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Übersicht

Theosophische Vorgeschichte
 
Die Entfaltung der Anthroposophie
 
Aufschwung und Krise
 
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Die Weihnachtstagung 1923-24
 
Rudolf Steiners Tod und seine Folgen
 
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Streit um ein Testament
 
Sukzession und falsche Bodhisattvas
 
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Anthroposophie im Jahr der Machtergreifung
 
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Ausschluss und Verbot
 
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Verhärtete Fronten – künftige Versöhnung
 
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Anthroposophie im Dreipäpstejahr
 
Versäumte Versöhnung (1)
 
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Despotendämmerung im Jahr des Kindes
 
Astralmarx oder dummer Hase und kluger Igel
 
Vergangenheit, die nicht vergehen will
 

1978 | Versäumte Versöhnung (2)

Der vierte Verstorbene, den Grosse namentlich erwähnte, veranlasste ihn zu etwas längeren Ausführungen, da das problematische Verhältnis zur Institution, die jener repräsentierte – das Jahrzehnte der Gesellschaftsgeschichte geprägt hatte und auch 1978 fortbestand –, den meisten Anwesenden in lebhafter Erinnerung gewesen sein dürfte und Grosse selbst an der Entwicklung dieses Verhältnisses maßgeblich beteiligt gewesen war. Der aus Basel stammende Arzt Marie Steiners, Hans Werner Zbinden, Gründungsmitglied und langjähriger Präsident des Nachlassvereins, einer der Hauptkontrahenten Grosses in den Auseinandersetzungen mit der Nachlassverwaltung, hatte 1977 mit 78 Jahren »die Schwelle überschritten«.

Seine Ausführungen leitete Grosse unter Berufung auf »ein Wort Rudolf Steiners ein«, nach dem der Mensch zwar Entscheidungsfreiheit besitze, aus seinen freien Entscheidungen aber »Notwendigkeiten« entstünden. »Das erste steht uns frei, beim zweiten sind wir Knechte«, hätte Grosse auch unter Berufung auf Goethe sagen können.[1]

1964, so Grosse, sei die Nachlassverwaltung zu Gesprächen ins Goetheanum eingeladen worden, »21 Jahre nach der Begründung des Nachlassvereins«. Der Nachlassverein wurde 1943 gegründet.[2] 1945 machte Marie Steiner dessen Existenz bekannt, was den früher beschriebenen sogenannten zweiten Nachlasskonflikt auslöste. Seit jenen Gesprächen seien 14 Jahre vergangen, sie selbst (mit ihren Ergebnissen) seien Bestandteil der Geschichte und damit Notwendigkeit geworden. Grosse deutete damit an, dass von der Leitung der Gesellschaft ein Annäherungsversuch an die Nachlassverwaltung ausgegangen war, der darauf abzielte, den 1945 ausgebrochenen Konflikt zu beseitigen. Mit diesem Annäherungsversuch seien Hoffnungen (auf Lösung des Konflikts) verbunden gewesen, die sich jedoch nicht erfüllt hätten. Hoffnungen bzw. »Erwartungen« ordnet Grosse der Freiheitssphäre zu, die Erfüllung oder Nichterfüllung solcher Erwartungen und die daraus hervorgehenden Ereignisreihen wiederum der Notwendigkeit. 1964 habe er, Grosse, in den Eröffnungsworten der Gespräche daran erinnert, dass 21 Jahre nach Gründung des Nachlassvereins drei Jahrsiebte verstrichen seien, die ebenso wie drei Jahrsiebte in der Biographie eines Menschen viele Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten enthielten. Damals habe er, Grosse, an diese Entwicklungsmöglichkeiten erinnert, aber statt dass diese ergriffen worden seien, habe das Gespräch lediglich zu tieferen Einblicken in die »Konfliktwelt« geführt, die »in den Seelen stabil geblieben« sei. Seine eigene Beziehung zu Zbinden habe sich in einem ständigen »Auf und Ab« zwischen »scharfen Auseinandersetzungen« und »plötzlichen gegenseitigen Erkenntnissen« bewegt.

Neue Hoffnung habe die gemeinsame Arbeit an der Neuherausgabe der Klassentexte (zwischen 1974 und 1977) geweckt.[3] Der Tod Zbindens habe diese Hoffnung zunichte gemacht. Kurz vor seinem Tod habe Zbinden noch Grosses 1976 erschienenes Buch Die Weihnachtstagung als Zeitenwende gelesen. Die Lektüre sei ihm dem Vernehmen nach nicht leicht gefallen, denn er habe die Dinge anders gesehen, als sie sich »seinem eigenen Forschen« (also Grosses Forschen) ergeben hätten. Jeder habe das Recht auf seine eigene Meinung. Aber – und nun kommt die Wendung, die Zeugen dieser Ansprache veranlasste, von einer »Auslöschung der Individualität« Zbindens zu sprechen[4] – der Tod rücke vieles zurecht und wer über die Schwelle gehe, könne neue Einsichten gewinnen. Nun dürfe die Hoffnung gehegt werden, dass der Verstorbene sich jenen Erkenntnissen öffne, die er während des Lebens nicht zu erlangen vermochte. Wörtlich führte Grosse aus: »Ich habe Dr. Zbinden gegenüber immer vertreten, dass es unmöglich sei, dasjenige, was man auf Erden einem Menschen vorwirft oder als seine Fehler und Irrtümer erkannt habe, über den Tod hinüberzutragen. Es geht für Anthroposophen, die einen Erkenntnisweg auch über die Schwelle antreten, nicht an, dass sie das Irdische hinübertragen in das eigenkarmische Erkennen der Individualität. Das ist ihre eigene höchste Arbeit, die sie tut«.

Ich glaube, diese Ausführungen sind tatsächlich so zu verstehen, dass Grosse erwartete, Zbinden werde sich nach seinem Tod von seinen Irrtümern, die ihn in Gegensatz zur Gesellschaftsleitung brachten, befreien können und jene besseren Einsichten gewinnen, die diese schon lange vertreten hatte. Auch diese verwegenen Spekulationen, die einen Verstorbenen für die Bekräftigung der eigenen Position vereinnahmten, der dazu noch zu Lebzeiten der entschiedenste Gegner dieser Position gewesen war, wurden durch Berufung auf Steiner legitimiert. Denn dieser habe auf seinem Krankenlager Ita Wegman, die sich besorgt über die künftige Entwicklung ihres Verhältnisses zu Marie Steiner äußerte, damit getröstet, dass nach dem Tode »nicht ein Schatten von dem, was vorher da war von Spannungen« übrigbleibe. Diese Episode habe er, Grosse, Zbinden in ihrer letzten Aussprache erzählt und Zbinden habe gestanden, er hätte nie etwas davon gehört.[5] Abgesehen davon, dass die von Grosse berichtete Episode auf den vorliegenden Fall nicht anwendbar ist, da der Konflikt zwischen Marie Steiner und Ita Wegman zwei Lebende betraf, und die Lösung eines Konfliktes unter Lebenden nicht vom Tod eines der Beteiligten erhofft werden sollte, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass dem klassisch gebildeten Zbinden der Gedanke, den Toten nichts nachzutragen, den Diogenes von Laertios einem der sieben Weisen, Chilon von Sparta, zuschrieb, unvertraut gewesen sein dürfte.[6] Auch als Hauptverantwortlichem der Gesamtausgabe und Herausgeber vieler Bände dieser Ausgabe dürften Zbinden die zahlreichen Hinweise Steiners auf den Perspektivenwechsel und die Wandlung, die der Verstorbene durchlebt, gewiss nicht entgangen sein – Hinweise, die die von Ita Wegman kolportierte Äußerung auf dem Sterbelager lediglich dramatisch inszeniert. Die allgemeine Maxime, die Grosse aus dieser Anekdote ableitete: »Wir müssen immer wieder prüfen, ob der Standpunkt, den wir einnehmen, bleiben kann oder ob wir uns nicht neue Anschauung anerziehen müssen«, ist auf ihn selbst ebenso anwendbar. Wer Verstorbene als das »Gegenteil dessen« erscheinen lasse, »wofür man sie im Leben gekannt« habe, und sie »seinen eigenen Wünschen gemäß« verändere, der ziehe, so Balastèr im erwähnten Aufsatz, das Sprechen von der geistigen Welt auf das »Niveau der Leichtfertigkeit« herab.

Wie in Kreisen der Anthroposophischen Vereinigung und damit der Nachlassverwaltung über Grosses Buch[7] gedacht wurde, geht aus zwei Besprechungen hervor, die kurz nach dessen Erscheinen, zu Ostern 1977 in den »Mitteilungen« der Vereinigung erschienen.[8] Die eine war von Jakob Streit, die andere von Ernst Lippold (1913-1996) verfasst worden. Beide Rezensenten empfanden besonders Grosses These vom postmortalen Fortwirken Steiners in der Gesellschaft und im Vorstand als anstößig. Damit kritisierten sie die Kernthese, auf welcher der Anspruch Grosses und all jener fußte, die seine Auffassung teilten, in der gegenwärtigen Gesellschaft und ihrem Vorstand ströme, trotz aller historischen Brüche, die esoterische Substanz fort, die Steiner in sie hineingegossen habe. Streit bezeichnete diese These als das »zentrale Problem« des Buches, Lippold sprach von einer »falschen und papistischen Vorstandsidee«. Streit bemängelte, der Autor erwecke den Eindruck, »die Jahre und Jahrzehnte des offensichtlichen Zerfalls des Weihnachtstagungsimpulses« seien »nicht vorhanden gewesen«. Er wies darauf hin, dass durch die Weihnachtstagung der Mitgliedschaft vor allem eine Aufgabe gestellt worden sei und dass sie selbst nicht bereits die Lösung darstellte. Obwohl Steiner nirgends davon gesprochen habe, bestimmte Gremien könnten nach seinem Tod in eine Art von Mittlerrolle zwischen der Mitgliedschaft und der geistigen Führung der Menschheit treten oder als seine Nachfolger agieren, seien schon kurz nach seinem Tod »Sukzessionsansprüche« erhoben worden (damit dürfte Streit auf Ita Wegman und Walter Johannes Stein anspielen). »Die einen glaubten«, so Streit, »die legitime esoterische Kontinuität zu garantieren, andere sprachen von Stellvertretertum. Vom ›Gründungsvorstand‹ erwarteten viele, auch ohne Rudolf Steiner, die gradlinige Erfüllung und ›Fortsetzung‹ des Weihnachtstagungs-Fragmentes«. Und dies, obwohl Steiner in der zweiten Jahreshälfte 1924 mehrfach davon gesprochen habe, die Weihnachtstagung sei misslungen, ja »zerschellt«. Die Gesellschaft sei nach Steiners Tod von Konflikt zu Konflikt getaumelt und »in die Niederungen der Testaments- und Nachlassanfechtungen« abgesunken, um schließlich Marie Steiner völlig abzudrängen. Trotz dieses »verheerenden Niedergangs« wolle Grosse seinen Lesern weismachen, Rudolf Steiner sei »nicht weggegangen«, er habe keinen Nachfolger ernannt, weil er selbst aus der geistigen Welt seine Nachfolge auf Erden ausübe. In der These des Autors, »die Gesellschaft« sei »als Gefäß der Anthroposophie und Träger der esoterisch-spirituellen Impulse der Weihnachtstagung der Ort geblieben, wo Rudolf Steiner seiner Geistes-Aufgabe gemäß mit seinem Werk schaffend verbunden« bleibe, sah er einen »Nachfolgeanspruch« Grosses formuliert, mit dem er Gesellschaft »kirchliche Vorstellungen« zumute. Es gebe aus Grosses Sicht ein örtliches Zentrum (der spirituellen Bewegung) mit einem »Führungsgremium«, das als Nachfolger wirke. Der Vorstand werde »hinaufstilisiert« (vermutlich zu einer Art Kardinalskollegium) und die Mitgliedschaft dürfe sich als Gemeinde verstehen. Grosses Buch, so Streit, sei eine »Bewusstseins-Prüfung« für die Gesellschaft, ob sie sich als »Gemeinde« betrachte oder als »Gemeinschaft freier, unabhängiger, auch irrender Individuen«, die trotz der Zertrümmerung der Weihnachtstagung sich weiterhin in den Dienst der Mission Steiners stellen wollten. Ernst Lippold erzählte von einem Gespräch, das er 1954 mit Walter Johannes Stein in London geführt hatte (Stein war 1957 verstorben), der nach wie vor die Auffassung vertrat, Steiner sei auch nach seinem Tod Vorsitzender der Gesellschaft und Leiter der Hochschule geblieben. Ebendiese Auffassung trete ihm nun in Grosses Buch wieder entgegen, der den Einwand, mit seinem Tod habe Steiner auch den Vorsitz der Gesellschaft abgelegt, als Ausfluss eines »paradoxen Materialismus« beiseite wische und stattdessen behaupte, durch die Weihnachtstagung seien »Werk und Wesen Steiners« identisch geworden. Grosse, der glaube, Steiner sei mit der Leitung der Hochschule »verbunden geblieben«, bürde diesem damit all das Unrecht und die Tatsachenentstellungen auf, die sich die Gesellschaftsleitung im Verlauf ihrer Geschichte habe zuschulden kommen lassen. Diese Identitätstheorie erinnere ihn an Vorstellungen aus dem Jahr 1926, als Anhänger Ita Wegmans behaupteten, die »Inkorporation« Rudolf Steiners in ihr garantiere die esoterische Kontinuität. (Lippold verweist hier auf Lili Kolisko, Eugen Kolisko. Ein Lebensbild, S. 136, wo diese Behauptung durch Günther Schubert referiert wird). »Wie kann man Rudolf Steiner mit Institutionen identifizieren«, frägt Lippold unter Berufung auf eine Äußerung Steiners, deren Realisierung »ganz von dem Willen derer abhängt, die innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft sind?«[9] Und eine weitere Äußerung Steiners wird von Lippold zitiert, die zwei Monate nach der Weihnachtstagung gefallen ist: »Die Weihnachtstagung wird erst real durch das, was aus ihr weiter wird. Hinschauen auf die Weihnachtstagung bedingt schon eine gewisse Verantwortlichkeit, sie wirklich zu machen; während sie sich sonst zurückzieht von dem Erdendasein [...] Ob sie als Weihnachtstagung für das Leben wirksam wird, hängt davon ab, ob sie fortgesetzt wird«.[10] Die Anthroposophische Gesellschaft und auch die Hochschule, fährt Lippold fort, seien nach dessen Tod nicht das »Werk und Wirken« Rudolf Steiners, sondern das Werk und Wirken derjenigen, die bis in die Gegenwart die Verantwortung für sie trügen. Wer behaupte, Steiner leite auch heute noch Gesellschaft und Hochschule, versuche, das »Prestige« Steiners für sich nutzbar zu machen und vertrete jene »papistische Vorstandsidee«, gegen die sich Marie Steiner zeit ihres Lebens zur Wehr gesetzt habe. »Die Weihnachtstagung als Zeitenwende«, so Lippert, »wurde schon zu Lebzeiten ihres Begründers nicht realisiert. Und später erst recht nicht, wie die erschütternden Schilderungen der ›Denkschrift 1925-1935‹[11] eindringlich zeigen«. Die Historie der Gesellschaft nach 1925 widerspreche allzusehr der »Sanktifizierungstendenz« Grosses, daher werde sie in seinem Buch auch mit keinem Wort erwähnt.

Für eben diese »Sanktifizierungstendenz« lieferte Grosse mit seinen weiteren Ausführungen ein sprechendes Beispiel.

Sentimentalisierend sprach er von den »wunderbaren Tagen auf dem Dornacher Hügel« vor 50 Jahren, davon, dass die »Herzenskraft und Wärme der Anthroposophen« jeden Teilnehmer mit der Freude erfüllte, dazuzugehören. »Man wusste, so nahe und so innerlich warm ist man mit Blutsverwandten nicht verknüpft wie mit Geistesbrüdern und -schwestern, wie sie sich damals gezeigt haben«. Vor dem Hintergrund der realen Geschichte der Gesellschaft und ihres Vorstandes lassen sich solche Schilderungen nur durch kognitive Dissonanz erklären. Es sei daran erinnert, dass 1928 der Streit um das Testament Rudolf Steiners und die Autorenrechte seiner Witwe erstmals eskalierte und dass Elisabeth Vreede bereits in diesem Jahr sich durch Steffen als Vorstandsmitglied »abgesetzt« fühlte. All den Zweiflern, die mit den Widrigkeiten und Widersprüchen der Geschichte argumentierten, setzte Grosse ein perennialistisches »Trotz alledem« entgegen. Auch wenn das erste Goetheanum ein Opfer der Flammen geworden war, habe Steiner auf dessen Fortexistenz bestanden. Allein das Physische sterbe, die »Geistexistenz« hingegen bleibe. So aber verhalte es sich auch mit der Gesellschaft, die durch die Weihnachtstagung gestiftet worden sei. Auch sie gehöre ihrem Wesen nach jener Sphäre an, in der das erste Goetheanum fortexistiere. Steiner habe ihr in dieser Sphäre, die niemand sehe, einen Grundstein gegeben, den »dodekaedrischen Liebesstein«, der »in die Ätherherzen der Anwesenden versenkt« worden sei. In diesem Ätherherzen wirke »die Kraft des Auferstandenen«. Offen sprach Grosse die Notwendigkeit des performativen Reenactement dieses Stiftungsereignisses aus, durch das der Mythos im alles zermalmenden Mahlstrom der Geschichte stets von neuem zur Wirklichkeit wird: »Man muss diese Worte wieder und wieder repetieren. Denn das hat sich damals ereignet an der Weihnachtstagung, es war ein übersinnliches Element unserer Neubegründung, und das geht ebensowenig durch den Tod«.

Nach diesem Ausflug ins Reich der imaginären Toten und die imaginäre Ätherwelt wandte sich der Vorsitzende den harten Fakten zu. Hervorgehoben wurde von ihm der Mitgliederzuwachs, der auch in zwei Ländern stattfand, die bisher nicht auf der anthroposophischen Landkarte verzeichnet waren: Japan und Spanien. Im ersteren hatten sich sogar Mitglieder der Universität Tokio der Gesellschaft angeschlossen. In Japan begegne einem eine »Devotion gegenüber dem Werk Rudolf Steiners«, eine »Innigkeit seelischer Bewunderung«, die man »nur im asiatischen Raum« finden könne, die Grosse offenbar für vorbildlich hielt. Ein japanischer Professor für Germanistik hatte sogar eine Übersetzung der Theosophie veranlasst. Trotz der Ausbreitung nach Asien waren die größten Mitgliederzuwächse nach wie vor in den europäischen Ländern zu verzeichnen: in Deutschland, Holland und der Schweiz. Die letztere stand mit 3.500 Mitgliedern insgesamt an zweiter Stelle nach Deutschland.

In der Öffentlichkeit nahm Grosse eine wachsende Beachtung anthroposophischer Positionen wahr. Der Spiegel hatte einen Artikel über Vorschulerziehung veröffentlicht und die kritischen Stimmen von Waldorfpädagogen erwähnt. Das Nachrichtenmagazin erwähnte sogar eine Publikation Ernst-Michael Kranichs über die problematischen Folgen einer verfrühten Verschulung der Kindheit. Auch in der Schweiz fand die Waldorfpädagogik im Berner Bund lobende Erwähnung, diesmal aus Anlass der Vorstellung von Jahresarbeiten, die den berichtenden Journalisten fragen ließen, ob sie nicht vielleicht aussagekräftiger seien als Abiturzeugnisse. Grosse hörte in solchen Erwähnungen bereits das Gras des »zweiten Jahrhunderts der Michaelepoche« wachsen, in der die Anthroposophie – »vielleicht« – »mit einer ungeheuren Stoßkraft in die Kultur hineinwirken« und die »alten Zöpfe wegbringen« werde.

Außerdem teilte er mit, dass der Vorstand beschlossen hatte, eine neue Sektion für Kunstwissenschaft ins Leben zu rufen, deren Leitung Hagen Biesantz übernehmen sollte. (Die Sektion bestand fünf Jahre, sie wurde 1983 aufgelöst, als Biesantz die Leitung der Sektion für Schöne Wissenschaften von Friedrich Hiebel übernahm bzw. ging in diese auf).[12] Die Sektion sollte sich mit Kunstgeschichte, Archäologie, Kunsterkenntnis und Ästhetik befassen.

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Anmerkungen:

[1] Mephisto spricht diese Worte in seinem ersten Dialog mit Faust. Sie beziehen sich hier darauf, dass selbst das Böse dem Gesetz des Karma unterliegt. Mephisto kann das Studierzimmer Faustens nicht verlassen, da ein Drudenfuß ihn hindert. Der Pudel, der über die Schwelle hereinschlich, bemerkte ihn nicht, Mephisto sehr wohl. Dieses »Missgeschick« versetzt Faust in die Lage, Mephisto einen »Pakt« abzunötigen. In diesem Zusammenhang sagt Mephisto: »‘s ist ein Gesetz der Teufel und Gespenster: / Wo sie hereingeschlüpft, da müssen sie hinaus. / Das erste steht uns frei, beim zweiten sind wir Knechte«, woraufhin Faust ausruft: »Die Hölle selbst hat ihre Rechte?« Auf welches Steinerwort genau Grosse sich bezog, vermag ich nicht zu eruieren. Er könnte auf Ausführungen über das Gesetz des Karma anspielen, in welchen Steiner öfter das Verhältnis von Notwendigkeit und Freiheit durch das Bild eines Hauses erläutert, das die geistige Individualität des Menschen erbaut, um alsdann in es einzuziehen. Das Haus symbolisiert die karmische Notwendigkeit, der Bewohner, der sich in ihm herumbewegt und seine Entscheidungen trifft, die Freiheit. Dieses Bild verwendet Steiner beispielsweise in seinen Esoterischen Betrachtungen karmischer Zusammenhänge am 23.02.1924 in Dornach (GA 235, Dornach 1994, S. 49 ff), es findet sich aber auch schon in der Theosophie (GA 9, Dornach 2003, S. 81). Allerdings bezieht sich dieses Bild auf die karmischen Notwendigkeitsbedingungen der Freiheit und nicht auf die karmischen Folgen der Freiheit.

[2] Am 3. Juni 1943. Gründungsmitglieder des Vereins waren: Marie Steiner, Lucie Bürgi-Bandi, Curt Englert-Faye, Otto Reebstein, Jan Stuten, Isabella de Jaager, Hans Werner Zbinden und Charles von Steiger-de Mestral.

[3] 1949 wurden die Stenogramme der Klassenstunden ein weiteres Mal in Langschrift übertragen. Diese Textfassung sollte zwischen 1974 und 1977 erneut überprüft und 1977 in einem Manuskript zusammengefasst werden. Von diesem Manuskript wurden 500 Exemplare gedruckt und an »Klassenleser« und andere ausgewählte Personen verteilt; erst 1992 erschienen die Klassenstunden im Rahmen der Gesamtausgabe. Äußerer Anlass dieser Veröffentlichung war der Ablauf der siebzigjährigen Schutzfrist 1995. Vor 1995 sollte eine autorisierte Version der Texte zur Verfügung stehen.

[4] G.A. Balastèr in Mitteilungen aus der anthroposophischen Bewegung, herausgegeben von der Anthroposophischen Vereinigung in der Schweiz, Nr. 65, Michaeli 1978, S. 14.

[5] Diese Erzählung Grosses erinnert an jene andere, von Steffens vermächtnishaften Worten, die er zur Rechtfertigung seines Sinneswandels in Bezug auf die Bücherfrage nach dem Tode Steffens verbreitete. Wie im Falle Steffens konnte sich auch Zbinden nicht gegen Grosses Darstellung zur Wehr setzen.

[6] Sprichwörtlich seit der Renaissance als lateinisches Zitat »de mortuis nil nisi bene«.

[7] Siehe dazu ausführlicher: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster1976 | Epiphanie eines Mythos (1) und Öffnet internen Link im aktuellen Fenster1976 | Epiphanie eines Mythos (2).

[8] Mitteilungen aus der anthroposophischen Bewegung, herausgegeben von der Anthroposophischen Vereinigung in der Schweiz, Nr. 62, Ostern 1977, S. 6-11.

[9] Der Halbsatz findet sich in einem Dornacher Vortrag vom 17. Juni 1923, aus der von Hans Werner Zbinden erstmals 1931 herausgegebenen Reihe Die Geschichte und die Bedingungen der anthroposophischen Bewegung im Verhältnis zur anthroposophischen Gesellschaft. Eine Anregung zur Selbstbesinnung (GA 258), die ein halbes Jahr vor der Weihnachtstagung stattfand. Man könnte argumentieren, diese Ausführungen seien durch die Weihnachtstagung und die Neugründung der Anthroposophischen Gesellschaft überholt. Da sie aber von den Lebensbedingungen der anthroposophischen Gesellschaft handeln, gelten sie auch nach dieser fort. Der unmittelbare Kontext, in dem der Halbsatz steht, besteht aus einer eindringlichen Aufforderung Steiners an die versammelten Zuhörer, Anthroposophie nicht nur zu predigen, sondern zu leben. »Ehe nicht, meine lieben Freunde [...], Anthroposophie genommen wird wie ein lebendiges Wesen, das unsichtbar unter uns herumwandelt und demgegenüber man sich verantwortlich fühlt, eher kann das kleine Häuflein Anthroposophen nicht als ein Musterhäuflein voranschreiten. Und voranschreiten als ein Musterhäuflein müsste das kleine Häuflein Anthroposophen. [...]

Eine anthroposophische Bewegung kann nur in einer Anthroposophischen Gesellschaft leben, die eine Realität ist. Da müssen dann aber die Dinge mit wirklich großem Ernste genommen werden. Da muss man in jedem Augenblicke seines Lebens fühlen, dass man mit der unsichtbaren Wesenheit der Anthroposophie verbündet ist.

Wenn das Gesinnung würde, Gesinnungs-Wirklichkeit, wenn auch nicht von heute auf morgen, so aber in längeren Zeiträumen, dann würde innerhalb von, sagen wir einundzwanzig Jahren, ganz gewiss ein Impuls entstehen. [...]

Soll sie gedeihen, dann muss in der Anthroposophischen Gesellschaft Anthroposophie wirklich drinnen leben. Und ist das der Fall, dann kann auch schon im Laufe von einundzwanzig Jahren etwas Bedeutsames geschehen, auch in einer noch kürzeren Zeit. Ich rechne nach: Einundzwanzig Jahre besteht aber die Gesellschaft schon!

Nun, da ich nicht Kritik üben will, möchte ich Sie nur auffordern, nun die Selbstbesinnung so weit zu treiben, zu fragen: Ist nun wirklich von jedem einzelnen an jedem einzelnen Platze überall dasjenige getan worden, was aus dem Zentrum des Anthroposophischen heraus empfunden ist?

Wenn Sie etwa darauf kommen sollten, dass der eine oder der andere das bis heute nicht so empfunden hat, dann bitte ich Sie, fangen Sie morgen an, oder noch heute abend, denn es würde nicht gut sein, wenn die Anthroposophische Gesellschaft zerfallen würde. Aber zerfallen wird sie ganz sicher, wenn sie, da sie jetzt zu alledem, was sie schon hat an äußeren Begründungen, auch noch das Goetheanum wieder aufbaut, wenn nicht jenes Bewusstsein entsteht, von dem ich in diesen Vorträgen gesprochen habe, wenn diese Selbstbesinnung nicht da ist. Dann aber, wenn sie zerfällt, wird sie sehr rasch zerfallen. Aber das hängt ganz von dem Willen derer ab, die innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft sind.

Anthroposophie wird sicher nicht aus der Welt geschafft. Aber sie könnte für Jahrzehnte und länger, ich möchte sagen, in einen latenten Zustand zurücksinken und dann später wieder aufgenommen werden. Es wäre aber Ungeheures verloren für die Entwickelung der Menschheit. Das muss bedacht werden, wenn man im Ernste an die Selbstbesinnung herantreten will, die ich eigentlich gemeint habe mit diesen Vorträgen. [...] dasjenige, um was es sich handelt, ist, dass wir in uns das innere Zentrum unseres Wesens finden. Wenn wir dieses Suchen nach dem inneren Zentrum unseres Wesens mit dem in dem anthroposophischen Weisheitsgut enthaltenen Geiste tun, dann finden wir auch den anthroposophischen Impuls, den die Anthroposophische Gesellschaft als ihre Lebensbedingung braucht«. GA 258, 17.06.1923, Dornach 1981, S. 168 ff.

[10] 6. Februar 1924, GA 240, Dornach 1992, S. 94. Die Sätze stammen aus den Esoterischen Betrachtungen karmischer Zusammenhänge, der Vortrag wurde in Stuttgart gehalten.

[11] Zur Denkschrift siehe: Öffnet internen Link im aktuellen Fenster1935 | Ausschluss und Verbot.

[12] Biesantz hatte die Leitung der Sektion für Schöne Wissenschaften von 1983-1987 inne, danach folgte für drei Jahre ein Kollegium, bestehend aus Michael Bockemühl, Karl-Martin Dietz, Manfred Krüger und Heinz Zimmermann, das sich jedoch als wenig funktional erwies. Daher übernahm Biesantz von 1991-1995 erneut die Sektion, durch seine Krankheit und seinen Tod [1996] ruhte die Arbeit, danach folgte eine Interimsleitung durch Frank Berger, Almut Bockemühl, Dietrich Rapp und Martina Maria Sam von 1997-1999, von 2000-2011 wurde die Sektion von Martina Maria Sam alleine geleitet, ab 2012 von Christiane Haid.

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