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Selbsterkenntnis in der Geschichte

Band 1 | 1875–1952

Das Werk »Selbsterkenntnis in der Geschichte. Anthroposophische Gesellschaft und Bewegung im 20. Jahrhundert« bietet ein Jahrhundert Anthroposophie in verdichteter Form. Worum es geht, beschreibt die Einleitung.

Das Buch kann hier erworben werden. Oder in jeder Buchhandlung

Band 2 | 1953–1982

Der Zeitraum, den dieser zweite Band der Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft und Bewegung umfasst, wurde von Albert Steffen und Rudolf Grosse geprägt. Albert Steffen war bis zu seinem Tod 1963 Vorsitzender der Gesellschaft.

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Umstrittener Anthroposoph

In einer jüngst erschienenen Relotiade wird mir das Prädikat verliehen, ein »umstrittener Anthroposoph« zu sein. Ich nähme diesen Ehrentitel mit Freuden entgegen, flösse er nicht aus falscher Feder.

Umstrittener Anthroposoph

Im betreffenden Text heißt es:

»Und diese Denkweise lebt weiter, wie sich an Äußerungen des umstrittenen Schweizer Anthroposophen Lorenzo Ravagli zeigt. Noch 2014 behauptete er in der Waldorfzeitschrift ›Erziehungskunst‹, ›so gut wie alle Äußerungen Steiners zur Vorgeschichte und den Folgewirkungen‹ des Ersten Weltkriegs hätten sich als ›wahr‹ erwiesen, besonders die ›esoterischen, okkulten, spirituellen Tatsachen‹. Ravagli verwies dabei auch auf den esoterischen Autor Gérard Encausse (Papus), der schon 1901 von einer englisch-jüdischen Verschwörung fantasiert hatte, die angeblich die Weltpolitik beeinflusse.«

Damit scheint suggeriert werden zu wollen, ich hätte mich in irgendeiner Weise affirmativ auf eine von Papus behauptete englisch-jüdische Verschwörung, die die Weltpolitik beinflusse, bezogen.

Gerne stelle ich Interessenten den Text, aus dem die Zitatfragmente stammen, zur Urteilsbildung zur Verfügung. Es handelt sich um eine Rezension des 2014 erschienenen Buches »Welt im Umbruch. Nationalitätenfrage, Ordnungspläne und Rudolf Steiners Haltung im I. Weltkrieg« von Markus Osterrieder.­­


Der I. Weltkrieg, esoterisch gedacht

Ein Werk von wahrhaft enzyklopädischen Ausmaßen, das sich spannender liest als viele Erzeugnisse fiktiver Literatur, legt der Münchner Historiker Markus Osterrieder als Summe einer über 14-jährigen Forschungsarbeit zur Vor- und Nachgeschichte des I. Weltkriegs vor.

Die Erzählung greift weit in die Geschichte der Neuzeit zurück und zieht Fäden bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, ja bis zur Gegenwart. Der denkbar umfassende Horizont des polyglotten Erzählers schöpft aus einer Fülle von Originalquellen und Forschungsliteratur nahezu aller an der europäischen Urkatastrophe beteiligten Mächte und verliert doch nie den großen Zusammenhang aus dem Blick, der sich aus dem komplexen Gewebe von Intentionen und Interessen ergibt, die das erzählte Geschehen durchziehen.

Geschichte, diese Einsicht teilt sich auf jeder Seite dieses Werkes mit, ist keine Aneinanderreihung zufälliger Ereignisse, kein Ergebnis anonymer Kausalitäten oder apersonaler Mechanismen, – Geschichte wird von Menschen gemacht, die aufgrund konkreter Ideen und Absichten handeln oder das Handeln unterlassen. So stehen in Osterrieders Erzählung auch nicht Institutionen oder gesichtslose gesellschaftliche Strukturen im Mittelpunkt, sondern Personen, denkende und handelnde Menschen, aus deren Ideenwelt, aus deren mehr oder weniger umfassendem oder getrübtem Bewusstsein die geschichtliche Wirklichkeit hervorgeht. Deren politische Ideologien und metaphysischen Überzeugungen werden in der vorliegenden Forschungsarbeit ebenso porträtiert, wie ihre offenen und verborgenen Verbindungen, ihre familialen, geschäftlichen und amourösen Verflechtungen.

Da die Gedanken- und Ereignisfolge, die in Osterrieders Erzählung rekonstruiert wird, eine Folge von Weltereignissen war, die die Welt als Ganzes betrafen, sind die Perspektiven, die wir einnehmen oder nachvollziehen müssen, globale Perspektiven. Diese globalen Perspektiven treten uns vor allem in Angehörigen der politischen Elite des britischen Weltreichs entgegen, die um den Erhalt und die Festigung dieses Reiches rangen. Osterrieders Ausführungen über das große Spiel (»great game«) und den liberalen Imperialismus machen deutlich, dass der globalen Ausdehnung des Empire entsprechend tatsächlich in globalen Dimensionen gedacht und aus globalen Perspektiven gehandelt wurde, – und das lange vor 1914.

Es ging um Kolonialbesitz, Wirtschaftsinteressen, Einfluss und Prestige, es ging – im Zeitalter des Darwinismus – um den Kampf ums Überleben und den Sieg der Tüchtigsten. Die geopolitischen Strategien mussten den Seeweg nach Indien sichern, verhindern, dass Russland nach Afghanistan und Indien übergriff, indem sein Interesse in Richtung Balkan abgelenkt wurde, sie mussten das Gleichgewicht der Mächte auf dem europäischen Kontinent gewährleisten, das durch den rasanten Aufstieg des Deutschen Reiches gefährdet schien, sie mussten den absehbaren Zusammenbruch des osmanischen Reiches und die Explosion auf dem Balkan ebenso ins Kalkül ziehen, wie die künftige Weltmacht USA.

Den langfristigen ideen- und erfindungsreichen Strategien der britischen Politik stand im Deutschen Reich oder in Österreich-Ungarn ein bemerkenswerter Dilettantismus gegenüber, der schon an Idiotie grenzte. Kaiser Wilhelm II. nahm in seiner Umgebung niemand ernst, Franz Joseph war ein ziemlich seniler Greis, aber auch die diplomatischen und politischen Eliten der beiden späteren Mittelmächte zeichneten sich durch Kurzsichtigkeit, Unverstand und bornierte Ignoranz aus. Größenwahnsinnige Projekte wie die Berlin-Bagdad-Bahn oder der Erwerb von Kolonialbesitz wurden ohne jegliches politisches Talent oder diplomatisches Geschick verfolgt, jedes tiefere Verständnis der explosiven Gemengelage aus ethnischer Vielfalt, Nationalismus und Bündnissystemen fehlte, und im Vorfeld des Ausbruchs des I. Weltkriegs versanken die österreichisch-ungarischen sowie die wilhelminischen Eliten in einer kollektiven Bewusstseinsdämmerung. Anstelle von Politik und Diplomatie traten die Mechanismen des militärischen Denkens in Kraft, die – einmal ins Rollen gebracht – niemand mehr aufzuhalten vermochte. Das Versagen der politischen und kulturellen Elite des Deutschen Reiches und Österreichs, ihr Absturz in die Ideenlosigkeit und ihre Verführung durch die Machtpolitik, bereitete den Weg in den Abgrund wesentlich mit vor.

Inmitten des Chaos und der Ideenlosigkeit der europäischen Mitte erscheint der Begründer der Anthroposophie während des I. Weltkriegs in Osterrieders Erzählung wie eine Insel der Besonnenheit und Weitsicht, als Eigner eines über allen Parteien stehenden beeindruckenden Scharfblicks. Er nahm die späte Einsicht Lord Lothians (Philip Kerrs) aus dem Jahr 1937 um gute achtzehn Jahre vorweg, wenn er sich gegen den Alleinschuldparagraphen des Versailler »Friedensvertrages« zur Wehr setzte und ihn als einen Frieden interpretierte, der einem noch viel größeren Krieg den Weg bereiten sollte.

Was manchen Autoren an Steiner als spirituell verbrämter deutscher Nationalismus erscheint, erweist sich unter Berücksichtigung des historischen Kontextes als Verteidigung des besseren Deutschland gegenüber seinen Verrätern und Verleumdern. Vergleichbares lässt sich über Steiners Kritik an Wilsons nationalistisch-völkischer Idee der »Völkerbefreiung« sagen oder über seine Kritik an der wilhelminischen Führungsschicht.

Alles in allem darf behauptet werden, dass sich heute, nach einer Forschungsgeschichte von hundert Jahren, angesichts der erdrückenden Fülle von Fakten, die diese Forschung zutage gefördert hat, so gut wie alle Äußerungen Steiners zur Vorgeschichte und den Folgewirkungen dieser Jahrhundertkatastrophe als wahr erwiesen haben.

Und das gilt nicht nur für die äußerlich historischen Tatsachen, es gilt vor allem auch für die esoterischen, okkulten, spirituellen Tatsachen, die lange genug – mangels Interesse oder Verständnis für deren Bedeutung, jedenfalls zu Unrecht – jenseits des wissenschaftlichen Interesses lagen. Damit kommen wir auf ein Kapitel, das hier auch nur angedeutet werden kann, aber zweifellos zu den spannendsten der gesamten Untersuchung gehört. Es reicht von okkultem Geschichtswissen, das den Zusammenhang zwischen Erzengeln, historischen Epochen und Völkern betrifft, das in der angelsächsischen Welt bis zu John Dee zurückreicht und bei der Formulierung des politischen Selbstverständnisses eine zentrale Rolle spielte, über das Wirken maurerischer oder pseudo-maurerischer Bruderschaften in der britischen, lateinischen, russischen, slawischen Welt, das historisch en détail nachweisbar ist, bis hin zur Bedeutung von Mediumismus, Spiritismus und Begabungen wie dem automatischen Schreiben, der Fähigkeit des luziden Träumens oder der Kommunikation mit Verstorbenen, die insbesondere in der angelsächsischen politischen Elite höchst verbreitet waren. Arthur James Balfour, um nur ein Beispiel zu nennen, nach der Jahrhundertwende britischer Premier und später Außenminister unter Lloyd George, war in den 1890er Jahren Präsident der »Society for Psychical Research«, aus der sich zahlreiche Anhänger Alfred Milners rekrutierten. Seit dem Tod seiner Geliebten 1875 beschäftigte er sich mit Spiritismus, nicht zuletzt, um Kontakt mit der Verstorbenen zu pflegen, überhaupt spielten mediale Botschaften in seinem Politikerleben bis zu seinem Tod 1930 eine bedeutende Rolle – und nicht nur in seinem. Nicht unerwähnt bleiben darf in diesem Zusammenhang auch der »Großmogul« Papus (Gérard Encausse), der mit seinem Martinistenorden ein okkult-politisches Netzwerk quer durch das Vorkriegs-Europa flocht, das über den Balkan bis ins osmanische Reich und an den Zarenhof reichte.

Solche Aspekte der Geschichte wurden von der Forschung lange vernachlässigt, was notwendigerweise dazu führte, dass wesentliche geschichtsbildende Faktoren außer Acht blieben. Osterrieder trägt daher auch zur Esoterikforschung einige wesentliche neue Kapitel bei. Und, wie gesagt, der Blick ist keineswegs auf die Vergangenheit fixiert, denn die ideellen, institutionellen und ideologischen Konstellationen, die weitsichtig schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts angelegt wurden, wirken weiter, über die Gegenwart hinaus. Schon dem oberflächlichen Betrachter drängt sich angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen in der Ukraine ein Déjà-vu auf, wenn er auf die Zeit zwischen 1889 und 1914 zurückblickt, obgleich sich heute neue Mitspieler aus Ostasien an den Roulettetisch hinzugesellt haben.

Markus Osterrieder: Welt im Umbruch. Nationalitätenfrage, Ordnungspläne und Rudolf Steiners Haltung im I. Weltkrieg, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2014, 1754 S., EUR 79.–

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