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Anthroposophie / Geschichte / Geschichte der Anthroposophie im 20. Jahrhundert / Zwischen Phantásien und Waldsterben

1982 | Zwischen Phantásien und Waldsterben

Rufen wir uns kurz den Ereignishorizont des Jahres 1982 in Erinnerung, bevor wir uns der anthroposophischen Gesellschaft und Bewegung zuwenden. 1982 war das Jahr des Falkland- und des Ersten Libanonkrieges, in dem auch der Erste Golfkrieg zwischen Irak und Iran, der 1980 begonnen hatte, fortdauerte. 

Innerhalb dreier Monate gelang es dem durch die argentinische Besetzung überraschten Großbritannien die Islas Malvinas, Südgeorgien und die Südlichen Sandwichinseln zurückzuerobern. Infolge der Niederlage brach die argentinische Militärjunta zusammen und das Land kehrte 1983 zur Demokratie zurück. Allerdings sollte das demokratische Argentinien 1990 die Falklandinseln mitsamt ihren Nachbarinseln zum »integralen Bestandteil« seiner Provinz Feuerland erklären – der Konflikt ist bis heute nicht gelöst. Für Margaret Thatcher, die 1979 als konservative Premierministerin aus den Wahlen hervorgegangen war, erwies sich der Sieg in diesem reinen Prestigekrieg als politischer Erfolg, der ihr Image als »eiserne Lady« festigte und für einen Popularitätsschub in der eigenen Bevölkerung sorgte.

Der erste Libanonkrieg stellte den Versuch Israels dar, sich des Problems der PLO im Nachbarland zu entledigen. Wie stets war die Lage im Nahen Osten unübersichtlich. Die PLO hatte sich nach ihrer Vertreibung aus Jordanien im Libanon festgesetzt und führte von dort aus fortwährend Angriffe auf Israel durch. Bereits 1976 hatte der syrische Staatschef Hafiz al-Assad Truppen in den Libanon entsandt, um im dortigen Bürgerkrieg seine eigenen Interessen durchzusetzen. Seit 1977 unterstützte Israel unter Menachem Begin die südlibanesische Armee gegen die PLO und die christlichen Phalange-Milizen im Norden. Der Amtsantritt Ronald Reagans 1981 ermutigte Israel und seine Verbündeten zu einer härteren Gangart gegen ihre von der Sowjetunion unterstützten Gegner, zu welchen auch Syrien gehörte. Im Zuge zahlreicher Scharmützel besetzte Israel 1981 die syrischen Golanhöhen. Die Konstellation schien günstig, die arabischen Gegner waren untereinander zerstritten: Jordanien befand sich im Konflikt mit Syrien, Ägypten war durch die Ermordung Anwar el-Sadats (Oktober 1981) und die Verhandlungen um die Rückgabe der Sinai-Halbinsel zur Zurückhaltung gezwungen, während sich Irak und Iran im erwähnten Golfkrieg befanden. Nach einer Reihe von palästinensischen Anschlägen auf israelische Diplomaten in Paris und London in der ersten Jahreshälfte sowie Raketenangriffen auf den Norden Israels begann letzteres Anfang Juni 1982 mit massiven Luftangriffen auf Stellungen der PLO im Libanon. Rund 78.000 israelische Soldaten wurden zu Land und zu Wasser mobilisiert und innerhalb weniger Tage sahen sich auch syrische Truppen in die Kämpfe verwickelt. Am 11. Juni kam es zu einem brüchigen Waffenstillstand, Beirut war von israelischen Truppen eingeschlossen. Bombardements der Stadt durch die israelische Luftwaffe im August veranlassten die USA, Israel das Zugeständnis für die Überwachung des Abzugs der PLO durch eine multinationale Streitmacht abzuringen. An dieser beteiligten sich Frankreich, Italien, die USA und Großbritannien. Der Kommandeur der christlichen Milizen, Bashir Gemayel, wurde zum libanesischen Staatspräsidenten gewählt, fiel aber bereits am 14. September einem Bombenanschlag zum Opfer. Um ihren ermordeten Anführer zu rächen, verübten Teile der Phalange-Milizen in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila ein zweitägiges Massaker, dem nach unterschiedlichen Angaben zwischen 300 und 3.000 Menschen zum Opfer fielen. Israel hatte mit seinem militärischen Vorstoß zwar die Vertreibung der PLO erreicht, die ihr neues Hauptquartier nun in Tunis errichtete, und konnte aufgrund seiner Besetzung des Südlibanon dort eine »Sicherheitszone« errichten, aus der es sich erst im Jahr 2000 zurückziehen sollte. Aber an die Stelle der PLO trat bald die vom Iran unterstützte Hisbollah und der permanente Kriegszustand setzte sich fort.

In Deutschland setzte ein Artikel des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL, der dem Vorstand der gewerkschaftseigenen gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft »Neue Heimat« um Albert Vietor persönliche Bereicherung vorwarf[1], Anfang 1982 einen Skandal in Gang, der die Republik erschütterte. In dessen Verlauf traten gigantische Verluste zutage. Allein Vietor hatte dem Konzern durch Privatgeschäfte 105 Millionen DM entzogen. 1986 sollte das Unternehmen vom Gewerkschaftsbund für den symbolischen Preis von einer(!) DM an einen Berliner Bäckereiunternehmer verkauft werden. Zum Zeitpunkt des Verkaufs betrugen die Verbindlichkeiten der Neuen Heimat rund 16 Milliarden Mark. Nachdem der Sanierungsplan des neuen Besitzers von den Banken zerpflückt worden war, wurden die Regionalgesellschaften und ihre Wohnungsbestände teils an Bundesländer, teils an private Investoren verkauft. Die Abwicklung der Neuen Heimat und der wirtschaftlichen Folgen ihres ausgedehnten Korruptionssystems sollten sich bis 1998 hinziehen.

Mit dem Versprechen einer »geistig-moralischen Wende«, durch das er sich von der in den Skandal verwickelten SPD abgrenzte, gelangte Helmut Kohl nach dem Bruch der sozialliberalen Koalition durch ein konstruktives Misstrauensvotum im Oktober 1982 an die Macht. Als er nach dem Ende seiner Kanzlerschaft 1999 zugestehen musste, jahrelang Spenden an die CDU nicht wie nach dem Parteiengesetz vorgeschrieben deklariert zu haben, sich jedoch weigerte die Identität der Spender preiszugeben, wendeten viele Kritiker seinen hochtrabenden Anspruch gegen den einstigen Kanzler der moralischen Erneuerung.

Auch in diesem Jahr setzten sich die Massenproteste gegen die militärische und friedliche Nutzung der Kernenergie fort. Als die NATO-Gipfelkonferenz – die Ronald Reagan mit seiner Anwesenheit beehrte – im Juni erstmals in Bonn tagte, kam es zur bisher größten Kundgebung der Friedensbewegung in der Geschichte der Republik, an der sich rund 350.000 Menschen beteiligten, um gegen den NATO-Doppelbeschluss und die amerikanische Rüstungspolitik zu protestieren. Diese größte politische Protestbewegung der 1980er Jahre fand ihr Echo auch in der anthroposophischen Gesellschaft, wie sich noch zeigen wird. Sieben Tage nach dem Berlinbesuch Reagans, am 18. Juni, wurde, wie bereits weiter oben berichtet, der Bankier Roberto Calvi erhängt an der Blackfriars Bridge in London aufgefunden.

Im Oktober wurde die Gewerkschaft Solidarność in Polen verboten. In der Sowjetunion segnete Leonid Breschnew im November das Zeitliche und wurde durch den Leiter des KGB, Juri Andropow, ersetzt, der bei seinem Amtsantritt jedoch bereits schwer krank war und seinem Vorgänger nach 15 Monaten in den sozialistischen Himmel nachfolgte.

Nicht nur die Friedens- und Antiatomkraftbewegung erlebte in diesem Jahr einen Höhepunkt ihrer öffentlichen Wirksamkeit. 1982 begann auch die Konjunktur eines apokalyptischen Vorstellungsbildes, dessen emotionalisierendes Potential 1983 der Öko-Partei »Die Grünen« in den Bundestag verhelfen sollte: des »Waldsterbens«. Wie sich Mitte der 1990er Jahre herausstellte, hatte es jene Katastrophe, die der SPIEGEL 1983 als drohendes »ökologisches Hiroshima« bezeichnete, in der beschworenen Form nie gegeben, vielmehr handelte es sich um eine medial angefachte Hysterie, in der »Fakenews« – wie man heute sagen würde – eine zentrale Rolle spielten.[2] Der Sachverständigenkreis Waldschadensforschung der Bundesregierung erklärte 1993: »Das großflächige Absterben ganzer Waldregionen, wie es der Begriff Waldsterben unterstellt, wird heute von der Wissenschaft auch für die Zukunft nicht befürchtet«.[3] Der 1983 von der Regierung Kohl eingeführte »Waldschadensbericht« wurde im folgenden Jahrzehnt stillschweigend in »Bericht über den Zustand des Waldes« umgetauft, die Fortwissenschaft spricht nicht mehr von »Waldsterben«, sondern von »neuartigen Waldschäden« oder von »Schädigung von Waldökosystemen«. In der selben Zeit, in der ganz Deutschland gebannt auf das »Waldsterben« starrte, wuchsen die europäischen Wälder von der Diskussion unbeeindruckt weiter und dehnten sich sogar aus.[4]

Eine scheinbar nebensächliche Beobachtung bringt die Stimmungslage im deutschen Sprachraum deutlicher zum Ausdruck als alle umstrittenen statistischen Befunde oder wissenschaftlichen Fakten: die ersten drei Plätze der Jahres-Bestsellerliste Belletristik des SPIEGEL teilten sich 1982 drei Titel: Die unendliche Geschichte und Momo von Michael Ende sowie Der Herr der Ringe J.R.R. Tolkiens.

Auf der Sachbuchliste fand sich immerhin das Buch Jonathan Schells Das Schicksal der Erde, das als »Bibel der Friedenbewegung« bezeichnet wurde, in dem der Redakteur des New Yorker »umfassend und kompromisslos« wie noch niemand zuvor die Konsequenzen der »Mutually Assured Destruction« (MAD), der durch die Atomarsenale der Großmächte garantierten gegenseitigen Vernichtung, schilderte.

Von ebendiesem Nichts ist auch Phantásien bedroht, zu dessen Rettung sich Bastian Balthasar Bux, der Held der unendlichen Geschichte aufmacht. Durch die Lektüre des gleichnamigen Buches lebt sich der schüchterne Junge, der seiner verstorbenen Mutter nachtrauert, immer mehr in die sterbende Welt ein und erfährt durch die Begegnung mit seinem himmlischen Zwilling Atréju eine Art Initiation, welche das Wasser des Lebens, die Liebe, in ihm zum Sprudeln bringt, ihm die Kraft gibt, der darbenden kindlichen Kaiserin, der Herrscherin Phantásiens, einen neuen Namen zu geben und sie durch sein schöpferisches Wort zu heilen. Nachdem er ihren wahren Namen – »Mondenkind« – enthüllt hat, schenkt sie ihm ihr magisches Amulett, das ihn dazu befähigt, Phantásien und sich selbst nach seinen Wünschen neu aufzubauen. Aber die Magie fordert, wie stets, ihren Preis: mit jedem Wunsch, den er sich erfüllt, verliert er eine Erinnerung an die Welt, aus der er kommt und so droht er sich im Reich der kindlichen Kaiserin völlig zu verlieren und dem Wahnsinn zu verfallen. Sein paredros, sein himmlischer Zwilling, erinnert ihn an seinen wahren Willen, der nicht darin besteht, in einer weltabgewandten Phantasiewelt nur für sich allein nach Erlösung zu suchen, sondern vielmehr darin, die Welt der Menschen durch Liebe und die Kraft der Imagination zu heilen. Indem er die kindliche Kaiserin und Phantásien rettet, rettet er auch sich selbst und heilt die Wirklichkeit, der er angehört. Die Bilderwelt der unendlichen Geschichte ist mit jener des Goetheschen Märchens von der schönen Lilie und der grünen Schlange verwandt. Ebenso wie die grüne Schlange muss Bastian ein Opfer bringen, um die schöne Lilie zu heilen und die Welten diesseits und jenseits des Flusses durch das Errichten einer Brücke, die das »Hinüber- und Herübergehen« ermöglicht, wieder zusammenzuführen. Für Kenner ist die Anthroposophie als Inspirationsquelle in Endes Märchenroman ebenso erkennbar, wie in seinem nicht minder erfolgreichen Buch Momo. Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte, das bereits 1973, sechs Jahre vor der unendlichen Geschichte erschienen war.[5]

Auch in Momoist die Phantasie, die Fähigkeit des Erzählens, die aus dem liebevollen Zuhören entspringt, das die Zunge löst, bedroht: durch die gesichtslosen Agenten einer Zeitsparkasse, die den Menschen weismachen, sie könnten ihr Leben effizienter organisieren, dadurch Zeit sparen, diese einer Bank anvertrauen und sie später verzinst zurückerhalten. In Wahrheit wird ihnen durch die grauen Herren das Vermögen geraubt, im Hier und Jetzt zu leben und die Schönheit des Augenblicks wahrzunehmen, die sich nur durch liebevolle Zuwendung erschließt. Momo gelingt es, einem der grauen Herren sein schreckliches Geheimnis zu entringen, und sie versucht, die Stadt, in der sie lebt, vor dem Raubzug der Zeitdiebe zu warnen. Diese machen sich auf, das Mädchen gefangen zu nehmen, das jedoch von der Schildkröte Kassiopeia gerettet wird, die sie zum Herrn der Zeit, dem Meister Hora, bringt. Der Meister lebt außerhalb der Zeit im Nirgendhaus, das nur erreicht, wer die Niemalsgasse rückwärts durchquert, wobei die Zeit aus ihm herausfließt. Hora deckt das Geheimnis der Zeitdiebe auf, die in ihren Zigarren die den Menschen entwendete Zeit verrauchen müssen, um leben zu können. Als Momo in die Welt der Menschen zurückkehrt, haben die Agenten der Sparkasse inzwischen die Macht übernommen und niemand scheint ihr mehr Gehör schenken zu wollen. Die Zeitdiebe versuchen sie sogar zu fangen und einer Bestrafung zuzuführen. Diesmal verfolgen sie das Mädchen durch die Niemalsgasse, weil sie hoffen, Meister Hora die Zeit rauben zu können. In der genannten Gasse fließt aber die gesamte zusammengestohlene Zeit aus ihnen heraus und die Verfolger hören auf, zu existieren. Da die grauen Herren schon fast die ganze Welt erobert haben, beschließt Hora, ihrer Herrschaft ein Ende zu setzen und begibt sich in einen Schlafzustand, der zum Stillstand der Zeit führt und den grauen Herren die Nahrung entzieht. Nur Momo und die Schildkröte vermögen sich dank einer Zeitblume zu bewegen, die sie von Hora erhalten haben. Im Hauptquartier der grauen Herren trifft Momo auf die letzten grauen Herren, die um die verbliebenen gestohlenen Stundenblumen kämpfen, die sie für ihr Überleben benötigen. Momo gelingt es, den Lagerraum dieser Blumen zu versperren und den Zeitdieben bleiben nur noch ihre Zigarren, nach deren Verbrauch sie sich jedoch in Nichts auflösen. Daraufhin vermag Momo die gefangenen Stundenblumen zu befreien, die zu den Menschen zurückfliegen, denen sie gestohlen wurden. Auf einmal können sie wieder zuhören, hetzen nicht mehr der Zeit hinterher und vermögen sich auf die Schönheit des Augenblicks einzulassen. Die von den grauen Herren aus der Stadt vertriebene Liebe kehrt in sie zurück. 1986 gestand Ende nach der Veröffentlichung einer Interpretation von Werner Onken, Silvio Gesells und Steiners Ideen über das alternde Geld hätten ihn zu den Zeitparabeln in seinem Roman inspiriert.[6] Deutlich ist auch, dass Steiners Forschungsberichte über die unterschiedlichen Zeitströme der ätherischen und astralischen Welt in die Geschichte Eingang gefunden haben.

Beide Bücher Endes handeln von einer Welt, die dem »Funktionalisierungswahn« einer seelenlosen »Phalanx von Aufklärungsterroristen« (Ende) zum Opfer fällt, die sich dem Götzen der Rationalität unterworfen haben und die Phantasie, den Traum und die Imagination als Aberglauben oder Zeitverschwendung, wenn nicht gar als Verbrechen denunzieren. Rationalismus und Rationalisierung haben die Gesellschaft einem ökonomischen Diktat unterworfen und Kunst und Poesie zum müßigen Zeitvertreib, zum überflüssigen Luxus, erklärt. Die fundamentale Bedeutung des »Irrationalen« – des Mythos und des Märchens – für die menschliche Existenz wird geleugnet, was fatale Folgen für das individuelle Selbstverständnis und das soziale Zusammenleben hat. Eine total aufgeklärte Gesellschaft oder Kultur, die sich dem Prinzip der Nützlichkeit unterstellt, ist seelenlos und sinnentleert. Die Aufklärung zehrt – wie die Zeitdiebe – von Ressourcen, die sie selbst nicht zu erzeugen vermag und betreibt Raubbau an den Lebensgrundlagen des Menschen. Die entzauberte Welt wird von phantasielosen, banalen »Krüppelwesen« bewohnt, die taub für das Wunderbare, blind für das Schöne und unempfänglich für das Gute geworden sind. Der Poesie kommt die Aufgabe zu, diese kranke Welt zu heilen und der Menschheit ihr »heiliges Geheimnis« zurückzugeben. Nur wer sich nach Phantásien begibt und dort die Quellen der Liebe findet, vermag das grau gewordene Diesseits durch sie zu verwandeln und es vor dem Zugriff der Inhumanität zu retten.

Auch der Verfasser des Herrn der Ringe, dieses tiefgründigen, meisterhaften Epos der Macht und ihrer Versuchungen, war der Anthroposophie begegnet, gehörte doch zur Gruppe der Oxforder Inklings der Anthroposoph Owen Barfield, dessen bekanntestes Buch Saving the Appearances 1957 erschien.[7] In seiner 1928 erschienenen Monografie Poetic Diction hatte Barfield gegen den Sprachwissenschaftler Max Müller die These vertreten, der Mythos sei keine Krankheit der Sprache, sondern vielmehr deren Ursprung.[8] Die – anthroposophische – Auffassung, nach der das mythische Bilderbewusstsein, das eine Welt von Bedeutungen enthielt, die nicht auf die Kategorien des Verstandes reduziert werden konnten, geschichtlich dem rationalen Verstandesbewusstsein der Philosophie und Wissenschaften vorausging – mehr noch: dass der Mythos Ausdruck einer der wissenschaftlichen gleichwertigen Wirklichkeitserfahrung war, hatte Tolkiens Weltsicht tiefgehend beeinflusst. Nach der Lektüre von Barfields Buch erklärte Tolkien: »Languages are a disease of mythology«.[9] Ohne die Barfieldsche Wiedereinsetzung des Mythos in seine angestammten Rechte hätte es womöglich keinen Herrn der Ringeund keine Hobbitsgegeben.[10]

Es ist also nicht ganz abwegig, das Jahr 1982 als das Jahr der Fantasy – oder wenn man will – der Imagination zu bezeichnen. Dies umso mehr, wenn man bedenkt, dass in diesem Jahr auch die deutsche Übersetzung eines Buches erschien, dessen Bedeutung für die kanonische Ausformulierung des anthroposophischen Gründungsmythos und damit für das anthroposophische Selbstverständnis im restlichen 20. Jahrhundert – ja teilweise bis in die Gegenwart – nicht genug betont werden kann: Rudolf Steiner und die Grundlegung der neuen Mysteriendes russischen Autors Sergej O. Prokofieff.Mit diesem bedeutendsten Werk anthroposophischer Mythopoesis[11] werden wir uns im Folgenden befassen.

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[1] Gut getarnt im Dickicht der Firmen. Neue Heimat: Die dunklen Geschäfte von Vietor und Genossen, SPIEGEL 06/1982 vom 08.02.1982.

[2] Im November 1981 lautete ein SPIEGEL-Titel: Saurer Regen über Deutschland. Der Wald stirbt. – Wissenschaftlich und medienkritisch aufgearbeitet wurde dieses Waldsterben von Rudi Holzberger, Das sogenannte Waldsterben. Zur Karriere eines Klischees: Das Thema Wald im journalistischen Diskurs, Bergatreute 1995. Der Forstwissenschaftler Bernhard Ulrich, der zu Beginn der 1980er Jahre zu den eindringlichsten Warnern vor dem Waldsterben gehört hatte, stand seiner nunmehr zur »Hypothese« herabgestuften apokalyptischen Vision 15 Jahre später skeptisch gegenüber. Siehe: Bernhard Ulrich, The history and possible causes of forest decline in central Europe, with particular attention to the German situation. In: Environmental Reviews. Band 3, Nr. 3–4, Juli 1995, S. 262-272. Auch Peter Schütt, der Fachkollege Ulrichs, der mit ihm im Duett gesungen hatte, erklärte 1993 in der Zeitung Wochenpost: »Ich meine, ich habe mich geirrt«. Der renommierte Geobotaniker Heinz Ellenberg sah 1996 im Waldsterben gar ein »Konstrukt«. Siehe: Heinz Ellenberg, Vegetation Mitteleuropas mit den Alpen in ökologischer, dynamischer und historischer Sicht, Stuttgart 1996, S. 99.

[3] Sachverständigenkreis Waldschadensforschung/Waldökosysteme 1993, zitiert in: Roland Schäfer, »Lamettasyndrom« und »Säuresteppe«: Das Waldsterben und die Forstwissenschaften 1979-2007, Freiburg 2012, S. 293. »Als ein eindeutig beschreibbares und klar abgrenzbares Phänomen hat es das Waldsterben [...]  nicht gegeben«, schreibt Schäfer auf S. 335.

[4] Wie die 1996 veröffentlichten Ergebnisse des Forschungsprojekts Growth Trends in European Forests belegten. Siehe Schäfer, a.a.O., S. 315 f.

[5] Zu den anthroposophischen Hintergründen des Werkes von Michael Ende siehe auch: Julia Voss, Darwins Jim Knopf, Frankfurt a.M. 2009.

[6] Werner Onken, Die ökonomische Botschaft von Michael Endes »Momo«, www.sozialoekonomie.info.

[7] Owen Barfield, Saving the Appearances. A Study in Idolatry, London 1957. Deutsch unter dem Titel: Evolution – der Weg des Bewusstseins. Zur Geschichte des europäischen Denkens, Aachen 1991.

[8] Owen Barfield, Poetic Diction. A Study in Meaning, London 1928.

[9] »Sprachen sind eine Krankheit der Mythologie«. Siehe Humphrey Carpenter, Inklings. C.S. Lewis, J.R.R. Tolkien, Charles Williams und their friends, London 2006. Zitat auf S. 42.

[10] Fabio Montelatici, der Verfasser des Buches Tolkien e l’antroposofia. Un dialogo, Albignasego 2012, der von einer direkten Inspiration Tolkiens ausgeht, hat es nicht nötig, auf äußerliche, philologisch nachweisbare Einflüsse zurückzugreifen. In seinem Artikel An Artist’s Heart. J.R.R. Tolkien and anthroposophy: inspiration and vision schreibt er (Übersetzung L.R.): »Tolkien erzählt die Geschichte der Menschheit. Nicht eine materialistische Version dieser Geschichte, sondern eine Version, die sich in okkulten Traditionen und in erneuerter Form auch in der anthroposophischen Geisteswissenschaft findet [...] Er erzählt von einer Menschheit, die aus dem Gesang der himmlischen Hierarchien hervorgeht, der unsterblich und vollkommen auf die Erde herabsteigt und allmählich diese ursprüngliche Reinheit gegen die Liebe zur Erde und ihren Geschöpfen eintauscht«. Da Tolkiens Erzählung inspiriert ist, also aus denselben Quellen hervorgeht, aus welchen auch die Anthroposophie schöpfte, wenngleich mit anderen Mitteln, finden sich in ihnen dieselben Wahrheiten wie in dieser: »Die Peripetie des Herrn der Ringe bringt uns auf die höchste Stufe der Initiation, durch welche die Gegenwart Christi im Menschen erweckt wird. Die Menschheit, die durch die Gefährten verkörpert wird, schließt sich nach getrennten Initiationserfahrungen wieder zusammen. Sie wird in sich, ohne äußere Hilfe, die Kraft finden, ihr Wesen wieder zur Ganzheit zusammenzufügen. Wir kämpfen unmittelbar gegen das Böse, gegen Mordor, die Gesamtheit der entwicklungsfeindlichen Kräfte, die wir immer noch in uns tragen. Nach Saruman (Luzifer), dem Balrog und Shelob (Kankra, Ahriman) müssen wir den Nazgul und Sauron, den dunkelsten aller Geistwesen (Asuras) gegenübertreten. Die Schlacht findet auf den Feldern des Pelennor statt, zwischen Minas Tirith, dem alten Turm der Sonne (dem menschlichen Geist) und Minas Morgul, dem alten Turm des Mondes (dem Beherrscher der menschlichen Biologie); in der Mitte steht Osgiliath, die Zitadelle der sieben Sterne (die sieben Aspekte der menschlichen Seele). Der Kampf wird um Leib, Seele und Geist des Menschen ausgefochten. Dasselbe Bild (Sonne, sieben Sterne, Mond) ist auch auf der Klinge des Schwertes eingraviert, das Aragorn, der neue König, führt, der die Menschheit dazu befähigt, sich wieder mit den Kräften der Sterne, der Sonne und des Mondes zu verbinden. Um dies zu vollbringen, muss er ›auferstehen‹, wie Gandalf und Frodo, indem er mit den Verstorbenen Verbindung aufnimmt und mit ihnen spricht, um eine Kraft zu entwickeln, die den Tod überwindet.« Siehe: http://progettoantropos.altervista.org/alterpages/files/Anartistsheart-J.R.R.TolkienandAnthroposophy.pdf

[11] Der Ausdruck ist vor allem im englischen Sprachgebrauch verbreitet und geht in seiner heutigen Bedeutung auf J.R.R. Tolkien zurück. Er bezeichnet die Schöpfung eines Mythos durch einen modernen Autor.

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