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Nachträgliche Anmerkung

Ein Kritiker dieses meines Goethebuches (in den Kantstudien III, 1898) hat geglaubt, einen besonderen Fund in bezug auf meine «Widersprüche» zu machen, indem er, was ich in diesem Buche über den Platonismus sage (in der ersten Auflage 1897) zusammenstellt mit einem Ausspruche, dem ich fast ganz zur selben Zeit in meiner Einleitung zum 4. Band von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften (Kürschnersche Ausgabe) getan habe: «Die Philosophie Platos ist eines der erhabensten Gedankengebäude, die je aus dem Geiste der Menschheit entsprungen sind. Es gehört zu den traurigsten Zeichen unserer Zeit, dass platonische Anschauungsweise in der Philosophie geradezu für das Gegenteil von gesunder Vernunft gilt.» Es wird gewissen Geistern eben schwer begreiflich, dass ein jeglich Ding von verschiedenen Seiten betrachtet, verschieden sich darstellt. Dass meine verschiedenen Aussprüche über den Platonismus keinen wirklichen Widerspruch darstellen, wird derjenige leicht einsehen, der nicht an die bloßen Wortklänge sich hält, sondern auf die verschiedenen Beziehungen eingeht, in die ich das eine und das andere Mal den Platonismus, durch seine eigene Wesenheit, bringen musste. Es ist einerseits ein trauriges Zeichen, wenn man den Platonismus als der gesunden Vernunft widerstrebend ansieht, weil man dieser nur gemäß findet das Stehenbleiben bei der bloßen Sinnesanschauung als der einzigen Wirklichkeit. Und es ist auch einer gesunden Anschauung von Idee und Sinneswelt widerstrebend, wenn man den Platonismus so wendet, dass durch ihn eine ungesunde Trennung von Idee und Sinnesanschauung bewirkt wird. Wer auf eine solche Art gedanklicher Durchdringung der Erscheinungen des Lebens nicht eingehen kann, der bleibt, mit dem, was er begreift, immer außerhalb der Wirklichkeit stehen. Wer - um mit Goethe zu reden - einen Begriff hinpfahlt, um einen reichen Lebensinhalt zu begrenzen, der hat keinen Sinn dafür, dass sich das Leben in Beziehungen ausgestaltet, die nach den verschiedenen Richtungen hin verschieden wirken. Es ist allerdings bequemer, an die Stelle einer Ansicht des vollen Lebens einen schematischen Begriff zu setzen; man kann mit solchen Begriffen eben leicht schematisch urteilen. Man lebt aber durch einen solchen Vorgang in wesenlosen Abstraktionen. Die menschlichen Begriffe werden gerade dadurch zu solchen Abstraktionen, dass man meint, man könne sie im Verstande so behandeln, wie die Dinge einander behandeln. Aber diese Begriffe gleichen vielmehr Bildern, die man von verschiedenen Seiten her von einem Dinge aufnimmt. Das Ding ist eines; der Bilder sind viele. Und nicht die Einstellung auf ein Bild, sondern das Zusammenschauen mehrerer Bilder führt zu einer Anschauung des Dinges. Da ich nun leider sehen musste, wie viel Neigung bei manchen Beurteilern vorhanden ist, aus einer solchen, nach Durchdringung mit der Wirklichkeit strebenden Betrachten einer Erscheinung unter verschiedenen Gesichtspunkten «Widersprüche» zu konstruieren, so fühlte ich mich veranlasst, in dieser Neuauflage bei den Ausführungen über den Platonismus erstens durch eine etwas veränderte Stilisierung der in der ersten Auflage gegebenen Darstellung dasjenige noch besonders deutlich zu machen, was mir vor zwanzig Jahren wahrlich klar genug aus dem Zusammenhange, in dem er steht, zu sein schien; zweitens durch unmittelbares Setzen des Ausspruches aus meiner andern Schrift neben das, was in diesem Buche gesagt ist, zu zeigen, wie die beiden Aussprüche in vollem Einklang miteinander stehen. Wer nun aber doch den Geschmack hat, in solchen Dingen Widersprüche zu finden, dem habe ich dadurch die Mühe erspart, sie erst aus zwei Büchern zusammensuchen zu müssen.

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