werden kann, das scheint mir eine Betrachtung dessen zu sein, was seine Größe darstellt und unsere Würde ausmachen kann.


Zweiter Vortrag – 11. Juli 1930

Liebe, verehrte Freunde,

wir haben in dem vorangegangenen Vortrag die Tätigkeit Dr. Steiners, insofern sie sich auf die Bodhisattva-Angelegenheit bezog, bis zum Oktober 1910 besprochen. Durch den ganzen Winter 1910/11 zieht sich diese aufklärende Tätigkeit. Dann waren im Juni 1911 die Vorträge »Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit« [GA 15], zunächst nur für Mitglieder gehalten, die Dr. Steiner dann aber schon zwei Monate später als das bekannte Büchelchen hat erscheinen lassen. Da spricht er von den zwei Jesusknaben und über den Bodhisattva und auch über den »ätherischen Christus«. Das wurde nun als Buch von ihm veröffentlicht, trotz der gewaltigen Arbeit, die das Vorbereiten, Schreiben, Einstudieren und Aufführen des Mysteriendramas für ihn bedeutete – es kam damals »Die Prüfung der Seele« zur Uraufführung –, um von dem Zyklus, der anschließend in München gehalten wurde [GA 129], ganz zu schweigen. Trotz all dieser Arbeit hielt Dr. Steiner es für notwendig, die Nachschrift der drei Kopenhagener Vorträge ganz umzuarbeiten, damit sie für den Druck geeignet würde, und das Werk erschien noch während des Münchner Zyklus im August 1911. Damit war über die künftige Christus-Erscheinung und über die beiden Jesusknaben öffentlich zum ersten Mal etwas erschienen. Dr. Steiner sagte in dem Vorwort zu der Herausgabe selber, »dass er Gründe habe, diese Schrift gerade in diesem Zeitpunkte erscheinen zu lassen«.

Fragen wir uns wiederum, warum das geschehen musste – dann kommen wir auf den Theosophischen Kongress, der für dieses Jahr (1911) im September in Genua abgehalten werden sollte. Zu diesem Kongress sollte wiederum Rudolf Steiner hingehen; auch Annie Besant hatte ihr Kommen zugesagt, und es war bekannt geworden, dass sie den »Alcyone« – das ist der Krishnamurti – mitbringen würde. Da hätten sich die beiden Vertreter zweier Geistesrichtungen also noch ganz anders gegenüber gestanden als vor zwei Jahren in Budapest! Da wurde von allen Seiten ein Aufeinanderprallen erwartet. Damit eine klare öffentliche Wiedergabe seiner Lehren da wäre, sozusagen eine Basis für die eventuelle Auseinandersetzung: deshalb wohl hat Dr. Steiner die Geistige Führung so bald im Druck erscheinen lassen. –

Jedoch, der Kongress wurde in letzter Minute abgesagt! Annie Besant hatte depeschiert, nicht kommen zu können! Der zuständige Generalsekretär der italienischen Sektion fasste das als Absage des ganzen Kongresses auf, es gab noch allerlei Konfusionen, über die wir hier nicht zu sprechen brauchen, aber die Auseinandersetzung blieb aus. Dr. Steiner hielt dann in verschiedenen Orten – Mailand, Lugano – Vorträge, in denen er immer weiter über die Bodhisattvafrage sprach [GA 130]. Sie finden gerade aus diesen Vorträgen Einiges bei Herrn Arenson angeführt. Besonders ausführlich und schön sprach Dr. Steiner darüber und über den ätherischen Christus in dem Vortrag, der vielen von Ihnen bekannt sein wird, der am 1. Oktober in Basel gehalten wurde und der zumeist den Titel »Über Selbsterkenntnis« [GA 130, Über die Ätherisation des Blutes] trägt. Herr Arenson hat ja auch auf diesen Vortrag besonders hingewiesen. Und gleich darauf war der Karlsruher Zyklus »Von Jesus zu Christus« [GA 131], von dem wir noch sprechen werden.

Erwähnen will ich noch den Leipziger Vortrag vom 4. November 1911 [GA 130], weil auch Herr Arenson einer Stelle aus diesem Vortrag besondere Bedeutung beilegt. Nun ist aber die Nachschrift, die es von diesem Vortrag gibt, wie jedermann sehen kann, der sie liest, eine sehr mangelhafte. Aber auch wenn man sie wörtlich nimmt, so steht in der Nachschrift, die Herr Arenson anführt, dass Dr. Steiner gesagt hat: »Es ist die Aufgabe der Theosophie, den ätherischen Christus zu lehren.« Und: »Um dieses vorzubereiten, ist Theosophie da.« In einer anderen, etwas ausführlicheren Nachschrift desselben Vortrags, der mir seither in die Hände gekommen ist, lautet der Satz dem Sinne nach ganz ähnlich, aber schon im Wortlaut anders: »Gerade für unser Zeitalter ist es notwendig, dass Christus verkündigt wird. Daher hat auch die Theosophie die Aufgabe, den Christus in ätherischer Gestalt zu verkündigen.« Ich möchte hier nicht auf die bisweilen etwas schwierige Frage eingehen, inwieweit man immer da, wo Dr. Steiner früher »Theosophie« gesagt hat, dafür jetzt »Anthroposophie« schreiben soll; es ist gewiss in den allermeisten Fällen berechtigt, ja sogar notwendig; aber gerade hier würde ich diese Stelle aus dem ganzen Zusammenhang heraus aus dem Vortrage (den ich leider nicht selber gehört habe) so empfinden: »Es ist die Aufgabe der Theosophie, den ätherischen Christus zu lehren«, mit der Betonung auf »ätherisch« – also nicht den physischen wiederverkörperten Christus zu lehren. Da wäre mit dem Wert »Theosophie« dann in der Tat auch die von Annie Besant und Konsorten ausgehende theosophische Strömung gemeint, denn die lehrten ja gerade den im Fleische erscheinenden physischen, nicht den ätherischen Christus! Das zeigt nur, wie vorsichtig man in dieser Richtung vorgehen muss, und deshalb gerade möchte ich Ihnen von meinen eigenen Eindrücken und Erlebnissen aus dieser Zeit erzählen.

Im Dezember 1911 war die Generalversammlung der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft. Bei dieser Gelegenheit war es, dass zum ersten Male von den Mitgliedern darüber gesprochen wurde, ob man nicht eine eigene Gesellschaft gründen solle, weil man nicht länger mit der Theosophischen Gesellschaft verwechselt sein wollte. Es wurde dann auch ein »Bund« vorläufig gegründet, der sich dann zu der späteren Anthroposophischen Gesellschaft ausgestaltet hat. Dr. Steiner hat dann zwar sogleich davor gewarnt, welche Konsequenzen ein solcher Schritt mit sich bringen würde. Über manches, was da vorgefallen ist, möchte ich jetzt nicht sprechen, sondern ich möchte hervorheben, dass damit Dr. Steiner zum ersten Male von den Mitgliedern eigentlich dasjenige entgegengebracht wurde, dass sie ihm sozusagen auch offiziell zustimmten, dass sie erklärten, sie würden zu ihm halten und nicht zu den Irrlehren der Besant. Das war gleichsam die Frucht aus dem wunderbaren Wirken Dr. Steiners durch die letzten zweieinhalb Jahre, von dem ich Ihnen in chronologischer Folge einiges erzählt habe. Das war für ihn der Beweis, dass er seine Bewegung werde weiterführen können, dass genügend Einsicht und Verständnis vorhanden war. Und es ist auch so, als ob nach dieser Bekräftigung seines Wirkens Dr. Steiner nun nicht mehr nötig hat, so stark dasjenige zu wiederholen, was er über zwei Jahre fast unausgesetzt wiederholt hatte. Sie werden in den Vorträgen von 1912 finden, dass schon weniger oft über die Bodhisattvafrage gesprochen wird, nur da, wo die Gesellschaftsangelegenheiten unmittelbar hereinspielen. Eine Ausnahme bildet wiederum Skandinavien. Da greift Dr. Steiner 1912 bei dem Zyklus »Der Mensch im Lichte von Okkultismus, Theosophie und Philosophie« [GA 137] in Kristiania [Oslo] – wie es damals noch hieß – die Frage wiederum auf. Da war es auch, dass er zum ersten Mal davon sprach, dass der Buddha durch den Christian Rosenkreutz auf den Mars geschickt wurde [11./12.06], um dort seine Friedensmission zu erfüllen. Und in dem Zyklus in Basel über das Markusevangelium [GA 139] im September 1912 wird Dr. Steiner aus bestimmten Gründen noch einmal sehr deutlich über den Unfug, der von Adyar aus in die Welt gesetzt worden war, sprechen. In der Vorbemerkung zu dem gedruckten Zyklus, der aber erst 1918 erschien, nennt Dr. Steiner dann erst den Namen der Annie Besant. Dann wird über die Sache kaum mehr gesprochen. Während des damaligen Münchener Zyklus im August war der noch etwas lose zusammenhängende »Bund« von Dr. Steiner in die »Anthroposophische Gesellschaft« umgetauft worden [am 29.08.1912] – der Name kam für uns als eine Überraschung, wir kannten das Wort »Anthroposophie« eigentlich nur von dem Vortragszyklus aus dem Jahre 1909 [GA 115], der jetzt auch in der Drei gedruckt ist. Der Fortbestand von Dr. Steiners Wirken war jedenfalls gesichert.

Sie wissen, dass es dann im Jahre 1913 bei der Generalversammlung im Februar in Berlin zur Abtrennung von der Theosophischen Gesellschaft kam. Sie wissen wohl auch, dass die unmittelbare Veranlassung für uns, auszutreten (sonst wären wir eben ausgeschlossen worden), die war, dass Annie Besant auf der großen Generalversammlung, die die Theosophische Gesellschaft immer um Weihnachten herum in Indien abhielt, vor einem Publikum von mehreren tausend Mitgliedern Rudolf Steiner als von den Jesuiten erzogen bezeichnet hatte, der – unfähig, sich von diesem falschen Einfluss zu befreien – deshalb in seiner Sektion keine Freiheit könne walten lassen. Die Mitteilung davon erreichte uns kurz vor der deutschen Generalversammlung [02.02.1913], und Dr. Steiner erklärte mit großer Emphase, dass er mit einer Persönlichkeit, die fähig sei, an solcher Stelle solche Unwahrheiten zu sagen, nichts mehr zu tun haben wolle. Damit war die Trennung vollzogen.

Ich muss dies hier so erwähnen, weil diese Sache zusammenhängt mit Äußerungen Dr. Steiners, auf die sich ganz besonders Herr Arenson bezieht und die ich selber auf ganz anderes zurückführen muss. Es ist da, wo Dr. Steiner bei jener Generalversammlung uns seine Lebensgeschichte erzählt hat. Da sprach er immer von sich in der dritten Person: »Rudolf Steiner tat dies«, oder »sagte jenes« usw., und Herr Arenson empfindet darin einen Beweis, dass es die Bodhisattva-Individualität sein soll, die durch Rudolf Steiner hindurch gewissermaßen dessen Jugendgeschichte erzähle.

Nun muss man bedenken, dass Dr. Steiner vorher niemals zu den Mitgliedern über sein eigenes Leben gesprochen hatte, vielleicht von ganz wenigen abgesehen, die im Laufe der Jahre von ihm Einzelheiten erfahren haben mochten. Er hatte das als einen Grundsatz desjenigen Okkultismus angesehen, den er vertrat, eben des Rosenkreuzertums: Die Persönlichkeit des Lehrers in dieser Hinsicht ganz in den Hintergrund treten zu lassen. Er trat auch so auf, dass die Frage darnach gar nicht aufkam. Es war nur einmal als Vorwort zu einem Werke von Eduard Schuré (der Evolution Divine) eine Art Lebensschilderung erschienen, die wohl auf Angaben Dr. Steiners zurückging, die aber etwas schwebend gehalten war und von der man wissen konnte, dass Dr. Steiner sie im Grunde nicht billigte [diese Aussage Vreedes lässt sich nicht verifizieren]. Es war für die Mitglieder an sich keine Möglichkeit vorhanden (auch nicht, wenn man die Schuresche Darstellung kannte), zu beurteilen, ob dasjenige, was Annie Besant sagte, wahr sei oder nicht. Es fehlten die Unterlagen für eine sachgemäße Beurteilung. Ja ich erinnere mich, dass ich selbst vor dieser Generalversammlung so wenig imstande war, die Sache als ganz vollständig aus der Luft gegriffen anzusehen, dass ich mir – bevor Dr. Steiner eben gesprochen hatte – den etwas naiven Gedanken gebildet hatte: Nun, vielleicht haben zu irgendeiner Zeit die Jesuiten mal für seine Erziehung bezahlt, weil sie gemerkt haben, dass das ein besonders begabtes Kind sei. Und das habe Annie Besant zu einer »Jesuitenerziehung« aufgebauscht. Das war natürlich naiv gedacht, denn wenn das geschehen wäre, dann hätten die Jesuiten den Rudolf Steiner nicht sozusagen wieder laufen lassen, sondern hätten ihn schon für sich behalten. Ich erwähne das auch nur deshalb, um zu zeigen, wie wir wirklich ohne Urteilsunterlagen waren. Sie müssen nur einmal sich hineindenken, dass der Lebensgang [GA 28] ja nicht geschrieben war! (Ich erinnere mich auch, wie einmal bei einer Fragenbeantwortung, wie sie Dr. Steiner im Architektenhaus nach seinen Vorträgen zu geben pflegte, er plötzlich sagte: »Ich, als Sohn eines kleinen Eisenbahnbeamten, habe dies oder das oft erleben können ...« Das war für mich der Augenblick, wo Steiner plötzlich sozusagen in der Erdenwelt dastand, inmitten der gewöhnlichen menschlichen Verhältnisse.)

Dr. Steiner, in seiner ungeheuren Sachlichkeit, musste das natürlich empfinden, dass zwar er aufgrund der Jesuitenbeschuldigung die Gemeinschaft mit Annie Besant abbrechen könne, dass er uns aber dann erst über sein Leben aufklären müsse. Und damit war er gezwungen, mit dem Prinzip des Zurücktretenlassens seiner persönlichen Verhältnisse zu brechen. Das war es, was er als das Abzuweisende empfand: dass man ihn durch äußere Lügen zwang zu einer Tat, die er von sich aus freiwillig in diesem Augenblicke nicht getan hätte. Das klingt eben da durch, wo er die Generalversammlung fragt, ob sie seine Lebensgeschichte anhören will – er fragt darum, weil er das für etwas hält, was im Grunde nicht zu einer Generalversammlung gehört, dass man seine Jugendgeschichte erzählen soll, um Verleumdungen zu widerlegen. Mit diesen Worten finden Sie es in den damaligen Mitteilungen wiedergegeben: »Weil das so ist, und da sich hier wirklich Sachliches mit Persönlichem verknüpft, so frage ich jetzt bei Ihnen um etwas an. Ich kann jetzt nicht alles mitteilen, das Ihnen zeigen könnte, wie aus der Luft gegriffen, wie unwahr und töricht dieser Vorwurf ist. Ich frage Sie, ob Sie anhören wollen in den nächsten Tagen eine kurze Skizze, einen kurzen Auszug meines Lebensweges? Ich kann Ihnen nicht auf eine andere Weise den Beweis liefern, wie töricht und unwahr eine solche Behauptung von Mrs. Besant ist. Ich möchte Ihnen aber auch nicht diesen Bericht aufdrängen; deshalb bitte ich Sie, mir zu sagen, ob Sie zu einer geeigneteren Zeit in diesen Tagen anhören wollen meine so kurz wie möglich zusammengedrängten Memoiren.« (Die Versammlung nimmt das Anerbieten an.)

»Das weiß Mrs. Besant sehr wohl, dass von allen Vorwürfen etwas hängen bleibt. Und jetzt ... Ich mache Punkte, denn es genügt kein Ausdruck, um das zu charakterisieren, was geschehen ist. Es ist ja unerhört, dass ich zu dem Mittel greifen muss, meinen Lebensweg zu beschreiben.«

Es klingt mir noch immer in den Ohren die Wucht und die Empörung, mit der Dr. Steiner diese letzten Worte in die Versammlung hinein warf. Nun, die Versammlung, wie dasteht, nahm das Anerbieten an. Und als Dr. Steiner am übernächsten Tage sich nun anschickte, seine Lebensgeschichte zu erzählen, da fing er nochmals gewissermaßen mit einem Protest an, indem er als erste Worte sagte: »Es ist meine ganz ehrliche Überzeugung, dass dasjenige, was ich nun darstellen werde, vorzubringen vor einer solchen Versammlung, im Grunde genommen eine arge Zumutung ist. Sie können wirklich überzeugt sein, dass ich – dieses fühlend – nur aus den Gründen zu dieser Darstellung meine Zuflucht nehme, aus den Gründen, die in den letzten Tagen zutage getreten sind, die gewissermaßen wegen unserer Sache die Zurückweisung von Verdächtigungen und Entstellungen zur Pflicht machen.«85

Und dann, nachdem er vorher noch gesagt hatte: »Betrachten Sie die Art, wie ich versuchen werde darzustellen, meine lieben theosophischen Freunde, nicht als eine Koketterie, sondern als etwas, was mir doch in vielen Punkten als die natürliche Form erscheinen muss«, beginnt Rudolf Steiner erst von sich in der 3. Person zu sprechen. Als der letzte Protest gegen die erzwungene Tat, als eine letzte Abweisung davon, die Persönlichkeit des okkulten Lehrers in den Vordergrund treten zu lassen, konnte man seine Redeweise empfinden. Er hat sich dann über die Situation mit Hilfe desjenigen erhoben, was eben das Befreiende im Geistesleben darstellt: mit dem Humor. Er hat seine Lebensgeschichte durchaus so erzählt, dass wir sehr viel dabei gelacht haben. Da ist zum Beispiel die köstliche Sache mit dem Bahnwärter, der Zahnweh hatte; man telegrafiert dem Zahnarzt, dass er helfen möge. Dieser, ein immer viel beschäftigter Mann, depeschiert zurück, der Wärter solle sich an der Station aufhalten; der Zug würde dann im Vorbeifahren einen Moment angehalten; der Arzt zog ihm den Zahn – und fuhr sogleich weiter. Da stand der Bahnwärter noch ganz verdutzt auf der Stelle, besah sich den Zahn und sagte (ich kann es Ihnen leider nicht im österreichischen Dialekt vormachen, wie es Dr. Steiner sagte): »Nun hat er mir einen gesunden Zahn ausgerissen, aber nun tut mir der andere au net mehr weh!« – ln dieser Weise erzählte Rudolf Steiner seine Lebensgeschichte – wenn auch in der 3. Person! Dies zu betrachten gehört auch zur Bodhisattvafrage im Lichte der anthroposophischen Geschichte!

Nun aber kommen wir zu dem wichtigen Punkt von der inneren Verwandlung, die mit der Bodhisattva-Wesenheit zwischen dem 30. und dem 33. Lebensjahr vor sich geht. Sie kennen wohl alle die Stellen, wo Dr. Steiner davon spricht, dass derjenige, der der Bodhisattvaträger ist, in seiner Jugend so ist, dass niemand in seiner Umgebung erkennen kann, was einmal in ihm wirken wird, dass er ein mehr oder weniger begabtes Kind ist – bis in dem genannten Lebensalter der Bodhisattva von ihm Besitz ergreift und dadurch eine völlige Wandlung seines Wesens stattfindet [GA 130, 17./21.9.1911]. –

Auch diese oft wiederholte Mitteilung Rudolf Steiners müssen wir mit dieser historischen Veranlassung jetzt in einen Zusammenhang bringen.

Annie Besant war doch mit einem Knaben aufgetreten, von dem sie behauptete, dass er der Bodhisattva sei. Dem Jungen wurde die höchste Verehrung zuteil, er schrieb auch mit vierzehn oder fünfzehn Jahren ein Büchelchen, »Zu Füßen des Meisters« [1910], das für jedermann, der es unbefangen liest, nicht so besonders Wichtiges zu enthalten scheint – aber es wurde eben sehr ernst genommen, weil es von dem »künftigen Weltenlehrer« herrühre. Nun sagte Rudolf Steiner eben in dem Karlsruher Zyklus, da, wo er von der Umwandlung in der Seele des Bodhisattvas spricht: »Diese Verwandlung tritt besonders zwischen dem 30. und 33. Jahre ein. Und immer ist es so, dass man es niemals wissen kann, bevor diese Verwandlung eintritt, dass gerade dieser Leib ergriffen werden wird von dem Bodhisattva. Niemals zeigt es sich in den Jugendjahren, sondern dass gerade die späteren Jahre so unähnlich sind den Jugendjahren, das ist das Kennzeichen.« [GA 130, 17./21.9.1911]

Oder die ebenfalls von Herrn Arenson angeführte Stelle aus dem Mailänder Vortrag vom 21. September 1911: »Und man würde am besten erkennen, dass irgendwo das Richtige nicht getroffen wäre, wenn man von einem jüngeren Menschen, als der 30 Jahre alt ist, sagen würde, dass der Bodhisattva sich in ihm zeige. Daran würde man gerade das Unrichtige erkennen.« [GA 130, 17./21.9.1911]

Sie sehen, hier wird ganz deutlich auf den Unfug, der da drüben getrieben wurde, gezeigt! Dieser Unfug ging auch so weit, dass Krishnamurti eben als halberwachsener Knabe von Leadbeater nach Sizilien geführt wurde und dort – wie er erzählte – »eingeweiht« wurde. [01.05.1912, Taormina]. Er soll 3/4 Tage in einem todähnlichen Einweihungsschlaf gelegen haben – ausgerechnet auf Sizilien! Nun, liebe Freunde, lesen Sie den Zyklus »Die Mysterien des Morgenlandes und des Christentums« [07.02.1913, GA 144], der gerade bei jener Generalversammlung im Februar 1913 in Berlin gehalten wurde, da finden Sie auf Sizilien hingewiesen als auf denjenigen Ort der Erde, wo die Anti-Grals-Impulse zu Hause sind, wie in der geistigen Atmosphäre Siziliens auch heute noch wahrzunehmen sind die bösen Nach-Wirkungen des Gralsgegners Klingsor, des schwarzen Zauberers. Das war die Aufklärung des Geistesforschers, man möchte sagen, in eine keusche Erkenntnismitteilung gekleidet, über dasjenige, was da als Quasi-Einweihung mit einem unmündigen Menschen geschehen sein sollte. So genau »passen« alle Äußerungen Dr. Steiners aus jener Zeit auf die Vorgänge in der Theosophischen Gesellschaft!

Damit hatte er aber eigentlich – ohne irgendeinen Namen zu nennen – für die Erkenntnis gezeigt: Annie Besant und Leadbeater sind beide im Grunde genommen keine Geistesforscher. Denn sonst müssten sie wissen, dass in dem Knaben Krishnamurti sich der künftige Bodhisattva noch nicht zeigen könne. – Diese Schlussfolgerungen zu machen, dies hatte eben Rudolf Steiner der freien Einsicht der Mitglieder überlassen, es dem Urteil der Menschen anheimstellend, aus seinen Lehren die Wahrheit zu erkennen. So müssen die Dinge heute gesehen werden, gewissermaßen in der Aura, in der sie liegen.

Nun hat Dr. Steiner im Zusammenhang mit diesen Dingen auch davon gesprochen, und zwar in jenem Leipziger Vortrag [GA 123, 10.09.1910], dass der Bodhisattva schon wieder geboren sei: Er ist schon jetzt verkörpert, und er wird der eigentliche Verkünder des ätherischen Christus sein. (Man muss, wenn man gerade diese Stelle in der Nachschrift wörtlich nehmen will, bemerken: von der ersten Tatsache wird als von der Gegenwart, von der zweiten als von der Zukunft gesprochen.) Herr Arenson empfindet darin einen Widerspruch mit dem andern Gesagten, dass man niemals vorher wissen könne, dass gerade ein bestimmter Leib von dem Bodhisattva ergriffen werden soll, solange nicht das 33. Lebensjahr erreicht ist. Also könne Dr. Steiner nicht wissen, dass der Bodhisattva schon jetzt verkörpert sei – wenn man nicht eben Dr. Steiner selber als den Bodhisattvaträger ansieht. Nun, ich will nur sagen, dass ich, die ich fast alle Vorträge aus jener Zeit gehört habe, damals keinen Widerspruch empfunden habe; denn ich zweifelte nicht daran, dass Dr. Steiner so etwas wissen könne – wenn er auch auf mannigfache Art uns klargemacht hatte, dass Annie Besant jedenfalls da kein Wissen besitzen könne, da sie sonst nicht in dieser Weise mit dem Knaben hervorgetreten wäre. Rudolf Steiner hatte doch vorher sagen wollen: Aus äußeren Dingen (zum Beispiel aus dem Schreiben von einem als bedeutsam ausposaunten Büchelchen im Kindesalter) oder überhaupt aus dem Benehmen eines Menschen vor dem 33. Jahr auf dem physischen Plane kann man nicht entnehmen, ob er der Bodhisattva sei. Darauf aber hatte sich gerade Besant berufen, und darum konnte man auch kein Vertrauen in ihre spirituellen Kundgebungen über den Weltenlehrer haben, da sie diese Grundtatsache der inneren Verwandlung im 33. Lebensjahre offenbar gar nicht kannte. Aber vom Geistigen aus, aus einer wirklichen Erkenntnis zum Beispiel der Jeshu-ben-Pandira-Individualität, konnte Dr. Steiner sehr wohl wissen, wie es um den Bodhisattvaträger bestellt war.

Ich möchte darauf weiter nicht viel eingehen. Es ist viel über diese Frage nachgedacht und unter den Mitgliedern gesprochen worden, aber es fragt sich, ob dabei viel herauskommt. Nun halte ich es auch nicht für günstig, wie Herr Arenson in diesem Zusammenhang auf zirkulierende Privatmitteilungen eingeht, die doch wohl zum Teil durch Nachfrage hätten verifiziert werden können. Er meint: Auch wenn Dr. Steiner aus seiner Geistesforschung heraus gewusst hätte, wer der verkörperte Bodhisattva ist, so hätte er es nicht sagen dürfen; denn damit hätte er ein Gesetz der geistigen Welt übertreten. – Also können jene Gerüchte, dass Dr. Steiner zu bestimmten Menschen doch darüber Andeutungen gemacht habe, nicht auf Wahrheit beruhen, denn der Eingeweihte verletzt kein Gesetz, das aus der geistigen Welt stammt [GA 130, 27.09.1911]. –

Nun, es scheint mir, dass man auch nicht direkt als ein Gesetz aussprechen könne, was der Okkultist anderen Menschen mitteilen dürfe und was nicht. Dr. Steiner hat sich sehr stark nach demjenigen gerichtet, was ihm von der einzelnen menschlichen Persönlichkeit in dieser Hinsicht entgegengebracht wurde, ob da eine tiefere oder auch eine rein natürliche Verständnisfähigkeit für das Okkulte vorlag und dergleichen. Er hat auf Fragen, die ihm gestellt wurden, insbesondere in Privatgesprächen, sehr verschieden geantwortet – ich meine, was die Konkretheit, die Positivität der Antwort betraf usw. Er ist darin bisweilen – man möchte sagen – erstaunlich weit gegangen, und man kann den Eindruck haben, dass es ihm im Grunde genommen lieb war, wenn sich ihm sozusagen die karmische Gelegenheit bot, dass er über manches mehr sagen konnte als in den allgemeinen Vorträgen. Und was nun das Übertreten eines »Gesetzes«, das Dr. Steiner mit einer Mitteilung in Bezug auf den Bodhisattva begangen haben soll, betrifft, da möchte ich doch sagen: Ein »Gesetz« ist in der geistigen Welt doch nicht etwas so Paragraphenmäßiges, das sozusagen für den Eingeweihten wie ein äußeres Gesetz bestehen würde, dessen Übertretung eine äußere Bestrafung nach sich zieht. Es handelt sich doch vielmehr um die Erkenntnis, die der Eingeweihte sich errungen hat und aus der heraus er wissen kann, was heilsam ist für die Menschheitsentwicklung (zum Beispiel im Übermitteln von übersinnlichen Tatsachen) und was nicht. Wie er das handhabt, das ist doch in die Freiheit des Eingeweihten gestellt, der auch selber wissen kann, was das Übertreten des »Gesetzes« für karmische Folgen mit sich bringt. Oft aber müssen solche Folgen auf sich genommen werden, weil die Situation oder die Weltentwicklung überhaupt es fordert.

Wir können da an ein einfaches Beispiel erinnern, das Ihnen allen geläufig sein wird. In »Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?« [GA 10] spricht Dr. Steiner davon, wie alles Tadeln und Kritisieren einen verhärtenden, störenden Einfluss auf die Seele des Schülers ausübe. Das ist gewiss ein »Gesetz«, aber er fügt sogleich hinzu, dass selbstverständlich das Leben – und man möchte sagen: nicht nur für den »gewöhnlichen Menschen«, sondern auch für den Geistesforscher – es mit sich bringe, dass man oft tadeln müsse. (Es kann sogar zum Beruf sein, kritisieren zu müssen.) Der Eingeweihte wird trotzdem bisweilen kritisieren müssen, das »Gesetz« drückt eben aus, was die Folge ist; diese Folge muss man dann einfach tragen. In einem richtigen Ausgleichen von demjenigen, was dem geistigen Gesetze nach »richtig« wäre, und demjenigen, was man, durch die Umstände geboten, oft tun muss, besteht ja vielfach das Handeln des Okkultisten. In diesem Sinne möchte ich das Folgende erwähnen:

Dr. Steiner sprach einmal in Stockholm davon (und dann später auch an anderen Orten) [GA 143, 17.04.1912], dass es ein strenges Gesetz im Rosenkreuzertum sei, dass nicht über die Geheimnisse, die in den führenden Persönlichkeiten des Rosenkreuzertums walten, gesprochen werden dürfe, bevor nicht 100 Jahre nach deren Tode verflossen seien. (Man könnte sich fragen, ob nicht vielleicht dieses Gesetz übertreten sei.) Aber auch sagte er: Man solle nicht auf eine führende Persönlichkeit hinweisen, die kommen wird oder schon da ist, also nicht an Persönlichkeiten geknüpfte Zukunftserwartungen erwecken – wie das ja »auf der anderen Seite« reichlich geschehen war; so etwas widerspreche dem wahren Okkultismus der Gegenwart. Ich weiß, dass, als Dr. Steiner in der geschilderten Weise von dem bevorstehenden Wirken des Bodhisattvas gesprochen hatte, der den ätherischen Christus verkünden werde (weil ich mir angewöhnt hatte, seiner Aufforderung gemäß alles zu prüfen), bei mir leise der Gedanke aufstieg: Ja, ist damit nicht das »Gesetz«, nicht im Konkreten auf Zukünftiges hinzuweisen, übertreten (auch wenn man sagen kann: der Bodhisattva oder sein Träger ist ja schon verkörpert)? So wurde doch damals 1910, 1911 von einer zukünftigen Erwartung, auch mit Bezug auf die Erscheinung des Christus im Ätherischen gesprochen. Und da musste es nun sehr auffallen, weil es wie eine Antwort auf diese unausgesprochene Frage war (vielleicht war sie gerade durch die unausgesprochene Frage hervorgerufen, so etwas gab es bei Dr. Steiner sehr oft), als er eines Tages bei einer »esoterischen Stunde« wiederum von diesen Dingen sprechend (dort pflegte er bisweilen sehr konkret auf die Dinge einzugehen) sagte, wie im Vorübergehen, aber bei mir blieben diese wenigen Worte eben aus dem geschilderten Grunde stark haften: Man könne vielleicht meinen, bei uns sei auch das geschehen, dass auf ein Zukünftiges hingewiesen worden wäre, aber das müsste so sein, weil von der andern Seite das Falsche gesagt wurde, deshalb sollte das Richtige dem gegenübergestellt werden. –

Es sollte also dem Unheil, das von der anderen Seite anzurichten versucht worden war, durch aufklärende Darstellungen entgegengewirkt werden. So ungefähr, wie Rudolf Steiner von seinem Leben erzählen musste, trotzdem er es aus okkulten Gründen höchst ungern tat, weil die anderen Lügen über dieses Leben verbreitet hatten. Wenn man bedenkt, dass Rudolf Steiner vor 1909 kaum jemals über Bodhisattvas überhaupt gesprochen hat – und nach 1913 eigentlich gar nicht mehr, mit einer einzigen Ausnahme (das war in Penmaenmawr 1923 und war wohl dadurch hervorgerufen, dass an jenem öffentlichen Vortragszyklus auch einige Theosophen teilnahmen) [GA 227, 29.08.1923] –, dann kann man sich schon vorstellen, dass dieses viele und weitgehende Sprechen über die Bodhisattvafrage in den Jahren 1909 bis 1913 nur hervorgerufen war durch die Verdrehungen, die von Adyar ausgingen, und dass, wenn Dr. Steiner nur seinen eigenen Weg hätte gehen können, er dieses Thema und die Vorverkündigung von dem Bodhisattvawirken vielleicht kaum berührt hätte. Daher kann man sagen, dass dieses Reden von dem Bodhisattva, gewissermaßen unfreiwillig, gegen das »Gesetz« gewesen ist, dass es aber geschehen musste, um größerem Unheil vorzubeugen. (Daher diese Bodhisattva-Angelegenheit im Grunde nicht so zu dem guten Karma unserer Gesellschaft gehört wie das sonstige Lehrgut Dr. Steiners. Man sieht ja auch, dass sie da, wo sie auftaucht, Verwirrung, Unruhe stiftet.)

Was die Erscheinung des Christus in der Ätherwelt betrifft – von dieser glaube ich, dass Dr. Steiner, auch wenn das andere nicht gekommen wäre, bestimmt zu uns gesprochen hätte. Vielleicht zu einem etwas anderen Zeitpunkt, vielleicht in einem etwas anderen Zusammenhang, aber diese Erkenntnis – so glaube ich – hätte er uns nicht vorenthalten. Er hat – im Gegensatz zu der Bodhisattva-Angelegenheit – über den ätherischen Christus auch später immer wieder, wenn auch nicht besonders oft gesprochen. –

Als er den Bodhisattva in Penmaenmawr erwähnte, da sagte er, dass nicht die Menschen auf den Bodhisattva zu warten haben, sondern der Bodhisattva warten müsse auf das Verständnis der Menschen; bevor er in seiner Sprache zu ihnen sprechen kann. Das war eben eine erneute Ablehnung von dem passiven Warten, das in dem »Stern, des Ostens« seit 1911 getrieben wurde. Man solle aktiv warten, sagte damit eigentlich im Grunde Rudolf Steiner, und dieses aktive Sich-Vorbereiten, das besteht eben in dem Erlernen der Sprache der Geisteswissenschaft – dann wird man auch die Sprache des Bodhisattvas verstehen. Sie können darüber nachlesen in dem Zyklus, der ja unter dem Titel »Initiations-Erkenntnis« gedruckt worden ist. – Von der ätherischen Christus-Erscheinung sagte Dr. Steiner auch, dass Sie zwar unter allen Umständen stattfinden werde, dass die Menschen sie aber würden verschlafen können. Wie diese Erscheinung wirken werde, das hängt eben stark von der Einstellung der Menschen ab. Und wenn wir gerade in diesen Tagen erleben können, welches ungeheure Interesse die heutige Menschheit einem Boxkampf entgegenbringt, können wir auch verstehen, dass – trotzdem Dr. Steiner uns als erster von dieser Erscheinung gesprochen hat – die Menschheit noch viel Aufklärung und Belehrung brauchen wird, um die Erscheinung, wenn sie anfangen wird bei Menschen aufzutreten, auch wirklich zu verstehen. –

Wer kann jetzt schon sagen, dass die Mission in dieser Hinsicht durch Rudolf Steiner ganz erfüllt, das heißt abgeschlossen worden ist? Gerade wenn man in den Vorträgen, wie zum Beispiel in dem Basler Vortrag vom 1. Oktober 1911 über die zukünftige Wirkung des ätherischen Christus im Menschenleben, liest, wird man empfinden können, dass trotz der erhabenen Vorverkündigung durch Rudolf Steiner noch manches in der Zukunft wird gelernt werden können. Aber gerade wenn man Dr. Steiner als Lehrer gekannt hat, wird man kein Bedürfnis empfinden, über diese Zukunftsperspektive viel zu reden. In Rudolf Steiner hatten wir sozusagen den ersten, voll nach außen auftretenden menschlichen Lehrer über die übersinnlichen Welten vor uns, während in früheren Zeitepochen man es mehr mit Inspirationen zu tun hatte. In ihm fühlte man alle Ströme der Vergangenheit gewissermaßen zusammengeflossen, und man konnte auch spüren, wie eine große Vergangenheit – wohl seine eigenen früheren Verkörperungen – in diesem Leben einen Höhepunkt erreicht hatte. Wie auch immer ein »Weltenlehrer«, ein Bodhisattva zukünftig wirken möge: In demjenigen, was Rudolf Steiner – der von sich sagen durfte wie kein anderer Mensch auf Erden: Nicht ich, der Christus in mir – in seiner Anthroposophie, in der »Weisheit vom Menschen« geschenkt hat, darin haben wir ein Erstmaliges, Einzigartiges.

Wenn man dieses vorbringt, liebe Freunde, so können einem ganz freundschaftlicherweise Einwände gemacht werden – wie es ja auch geschehen ist. Dann wird vielleicht gesagt: Ja, aber wenn Dr. Steiner der Bodhisattva gewesen wäre, hätte er nicht gerade so reden müssen, wie er es getan hat, als er die Annie Besant widerlegt hat? Nun, verehrte Freunde, es ist ganz gewiss, dass man solche Einwände nicht mit Widerlegungen, mit Gegenbeweisen entkräften kann. Das legt uns gerade eine besondere Toleranz in diesen Dingen auf. Aber da handelt es sich darum, dass man eine Empfindung dafür entwickelt, mit welchen Strömungen aus der Kulturgeschichte der Menschheit man es zu tun hat bei einer bestimmten Persönlichkeit, was in den Taten und Absichten lebt usw. Kurz, man muss eigentlich fähig sein, ein wenig »Karmastudien« treiben zu können, nicht in phantastischer Weise selbstverständlich, sondern mit den Mitteln, die uns Rudolf Steiner selber dazu an die Hand gegeben hat. Ich habe ja schon gesagt, wie man bei Dr. Steiner durch alle die Jahre hindurch den Eindruck haben konnte, dass er zu einer ganz anderen Strömung gehörte wie der mit dem orientalischen Geistesleben verwandten Strömung der Bodhisattvas, trotzdem er zu allen Geistesströmungen Beziehungen hatte. Aber wir können auch da wiederum historisch Vorgehen.

Im Frühjahr 1913 vollzog sich die Trennung der Anthroposophischen von der Theosophischen Gesellschaft. Für Dr. Steiner war es eine Befriedigung – er hat es auch damals ausgesprochen – dass dieser Übergang sich ganz ohne weitere Störung vollzogen hatte; wir hatten uns einfach als Anthroposophische Gesellschaft aus der Theosophischen herausgezogen. Ich will jetzt nicht darauf eingehen, ob all das, was Dr. Steiner sich als mögliche Konsequenzen dieser Befreiung vorgestellt hat, auch verwirklicht worden ist. In manchem ist man wohl einfach in den altgewohnten Gleisen doch weitergefahren, aber bedeutsam muss es erscheinen, dass Dr. Steiner, als er im Mai 1913, also ganz kurz nach der Abtrennung, hier nach Stuttgart kam, zwei Vorträge hielt, die den Titel bekommen haben »Von Gabriel zu Michael« [GA 152, 18./20.05.1913]. Das war damals etwas ganz Neues. So vertraut es uns jetzt ist, von Michael zu hören, an Michael als eine mit unserer Bewegung besonders verbundene Geist-Individualität zu denken – damals hatte er noch kaum jemals von Michael gesprochen. So kann man diese Vorträge, die wiederum mit großer Kraft und vor allem mit ungeheurem, ich möchte sagen, mahnendem Ernst gesprochen wurden, als programmatisch empfinden.

Da sprach Dr. Steiner zum ersten Mal davon, dass Michael, der Erzengel, jetzt zu einem Zeitgeist aufgestiegen sei, dass er vom »Antlitz Jahves« zum »Antlitz des Christus« geworden sei. Es erhebt sich die Frage, wer an die Stelle des Erzengels getreten sei? Sie wissen ja, dass Rudolf Steiner uns die Evolution auch im Reiche der Hierarchien gelehrt hat; die eine Wesenheit steigt auf, eine andere rückt an ihre Stelle. Diese Evolutionslehre ist auch für die geistigen Welten ein Grundpfeiler in Dr. Steiners Weisheitsgut, man findet sie sonst nirgends in der Welt. –

In dem zweiten der beiden Vorträge nun gibt Dr. Steiner die Antwort auf die am Schluss des ersten erhobene Frage: Wer ist an die Stelle getreten, die durch das Aufsteigen des Michael vom Erzengelrang zur Stufe der Zeitgeister frei geworden ist? Und er sagt uns: Es ist der Engel des Buddha gewesen, der an Michaels statt zum Erzengel aufgestiegen ist. Dieser Engel war sozusagen seines Amtes befreit, einen Menschen von Inkarnation zu Inkarnation zu begleiten, denn ein Buddha verkörpert sich eben nicht wieder! Wenn man nun einerseits den Zusammenhang von Michael mit unserer Bewegung bedenkt, andererseits die Tatsache, dass der Buddha selber durch Christian Rosenkreutz seine Mission auf dem Mars zuerteilt erhält [GA 137, 11./12.06.1912; GA 130, 18.12.1912; GA 141, 22.12.1912] – und auch mit der Strömung des Christian Rosenkreutz ist unsere Bewegung ja eng verbunden –, dann kann man sich doch nicht dem Gefühl verschließen, dass hier, am Ausgangspunkt gleichsam unserer eigenen selbständigen Gesellschaft uns gezeigt werden sollte, dass die vorhergehende Bodhisattvalinie in Verbindung steht mit unserer eigenen Strömung, dass sie durch die Wesenheit des Christian Rosenkreutz und des Michael hineinmündet in unsere – das ist: in Dr. Steiners Bewegung.

Man braucht nur an die Weihnachtstagung zu erinnern, um darauf hinzuweisen, wie stark Rudolf Steiner unsere Bewegung mit der Michael-Strömung in eine Verbindung gebracht hat. Und dann sprach er uns in jenen unvergesslichen Monaten, die auf die Weihnachtstagung folgten, von dem übersinnlichen Kultus [GA 240, 19./20.07.1924; GA 238, 16.09.1024], der sich im 18., 19. Jahrhundert in der geistigen Welt um Michael und seine Scharen herum abgespielt hat, an dem diejenigen Seelen teilgenommen haben, die sich darauf vorbereiteten, bei ihrem Herabstieg auf die Erde als Anthroposophen in ihrer Verkörperung zu leben; er sprach von der vorangegangenen Michaels-Schule in der übersinnlichen Welt im 15., 16. und 17. Jahrhundert.

Liebe Freunde, ich muss gestehen, ich habe es mir niemals anders denken können, als dass unser Lehrer selber auch dabei gewesen ist! Denken wir bloß an das, was ich schon einmal erwähnte, wie er uns schildert, dass die mächtigen Imaginationen von dem übersinnlichen Kultus am Ende des 18. Jahrhunderts sich wie in Miniaturbildern in Goethes »Märchen« [GA 240, 19.07.1924; GA 238, 16.09.1924] gespiegelt haben und wie das Mysteriendrama Rudolf Steiners selber wiederum eine Metamorphose des Goetheschen Märchens ist! Ganz besonders ergreifend kommt mir immer der Moment vor, wo Dr. Steiner in Arnheim in einem Mitgliedervortrag [GA 240, 20.07.1924] davon sprach, dass Michael denjenigen Menschenseelen, die in der übersinnlichen Schule seine Impulse aufnahmen, die zur Anthroposophie geführt haben, die Mahnung gegeben hat, bei ihrer Verkörperung hier auf Erden möglichst nur durch das Wort zu wirken, nicht in erster Linie durch die Schrift, durch den gedruckten Buchstaben. Wer hat diesen Auftrag so erfüllt wie Rudolf Steiner, der Schöpfer der Anthroposophie! Nicht hat er selbstverständlich gemeint, dass bei uns gar nichts geschrieben oder gedruckt werden sollte, denn dann könnten wir nicht eine wirklich zeitgemäße Bewegung sein, aber auf die Art seines eigenen Wirkens durch Vorträge, durch die zahllosen Einzelgespräche hat er doch mit diesen Worten hingewiesen. –

Man möchte bei alledem fragen: Wo kommt da der Bodhisattva hinein? Ich glaube, man könnte doch ein Gefühl dafür entwickeln, wie verschieden die Bodhisattvaströmung ist von der unsrigen.

Und da muss ich wiederum auch dasjenige berühren, was über die Umwandlung gesagt worden ist, die mit dem jetzigen Bodhisattva zwischen dem 30. und dem 33. Lebensjahr vor sich geht. Man müsste diese Umwandlung bei Dr. Steiner selber nachweisen können. Nun, verehrte Freunde, wenn eines feststeht, so ist es wohl dieses, dass Dr. Steiner selber immer jede solch eingreifende Umwandlung in seinem Leben in der allerstrengsten Weise abgeleugnet hat. Er hat sich sehr heftig gegen die Behauptung gewehrt, als sie von Gegnerseite vorgebracht wurde. Er hat immer hingewiesen auf den einheitlichen Zug, der durch sein ganzes Geistesleben geht. Herr Arenson glaubt eine geistige Verwandlung in Dr. Steiners Lebensgang angedeutet zu finden, aber das war jedenfalls nicht im 33., sondern erst im 36. Jahre. Und da schildert Dr. Steiner – nicht, wie er geistig verwandelt wird, sondern wie er zu der physischen Welt zum ersten Male eine innere Beziehung erlangt. Dass dasjenige, was bei anderen Menschen viel früher eintritt, bei ihm erst so spät stattfindet, das lag eben in dem ganzen Zuge seines Lebens. (Wenn man als Naturwissenschaftler aus der Anthroposophie heraus zu wirken hat und dann immer wieder zu den »Einleitungen« zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften des zweiundzwanzigjährigen Rudolf Steiner greifen muss, um auch in seinem anthroposophischen Studium vorwärts zu kommen, dann empfindet man keine Umwälzung, sondern die ungeheure Folgerichtigkeit dieses Lebens im Geistigen.) Und wenn erst ein Bodhisattva Rudolf Steiner seine Mission erteilt hätte, wie hätte dann der Vierundzwanzigjährige sein Lebensprogramm so entwickeln können, wie Rudolf Steiner es in dem Briefe getan hat, den er an Friedrich Theodor Vischer zusammen mit seinem Buch über Goethes Erkenntnistheorie geschickt hat! Wir finden die wichtigste Stelle dieses Briefes im Faksimile wiedergegeben im Werk »Das literarische Lebenswerk Rudolf Steiners« von Picht: »Von Goethes Weltanschauung waren für mich nicht dessen positive Aufstellungen maßgebend, sondern die Tendenz seiner Weltbetrachtungsweise. Goethes und Schillers wissenschaftliche Darlegungen sind für mich eine Mitte, zu der Anfang und Ende zu suchen ist. Der Anfang: durch Darstellung der prinzipiellen Grundlage, von der wir uns diese Weltansicht getragen denken müssen; das Ende: durch Auseinandersetzung der Konsequenzen, die diese Betrachtungsweise für unsere Anschauung über Welt und Leben hat.« [Briefe I, 1881-1890, GA 38, Brief vom 25.11.1886]

Meine lieben Freunde, wer so fähig ist, sich seinen geistigen Lebensweg vorzuzeichnen, der darf wohl von sich sagen, dass er immer eine einheitliche Lebenseinstellung gehabt hat. In diesen Worten sehen wir schon den Schöpfer des Goetheanismus, der Anthroposophie; er vollendet bis zuletzt, was er im fünfundzwanzigsten Lebensjahr angekündigt hat.

Dieses alles wollte ich ausführen, verehrte Freunde, weil ich glaube, dass es gut ist, sich immer wieder darauf zu besinnen, wie Dr. Steiner uns aus dem alten Theosophischen zu dem neuen Anthroposophischen hingeführt hat. (Aber vielleicht wird doch bei dem einen oder andern die Frage aufkommen: Also dürfen wir doch den Bodhisattva erwarten? Da kann man nur sagen: Es soll gewiss niemandem verwehrt sein, seine Erwartung und Hoffnung dahin zu richten, wo er es möchte. Er soll sie nur nicht zu einem Bestandteil der Gesellschaft machen wollen, sondern für ihn soll schon das »aktive Warten«, das in der Erlernung der Sprache der Geisteswissenschaft besteht, weiter Geltung haben. Alles Weitere möge man der weisen Weltenlenkung überlassen, die schon nicht überflüssige Lehrer der Menschheit schicken wird, sondern zur rechten Zeit und am rechten Ort. Nicht spekulieren sollten wir über diese Dinge, sondern möglichst schweigen, das entspricht am meisten dem wirklich okkulten Verhalten. In diesem Punkte begegnen sich, wie Sie sehen, in einem gewissen Sinne die Wünsche von Herrn Arenson und die meinen.)

Aber vielleicht mag doch als eine bange Frage vor mancher Seele stehen: Was ist nun richtig? Was ist falsch? Der Zweifel mag sich einschleichen und könnte Seelenkämpfe hervorrufen, wie damals, als es sich für viele Seelen um die Frage handelte: Wer mag recht haben, Dr. Steiner oder Annie Besant? Nun, liebe Freunde, Dr. Steiner war selber der erste, der solche Seelenkämpfe voll verstehen konnte. Und wenn er auch zwischen den beiden Stuttgarter Vorträgen, von denen ich soeben gesprochen habe, in strenger Weise davon geredet hat, dass man in der ganzen Annie-Besant-Krishnamurti-Angelegenheit nicht persönliche Freundschaft mehr soll gelten lassen als die Wahrheit (das war aber eben, als durch die Ereignisse sich schon klar gezeigt hatte, wo die Unwahrheit lag), so hat er doch immer voller Toleranz auf dasjenige geschaut, was zu solchen Zweifeln Anlass gegeben hat. Und wenn jetzt Meinungsverschiedenheiten bei uns vorhanden sind, so können sie uns ein Anlass dazu sein, jene wirkliche innere Toleranz zu üben, die aus der Erkenntnis des Geistigen von selber fließen muss. Ich möchte Ihnen zum Schluss die schönen Trostesworte vorlesen, die Dr. Steiner einmal gesprochen hat in der Zeit, da wir mitten im Kampfe darinnen standen. Es war in Kopenhagen 1911, als er die Vorträge hielt, die gedruckt wurden in dem Büchelchen »Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit«. Den drei Vorträgen, die da in dem Druck verwendet worden sind, hatte er noch einen Vortrag als Einleitung vorangeschickt, der eben nicht mitgedruckt worden ist, der sich auch gar nicht dazu eignen würde. Aus diesem Vortrag möchte ich Ihnen den Schluss vorlesen. Es ist meine eigene Nachschrift, eine andere habe ich nicht, und sie ist leider hier und da unvollkommen. Aber auch wenn sie das nicht wäre, könnte sie kaum die unendliche Liebe, Verzeihung, Vertröstung wiedergeben, die bei diesem Vortrag von Dr. Steiner auf seine Zuhörer überfloss. Das waren ungefähr seine Worte: »Eine Zeit, die vor solchen gewaltigen seelischen Ereignissen steht wie die unsere, ist besonders geeignet, uns in uns selbst einkehren zu lassen. Und zu den vielen Pflichten, die aus der theosophischen Bewegung erfließen, ist gewiss auch die, Einkehr zu halten in das eigene Herz, in die eigene Seele, und klar einzusehen, dass wir nur durch Entsagung den Weg verfolgen können, der uns Gewissheit bringen kann in Bezug auf das Mysterium von Golgatha. Solche wichtigen Zeiten, wie die unsere eine ist, müssen notwendigerweise auch etwas bringen von dem, was die Wahrheit bestätigt von dem alten Wahrspruch: Wo viel Licht ist, ist viel Schatten – Schatten, die auftreten zugleich mit jenen Gaben, von denen hier gesprochen worden ist: die Irrtumsmöglichkeit, die notwendigerweise verbunden ist mit dem Ausfließen großer Wahrheiten. Mehr als in anderen Zeiten ist in unserer Gegenwart die menschliche Seele Irrtümern ausgesetzt, und wahr ist es, dass in den Tagen der Erleuchtung, die da kommen werden, die größtmöglichen Irrtümer werden stattfinden können. Gerade weil wir Großes erleben werden, ist Irrtum leicht möglich für das schwache Menschenherz. Aus demjenigen heraus, was mit deutlich warnender Stimme die Okkultisten aller Zeiten über diese Irrtumsmöglichkeit gesagt haben, müssen wir lernen, jene höchste Toleranz zu üben, von der hier gesprochen wurde. Blindes Autoritätsgefühl muss auf der einen Seite vermieden werden: denn das kann gerade die Irrtumsmöglichkeit fördern, und auf der anderen Seite ist notwendig, ein offenes Herz zu haben für das Neue, das jetzt aus den geistigen Welten in die Menschheit einfließen will. Wer ein guter Theosoph ist, der weiß: Wenn wir das Licht pflegen wollen, das jetzt in die Menschheit einströmen will, dann müssen wir auch die Irrtümer erkennen, die mit dem Licht in die Menschheit einströmen werden.

Fühlen wir es, dass noch niemals eine Bewegung gewesen ist, in der solch weite, liebevolle Herzen gepflegt werden konnten wie in unserer heutigen Bewegung, und fühlen wir es, dass es besser ist, bekämpft zu werden von denjenigen, die da glauben, in einer Meinung das einzig Wahre zu haben, als diese selber zu bekämpfen. –

Zwischen diesen beiden Extremen liegt allerdings ein langer Weg. Streben wir danach, versuchen wir so zu leben, dass, wenn die Verzweiflung über uns kommen sollte bei dem Gedanken: Wie soll ich in diesen schwierigen Zeiten Wahrheit von Irrtum unterscheiden? wir gestärkt werden können durch den Leitspruch: Die Wahrheit wird doch dasjenige sein, was die höchsten Impulse für die Menschheit abgeben kann; die Wahrheit soll mir näher stehen als ich mir selber. Stehe ich so zu der Wahrheit und sollte ich mich irren in dieser Inkarnation, so wird die Wahrheit mich in einer nächsten Inkarnation von selber wieder zu dem Richtigen führen. Besser ist es, in dieser Gesinnung zu irren, als Dogmen anzuhängen. Und fühlen können wir dann: Sollten wir zu schwach sein, um zu der Wahrheit selber aufzusteigen, dann möge dasjenige, zu dem wir uns bekennen, untergehen; denn dann hätte es nicht die Kraft in sich, zu leben und dann darf es auch nicht leben bleiben. Wenn wir ehrlich nach Wahrheit streben, dann wird die Wahrheit der siegreiche Impuls in der Welt sein, nicht durch uns, sondern durch die Kraft, die ihr selber innewohnt. Und wenn dasjenige, zu dem wir uns bekennen, der Irrtum ist, möge es dann zugrunde gehen. –

Wenn wir so empfinden, wenn das unser Leitspruch ist, dann können wir auch sagen: Vertrauen dürfen wir, dass der Irrtum untergehen, dass die Wahrheit fortbestehen werde. Was auch unsere Gegner sagen mögen: Diese Empfindung kann in jedem theosophischen Herzen leben. Und wenn die Mitteilung von spirituellen Wahrheiten solche Empfindungen in der menschlichen Seele erwecken kann, dann wird in diesen Seelen die Mission der neuen spirituellen Offenbarung erfüllt, die in die Menschheit gekommen ist und immer mehr kommen wird, um die Menschheit in die geistigen Welten hinaufzuführen« [GA 127].

Damit möchte ich diese Vorträge beschließen.

• Adolf Arenson: Rudolf Steiner und der Bodhisattva des 20. Jahrhunderts, 30. März 1930


nach Oben