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Anthroposophie / Grundlagen / Aus der Akasha-Chronik / Vorurteile aus vermeintlicher Wissenschaft

Grundlagen

Einleitungen in Goethes Naturwissenschaftliche Schriften, 1884-1897

Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung, mit besonderer Rücksicht auf Schiller, 1886

Wahrheit und Wissenschaft. Vorspiel einer Philosophie der Freiheit, 1892

Die Philosophie der Freiheit. Grundzüge einer modernen Weltanschauung, 1894

Friedrich Nietzsche - ein Kämpfer gegen seine Zeit, 1895

Goethes Weltanschauung, 1897

Die Mystik im Aufgang des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhältnis zur modernen Weltanschauung, 1901

Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums, 1902

Theosophie, 1904

Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? 1904/06

Die Stufen der höheren Erkenntnis, 1905-1908

Die Geheimwissenschaft im Umriß, 1910

Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit, 1911

Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen, 1912

Die Schwelle der geistigen Welt, 1913

Die Rätsel der Philosophie in ihrer Geschichte als Umriß dargestellt, 1914

Vom Menschenrätsel. Ausgesprochenes und Unausgesprochenes im Denken, Schauen, Sinnen einer Reihe deutscher und österreichischer Persönlichkeiten, 1918

Von Seelenrätseln, 1917

Goethes Geistesart in ihrer Offenbarung durch seinen »Faust« und durch das Märchen von der Schlange und der Lilie, 1918

Die Kernpunkte der sozialen Frage, 1919

Philosophie, Kosmologie und Religion, 1922

Anthroposophische Leitsätze, 1924/25

Grundlegendes zu einer Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlicher Erkenntnis, 1925

Mein Lebensgang, 1923-1925

Aus der Akasha-Chronik, 1904-05/1939

Vorurteile aus vermeintlicher Wissenschaft

Es ist gewiß richtig, daß es im Geistesleben der Gegenwart vieles gibt, was demjenigen, der nach Wahrheit sucht, das Bekenntnis zu den geisteswissenschaftlichen (theosophischen) Erkenntnissen schwierig macht. Und dasjenige, was in den Aufsätzen über die «Lebensfragen der theosophischen Bewegung» gesagt ist, kann als Andeutung der Gründe erscheinen, welche insbesondere bei dem gewissenhaften Wahrheitsucher in dieser Richtung bestehen. Ganz phantastisch muß manche Aussage des Geisteswissenschafters dem erscheinen, welcher sie prüft an den sicheren Urteilen, die er glaubt aus dem sich bilden zu müssen, was er als die Tatsachen der naturwissenschaftlichen Forschung kennengelernt hat. Dazu kommt, daß diese Forschung auf den gewaltigen Segen hinzuweisen vermag, den sie dem menschlichen Fortschritt gebracht hat und fortdauernd bringt. Wie überwältigend wirkt es doch, wenn eine Persönlichkeit, welche lediglich auf die Ergebnisse dieser Forschung eine Weltansicht aufgebaut wissen will, die stolzen Worte zu sagen vermag: «Denn es liegt ein Abgrund zwischen diesen beiden extremen Lebensauffassungen: die eine für diese Welt allein, die andere für den Himmel. Bis heute hat jedoch die menschliche Wissenschaft nirgends die Spuren eines Paradieses, eines Lebens der Verstorbenen oder eines persönlichen Gottes aufgefunden, diese unerbittliche Wissenschaft, die alles ergründet und zerlegt, die vor keinem Geheimnis zurückschreckt, die den Himmel hinter den Nebelsternen ausforscht, die unendlich kleinen Atome der lebenden Zellen wie der chemischen Körper analysiert, die Substanz der Sonne auseinanderlegt, die Luft verflüssigt, von einem Ende der Erde zum andern bald sogar drahtlos telegraphiert, heute bereits durch die undurchsichtigen Körper durchsieht, die Schiffahrt unter dem Wasser und in der Luft einführt, uns neue Horizonte mittelst des Radiums und anderer Entdeckungen eröffnet; diese Wissenschaft, die, nachdem sie die wahre Verwandtschaft aller lebenden Wesen unter sich und ihre allmählichen Formwandlungen nachgewiesen hat, heute das Organ der menschlichen Seele, das Gehirn ins Bereich ihrer gründlichen Forschung zieht.» (Prof. August Forel, Leben und Tod. München 1908, Seite 3.) Die Sicherheit, mit welcher man auf solcher Grundlage zu bauen glaubt, verrät sich in den Worten, welche Forel an die obigen Auslassungen knüpft: «Indem wir von einer monistischen Lebensauffassung ausgehen, die allein allen wissenschaftlichen Tatsachen Rechnung trägt, lassen wir das Übernatürliche beiseite und wenden wir uns an das Buch der Natur.» So sieht sich der ernste Wahrheitsucher vor zwei Dinge gestellt, die einer bei ihm etwa vorhandenen Ahnung von der Wahrheit der geisteswissenschaftlichen Mitteilungen starke Hemmungen in die Wege stellen. Lebt in ihm ein Gefühl für solche Mitteilungen, ja empfindet er durch eine feinere Logik auch ihre innere Begründung:

er kann zur Unterdrückung solcher Regungen gedrängt werden, wenn er sich zweierlei sagen muß. Erstens finden die Autoritäten, welche die Beweiskraft der sicheren Tatsachen kennen, daß alles «Übersinnliche» nur der Phantasterei und dem unwissenschaftlichen Aberglauben entspringt. Zweitens laufe ich Gefahr, durch die Hingabe an solches Übersinnliche ein unpraktischer, für das Leben unbrauchbarer Mensch zu werden. Denn alles, was für das praktische Leben geleistet wird, muß fest im «Boden der Wirklichkeit» wurzeln.

Es werden nun nicht alle, die in einen solchen Zwiespalt hineinversetzt sind, sich leicht durcharbeiten bis zu der Erkenntnis, wie es sich mit den beiden charakterisierten Dingen wirklich verhält. Könnten sie das, dann würden sie zum Beispiel in bezug auf den ersten Punkt das folgende sehen: Mit der naturwissenschaftlichen Tatsachenforschung stehen die Ergebnisse der Geisteswissenschaft nirgends in Widerspruch. Überall, wo man unbefangen auf das Verhältnis der beiden hinsieht, zeigt sich vielmehr für unsere Zeit etwas ganz anderes. Es stellt sich heraus, daß diese Tatsachenforschung hinsteuert zu dem Ziele, das sie in gar nicht zu ferner Zeit in volle Harmonie bringen wird mit dem, was die Geistesforschung aus ihren übersinnlichen Quellen für gewisse Gebiete feststellen muß. Aus Hunderten von Fällen, die zum Belege für diese Behauptung beigebracht werden könnten, sei hier ein charakteristischer hervorgehoben.

In meinen Vorträgen über die Entwickelung der Erde und der Menschheit wird darauf hingewiesen, daß die Vorfahren der jetzigen Kulturvölker auf einem Landesgebiet gewohnt haben, welches sich einstmals an der Stelle der Erdoberfläche ausdehnte, die heute von einem großen Teile des Atlantischen Ozeans eingenommen wird. In den Aufsätzen «Aus der Akasha-Chronik» ist mehr auf die seelisch-geistigen Eigenschaften dieser atlantischen Vorfahren hingewiesen worden. In mündlicher Rede wurde auch oft geschildert, wie die Oberfläche des Erdgebietes im alten Atlantischen Land ausgesehen hat. Es wurde gesagt: damals war die Luft durchschwängert von Wassernebeldünsten. Der Mensch lebte im Wassernebel, der sich niemals für gewisse Gebiete bis zur völligen Reinheit der Luft aufhellte. Sonne und Mond konnten nicht so gesehen werden wie heute, sondern umgeben von farbigen Höfen. Eine Verteilung von Regen und Sonnenschein, wie sie gegenwärtig stattfindet, gab es damals nicht. Man kann hellseherisch dies Alte Land durchforschen: die Erscheinung des Regenbogens gab es damals nicht. Sie trat erst in der nachatlantischen Zeit auf. Unsere Vorfahren lebten in einem Nebelland. Diese Tatsachen sind durch rein übersinnliche Beobachtung gewonnen; und es muß sogar gesagt werden, daß der Geistesforscher am besten tut, wenn er sich aller Schlußfolgerungen aus seinen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen peinlich genau entäußert; denn durch solche Schlußfolgerungen wird ihm leicht der unbefangene innere Sinn der Geistesforschung in die Irre geführt. Nun aber vergleiche man mit solchen Feststellungen gewisse Anschauungen, zu denen sich einzelne Naturforscher in der Gegenwart gedrängt fühlen. Es gibt heute Forscher, welche sich durch die Tatsachen bemüßigt finden, anzunehmen, daß die Erde in einer bestimmten Zeit ihrer Entwickelung in eine Wolkenmasse eingebettet war. Sie machen darauf aufmerksam, daß auch gegenwärtig der bewölkte Himmel den unbewölkten überwiege, so daß das Leben auch jetzt noch zum großen Teile unter der Wirkung eines Sonnenlichtes stehe, das durch Wolkenbildung abgeschwächt werde, daß man also nicht sagen dürfe: das Leben hätte sich nicht entwickeln können in der einstigen Wolkenhülle. Sie weisen ferner darauf hin, daß diejenigen Organismen der Pflanzenwelt, welche man zu den ältesten zählen kann, solche waren, die auch ohne direktes Sonnenlicht sich entwickeln. So fehlen unter den Formen dieser älteren Pflanzenwelt diejenigen, welche wie die Wüstenpflanzen unmittelbares Sonnenlicht und wasserfreie Luft brauchten. Ja, auch bezüglich der Tierwelt hat ein Forscher (Hilgard) darauf aufmerksam gemacht, daß die Riesenaugen ausgestorbener Tiere (zum Beispiel der Ichthyosaurier) darauf hinweisen, wie in ihrer Epoche eine dämmerhafte Beleuchtung auf der Erde vorhanden gewesen sein müsse. Es fällt mir nicht bei, solche Anschauungen als nicht korrekturbedürftig anzusehen. Sie interessieren den Geistesforscher auch weniger durch das, was sie feststellen, als durch die Richtung, in welche die Tatsachenforschung sich gedrängt sieht. Hat doch auch vor einiger Zeit die auf mehr oder weniger Haeckelschem Standpunkt stehende Zeitschrift «Kosmos» einen beherzigenswerten Aufsatz gebracht, der aus gewissen Tatsachen der Pflanzen- und Tierwelt auf die Möglichkeit eines einstigen atlantischen Festlandes hinwies. - man könnte, wenn man eine größere Anzahl solcher Dinge zusammenstellte, leicht zeigen, wie sich wahre Naturwissenschaft in einer Richtung bewegt, die sie in der Zukunft einmünden lassen wird in den Strom, der gegenwärtig schon bewässert werden kann aus den Quellen der Geistesforschung. Es kann gar nicht scharf genug betont werden: mit den Tatsachen der Naturwissenschaft steht Geistesforschung nirgends im Widerspruch. Wo von ihren Gegnern ein solcher Widerspruch gesehen wird, da bezieht er sich eben gar nicht auf die Tatsachen, sondern auf die Meinungen, welche sich diese Gegner gebildet haben und von denen sie glauben, daß sie aus den Tatsachen sich notwendig ergeben. In Wahrheit hat aber zum Beispiel die oben angeführte Meinung Forels nicht das geringste mit den Tatsachen der Nebelsterne, mit dem Wesen der Zellen, mit der Verflüssigung der Luft und so weiter zu tun. Diese Meinung stellt sich als nichts anderes dar denn als ein Glaube, den sich viele aus ihrem am Sinnlich-Wirklichen haftenden Glaubensbedürfnis heraus gebildet haben und den sie neben die Tatsachen hinstellen. Dieser Glaube hat etwas stark Blendendes für den Gegenwartsmenschen. Er verführt zu einer inneren Intoleranz ganz besonderer Art. Die ihm anhängen, verblenden sich dahin, daß sie ihre eigene Meinung nur für allein «wissenschaftlich» ansehen und die Anschauung anderer als nur aus Vorurteil und Aberglauben entspringen lassen. So ist es doch wirklich sonderbar, wenn in einem eben erschienenen Buche über die Erscheinungen des Seelenlebens (Hermann Ebbinghaus, Abriß der Psychologie) die folgenden Sätze zu lesen sind: «Hilfe gegen das undurchdringliche Dunkel der Zukunft und die unüberwindliche Macht feindlicher Gewalten schafft sich die Seele in der Religion. Unter dem Druck der Ungewißheit und in dem Schrecken großer Gefahren drängen sich dem Menschen nach Analogie der Erfahrungen, die er in den Fällen des Nichtwissens und Nichtkönnens sonst gemacht hat, naturgemäß Vorstellungen zu, wie auch hier geholfen werden könnte, so wie man in Feuersnot an das rettende Wasser, in Kampfesnot an den helfenden Kameraden denkt.» «Auf den niederen Kulturstufen, wo der Mensch sich noch sehr machtlos und auf Schritt und Tritt von unheimlichen Gefahren umlauert fühlt, überwiegt begreiflicherweise durchaus das Gefühl der Furcht und dementsprechend der Glaube an böse Geister und Dämonen. Auf höheren Stufen dagegen, wo der reiferen Einsicht in den Zusammenhang der Dinge und der größeren Macht über sie ein gewisses Selbstvertrauen und ein stärkeres Hoffen entspringt, tritt auch das Gefühl des Zutrauens zu den unsichtbaren Mächten in den Vordergrund und eben damit der Glaube an gute und wohlwollende Geister. Aber im ganzen bleiben beide, Furcht und Liebe, nebeneinander, dauernd charakteristisch für das Fühlen des Menschen gegenüber seinen Göttern, nur eben je nach Umständen beide in verschiedenem Verhältnis zueinander.» - «Das sind die Wurzeln der Religion ... Furcht und Not sind ihre Mütter; und obwohl sie im wesentlichen durch Autorität fortgepflanzt wird, nachdem sie einmal entstanden ist, so wäre sie doch längst ausgestorben, wenn sie aus jenen beiden nicht immer wieder neu geboren würde.» - Wie ist in diesen Behauptungen alles verschoben, alles durcheinandergeworfen; wie ist das Durcheinandergeworfene von falschen Punkten aus beleuchtet. Wie stark ferner steht der Meinende unter dem Einfluß des Glaubens, daß seine Meinung eine allgemein-verbindliche Wahrheit sein muß. Zunächst ist durcheinandergeworfen der Inhalt des religiösen Vorstellens mit dem religiösen Gefühlsinhalt. Der Inhalt des religiösen Vorstellens ist aus dem Gebiete der übersinnlichen Welten genommen. Das religiöse Gefühl, zum Beispiel Furcht und Liebe gegenüber den übersinnlichen Wesenheiten, wird ohne weiteres zum Schöpfer des Inhaltes gemacht und ohne alle Bedenken angenommen, daß dem religiösen Vorstellen etwas Wirkliches gar nicht entspreche. Nicht im entferntesten wird an die Möglichkeit gedacht, daß es eine echte Erfahrung geben könne von übersinnlichen Welten und daß an die durch solche Erfahrung gegebene Wirklichkeit sich hinterher die Gefühle von Furcht und Liebe klammern, wie ja schließlich auch keiner in Feuersnot an das rettende Wasser, in Kampfesnot an den helfenden Kameraden denkt, wenn er nicht Wasser und Kamerad vorher gekannt hat. Geisteswissenschaft wird in solcher Betrachtung dadurch für eine Phantasterei erklärt, daß man das religiöse Fühlen zum Schöpfer von Wesenheiten werden läßt, welche man einfach für nicht vorhanden ansieht. Solcher Denkungsart fehlt eben ganz das Bewußtsein davon, daß es möglich ist, den Inhalt der übersinnlichen Welt zu erleben, wie es möglich für die äußeren Sinne ist, die gewöhnliche Sinnenwelt zu erleben. - Das Sonderbare tritt bei solchen Ansichten oft ein: sie verfallen in diejenige Art der Schlußfolgerung für ihren Glauben, die sie als die anstößige bei den Gegnern hinstellen. So findet sich in der obenangeführten Schrift von Forel der Satz: «Leben wir denn nicht in einer hundertmal wahreren, wärmeren und interessanteren Weise in dem Ich und in der Seele unserer Nachkommen von neuem als in der kalten und nebelhaften Fata morgana eines hypothetischen Himmels unter den ebenso hypothetischen Gesängen und Trompetenklängen vermuteter Engel und Erzengel, die wir uns doch nicht vorstellen können und die uns daher nichts sagen.» Ja, aber was hat es denn mit der Wahrheit zu tun, was «man» «wärmer», «interessanter» findet? Wenn es schon richtig ist, daß aus Furcht und Hoffnung nicht ein geistiges Leben abgeleitet werden soll, ist es dann richtig, dieses geistige Leben zu leugnen, weil man es «kalt» und «uninteressant» findet? Der Geistesforscher ist gegenüber solchen Persönlichkeiten, welche auf dem «festen Boden wissenschaftlicher Tatsachen» zu stehen behaupten, in der folgenden Lage. Er sagt ihnen: was ihr an solchen Tatsachen vorbringt, aus Geologie, Paläontologie, Biologie, Physiologie und so weiter, nichts wird von mir geleugnet. Zwar bedarf manche eurer Behauptungen sicherlich der Korrektur durch andere Tatsachen. Doch solche Korrektur wird die Naturwissenschaft selbst bringen. Abgesehen davon sage ich «Ja» zu dem, was ihr vorbringt. Euch zu bekämpfen fällt mir gar nicht bei, wenn ihr Tatsachen vorbringt. Nun aber sind eure Tatsachen nur ein Teil der Wirklichkeit. Der andere Teil sind die geistigen Tatsachen, welche den Verlauf der sinnlichen erst erklärlich machen. Und diese Tatsachen sind nicht Hypothesen, nicht etwas, was «man» sich nicht vorstellen kann, sondern das Erlebnis, die Erfahrung der Geistesforschung. Was ihr vorbringt über die von euch beobachteten Tatsachen hinaus, ist, ohne daß dies von euch bemerkt wird, nichts weiter als die Meinung, daß es solche geistige Tatsachen nicht geben könne. In Wahrheit bringt ihr zum Beweis für diese eure Behauptung nichts vor, als daß euch solche geistige Tatsachen unbekannt sind. Daraus folgert ihr, daß sie nicht existieren und daß diejenigen Träumer und Phantasten seien, welche vorgeben, von ihnen etwas zu wissen. Der Geistesforscher nimmt euch nichts, aber auch gar nichts von eurer Welt; er fügt zu dieser nur noch die seine hinzu. Ihr aber seid damit nicht zufrieden, daß er so verfährt; ihr sagt - wenn auch nicht immer klar -, «man» darf von nichts anderem sprechen, als wovon wir sprechen; wir fordern nicht allein, daß man uns das zugibt, wovon wir wissen, sondern wir verlangen, daß man alles das für eitel Hirngespinst erklärt, wovon wir nichts wissen. Wer auf solche «Logik» sich einlassen will, dem ist allerdings vorläufig nicht zu helfen. Er mag mit dieser Logik den Satz begreifen: «In unseren menschlichen Ahnen hat unser Ich früher direkt gelebt und es wird in unseren direkten oder indirekten Nachkommen weiter leben.» (Forel, Leben und Tod, Seite 21.) Er soll aber nur nicht hinzufügen: «Die Wissenschaft beweist es», wie es in der angeführten Schrift geschieht. Denn die Wissenschaft «beweist» in diesem Falle nichts, sondern der an die Sinnenwelt gefesselte Glaube stellt das Dogma auf: Wovon ich mir nichts vorstellen kann, das muß als Wahn gelten; und wer gegen meine Behauptung sündigt, vergeht sich an echter Wissenschaft.

Wer die menschliche Seele in ihrer Entwickelung kennt, der findet es ganz begreiflich, daß durch die gewaltigen Fortschritte der Naturwissenschaft die Geister zunächst geblendet sind und sich heute nicht zurechtfinden können in den Formen, in denen hohe Wahrheiten traditionell überliefert sind. Die Geisteswissenschaft gibt der Menschheit solche Formen wieder zurück. Sie zeigt zum Beispiel, wie die Schöpfungstage der Bibel Dinge wiedergeben, die dem hellseherischen Blick sich entschleiern. (1) Der an die Sinnenwelt gefesselte Geist findet nur, daß die Schöpfungstage den Errungenschaften der Geologie und so weiter widersprechen. Die Geisteswissenschaft ist bei dem Erkennen der tiefen Wahrheiten dieser Schöpfungstage ebensoweit davon entfernt, sie als bloße «Mythendichtung» zu verflüchtigen, wie irgendwie allegorische oder symbolische Erklärungsarten anzuwenden. Wie sie vorgeht, das ist allerdings denen ganz unbekannt, welche noch immer von dem Widerspruch dieser Schöpfungstage mit der Wissenschaft phantasieren. Auch darf nicht geglaubt werden, daß die Geistesforschung ihr Wissen aus der Bibel schöpft. Sie hat ihre eigenen Methoden, findet unabhängig von allen Urkunden die Wahrheiten und erkennt sie dann wieder in diesen. Dieser Weg ist aber notwendig für viele gegenwärtige Wahrheitssucher. Denn diese fordern eine Geistesforschung, die in sich denselben Charakter tragt wie die Naturwissenschaft. Und nur wo das Wesen solcher Geisteswissenschaft nicht erkannt wird, verfällt man in die Ratlosigkeit, wenn es sich darum handelt, die Tatsachen der übersinnlichen Welt vor den blendenden Wirkungen der scheinbar auf Naturwissenschaft gebauten Meinungen zu bewahren. Eine solche Gemütsverfassung wurde sogar schon vorhergeahnt von einem seelisch warmen Manne, der aber für sein Gefühl keinen geisteswissenschaftlichen übersinnlichen Inhalt finden konnte. Schon vor beinahe achtzig Jahren schrieb eine solche Persönlichkeit, Schleiermacher, an Lücke, der um vieles jünger war als er selbst: «Wenn Sie den gegenwärtigen Zustand der Naturwissenschaft betrachten, wie sie sich immer mehr zu einer umfassenden Weltkunde gestaltet, was ahndet Ihnen von der Zukunft, ich will nicht einmal sagen für unsere Theologie, sondern für unser evangelisches Christentum... Mir ahndet, daß wir werden lernen müssen, uns ohne Vieles zu behelfen, was viele noch gewohnt sind, als mit dem Wesen des Christentums unzertrennlich verbunden zu denken. Ich will gar nicht vom Sechstagewerk reden, aber der Schöpfungsbegriff, wie er gewöhnlich konstruiert wird ... wie lange wird er sich noch halten können gegen die Gewalt einer aus wissenschaftlichen Kombinationen, denen sich niemand entziehen kann, gebildeten Weltanschauung? ... Was soll denn werden, mein lieber Freund? Ich werde diese Zeit nicht mehr erleben, sondern kann mich ruhig schlafen legen; aber Sie mein Freund, und Ihre Altersgenossen, was gedenken Sie zu tun?» (Theologische Studien und Kritiken von Ullmann und Umbreit, 1829, Seite 489.) Diesem Ausspruch liegt die Meinung zugrunde, daß die «wissenschaftlichen Kombinationen » ein notwendiges Ergebnis der Tatsachen seien. Wären sie es, dann könnte sich ihnen «niemand» entziehen; und wen dann sein Gefühl nach der übersinnlichen Welt zieht, der kann wünschen, es möge ihm gegönnt sein, sich «ruhig schlafen zu legen» vor dem Ansturm der Wissenschaft gegen die übersinnliche Welt. Die Voraussage Schleiermachers hat sich insofern erfüllt, als in weiten Kreisen die «wissenschaftlichen Kombinationen» Platz ergriffen haben. Aber zugleich gibt es gegenwärtig eine Möglichkeit, die übersinnliche Welt auf ebenso «wissenschaftliche» Art kennenzulernen wie die sinnlichen Tatsachenzusammenhänge. Wer sich mit der Geisteswissenschaft so bekanntmacht, wie es gegenwärtig schon möglich ist, der wird durch sie vor manchem Aberglauben bewahrt sein, aber die übersinnlichen Tatsachen in seinen Vorstellungsinhalt aufnehmen können, und dadurch außer allem andern Aberglauben auch den abstreifen, daß Furcht und Not diese übersinnliche Welt geschaffen haben. - Wer sich zu dieser Anschauung durchzuringen vermag, der wird dann auch nicht mehr gehemmt sein durch die Vorstellung, er könne der Wirklichkeit und Praxis durch die Beschäftigung mit der Geisteswissenschaft entfremdet werden. Er wird dann eben erkennen, wie wahre Geisteswissenschaft nicht das Leben ärmer, sondern reicher macht. Er wird durch sie gewiß zu keiner Unterschätzung der Telephone, Eisenbahntechnik und Luftschiffahrt verführt; aber er wird manches andere Praktische noch sehen, das gegenwärtig unberücksichtigt bleibt, wo man nur an die Sinnenwelt glaubt und daher nur einen Teil, nicht die ganze Wirklichkeit, anerkennt.

Anmerkungen:

(1) Vergleiche: Rudolf Steiner, Die Geheimnisse der biblischen Schöpfungsgeschichte, Gesamtausgabe Dornach 1961.

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