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Selbsterkenntnis in der Geschichte

Das Werk »Selbsterkenntnis in der Geschichte. Anthroposophische Gesellschaft und Bewegung im 20. Jahrhundert« bietet ein Jahrhundert Anthroposophie in verdichteter Form. Erschienen ist inzwischen der erste Band. Worum es geht, beschreibt die Einleitung, von der hier ein Auszug folgt.

Die vorliegende Studie unternimmt den Versuch, eines der aufregendsten spirituellen Experimente des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive eines teilnehmenden und zugleich kritischen Beobachters im Kontext der zeitgenössischen Geschichte nachzuzeichnen und zu interpretieren. Der Standpunkt des Verfassers dieses Versuchs befindet sich aufgrund der von ihm angewandten Forschungsmethode, die nicht nur ihren Gegenstand, sondern auch die Hervorbringung ihres Gegenstandes beobachtet, zugleich innerhalb und außerhalb dieses Experiments.

Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt nicht auf Institutionen oder Organisationen, sondern auf den Debatten, die über das Selbstverständnis der Anthroposophen geführt wurden. Gesellschaft und Bewegung sind in hohem Grade selbstreflexiv; die permanente Diskussion über die anthroposophische Identität gehört damit zum Kern der Geschichte beider. Der anthroposophische Identitätsdiskurs durchdringt alle Arbeitsfelder und sozialen Netze, die sich auf die eine oder andere Art dem gemeinsamen Ursprung verbunden fühlen, auf den sie sich beziehen. Eine Geschichte der anthroposophischen Gesellschaft und Bewegung muss daher als Geschichte ihrer Diskurse über das eigene Selbstverständnis geschrieben werden. Dass es sich bei einer solchen Diskursgeschichte um eine spezifisch anthroposophische Form von Historiographie handelt, ergibt sich auch aus einem weiteren Gesichtspunkt.

Das Buch kann hier erworben werden. Oder in jeder Buchhandlung



Die Auferstehung des Menschen in der Anthroposophie

Die großen Schöpfungsmythen, derer wir uns heute erinnern, erzählen von der Entstehung des himmlischen und des irdischen Menschen. Sie alle münden in die Auferstehung des Menschen in der Anthroposophie.

Die Auferstehung des Menschen

Isenheimer Altar. Ostersonntag.

Aus dem Licht und dem Wort ist der himmlische Mensch entstanden. Gott sprach: Es werde Licht. Und er sprach: Lasset uns den Menschen machen. Und er schuf ihn zu seinem Bilde, männlich-weiblich schuf er ihn, als Androgyn, als Wesen, das beide Geschlechter in sich vereinte, das weder männlich, noch weiblich war. Am Anfang war der Logos, das Wort. Und das Wort war das Leben und das Licht. Alles ist aus dem Wort entstanden, auch der Mensch, gewoben aus dem Wort und dem Licht. Sein Leib bestand aus Licht und das Wort beseelte ihn.

Vom himmlischen Menschen, dem Makroanthropos ist in den Mythen die Rede, der im Licht und in der göttlichen Weisheit lebte, aus welchen er hervorgegangen war. Erfüllt war er von der Weisheit der Götter, die zueinander gesprochen hatten und indem sie zueinander sprachen, ihr eigenes Bild erzeugten und dieses Bild war der Mensch. Auch der Logos, aus dem der Mensch hervorging, war das, was der Anfang sprach. Der Logos war bei Gott und ein Gott war er; oder wie Gott war er. Denn er entstand, indem Gott sein eigenes Wesen aussprach. Und indem er sein Wesen aussprach, wurde der Logos zum Bild dieses Wesens, seinerseits sprechend, eben das Wort Gottes. Das Wort war aus dem Wesen Gottes herausgestellt, es war neben Gott, er war sein sprechendes Bild. Er war wie Gott und war doch nicht wie jener, denn er war sein ausgesprochenes Wesen, im Unterschied zum Unausgesprochenen. Im Logos, im Sprechen Gottes, entfaltete sich die Schöpfung, aus dem Einen ging das Viele hervor, aber das Viele war nur das Eine, ausgesprochen als die Fülle seines Wesens, überschäumend, unausschöpfbar. All die Bestimmungen des Seins, die zuerst im Verborgenen in unausgesprochener Einheit existierten oder auch nicht existierten, da sie nicht ausgesprochen, nicht in Erscheinung getreten waren, sie traten ins Licht hervor und bildeten die Welt, die Schöpfung in der unabsehbaren Mannigfaltigkeit ihrer Widersprüche.

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