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1976 | Wir haben eine Schlacht geschlagen, aber nicht den Krieg gewonnen

Je mehr anthroposophische Initiativen versuchten, die Gesellschaft umzugestalten, umso stärker zogen sie die Aufmerksamkeit der Bürokratie und der Öffentlichkeit auf sich und umso deutlicher kristallisierte sich die Wahrnehmung der Beharrungskräfte heraus, die der beabsichtigten Umgestaltung im Wege standen. Logischerweise setzte das Streben nach Veränderung, das mit dem Bedürfnis nach gesellschaftlicher Anerkennung einherging war, nicht nur initiative, sondern auch reaktive Kräfte frei, die sich den ersteren widersetzten. 

Janine Hurner (1925-1994). Generalsekretärin der 1958 gegründeten anthroposophischen Gesellschaft Südafrikas.

Solange sich die anthroposophische Bewegung in einem exotischen Biotop bewegte und vornehmlich mit sich selbst beschäftigte, rief sie zwar weltanschauliche Polemik und apologetische Abgrenzung hervor, Staat und Politik interessierten sich aber kaum für sie. Sobald sie jedoch versuchte, an die Stelle der schlechteren aus ihrer Sicht bessere Gesetze und Praxen zu setzen, stieß sie auf Widerstand. Dieser Widerstand ging vor allem von Verwaltungsbürokratie und Politik aus. Die Eliten der Bürokratie wachen über die Integrität und Befolgung der Regeln, nach denen die Maschinerie des Staates funktioniert, jene der Politik bewirtschaften die Interessen ihrer jeweiligen Klientel und beanspruchen ein Deutungsmonopol über deren Identität. Diese unterschiedlichen Formen der Ablehnung und die wachsende Virulenz des Widerstands lassen sich schon zu Steiners Lebzeiten beobachten. Solange er als Autor Bücher veröffentlichte und als Redner Vorträge hielt, war er höchstens ein Fall für vereinzelte irritierte Akademiker oder nervöse christliche Apologeten, die befürchteten, die Theosophie bzw. Anthroposophie werde den Untergang dessen herbeiführen, was sie für Wissenschaft oder Christentum hielten. Als jedoch die anthroposophische Bewegung gegen Ende des I. Weltkriegs in Form der Dreigliederungsbewegung in die Breite der Gesellschaft zu wirken begann, trat ihr hauptsächlich aus völkischen, vereinzelt auch sozialistischen Formationen eine teilweise existentiell bedrohliche Feindseligkeit entgegen. Steiner wurde – je nach politischer Ausrichtung seiner Gegner – als »Volksverräter« und »galizischer Jude«, als »Bolschewist«, aber auch »Reaktionär« beschimpft. Überall, wo die Anthroposophie sichtbar und greifbar wurde, z.B. durch den Bau des ersten Goetheanum in Dornach, erhoben sich die Agenten der »powers that be« und verteidigten durch manchmal hemmungslose Polemik, was sie durch die theosophische »Sekte«, ihre »jüdische Verschwörung« oder ihren »aristokratischen Elitismus« als gefährdet erachteten. In den 1960er und 1970er Jahren, als die anthroposophische Bewegung – unterbrochen durch die lange Inkubationszeit nach dem II. Weltkrieg – mit dem Bau von Schulen und Krankenhäusern, der Erzeugung ökologischer Produkte, ja sogar der Gründung von Universitäten erneut unübersehbar in Erscheinung trat, wiederholte sich die Geschichte.

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