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Von der Schrumpfung des Weltgeistes – Neues aus Provo (5)

Das Kapitel über Hegel und Schelling in Clements Einleitung birgt eine Überraschung: Steiner musste sich selbst des Vorwurfs des Solipsismus erwehren. Eine erstaunliche Parallele! Wie kommt es dazu? Aufgrund einer Untersuchung der Verwandtschaft der steinerschen Kosmogonie mit den identitätsphilosophischen, naturphilosophischen und bewusstseinsphilosophischen Systemen der beiden großen Idealisten.

Offensichtlich ist für Clement die Orientierung Steiners an Hegels Philosophie des Geistes, der sich in der Natur entäußert, um in dieser Entäußerung zu sich selbst zu kommen. Andererseits bietet Steiner eine mit Schellings Naturphilosophie verwandte Auffassung des Verhältnisses von Geist und Kosmos. Schließlich greift er Schellings Bewusstseinsgeschichte auf, in der die Menschheit als Spiegel des absoluten Geistes fungiert, der sich am Ende in Gestalt der Philosophie selbst transzendiert.

Zentral ist laut Clement für Steiner die These, die sich schon bei Kant, Fichte, Schelling und Hege findet, dass die Erfahrung von Wirklichkeit vom Bewusstsein abhängt, das sie erlebt, ja dass diese Wirklichkeit im Erkennen des Menschen erst geschaffen wird. Schon in Steiners Erstlingsschrift von 1886 könne man lesen:

»Im Erkennen schafft der Mensch nicht für sich allein etwas, sondern er schafft mit der Welt zusammen an der Offenbarung des wirklichen Seins. Was im Menschen ist, ist ideeller Schein; was in der wahrzunehmenden Welt ist, ist Sinnenschein; das erkennende Ineinanderarbeiten der beiden ist erst Wirklichkeit. […] [Man] setzt doch voraus, dass die Wirklichkeit irgendwo außer dem Erkennen vorhanden sei, und in dem Erkennen eine menschliche, abbildliche Darstellung dieser Wirklichkeit sich ergeben soll, oder auch, sich nicht ergeben kann. Dass diese Wirklichkeit durch das Erkennen nicht gefunden werden kann, weil sie als Wirklichkeit im Erkennen erst geschaffen wird, das wird kaum irgendwo empfunden.«

Nun stehen diese Sätze nicht in Steiners Erstlingsschrift von 1886, sondern in einer Anmerkung, die er 1924 zu dieser Erstlingsschrift hinzufügte. Dies zu bemerken ist nicht ohne Bedeutung, denn der chronologische Anachronismus hebelt Clements weitere Argumentation aus, Steiner habe sich mit solchen Äußerungen, die nahelegten, Wirklichkeit sei nur die Modifikation des subjektiven Bewusstseins, den Vorwurf des »Phänomenalismus, Illusionismus, Solipsismus« zugezogen – so wie Clement mit seiner Steinerdeutung. Schon Eduard von Hartmann habe Steiner diese Kritik nach seiner Lektüre der Philosophie der Freiheit entgegengehalten. In einer Randbemerkung zu diesem Buch habe er dem Verfasser vorgeworfen, sein Phänomenalismus führe »mit unausweichlicher Konsequenz zum Solipsismus, absoluten Illusionismus und Agnostizismus«. Steiner habe, so Hartmann, »nichts getan, um diesem Rutsch in den Abgrund der Unphilosophie vorzubeugen, weil er die Gefahr gar nicht« erst »erkannt« habe. Clement befindet sich also in bester Gesellschaft. Auch er sieht sich mit seiner ideogenetischen Interpretation der Anthroposophie ebendieser Kritik ausgesetzt. Wie gut, dass Steiner sich gegen Hartmanns Kritik zur Wehr setzte. Wie tat er dies?

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