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Goethes Faust als Bild seiner esoterischen Weltanschauung

Diese Ausführungen sind 1902 geschrieben und zuerst veröffentlicht worden

Es ist Goethes Überzeugung, dass der Mensch niemals in einer zusammenfassenden Vorstellungswelt die Rätsel des Daseins lösen könne. Er teilt diese Anschauung mit allen, die, nach gewissen Prüfungen ihres Innenlebens, sich bis zu einem Einblick in das Wesen der Erkenntnis durchgerungen haben. Diese können nicht, gleich gewissen Philosophen, von einer Beschränktheit des menschlichen Erkennens sprechen. Sie sehen ein, dass das menschliche Weisheitsstreben nirgends eine Grenze hat, dass es vielmehr ins Unendliche zu erweitern ist. Aber sie wissen, dass die Tiefen der Welt unerreichbar sind. In jedem Geheimnis, das sich ihnen enthüllt, liegt der Quell zu neuen Geheimnissen, in der Lösung eines Rätsels liegt ein neues verborgen. Doch wissen sie auch, dass dieses neue wieder für sie lösbar sein wird, wenn sich ihre Seele zu der entsprechenden Entwicklungsstufe erhoben hat. Obwohl sie so überzeugt sind, dass es für den Menschen keine unlöslichen Weltgeheimnisse gibt, wollen sie doch niemals in einer abgeschlossenen Erkenntnis sich befriedigen, sondern nur gewisse Aussichtspunkte im Seelenleben erklimmen, in denen sich die in der Ferne sich verlierenden Perspektiven der Erkenntnis eröffnen.

Wie mit der Erkenntnis im allgemeinen geht es mit derjenigen, welche wir aus den wahrhaft großen Werken des Geisteslebens gewinnen. Sie gehen aus einer Tiefe des Seelenlebens hervor, deren Grund unerreichbar ist. Man darf sogar sagen, dass nur diejenigen geistigen Schöpfungen zu den wahrhaft bedeutenden gehören, denen gegenüber man ein solches Gefühl in einem immer stärkeren Grade erhält, je öfter man zu ihnen zurückkehrt. Vorausgesetzt ist dabei allerdings, dass man immer, wenn man zurückkehrt, selbst vorher eine Weiterentwicklung seines Seelenlebens durchgemacht hat. Es scheint, dass jeder, der mit dieser Gesinnung den Goetheschen Faust ansieht, von ihm eine solche Empfindung gewinnen muss.

Wer dazu noch bedenkt, dass Goethe dieses Werk als junger Mann begonnen und kurz vor seinem Tode vollendet hat, der wird sich hüten, über dasselbe einen erschöpfenden Gedanken zu hegen. Der Dichter ist in seinem langen und reichen Leben von Entwicklungsstufe zu Entwicklungsstufe fortgeschritten, und er hat seine Faustschöpfung in vollem Maße an dieser Fortentwicklung teilnehmen lassen. Einmal wurde er gefragt, ob denn der Abschluss seines Faust so wäre, dass er den Worten des im Jahre 1797 geschriebenen «Prolog im Himmel» entspreche: «Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange, ist sich des rechten Weges wohl bewusst.» Er antwortete, das wäre ja «Aufklärung», Faust aber endige im höchsten Alter, und da werde man Mystiker.

Gewiss: der junge Goethe konnte sich nicht bewusst sein, dass er im Laufe seines Lebens zu der Anschauung erhoben werde, für die er am Schlusse des Faust im «Chorus mysticus» die Worte fand: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis. » An seinem Lebensende hatte sich ihm in anderer Weise geoffenbart, was im Dasein ewig ist, als er 1797 ahnen konnte, da er Gott zu den Erzengeln, mit Hindeutung auf dieses Ewige, sprechen lässt: «Und was in schwankender Erscheinung schwebt, befestiget mit dauernden Gedanken.» Goethe war sich klar, dass sich ihm seine Wahrheit stufenweise enthüllt hat. Er wollte seinen Faust aus diesem Gesichtspunkte beurteilt haben. Am 6. Dezember 1829 sagte er zu Eckermann: «Wenn man alt ist, denkt man über die weltlichen Dinge anders, als da man jung war... Es geht mir damit wie einem, der in seiner Jugend sehr viel kleines Silber- und Kupfergeld hat, das er während dem Lauf seines Lebens immer bedeutender einwechselt, so dass er zuletzt seinen Jugendbesitz in reinen Goldstücken vor sich sieht.»

Warum dachte Goethe in seinem Alter über die «weltlichen Dinge» anders als in seiner Jugend? Weil er im Laufe des Lebens immer höhere Aussichtspunkte des Seelenlebens erstiegen hat, in denen sich ihm immer neue Perspektiven der Wahrheit geoffenbart haben. Wer seiner inneren Entwicklung folgt, der allein kann hoffen, die im hohen Alter von ihm geschriebenen Teile des Faust in der rechten Weise zu lesen. Für den erschließen sich aber auch immer neue Tiefen dieses Weltgedichtes. Er dringt vor zu einer esoterischen Deutung der Vorgänge und Gestalten. Alles gewinnt neben der äußeren noch eine innere, geistige Bedeutung. Wer solches nicht vermag, der wird, je nach seiner persönlichen, künstlerischen Auffassung, den zweiten Teil des Faust, wie der bedeutende Ästhetiker Vischer, ein zusammengeschustertes Machwerk des Alters nennen; oder er wird sich an der reichen Bilder- und Märchenwelt erfreuen, die Goethes Phantasie entströmt ist.

Wer von einer esoterischen Deutung des Goetheschen Faust spricht, wird naturgemäß alle die zum Widerspruch reizen, die verlangen, dass ein «Kunstwerk rein künstlerisch» erfasst und genossen werden müsse. Sie werden mit dem Vorwurfe bei der Hand sein, dass es unstatthaft sei, lebensvolle Gestalten der künstlerischen Phantasie in stroherne Allegorien zu verwandeln. Wenn solche Leute nur sich darüber klar wären, dass sie nichts weiter behaupten, als was man von einem höheren Gesichtspunkte aus eine «Zigeunerwahrheit» nennt. Sie glauben, weil für sie der geistige Gehalt strohern ist, muss er es für alle sein. Nein, es gibt welche, die dort, wo ihr stroherne Allegorien seht, ein höheres Leben atmen, denen ein tiefer Geist erquillt, wo ihr nur Worte hört. Es ist zunächst schwer, sich mit euch zu verständigen, wenn ihr nicht den «guten Willen» habt, uns ins «Geisterreich» zu folgen. Wir haben ja nur dieselben Worte, die ihr auch habt. Und wir können niemand zwingen, das ganz andere, das wir bei den Worten empfinden, mitzuempfinden. Wir bekämpfen euch nicht. Wir geben alles zu, was ihr sagt. Auch uns ist Faust zunächst Kunstwerk, Phantasie-Schöpfung. Wir rechneten es uns als einen Mangel an, wenn wir diesen künstlerischen Wen nicht empfinden könnten. Aber glaubet nur nicht, dass wir keine Sinne haben für die Schönheit der Lilie, weil wir zu dem Geist aufsteigen, den sie uns offenbart; glaubet nicht, dass wir ohne Auge sind für das Bild, das «im höheren Sinne» für uns, wie «alles Vergängliche», nur ein «Gleichnis» ist.

Wir halten es mit Goethe. Er sagte am 25. Januar 1827 zu Eckermann: «Aber doch ist alles (im Faust) sinnlich und wird, auf dem Theater gedacht, jedem gut in die Augen fallen. Und mehr habe ich nicht gewollt. Wenn es nur so ist, dass die Menge der Zuschauer Freude an der Erscheinung hat; dem Eingeweihten wird zugleich der höhere Sinn nicht entgehen.»

Wer Goethe wirklich verstehen will, der darf sich von solcher Einweihung nicht fernehalten. Man kann genau den Punkt in Goethes Leben angeben, wo ihm der Sinn dafür aufging, dass «alles Vergängliche nur ein Gleichnis ist». Es war, als ihm vor den antiken Kunstwerken der Gedanke durch die Seele zog: «So viel ist gewiss, die alten Künstler haben ebenso große Kenntnis der Natur und einen ebenso sicheren Begriff von dem, was sich vorstellen lässt und wie es vorgestellt werden muss, gehabt als Homer.

Leider ist die Anzahl der Kunstwerke der ersten Klasse gar zu klein. Wenn man aber auch diese sieht, so hat man nichts zu wünschen, als sie recht zu erkennen und dann in Frieden hinzufahren. Die hohen Kunstwerke sind zugleich als die höchsten Naturwerke von Menschen nach wahren und natürlichen Gesetzen hervorgebracht worden. Alles Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen: da ist die Notwendigkeit, da ist Gott.» Es ist unter dem 6. September 1787, da Goethe im Tagebuch seiner «Italienischen Reise» diesen Gedanken aufzeichnet.

Man kann auch auf anderen Wegen zu dem «Geiste der Dinge» dringen. Goethes Natur ist eine künstlerische. Daher muss sich ihm in der Kunst dieser Geist erschließen. Man kann nachweisen, dass auch seine großen, wissenschaftlichen Erkenntnisse, durch die er die naturwissenschaftlichen Einsichten des neunzehnten Jahrhunderts vorher verkündigt hat, aus seinem Künstlergeiste heraus geboren sind. (1)

Eine andere Persönlichkeit wird durch eine religiöse, eine dritte durch eine philosophische Entwicklung zu einer gleichen Perspektive der Erkenntnis und Wahrheit kommen.

Man darf in Goethes Faust das Bild einer inneren Seelen-Entwicklung suchen. Im besonderen ein solches, wie es eine künstlerische Persönlichkeit zur Darstellung bringen muss. Er war durch seine Geistesanlage dazu vorherbestimmt, in die Tiefen der Natur selbst zu schauen. Man sehe, wie der Knabe schon für sich einen tiefempfundenen Naturdienst als Ergebnis seines Glaubensbekenntnisses ausbildet.

Er schildert uns das in «Wahrheit und Dichtung». «Der Gott, der mit der Natur in unmittelbarer Verbindung stehe, sie als sein Werk anerkenne und liebe, dieser schien ihm der eigentliche Gott, der ja wohl auch mit dem Menschen wie mit allem übrigen in ein genaueres Verhältnis treten könne, und für denselben ebenso wie für die Bewegung der Sterne, für Tages- und Jahreszeiten, für Pflanzen und Tiere Sorge tragen werde.»

Er nimmt aus der Naturaliensammlung seines Vaters die besten Mineralien und Gesteine und legt sie in regelmäßiger Ordnung auf ein Musikpult. Das ist der Altar, auf dem er dem Naturgotte sein Opfer darbringen will. Zu oberst legt er Räucherkerzchen, und diese entzündet er mit Hilfe eines Brennglases durch die aufgefangenen Strahlen der aufgehenden Morgensonne. So hat er ein heiliges Feuer durch das Wesen der natürlich-göttlichen Kräfte selbst entzündet. Sieht man darin nicht den Anfang zu einer inneren Seelenentwicklung, die, um im Sinne der indischen Theosophie zu sprechen, in der Mitte der Sonne das Licht und in der Mitte des Lichtes die Wahrheit sucht. Wer Goethes Leben verfolgt, der kann diesen «Pfad» schauen, auf dem er durch Zwischenstufen hindurch die «tiefere Bewusstseinsschichte» gesucht hat, durch die sich ihm dann die ewige «Notwendigkeit, Gott» enthüllt hat. Er erzählt uns in «Wahrheit und Dichtung», wie er sich in allen möglichen Wissensgebieten herumgetrieben hat, um einmal in alchimistischen Versuchen zu suchen, ob ihm «durch Geistes Kraft und Mund nicht manch Geheimnis würde kund». Später hat er in den Werken der Natur die ewigen Gesetzmäßigkeiten gesucht und in seiner «Urpflanze» und im« Urtier» gefunden, was der Geist der Natur zum Menschengeiste spricht, wenn die Seele sich, in seinem Sinne, zu einer «der Idee gemäßen» Denk- und Vorstellungsweise durchgerungen hat. Zwischen beide Wendepunkte seines Seelenlebens fällt die Abfassung des Teiles vom Faust, in dem er diesen, nach Verzweiflung an allem äußerlichen Wissen, den «Erdgeist» beschwören lässt. Das ewige, wahrheitträchtige Licht selbst spricht aus den Worten dieses «Erdgeistes»:

In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall' ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben,
So schaff' ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.

Das ist ein Ausdruck der umfassenden Naturanschauung, der wir auch in Goethes, etwa in seinem dreißigsten Lebensjahre geschriebenem Prosahymnus «Die Natur» begegnen. «Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen - unvermögend, aus ihr herauszutreten, und unvermögend, tiefer in sie hineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme entfallen. Sie schafft ewig neue Gestalten; was da ist, war noch nie; was war, kommt nicht wieder - alles ist neu, und doch immer das alte.... Sie baut immer und zerstört immer, und ihre Werkstätte ist unzugänglich. Sie lebt in lauter Kindern, und die Mutter, wo ist sie? - Sie ist die einzige Künstlerin... Jedes ihrer Werke hat ein eigenes Wesen, jede ihrer Erscheinungen den isoliertesten Begriff; und doch macht alles eins aus.... Sie verwandelt sich ewig, und ist kein Moment Stillestehen in ihr.... Ihr Tritt ist gemessen, ihre Ausnahmen selten, ihre Gesetze unwandelbar.... Die Menschen sind alle in ihr, und sie in allen.... Leben ist ihre schönste Erfindung, und der Tod ist ihr Kunstgriff; viel Leben zu haben.... Man gehorcht ihren Gesetzen, auch wenn man ihnen widerstrebt.... Sie ist alles. Sie belohnt sich selbst und bestraft sich selbst, erfreut und quält sich selbst.... Vergangenheit und Zukunft kennt sie nicht. Gegenwart ist ihr Ewigkeit.... Sie hat mich bereitgestellt, sie wird mich auch herausführen. Ich vertraue mich ihr.... Ich sprach nicht von ihr. Nein, was wahr ist und was falsch ist, alles hat sie gesprochen. Alles ist ihre Schuld, alles ist ihr Verdienst!»

Goethe hat selbst im hohen Alter, auf diese Stufe seiner Seelenentwicklung zurückblickend, gesagt, dass sie eine untergeordnete Lebensanschauung darstelle, und dass er zu einer höheren gekommen sei. (2) Aber diese Stufe hat ihm das ewige Weltgesetz erschlossen, das die Natur ebenso durchflutet wie die menschliche Seele. Sie hat ihm die schwerwiegende Empfindung erregt, dass eine ewige, eherne Notwendigkeit alle Wesen zu einem zusammenschließt. Sie hat ihn gelehrt, den Menschen in innigem Bande mit dieser Notwendigkeit zu betrachten. Es ist die Gesinnung, die in der Ode «Das Göttliche» vom Jahre 1782 zum Ausdruck kommt.

Edel sei der Mensch, 
Hilfreich und gut! 
Denn das allein 
Unterscheidet ihn 
Von allen Wesen, 
Die wir kennen. 
Nach ewigen, ehrnen, 
Großen Gesetzen 
Müssen wir alle
Unseres Daseins 
Kreise vollenden.

Und dieselbe Anschauung spricht aus dem etwa 1787 geschriebenen Faustmonolog «Wald und Höhle»:

Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir in ihre tiefe Brust
Wie in den Busen eines Freunds zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.
Und wenn der Sturm im Walde braust und knarrt,
Die Riesenfichte stürzend Nachbaräste
Und Nachbarstämme quetschend niederstreift,
Und ihrem Fall dumpf hohl der Hügel donnert,
Dann führst du mich zur sichern Höhle, zeigst
Mich dann mir selbst, und meiner eignen Brust
Geheime tiefe Wunder öffnen sich.

Auf die Wunder der eigenen Brust eröffnet sich Goethe die Perspektive seiner Seele. Es ist die Perspektive, die sich nicht mehr in der äußeren Welt allein erschließen kann; die vielmehr nur eröffnet wird, wenn der Mensch in die eigene Seele hinuntersteigt, so dass in immer tieferen Regionen des Bewusstseins ihm immer höhere Geheimnisse offenbar werden. Dann erhält die Welt der Sinne und des Verstandes eine neue Bedeutung. Sie wird zum «Gleichnis» des Ewigen. Der Mensch sieht ein, dass er den Bund zwischen der Außenwelt und der eigenen Seele inniger schließen muss. Er erfährt, dass in seinem Innern die Stimmen erklingen, die auch alle äußeren Welträtsel zu lösen berufen sind. «Das Unzulängliche, hier wird's Erreichnis. » (3) Die höchste Tatsache des Lebens, die Trennung in das Männliche und Weibliche, wird zum Schlüssel des Menschenrätsels. Der Erkenntnisvorgang wird zum Lebens-, zum Befruchtungsvorgang. Die Seele in ihrer Tiefe wird zum Weibe, das, von dem Weltengeiste befruchtet, den höchsten Lebensinhalt gebiert. Das Weib wird zum «Gleichnis» dieser Seelentiefen. Wir steigen zu den Mysterien des Daseins hinan, indem wir uns von dem «Ewig-Weiblichen» hinanziehen lassen. Das höhere Dasein beginnt, wenn wir den Weisheitsgang als einen geistigen Befruchtungsvorgang erleben.

Die tieferen Mystiker aller Zeiten haben so empfunden. Sie lassen die höchste Erkenntnis aus einer geistigen Befruchtung hervorgehen, wie die Ägypter den Seelenmenschen, Horus, durch den Geistesblick, der von Osiris, dem vom Tode Erweckten, ausgehend die Isis überstrahlt. Der zweite Teil von Goethes Faust ist ein aus solcher Gesinnung heraus geschriebenes Werk.

Die Liebe Fausts zu Gretchen im ersten Teil ist eine sinnliche. Diejenige Fausts im zweiten Teile zu Helena ist nicht bloß ein sinnlich-wirklicher Vorgang; sie ist ein «Gleichnis» für das tiefste mystische Seelenerlebnis. Faust sucht, indem er Helena sucht, das «Ewig-Weibliche»; er sucht die Tiefen der eigenen Seele. Es liegt in dem Wesen von Goethes Persönlichkeit, dass dieser «das Weib im Menschen» das Urbild der griechischen Frauenschönheit sein lässt. Ihm ist ja die göttliche Notwendigkeit an der Schönheit der griechischen Kunstwerke aufgegangen.

Faust ist Mystiker geworden durch seine Ehe mit Helena. Als solcher spricht er am Beginne des vierten Aktes im zweiten Teil. Er sieht das Frauenbild, die Tiefen der eigenen Seele, und spricht:

... Formlos breit und aufgetürmt,
Ruht es im Osten, fernen Eisgebirgen gleich,
Und spiegelt blendend flüchtiger Tage großen Sinn.
Doch mir umschwebt ein zarter, lichter Nebelstreif
Noch Brust und Stirn, erheiternd, kühl und schmeichelhaft.
Nun steigt es leicht und zaudernd hoch und immer höher auf,
Fügt sich zusammen. - Täuscht mich ein entzückend Bild,
Als jugenderstes, längstentbehrtes, höchstes Gut?
Des tiefsten Herzens frühste Schätze quellen auf,
Aurorens Liebe, leichten Schwungs, bezeichnet's mir,
Den schnell empfundnen, ersten, kaum verstandnen Blick,
Der, festgehalten, überglänzte jeden Schatz.
Wie Seelenschönheit steigert sich die holde Form,
Löst sich nicht auf, erhebt sich in den Äther hin,
Und zieht das Beste meines Innern mit sich fort.

Ist es uns bei diesen Worten, welche die Wonnen schildern, die der empfindet, der in die Tiefen der eigenen Seele hinuntergestiegen und von seinem «Ewig-Weiblichen» das Beste seines Innern mit fortgerissen gefühlt hat, nicht, wie wenn wir den Philosophen Griechenlands hörten:

Wenn du befreit vom Leibe zum freien Äther emporsteigst,
Wird ein unsterblicher Gott sie (die Seele) sein, dem Tode entronnen.

Denn der Tod wird auf solcher Stufe zum «Gleichnis». Der Mensch stirbt für das niedere Leben ab, um in einem höheren wieder aufzuleben. Das höhere Geistesleben wird eine neue Stufe des Werdens; das Zeitliche wird zum «Gleichnis» des Ewigen, das im Menschen auflebt. Die Verbindung mit dem «Ewig-Weiblichen» lässt das Kind im Menschen entstehen, das unvergänglich ist, weil es dem Ewigen angehört.

Das höhere Leben ist das Aufgeben, der Tod der niederen Existenz und die Geburt der höheren.

Goethe drückt in seinem «west-östlichen Diwan» das mit den Worten aus:

Und so lang du das nicht hast, dieses: , Stirb und Werde!',
Bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde.

In seinen Prosasprüchen lesen wir den gleichen Gedanken: Man muss seine Existenz aufgeben, um zu existieren. Goethe ist mit dem Mystiker Heraklit der gleichen Gesinnung. Dieser spricht über den Dionysosdienst der Griechen. Es wäre für ihn ein nichtiger, ja schändlicher Dienst, wenn er bloß dem Gotte des Naturlebens, des Sinnengenusses dargebracht würde. Aber das sei nicht der Fall. Es ist nicht bloß der Dionysos des Lebens, der unmittelbaren sinnlichen Fruchtbarkeit, dem dieses Treiben gilt; es ist zugleich der Gott des Todes, Hades. Es ist Hades und Dionysos derselbe, dem sie «lärmende Feuer veranstalten». In den griechischen Mysterien wurde das Leben im Verein mit dem Tode gefeiert; das ist das höhere Leben, das durch den sinnlichen Tod hindurchgeht. Es ist das Leben, von dem die Mystiker sprechen, wenn sie sagen: «Und so ist denn der Tod die Wurzel alles Lebens.» Der zweite Teil von Goethes Faust stellt eine Erweckung dar, die Geburt des «höheren Menschen» aus den Tiefen der Seele. Man versteht Goethes Worte von diesem Gesichtspunkte aus: «Die Menge der Zuschauer» mag ihre «Freude an der Erscheinung» haben; dem «Eingeweihten wird zugleich der höhere Sinn nicht entgehen».

Wer die Entwicklung der echten mystischen Erkenntnis sich angeeignet hat, der liest vieles von dieser in dem Goetheschen Faust. Nachdem (im ersten Teil, nach der Beschwörungsszene mit dem Erdgeist) Faust mit Wagner sich unterredet hat und allein bleibt, kleidet er seine Verzweiflung über die Kleinheit, die er dem Erdgeist gegenüber empfindet, in die Worte:

Ich, Ebenbild der Gottheit, das sich schon
Ganz nah gedünkt dem Spiegel ew'ger Wahrheit,
Sein selbst genoß in Himmelsglanz und Klarheit,
Und abgestreift den Erdensohn;
Ich, mehr als Cherub, dessen freie Kraft
Schon durch die Adern der Natur zu fließen
Und schaffend, Götterleben zu genießen
Sich ahnungsvoll vermaß, wie muss ich's büßen!

Was ist der «Spiegel ew'ger Wahrheit»? Man kann es beim Mystiker Jakob Böhme lesen. «Alles das, wessen diese Welt ein irdisch Gleichnis und Spiegel ist, das ist im göttlichen Reich in großer Vollkommenheit im geistlichen Wesen; nicht nur der Geist, als ein Wille oder Gedanke, sondern Wesen, körperlich Wesen, Saft und Kraft, aber gegen der äußeren Welt wie unbegreiflich: dann aus demselben geistlichen Wesen, in welchem das reine Element ist, sowohl aus dem finsteren Wesen im Mysterio des Grimmes, als dem Urstand des ewigen lautbaren Wesens, daraus die Eigenschaften entstehen, ist diese sichtbare Welt erboren und geschaffen worden, als ein ausgesprochener Hall aus dem Wesen aller Wesen.»

Für diejenigen, welche «Zigeunerwahrheiten» lieben, sei angemerkt, dass durchaus nicht behauptet werden soll, Goethe habe gerade diese Stelle J. Böhmes im Auge gehabt, als er die obigen Verse schrieb.

Was er aber im Auge gehabt hat, das ist die mystische Erkenntnis, die in J. Böhmes Sätzen zum Ausdruck kommt. Und in solcher mystischen Erkenntnis lebte Goethe allerdings. Er wurde in ihr immer reifer. Er hat aus den Mystikern geschöpft. Und aus diesem Quell ist ihm die Möglichkeit entsprungen, das Leben, «alles Vergängliche» nur als «ein Gleichnis», als einen Spiegel anzusehen. Es liegt ein nicht zu erschöpfendes Stück Innenentwicklung zwischen der Zeit, als Goethe für den ersten Teil die Zweifelworte schrieb, dass er doch fern sei von dem «Spiegel ew'ger Wahrheit», und den Worten des «Chorus mysticus», die ausdrücken, dass im «Vergänglichen» wirklich nur das «Gleichnis» des Ewigen zu sehen ist.

Das mystische «Stirb und Werde» durchflutet die Eingangsszene des zweiten Teils: «Anmutige Gegend. Faust auf blumigen Rasen gebettet, ermüdet, unruhig, schlafsuchend.» Die Elfen unter Ariels Führung bewirken Fausts «Erweckung». Ariel spricht zu den Elfen:

Die ihr dies Haupt umschwebt im luft'gen Kreise,
Erzeigt euch hier nach edler Elfen Weise,
Besänftiget des Herzens grimmen Strauß;
Entfernt des Vorwurfs glühend bittre Pfeile,
Sein Innres reinigt von erlebtem Graus.
Vier sind die Pausen nächtiger Weile,
Nun ohne Säumen füllt sie freundlich aus.
Erst senkt sein Haupt aufs kühle Polster nieder,
Dann badet ihn im Tau aus Lethes Flut;
Gelenk sind bald die krampferstarrten Glieder,
Wenn er gestärkt dem Tag entgegenruht.
Vollbringt der Elfen schönste Pflicht,
Gebt ihn zurück dem heiligen Licht.

Und Faust ist beim Aufgang der Sonne dem «heiligen Licht» zurückgegeben:

Des Lebens Pulse schlagen frisch lebendig,
Ätherische Dämm'rung milde zu begrüßen;
Du Erde warst auch diese Nacht beständig,
Und atmest neu erquickt zu meinen Füßen,
Beginnest schon mit Lust mich zu umgeben,
Du regst und rührst ein kräftiges Beschließen,
Zum höchsten Dasein immerfort zu streben.

Was hat Faust in seiner «Studierstube» (im ersten Teil) erstrebt, und was ist ihm geworden auf der Stufe, auf der er uns im Beginn des zweiten Teiles entgegentritt? Was er dort erstrebt, kleidet er in die Worte des «Weisen»:

Die Geisterwelt ist nicht verschlossen.
Dein Sinn ist zu, dein Herz ist tot!
Auf, bade, Schüler, unverdrossen
Die ird'sche Brust im Morgenrot!

Hier kann Faust noch nicht die ird'sche Brust im Morgenrot baden. Er muss, nach der Beschwörung des Erdgeistes, sich seine Kleinheit gestehen. Aber er kann das am Beginne des zweiten Teiles. Ariel verkündet, wie das geschieht:

Horchet! horcht dem Sturm der Horen!
Tönend wird für Geistesohren
Schon der neue Tag geboren.

Dass aus der Morgenröte der «neue Tag» der Erkenntnis und des Lebens geboren wird, hat J. Böhme bekräftigt, als er das erste Werk, mit dem er in die mystische Weisheit eintauchte, betitelte «Aurora» oder «Die Morgenröte im Aufgang». Wie Goethe in solchen Vorstellungen lebte, das zeigt die schon angeführte Stelle im vierten Akt des zweiten Teiles des Faust. «Des tiefsten Herzens frühste Schätze» werden ihm durch «Aurorens Liebe» erschlossen. - Als Faust wirklich gebadet hat «die ird'sche Brust im Morgenrot», da ist er reif, innerhalb seiner Erdenbahn ein höheres Leben zu führen. Er erscheint mit Mephistopheles am Kaiserhofe innerhalb eines Festes voll Lust und eitlen Genusses. Er selbst muss beitragen, den Genus zu erhöhen. In der Maske des Plutus, des Gottes des Reichtums, erscheint er, mitten in einem Maskenscherz. Es wird von ihm verlangt, dass er zur Erhöhung des «Amüsements» Paris und Helena aus der Unterwelt heraufzaubere. Dabei offenbart sich uns, dass in Fausts Seelenleben die Stufe erreicht ist, auf der er das « Stirb und Werde» begriffen hat. Er macht das Fest der Lust mit, aber er tritt während des Festverlaufes den «Gang zu den Müttern» an. Nur bei den Müttern kann er die Bilder von Paris und Helena finden, die der Kaiser sehen will. Bei den Müttern ist das Reich, wo die ewigen Urbilder alles Seins aufbewahrt sind. Dort ist eine Region, die man nur betreten kann, «wenn man seine Existenz aufgegeben hat, um zu existieren». Dort kann Faust auch finden, was von Helena die Zeiten überdauert. In diese Region kann ihn aber Mephistopheles, der bis dahin sein Helfer war, nicht führen. Das ist für dessen Charakter bezeichnend. Er sagt ausdrücklich zu Faust:

Du wähnst, es füge sich sogleich;
Hier stehen wir vor steilern Stufen,
Greifst in ein fremdestes Bereich.

Das Reich des Ewigen ist Mephistopheles fremd. Das könnte leicht unerklärlich scheinen, wenn man bedenkt, dass er dem Reiche des Bösen, also selbst einer ewigen Region angehört. Erklärlich wird es aber, wenn man Goethes Eigenart bedenkt. Er hat die ewige Notwendigkeit für sich nicht im Bereich des Christentums erlebt, zu dem für ihn Hölle und Teufel gehören. Ihm ist dieses Ewige persönlich da aufgegangen, wohin die christliche Vorstellungswelt nicht dringt. Es ist durchaus zuzugeben, dass eine Gestalt wie Mephistopheles ihrem letzten Ursprunge nach auch in heidnischen Religionsvorstellungen zu finden ist. (4) Für Goethe gehörte sie aber der nordisch-christlichen Welt an. Dorther hat er sie geschöpft.

Es war seine persönliche Erfahrung, dass er sein Reich des Ewigen mit dieser Vorstellungswelt nicht finden konnte. Man braucht sich nur, um das einzusehen, an die Charakteristik zu erinnern, welche Schiller von Goethe gibt, als er mit einem tiefsinnigen Briefe diesem (23. August 1794) einen Spiegel seines Wesens vorhält:« Wären Sie als ein Grieche, ja nur als ein Italiener geboren worden, und hätte schon von der Wiege an eine auserlesene Natur und eine idealisierende Kunst Sie umgeben, so wäre Ihr Weg unendlich verkürzt, vielleicht ganz überflüssig gemacht worden. Schon in die erste Anschauung der Dinge hätten Sie dann die Form des Notwendigen aufgenommen, und mit Ihren ersten Erfahrungen hätte sich der große Stil in ihnen entwickelt. Nun, da Sie ein Deutscher geboren sind, da Ihr griechischer Geist in diese nordische Schöpfung geworfen wurde, so blieb Ihnen keine andere Wahl, als entweder selbst zum nordischen Künstler zu werden, oder Ihrer Imagination das, was ihr die Wirklichkeit vorenthielt, durch Nachhilfe der Denkkraft zu ersetzen, und so gleichsam von innen heraus und auf einem rationalen Wege ein Griechenland zu gebären.»

Es kann hier nicht die Aufgabe sein, auf die verschiedenen Vorstellungen einzugehen, die man sich über die Bedeutung des Mephistopheles gemacht hat. In diesen Vorstellungen drückt sich gerade das dem meinigen entgegengesetzte Bestreben aus, künstlerische Gestalten in stroherne Allegorien oder Symbole zu verwandeln. Für eine esoterische Bedeutung darf Mephistopheles durchaus als wirklicher Mensch, im Sinne dichterischer Wirklichkeit natürlich, aufgefasst werden. Denn die esoterische Deutung sucht nicht den geistigen Gehalt, den gewisse Gestalten erst durch den Dichter erhalten, sondern denjenigen, den sie schon im Leben haben. Ihn kann ihnen also der Dichter weder nehmen, noch geben, sondern er nimmt ihn, wie das für das Auge Sichtbare, aus dem Leben. Es gehört aber zum Wesen des Mephistopheles, dass er im Sinnlichen, im Materiellen lebt. Auch die Hölle ist ja nur das verkörperte Materielle. Wer so im Materiellen lebt wie er, dem kann das Ewige im Schoße der Mütter nur ein fremdestes Bereich sein. Der Mensch muss durch das Materielle hindurch, um wieder in das Ewige, das Göttliche einzugehen, in dem er seinen Ursprung hat. Findet er den Weg dahin, gibt er «seine Existenz auf, um zu existieren», so ist er eine Faustnatur; kann er vom Materiellen nicht lassen, so ist er ein Charakter wie Mephistopheles. Nur den «Schlüssel» zum Reich der Mütter vermag Mephistopheles dem Faust noch zu geben. An diesem «Schlüssel» hängt wirklich ein Geheimnis. Man muss es erlebt haben, um es ganz durchzufühlen. Der in der Wissenschaft Lebende wird am leichtesten dazu kommen.

Man kann noch soviel Wissen anhäufen und doch kann einem der «Geist der Dinge», das Reich der Mütter, verschlossen bleiben. In dem Wissen hat man aber im Grunde den Schlüssel zum Geisterreich in der Hand. Es wird entweder zur Gelehrsamkeit oder zur Weisheit. Man lasse einen weisen Menschen sich des «trockenen Gelehrtenstoffes» bemächtigen, den ein bloß Wissender angehäuft hat: er wird dadurch in eine Region geführt, die dem andern «fremdestes Bereich» ist. Faust vermag mit dem Schlüssel, den ihm Mephistopheles gibt, zu den Müttern zu gelangen. In der Art, wie Mephistopheles und Faust von dem Reich der Mütter sprechen, spiegeln sich deren Charaktere:

Mephistopheles:
Nichts wirst du sehn in ewig leerer Ferne,
Den Schritt nicht hören, den du tust,
Nichts Festes finden, wo du ruhst.

Faust:
Du sendest mich ins Leere,
Damit ich dort so Kunst als Kraft vermehre;
Behandelst mich, dass ich, wie jene Katze,
Dir die Kastanien aus den Gluten kratze.
Nur immer zu! Wir wollen es ergründen,
In deinem Nichts hoff' ich das All zu finden.

Goethe hat es Eckermann verraten, wie er zur Einführung der Mütterszene gekommen ist. «Ich kann Ihnen weiter nichts verraten» - sagt Goethe (5) - «als dass ich beim Plutarch gefunden, dass im griechischen Altertum von Müttern als Gottheiten die Rede gewesen.» Das musste auf Goethe, der von seiner mystischen Erkenntnis her die Bedeutung des «Ewig-Weiblichen» kannte, einen großen Eindruck machen. Aus dem Reiche der Mütter zaubert Faust die Gestalten der Helena und des Paris herauf. Als er sie dann am Kaiserhofe vor sich sieht, da erfasst ihn ein unwiderstehlicher Drang zu Helena. Er will sich ihrer bemächtigen. Es erfolgt eine Explosion. Faust sinkt bewusstlos hin und wird von Mephistopheles fortgetragen. - Wir sind damit an einer Stelle in Fausts Entwicklung, die von großer Bedeutung ist. Faust ist reif, zum Geistigen vorzudringen. Er kann sich geistig zu den ewigen Urbildern erheben. Er ist auf dem Punkte, wo das Geistige dem Menschen in einer unendlichen Perspektive sichtbar wird.

Nun kann er entweder sich bescheiden und sich sagen, dass diese Perspektive nicht im Fluge durchmessen werden kann, dass sie vielmehr langsam durch zahllose Lebensstationen durchschritten werden muss; oder er kann sich im Sturme des göttlichen Endzieles bemächtigen wollen. Das letztere will Faust. Er macht eine neue Prüfung durch. Er muss erfahren, dass der Mensch an die Materie gebunden ist, und dass er erst, wenn er alle Stufen des Materiellen durchgemacht hat, zur Erlangung des Endzieles gereinigt ist.

Nur ein rein geistiges, ein auf geistige Weise geborenes Wesen könnte sich unmittelbar mit dem Geistigen vereinigen. Der Menschengeist ist kein solches Wesen. Er muss durch das Materielle vollständig hindurchwandeln. Ohne diese Lebenswanderung wäre dieser Menschengeist ein wesenloses Wesen. Wenn er so vorhanden wäre, könnte er nicht leben. Entstünde er auf irgendeine Weise, so müsste er die materielle Wanderung von vorn anfangen. Denn der Mensch ist das, was er ist, nur dadurch, dass er durch eine Reihe vorheriger Verkörperungen durchgegangen ist. Auch diese Vorstellung musste Goethe im Faust darstellen. Über den Homunkulus hat sich Goethe am 16. Dezember 1829 zu Eckermann ausgesprochen: «Denn solche geistige Wesen wie der Homunkulus, die durch eine vollkommene Menschwerdung noch nicht verdüstert und beschränkt werden, zählte man zu den Dämonen.»

Homunkulus ist also ein Mensch, doch ohne die dem Menschen notwendige Materialität. Er wird im Laboratorium auf künstliche Weise erzeugt. An dem schon angeführten Tage sagt Goethe noch weiter über ihn zu Eckermann: «Als ein Wesen, dem die Gegenwart durchaus klar und durchsichtig ist, sieht Homunkulus das Innere des schlafenden Faust.» Aber weil seinem Geiste alles durchsichtig ist, kommt es ihm auf den Geist gar nicht an. «Das Räsonieren ist nicht seine Sache; er will handeln.» Insoferne der Mensch ein Wissender ist, wird gerade durch das Wissen der Trieb zum Wollen, zum Handeln geweckt.

Nicht auf das Wissen, nicht auf den Geist als solchen kommt es an, sondern darauf, diesen Geist durch das Materielle, durch die Handlung hindurchzuführen. Je wissender ein Wesen ist, einen desto größeren Trieb zum Handeln muss es haben. Und ein auf rein geistigem Wege entstandenes Wesen muss erfüllt sein von Durst nach Handlung. In dieser Lage ist Homunkulus. Sein gewaltiger Drang nach Wirklichkeit führt Faust und Mephistopheles nach Griechenland, in die «Klassische Walpurgisnacht». Im Reiche, in dem Goethe die höchste Wirklichkeit gefunden hat, soll Homunkulus körperlich entstehen. Damit ist dann auch für Faust die Möglichkeit gegeben, die wirkliche Helena, nicht bloß deren Urbild zu finden. In die griechische Wirklichkeit wird Homunkulus der Führer. Wir brauchen bloß Homunkulus bei seiner Wanderung durch die klassische Walpurgisnacht zu verfolgen, um sein Wesen ganz kennenzulernen.

Er will von zwei griechischen Philosophen, Thales und Anaxagoras, hören, wie er entstehen, das heißt zum Handeln kommen kann. Er sagt zu Mephistopheles:

Ich schwebe so von Stell' zu Stelle
Und möchte gern im besten Sinn entstehn,
Voll Ungeduld mein Glas entzwei zu schlagen;
Allein, was ich bisher gesehn,
Hinein da möcht' ich mich nicht wagen.
Nur, um dir's im Vertraun zu sagen:
Zwei Philosophen bin ich auf der Spur,
Ich horchte zu, es hieß: Natur! Natur!
Von diesen will ich mich nicht trennen.
Sie müssen doch das irdische Wesen kennen;
Und ich erfahre wohl am Ende,
Wohin ich mich am allerklügsten wende.

Er will die natürlichen Bedingungen der körperlichen Entstehung kennenlernen. Thales führt ihn zu Proteus, dem Meister der Verwandlung, des ewigen Werdens. Thales sagt von Homunkulus:

Es fragt um Rat und möchte gern entstehn.
Er ist, wie ich von ihm vernommen
Gar wundersam nur halb zur Welt gekommen.
Ihm fehlt es nicht an geistigen Eigenschaften,
Doch gar zu sehr am greiflich Tüchtighaften.
Bis jetzt gibt ihm das Glas allein Gewicht,
Doch wär' er gern zunächst verkörperlicht.
Und Proteus spricht das Gesetz des Werdens aus:
Doch gilt es hier nicht viel besinnen,
Im weiten Meere musst du anbeginnen!
Da fängt man erst im Kleinen an
Und freut sich, Kleinste zu verschlingen.
Man wächst so nach und nach heran
Und bildet sich zu höherem Vollbringen.

Thales gibt dazu den Rat:

Gib nach dem löblichen Verlangen,
Von vorn die Schöpfung anzufangen!
Zu raschem Wirken sei bereit!
Da regst du dich nach ewigen Normen,
Durch tausend, abertausend Formen,
Und bis zum Menschen hast du Zeit.

Die ganze Goethesche Naturanschauung von der Verwandtschaft aller Wesen, von ihrer metamorphosischen Entwicklung aus dem Unvollkommenen zum Vollkommenen tritt hier im Bilde auf.

Der Geist kann in der Welt zunächst nur keimartig sein. Er muss sich in die Materie, in die Elemente ausgießen, in sie untertauchen, um aus ihnen erst höhere Gestalt anzunehmen. Homunkulus zerschellt am Muschelwagen der Galatea. Er löst sich in die Elemente auf Die «Sirenen» beschreiben den Vorgang.

Welch feuriges Wunder verklärt uns die Wellen,
Die gegeneinander sich funkelnd zerschellen?
So leuchtet's und schwanket und hellet hinan:
Die Körper, sie glühen auf nächtlicher Bahn,
Und rings ist alles vom Feuer umronnen;
So herrsche denn Eros, der alles begonnen!

Homunkulus ist als Geist nicht mehr. Erbat sich den Elementen gemischt. Aus ihnen kann er entstehen. Zum Geist muss die Begierde, das Wollen, das Handeln, der Eros treten. Der Geist muss durch die Materie, durch den Sündenfall hindurch. Das geistige Wesen muss, nach Goethes obigen Worten, verdüstert und beschränkt werden. Das ist zu einer «vollkommenen Menschwerdung» notwendig.

Das Mysterium der Menschwerdung stellt der zweite Akt des zweiten Teiles dar. Proteus, der Meister der körperlichen Verwandlungen, legt dieses Mysterium dem Homunkulus dar:

Komm geistig mit in feuchte Weite,
Da lebst du gleich in Läng' und Breite,
Beliebig regest du dich hier;
Nur strebe nicht nach höhern Orten:
Denn bist du erst ein Mensch geworden,
Dann ist es völlig aus mit dir.

Das ist alles, was der Meister der körperlichen Wandelungen von der Menschwerdung wissen kann. Er ist der Meinung, wenn der Mensch als solcher entstanden, höre die Entwicklung auf Das weitere gehört nicht zu seinem Bereich. Er ist nur im Körperlichen zu Hause; und durch das Menschwerden trennt sich das Geistige eben von dem Bloß-Körperlichen ab. Die weitere Entwicklung des Menschen geschieht im Reiche des Geistigen. Das höchste, wozu es der natürliche Eros bringt, ist die Trennung in zwei Geschlechter, sind das Männliche und das Weibliche. Hier setzt die geistige Entwicklung ein; der Eros wird vergeistigt. Faust geht mit der Helena, dem Urbild der Schönheit, eine Ehe ein. Goethe ist der Überzeugung, dass er durch die Ehe mit der griechischen Schönheit das geworden ist, was er ist. Das Mysterium der Vergeistigung hatte für Goethe einen künstlerischen Charakter. Aus der Ehe Fausts mit Helena geht der Euphorion hervor. Auch das hat Goethe selbst gesagt, was der Euphorion ist. Eckermann führt Goethes Worte unter dem 20. Dezember 1829 an: «Der Euphorion ist kein menschliches, sondern ein allegorisches Wesen. Es ist in ihm die Poesie personifiziert, die an keine Zeit, an keinen Ort und an keine Person gebunden ist.» Durch die Ehe, die Faust in den Tiefen seiner Seele erlebt, wird die Poesie geboren.

Diese Färbung des geistigen Mysteriums muss wieder auf Goethes persönliche Erfahrung und Wesenheit zurückgeführt werden. Er hat in der Kunst, in der Poesie «eine Manifestation geheimer Naturgesetze» gesehen, die ohne sie niemals offenbar würden. (7) Als Künstler hat er die höheren Stufen des Seelenlebens durchgerungen. Es war nur natürlich, dass er der Poesie nicht nur ganz allgemeine, sondern solche Züge gab, die den poetischen Schöpfungen seiner Zeit entnommen waren. Auf Euphorion sind Byrons Züge übergegangen. «Ich konnte als Repräsentanten der neuesten poetischen Zeit», sagte Goethe am 5. Juli 1827 zu Eckermann, «niemanden gebrauchen als ihn (Byron), der ohne Frage als das größte Talent des Jahrhunderts anzusehen ist. Und dann, Byron ist nicht antik und nicht romantisch, sondern er ist wie der gegenwärtige Tag selbst. Einen solchen musste ich haben. Auch passte er übrigens ganz wegen seines unbefriedigten Naturells und seiner kriegerischen Tendenz, woran er in Missolunghi zugrunde ging.

Eine Abhandlung über Byron schreiben, ist nicht bequem und rätlich, aber gelegentlich ihn zu ehren und auf ihn im einzelnen hinzuweisen, werde ich auch in der Folge nicht unterlassen.»

Die Ehe Fausts mit Helena kann keine dauernde sein. Das Hinuntersteigen in die Tiefen der Seele ist, auch nach Goethes Überzeugung, nur in Feieraugenblicken des Lebens möglich. Man taucht unter in die Regionen, in denen das höchste Geistige geboren wird. Aber mit der Verwandlung, die man da erfahren hat, kehrt man wieder zurück ins tätige Leben. Faust macht einen Vergeistigungsprozess durch; aber auch als Vergeistigter soll er weiter im unmittelbaren Leben wirken. Der Mensch, der solche Feieraugenblicke durchgemacht hat, muss allerdings sehen, wie ihm in der unmittelbaren Wirklichkeit das tiefer Seelische wieder entschwindet. Im Bilde ist das von Goethe dargestellt. Euphorion entschwindet wieder in das Reich des Dunkels. Der Mensch kann nicht zu dauerndem irdischen Leben das Geistige bringen. Aber dieses Geistige ist nun mit seiner Seele innig verbunden. Sein Kind, das Geistige, zieht auch seine Seele in das Reich des Ewigen. Er hat sich dem Ewigen vermählt. Durch die höchsten geistigen Leistungen tritt der Mensch mit seinem besten Sein, mit den Tiefen seiner Seele selbst in das Ewige ein.

Die Ehe, die er in seiner Seele eingegangen ist, lässt ihn im All aufgehen. Wie dieser ewige Ruf, der in der Brust des immer strebenden Menschen erklingt, tönen die Worte des Euphorion:

Lass mich im düstern Reich,
Mutter, mich nicht allein!

Der Mensch, der in dem Zeitlichen das Ewige empfunden hat, vernimmt von dem Geistigen in ihm diesen Ruf immerzu. Seine Schöpfungen ziehen seine Seele nach dem Ewigen. So wird Faust weiterleben.

Ein Doppelleben wird er führen. Im Leben wird er schaffen; aber sein geistiges Kind verbindet ihn auf seiner irdischen Wanderung mit dem höheren Reich des Geistes. Das wird das Leben eines Mystikers sein. Allerdings nicht eines solchen, der in müßiger Beschaulichkeit, in einem Traum-Innenleben seine Tage verbringen wird, sondern in voller Tätigkeit, so aber, dass jeder Tat der Adel aufgedrückt ist, den der Mensch durch geistige Vertiefung erlangt.

Auch das äußere Leben Fausts wird nunmehr das eines Menschen, der seine Existenz aufgegeben hat, um zu existieren. Er will ganz selbstlos im Dienste der Menschheit wirken. Noch eine Prüfung steht ihm aber bevor. Auch er kann auf seiner Stufe das Wirken im materiellen Dasein mit den reinen Bedürfnissen des Geistes nicht voll in Einklang bringen. Er hat dem Meere Boden abgewonnen. Er hat darauf eine herrliche Kulturstätte errichtet. Aber ein altes Häuschen ist noch stehen geblieben; ein altes Paar wohnt darinnen. Das stört die neue Schöpfung. Die Alten wollen den herrlichsten Besitz nicht eintauschen für ihr Anwesen. Faust muss sehen, wie Mephistopheles seinen Wunsch mit der Wendung ins Böse ausführt. Ihre Habe steckt er in Brand; das Paar stirbt vor Schrecken. Faust muss es nochmals erleben, dass die «vollkommene Menschwerdung» «verdüstert und beschränkt», dass sie zur Schuld führen muss. Seine Sinne, sein Materielles waren es, die ihm diesen Streich gespielt, die ihm diese Prüfung auferlegt haben. - Als er das Glöckchen von der Kapelle der Alten läuten hört, da bricht er in die Worte aus:

Verdammtes Läuten! Allzu schändlich
Verwundet's, wie ein tückischer Schuss;
Vor Augen ist mein Reich unendlich,
Im Rücken neckt mich der Verdruss,
Erinnert mich durch neidische Laute,
Mein Hochbesitz, er ist nicht rein,
Der Lindenraum, die braune Baute,
Das morsche Kirchlein ist nicht mein.
Und wünscht' ich dort mich zu erholen,
Vor fremden Schatten schaudert mir,
Ist Dorn den Augen, Dorn den Sohlen,
O! wär' ich weit hinweg von hier!

Seine Sinne erzeugen in Faust den verhängnisvollen Wunsch. Er hat doch noch einen Rest von derjenigen Existenz, die er aufgeben musste, um zu existieren. Das Anwesen ist nicht sein. In der «Mitternacht» stellen sich vier graue Weiber ein: der Mangel, die Schuld, die Sorge, die Not. Sie sind es, die das Dasein des Menschen beschränken und verdüstern. Unter ihrem Geleit wandelt er durch das Leben. Er kann gar nicht leben, ohne von ihnen zunächst geleitet zu sein. Denn das Leben allein kann von ihnen frei machen. Faust ist so weit, dass drei von ihnen keine Gewalt über ihn haben. Nur der Sorge ist diese Gewalt nicht genommen. Sie sagt:

Ihr Schwestern, ihr könnt nicht und dürft nicht hinein.
Die Sorge, sie schleicht sich durchs Schlüsselloch ein.

Und die Sorge mahnt ihn an eine Stimme, tief im Herzen jedes Menschen. Keiner kann den letzten Zweifel tilgen darüber, ob er auch wirklich mit seiner Lebensrechnung vor dem Ewigen bestehen kann. Faust empfindet das in diesem Augenblicke. Hat er denn wirklich nur reine Mächte schon um sich?

Hat er seinen «inneren Menschen» von allem Unreinen frei gemacht? Er hat «Magie» auf seinen Pfad mitgenommen. Er bekennt das mit den Worten:

Noch hab' ich mich ins Freie nicht gekämpft.
Könnt' ich Magie von meinem Pfad entfernen,
Die Zaubersprüche ganz und gar verlernen,
Stünd' ich, Natur! vor dir ein Mann allein,
Da wär's der Mühe wert, ein Mensch zu sein.

Nein, die letzten Zweifel kann auch Faust nicht von sich wegbannen. Die Sorge darf auch mit Bezug auf ihn sagen:

Würde mich kein Ohr vernehmen,
Müßt' es doch im Herzen dröhnen;
In verwandelter Gestalt
Üb' ich grimmige Gewalt.

Der Sorge gegenüber will Faust sich zunächst stellen, als ob jeder Rest in ihm geschwunden sei von Zweifeln an seiner Lebensrechnung:

Der Erdenkreis ist mir genug bekannt.
Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt;
Tor! wer dorthin die Augen blinzend richtet,
Sich über Wolken seinesgleichen dichtet!
Er stehe fest und sehe hier sich um;
Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm.
Was braucht er in die Ewigkeit zu schweifen!

In diesen Sätzen zeigt eben Faust, dass er daran ist, sich völlig ins Freie zu kämpfen. Die Sorge will ihn in ihrer Art an das Ewige mahnen. Sie stellt ihm vor, wie die Menschen, die auf der Erde wirken, doch nur Zeitliches zu Zeitlichem fügen. Und wenn sie dieses tun, wenn sie glauben, dass dem Tüchtigen die Welt nicht stumm sei, dann bleibe sie, die Sorge, zuletzt doch noch bei ihnen. Und so, wie sie das bei anderen vermag, so glaubt sie das auch bei Faust tun zu können. Sie glaubt ihn in den Zweifeln bestärken zu können, die dem Menschen kommen, wenn er sich fragt, ob denn all sein Schaffen doch eine Bedeutung habe. Was sie über den Menschen vermag, das spricht sie aus:

Soll er gehen? soll er kommen?
Der Entschluss ist ihm genommen;
Auf gebahnten Weges Mitte
Wankt er tastend halbe Schritte.
So ein unaufhaltsam Rollen,
Schmerzlich Lassen, widrig Sollen,
Bald Befreien, bald Erdrücken,
Halber Schlaf und schlecht Erquicken
Heftet ihn an seine Stelle
Und bereitet ihn zur Hölle.

Um in der hiermit angedeuteten Weise der Macht der Sorge zu verfallen, ist Fausts Seele zu weit vorgeschritten. Er darf ihr entgegenrufen:

Doch deine Macht, o Sorge, schleichend groß,
Ich werde sie nicht anerkennen.

Sie vermag nur etwas über sein Körperliches. Indem sie entschwindet, haucht sie ihn an; und er erblindet. Damit ist das Körperliche von ihm um einen weiteren Grad abgestorben.

Die Nacht scheint tiefer tief hereinzudringen,
Allein im Innern leuchtet helles Licht.

Es kommt nun nur noch das Seelische des Faust in Betracht. Über dieses hat der im Materiellen lebende Mephistopheles keine Gewalt. Faust ist ja seit der Helena-Szene mit seinem besten Teile, mit dem Tiefsten seiner Seele im Ewigen. Dieses Ewige nimmt völlig Besitz von ihm nach seinem Tode. Fausts Unsterbliches wird von den Genien diesem Ewigen einverleibt.

Gerettet ist das edle Glied
Der Geisterwelt vom Bösen:
Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen;
Und hat an ihm die Liebe gar
Von oben teilgenommen,
Begegnet ihm die selige Schar
Mit herzlichem Willkommen.

Die «Liebe von oben» steht im deutlichen Gegensatz zum «Eros», den der Proteus meinte, und von dem gesagt wird: (8)

Und rings ist alles vom Feuer umronnen,
So herrsche denn Eros, der alles begonnen.

Dieser Eros ist die «Liebe von unten», die den Homunkulus durch die Elemente und durch die körperlichen Verwandlungen hindurchführt, damit er zuletzt als Mensch erscheinen könne. Dann beginnt «die Liebe von oben», die die Seele weiterentwickelt.

Fausts Seele steht am Wege nach dem Ewig-Unendlichen. Eine unendliche Perspektive eröffnet sich vor ihr. Man kann diese Perspektive ahnend empfinden. Sie dichterisch gegenständlich zu machen, ist eine große Schwierigkeit. Goethe empfand das. Er sagte darüber zu Eckermann: (9) «Übrigens werden Sie zugeben, dass der Schluss, wo es mit der geretteten Seele nach oben geht, sehr schwer zu machen war, und dass ich bei so übersinnlichen, kaum zu ahnenden Dingen mich sehr leicht im Vagen hätte verlieren können, wenn ich nicht meinen poetischen Intentionen durch die scharf umrissenen, christlich-kirchlichen Figuren und Vorstellungen eine wohltätig beschränkende Form und Festigkeit gegeben hätte.»

Es musste auf den nicht auszuschöpfenden Inhalt der Seele hingedeutet, das tiefste Innere im Symbol dargestellt werden. «Heilige Anachoreten, gebirgauf verteilt, gelagert zwischen Klüften» stellen die höchsten Zustände der Seelen-Entwicklung dar. Man wird aufwärts geführt in die Regionen des Bewusstseins - der Seele -, in denen die Welt immer mehr zum «Gleichnis» des Ewigen wird.

Dieses Bewusstsein, die Tiefen der Seele, werden in mystischer Weise im Bilde des «Ewig-Weiblichen», der Jungfrau Maria, angeschaut. Sie betet der Doctor Marianus entzückt an:

Höchste Herrscherin der Welt!
Lasse mich im blauen,
Ausgespannten Himmelszelt
Dein Geheimnis schauen.

In monumentale Worte klingt der Faust in den «Chorus mysticus» aus. Sie sollen Worte ewiger Weisheit sein. Sie verkünden das Mysterium, dass «alles Vergängliche nur ein Gleichnis » ist. Was in weitester Ferne vor dem Menschen liegt, wohin ihn der Weg führt, den er betritt, wenn er es begriffen hat, dieses «Stirb und Werde»:

Das Unzulängliche,
Hier wird's Erreichnis (10)

Was nicht beschrieben werden kann, weil es nur zu erleben ist; was die Eingeweihten der «Mysterien» erlebten, wenn sie auf den «Pfad» des Ewigen geführt wurden; was unaussprechlich ist, weil es in so tiefen Klüften der Seele liegt, dass die für Zeitliches geprägten Worte es nicht fassen können:

Das Unbeschreibliche,
Hier ist es getan

Und zu all dem zieht die Kraft der eigenen Seele, ziehen die Mächte, die der Mensch ahnt, wenn er die inneren Pforten der Seele überschreitet, wenn er in sich die göttliche Stimme sucht, die ihn zur Ehe ruft zwischen dem «Ewig-Männlichen», der Welt, und dem «Ewig-Weiblichen», dem Bewusstsein:

Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.


Anmerkungen:
(1) vergleiche mein Buch «Goethes Weltanschauung».
(2) Vgl. Rudolf Steiner, Zu dem »Fragment über die Natur«, (1892) in Heft II »Veröffentlichungen aus dem Litrarischen Frühwerk«, Dornach 1938.
(3) Der Verfasser dieser Ausführungen bekennt sich zu der von Ad. Rudolf im Archiv für neuere Sprachen LXX 1883 vorgebrachten Ansicht, dass die Schreibung «Ereignis» nur auf einen Hörfehler des Goethes Diktat Schreibenden beruht, und dass das richtige Wort «Erreichnis» ist.
(4) vergleiche Carl Kiesewetter, Faust in der Geschichte und Tradition.
(5) Am 10. Januar 1830.
(6) Die Ausgaben haben «Orden», was wohl nur Hörfehler des Schreibers ist.
(7) Vergleiche seine Sprüche in Prosa.
(8) Am Ende des zweiten Aktes des zweiten Teiles.
(9) Am 6. Juni 1831.
(10) Über die Schreibung »Erreichnis« vergleiche oben Seite 18 Anmerkung.

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