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1976 | Ballen und Spreizen – Zwischen »Verflachung« und »Vertiefung« – Zur Geschichte der anthroposophischen Gesellschaft

Wie bereits erwähnt, berichtete Heten Wilkens in der Generalversammlung der  Anthroposophischen Gesellschaft am 11. April als Generalsekretär der deutschen Landesgesellschaft ausführlich über deren Tätigkeit. Was diesen Bericht für heutige Leser schwer verdaulich macht, ist nicht die Fülle an Vorgängen oder Daten, die er enthält, sondern seine Theoriebeladenheit oder – etwas weniger wohlwollend ausgedrückt – der schwülstige Jargon, in dem er vorgetragen wurde.

Als Beispiel mögen die Eingangssätze dienen: »Nicht oft im Entwicklungsgang des Bewusstseins für die Gestaltung einer Anthroposophischen Gesellschaft wird die Empfindung überaus deutlich, dass man sich über eine Schwelle hinwegbewegt. Dieses Bewusstsein wird mitgebildet durch die Urteilskräfte derjenigen verantwortlichen Menschen, in denen sich ein wesentlicher Teil der Gesellschaftsbildung ausspricht. Sie werden verstehen: Wenn gewichtige Individualitäten aus der stetigen Zusammenarbeit ausscheiden, dass dann die anthroposophische Arbeit und ihre Gestalt, die durch diese Menschen repräsentiert wurde, einen anderen Stil gewinnen wird«.

Die Sätze leiteten zur Bemerkung hin, Clara Kreutzer und Ernst Weissert seien »aus der unmittelbaren Zusammenarbeit [in den Gremien der deutschen Landesgesellschaft] ausgeschieden«. Nicht etwa, weil sie gestorben wären, sondern aus Altersgründen. Kreutzer war 80 geworden, Weissert 71. Dass sich die anthroposophische Gesellschaft »über eine Schwelle bewegt«, ist eine Trivialität, bewegt sich doch die gesamte Menschheit laut Steiner »über die Schwelle« (zu einem spirituellen Bewusstsein). Außerdem leben die Mitglieder dieser Initiationsgesellschaft im permanenten Bewusstsein, den Übertritt über diese Schwelle zu vollziehen oder die Avantgarde dieses Übertritts zu sein.

Noch einen weiteren Grund führte Wilkens für die Betonung des Bewusstseins vom Schwellenübertritt an. Seiner Beobachtung nach begann der »Erfolg« der Anthroposophie in der Welt für erstere zur Gefahr zu werden: das anschwellende Interesse an ihr drohe zu ihrer Verflachung bzw. zu ihrer Anpassung an das »Zivilisations-Umfeld« zu führen. »Es ist eine Realität, dass unsere Dinge dem ähnlich werden könnten, was im zivilisatorischen Leben schon eine Strecke weit in den Untergang unterwegs ist«, so Wilkens. Hinsichtlich der Untergangsdiagnose war sich der deutsche Generalsekretär also mit Grosse und anderen führenden Funktionären einig. Immerhin stehe der Gefahr der Verflachung durch Ausbreitung das Bedürfnis einer »Vertiefung in die Grundkräfte des Urteilsvermögens« gegenüber, die sich »intimer, differenzierter in den Grund der Anthroposophie einzuwurzeln« versuchten. Der Weg zu dieser Einwurzelung bestehe im Rückgang zu den Quellen. Zwischen den beiden »Bildungsmächten« Verflachung und Vertiefung sei »eine große Spannung« erlebbar.

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