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Selbsterkenntnis in der Geschichte

Das Werk »Selbsterkenntnis in der Geschichte. Anthroposophische Gesellschaft und Bewegung im 20. Jahrhundert« bietet ein Jahrhundert Anthroposophie in verdichteter Form. Erschienen ist inzwischen der erste Band. Worum es geht, beschreibt die Einleitung, von der hier ein Auszug folgt.

Die vorliegende Studie unternimmt den Versuch, eines der aufregendsten spirituellen Experimente des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive eines teilnehmenden und zugleich kritischen Beobachters im Kontext der zeitgenössischen Geschichte nachzuzeichnen und zu interpretieren. Der Standpunkt des Verfassers dieses Versuchs befindet sich aufgrund der von ihm angewandten Forschungsmethode, die nicht nur ihren Gegenstand, sondern auch die Hervorbringung ihres Gegenstandes beobachtet, zugleich innerhalb und außerhalb dieses Experiments.

Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt nicht auf Institutionen oder Organisationen, sondern auf den Debatten, die über das Selbstverständnis der Anthroposophen geführt wurden. Gesellschaft und Bewegung sind in hohem Grade selbstreflexiv; die permanente Diskussion über die anthroposophische Identität gehört damit zum Kern der Geschichte beider. Der anthroposophische Identitätsdiskurs durchdringt alle Arbeitsfelder und sozialen Netze, die sich auf die eine oder andere Art dem gemeinsamen Ursprung verbunden fühlen, auf den sie sich beziehen. Eine Geschichte der anthroposophischen Gesellschaft und Bewegung muss daher als Geschichte ihrer Diskurse über das eigene Selbstverständnis geschrieben werden. Dass es sich bei einer solchen Diskursgeschichte um eine spezifisch anthroposophische Form von Historiographie handelt, ergibt sich auch aus einem weiteren Gesichtspunkt.

Das Buch kann hier erworben werden. Oder in jeder Buchhandlung



Linksidentitäre Läuterungsrituale

Sandra Kostner, Migrationsforscherin und Geschäftsführerin des Masterstudiengangs »Interkulturalität und Integration« an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd und Herausgeberin des Debattenbandes über die identitätslinke Läuterungsagenda, erzählt in ihrer Einleitung von einem Schlüsselerlebnis in Australien.

2003 arbeitete sie für ein Museumsprogramm in Cairns. Auf einer Geburtstagsparty, bei der eine Reihe von Lehrern zugegen war, wurde über Unterrichtserfahrungen mit Aborigines erzählt. Eine Lehrerin berichtete, sie habe jahrelang die ihr anvertrauten Kinder mit Mathematik malträtiert, bis sie erkannt habe, dass diese »westliche Kulturtechnik« nie Bestandteil der Aborigines-Kultur gewesen sei und der Versuch, sie ihnen beizubringen, nur zu einer weiteren Entfremdung der Kinder von ihren Ursprüngen beitrage. Sie habe daher Mathematik durch Kunst ersetzt und dadurch nicht nur die Frustrationen ihrer Zöglinge abgebaut, sondern auch deren kulturelles Selbstwertgefühl erhöht. Andere Lehrerinnen stimmten bei: sie hätten den herkömmlichen Lehrplan ebenfalls verlassen und würden stattdessen story tellingund dot artunterrichten. Die Pädagogen waren sich einig, dass dadurch wenigstens ein Teil des Unrechts wiedergutgemacht werde, das die Aborigines seit der Ankunft der ersten Weißen auf dem Kontinent von diesen hatten erdulden müssen. Die Lehrerinnen erklärten auch, nun kein schlechtes Gewissen mehr zu haben, da sie die Aborigines nicht einem weiteren Akt der Kolonisierung unterwürfen, indem sie davon Abstand genommen hätten, ihnen »westliche Lerninhalte« aufzuzwingen. 

Dieser Verweis auf das moralische Wohlbefinden der Pädagogen brachte bei Kostner, die bisher schweigend zugehört hatte, das Fass zum Überlaufen und sie warf die Frage ein, ob sich die Lehrerinnen klar gemacht hätten, welchen Preis die Kinder später einmal für ihr persönliches moralisches Wohlgefühl würden zahlen müssen. Eine der Lehrerinnen entgegnete, nicht nur sie, sondern auch die Kinder fühlten sich seither wohler, weil sie nicht mehr mit Dingen konfrontiert würden, »für die ihr Gehirn gar nicht gemacht sei«. Dieses sei schließlich 40.000 Jahre lang nicht mit westlichen Inhalten konfrontiert worden, stattdessen hätten die Aborigines herausragende Begabungen für Kunst entwickelt. Im Rückblick kommentiert Kostner diese Entgegnung: »Das für mich Erschreckendste war, dass sie [die Lehrerin] sich offensichtlich ihrer rassistischen Argumentation in keiner Weise bewusst war, ganz im Gegenteil. Aus ihrer Sicht war dieses Argument ein dezidierter Ausweis ihrer antirassistischen Haltung.« Doch bevor sie entgegnen konnte, entspannte der Gastgeber die Situation, die zu eskalieren drohte, indem er Kostner damit entschuldigte, sie sei noch nicht lange in Australien und kenne sich mit den Aborigines und den spezifisch australischen Erfahrungen zu wenig aus. Nach der Party erklomm sie mit einem Freund im Rückblick auf die vorangegangene Diskussion eine Metaebene: er erklärte ihr, er habe die von den Lehrerinnen praktizierte Form des umgekehrten Rassismusauch schon oft angeprangert, ebenso wie der Gastgeber, aber schließlich resigniert, da er es leid sei, aufgrund seiner Ansichten mit den immer gleichen Rassismusvorwürfen konfrontiert zu werden.

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