suche | impressum | spenden

Die Persönlichkeit Friedrich Nietzsches. Eine Gedächtnisrede (1901)

Seltsam, innerhalb der Schwärmerei für Nietzsche in unseren Tagen, muss jemand erscheinen, der mit seinen Gefühlen nicht weniger als viele andere zu der eigenartigen Persönlichkeit hingezogen wird und der sich dennoch den tiefen Widerspruch unablässig vor Augen halten muss, welcher besteht zwischen der Art dieses Geistes und den Ideen und Empfindungen derer, die sich wie Bekenner seiner Weltanschauung gebärden. Ein solch abseits Stehender muss vor allen Dingen des Gegensatzes gedenken in dem Verhältnis der Zeitgenossen zu Nietzsche vor einem Jahrzehnt, als die Nacht des Wahnsinns über den «Kämpfer gegen seine Zeit» hereinbrach, und demjenigen, das bestand, als ihn am 25. August 1900 der Tod von uns nahm. Scheint doch das völlige Gegenteil bei dem eingetreten zu sein, was Nietzsche über seine Wirkung bei den Zeitgenossen in den letzten Tagen seines Schaffens vorausgesagt hat. Der erste Teil des Buches, durch das er die Werte von Jahrtausenden umzuprägen gedachte, sein «Antichrist», lag bei seiner Erkrankung fertig vor. Er hebt mit den Worten an: «Dies Buch gehört den Wenigsten. Vielleicht lebt selbst noch keiner von ihnen. Es mögen die sein, welche meinen Zarathustra verstehn: wie durfte ich mich mit denen verwechseln, für welche heute schon Ohren wachsen? - Erst das Übermorgen gehört mir. Einige werden posthum geboren.» Es war, als ob bei seinem Tode das «Übermorgen» schon da gewesen wäre. Man muss in dieses scheinbare «Übermorgen» die Zarathustra- Worte hineinrufen: «Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an Zarathustra? Ihr seid meine Gläubigen: aber was liegt an allen Gläubigen! - - - Nun heiße ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn ihr mich alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren.» Ob Nietzsche, wenn er heute in frischem Schaffen noch lebte, mit größerem Wohlgefallen auf diejenigen blicken würde, die ihn zweifelnd verehren, oder auf andere - wer dürfte wagen, das zu entscheiden. Aber erlaubt muss es sein, gerade heute über die Köpfe seiner gegenwärtigen Verehrer hinweg auf die Zeit zu blicken, in der er sich einsam und unverstanden fühlte inmitten des ihn umgebenden Geisteslebens und in der einige lebten, die es als eine Blasphemie empfunden hätten, sich seine «Gläubigen» zu nennen, weil er ihnen als ein Geist erschienen ist, dem man nicht aufdringlich mit einem «Ja» oder «Nein» begegnet, sondern wie ein Erdbeben im Reiche des Geistes, das aufrüttelt zu Fragen, für welche vorzeitige Antworten nur unreifen Früchten gleichen könnten. Viel erschütternder, als die Nachricht von seinem Tode jetzt, trafen vor etwas mehr als zehn Jahren die «Ohren», die den damaligen Nietzsche-Verehrern «gewachsen» waren, zwei Nachrichten, die sich in nicht allzu großer zeitlicher Entfernung folgten. Die eine betraf einen Zyklus von Vorlesungen, den Georg Brandes über die Weltanschauung Nietzsches an der Universität in Kopenhagen im Jahre j88 8 gehalten hat. Nietzsche empfand diese Anerkennung als eine solche, wie sie von den «Einigen» ausgehen musste, die «posthum geboren» werden. Er empfand sich aus seiner Einsamkeit in einer Art gerissen, die seinem Geiste entsprach. Er wollte nicht gewertet: er wollte «beschrieben», charakterisiert sein. Und bald auf diese Nachricht folgte die andere, dass der also seiner Einsamkeit entrissene Geist dem furchtbaren Schicksal geistiger Umnachtung verfallen sei.

Und während er selbst nicht mehr mitwirken konnte, hatten die Zeitgenossen Muße, die Umrisse seines Bildes zu schärfen. Durch die Betrachtung seiner Persönlichkeit konnte sich ihnen das Zeitbild immer mehr ausprägen, von dem sein Geist wie eine Böcklinsche Gestalt sich abhebt. Es durften die Ideenwelten in seiner Seele beleuchtet werden mit dem Lichte, das die Geistes-Sterne von der zweiten Jahrhundert-Hälfte auf sie warfen. Da trat mit völliger Klarheit hervor, worinnen er eigentlich groß ist. Es trat aber auch hervor, warum er so einsam wandeln musste. Seine Wesensanlage führte ihn über Höhen des Geisteslebens. Er schritt dahin wie einer, den nur das Wesentliche der Menschheitsentwicklung etwas angeht. Aber dieses Wesentliche berührte ihn so, wie andere Menschen nur die intimsten Angelegenheiten ihrer Seele. Wie auf den Gemütern anderer nur ganz persönliche Erlebnisse lasten, so unmittelbar, so einschneidend zogen durch seine Seele die großen Kulturfragen, die gewaltigen Erkenntnis-Bedürfnisse seines Zeitalters. Was viele seiner Zeitgenossen mit dem Kopfe allein durchlebten, das wurde ihm eine persönliche Herzenssache.

Die griechische Kultur, die Weltanschauung Schopenhauers, das Musikdrama Wagners, die Erkenntnisse der neueren Naturwissenschaften lösten bei ihm Gefühle aus, so persönlich, so tief wie bei anderen die Erlebnisse einer starken Liebesleidenschaft. Was das ganze Zeitalter an Hoffnungen und Zweifeln, an Versuchungen und Erkenntnisfreuden durchlebte, das durchlebte Nietzsche in einsamer Höhe auf seine besondere Art. Er fand keine neuen Ideen: aber er litt und freute sich an den Ideen seiner Zeit in einer Weise, die unterschieden war von der seiner Zeitgenossen. Ihnen war es auferlegt, die Ideen zu gebären: vor ihm erstand die schwere Frage: wie lässt sich mit diesen Ideen leben?

Sein Bildungsgang hatte Nietzsche zum Philologen gemacht. Er hatte sich in die große Welt der griechischen Geisteskultur so vertieft, dass sein Lehrer Ritschl ihn der Universität Basel, die den jungen Gelehrten berief, bevor er Doktor geworden war, mit den Worten empfehlen durfte: Friedrich Nietzsche kann alles, was er will. - Er leistete wohl im Sinne der Anforderungen, die man an Philologen stellt, das Vorzüglichste. Aber sein Verhältnis zur griechischen Kultur war nicht nur das eines Philologen. Er lebte nicht bloß mit dem Geiste im alten Hellas; er ging mit seinem Herzen völlig in griechischem Denken und Fühlen auf Die griechischen Kulturträger blieben nicht die Gegenstände seines Studiums; sie wurden seine persönlichen Freunde. In der ersten Zeit seiner Basler Lehrtätigkeit arbeitete er eine Schrift über die Philosophen des tragischen Zeitalters vor Sokrates aus. Sie ist aus seinem Nachlasse veröffentlicht worden. Er schreibt nicht wie ein Gelehrter über Thales, Heraklit und Parmenides; er unterredet sich mit diesen Gestalten der Vorzeit wie mit Persönlichkeiten, denen sein Herz intim zugetan ist. Die Leidenschaft, die er für sie empfindet, lässt ihn zum Fremdling werden in der abendländischen Kultur, die, nach seiner Empfindung, seit Sokrates andere Wege eingeschlagen hat als in jenen alten Zeiten. Sokrates wird Nietzsches Feind, weil er die große tragische Grundstimmung seiner Vorgänger abgestumpft hat. Der lehrhafte Geist des Sokrates strebte nach dem Begreifen der Wirklichkeit. Er wollte die Versöhnung mit dem Leben durch die Tugend. Nichts aber kann, im Sinne Nietzsches, den Menschen mehr herabziehen als die Hinnahme des Lebens, wie es ist. Das Leben kann nicht mit sich selbst versöhnen. Der Mensch kann dies Leben nur ertragen, wenn er über dasselbe hinausschafft. Das haben die Griechen vor Sokrates begriffen. Ihre Grundstimmung glaubte Nietzsche ausgedrückt zu finden in den Worten, die nach der Sage der weise Silen, der Begleiter des Dionysus, auf die Frage zur Antwort gab, was für die Menschen das Beste sei. «Elendes Eintagsgeschlecht, des Zufalls Kinder und der Mühsal, was zwingst du mich, dir zu sagen, was nicht zu hören für dich das Ersprießlichste ist? Das allerbeste ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts zu sein. Das zweitbeste aber ist für dich - bald zu sterben.» Einen Trost gegenüber dem Leben suchte die alte griechische Kunst und Weisheit. Nicht dieser Lebensgemeinschaft wollten die Dionysusdiener angehören, sondern einer höheren. Das drückte sich für Nietzsche in ihrem Kultus aus. «Singend und tanzend äußert sich der Mensch als Mitglied einer höheren Gemeinsamkeit: Er hat das Gehen und Sprechen verlernt und ist auf dem Wege, tanzend in die Lüfte emporzufliegen.» Zwei Wege hat der Mensch, die ihn über das Dasein hinwegführen: er kann in seliger Verzauberung, wie in einem Rauschzustand, das Dasein vergessen, und «singend und tanzend» sich mit der Allseele eins fühlen; oder er kann an einem Idealbild der Wirklichkeit, wie an einem Traum, der leicht über das Dasein hinweghuscht, seine Befriedigung suchen. Als dionysischen und apollinischen Stimmungszustand charakterisiert Nietzsche diese beiden Wege. Die neuere Kultur hat aber, seit Sokrates, die Versöhnung mit dem Dasein gesucht, und dadurch den Menschenwert erniedrigt. Kein Wunder, dass Nietzsche sich mit solchen Gefühlen einsam in dieser neueren Kultur fühlte.

Zwei Persönlichkeiten schienen ihn aus dieser Einsamkeit zu reißen. Schopenhauers Anschauung von dem Unwert des Daseins und Richard Wagner begegneten ihm auf seinem Lebenswege. Wie er sich zu beiden stellte, beleuchtet hell das Wesen seines Geistes. Zu Schopenhauer empfand er eine Hingebung, wie sie inniger nicht zu denken ist. Und doch blieb ihm dessen Lehre fast bedeutungslos. Der Frankfurter Weise hat unzählige Anhänger gehabt, die gläubig hinnahmen, was er gesagt hat. Nietzsche gehörte unter diese Gläubigen wohl nie. In derselben Zeit, in der er seinen Hymnus «Schopenhauer als Erzieher» in die Welt hinaussandte, schrieb er sich insgeheim seine schweren Bedenken gegen des Philosophen Ansichten auf. Nicht wie zu einem Lehrer blickte er zu ihm auf; er liebte ihn wie einen Vater. Er empfand das Heroische seiner Gedanken auch da, wo er ihnen nicht zustimmte. Sein Verhältnis zu Schopenhauer war zu intim, um den äußeren Glauben an ihn, das Bekenntnis zu ihm nötig zu haben. Er liebte seinen «Erzieher» so, dass er die eigenen Gedanken ihm beilegte, um sie bei einem anderen verehren zu können. Er wollte nicht in Gedanken mit einer Persönlichkeit übereinstimmen; er wollte in Freundschaft mit einem andern leben. - Dieser Wille zog ihn auch zu Richard Wagner. Was waren doch alle die Gestalten des vorsokratischen Griechentums, mit denen er hatte in Freundschaft leben wollen? Es waren doch nur Schatten aus einer fernen Vergangenheit. Und Nietzsche strebte nach Leben, nach der unmittelbaren Freundschaft tragischer Menschen. Tot und abstrakt blieb ihm die griechische Kultur bei allem Leben, das ihr seine Phantasie einzuhauchen versuchte. Eine Sehnsucht blieben ihm die griechischen Geistesheroen, eine Erfüllung war ihm Richard Wagner, der ihm in seiner Persönlichkeit, in seiner Kunst, in seiner Weltanschauung die alte Griechenwelt wieder zu erwecken schien. Nietzsche verlebte die herrlichsten Tage, wenn er von Basel aus das Wagnersche Ehepaar auf dessen Triebschener Landgut aufsuchen durfte. Was der Philologe im Geiste gesucht hatte, griechische Luft zum Atmen, hier glaubte er sie in Wirklichkeit zu finden. Er konnte ein persönliches Verhältnis finden zu einer Welt, die er vordem in der Vorstellung gesucht hatte. Er konnte intim erleben, was er sich sonst nur in Gedanken hätte vorzaubern können. Wie seine Heimat empfand er das Triebschener Idyll. Wie bezeichnend sind die Worte, mit denen er dieses sein Empfinden in bezug auf Wagner umschreibt: «Ein fruchtbares, reiches, erschütterndes Leben, ganz abweichend und unerhört unter mittleren Sterblichen! Dafür steht er auch da, festgewurzelt durch eigne Kraft, mit seinem Blick drüber hinweg über alles Ephemere, und unzeitgemäß im schönsten Sinne.»

In Richard Wagners Persönlichkeit glaubte Nietzsche die höheren Welten zu haben, die ihm das Leben so erträglich machen konnten, wie er sich das im Sinne der alten griechischen Weltanschauung dachte. Hat er aber damit nicht gerade in seinem Sinne den größten Irrtum begangen? Er hatte ja im Leben gesucht, was seinen Voraussetzungen nach das Leben nie bieten konnte. Über das Leben wollte er hinaus; und er stürzte sich mit aller Kraft in das Leben, das Wagner lebte. Es ist deshalb begreiflich, dass sein größtes Erlebnis zugleich seine bitterste Enttäuschung werden musste. Um in Wagner finden zu können, was er suchte, musste er sich die wirkliche Persönlichkeit Wagners erst zum Idealbild vergrößern. Was Wagner nie hat sein können, das hat Nietzsche aus ihm gemacht. Er hat nicht den wirklichen Wagner gesehen und verehrt, er hat sein die Wirklichkeit weit überragendes Bild verehrt. Als dann Wagner erreicht hatte, was er erstrebte, als er an seinem Ziele angekommen war: da empfand Nietzsche die Disharmonie zwischen seinem und dem wirklichen Wagner. Und er fiel von Wagner ab. Psychologisch richtig deutet aber nur der diesen Abfall, der sagt: Nietzsche ist nicht von dem wirklichen Wagner abgefallen, denn er war ja niemals dessen Anhänger; er wurde sich nur klar über seine Täuschung. Was er in Wagner gesucht hatte, das konnte er in ihm nimmermehr finden; das hatte mit Wagner nichts zu tun, das musste als eine höhere Welt von aller Wirklichkeit losgelöst werden. Nietzsche hat dann später die Notwendigkeit seines scheinbaren Abfalles von Wagner selbst gekennzeichnet. Er spricht aus, dass, was er «in jungen Jahren bei Wagnerscher Musik gehört habe, nichts überhaupt mit Wagner zu tun» habe. «Dass wenn ich die dionysische Musik beschrieb, ich das beschrieb, was ich gehört hatte, dass ich instinktiv alles in den neuen Geist übersetzen und transfigurieren musste, den ich in mir trug. Der Beweis dafür, so stark als nur ein Beweis sein kann, ist meine Schrift ‹Wagner in Bayreuth›: an allen psychologisch entscheidenden Stellen ist nur von mir die Rede, man darf rücksichtslos meinen Namen, oder das Wort ‹Zarathustra› hinstellen, wo der Text das Wort Wagner gibt. Das ganze Bild des dithyrambischen Künstlers ist das Bild des präexistenten Dichters des ‹Zarathustra› mit abgründlicher Tiefe hingezeichnet, und ohne einen Augenblick die Wagnersche Realität auch nur zu berühren. Wagner selbst hatte einen Begriff davon; er erkannte sich in der Schrift nicht wieder.»

Im «Zarathustra» zeichnete Nietzsche die Welt, die er bei Wagner vergebens gesucht hatte, losgelöst von aller Wirklichkeit. In ein anderes Verhältnis setzte er sein «Zarathustra-Ideal» zur Wirklichkeit als seine früheren Ideale. Er hatte ja mit der unmittelbaren Abkehr von dem Dasein schlechte Erfahrungen gemacht. Dass er diesem Dasein doch unrecht getan haben müsse und dass es sich deshalb so bitter an ihm gerächt habe, diese Vorstellung gewann in ihm immer mehr die Oberhand. Die Enttäuschung, die ihm sein Idealismus bereitet hatte, trieb ihn in eine feindliche Stimmung gegenüber allem Idealismus hinein. Seine Werke in der Zeit nach seinem Abfall von Wagner werden zu Anklagen gegen die Ideale. «Ein Irrtum nach dem andern wird gelassen aufs Eis gelegt, das Ideal wird nicht widerlegt - es erfriert.» So spricht er sich 1888 über das Ziel seines 1878 erschienenen Werkes «Menschliches, Allzumenschliches» aus. Nietzsche sucht zunächst Zuflucht bei der Wirklichkeit. Er vertieft sich in die neuere Naturwissenschaft, um durch sie eine echte Führerin in die Wirklichkeit zu gewinnen. Alle jenseitigen Welten, die den Menschen von dieser Wirklichkeit abführen, werden ihm nunmehr zu verabscheuungswürdigen Hinterwelten, erzeugt aus der Phantastik schwacher Menschen, die nicht Kraft genug haben, ihre Befriedigung aus dem unmittelbaren frischen Dasein zu holen. Die Naturwissenschaft hat den Menschen an das Ende einer rein natürlichen Entwicklung gestellt. Alles, was unter ihm ist, hat dadurch, dass es den Menschen aus sich erzeugte, einen höheren Sinn bekommen. Der Mensch soll nun nicht diesen seinen Sinn verleugnen und sich zum Abbild eines Jenseitigen machen wollen. Er soll begreifen, dass er nicht der Sinn einer überirdischen Macht, sondern der «Sinn der Erde» ist. Was er über das erstreben will, was da ist, soll er nicht in Feindschaft gegen das Daseiende erstreben. In der Wirklichkeit selbst sucht Nietzsche auch die Keime zu dem Höheren, das die Wirklichkeit erträglich machen soll. Nicht einem göttlichen Wesen nachstreben soll der Mensch; aus seiner Wirklichkeit heraus soll er sich eine höhere Daseinsweise gebären. Diese Wirklichkeit selbst trägt über sich hinaus; das Menschentum vermag zum Übermenschentum zu werden. Entwicklung ist immer gewesen. Entwicklung soll auch der Mensch treiben. Die Gesetze der Entwicklung sind größer, umfassender als alles, was sich schon entwickelt hat. Man muss nicht allein hinschauen auf das, was da ist; man muss auf die Urkräfte zurückgehen, welche das Wirkliche erzeugt haben. Eine alte Weltanschauung hat geforscht, wie «Gut und Böse» in die Welt gekommen sind. Sie glaubte, hinter das Dasein zurückgehen zu müssen, um «im Ewigen» die Gründe für «Gut und Böse» zu entdecken. Aber mit dem «Ewigen», mit dem «Jenseitigen» musste Nietzsche auch die «ewige» Geltung von «Gut und Böse» von sich weisen. Der Mensch ist durch Natürliches geworden; und mit ihm sind «Gut und Böse» geworden. Menschenschöpfung ist «Gut und Böse». Und tiefer als das Geschaffene ist der Schöpfer. Der «Mensch» steht «jenseits von Gut und Böse». Er hat das eine zum Guten, das andere zum Bösen gemacht. Er darf sich nicht fesseln lassen durch sein bisheriges «Gut und Böse». Er kann den Weg der Entwicklung weiter schreiten, den er bisher gegangen ist. Er ist aus dem Wurm zum Menschen geworden; er kann vom Menschen zum Übermenschen werden. Er kann ein neues Gutes und Böses schaffen. Er darf die gegenwärtigen Werte «umwerten». Aus der Arbeit an seiner «Umwertung aller Werte» ist Nietzsche durch die geistige Umnachtung gerissen worden. Entwicklung des Wurmes zum Menschen war die Vorstellung, die er aus der neueren Naturwissenschaft gewonnen hat. Er wurde nicht selbst zum Forscher; er hat die Idee der Entwicklung von anderen übernommen. Ihnen war sie Vernunftangelegenheit. Ihm wurde sie Herzensangelegenheit. Die anderen führten den Geisteskampf gegen alte Vorurteile. Nietzsche fragte sich: Wie er mit der neuen Idee leben könne. Sein Kampf spielte sich ganz in seiner Seele ab. Er brauchte die Weiterentwicklung zum Übermenschen, um den Menschen zu ertragen. So hatte sein sensitives Gemüt auf einsamer Höhe für sich die Naturerkenntnisse zu überwinden, die er in sich aufgenommen hatte. In seiner letzten Schaffensepoche sucht Nietzsche aus der Wirklichkeit selbst zu gewinnen, was er früher in der Illusion, in einem idealen Gebiet zu erreichen glaubte. Das Leben erhält eine Aufgabe, die fest in dem Leben wurzelt und doch über dieses Leben hinausführt. Man kann in dem unmittelbaren Dasein, im wirklichen Leben nicht stehen bleiben; auch nicht in dem von der Naturwissenschaft durchleuchteten. Auch an diesem Leben muss gelitten sein. Das blieb Nietzsches Meinung. Auch der «Übermensch» ist ein Mittel, das Dasein zu ertragen. Das alles weist darauf hin, dass Nietzsche zum «Leiden am Dasein» geboren war. In dem Aufsuchen nach Trostgründen bestand sein Genie. Der Kampf um Weltanschauungen hat oft Märtyrer erzeugt. Nietzsche hat keine neuen Weltanschauungsideen hervorgebracht. Man wird immer mehr erkennen, dass sein Genie nicht in der Produktion neuer Gedanken liegt. Er hat aber an den Gedanken seiner Umwelt tief gelitten. Er hat für diese Leiden die hinreißenden Töne seines «Zarathustra» gefunden. Er wurde zum Dichter der neuen Weltanschauung; die Hymnen auf den «Übermenschen» sind die persönliche, die dichterische Antwort auf die Fragen und Erkenntnisse der neueren Naturwissenschaft. Alles, was das neunzehnte Jahrhundert an Ideen hervorgebracht hat, wäre auch ohne Nietzsche da. Er wird der Zukunft nicht ein origineller Philosoph, nicht ein Religionsstifter oder Prophet sein; er wird ihr ein Märtyrer der Erkenntnis sein, der in der Dichtung Worte fand, um zu sagen, was er litt.

nach Oben