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Selbsterkenntnis in der Geschichte

Das Werk »Selbsterkenntnis in der Geschichte. Anthroposophische Gesellschaft und Bewegung im 20. Jahrhundert« bietet ein Jahrhundert Anthroposophie in verdichteter Form. Erschienen ist inzwischen der erste Band. Worum es geht, beschreibt die Einleitung, von der hier ein Auszug folgt.

Die vorliegende Studie unternimmt den Versuch, eines der aufregendsten spirituellen Experimente des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive eines teilnehmenden und zugleich kritischen Beobachters im Kontext der zeitgenössischen Geschichte nachzuzeichnen und zu interpretieren. Der Standpunkt des Verfassers dieses Versuchs befindet sich aufgrund der von ihm angewandten Forschungsmethode, die nicht nur ihren Gegenstand, sondern auch die Hervorbringung ihres Gegenstandes beobachtet, zugleich innerhalb und außerhalb dieses Experiments.

Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt nicht auf Institutionen oder Organisationen, sondern auf den Debatten, die über das Selbstverständnis der Anthroposophen geführt wurden. Gesellschaft und Bewegung sind in hohem Grade selbstreflexiv; die permanente Diskussion über die anthroposophische Identität gehört damit zum Kern der Geschichte beider. Der anthroposophische Identitätsdiskurs durchdringt alle Arbeitsfelder und sozialen Netze, die sich auf die eine oder andere Art dem gemeinsamen Ursprung verbunden fühlen, auf den sie sich beziehen. Eine Geschichte der anthroposophischen Gesellschaft und Bewegung muss daher als Geschichte ihrer Diskurse über das eigene Selbstverständnis geschrieben werden. Dass es sich bei einer solchen Diskursgeschichte um eine spezifisch anthroposophische Form von Historiographie handelt, ergibt sich auch aus einem weiteren Gesichtspunkt.

Das Buch kann hier erworben werden. Oder in jeder Buchhandlung



Warum weiße Privilegien ein Mythos sind (1)

Sind weiße Privilegien schuld? In den USA, mittlerweile auch in Europa, wird vielfach behauptet, eine hinreichende kausale Erklärung für den unterschiedlichen gesellschaftlichen Erfolg verschiedener sozialer Gruppen sei die Tatsache, dass Weiße gegenüber anderen »Rassen« – wobei der Begriff der Rassen eigentlich als rassistisch gilt – privilegiert seien. Ersatzweise wird auch von »strukturellem oder systemischem Rassismus« oder »impliziten Ordnungen der Ungleichheit« gesprochen.

Satirische Starbucks Anzeige, die den amerikanischen Diskurs über weiße Schuld auf’s Korn nimmt.

Satirische Starbucks Anzeige, die den amerikanischen Diskurs über weiße Schuld auf’s Korn nimmt. Mit freundlicher Genehmigung von babylonbee.com

Das Problem dieser Behauptungen ist nicht nur, dass sie den Rassismus, den sie angeblich überwinden wollen, wieder in die soziologische und politische Diskussion einführen, wenn auch unter vermeintlich positiven Vorzeichen (Diskriminierung von Weißen, also gegen Weiße gerichteter Rassismus, sei legitim, weil durch sie früher oder immer noch vorhandener Rassismus gegen Nichtweiße im Namen sozialer Gerechtigkeit ausgeglichen werde; Stichwort: reverse racism), sondern auch, dass sie eine monokausale Erklärung komplexer gesellschaftlicher Sachverhalte konstruieren, die der tatsächlichen Komplexität des behaupteten Problems bei weitem nicht gerecht wird.

Hinzu kommt, dass dieselben politischen »Aktivisten«, die mit erheblicher Militanz die These vom weißen Privileg vertreten, häufig gleichzeitig Verfechter einer konstruktivistischen Weltsicht sind, von der die ontologische Validität der Begriffe, die das Fundament ihrer Vorwürfe bilden, in Abrede gestellt wird. Zu behaupten, »Rassen« seien »soziale Konstrukte«, und daher nicht real, und gleichzeitig zu behaupten, die Unterdrückung oder Diskriminierung von Menschen, die bestimmten »Rassen« angehörten, sei eine Realität, ist eine contradictio in adiecto (ein Selbstwiderspruch, der darin besteht, das zu bejahen, was man verneint oder umgekehrt). Aber nicht nur die Gesetze der Logik (die ebenfalls als eurozentrische Erfindung denunziert werden) führen die enragierten Antifaschisten ad absurdum, sondern auch ein Blick auf die politische und soziale Realität der Vereinigten Staaten von Amerika. Während hierzulande jeder, der es wagt, auszusprechen, was er sieht, des Rassismus geziehen wird, gehört bei unserem transatlantischen Nachbarn die Diskussion über »Rassenunterschiede« (racial disparities, race differences) zum politischen und wissenschaftlichen Alltag.

Die offensichtlichen theoretischen Mängel ihrer Weltsicht hindern jedoch die genannten Aktivisten nicht daran, ihren Thesen durch direkte Aktionen Nachdruck zu verleihen, die darauf abzielen, jegliche Kritik an ihrer Weltsicht ihrerseits als Reproduktion der behaupteten Unterdrückung zu delegitimieren. Jüngstes Beispiel für diese blindwütige Militanz ist die Antwort einiger Aktivisten auf den Vorschlag Steven B. Gerrards, eines Philosophieprofessors am Williams College in Massachusetts, der anregte, Studenten zu einem Gelöbnis auf die Redefreiheit an der Universität zu bewegen, da diese Privilegierte wie Minderheiten gleichermaßen schütze. »Redefreiheit«, schallte ihm da entgegen, sei »von rechtsgerichteten und liberalen Gruppen als diskursiver Deckbegriff für Rassismus, Xenophobie, Antisemitismus, Homophobie, Transphobie, Ableismus und Klassismus kooptiert worden« und deswegen abzulehnen. Auch hier liegt der performative Selbstwiderspruch auf der Hand: die Studenten beanspruchen für sich selbst grenzenlose Rede- und mehr noch: Handlungsfreiheit, sprechen sie aber allen anderen, die ihren Ansichten widersprechen, ab. Inzwischen wird die Meinungs- und Redefreiheit von solchen Aktivisten gar nicht mehr ins Feld geführt, da sie ohnehin eine Erfindung »alter (oder schon längst toter) weißer Männer«, ein »eurozentrisches« und damit »rassistisches« Konzept sei, stattdessen plädieren sie für so etwas wie vernünftigen Zwang oder schlicht eine Meinungsdiktatur.

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