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1978 | Versäumte Versöhnung (1) – Geschichte der Anthroposophie

Wenden wir uns der Generalversammlung als treuem Spiegel des Gesellschaftsbewusstseins zu, die 1978 am 19. März stattfand. Der Tradition entsprechend eröffnete der Vorsitzende, Rudolf Grosse, die Versammlung durch eine Ansprache, in die ein Totengedenken eingebettet war.

Jürgen von Grone um 1945

In den vorangegangenen Monaten hatten einige mehr oder weniger prominente Mitglieder der Gesellschaft »die Schwelle überschritten«. Zu diesen gehörten gleich vier »Hänse«: Hans Büchenbacher, Hans Kühn, Hans Schmidt, Hans W. Zbinden sowie Jürgen von Grone. Drei dieser vier Verstorbenen, die Grosse erwähnte, hatten durch die Gesellschaft schwere Zurücksetzungen bzw. Verletzungen erlitten und waren nun als aktive Träger der lebendigen Erinnerung und Symbolfiguren ihrer Konfliktgeschichte aus dem Diskursraum ausgeschieden. Das Gedenken an diese Verstorbenen hätte Gelegenheit geboten, das Unrecht, das ihnen seitens der Gesellschaft wiederfahren war oder das sie ihr – je nach Standpunkt – zugefügt hatten, zu thematisieren und sich mit ihnen und den Gemeinschaften, für die sie standen, zu versöhnen. Wie gering das Interesse an einer solchen Versöhnung war, demonstrierte Grosse durch seine »Würdigung« der Verstorbenen, die sich bei näherer Betrachtung als eine erneute Entwürdigung durch Verschweigen oder die Verschiebung von Verantwortung darstellt.

Der 1887 geborene Hans Büchenbacher war 1977, im Alter von 90 Jahren, verstorben. Der musikalisch begabte Sohn einer jüdischen Mutter hatte in München Jura, Philosophie und Psychologie studiert und bei Theodor Lipps in Erlangen promoviert. Er war von Steiner als Goetheanumredner berufen worden und engagierte sich nach dem I. Weltkrieg in der Dreigliederungsbewegung. 1922 hatte er in München einen Saalschutz organisiert, der Steiner auf seiner Vortragsreise in der völkisch aufgewühlten Weimarer Republik vor Angriffen aus dem Umkreis der Thule-Gesellschaft verteidigte. Er gehörte, ebenso wie Jürgen von Grone, von dem gleich die Rede sein wird, der Leitung der 1923 gegründeten Freien Anthroposophischen Gesellschaft an, deren Entstehung Steiner befürwortet hatte, um den damals virulenten Generationenkonflikten in der Mitgliedschaft die Spitze abzubrechen. 1931 bis 1934 war er einer der Vorsitzenden der anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland und Herausgeber der Zeitschrift »Anthroposophie«. 1933 schlug er angesichts des zu erwartenden Verbots der Gesellschaft ihre Selbstauflösung vor, erreichte allerdings lediglich, dass ihm als »Halbjuden« der Rücktritt vom Vorsitz nahegelegt wurde. 1935 emigrierte er nach dem Erlass des Verbots in die Schweiz. Im Konflikt mit der Nachlassverwaltung erwies er sich in den 1950er Jahren als wortgewandter Verteidiger des Bücherboykotts und treuer Mitstreiter Steffens.

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