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A. Vorfragen

1. Ausgangspunkt

Wenn wir irgendeine der Hauptströmungen des geistigen Lebens der Gegenwart nach rückwärts bis zu ihren Quellen verfolgen, so treffen wir wohl stets auf einen der Geister unserer klassischen Epoche. Goethe oder Schiller, Herder oder Lessing haben einen Impuls gegeben; und davon ist diese oder jene geistige Bewegung ausgegangen, die heute noch fortdauert. Unsere ganze deutsche Bildung fußt so sehr auf unseren Klassikern, daß wohl mancher, der sich vollkommen originell zu sein dünkt, nichts weiter vollbringt, als daß er ausspricht, was Goethe oder Schiller längst angedeutet haben. Wir haben uns in die durch sie geschaffene Welt so hineingelebt, daß kaum irgend jemand auf unser Verständnis rechnen darf, der sich außerhalb der von ihnen vorgezeichneten Bahn bewegen wollte. Unsere Art, die Welt und das Leben anzusehen, ist so sehr durch sie bestimmt, daß niemand unsere Teilnahme erregen kann, der nicht Berührungspunkte mit dieser Welt sucht.

Nur von einem Zweig unserer geistigen Kultur müssen wir gestehen, daß er einen solchen Berührungspunkt noch nicht gefunden hat. Es ist jener Zweig der Wissenschaft, der über das bloße Sammeln von Beobachtungen, über die Kenntnisnahme einzelner Erfahrungen hinausgeht, um eine befriedigende Gesamtanschauung von Welt und Leben zu liefern. Es ist das, was man gewöhnlich Philosophie nennt. Für sie scheint unsere klassische Zeit geradezu nicht vorhanden zu sein. Sie sucht ihr Heil in einer künstlichen Abgeschlossenheit und vornehmen Isolierung von allem übrigen Geistesleben. Dieser Satz wird dadurch nicht widerlegt, daß sich eine stattliche Anzahl älterer und neuerer Philosophen und Naturforscher mit Goethe und Schiller auseinandergesetzt hat. Denn diese haben ihren wissenschaftlichen Standpunkt nicht dadurch gewonnen, daß sie die Keime in den wissenschaftlichen Leistungen jener Geistesheroen zur Entwicklung gebracht haben. Sie haben ihren wissenschaftlichen Standpunkt außerhalb jener Weltanschauung, die Schiller und Goethe vertreten haben, gewonnen und ihn nachträglich mit derselben verglichen. Sie haben das auch nicht in der Absicht getan, um aus den wissenschaftlichen Ansichten der Klassiker etwas für ihre Richtung zu gewinnen, sondern um dieselben zu prüfen, ob sie vor dieser ihrer eigenen Richtung bestehen können. Wir werden darauf noch näher zurückkommen. Vorerst möchten wir nur auf die Folgen verweisen, die sich aus dieser Haltung gegenüber der höchsten Entwickelungsstufe der Kultur der Neuzeit für das in Betracht kommende Wissenschaftsgebiet ergeben.

Ein großer Teil des gebildeten Lesepublikums wird heute eine literarisch-wissenschaftliche Arbeit sogleich ungelesen von sich weisen, wenn sie mit dem Anspruche auftritt, eine philosophische zu sein. Kaum in irgendeiner Zeit hat sich die Philosophie eines geringeren Maßes von Beliebtheit erfreut als gegenwärtig. Sieht man von den Schriften Schopenhauers und Eduard von Hartmanns ab, die Lebens- und Weltprobleme von allgemeinstem Interesse behandeln und deshalb weite Verbreitung gefunden haben, so wird man nicht zu weit gehen, wenn man sagt: philosophische Arbeiten werden heute nur von Fachphilosophen gelesen. Niemand außer diesen kümmert sich darum. Der Gebildete, der nicht Fachmann ist, hat das unbestimmte Gefühl: «Diese Literatur enthält nichts, was einem meiner geistigen Bedürfnisse entsprechen würde; die Dinge, die da abgehandelt werden, gehen mich nichts an; sie hängen in keiner Weise mit dem zusammen, was ich zur Befriedigung meines Geistes notwendig habe.» (1) An diesem Mangel an Interesse für alle Philosophie kann nur der von uns angedeutete Umstand die Schuld tragen, denn es steht jener Interesselosigkeit ein stets wachsendes Bedürfnis nach einer befriedigenden Welt- und Lebensanschauung gegenüber. Was für so viele lange Zeit ein voller Ersatz war: die religiösen Dogmen verlieren immer mehr an überzeugender Kraft. Der Drang nimmt immer zu, das durch die Arbeit des Denkens zu erringen, was man einst dem Offenbarungsglauben verdankte: Befriedigung des Geistes. An Teilnahme der Gebildeten könnte es daher nicht fehlen, wenn das in Rede stehende Wissenschaftsgebiet wirklich Hand in Hand ginge mit der ganzen Kulturentwickelung, wenn seine Vertreter Stellung nehmen würden zu den großen Fragen, die die Menschheit bewegen.

Man muß sich dabei immer vor Augen halten, daß es sich nie darum handeln kann, erst künstlich ein geistiges Bedürfnis zu erzeugen, sondern allein darum, das bestehende aufzusuchen und ihm Befriedigung zu gewähren. Nicht das Aufwerfen von Fragen ist die Aufgabe der Wissenschaft, sondern das sorgfältige Beobachten derselben, wenn sie von der Menschennatur und der jeweiligen Kulturstufe gestellt werden, und ihre Beantwortung. Unsere modernen Philosophen stellen sich Aufgaben, die durchaus kein natürlicher Ausfluß der Bildungsstufe sind, auf der wir stehen, und nach deren Beantwortung daher niemand frägt. An jenen Fragen aber, die unsere Bildung vermöge jenes Standortes, auf den sie unsere Klassiker gehoben haben, stellen muß, geht die Wissenschaft vorüber. So haben wir eine Wissenschaft, nach der niemand sucht, und ein wissenschaftliches Bedürfnis, das von niemandem befriedigt wird. (2)

Unsere zentrale Wissenschaft, jene Wissenschaft, die uns die eigentlichen Welträtsel lösen soll, darf keine Ausnahme machen gegenüber allen anderen Zweigen des Geisteslebens. Sie muß ihre Quellen dort suchen, wo sie die letzteren gefunden haben. Sie muß sich mit unseren Klassikern nicht nur auseinandersetzen; sie muß bei ihnen auch die Keime zu ihrer Entwickelung suchen; es muß sie der gleiche Zug wie unsere übrige Kultur durchwehen. Das ist eine in der Natur der Sache liegende Notwendigkeit. Ihr ist es auch zuzuschreiben, daß die oben bereits berührten Auseinandersetzungen moderner Forscher mit den Klassikern stattgefunden haben. Sie zeigen aber nichts weiter, als daß man ein dunkles Gefühl hat von der Unstatthaftigkeit, über die Überzeugungen jener Geister einfach zur Tagesordnung überzugehen. Sie zeigen aber auch, daß man es zur wirklichen Weiterentwickelung ihrer Ansichten nicht gebracht hat. Dafür spricht die Art, wie man an Lessing, Herder, Goethe, Schiller herangetreten ist. Bei aller Vortrefflichkeit vieler hierher gehöriger Schriften muß man doch fast von allem, was über Goethes und Schillers wissenschaftliche Arbeiten geschrieben worden ist, sagen, daß es sich nicht organisch aus deren Anschauungen herausgebildet, sondern sich in ein nachträgliches Verhältnis zu denselben gesetzt hat. Keine Tatsache kann das mehr erhärten als die, daß die entgegengesetztesten wissenschaftlichen Richtungen in Goethe den Geist gesehen haben, der ihre Ansichten «vorausgeahnt» hat. Weltanschauungen, die gar nichts miteinander gemein haben, weisen mit scheinbar gleichem Recht auf Goethe hin, wenn sie das Bedürfnis empfinden, ihren Standpunkt auf den Höhen der Menschheit anerkannt zu sehen. Man kann sich keine schärferen Gegensätze denken als die Lehre Hegels und Schopenhauers. Dieser nennt Hegel einen Scharlatan, seine Philosophie seichten Wortkram, baren Unsinn, barbarische Wortzusammenstellungen. Beide Männer haben eigentlich gar nichts miteinander gemein als eine unbegrenzte Verehrung für Goethe und den Glauben, daß der letztere sich zu ihrer Weltansicht bekannt habe.

Mit neueren wissenschaftlichen Richtungen ist es nicht anders. Haeckel, der mit eiserner Konsequenz und in genialischer Weise den Darwinismus ausgebaut hat, den wir als den weitaus bedeutendsten Anhänger des englischen Forschers ansehen müssen, sieht in der Goetheschen Ansicht die seinige vorgebildet. Ein anderer Naturforscher der Gegenwart, C. F. W. Jessen, schreibt von der Theorie Darwins: «Das Aufsehen, welches diese früher schon oft vorgebrachte und von gründlicher Forschung ebenso oft widerlegte, jetzt aber mit vielen Scheingründen unterstützte Theorie bei manchen Spezialforschern und vielen Laien gefunden hat, zeigt, wie wenig leider noch immer die Ergebnisse der Naturforschung von den Völkern erkannt und begriffen sind.» Von Goethe sagt derselbe Forscher, daß er sich «zu umfassenden Forschungen in der leblosen wie in der belebten Natur aufgeschwungen» habe, indem er «in sinniger, tiefdringender Naturbetrachtung das Grundgesetz aller Pflanzenbildung» fand. Jeder der genannten Forscher weiß in schier erdrückender Zahl Belege für die Übereinstimmung seiner wissenschaftlichen Richtung mit den «sinnigen Beobachtungen Goethes» zu erbringen. Es müßte denn doch wohl ein bedenkliches Licht auf die Einheitlichkeit Goetheschen Denkens werfen, wenn sich jeder dieser Standpunkte mit Recht auf dasselbe berufen könnte. (3) Der Grund dieser Erscheinung liegt aber eben darinnen, daß doch keine dieser Ansichten wirklich aus der Goetheschen Weltanschauung herausgewachsen ist, sondern daß jede ihre Wurzeln außerhalb derselben hat. Er liegt darinnen, daß man zwar nach äußerer Übereinstimmung mit Einzelheiten, die, aus dem ganzen Goetheschen Denken herausgerissen, ihren Sinn verlieren, sucht, daß man aber diesem Ganzen selbst nicht die innere Gediegenheit zugestehen will, eine wissenschaftliche Richtung zu begründen. Goethes Ansichten waren nie Ausgangspunkt wissenschaftlicher Untersuchungen, sondern stets nur Vergleichungsobjekt. Die sich mit ihm beschäftigten, waren selten Schüler, die sich unbefangenen Sinnes seinen Ideen hingaben, sondern zumeist Kritiker, die über ihn zu Gericht saßen.

Man sagt eben, Goethe habe viel zu wenig wissenschaftlichen Sinn gehabt; er war ein um so schlechterer Philosoph, als er besserer Dichter war. Deshalb wäre es unmöglich, einen wissenschaftlichen Standpunkt auf ihn zu stützen. Das ist eine vollständige Verkennung der Natur Goethes. Goethe war allerdings kein Philosoph im gewöhnlichen Sinne des Wortes; aber es darf nicht vergessen werden, daß die wunderbare Harmonie seiner Persönlichkeit Schiller zu dem Ausspruche führte: «Der Dichter ist der einzige wahre Mensch.» Das, was Schiller hier unter dem «wahren Menschen» versteht, das war Goethe. In seiner Persönlichkeit fehlte kein Element, das zur höchsten Ausprägung des Allgemein-Menschlichen gehört. Aber alle diese Elemente vereinigten sich in ihm zu einer Totalität, die als solche wirksam ist. So kommt es, daß seinen Ansichten über die Natur ein tiefer philosophischer Sinn zugrunde liegt, wenngleich dieser philosophische Sinn nicht in Form bestimmter wissenschaftlicher Sätze zu seinem Bewußtsein kommt. Wer sich in jene Totalität vertieft, der wird, wenn er philosophische Anlagen mitbringt, jenen philosophischen Sinn loslösen und ihn als Goethesche Wissenschaft darlegen können. Er muß aber von Goethe ausgehen und nicht mit einer fertigen Ansicht an ihn herantreten. Goethes Geisteskräfte sind immer in einer Weise wirksam, wie sie der strengsten Philosophie gemäß ist, wenn er auch kein systematisches Ganze derselben hinterlassen hat.

Goethes Weltansicht ist die denkbar vielseitigste. Sie geht von einem Zentrum aus, das in der einheitlichen Natur des Dichters gelegen ist, und kehrt immer jene Seite hervor, die der Natur des betrachteten Gegenstandes entspricht. Die Einheitlichkeit der Betätigung der Geisteskräfte liegt in der Natur Goethes, die jeweilige Art dieser Betätigung wird durch das betreffende Objekt bestimmt. Goethe entlehnt die Betrachtungsweise der Außenwelt und zwingt sie ihr nicht auf. Nun ist aber das Denken vieler Menschen nur in einer bestimmten Weise wirksam; es ist nur für eine Gattung von Objekten dienlich; es ist nicht wie das Goethesche einheitlich, sondern einförmig Wir wollen uns genauer ausdrücken: Es gibt Menschen, deren Verstand vornehmlich geeignet ist, rein mechanische Abhängigkeiten und Wirkungen zu denken; sie stellen sich das ganze Universum als einen Mechanismus vor. Andere haben einen Drang, das geheimnisvolle, mystische Element der Außenwelt überall wahrzunehmen; sie werden Anhänger des Mystizismus. Aller Irrtum entsteht dadurch, daß eine solche Denkweise, die ja für eine Gattung von Objekten volle Geltung hat, für universell erklärt wird. So erklärt sich der Widerstreit der vielen Weltanschauungen.

Tritt nun eine solche einseitige Auffassung der Goetheschen gegenüber, die unbeschränkt ist, weil sie die Betrachtungsweise überhaupt nicht aus dem Geiste des Betrachters, sondern aus der Natur des Betrachteten entnimmt, so ist es begreiflich, daß sie sich an jene Gedankenelemente derselben anklammert, die ihr gemäß sind. Goethes Weltansicht schließt eben in dem angedeuteten Sinne viele Denkrichtungen in sich, während sie von keiner einseitigen Auffassung je durchdrungen werden kann.

Der philosophische Sinn, der ein wesentliches Element in dem Organismus des Goetheschen Genius ist, hat auch für seine Dichtungen Bedeutung. Wenn es Goethe auch ferne lag, das, was dieser Sinn ihm vermittelte, in begrifflich klarer Form sich vorzulegen, wie dies Schiller imstande war, so ist es doch wie bei Schiller ein Faktor, der bei seinem künstlerischen Schaffen mitwirkt. Goethes und Schillers dichterische Produktionen sind ohne ihre im Hintergrunde derselben stehende Weltanschauung nicht denkbar. Dabei kommt es bei Schiller mehr auf seine wirklich ausgebildeten Grundsätze, bei Goethe auf die Art seines Anschauens an. Daß aber die größten Dichter unserer Nation auf der Höhe ihres Schaffens jenes philosophischen Elementes nicht entraten konnten, bürgt mehr als alles andere dafür, daß dasselbe in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit ein notwendiges Glied ist. Gerade die Anlehnung an Goethe und Schiller wird es ermöglichen, unsere zentrale Wissenschaft ihrer Kathedereinsamkeit zu entreißen und der übrigen Kulturentwickelung einzuverleiben. Die wissenschaftlichen Überzeugungen unserer Klassiker hängen mit tausend Fäden an ihren übrigen Bestrebungen, sie sind solche, welche von der Kulturepoche, die sie geschaffen, gefordert werden.

2. Die Wissenschaft Goethes nach der Methode Schillers

Mit dem Bisherigen haben wir die Richtung bestimmt, die die folgenden Untersuchungen nehmen werden. Sie sollen eine Entwicklung dessen sein, was sich in Goethe als wissenschaftlicher Sinn geltend machte, eine Interpretation seiner Art, die Welt zu betrachten.

Dagegen kann man einwenden, das sei nicht die Art, eine Ansicht wissenschaftlich zu vertreten. Eine wissenschaftliche Ansicht dürfe unter keinerlei Umständen auf einer Autorität, sondern müsse stets auf Prinzipien beruhen. Wir wollen diesen Einwand sogleich vorwegnehmen. Uns gilt nicht deshalb eine in der Goetheschen Weltauffassung begründete Ansicht für wahr, weil sie sich aus dieser ableiten läßt, sondern weil wir glauben, die Goethesche Weltansicht auf haltbare Grundsätze stützen und sie als eine in sich begründete vertreten zu können. Daß wir unseren Ausgangspunkt von Goethe nehmen, soll uns nicht hindern, es mit der Begründung der von uns vertretenen Ansichten ebenso ernst zunehmen, wie die Vertreter einer angeblich voraussetzungslosen Wissenschaft. Wir vertreten die Goethesche Weltansicht, aber wir begründen sie den Forderungen der Wissenschaft gemäß.

Für den Weg, den solche Untersuchungen einzuschlagen haben, hat Schiller die Richtung vorgezeichnet. Keiner hat wie er die Größe des Goetheschen Genius geschaut. In seinen Briefen an Goethe hat er dem letzteren ein Spiegelbild seines Wesens vorgehalten; in seinen Briefen «Über die ästhetische Erziehung des Menschen» leitet er das Ideal des Künstlers ab, wie er es an Goethe erkannt hat; und in seinem Aufsatze «Über naive und sentimentalische Dichtung» schildert er das Wesen der echten Kunst, wie er es an der [24] Dichtung Goethes gewonnen hat. Damit ist zugleich gerechtfertigt, warum wir unsere Ausführungen als auf Grundlage der Goethe-Schillerschen Weltanschauung erbaut bezeichnen. Sie wollen das wissenschaftliche Denken Goethes nach jener Methode betrachten, für die Schiller das Vorbild geliefert hat. Goethes Blick ist auf die Natur und das Leben gerichtet; und die Betrachtungsweise, die er dabei befolgt, soll der Vorwurf (der Inhalt) für unsere Abhandlung sein; Schillers Blick ist auf Goethes Geist gerichtet; und die Betrachtungsweise, die er dabei befolgt, soll das Ideal unserer Methode sein.

In dieser Weise denken wir uns Goethes und Schillers wissenschaftliche Bestrebungen für die Gegenwart fruchtbar gemacht.

Nach der üblichen wissenschaftlichen Bezeichnungsweise wird unsere Arbeit als Erkenntnistheorie aufgefaßt werden müssen. Die Fragen, die sie behandelt, werden freilich vielfach anderer Natur sein als die, die heute von dieser Wissenschaft fast allgemein gestellt werden. Wir haben gesehen, warum das so ist. Wo ähnliche Untersuchungen heute auftreten, gehen sie fast durchgehend von Kant aus. Man hat in wissenschaftlichen Kreisen durchaus übersehen, daß neben der von dem großen Königsberger Denker begründeten Erkenntniswissenschaft noch eine andere Richtung wenigstens der Möglichkeit nach gegeben ist, die nicht minder einer sachlichen Vertiefung fähig ist als die Kantsche. Otto Liebmann hat am Anfange der sechziger Jahre den Ausspruch getan: Es muß auf Kant zurückgegangen werden, wenn wir zu einer widerspruchslosen Weltansicht kommen wollen. Das ist wohl die Veranlassung, daß wir heute eine fast unübersehbare Kant-Literatur haben. [25]

Aber auch dieser Weg wird der philosophischen Wissenschaft nicht aufhelfen. Sie wird erst wieder eine Rolle in dem Kulturleben spielen, wenn sie statt des Zurückgehens auf Kant sich in die wissenschaftliche Auffassung Goethes und Schillers vertieft.

Und nun wollen wir an die Grundfragen einer diesen Vorbemerkungen entsprechenden Erkenntniswissenschaft herantreten.

3. Die Aufgabe unserer Wissenschaft

Von aller Wissenschaft gilt zuletzt das, was Goethe so bezeichnend mit den Worten ausspricht: «Die Theorie an und für sich ist nichts nütze, als insofern sie uns an den Zusammenhang der Erscheinungen glauben macht.» Stets bringen wir durch die Wissenschaft getrennte Tatsachen der Erfahrung in einen Zusammenhang. Wir sehen in der unorganischen Natur Ursachen und Wirkungen getrennt und suchen nach deren Zusammenhang in den entsprechenden Wissenschaften. Wir nehmen in der organischen Welt Arten und Gattungen von Organismen wahr und bemühen uns, die gegenseitigen Verhältnisse derselben festzustellen. In der Geschichte treten uns einzelne Kulturepochen der Menschheit gegenüber; wir bemühen uns, die innere Abhängigkeit der einen Entwickelungsstufe von der andern zu erkennen. So hat jede Wissenschaft in einem bestimmten Erscheinungsgebiete im Sinne des obigen Goetheschen Satzes zu wirken.

Jede Wissenschaft hat ihr Gebiet, auf dem sie den Zusammenhang der Erscheinungen sucht. Dann bleibt noch immer ein großer Gegensatz in unseren wissenschaftlichen Bemühungen bestehen: die durch die Wissenschaften gewonnene [26] ideelle Welt einerseits und die ihr zugrunde liegenden Gegenstände andererseits. Es muß eine Wissenschaft geben, die auch hier die gegenseitigen Beziehungen klarlegt. Die ideelle und reale Welt, der Gegensatz von Idee und Wirklichkeit, sind die Aufgabe einer solchen Wissenschaft. Auch diese Gegensätze müssen in ihrer gegenseitigen Beziehung erkannt werden.

Diese Beziehungen zu suchen, ist der Zweck der folgenden Ausführungen. Die Tatsache der Wissenschaft einerseits und die Natur und Geschichte andererseits sind in ein Verhältnis zu bringen. Was für eine Bedeutung hat die Spiegelung der Außenwelt in dem menschlichen Bewußtsein, welche Beziehung besteht zwischen unserem Denken über die Gegenstände der Wirklichkeit und den letzteren selbst?


Anmerkungen

(1) «Diese Literatur...»: Die Stimmung, die hinter diesem Urteil über die Art des philosophischen Schrifttums und das Interesse, das diesem entgegengebracht wird, liegt ist aus der Geistesverfassung des wissenschaftlichen Strebens um die Mitte der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts entstanden. Seit dieser Zeit sind Erscheinungen zutage getreten, denen gegenüber dieses Urteil nicht mehr berechtigt erscheint. Man braucht nur an die blendenden Beleuchtungen zu denken, welche weite Lebensgebiete durch Nietzsches Gedanken und Empfindungen erfahren haben. Und in den Kämpfen, die sich zwischen den materialistisch denkenden Monisten und den Verteidigern einer geistgemäßen Weltanschauung abspielten und bis heute abspielen, lebt sowohl das Streben des philosophischen Denkens nach lebenerfülltem Gehalt wie auch ein weitgehendes allgemeines Interesse an den Rätselfragen des Daseins. Gedankenwege wie die aus der physikalischen Weltanschauung entsprungenen Einsteins sind fast zum Gegenstande allgemeiner Gespräche und literarischer Auslassungen geworden. - Und dennoch haben die Motive, aus denen damals dieses Urteil gefällt worden ist, auch heute noch Geltung. Schriebe man es heute nieder, man müßte es anders formulieren. Da es als ein nahezu altes heute wieder erscheint, ist es wohl angemessener, zu sagen, inwiefern es noch immer Geltung hat. - Goethes Weltanschauung, deren Erkenntnistheorie in der vorliegenden Schrift gezeichnet werden sollte, geht von dem Erleben des ganzen Menschen aus. Diesem Erleben gegenüber ist die denkende Weltbetrachtung nur eine Seite. Aus der Fülle des menschlichen Seins steigen gewissermaßen Gedankengestaltungen an die Oberfläche des Seelenlebens. Ein Teil dieser Gedankenbilder umfaßt eine Antwort auf die Frage: Was ist das menschliche Erkennen? Und es fällt diese Antwort so aus, daß man sieht: das menschliche Sein wird erst zu dem, worauf es veranlagt ist, wenn es sich erkennend betätigt. Seelenleben ohne Erkenntnis wäre wie Menschenorganismus ohne Kopf; das heißt, es wäre gar nicht. Im Innenleben der Seele erwächst ein Inhalt, der wie der hungernde Organismus nach Nahrung, so nach Wahrnehmung von außen verlangt; und in der Außenwelt ist Wahrnehmungsinhalt, der sein Wesen nicht in sieh trägt, sondern es erst zeigt, wenn er mit dem Seeleninhalt vereinigt wird durch den Erkenntnisvorgang. So wird der Erkenntnisvorgang ein Glied in der Gestaltung der Welt-Wirklichkeit. Der Mensch schafft an dieser Welt-Wirklichkeit mit, indem er erkennt. Und wenn eine Pflanzenwurzel nicht denkbar ist ohne die Vollendung ihrer Anlagen in der Frucht, so ist nicht etwa nur der Mensch, sondern die Welt nicht abgeschlossen, ohne daß erkannt wird. Im Erkennen schafft der Mensch nicht für sich allein etwas, sondern er schafft mit der Welt zusammen an der Offenbarung des wirklichen Seins. Was im Menschen ist, ist ideeller Schein; was in der wahrzunehmenden Welt ist, ist Sinnenschein; das erkennende Ineinanderarbeiten der beiden ist erst Wirklichkeit. - So angesehen wird Erkenntnistheorie ein Teil des Lebens. Und so muß sie angesehen werden, wenn sie an die Lebens-Weiten des Goetheschen Seelen-Erlebens angeschlossen wird. Aber an solche Lebens-Weiten knüpft auch Nietzsches Denken und Empfinden nicht an. Noch weniger dasjenige, was sonst als philosophisch gerichtete Welt- und Lebensanschauung seit der Niederschrift des in dieser Schrift als «Ausgangspunkt » bezeichneten enstanden ist. Alles dies setzt doch voraus, daß die Wirklichkeit irgendwo außer dem Erkennen vorhanden sei, und in dem Erkennen eine menschliche, abbildliche Darstellung dieser Wirklichkeit sich ergeben soll, oder auch, sieh nicht ergeben kann. Daß diese Wirklichkeit durch das Erkennen nicht gefunden werden kann, weil sie als Wirklichkeit im Erkennen erst geschaffen wird, das wird kaum irgendwo empfunden. Die philosophisch Denkenden suchen das Leben und Sein außer dem Erkennen; Goethe steht im schaffenden Leben und Sein, indem er sich erkennend betätigt. Deshalb stehen auch die neueren Weltanschauungsversuche außerhalb der Goetheschen Ideenschöpfung. Diese Erkenntnistheorie möchte innerhalb derselben stehen, weil dadurch Philosophie Lebens-Inhalt und das Interesse an ihr lebensnotwendig wird.

(2) [Anm. Aufl. 1924] Nicht das Aufwerfen von Fragen ist die Aufgabe der Wissenschaft: Fragen des Erkennens entstehen an der Anschauung der Außenwelt durch die menschliche Seelenorganisation. In dem Seelenimpuls der Frage liegt die Kraft, an die Anschauung so heranzudringen, daß diese mit der Seelenbetätigung zusammen die Wirklichkeit des Angeschauten zur Offenbarung bringt.

(3) [Anm. z. ersten Aufl.] C. F. W. Jessen, Botanik der Gegenwart und Vorzeit in Kulturhistorischer Entwicklung, Leipzig 1864, Seite 459.


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