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Selbsterkenntnis in der Geschichte

Das Werk »Selbsterkenntnis in der Geschichte. Anthroposophische Gesellschaft und Bewegung im 20. Jahrhundert« bietet ein Jahrhundert Anthroposophie in verdichteter Form. Erschienen ist inzwischen der erste Band. Worum es geht, beschreibt die Einleitung, von der hier ein Auszug folgt.

Die vorliegende Studie unternimmt den Versuch, eines der aufregendsten spirituellen Experimente des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive eines teilnehmenden und zugleich kritischen Beobachters im Kontext der zeitgenössischen Geschichte nachzuzeichnen und zu interpretieren. Der Standpunkt des Verfassers dieses Versuchs befindet sich aufgrund der von ihm angewandten Forschungsmethode, die nicht nur ihren Gegenstand, sondern auch die Hervorbringung ihres Gegenstandes beobachtet, zugleich innerhalb und außerhalb dieses Experiments.

Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt nicht auf Institutionen oder Organisationen, sondern auf den Debatten, die über das Selbstverständnis der Anthroposophen geführt wurden. Gesellschaft und Bewegung sind in hohem Grade selbstreflexiv; die permanente Diskussion über die anthroposophische Identität gehört damit zum Kern der Geschichte beider. Der anthroposophische Identitätsdiskurs durchdringt alle Arbeitsfelder und sozialen Netze, die sich auf die eine oder andere Art dem gemeinsamen Ursprung verbunden fühlen, auf den sie sich beziehen. Eine Geschichte der anthroposophischen Gesellschaft und Bewegung muss daher als Geschichte ihrer Diskurse über das eigene Selbstverständnis geschrieben werden. Dass es sich bei einer solchen Diskursgeschichte um eine spezifisch anthroposophische Form von Historiographie handelt, ergibt sich auch aus einem weiteren Gesichtspunkt.

Das Buch kann hier erworben werden. Oder in jeder Buchhandlung



Was wir brauchen ist Mut, nicht noch mehr Angst

Der streitfreudige Soziologe Frank Furedi, dessen Eltern mit ihm 1956 vor den Truppen des Warschauer Pakts aus Ungarn nach Kanada flohen, blickte Ende Dezember 2020 in einem Beitrag für das Magazin spiked auf das vergangene Jahr zurück und in die unerfreuliche Zukunft voraus, die der westlichen Gesellschaft seiner Auffassung nach bevorsteht, wenn sie weiterhin von der Angst vor dem Leben gelähmt wird. Er sprach aber auch deutlich aus, was wir dieser Lähmung entgegenstellen müssen: Was wir brauchen ist Mut, nicht noch mehr Angst.

Was wir brauchen, ist Mut

München, Englischer Garten. © Lorenzo Ravagli

Schon die weit verbreitete Bereitschaft, die ersten Lockdowns zu akzeptieren, die im Frühjahr 2020 verhängt wurden, habe ihn in Erstaunen versetzt, erzählt der Autor. Erst recht, dass sich auch nach bald einem Jahr mehr oder weniger permanenter Einschränkungen und erneuter Verschärfungen kaum Widerstand rege. Ihm scheint es, als hätten sich Millionen von Menschen inzwischen daran gewöhnt, unter restriktiven Bedingungen zu leben, ja als hießen die meisten die auferlegten Einschränkungen sogar willkommen.

Seiner Beobachtung nach hat die öffentliche Gesundheit im vergangenen Jahr den Charakter eines geheiligten Gutes angenommen. Die »moralische Autorität«, die sie erlangt habe, sei inzwischen so gewaltig, dass selbst die drakonischsten Maßnahmen, wie die Begrenzung der zwischenmenschlichen Kontakte auf einen einzelnen Angehörigen eines anderen Haushalts oder wochenlange, häusliche Quarantäne durch sie gerechtfertigt werden könnten.

Die Sorge um die öffentliche Gesundheit sei im Verlauf weniger Monate zur alles dominierenden Frage geworden, die das politische, wirtschaftliche und soziale Leben bestimme. Nicht wenige behaupteten sogar, so sehe die »neue Normalität« aus und die Gesellschaft müsse in Zukunft entlang der Imperative der öffentlichen Gesundheit neu definiert werden.

Furedi hält diese Zukunftsvision für »fatalistisch« und »moralisch armselig«.

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