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Der Konflikt Marie Steiner-Steffen. Ein Versöhnungsaufruf verhallt (1942-1943)

Am 12. Dezember 1942 veröffentlichte die 75jährige Marie Steiner einen »Aufruf zur Versöhnung«, ihren sogenannten ersten Verständigungsappell an die Mitglieder der anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz im Nachrichtenblatt. Zu Recht wurde dieser Text als »Appell« bezeichnet, denn er ergeht sich in der Tat seitenlang in Reflexionen über den moralischen Verfall Europas durch politischen Extremismus und Krieg sowie die Auswirkungen dieses Verfalls auf die anthroposophische Gesellschaft.

Man könnte den Aufruf auch der Redegattung der Paränesen zuordnen. Auffallend an diesem Text ist, dass seine Verfasserin keines der angedeuteten »Probleme« der anthroposophischen Gesellschaft konkret beim Namen nennt oder beschreibt, ebensowenig wie sie in diese Probleme verwickelte Personen benennt. Stattdessen wird im Stil einer moralphilosophischen Mahnrede zur Selbstüberwindung, Wahrhaftigkeit und zum Verzeihen aufgerufen.

Der Aufruf beginnt mit den Worten: »Vieles hört man über die Probleme, welche die Mitglieder unserer Gesellschaft beschäftigen. Und wie sollte es anders sein? Sie stellen sich ja von allen Seiten vor das Auge, sie sind äußerer und innerer Art; bis zu einem gewissen Grade sind sie sogar gegenseitig voneinander abhängig. Soweit sie innerer Natur und dadurch seelisch-individuell sind, entziehen sie sich in ihren Tiefen dem Urteil des Einzelnen. Ihre Manifestation nach außen hin ist stark abhängig von der brutal zerstörenden Härte des Gegenwartsgeschehens. Denn alles Produktive, alle größeren Initiativen werden allmählich von den Mächten des Tages überwältigt und erdrückt; man steht vor der erbarmungslosen Vernichtung des schon Geschaffenen und Geleisteten. ›In diesem innern Sturm und äußern Streite vernimmt der Geist ein schwer verstanden Wort: von der Gewalt, die alle Wesen bindet, befreit der Mensch sich, der sich überwindet‹«.

Nach einigen Ausführungen über durch Generationenwechsel in der anthroposophischen Gesellschaft bedingte Schwierigkeiten der Urteilsbildung fährt Marie Steiner fort: »Da sich die Konflikte im Laufe von Jahren und Jahrzehnten aufgebaut haben, geht ihr Sachlichkeitswert durch Sympathien und Antipathien und durch die Wunschnatur des Menschen verloren. Wer nicht von Anfang an wissend alles mitgemacht hat, wird bald in ein undurchsichtiges Gewebe verstrickt und sieht Gespenster, nicht Wirklichkeiten. Er tappt im Dunkel, die Wahrheit entzieht sich ihm. [...]

Und wie steht es mit der Wahrheit? Sie bleibt für die Menschheit ein Streben. Wir haben sie nie ganz. Wieviel Selbsttäuschung, Verblendung ergießt sich über sie auch dann, wenn wir sie ganz zu besitzen glauben! Wie wird sie durch Leidenschaft, durch Selbstgerechtigkeit, Eitelkeit und Ehrgeiz immer wieder in Fetzen gerissen! Lebt sie aber als Streben, als Sehnsucht in der Seele, so ist immerhin eine Grundlage da, auf der man weiter bauen kann, auch wenn alles zu wanken scheint. – Dann ist nicht alles verloren, – man darf noch nicht verzweifeln. Es muss aber – und wenn er auch eine Zeitlang übertäubt worden ist – diese Sehnsucht als Trieb im Menschen vorhanden sein – als Trieb zur Wahrhaftigkeit. Lügt man kaltblütig, aus klarem Wissen heraus, dann, wenn solcher Wille bewusst in das Gemeinschaftsleben hineinwirkt, wäre es freilich illusorisch, auf dessen Gesundung zu hoffen. [...]

Was ist nun zu tun, wenn eine Gemeinschaft, die eine vor der Weltgeschichte übernommene heilige Verpflichtung in sich trägt, die ein Werk zu hüten und zu fördern hat, ohne welches die Menschheit verkommen muss, in für sie unlösbare Probleme sich verwickelt?

Sie will der ihr vom Schicksal aufgetragenen Verpflichtung gerecht werden – und trotzdem kann sie sich nicht von hemmenden Ketten und Lasten befreien, weil es Einzelnen, auf die es ankommt, nicht gegeben ist, sich überwinden zu können. Blinde Gefolgschaft aber löst keine Probleme. Was ist zu tun?

Dann sollte auch von der Gemeinschaft bewusst gefasst werden der Entschluss zur Selbstüberwindung. Klar und willig.

Wir stehen als Gesellschaft vor der Frage von Sein oder Nichtsein ...

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