suche | spenden | impressum | datenschutz

Diese Webseite durchsuchen


Produktlinks


Anzeigen

Wenn Sie hier keine Anzeigen sehen, haben Sie einen Adblocker installiert. Bitte fügen Sie für anthroweb.info eine Ausnahmeregel ein. Damit unterstützen Sie das unentgeltliche Angebot dieser Webseite.




1980 | Christussucher und Michaeldiener (2)

Bevor wir uns van Manens Studie zuwenden, ist ein Motiv aus dem Vortrag vom 11. Juli 1924 nachzutragen, dessen Unterschlagung notgedrungen ein schiefes Bild der Ausführungen Steiners vermitteln würde und das insofern bedeutsam ist, als es einen Hinweis auf eine mögliche Versöhnung der von ihm beschriebenen, »deutlich unterscheidbaren« Seelenfamilien enthält.

Wie stets postuliert er auch in diesem Fall nicht einfach ein nacktes Faktum, sondern leitet die Erfahrung, um die es geht, aus eingängigen Schilderungen der Seelenverfassung der europäischen Menschheit im ersten Jahrtausend der christlichen Zeitrechnung her. 

Im Gegensatz zu heute vollzogen sich Einschlafen und Aufwachen in diesem ersten Jahrtausend, ja bis zum Anbruch der Neuzeit im 14. Jahrhundert, langsamer. Während Seele und Ich beim heutigen Menschen schnell in den physischen Leib eintauchen und ihn beim Einschlafen ebenso schnell wieder verlassen, zogen sich diese Vorgänge früher über einen längeren Zeitraum hin und waren mit Wahrnehmungen des Ätherleibes (beim Aufwachen) und des Astralleibs (beim Einschlafen) verbunden. Diese Tatsachen wirkten sich auf die Beschaffenheit des Wachbewusstseins aus. Der Mensch sah sich nicht wie heute nur von einer Welt physischer Gegenstände umgeben, sondern nahm mit diesen stets auch deren astralisch-geistige Aura wahr. Überall in der Natur »sah er Geistiges walten und weben«. Und da er während des Schlafs nicht vollständig in Bewusstseinsfinsternis versank, erlebte er, wie sein Astralleib aus dem Kosmos »in sein Ich hereintönte«, wie er zu dieser Zeit »in lichten kosmischen Räumen einer Geistersprache teilhaftig« war. Ebenso erlebte er seinen Tod anders als heute: er empfand, dass er seinen Ätherleib, der mit dem Aurischen in der Natur verwandt war, in seine Heimat entließ, und diese Heimat erschien ihm als die Welt des Vatergottes, dessen Wort sich im geistigen Walten der Natur aussprach. In seinem Astralleib aber fühlte er, nachdem er den Ätherleib abgelegt hatte, das Leben des Christus, der diesen auch jede Nacht während des Schlafs durchdrungen hatte. Und dieses Erlebnis war beiden Seelenfamilien gemeinsam: wie auch immer sie zum Christentum gestanden haben mochten, sie erlebten nach dem Tod »ganz gewiss [...] die große Tatsache des Mysteriums von Golgatha«, dass sich Christus, der einst die Sonne »dirigierte«, mit dem, »was als Menschen auf der Erde lebte«, vereinigt hatte. Alle Seelen, die im ersten Jahrtausend dem Christentum nahegetreten waren, empfanden diese Tatsache, während jene, die von ihm unberührt geblieben waren, dieses Erlebnis nicht – oder kaum – zu verstehen vermochten. 

Was zwischen den beiden Grundempfindungen: der Hingabe an den kosmischen und jener an den irdisch gewordenen Christus vermittelte, war das nachtodliche Erlebnis der Menschwerdung. Die Synthese zwischen Gott und Mensch, kosmischem und irdischem Gott, war also im Mittelalter erlebte Tatsache – allerdings eine Tatsache, die erst nach dem Tod zur Gewissheit wurde. In dieser Gewissheit lag das Potential der Versöhnung der beiden Seelenfamilien, vorausgesetzt, sie hoben, was sie erlebt hatten, ins Bewusstsein, sie transponierten die Erinnerung an dieses Erlebnis von jenseits der Schwelle – aus dem Unbewussten – in das Diesseits. Was die Kosmiker und die Telluriker, die »Frühlinge« und die »Spätlinge« hätte miteinander versöhnen können, war die Verschmelzung zwischen Kosmos und Erde, die im menschgewordenen Gott bereits Gestalt angenommen hatte. Steiners Erzählung von den beiden Seelenfamilien, die in der anthroposophischen Bewegung und Gesellschaft aufeinandertrafen, um sich in gemeinsamem Wirken zu verbinden, ist eine der vielen Varianten einer Wirklichkeitserzählung, die sich bereits in seinen philosophischen Werken findet: »das Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit ist die wahre Kommunion des Menschen«; »das mit dem Gedankeninhalt erfüllte Leben in der Wirklichkeit ist zugleich das Leben in Gott«. 

Lesen Sie weiter

Nach oben

nach Oben