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4. Inspiration und Intuition

Wie man die Imagination ein geistiges Schauen nennen kann, so die Inspiration ein geistiges Hören. Man muss allerdings bei diesem Ausdrucke «Hören» sich darüber klar sein, dass damit ein Wahrnehmen gemeint ist, welches dem sinnlichen Hören in der physischen Welt noch viel ferner steht als das «Schauen» in der imaginativen (astralen) Welt dem Sehen mit den physischen Augen. Von den Licht- und Farbenerscheinungen der letzteren Welt kann man sagen: sie seien so, wie wenn die leuchtenden Oberflächen und die Farben der sinnlichen Gegenstände sich von diesen abhöben und von ihnen losgelöst frei im Raume schwebten. Dies gibt aber doch nur eine annähernde Vorstellung. Denn der Raum der imaginativen Welt ist keineswegs so wie derjenige der physischen. Wer sich also einbildete, dass er imaginative Farbenbilder vor sich habe, wenn er freischwebende Farbenflocken mit gewöhnlicher Raumausdehnung sieht, der ist im Irrtum. Dennoch ist aber die Bildung von solchen Farbenvorstellungen der Weg zum imaginativen Leben. Wer versucht, sich eine Blume vorzustellen, und dann in seiner Vorstellung alles beiseite lässt, was nicht Farbenvorstellung ist, so dass vor seiner Seele ein Bild schwebt wie die von der Blume abgezogene farbige Oberfläche, der kann durch solche Übungen allmählich zu einer Imagination gelangen. Dies Bild selbst ist noch keine solche Imagination, sondern ein mehr oder weniger vorbereitendes Phantasiegemälde. Imagination - das ist wirkliches astrales Erlebnis - wird es erst, wenn nicht nur die Farbe ganz abgehoben ist von dem Sinneseindrucke, sondern wenn auch die dreidimensionale Raumausdehnung sich völlig verloren hat. Dass dies letztere der Fall ist, kann nur durch ein gewisses Gefühl wahrgenommen werden. Zu beschreiben ist dieses Gefühl nur dadurch, dass man sagt, man fühlt sich nicht mehr außerhalb, sondern innerhalb des Farbenbildes, und man hat das Bewusstsein, dass man an seiner Entstehung teilnimmt. Wenn dies Gefühl nicht da ist, wenn man sich also der Sache gegenüberstehend glaubt wie einem sinnlichen Farbenbild gegenüber, dann hat man es noch nicht mit einer wirklichen Imagination, sondern mit etwas Phantastischem zu tun. Damit soll jedoch nicht gesagt sein, dass solche Phantasiegemälde ganz wertlos seien. Sie können nämlich ätherische Abbilder - gleichsam Schatten - wirklicher astraler Tatsachen sein. Und als solchen kommt ihnen für die geheimwissenschaftliche Schulung immerhin einiger Wert zu. Sie können eine Brücke bilden zu den wahren astralen (imaginativen) Erlebnissen. - Eine gewisse Gefahr schließt ihre Beobachtung nur in sich, wenn der Beobachter an diesem Grenzgebiet zwischen Sinnlichem und Übersinnlichem seinen gesunden Menschenverstand nicht voll zur Anwendung bringt. Man soll nur nicht erwarten, dass irgend jemandem ein allgemeines Kennzeichen gegeben werden kann, wie er in diesem Grenzgebiete Illusion, Halluzination, Phantastik von Wirklichkeit unterscheiden könne. Bequem wäre ja eine solche allgemeine Regel. Aber Bequemlichkeit ist ein Wort, das der Geheimschüler in seinem Sprachschatze streichen sollte. - Man kann nur sagen, dass derjenige, welcher sich für dieses Gebiet Klarheit der Unterscheidung aneignen will, schon in dem gewöhnlichen Leben der physischen Welt darauf bedacht sein muss. Wer in diesem gewöhnlichen Leben keine Sorgfalt darauf verwendet, scharf und klar zu denken, der wird beim Aufsteigen in höhere Welten allen möglichen Illusionen zum Opfer fallen. Man bedenke nur, wie viele Fallen dieses gewöhnliche Leben dem gesunden Urteile bietet. Wie oft kommt es doch vor, dass die Menschen nicht das ungetrübt sehen, was ist, sondern was sie zu sehen begehren. In wie vielen Fällen glauben die Menschen etwas, nicht weil sie erkannt haben, sondern weil es ihnen angenehm ist, zu glauben. Oder welche Irrtümer ergeben sich, weil man einer Sache nicht auf den Grund geht, sondern sich vorschnell ein Urteil bildet. Alle diese Gründe von Täuschungen im gewöhnlichen Leben könnten durch andere schier ins Unendliche vermehrt werden. Was für Streiche spielen Parteinahme, Leidenschaft usw. usw. einem gesunden Urteile. Wenn derlei Urteilstäuschungen im gewöhnlichen Leben störend und oft verhängnisvoll sind: für die Gesundheit des übersinnlichen Erlebens sind sie die denkbar größte Gefahr. Nicht eine allgemeine Regel kann der Geheimschüler als Leitfaden mit in höhere Welten erhalten, sondern lediglich die Anweisung, für seine gesunde Unterscheidungskraft, für sein freies, unabhängiges Urteil alles mögliche zu tun.

Wenn der Beobachter höherer Welten einmal weiß, was wirklich Imagination ist, dann erhält er auch sehr bald die Empfindung, dass die bildet der astralen Welt nicht bloße Bilder, sondern die Kundgebungen geistiger Wesenheiten sind. Er lernt erkennen, dass er die imaginativen Bilder ebenso auf geistige oder seelische Wesenheiten zu beziehen hat wie die sinnlichen Farben auf sinnliche Dinge oder Wesenheiten. Im einzelnen wird er allerdings da noch viel zu lernen haben. Er wird unterscheiden müssen zwischen Farbengebilden, die wie undurchsichtig sind, und solchen, die ganz durchsichtig und wie in ihrem Innern ganz durchleuchtet sind. Ja, auch solche Gebilde wird er wahrnehmen, die ihr Farbenlicht gleichsam in ihrem Innern immer neu erzeugen, die also nicht nur ganz durchleuchtet und durchsichtig (transparent) sind, sondern die immerfort in sich selbst aufstrahlen. Und er wird die mehr undurchsichtigen Gebilde auf niedrige, die durchleuchteten auf mittlere Wesenheiten beziehen; die in sich aufstrahlenden Bilder werden ihm Kundgebungen höherer geistiger Wesenheiten sein.

Will man die Wahrheit der imaginativen Welt treffen, so darf man den Begriff des geistigen Schauens nicht zu eng fassen. Denn es finden sich in dieser Welt nicht etwa bloß Licht- und Farbenwahrnehmungen, die sich also den Gesichtserlebnissen der physischen Welt vergleichen lassen, sondern auch Eindrücke von Wärme und Kälte, von Geschmack und Geruch, ja noch andere Erlebnisse der imaginativen «Sinne», für die es etwas ähnliches in der physischen Welt nicht gibt. Die Eindrücke des Warmen und Kalten sind in der imaginativen (astralen) Welt die Offenbarungen des Willens und der Absichten seelischer und geistiger Wesen. Ob ein solches Wesen etwas Gutes oder Böses bezweckt, das kommt in einer bestimmten Wärme- oder Kältewirkung zum Vorschein. Auch «schmecken» und «riechen» kann man die astralen Wesenheiten. - Nur dasjenige, was in eigentlichem Sinne das Physische des Tones und Schalles ausmacht, fehlt fast ganz in der wirklich imaginativen Welt. In dieser Beziehung herrscht da lautlose Stille. Dafür aber bietet sich etwas ganz anderes dem in der geistigen Beobachtung Fortschreitenden dar, was sich mit dem Tönen und Klingen, mit Musik und Sprache der sinnlichen Welt vergleichen lässt. Und gerade dann tritt dieses Höhere auf, wenn alles Tönen und Klingen der äußeren physischen Welt völlig verstummt, ja wenn auch der geringste innere seelische Nachhall an dieses Gebiet der äußeren Welt zum Schweigen gekommen ist. Dann tritt für den Beobachter das ein, was man ein Verstehen der Bedeutung der imaginativen Erlebnisse nennen kann. Wollte man dasjenige, was hier erfahren wird, mit etwas in der physischen Welt vergleichen, so könnte man nur zur Verdeutlichung etwas heranziehen, was es in dieser Welt gar nicht gibt. Man versuche sich einmal vorzustellen, dass man wahrnehmen könnte die Gedanken und Gefühle eines Menschen, ohne seine Worte mit dem physischen Ohre zu hören, so wäre ein solches Wahrnehmen zu vergleichen mit jenem unmittelbaren Verstehen des Imaginativen, das man als «Hören» in geistigem Sinne bezeichnet. Das «Sprechende» sind die Farben- und Lichteindrücke. In dem Aufglänzen und Verlöschen, in der Farbenwandlung der Bilder offenbaren sich Harmonien und Disharmonien, welche die Gefühle, Vorstellungen und Gedanken seelischer und geistiger Wesenheiten enthüllen. Und wie sich der Ton beim physischen Menschen zum Worte steigert, wenn sich ihm der Gedanke einprägt, so steigern sich die Harmonien und Disharmonien der geistigen Welt zu Offenbarungen, welche wesenhafte Gedanken selbst sind. Dazu muss es allerdings «dunkel werden» in dieser Welt, wenn der Gedanke in seiner Unmittelbarkeit sich offenbaren soll. Das hier auftretende Erlebnis stellt sich so dar: Man sieht die hellen Farbentöne, das Rot, Gelb und Orange, ersterben und nimmt wahr, wie sich die höhere Welt durch Grün hindurch abdunkelt zum Blauen und Violetten; dabei erlebt man in sich selbst eine Steigerung der inneren Willensenergie. Man erlebt eine völlige Freiheit in bezug auf Ort und Zeit; man fühlt sich in Bewegung. Es sind gewisse Linienformen, Gestalten, die man erlebt. Doch nicht etwa so erlebt man sie, dass man sie vor sich in irgendeinem Raume gezeichnet sähe, sondern so, als ob man in fortwährender Bewegung mit seinem Ich jedem Linienschwung, jeder Gestaltung selbst folgte. Ja man fühlt das Ich als den Zeichner und zugleich als das Material, mit dem gezeichnet wird. Und jede Linienführung, jede Ortsänderung sind zugleich Erlebnis dieses Ich. Man lernt erkennen, dass man mit seinem bewegten Ich hineingeflochten ist in die schaffenden Weltenkräfte. Die Weltgesetze sind nun dem Ich nicht mehr etwas äußerlich Wahrgenommenes, sondern ein wirkliches Wundergewebe, an dem man spinnt. - Die Geheimwissenschaft entwirft allerlei sinnbildliche Zeichnungen und Bilder. Wenn diese den Tatsachen wirklich entsprechen und nicht bloße ausgedachte Figuren sind, so liegen ihnen Erlebnisse des Beobachters in höheren Welten zugrunde, die in der oben beschriebenen Art anzusehen sind.

So stellt sich die inspirierte Welt in die imaginierte hinein. Wenn die Imaginationen beginnen dem Beobachter in «stummer Sprache» ihre Bedeutungen zu enthüllen, dann geht innerhalb des Imaginativen die Welt der Inspiration auf.

Von derjenigen Welt, in welche der geistige Beobachter auf diese Art eindringt, ist die physische eine Offenbarung. Was von dieser physischen Welt den Sinnen und dem auf sie beschränkten Verstand zugänglich ist, das ist nur die Außenseite. Um nur ein Beispiel anzuführen: die Pflanze, wie sie mit den physischen Sinnen und dem physischen Verstande beobachtet wird, ist nicht das vollständige Pflanzenwesen. Wer nur diese physische Pflanze kennt, der hat etwas Ähnliches vorliegen, wie ein Wesen haben würde, das den Fingernagel eines Menschen wahrnehmen könnte, dem aber die Wahrnehmung des Menschen selbst unzugänglich wäre. Bau und Wesenheit des Fingernagels können aber nur verstanden werden, wenn man sie aus der ganzen menschlichen Wesenheit erklärt. So ist in Wahrheit die Pflanze nur verständlich, wenn man das kennt, was zu ihr gehört wie die ganze menschliche Wesenheit zum Fingernagel des Menschen. Dieses zur Pflanze Gehörige kann man aber nicht in der physischen Welt finden. Der Pflanze liegt zunächst etwas zugrunde, was sich nur durch die Imagination in der astralen Welt enthüllt, und ferner etwas, was nur durch die Inspiration in der geistigen Welt offenbar wird.

- So ist also die Pflanze als physisches Wesen die Offenbarung einer Wesenheit, die durch Imagination und Inspiration zu begreifen ist.

Es eröffnet sich für den Beobachter der höheren Welten, wie aus Vorstehendem ersichtlich ist, ein Weg, der in der physischen Welt beginnt. Er kann nämlich zunächst von dieser physischen Welt ausgehen und von deren Offenbarungen aufsteigen zu den ihnen zugrunde liegenden höheren Wesenheiten. Wenn er vom Tierreiche ausgeht, so kann er aufsteigen zur imaginativen Welt; wenn er von der Pflanzenwelt seinen Ausgang nimmt, so führt ihn die geistige Beobachtung durch die Imagination zur Welt der Inspiration. Wenn man diesen Weg geht, dann findet man nämlich bald innerhalb der imaginativen und Inspirationswelt auch Wesenheiten und Tatsachen, welche sich gar nicht in der physischen Welt offenbaren. Man darf also nicht glauben, dass man auf diese Art nur diejenigen Wesenheiten der höheren Welten kennenlernt, welche ihre Offenbarungen in der physischen Welt haben. Wer einmal die  imaginative Welt betreten hat, der lernt eine Fülle von Wesen und Ereignissen kennen, von denen sich der bloße physische Beobachter nichts träumen lässt.

Es gibt nun allerdings auch einen anderen Weg. Einen solchen, der nicht von der physischen Welt seinen Ausgang nimmt. Der den Menschen unmittelbar hellsichtig macht in den höheren Gebieten des Daseins. Für viele Menschen möchte dieser Weg mehr Anziehungskraft haben als der vorhin angedeutete.

Doch sollte für unsere Lebensverhältnisse nur der Aufstieg aus der physischen Welt gewählt werden. Er legt dem Beobachter die Entsagung auf, welche nötig ist, wenn er sich zunächst in der physischen Welt umschauen und da einige Erkenntnisse und namentlich Erfahrungen sammeln soll. Doch ist er auf alle Fälle für unsere Kulturverhältnisse der Gegenwart der angemessene. Der andere setzt die vorhergängige Aneignung von Seeleneigenschaften voraus, welche innerhalb der gegenwärtigen Lebensverhältnisse äußerst schwer zu erreichen sind. Wenn auch in einschlägigen Schriften mit aller Schärfe und Deutlichkeit solche Seeleneigenschaften immer wieder und wieder betont werden: von dem Grade, in dem man sich dergleichen (zum Beispiel Selbstlosigkeit, hingebungsvolle Liebe usw.> aneignen muss, wenn man zur Erreichung der höheren Welten nicht von dem festen Boden der physischen ausgehen wollte, machen sich doch die meisten Menschen gar keine auch nur einigermaßen hinreichende Vorstellung. Und wenn dann jemand in den höheren Welten erweckt wird ohne den erforderlichen Grad der entsprechenden Seeleneigenschaften, so müsste unsägliches Elend die Folge sein. Nun darf man nicht etwa glauben, dass man beim Ausgehen von der physischen Welt und ihren Erfahrungen der gekennzeichneten Seeleneigenschaften entraten könnte. Solches zu glauben, wäre auch ein folgenschwerer Irrtum. Aber solcher Ausgang gestattet, dass man sich diese Seelen-Eigenschaften in dem Maße und vor allem in der Form aneigne, in denen es in unseren gegenwärtigen Lebensverhältnissen möglich ist.

Und noch etwas kommt dabei in Betracht. Geht man in der angedeuteten Art von der physischen Welt aus, so bleibt man auch trotz seines Aufsteigens in die höheren Welten in einem lebendigen Zusammenhange mit dieser physischen Welt. Man wahrt sich das volle Verständnis für alles, was in ihr vorgeht, und die volle Tatkraft, in ihr zu wirken. Ja, dieses Verständnis und diese Tatkraft wachsen in der förderlichsten Art gerade durch die Erkenntnis der höheren Welten. In jedem Gebiete des Lebens, und wenn es auch noch so prosaisch-praktisch erscheint, wird der Kenner der höheren Welten förderlicher, besser wirken als der Nichtkenner, wenn sich der erstere nur den lebensvollen Zusammenhang mit der physischen Welt bewahrt hat.

Wer aber, ohne von der physischen Welt auszugehen, in den höheren Gebieten des Daseins erweckt wird, der wird allerdings nur zu leicht dem Leben entfremdet; er wird zum Einsiedler, der seiner Mitwelt ohne Verständnis und Anteil gegenübersteht. Ja, es tritt bei unvollständig in dieser Art Ausgebildeten - allerdings nicht bei vollkommen Entwickelten - sogar oft ein, dass sie mit einer gewissen Geringschätzung auf die Erlebnisse der physischen Welt herabsehen, dass sie sich zu vornehm für diese fühlen usw. Statt dass sich ihr Anteil an der Welt erhöhte, werden solche in sich verhärtete, im geistigen Sinne selbstsüchtige Naturen. Die Verführung zu alledem ist nämlich wahrlich nicht gering. Und diejenigen, welche den Aufstieg in die höheren Welten erstreben, sollten wohl gerade darauf achten.

Von der Inspiration kann der geistige Beobachter zur Intuition aufsteigen. In der Ausdrucksart der Geheimwissenschaft bedeutet dieses Wort in vieler Beziehung das genaue Gegenteil von dem, wofür man es im gewöhnlichen Leben oft anwendet. In letzterem spricht man von Intuition, wenn man einen dunkel als wahr gefühlten Einfall im Auge hat, dem an sich die klare, begriffliche Feststellung noch fehlt. Man sieht darinnen mehr eine Vorstufe der Erkenntnis denn eine solche selbst. Solch ein entsprechender «Einfall» mag - nach dieser Begriffsbestimmung - eine große Wahrheit wie in einem Blitzlicht erleuchten; als Erkenntnis kann er erst gelten, wenn er durch begriffliche Urteile begründet wird. Bisweilen bezeichnet man auch als Intuition etwas, was man als Wahrheit «fühlt», wovon man ganz überzeugt ist, was man aber durch Verstandesurteile nicht belasten will. Menschen, an welche die geheimwissenschaftlichen Erkenntnisse herankommen, sagen gar oft: Das war mir «intuitiv» schon immer klar. Von all dem muss ganz abgesehen werden, wenn man den Ausdruck «Intuition» in seiner hier gemeinten wahren Bedeutung ins Auge fassen will. Intuition ist, in dieser Anwendung, nicht eine Erkenntnis, die an Klarheit hinter der Verstandeserkenntis zurückbleibt, sondern welche diese weit überragt.

In der Inspiration sprechen die Erlebnisse der höheren Welten ihre Bedeutung aus. Der Beobachter lebt in den Eigenschaften und Taten der Wesen dieser höheren Welten. Wenn er, wie oben charakterisiert worden ist, mit seinem Ich einer Linienführung oder einer Gestaltform folgt, so weiß er doch, dass er nicht innerhalb des Wesens selbst ist, sondern innerhalb dessen Eigenschaften und Verrichtungen. Schon in der imaginativen Erkenntnis erlebt er es ja, dass er sich zum Beispiel nicht außerhalb, sondern innerhalb der Farbenbilder fühlt; aber er weiß auch ebenso genau, dass diese Farbenbilder nicht in sich selbständige Wesen, sondern Eigenschaften solcher Wesen sind. In der Inspiration wird er sich bewusst, dass er eins wird mit den Taten solcher Wesen, mit den Offenbarungen ihres Willens; erst in der Intuition verschmilzt er mit Wesen, die in sich geschlossen sind, selbst. Im richtigen Sinne kann das nur geschehen, wenn diese Verschmelzung nicht unter Auslöschung, sondern unter völliger Aufrechterhaltung seiner eigenen Wesenheit der Fall ist. Alles «Sich-Verlieren» an ein fremdes Wesen ist vom Übel. Daher kann nur ein Ich, das in sich bis zu einem hohen Grade gefestigt ist, in ein anderes Wesen ohne Schaden untertauchen. - Man hat erst dann etwas intuitiv erfasst, wenn man diesem «Etwas» gegenüber zu der Empfindung gekommen ist: es äußert sich in ihm ein Wesen, das von derselben Art und inneren Geschlossenheit wie das eigene Ich ist. Wer einen Stein mit den Sinnen betrachtet und ihn nach seinen Eigenheiten mit dem Verstande - und den gewöhnlichen wissenschaftlichen Hilfsmitteln - zu begreifen sucht, der lernt nur die Außenseite des Steines kennen. Als geistiger Beobachter schreitet er zu der imaginativen und inspirierten Erkenntnis vor. Lebt er innerhalb der letzteren, so kann er zu einer weiteren Empfindung kommen. Diese Empfindung möchte man durch einen Vergleich in der folgenden Art charakterisieren. Man stelle sich vor, man sehe einen Menschen auf der Straße. Er macht zunächst auf den Beobachter einen flüchtigen Eindruck. Später lernt man ihn näher kennen; und es kommt der Augenblick, in dem man mit ihm so befreundet wird, dass sich Seele der Seele aufschließt. Mit dem Erlebnis, das man durchmacht, wenn so die Hüllen der Seelen fallen und Ich dem Ich gegenübersteht, ist dasjenige zu vergleichen, wenn dem geistigen Beobachter der Stein nur wie eine äußere Offenbarung erscheint und er vorschreitet zu etwas, zu dem der Stein gehört, wie der Fingernagel zum menschlichen Leibe gehört, und das sich auslebt als ein «Ich», wie das eigene Ich eines ist.

Erst in der Intuition ist diejenige Erkenntnisart durch den Menschen erreicht, die ihn ins «Innere» der Wesen führt. Bei Besprechung der Inspiration ist einiges angegeben worden über die Umwandlung, welche die innere Seelenverfassung des geistigen Beobachters erfahren muss, wenn er zu dieser Erkenntnisform gelangen will. Es ist da gesagt worden, dass zum Beispiel ein unrichtiges Urteil nicht bloß zum Verstande sprechen darf, sondern zu der Empfindung, dass es Leid, Schmerz bereiten muss. Und der Beobachter muss solches inneres Erleben systematisch ausbilden. Solange allerdings dieser Schmerz entspringt aus den Sympathien und Antipathien des Ich, aus dessen Parteinahme, so lange kann nicht von einer dadurch zu erlangenden Vorbereitung für die Inspiration gesprochen werden. Solches Berührtwerden des Gemütes ist noch weit, sehr weit von dem inneren Anteil entfernt, den das Ich an der bloßen Wahrheit - als Wahrheit - nehmen muss, wenn es die genannten Ziele erreichen will. Es kann gar nicht scharf genug betont werden, dass eigentlich alle Formen des Interesses, die sich im gewöhnlichen Leben als Lust und Leid gegenüber von Wahrheit und Irrtum ausleben, erst schweigen müssen und dann eine ganz andere Interessenart, die ohne alle Selbstsucht ist, eintreten muss, wenn etwas für die Erkenntnis durch Inspiration geschehen soll. Diese eine Eigenschaft des inneren Seelenlebens ist aber eben nur eines unter den Mitteln zur Vorbereitung für die Inspiration. Es gibt eine unbegrenzte Anzahl anderer, die hinzukommen müssen zu der einen. Und je weiter sich der geistige Beobachter in bezug auf das verfeinert, was ihm schon für die Inspiration gedient hat, desto mehr vermag er sich der Intuition zu nähern. Von der gesetzmäßigen Anweisung, welche die Geheimwissenschaft für die Intuition gibt, wird in weiteren Aufsätzen noch die Rede sein.

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