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Selbsterkenntnis in der Geschichte

Das Werk »Selbsterkenntnis in der Geschichte. Anthroposophische Gesellschaft und Bewegung im 20. Jahrhundert« bietet ein Jahrhundert Anthroposophie in verdichteter Form. Erschienen ist inzwischen der erste Band. Worum es geht, beschreibt die Einleitung, von der hier ein Auszug folgt.

Die vorliegende Studie unternimmt den Versuch, eines der aufregendsten spirituellen Experimente des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive eines teilnehmenden und zugleich kritischen Beobachters im Kontext der zeitgenössischen Geschichte nachzuzeichnen und zu interpretieren. Der Standpunkt des Verfassers dieses Versuchs befindet sich aufgrund der von ihm angewandten Forschungsmethode, die nicht nur ihren Gegenstand, sondern auch die Hervorbringung ihres Gegenstandes beobachtet, zugleich innerhalb und außerhalb dieses Experiments.

Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt nicht auf Institutionen oder Organisationen, sondern auf den Debatten, die über das Selbstverständnis der Anthroposophen geführt wurden. Gesellschaft und Bewegung sind in hohem Grade selbstreflexiv; die permanente Diskussion über die anthroposophische Identität gehört damit zum Kern der Geschichte beider. Der anthroposophische Identitätsdiskurs durchdringt alle Arbeitsfelder und sozialen Netze, die sich auf die eine oder andere Art dem gemeinsamen Ursprung verbunden fühlen, auf den sie sich beziehen. Eine Geschichte der anthroposophischen Gesellschaft und Bewegung muss daher als Geschichte ihrer Diskurse über das eigene Selbstverständnis geschrieben werden. Dass es sich bei einer solchen Diskursgeschichte um eine spezifisch anthroposophische Form von Historiographie handelt, ergibt sich auch aus einem weiteren Gesichtspunkt.

Das Buch kann hier erworben werden. Oder in jeder Buchhandlung



Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire …

Friedrich Schiller sammelte in seinem kurzen Leben genügend Erfahrungen mit den Zumutungen einer übergriffigen Staatsmacht. Wenn er den Marquis Posa seiner Imagination zu König Philipp sagen ließ: »Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire …«, spiegelte sich in diesem Satz nicht nur eine Grundforderung des Jahrhunderts der Aufklärung, ja der Neuzeit, sondern auch seine persönliche Lebensgeschichte.

Geben Sie Gedankenfreiheit

Don Carlos

Nach Rudolf Steiner könnte man das »Zeitalter der Bewusstseinsseele« als Zeitalter der individuellen Menschenfreiheit bezeichnen. Die Sehnsucht nach ihr zeigt sich nicht nur in der religiösen Bewegung der Reformation, die die Beziehung des Menschen zu Gott in sein Inneres verlegte, sondern auch in zahlreichen politischen Entwicklungen, die anfangs ebenfalls meist religiös motiviert waren. Sie zeigt sich auch im Kampf der Wissenschaften gegen die Zensur der Kirche, die die Freiheit von Forschung und Lehre, die Freiheit des Denkens erkämpften. Die Forderung: »Geben Sie Gedankenfreiheit«, fasst dieses neuzeitliche Motiv prägnant zusammen. Galilei wurde mit dem ihm zugeschriebenen Satz »Eppur si muove«, der eine damals noch exotische Minderheitenmeinung gegen die herrschende Doktrin der Zeit zum Ausdruck brachte, zu einer Ikone der Neuzeit. Dass diese Bewegungen später häufig ins Gegenteil, in neuen Zwang und neue Unterdrückung umschlugen, ist eine andere Geschichte.

Schiller musste sich der angedrohten Festungshaft und der Vernichtung seiner dichterischen Existenz durch ein Schreibverbot entziehen, indem er nächtens aus Württemberg flüchtete und ins Exil ging. In Thüringen fand er schließlich Unterschlupf bei Henriette von Wolzogen, wo er sich und seine Gastgeberin mit dem Pseudonym »Dr. Ritter« vor Nachstellungen schützte. Hier vollendete er, unterstützt von großzügigen Mitverschwörern, seine Luise Millerin (Kabale und Liebe) und begann am Don Karlos zu schreiben.

Was den fahnenflüchtigen Regimentsarzt damals rettete, war die vielgescholtene Kleinstaaterei, der Pluralismus inmitten eines mehr oder weniger einheitlichen Kulturgebiets. Heute hätte es Schiller schwerer, sich als Dissident den Nachstellungen des Staates zu entziehen. Zwar gibt es auch heute noch so etwas wie eine föderalistische Länderhoheit in Sachen Kultur, aber die Länder sind anderweitig gleichgeschaltet, und Unterdrückung geht längst nicht mehr nur von der Staatsmacht, sondern von den Trägern der Kultur selbst aus, die sich in mehr oder weniger großer Abhängigkeit vom Staat befinden – der bekanntlich »wir« sind. Schiller könnte nicht mal kurz in die Kurpfalz übersiedeln, um dort Theaterdichter zu werden, nachdem er sich den württembergischen Landesherzog zum Feind gemacht hat. Er müsste in ein Land flüchten, das kein Auslieferungsabkommen mit der Bundesrepublik unterhält, oder in ein anderes, das ein stabiles Asylrecht besitzt. Der deutsche Nationaldichter, zu dem er später geworden ist, wäre heute Asylant – oder, wie man sagt, »Geflüchteter« – vielleicht in Guatemala oder auf Mindanao. Äußerst fraglich, dass er dann noch zum Klassiker werden und solche Werke wie Maria Stuart, den Wallenstein, Wilhelm Tell oder Die ästhetische Erziehung des Menschen verfassen könnte.

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