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III. Kapitel

Entsprechend den vorangehenden Ausführungen kann man die geistige Leitung im Werdegang der Menschheitsentwicklung bei den Wesenheiten suchen, welche ihre Menschheit während der vorigen Verkörperung des Erdenplaneten - während der alten Mondenzeit - durchgemacht haben.

Dieser Leitung stellt sich eine andere entgegen, die erstere hemmend und doch im Hemmen in gewisser Beziehung wieder fördernd, welche von den Wesenheiten ausgeübt wird, die während der Mondenzeit ihre eigene Entwicklung nicht vollendet haben. Damit ist hingedeutet auf die führenden Wesenheiten, welche unmittelbar über dem Menschen stehen. Auf diejenigen sowohl, welche vorwärts führen wie auch auf diejenigen, welche dadurch fördern, dass sie Widerstände hervorrufen und dadurch die Kräfte, welche durch die vorwärtsbewegenden Wesenheiten entstehen, in sich erstarken, festigen, ihnen Gewicht und Eigennatur verleihen. Im Sinne der christlichen Esoterik kann man diese zwei Klassen von übermenschlichen Wesen Engel (Angeloi) nennen. Über diesen Wesenheiten stehen in der Rangordnung nach aufwärts diejenigen der höheren Hierarchien, der Archangeloi, Archai und so weiter, die sich ebenfalls an der Menschheitsführung beteiligen.

Innerhalb der Klassen dieser verschiedenen Wesenheiten gibt es alle möglichen Abstufungen in bezug auf die Vollkommenheitsgrade. Es gibt zum Beispiel in der Kategorie der Angeloi beim Beginn der gegenwärtigen Erdentwicklung höchststehende und weniger hochstehende. Die ersteren sind über das Mindestmaß ihrer Mondentwicklung weit hinausgeschritten. Zwischen diesen und jenen, welche dieses Mindestmaß eben erreicht hatten, als die Mondentwicklung zu Ende war und die Erdentwicklung begann, stehen alle möglichen Abstufungen. Gemäß diesen Abstufungen geschieht das Eingreifen der betreffenden Wesenheiten in die Führung der Erdentwicklung der Menschheit. So haben in der ägyptischen Kulturentwicklung die Führung Wesen ausgeübt, welche auf dem Monde vollkommener geworden waren als diejenigen, welche in der griechisch-lateinischen Zeit Führer waren. Und diese waren wieder vollkommener als diejenigen, welche in der gegenwärtigen Zeit führen. In der ägyptischen beziehungsweise griechischen Zeit haben die später in die Führung eingreifenden sich mittlerweile selbst ausgebildet und sich so zur Führung der weiter gekommenen Kultur reif gemacht.

Man unterscheidet von der Zeit der großen atlantischen Katastrophe ab sieben aufeinanderfolgende Kulturepochen: die erste ist die uralt-indische Kulturperiode, darauf folgt die urpersische, (1) die dritte ist die ägyptisch-chaldäische, die vierte die griechisch-lateinische und die fünfte ist unsere eigene, die etwa seit der Zeit des zwölften Jahrhunderts sich allmählich herausgebildet hat, und in der wir noch mitten drinnen stehen. Allerdings bereiten sich in unserer Zeit schon die ersten Tatsachen vor, welche zur sechsten nachatlantischen Kulturperiode hinüberführen werden. Denn die einzelnen Entwicklungszeiten greifen übereinander. Auf die sechste Epoche wird dann noch eine siebente folgen.

Genauer angesehen, erweist sich nun für die Menschheitsführung das Folgende. Nur für die dritte Kulturperiode, die ägyptisch-chaldäische, waren die Engel (oder niedern dhyanischen Wesenheiten im Sinne der orientalischen Mystik) die in einem gewissen Grade selbständigen Führer der Menschen. Für die urpersische Zeit war es schon nicht so. Da unterstanden die Engel in einem viel höheren Maße als während der ägyptischen Zeit einer höheren Führung und richteten alles so ein, wie es den Impulsen der nächsthöheren Hierarchie entsprach, so dass alles zwar unter der Leitung der Engel stand, aber diese selbst fügten sich wieder der Anordnung der Erzengel oder der Archangeloi. Und in der indischen Kulturperiode, in welcher das nachatlantische Leben eine solche Höhe in geistiger Beziehung hatte, wie nachher vorläufig nicht wieder - eine natürliche Höhe unter der Leitung der großen menschlichen Lehrer -, da unterstanden die Erzengel selber wieder in ähnlichem Sinne der Führung der Archai oder Urbeginne.

Verfolgt man also von der indischen Zeit durch die urpersische und ägyptisch-chaldäische Kultur hindurch die Entwicklung der Menschheit, so kann man sagen, dass sich gewisse Wesenheiten der höheren Hierarchien sozusagen immer mehr und mehr zurückzogen von der unmittelbaren Leitung der Menschheit. Und wie war es in der vierten nachatlantischen Kulturperiode, der griechisch-lateinischen Zeit? Da war der Mensch in gewisser Richtung ganz selbständig geworden. Die führenden übermenschlichen Wesenheiten griffen zwar in den Werdegang der Menschheitsentwicklung ein; allein ihre Führung war so, dass die Zügel möglichst wenig angezogen waren, dass die Geistes-Führer für sich ebensoviel durch die Taten der Menschen hatten, wie diese durch jene. Daher jene eigentümliche, ganz «menschliche» Kultur in der griechisch-römischen Zeit, in welcher der Mensch völlig auf sich selbst gestellt ist.

Alle Eigentümlichkeiten in der Kunst, im staatlichen Leben während der griechischen und römischen Zeit sind darauf zurückzuführen, dass der Mensch sich sozusagen selbst in seiner Eigenart ausleben sollte. Wenn wir also in die ältesten Zeiten der Kulturentwicklung zurückblicken, finden wir führende Wesenheiten, welche ihre Entwicklung bis zum Menschen in früheren planetarischen Zuständen abgeschlossen hatten. Die vierte nachatlantische Kulturepoche war dazu da, den Menschen am allermeisten zu prüfen. Daher war das auch die Zeit, in welcher sich die ganze geistige Führung der Menschheit in einer neuen Art einrichten musste. Die Menschen der Gegenwart leben in der fünften nachatlantischen Kulturepoche. Die führenden Wesenheiten dieser Epoche gehören derselben Hierarchie an, die bei den alten Ägyptern und Chaldäern herrschend war. In der Tat beginnen dieselben Wesenheiten, welche damals geführt haben, wieder in unserer Zeit ihre Tätigkeiten. Es ist angeführt worden, dass gewisse Wesenheiten während der ägyptisch-chaldäischen Kultur zurückgeblieben sind, und dass man diese in den materialistischen Gefühlen und Empfindungen unserer Zeit findet.

Der Fortschritt, sowohl der vorwärtsführenden wie der hemmenden Wesenheiten, die zur Klasse der Engel (oder niedern dhyanischen Wesenheiten) gehören, besteht darin, dass sie bei den Ägyptern und Chaldäern durch diejenigen Eigenschaften Führer sein konnten, welche sie selber in uralten Zeiten errungen hatten, dass sie sich aber durch ihre Führerarbeit auch weiter entwickelten. So treten die fortschreitenden Angeloi in die Leitung der fünften nachatlantischen Kulturentwicklung mit Fähigkeiten ein, welche sie sich während der dritten, der ägyptisch-chaldäischen, erworben haben. Sie eignen sich nun durch diesen ihren Fortschritt ganz besondere Fähigkeiten an. Sie machen sich nämlich geeignet, in sich die Kräfte einfließen zu lassen, welche von dem wichtigsten Wesen der ganzen Erdenentwicklung ausgehen. Auf sie wirkt die Kraft Christi. Diese Kraft wirkt nämlich nicht nur durch Jesus von Nazareth auf die physische Welt, sondern sie wirkt auch in den geistigen Welten auf die übermenschlichen Wesen. Der Christus existiert nicht nur für die Erde, sondern auch für diese Wesenheiten. Dieselben Wesenheiten, welche die alte ägyptisch-chaldäische Kultur geführt haben, standen damals nicht unter der Leitung des Christus, sondern sie haben sich erst seit der ägyptisch- chaldäischen Zeit der Führung des Christus unterstellt. Und darin besteht ihr Fortschritt, so dass sie jetzt unsere fünfte nachatlantische Kulturperiode unter dem Einflusse des Christus leiten; sie folgen ihm in den höheren Welten. Und das Zurückbleiben derjenigen Wesenheiten, von denen gesagt worden ist, dass sie als hemmende Kräfte wirken, rührt davon her, dass diese sich nicht unterstellt haben der Führung des Christus, so dass sie unabhängig von dem Christus weiter wirken. Daher wird immer deutlicher und deutlicher folgendes in der Kultur der Menschheit hervortreten. Es wird eine materialistische Strömung geben, die unter der Führung der zurückgebliebenen ägyptisch-chaldäischen Geister steht; sie wird einen materialistischen Charakter haben. Das meiste, was man die heutige materialistische Wissenschaft in allen Ländern nennen kann, steht unter diesem Einfluss. Aber daneben macht sich eine andere Strömung geltend, die darauf hinzielt, dass der Mensch bei allem, was er tut, endlich das finden wird, was man das Christus-Prinzip nennen kann. Es gibt heute zum Beispiel Menschen, welche sagen: Unsere Welt besteht im letzten Grunde aus Atomen. Wer flößt denn dem Menschen die Gedanken ein, dass die Welt aus Atomen bestehe? Das sind die während der ägyptisch-chaldäischen Zeit zurückgebliebenen übermenschlichen Engelwesenheiten.

Was werden nun die Wesenheiten lehren, welche ihr Ziel im alten ägyptisch-chaldäischen Kulturgebiet erreicht haben, und die damals den Christus kennengelernt haben? Sie werden dem Menschen andere Gedanken einflößen können als die, dass es nur stoffliche Atome gebe; denn sie werden den Menschen lehren können, dass bis in die kleinsten Teile der Welt hinein die Substanz von dem Geiste des Christus durchzogen ist. Und so sonderbar es erscheinen mag: Künftig werden Chemiker und Physiker kommen, welche Chemie und Physik nicht so lehren, wie man sie heute lehrt unter dem Einfluss der zurückgebliebenen ägyptisch-chaldäischen Geister, sondern welche lehren werden: Die Materie ist aufgebaut in dem Sinne, wie der Christus sie nach und nach angeordnet hat! - Man wird den Christus bis in die Gesetze der Chemie und Physik hinein finden. Eine spirituelle Chemie, eine spirituelle Physik ist das, was in der Zukunft kommen wird. Heute erscheint das ganz gewiss vielen Leuten als eine Träumerei oder Schlimmeres. Aber was oft die Vernunft der kommenden Zeiten ist, das ist für die vorhergehenden Torheit.

Die Faktoren, welche in diesem Sinne in die menschliche Kulturentwicklung eingreifen, sind schon jetzt für den genauer Zusehenden zu bemerken. Ein solcher kennt aber auch ganz gut, was vom gegenwärtigen wissenschaftlichen oder philosophischen Standpunkt aus mit einem scheinbaren Recht gegen diese vermeintliche Torheit einzuwenden ist.

Von solchen Voraussetzungen aus versteht man auch, was die führenden übermenschlichen Wesenheiten voraus haben vor den Menschen. Die Menschen in der nachatlantischen Zeit haben den Christus in der vierten nachatlantischen Kulturperiode, in der griechisch-lateinischen Zeit kennengelernt.

Denn während des Ablaufes dieser Kulturepoche fällt das Christus-Ereignis in die Entwicklung hinein. Da lernten die Menschen den Christus kennen. Die übermenschlichen leitenden Wesenheiten haben ihn während der ägyptisch-chaldäischen Zeit kennengelernt und sich zu ihm emporgearbeitet. Sie mussten dann während der griechisch-lateinischen Zeit die Menschen ihrem eigenen Schicksal überlassen, um dann später wieder in die Menschheitsentwicklung einzugreifen. Und wenn man heute Theosophie treibt, so bedeutet das nichts anderes, als die Anerkennung der Tatsache, dass die übermenschlichen Wesenheiten, welche die Menschheit geleitet haben, jetzt ihre Führerschaft so fortsetzen, dass sie sich selber unter der Führung des Christus befinden. - So ist es auch mit andern Wesenheiten.

In der urpersischen Zeit waren die Erzengel an der Führung der Menschheit beteiligt. Sie haben nun noch früher sich dem Christus unterstellt als die im Rang unter ihnen befindlichen Wesenheiten. Von Zarathustra kann gesagt werden, dass er seine Anhänger und sein Volk auf die Sonne hinwies und etwa sagte: In der Sonne lebt der große Geist Ahura Mazdao, der hernieder kommen wird zur Erde! - Denn die Wesenheiten aus der Region der Erzengel, welche den Zarathustra führten, wiesen ihn hin auf den großen Sonnenführer, der damals noch nicht auf die Erde heruntergekommen war, sondern erst den Weg dahin angetreten hatte, um später in die Erdentwicklung unmittelbar einzugreifen. Und die führenden Wesenheiten, welche den großen Lehrern der Inder vorstanden, haben diese gewiesen auf den Christus der Zukunft; denn es ist ein Irrtum, wenn man meint, diese Lehrer hätten den Christus nicht geahnt. Sie haben gesagt, dass er «über ihrer Sphäre» sei, dass sie ihn «nicht erreichen könnten».

Wie nun die Engel in unserer fünften Kulturperiode es sind, die den Christus heruntertragen in unsere geistige Entwicklung, so werden in der sechsten Kulturperiode diejenigen Wesen aus der Klasse der Erzengel die Kultur führen, welche die urpersische Kulturperiode geleitet haben. Und die Geister des Urbeginnes, die Archai, welche die Menschheit während der alten indischen Zeit leiteten, sie werden unter dem Christus in der siebenten Kulturepoche die Menschheit zu lenken haben. In der griechisch- lateinischen Zeit war der Christus heruntergestiegen aus geistigen Höhen und hat sich geoffenbart im fleischlichen Leibe des Jesus von Nazareth. Er ist da heruntergestiegen bis in die physische Welt. In der nächsthöheren Welt wird er zu finden sein, wenn die Menschheit dazu reif geworden sein wird. Nicht in der physischen Welt kann er in Zukunft zu finden sein, sondern nur in den nächsthöheren Welten. Denn die Menschen werden nicht dieselben geblieben sein; sie werden reifer geworden sein und den Christus finden, wie ihn Paulus durch das Ereignis vor Damaskus, in dieser Beziehung die Zukunft prophetisch voraussehend, in der geistigen Welt gefunden hat. Und wie es in unserer Zeit dieselben großen Lehrer sind, welche schon in der ägyptisch-chaldäischen Kultur die Menschen geleitet haben, so werden sie auch diejenigen sein, welche im zwanzigsten Jahrhundert die Menschen hinaufführen werden zu einem Schauen des Christus, wie ihn Paulus gesehen hat. Sie werden dem Menschen zeigen, wie der Christus nicht nur auf die Erde wirkt, sondern das ganze Sonnensystem durchgeistigt. Und als einen Geist, der geahnt wurde durch das einheitliche Brahman, in das aber erst der richtige Inhalt durch den Christus einziehen kann, werden auch die, welche die wiederverkörperten heiligen Lehrer Indiens in der siebenten Kulturperiode sein werden, den großen gewaltigen Geist verkünden, von dem sie damals gesagt haben, dass er über ihrer Sphäre walte. So wird die Menschheit von Stufe zu Stufe hinaufgeleitet werden in die geistige Welt.

So über den Christus zu sprechen, wie er Führer ist in den aufeinanderfolgenden Welten auch für die höheren Hierarchien, das lehrt die Wissenschaft, die unter der Signatur des Rosenkreuzes seit dem zwölften, dreizehnten Jahrhundert in unsere Kultur eingetreten ist, und von der gezeigt worden ist, dass sie seit dieser Zeit notwendig geworden ist. Betrachtet man im Sinne dieser Anschauung die Wesenheit näher, welche in Palästina gelebt hat, und welche dann das Mysterium von Golgatha vollbracht hat, so zeigt sich das Folgende.

Es hat bis in unsere Gegenwart herein viele Vorstellungen über den Christus gegeben. Da gab es zum Beispiel die Vorstellung gewisser christlicher Gnostiker der ersten Jahrhunderte, welche sagten: Der Christus, der gelebt hat in Palästina, war überhaupt in keinem physischen fleischlichen Leib vorhanden; er habe nur einen Scheinleib gehabt, einen Ätherleib, der physisch sichtbar geworden war; so dass also auch sein Kreuzestod kein wirklicher Tod gewesen wäre, sondern nur ein scheinbarer, weil eben nur ein Ätherleib vorhanden war. Dann findet man die verschiedenen Streitigkeiten unter den Anhängern des Christentums, so zum Beispiel den bekannten Streit zwischen den Arianern und Athanasianern und so weiter, und auch bei ihnen die verschiedensten Auslegungen über das, was der Christus eigentlich sei. Bis in unsere Zeit hinein machen sich die Menschen die mannigfaltigsten Vorstellungen über den Christus.

Die Geisteswissenschaft muss in Christus nicht bloß eine irdische, sondern eine kosmische Wesenheit erkennen. In gewissem Sinne ist der Mensch überhaupt ein kosmisches Wesen. Er lebt ein zweifaches Leben. Ein solches im physischen Leib von der Geburt bis zum Tode, und ein Leben in den geistigen Welten zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Ist nun der Mensch in einem physischen Leibe verkörpert, dann lebt er - weil der physische Leib auf die Daseinsbedingungen und Kräfte der Erde angewiesen ist - in Abhängigkeit von der Erde. Aber der Mensch nimmt nicht nur die Stoffe und Kräfte der Erde in sich auf, sondern er ist eingegliedert in den ganzen physischen Erdorganismus, gehört zu ihm.

Wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist, dann gehört er nicht den Kräften der Erde an ; aber es wäre unrichtig, sich vorzustellen, dass er dann keinerlei Kräften angehörte, sondern er ist dann verbunden mit den Kräften des Sonnensystems und der weiteren Sternensysteme. Er lebt zwischen Tod und neuer Geburt ebenso im Kosmischen, wie er in der Zeit von der Geburt bis zum Tode im Bereich des Irdischen lebt. Er gehört vom Tode bis zur neuen Geburt dem Kosmos an, wie er auf der Erde angehört den Elementen Luft, Wasser, Erde und so weiter. Indem er das Leben durchlebt zwischen Tod und neuer  Geburt, kommt er in den Bereich der kosmischen Einwirkungen. Von den Planeten kommen nicht etwa bloß die physischen Kräfte, welche die physische Astronomie lehrt, die Schwerkraft und die anderen physischen Kräfte, sondern auch geistige Kräfte. Und mit diesen geistigen Kräften des Kosmos steht der Mensch in Verbindung; und zwar jeder Mensch in einer besonderen Weise, je nach seiner Individualität. Er lebt, wenn er in Europa geboren ist, mit den Wärmeverhältnissen und so weiter in einem anderen Zusammenhange, als wenn er zum Beispiel in Australien geboren wäre. Ebenso steht er im Leben zwischen Tod und neuer Geburt in Beziehung: der eine mehr zu den geistigen Kräften des Mars, der andere mehr zu denen des Jupiter, mancher mehr zu jenen des ganzen Planetensystems überhaupt und so weiter. Und diese Kräfte sind es auch, die den Menschen wieder auf die Erde zurückführen. So lebt er die Zeit vor einer Geburt mit dem gesamten Sternenraum in Verbindung.

Nach diesen besonderen Verhältnissen eines Menschen zum kosmischen System bestimmen sich auch die Kräfte, die einen Menschen zu diesem oder jenem Elternpaar, in diese oder jene Gegend hinleiten. Der Trieb, der Impuls, sich da oder dort, in diese oder jene Familie, in dieses oder jenes Volk, zu diesem oder jenem Zeitpunkt zu inkarnieren, hängt davon ab, wie der Mensch vor der Geburt in den Kosmos eingegliedert ist.

Man hatte in der älteren Zeit im deutschen Sprachgebiet einen Ausdruck, der außerordentlich bezeichnend war für den Eintritt der Geburt eines Menschen. Wenn ein Mensch geboren wurde, sagte man, er sei da oder dort jung geworden. Darinnen liegt ein unbewusster Hinweis darauf, dass der Mensch in der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt zuerst den Kräften weiter untersteht, welche ihn in der vorhergehenden Verkörperung alt gemacht haben, und dass an deren Stelle dann noch vor der Geburt solche treten, welche ihn wieder «jung» machen. So gebraucht noch Goethe im «Faust» den Ausdruck «im Nebellande jung geworden», wobei «Nebelland» der alte Name für das mittelalterliche Deutschland ist.

Dem Stellen des Horoskops liegt die Wahrheit zum Grunde, dass der Kenner dieser Dinge die Kräfte lesen kann, nach denen sich der Mensch in das physische Dasein hereinfindet. Einem Menschen ist ein bestimmtes Horoskop zugeordnet, weil in demselben sich die Kräfte ausdrücken, die ihn ins Dasein geführt haben. Wenn so zum Beispiel im Horoskop der Mars über dem Widder steht, so heißt das, dass gewisse Widderkräfte nicht durch den Mars durchgelassen werden, dass sie abgeschwächt werden. Es wird also der Mensch in das physische Dasein hineingestellt, und das Horoskop ist das, wonach er sich richtet, bevor er sich hineinbegibt in das irdische Dasein. Es soll diese Sache, die ja in unserer Gegenwart so gewagt erscheint, nicht berührt werden, ohne darauf aufmerksam zu machen, dass fast alles, was in dieser Richtung jetzt getrieben wird, der reinste Dilettantismus ist - ein wahrer Aberglaube -, und dass für die äußere Welt die wahre Wissenschaft von diesen Dingen zum großen Teile ganz verloren gegangen ist.

Man soll daher die prinzipiellen Dinge, welche hier gesagt werden, nicht beurteilen nach dem, was gegenwärtig vielfach als Astrologie ein fragwürdiges Dasein führt.

Was den Menschen hereintreibt in die physische Verkörperung, das sind die wirksamen Kräfte der Sternenwelt. Wenn das hellseherische Bewusstsein einen Menschen betrachtet, so kann es an seiner Organisation wahrnehmen, wie diese tatsächlich ein Ergebnis des Zusammenwirkens von kosmischen Kräften ist. Dies soll nun in hypothetischer, aber völlig den hellseherischen Wahrnehmungen entsprechender Form veranschaulicht werden.

Wenn man das physische Gehirn eines Menschen herausnehmen und es hellseherisch untersuchen würde, wie es konstruiert ist, so dass man sehen würde, wie gewisse Teile an bestimmten Stellen sitzen und Fortsätze aussenden, so würde man finden, dass das Gehirn bei jedem Menschen anders ist. Nicht zwei Menschen haben ein gleiches Gehirn. Aber man denke sich nun, man könnte dieses Gehirn mit seiner ganzen Struktur photographieren, so dass man eine Art Halbkugel hätte und alle Einzelheiten daran sichtbar wären, so gäbe dies für jeden Menschen ein anderes Bild. Und wenn man das Gehirn eines Menschen photographierte in dem Moment, in dem er geboren wird, und dann auch den Himmelsraum photographierte, der genau über dem Geburtsort dieses Menschen liegt, so zeigte dieses Bild ganz dasselbe wie das menschliche Gehirn. Wie in diesem gewisse Teile angeordnet sind, so in dem Himmelsbilde die Sterne. Der Mensch hat in sich ein Bild des Himmelsraumes, und zwar jeder ein anderes Bild, je nachdem er da oder dort, in dieser oder jener Zeit geboren ist. Das ist ein Hinweis darauf, dass der Mensch herausgeboren ist aus der ganzen Welt.

Wenn man dies ins Auge fasst, kann man sich auch zu der Vorstellung erheben, wie das Makrokosmische in dem einzelnen Menschen sich zeigt, und davon ausgehend die Idee gewinnen, wie es sich in dem Christus zeigt. Wenn man sich den Christus nach der Johannes-Taufe so vorstellte, als ob  bei ihm das Makrokosmische gelebt hätte wie bei einem anderen Menschen, so bekäme man eine falsche Vorstellung.

Man betrachte zunächst Jesus von Nazareth. Dieser hatte ganz besondere Daseinsbedingungen.

Im Beginne unserer Zeitrechnung sind zwei Jesus-Knaben geboren worden. Der eine stammte aus der nathanischen Linie des Hauses David, der andere aus der salomonischen Linie desselben Hauses. Diese beiden Knaben waren nicht ganz zu gleicher Zeit geboren, aber doch annähernd. In dem salomonischen Jesus-Knaben, den das Matthäus-Evangelium schildert, inkarnierte sich dieselbe Individualität, die früher als Zarathustra auf der Erde gelebt hat, so dass man in diesem Jesus-Kinde des Matthäus-Evangeliums vor sich hat den wiederverkörperten Zarathustra oder Zoroaster. So wächst heran, wie ihn Matthäus schildert, in diesem Jesus-Knaben bis zum zwölften Jahre die Individualität des Zarathustra. In diesem Jahre verlässt Zarathustra den Körper dieses Knaben und geht hinüber in den Körper des anderen Jesus- Knaben, den das Lukas-Evangelium schildert. Daher wird dieses Kind so plötzlich etwas ganz anderes. Die Eltern erstaunen, als sie es in Jerusalem im Tempel wiederfinden, nachdem in dasselbe der Geist des Zarathustra eingetreten war. Das wird dadurch angedeutet, dass der Knabe, nachdem er verlorengegangen war und in Jerusalem im Tempel wiedergefunden wurde, so gesprochen hat, dass ihn die Eltern nicht wiedererkannten, weil sie dieses Kind - den nathanischen Jesus-Knaben - eben nur so kannten, wie er früher war. Aber als es anfing zu den Schriftgelehrten im Tempel zu reden, da konnte es so sprechen, weil in dasselbe der Geist des Zarathustra eingetreten war. - Bis zum dreißigsten  Jahre lebte der Geist des Zarathustra in dem Jesus-Jüngling, der aus der nathanischen Linie des Hauses David stammte. In diesem andern Körper reifte er heran zu einer noch höheren Vollendung. Noch ist zu bemerken, dass in diesem andern Körper, in dem jetzt der Geist des Zarathustra lebte, das Eigentümliche war, dass in dessen Astralleib der Buddha seine Impulse aus der geistigen Welt einstrahlen ließ.

Die morgenländische Tradition ist richtig, dass der Buddha als ein «Bodhisattva» geboren wurde, und erst während seiner Erdenzeit, im neunundzwanzigsten Jahre, zur Buddha-Würde aufgestiegen ist.

Asiat, der große indische Weise, kam, als der Gotama Buddha ein kleines Kind war, in den Königspalast des Vaters des Buddha weinend. Dies aus dem Grunde, weil er als Seher hat wissen können, dass dieses Königskind der «Buddha» werden wird, und weil er sich als ein alter Mann fühlte, der es nicht mehr erleben wird, wie der Sohn des Suddhodana zum Buddha werden wird. Dieser Weise wurde in der Zeit des Jesus von Nazareth wiedergeboren. Es ist derselbe, der uns im Lukas-Evangelium als jener Tempelpriester vorgeführt wird, welcher in dem nathanischen Jesus-Knaben den Buddha sich offenbaren sieht. Und weil er dies sah, deshalb sagte er: «Las, Herr, deinen Diener in Frieden fahren, denn ich habe meinen Meister gesehen!» Was er damals in Indien nicht sehen konnte, das sah er durch den Astralleib dieses Jesus-Knaben, der uns als der des Lukas-Evangeliums entgegentritt: den zum Buddha gewordenen Bodhisattva.

Das alles war notwendig, damit der Leib zustande kommen konnte, welcher dann am Jordan die «Johannes-Taufe» empfing. Damit verließ die Individualität des Zarathustra den dreifachen Leib - physischen Leib, Ätherleib, Astralleib - jenes Jesus, der auf so komplizierte Weise herangewachsen war, damit der Geist des Zarathustra in ihm sein konnte. Durch zwei Entwicklungsmöglichkeiten, die in den beiden Jesus-Knaben gegeben waren, musste hindurchgehen der wiedergeborene Zarathustra. Es stand also dem Täufer gegenüber der Leib des Jesus von Nazareth, und in diesen wirkte nun herein die kosmische Individualität des Christus. Bei einem andern Menschen wirken die kosmisch-geistigen Gesetze nur so, dass sie ihn in das Erdenleben hereinstellen. Dann treten entgegen diesen Gesetzen diejenigen, welche aus den Bedingungen der Erdenentwicklung stammen. Bei dem Christus Jesus blieben nach der Johannes-Taufe die kosmisch-geistigen Kräfte allein wirksam, ohne alle Beeinflussung durch die Gesetze der Erdenentwicklung.

Während Jesus von Nazareth als Christus Jesus in den letzten drei Jahren seines Lebens vom dreißigsten bis zum dreiunddreißigsten Jahre in Palästina auf der Erde wandelte, wirkte fortwährend die ganze kosmische Christus-Wesenheit in ihn herein. Immer stand der Christus unter dem Einfluss des ganzen Kosmos, er machte keinen Schritt, ohne dass die kosmischen Kräfte in ihn hereinwirkten. Was hier bei dem Jesus von Nazareth sich abspielte, war ein fortwährendes Verwirklichen des Horoskopes; denn in jedem Moment geschah das, was sonst nur bei der Geburt des Menschen geschieht. Das konnte nur dadurch so sein, dass der ganze Leib des nathanischen Jesus beeinflussbar geblieben war gegenüber der Gesamtheit der unsere Erde lenkenden Kräfte der kosmisch-geistigen Hierarchien. Wenn so der ganze Geist des Kosmos in den Christus Jesus hereinwinkte, wer ging dann zum Beispiel nach Kapernaum oder sonstwo hin? Was da als ein Wesen auf der Erde wandelte, das sah allerdings wie ein anderer Mensch aus.

Die wirksamen Kräfte darin aber waren die kosmischen Kräfte, die von Sonne und Sternen kamen; sie dirigierten den Leib. Und je nach der Gesamtwesenheit der Welt, mit welcher die Erde zusammenhängt, geschah das, was der Christus Jesus tat. Daher ist so oft die Sternkonstellation für die Taten des Christus Jesus in den Evangelien leise angedeutet. Man lese im Johannes-Evangelium, wie der Christus seine ersten Jünger findet. Da wird angegeben: «Es war aber um die zehnte Stunde» ; weil der Geist des ganzen Kosmos in Gemäßheit der Zeitverhältnisse sich in dieser Tatsache zum Ausdruck brachte. Solche Andeutungen sind an andern Evangelien-Stellen weniger deutlich; wer aber die Evangelien lesen kann, der findet sie überall.

Von diesem Gesichtspunkte aus sind zum Beispiel die Wunder der Krankenheilungen zu beurteilen. Man fasse nur eine Stelle ins Auge, diejenige, wo es heißt: «Als die Sonne untergegangen war, da brachten sie zu ihm die Kranken, und er heilte sie.» Was heißt das? Da macht der Evangelist darauf aufmerksam, dass diese Heilung mit der ganzen Sternkonstellation zusammenhing, dass eine solche Weltenkonstellation vorhanden war in der entsprechenden Zeit, die nur hat herbeigeführt werden können, als die Sonne untergegangen war. Gemeint ist, dass in dieser Zeit die entsprechenden Heilkräfte sich offenbaren konnten nach Sonnenuntergang. Der Christus Jesus wird als der Mittler dargestellt, welcher den Kranken mit den Kräften des Kosmos zusammenbringt, die gerade zu jener Zeit heilend wirken  konnten. Diese Kräfte waren dieselben, die als Christus in Jesus wirkten. Durch Christi Gegenwart geschah die Heilung, weil infolge derselben der Kranke den ihn heilenden Kräften des Kosmos ausgesetzt wurde, die nur unter den betreffenden Raumes- und Zeitverhältnissen so wirken konnten, wie sie wirkten. Die Kräfte des Kosmos wirkten durch ihren Repräsentanten, den Christus, auf den Kranken.

So aber konnten sie nur gerade zu Christi Erdenzeit wirken. Es bestand nur damals ein solcher Zusammenhang zwischen den kosmischen Konstellationen und den Kräften im Menschheitsorganismus, dass für gewisse Krankheiten eine Heilung eintreten konnte, wenn durch den Christus Jesus die kosmische Konstellation auf den Menschen wirkte. Eine Wiederholung dieser Verhältnisse im kosmischen und Erdenwerden ist ebensowenig möglich wie eine zweite Verkörperung des Christus in einem menschlichen Leibe. So angesehen, erscheint der Wandel des Christus Jesus als der irdische Ausdruck eines bestimmten Verhältnisses des Kosmos zu den Kräften des Menschen. Das Weilen eines Kranken an der Seite Christi bedeutet, dass sich dieser Kranke durch die Nähe Christi in einem solchen Verhältnisse zum Makrokosmos befand, das auf ihn heilend wirken konnte.

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Damit sind die Gesichtspunkte angegeben, die erkennen lassen, wie die Führung der Menschheit unter den Einfluss des Christus sich gestellt hat. Aber die anderen Kräfte, die zurückgeblieben waren in der ägyptisch-chaldäischen Zeit, wirken neben den von Christus durchdrungenen weiter. Dies zeigt sich auch darinnen, wie sich die Gegenwart vielfach zu den Evangelien selbst stellt. Es erscheinen Literaturwerke, die sich in sonderbarer Weise bemühen, zu zeigen, dass man die Evangelien verstehen kann, indem man sie astrologisch auslegt. Die größten Gegner der Evangelien berufen sich auf dieses astrologische Auslegen, so dass zum Beispiel der Weg des Erzengels Gabriel von Elisabeth zu Maria nichts anderes bedeuten solle als das Schreiten der Sonne vom Sternbilde der Jungfrau zu einem andern. Das ist etwas, was in gewisser Weise richtig ist; nur werden diese Gedanken unserer Zeit in dieser Art eingeflößt von den Wesenheiten, die während der ägyptisch-chaldäischen Zeit zurückgeblieben sind. Man will unter solchem Einflusse glauben machen, dass die Evangelien nur Allegorien darstellten für gewisse kosmische Verhältnisse. In Wahrheit liegt die Sache so, dass in dem Christus sich der ganze Kosmos ausspricht, dass man also das Christus-Leben ausdrücken kann, indem man für seine einzelnen Vorgänge die kosmischen Verhältnisse anführt, die fortwährend durch Christus in das Erdendasein hereinwirken. So wird eine richtige Auffassung dieser Sache zur vollen Anerkennung des irdisch-lebenden Christus führen müssen, während der charakterisierte Irrtum meint, wenn er gewahr wird, es werde das Christus-Leben in den Evangelien durch kosmische Konstellationen ausgedrückt, dies beweise, dass nur diese Konstellationen allegorisch behandelt werden, und dass es keinen irdisch-realen Christus gegeben habe.

Wenn ein Vergleich gebraucht werden dürfte, so könnte man sagen: Man denke sich jeden Menschen unter dem Bilde einer spiegelnden Kugel. Wenn man sich einen Kugelspiegel aufgestellt denkt, so gibt er Bilder seiner ganzen Umgebung. Man nehme an, wir führten mit dem Stift die Umrisse nach, welche die ganze Umgebung abbilden. Man könnte dann den Spiegel nehmen und das Abbild überall hintragen. Dies sei ein Sinnbild für die Tatsache, dass, wenn ein Mensch geboren wird, er ein Abbild des Kosmos in sich trägt, und dann die Wirkung dieses einen Bildes durch das ganze Leben mit sich führt. Man könnte nun aber auch den Spiegel so lassen, dass er überall, wohin man ihn trägt, die Umgebung abbildet.

Dann gibt er stets ein Bild der gesamten Umgebung. Das wäre das Sinnbild des Christus von der Johannes-Taufe bis zum Mysterium von Golgatha. Was bei einem andern Menschen mit der Geburt in das irdische Dasein einfließt, das floss in den Christus Jesus in jedem Augenblick ein. Und als das Mysterium von Golgatha sich vollzog, ging das, was aus dem Kosmos eingestrahlt war, in die geistige Substanz der Erde über und ist seit jener Zeit mit dem Geiste der Erde verbunden.

Als Paulus vor Damaskus hellsichtig geworden war, konnte er erkennen, dass in den Geist der Erde übergegangen war, was früher im Kosmos war. Davon wird sich jeder überzeugen können, der seine Seele dazu bringen kann, das Ereignis von Damaskus nachzuleben. Im zwanzigsten Jahrhundert werden die ersten Menschen auftreten, welche das Christus-Ereignis des Paulus in geistiger Weise erleben werden.

Während bis zu dieser Zeit dieses Ereignis nur diejenigen Menschen erleben konnten, welche sich durch esoterische Schulung hellsichtige Kräfte aneigneten, wird künftig durch die naturgemäße Menschheitsentwicklung den fortschreitenden Seelenkräften das Schauen Christi in der Geistes-Sphäre der Erde möglich sein. Dies wird - als ein Nachleben des Ereignisses von Damaskus - von einem bestimmten Zeitpunkte des zwanzigsten Jahrhunderts an einigen Menschen möglich sein; dann wird sich deren Zahl vergrößern, bis es in fernerer Zukunft eine natürliche Fähigkeit der Menschenseele sein wird.

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Mit dem Eintritt des Christus in die Erdenentwicklung war ein völlig neuer Einschlag für diese Entwicklung gegeben. Es zeigen auch die äußeren Tatsachen der Geschichte den Ausdruck davon. In den ersten Zeiten der nachatlantischen Entwicklung haben die Menschen sehr wohl gewusst: über uns ist nicht nur ein physischer Mars; sondern was wir sehen als Mars oder als Jupiter oder Saturn, das ist der Ausdruck für geistige Wesenheiten. Es wurde in der Folgezeit diese Anschauung völlig vergessen. Die Weltenkörper wurden für die menschliche Meinung bloß Körper, die nach physischen Verhältnissen beurteilt wurden. Und im Mittelalter sahen die Menschen von den Sternen nur noch, was die Augen sehen können: die Sphäre der Venus, die Sphäre der Sonne, des Mars und so weiter bis zur Sphäre des Fixsternhimmels; und dann kam die achte Sphäre, wie eine blaue, feste Wand dahinter. Dann kam Kopernikus und schlug Bresche in die Anschauung, dass nur dasjenige maßgebend sein könnte, was die Sinne sehen. - Die heutigen physischen Wissenschafter können gewiss sagen: Da treten so verworrene Köpfe auf, welche behaupten, die Welt ist Maja, ist Illusion, und man müsse in eine geistige Welt hineinschauen, um die Wahrheit zu erkennen, während doch wahre Wissenschaft die ist, welche sich an die Sinne hält und das verzeichnet, was die Sinne sagen. - Wann haben denn die Astronomen nur auf die Sinne vertraut? Damals, als die astronomische Wissenschaft herrschte, die heute bekämpft wird? Als Kopernikus anfing, dasjenige auszudenken, was über den Sinnesschein hinaus im Weltenraum vorhanden ist, da fing erst die heutige moderne Astronomie als Wissenschaft an. Und so ist es tatsächlich auf allen Wissensgebieten. Überall, wo im modernsten Sinne Wissenschaft entstanden ist, entstand sie gegen den Sinnesschein. Als Kopernikus erklärte: Was ihr seht, ist Maja, ist Täuschung; verlasst euch auf das, was ihr nicht sehen könnt!, da wurde das Wissenschaft, was man heute als solche anerkennt. Man könnte also den Vertretern der heutigen Wissenschaft sagen: Eure Wissenschaft ist selber erst dann «Wissenschaft» geworden, als sie sich nicht mehr auf die Sinne verlassen wollte. Es kam Giordano Bruno, als philosophischer Ausdeuter der Lehre des Kopernikus. Er lenkte den Blick hinaus in den Weltenraum und verkündete: Was man die Grenze des Raumes genannt hat, was man als achte Sphäre hingestellt hat, die alles räumlich begrenzt, das ist keine Grenze. Das ist Maja, Schein ; denn es ist in den Weltenraum ergossen eine Unzahl von Welten. Was man vorher als Grenze des Raumes glaubte, das wurde nunmehr die Grenze der Sinneswelt der Menschen. Man wende hinaus den Blick über die Sinneswelt: wird man die Welt nicht mehr sehen, wie sie nur die Sinne zeigen, dann wird man auch die Unendlichkeit erkennen.

Es ist aus diesem ersichtlich, wie der Verlauf der Menschheitsentwicklung so ist, dass der Mensch von einer ursprünglichen geistigen Anschauung des Kosmos ausgegangen ist, und dass er diese im Laufe der Zeiten verloren hat. An ihre Stelle war eine bloß sinnliche Auffassung der Welt getreten. Da trat in die Entwicklung der Christus-Impuls ein. Durch diesen wird die Menschheit dazu geführt, der materialistischen Anschauung wieder das Geistige einzuprägen. In dem Augenblicke, da Giordano Bruno die Fesseln des Sonnenscheins durchbrach, war die Christus-Entwicklung so weit, dass in ihm die Seelenkraft tätig sein konnte, welche durch diesen Christus-Impuls entzündet war. Damit ist auf die ganze Bedeutung des Einlebens des Christus in alle Menschheitsentwicklung hingewiesen. Auf eine Entwicklung, an deren Anfang gegenwärtig im Grunde erst die Menschheit steht.

Was strebt nun die Geisteswissenschaft an? Sie vollendet das Werk, das durch Giordano Bruno und andere geschehen ist für die äußere physische Wissenschaft, indem sie sagt: Maja, Illusion ist das, was die äußere Wissenschaft erkennen kann. Wie man früher bis zur «achten Sphäre» geschaut hat und den Raum begrenzt glaubte, so glaubt das heutige Denken den Menschen eingeschlossen zwischen Geburt und Tod. Die geistige Wissenschaft aber erweitert den Blick über Geburt und Tod hinaus.

Es ist eine geschlossene Kette in der Menschheitsentwicklung, die sich durch solche Ideen erkennen lässt. Und im wahren Sinne des Wortes ging das, was für den Raum als Überwindung des Sinnenscheins durch Kopernikus und Giordano Bruno ausgeführt worden ist, schon hervor aus den Inspirationen derjenigen geistigen Strömung, welcher auch die neuere Geisteswissenschaft oder Theosophie folgt. Was man die neuere Esoterik nennen kann, das wirkte in geheimnisvoller Art auf Kopernikus, Bruno, Kepler und andere. Und die, welche heute auf dem Boden des Giordano Bruno und des Kopernikus stehen und nicht die Theosophie annehmen wollen, sie werden ihren eigenen Traditionen  untreu, indem sie an dem Sinnenschein festhalten wollen. Die Geisteswissenschaft aber zeigt: Wie Giordano Bruno das blaue Himmelsgewölbe durchbrach, so durchbricht diese Wissenschaft die Grenzen von Geburt und Tod für den Menschen, indem sie zeigt, wie der aus dem Makrokosmos stammende Mensch im physischen Dasein lebt, und durch den Tod hindurch wieder in ein Makrokosmische Dasein eintritt. Und was wir in jedem einzelnen Menschen im beschränkten Maße sehen, das tritt uns im großen entgegen in dem Repräsentanten des Kosmos-Geistes, in dem Christus Jesus. Und nur einmal konnte dieser Impuls gegeben werden, den der Christus gab. Nur einmal konnte sich so der ganze Kosmos spiegeln; denn diese Konstellation, wie sie damals vorhanden war, sie kommt nicht wieder. Diese Konstellation musste durch einen Menschenkörper wirken, damit sie auf der Erde den Impuls geben konnte. So wahr, wie diese selbe Konstellation nicht ein zweites Mal eintritt, so wahr ist der Christus nur einmal zur Verkörperung gekommen. Nur wenn man nicht weiß, dass der Christus der Repräsentant des ganzen Weltalls ist, und man sich nicht durchringen kann zu dieser Christus-Idee, zu der durch die Geisteswissenschaft die Elemente gegeben werden, nur dann kann man behaupten, dass der Christus mehrmals auf Erden erscheinen könne.

So zeigt sich, wie eine Christus-Idee aus der neueren Geisteswissenschaft oder Theosophie entspringt, welche dem Menschen seine Verwandtschaft mit dem ganzen Makrokosmos in einer erneuerten Weise zeigt. Es bedarf wahrhaftig, um den Christus wirklich kennenzulernen, derjenigen inspirierenden Kräfte, die jetzt auftreten durch die selber von dem Christus geführten alten ägyptischen und chaldäischen übermenschlichen Wesenheiten. Es bedarf einer solchen neuen Inspiration, der Inspiration, welche vorbereitet haben die großen Esoteriker des Mittelalters vom dreizehnten Jahrhundert an und die immer mehr und mehr von jetzt ab in die Öffentlichkeit dringen muss. Wenn sich im Sinne dieser Wissenschaft der Mensch in seiner Seele in richtiger Weise vorbereitet zur Erkenntnis der Geisteswelt, dann kann er hören hellhörend, sehen hellsichtig, was offenbaren die alten chaldäischen und ägyptischen Mächte, die jetzt geistige Leiter geworden sind unter der Anführung der Christus-Wesenheit.

Was da der Menschheit einmal erstehen wird, das konnte in den ersten christlichen Jahrhunderten bis zu unserer Zeit nur vorbereitet werden. Daher dürfen wir sagen: Es wird künftig eine Christus-Idee leben in den Herzen der Menschen, an Größe mit nichts zu vergleichen, was bisher die Menschheit zu erkennen glaubte. Was entstanden ist als erster Impuls durch Christus und gelebt hat als Vorstellung von ihm bis heute - selbst bei den besten Vertretern des Christus-Prinzipes -, das ist nur eine Vorbereitung zu der wirklichen Erkenntnis des Christus. Es wäre recht sonderbar, könnte aber geschehen, dass denen, welche im Abendlande die Christus-Idee in solchem Sinne zum Ausdruck bringen, vorgeworfen würde, sie stünden nicht auf dem Boden der christlichen Tradition des Abendlandes. Denn diese christliche Tradition des Abendlandes reicht durchaus nicht aus, um den Christus für eine nächste Zukunft zu begreifen.

Von den Voraussetzungen der abendländischen Esoterik aus kann man die geistige Führung der Menschheit allmählich einfließen sehen in eine solche, die man im echten wahren Sinne die aus dem Christus-Impuls kommende Führung nennen kann. Was als die neuere Esoterik auftritt, wird langsam in die Herzen der Menschen einfließen; und die geistige Führung des Menschen und der Menschheit wird bewusst immer mehr und mehr in solchem Lichte gesehen werden. Man vergegenwärtige sich, wie erst das Christus-Prinzip in die Herzen der Menschen eingeflossen ist dadurch, dass der Christus in dem physischen Leibe des Jesus von Nazareth in Palästina wandelte. Da haben die Menschen, die sich allmählich ganz dem Vertrauen in die sinnliche Welt ergeben hatten, den Impuls empfangen können, der ihrer Auffassung entsprach. Dann hat derselbe Impuls durch die Inspiration der neueren Esoterik so gewirkt, dass inspiriert werden konnten Geister wie Nikolaus Cusanus, Kopernikus, Galilei, so dass zum Beispiel Kopernikus den Satz geltend machen konnte: Der Sinnenschein kann nicht die Wahrheit über die Sonnensysteme lehren; will man die Wahrheit finden, so muss man hinter dem Sinnenschein forschen. - Damals waren die Menschen noch nicht reif, selbst Geister wie Giordano Bruno nicht, sich der neueren esoterischen Strömung bewusst einzugliedern; sie mussten unbewusst in sich wirksam haben den Geist dieser Strömung. Giordano Bruno verkündete großartig und gewaltig: Wenn ein Mensch durch die Geburt ins Dasein tritt, so ist es ein Makrokosmisches, das sich konzentriert als eine Monade, und wenn ein Mensch durch den Tod geht, so dehnt sich die Monade wieder aus; was im Körper zusammengeschlossen war, dehnt sich im Weltall aus, um sich in anderen Daseinsstufen wieder zusammenzuziehen und wieder auszudehnen. Damals sprachen aus Bruno gewaltige Begriffe, die ganz und gar im Sinne der neueren Esoterik, wenn auch wie ein Stammeln, sind. Die geistigen Einflüsse, welche die Menschheit führen, brauchen nicht dadurch zu wirken, dass der Mensch sich ihrer immer bewusst ist. Sie setzen zum Beispiel den Menschen Galilei in den Dom von Pisa. Tausende haben dort die alte Kirchenlampe gesehen, haben aber nicht gesehen wie Galilei. Er sah die Kirchenlampe schwingen, und verglich die Schwingungszeiten mit dem Ablauf seiner Pulsschläge. So fand er, dass in regelmäßigem Rhythmus, dem Pulsrhythmus ähnlich, die Kirchenlampe schwingt. Daraus hat er dann die «Pendelgesetze» gefunden im Sinne der neueren Physik. Wer die heutige Physik kennt, der weiß, dass sie nicht möglich wäre ohne die Galileischen Prinzipien. - So wirkte damals das, was gegenwärtig in der Geisteswissenschaft auftritt; es setzte Galilei hin in den Dom von Pisa vor die schwingende Kirchenlampe, und die heutige Physik bekam ihre Prinzipien. So wirken in geheimnisvoller Art die geistigen führenden Kräfte der Menschheit.

Man geht jetzt der Zeit entgegen, in welcher sich die Menschen auch dieser führenden Kräfte bewusst werden sollen. Man wird immer mehr und mehr begreifen, was in der Zukunft geschehen muss, wenn man dasjenige richtig versteht, was als neuere Esoterik inspirierend wirkt, und was zeigt, dass dieselben geistigen Wesenheiten, auf welche die alten Ägypter hingedeutet haben, als die Griechen sie nach ihren Lehrern fragten, dass diese selben Wesenheiten, die damals als Götter geherrscht haben, jetzt wieder herrschend werden, aber sich jetzt der Führung des Christus unterstellen wollen. Immer mehr und mehr werden die Menschen fühlen, wie sie das, was vorchristlich ist, in einem höheren Glanze und Stil, auf einer höheren Stufe wiedererstehen lassen können. - Das Bewusstsein, das der Gegenwart notwendig ist, und das ein gestärktes Bewusstsein sein muss, eine hohe Pflicht-Verantwortlichkeit sein soll gegenüber dem Erkennen der geistigen Welt, das kann nur in unsere Seele einziehen, wenn in dem gekennzeichneten Sinne die Aufgabe der Geisteswissenschaft erfasst wird.


Anmerkungen:

(1) Mit «urpersisch» wird hier nicht das bezeichnet, was in der gewöhnlichen Geschichte «persisch» heißt, sondern eine alte asiatische vorgeschichtliche (iranische) Kultur, welche auf dem Boden sich entwickelte, auf dem sich später das persische Reich ausdehnte.

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