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1980 | Christussucher und Michaeldiener (1)

Im Frühjahr 1980 erschien ein Buch, das sich in die Reihe der Versuche der »Arbeit am Gesellschaftsmythos« einfügt, die mit Kirchner-Bockholts Publikation über Ita Wegman (1976) sowie Rudolf Grosses Buch über die Weihnachtstagung begannen (1976) und ihren vorläufigen Höhepunkt in der deutschen Übersetzung der von Sergei O. Prokofieff verfassten Apotheose Rudolf Steiner und die Grundlegung der neuen Mysterienerreichten, die 1982 im Verlag Freies Geistesleben publiziert werden sollte.

Rudolf Steiner, Ostern. Skizze

Es muss nicht daran erinnert werden, dass der Begriff des »Mythos« in diesem Zusammenhang keinerlei pejorative Bedeutung besitzt, sondern auf die zentralen Vorstellungs- und Ideenkomplexe verweist, die soziale Gemeinschaft unter Menschen – also Polis – konstituieren und deren Selbstverständnis und Lebenspraxis essenziell eingeschrieben sind.

Erst 1979 hatte Hans Blumenberg in seinem Werk Die Arbeit am Mythos die These vertreten, dieser sei dem Menschen in die Hand gegeben, damit er sich mit seiner Hilfe gegen die Gewalt der nackten Faktizität behaupten könne. Die »Arbeit am Mythos«, so Blumenberg, »ist Bedingung für alles, was diesseits des Schreckens, des Absolutismus der Wirklichkeit, möglich wurde«. In Gestalt großer Erzählungen gründet der Mythos Kultur und verleiht dem Dasein des Einzelnen Sinn, indem er es in Geschichte und Gemeinschaft einbindet; ja, er ist selbst »ein Stück hochkarätiger Arbeit des Logos«.

Diese großen Erzählungen, über die jede Gemeinschaft oder Gesellschaft verfügt, die es verdient, diesen Namen zu tragen, bewahren den Menschen davor, in die »archaische Resignation zurückzusinken«. Sie sind der notwendige Referenzrahmen, auf den sich jeder beziehen muss, der sich der jeweiligen Gemeinschaft als zugehörig betrachtet und der Leim, der die meist über die unterschiedlichen Varianten solcher Erzählungen zerstrittenen Mitglieder trotz ihrer gruppenbezogenen Feindseligkeit zäh aneinanderklebt.

Das gilt vielleicht noch mehr von der angeblich aufgeklärten Moderne, als vom sogenannten mythischen Zeitalter. Als Beispiele könnten die zahllosen Spaltungen der Gemeinschaft der Sozialisten, Marxisten oder Kommunisten ebenso wie die Vielzahl untereinander verfeindeter Gruppierungen von Psychoanalytikern und Tiefenpsychologen dienen. So verfeindet die einzelnen Fraktionen auch sein mögen, ihnen ist stets der Bezug auf große Gründungsheroen und die von ihnen geschaffenen Erzählungen gemeinsam, sei es die Herstellung des Paradieses der Gleichheit auf Erden durch die Revolution des Proletariats, sei es die endgültige Heilung des Individuums durch die Rückführung seiner Komplexe auf frühkindliche Traumata oder durch die vollständige Verwirklichung der Individualität.

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