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Selbsterkenntnis in der Geschichte

Das Werk »Selbsterkenntnis in der Geschichte. Anthroposophische Gesellschaft und Bewegung im 20. Jahrhundert« bietet ein Jahrhundert Anthroposophie in verdichteter Form. Erschienen ist inzwischen der erste Band. Worum es geht, beschreibt die Einleitung, von der hier ein Auszug folgt.

Die vorliegende Studie unternimmt den Versuch, eines der aufregendsten spirituellen Experimente des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive eines teilnehmenden und zugleich kritischen Beobachters im Kontext der zeitgenössischen Geschichte nachzuzeichnen und zu interpretieren. Der Standpunkt des Verfassers dieses Versuchs befindet sich aufgrund der von ihm angewandten Forschungsmethode, die nicht nur ihren Gegenstand, sondern auch die Hervorbringung ihres Gegenstandes beobachtet, zugleich innerhalb und außerhalb dieses Experiments.

Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt nicht auf Institutionen oder Organisationen, sondern auf den Debatten, die über das Selbstverständnis der Anthroposophen geführt wurden. Gesellschaft und Bewegung sind in hohem Grade selbstreflexiv; die permanente Diskussion über die anthroposophische Identität gehört damit zum Kern der Geschichte beider. Der anthroposophische Identitätsdiskurs durchdringt alle Arbeitsfelder und sozialen Netze, die sich auf die eine oder andere Art dem gemeinsamen Ursprung verbunden fühlen, auf den sie sich beziehen. Eine Geschichte der anthroposophischen Gesellschaft und Bewegung muss daher als Geschichte ihrer Diskurse über das eigene Selbstverständnis geschrieben werden. Dass es sich bei einer solchen Diskursgeschichte um eine spezifisch anthroposophische Form von Historiographie handelt, ergibt sich auch aus einem weiteren Gesichtspunkt.

Das Buch kann hier erworben werden. Oder in jeder Buchhandlung



Cancel-Culture: Das Denken aus dem Würgegriff befreien

Das Intellectual Deep Web Europe veröffentlichte vor wenigen Tagen einen Aufruf, das Denken aus dem Würgegriff der Intoleranz zu befreien, der seinem Vorbild, das am 7. Juli 2020 im amerikanischen Magazin Harper’s erschien, alle Ehre macht.

Cancel-Culture

Intellectual Deep Web Europe, Screenshot.

Schon jener Brief über »Gerechtigkeit und offene Debatte«, der von Louis Begley, Jeffrey Eugenides, J. K. Rowling, Salman Rushdie, Noam Chomsky, Francis Fukuyama, Garry Kasparow und Wynton Marsalis sowie vielen weiteren unterzeichnet wurde, setzte sich gegen die wachsende Intoleranz zur Wehr, mit der anderen Meinungen begegnet werde und prangerte die Berufung auf moralische Gewissheiten an, die alle Debatten unterbinde.

Der Rigorismus, der das intellektuelle Leben im englischen Sprachraum kennzeichnet, der den freien Austausch von Meinungen, ohne den es keine liberale Gesellschaft geben kann, unterdrückt, ist längst auch nach Deutschland vorgedrungen. Die sogenannte Cancel-Culture, die besser als Unkultur moralischer Rückgratlosigkeit bezeichnet würde, macht es erforderlich, das Denken aus dem Würgegriff selbsternannter Sittenwächter einer neuen Orthodoxie zu befreien, damit es wieder zu dem wird, wozu es bestimmt ist: einem Instrument des Erkenntnisgewinns und der freien politischen Urteilsbildung. Die Autoren des englischen Briefes betonten, »wenn sie nicht selbst verteidigten, wovon ihre Arbeit abhänge«, die Freiheit der Rede und der Meinungsäußerung, »werde es niemand anderes für sie tun.« »Schlechte Ideen« so schrieben sie, würden »durch Offenlegung, Streit und Argumente« besiegt, nicht indem man sie verschweige oder wegwünsche.

Es gibt kaum ein Gebiet des öffentlichen Lebens, das von den Sprech- und Denkverboten jener Orthodoxie nicht betroffen wäre, kein Thema, über das sie nicht mit dem Verweis auf die Einigkeit der Wissenschaft, die von ihnen in Anspruch genommene Vernunft oder die Opportunität Deutungshoheit beanspruchen, überall lauern Tretminen, die es zu umgehen gilt, hängen Gesslerhüte, die gegrüßt werden wollen, wachen Blockwarte, die bereit sind, über jene herzufallen, die sich ihren willkürlichen Regeln des Sprechens und Denkens verweigern.

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