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1977 | Sanfte Revolution – Zur Geschichte der anthroposophischen Bewegung

Während in der Bundesrepublik Deutschland die selbsternannte Avantgarde der proletarischen Weltrevolution unter großer öffentlicher Anteilnahme vom Chaos verschlungen wurde, das sie selbst heraufbeschworen hatte, spielte sich im Schatten der medialen Aufmerksamkeit eine sanfte Revolution ab, die erst sieben Jahre später die mit Häme vermischte Bewunderung des führenden deutschen Nachrichtenmagazins auf sich ziehen sollte.

Schlacht um Grohnde, 19. März 1977

Die anthroposophischen Protagonisten dieser Revolution verstanden sie aber nicht politisch, sondern spirituell. Sie gründeten keine Parteien, sondern Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, Banken, betrieben ökologische Bauernhöfe, schufen Vertriebsorganisationen für deren Produkte, stellten Heilmittel her, eröffneten Seminare und bauten Kulturhäuser, die alle im Dienst einer Mission standen: jener des friedlichen Umbaus einer Gesellschaft durch Bewusstseinswandel – jener »sanften Verschwörung« durch persönliche und gesellschaftliche Transformation, von der Marilyn Ferguson in ihrem Weltbestseller 1980 sprechen sollte. Äußerstenfalls führten sie als Anwälte der Liberalisierung Gespräche mit Politikern regierender Parteien oder prüften in Prozessen die Belastbarkeit der Versprechungen von Landesverfassungen, was im Fall der deutschen Waldorfschulen und der anthroposophischen Medizin zu beachtlichen Durchbrüchen führte. Obwohl all diese Wirksamkeiten eminent politisch waren, da sie in die Mitte des »civill body politick« zielten und dessen Reformation beabsichtigten, verstanden sich deren Akteure nicht als Vertreter einer Partei, sondern als Avantgarde einer Bewegung. Daher beteiligten sich manche Anthroposophen – darunter Otto Schily, Joseph Beuys, Gerald Häfner und Baldur Springmann – auch an der Umweltschutzbewegung und an Bürgerinitiativen gegen AKWs, aus welchen 1980 die Partei »Die Grünen« hervorgehen sollte, deren Anfänge in das Jahr 1977 zurückreichen. Die verbreitete anthroposophische Distanzierung von Politik geht auf eine Formulierung Rudolf Steiners zurück, der 1923 in das Gründungsstatut der Gesellschaft geschrieben hatte, »Politik« betrachte sie »nicht als in ihrer Aufgabe liegend«. Bei einem näheren Blick auf die Geschichte der anthroposophischen Bewegung im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts kann jedoch von einer generellen Politikabstinenz keine Rede sein, sondern eher von einer Reserve gegen Parteipolitik. Eindeutig im Vordergrund steht das zivilgesellschaftliche Engagement, das jenseits parteipolitischer und parlamentarischer Strukturen auf eine unmittelbare Veränderung des gesellschaftlichen und damit auch des politischen Lebens abzielt.

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