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VII. Christus in seinem Zusammenhang mit der Menschheit und das Rätsel des Todes

Wie das seelisch-geistige Dasein auf dem Gebiete der Menschenentwicklung in das sinnlich- physische übergeht, versuchte ich in der letzten Betrachtung zu schildern. Von dem Verständnisse, das der Mensch diesem Übergange entgegenbringt, hängt es ab, ob er ein dem gegenwärtigen Bewusstsein entsprechendes Verhältnis gewinnen kann zu dem Ereignis von Golgatha und seiner Beziehung zur Erdenentwicklung des Menschen.

Erkennt man in seinem eigenen physisch-sinnlichen Wesen nicht, wie ein Geistig-Seelisches aus einer geistigen Erlebensform sich so gewandelt hat, dass es zur Erscheinung in der physisch-sinnlichen Welt geworden ist, so muss einem auch verschlossen bleiben, wie der Christusgeist aus Geisteswelten in dem Jesusmenschen innerhalb der physischen Welt erschienen ist.

Es muss aber immer wieder betont werden, dass nicht das schauende Erkennen selbst bei jedem Einzelnen in Betracht kommt, sondern das gemütvolle Verstehen des durch das Schauen Erforschten. Das schauende Erkennen erringen sich Einzelne. Das begründete Verstehen ist jedem möglich.

Wer die Welten anerkennt, welche die Menschenseele im vorirdischen Dasein durchlebt, der lernt auch aufblicken zu Dem, der vor dem Geschehen des Mysteriums von Golgatha nur in diesem Dasein gelebt, als Christus, und der durch dieses Mysterium und seit dessen Geschehen sein Leben mit der Erdenmenschheit verbunden hat. Die Seelen der Erdenmenschheit haben diejenige Verfassung, in der sie heute leben, erst in einer allmählichen Entwicklung erlangt. Das gewöhnliche Bewusstsein nimmt die Seelenverfassung, wie sie heute ist, und konstruiert sich eine «Geschichte», in welcher die Sache so dargestellt wird, als ob die Menschen der grauen Vorzeit fast ebenso gedacht, gewollt und gefühlt hätten wie heute. Aber das ist nicht so. Es hat Zeiten gegeben im Erdendasein der Menschheit, in denen diese Seelenverfassung ganz anders war als gegenwärtig. Damals war nicht ein so schroffer Gegensatz zwischen Schlafen und Wachen. Einen Übergang zwischen beiden bildet heute nur das Träumen. Aber dessen Inhalt hat etwas Trügerisches, Fragwürdiges. Der Mensch der Vorzeit erlebte zwischen dem vollen Wachen und dem bewusstlosen Schlafen einen Zwischenzustand, der bildhaft und sinnentrückt war, durch den aber ein wirklich Geistiges sich offenbarte, wie durch die Sinneswahrnehmung ein wirkliches Physisches.

In diesem Erleben durch Bilder, nicht durch Gedanken, hatte der Mensch der Vorzeit eine traumhafte Erfahrung von seinem vorirdischen Dasein. Er erlebte sich selbst als vorirdisches Seelenwesen wie in einem Nachklang des damals Durchgemachten. Aber er hatte dafür nicht das volle deutliche Ich- Erleben, das der Mensch der Gegenwart hat. Er empfand sich nicht in demselben Grade wie heute als ein «Ich». Dieses «Ich»-Erleben ist erst im Laufe der menschlichen Geistesentwicklung eingetreten.

Die entscheidende Entwicklungsepoche für die Entwicklung des Ich-Erlebens der Menschheit ist diejenige, in die auch das Ereignis von Golgatha gefallen ist.

In dieser Zeit wurde für das gewöhnliche Bewusstsein das seelische Erleben eines Nachklanges des vorirdischen Daseins immer dumpfer. Der Mensch wurde mit dem, was er von sich selbst wissen kann, immer mehr auf das beschränkt, was sich ihm von sich selbst als physischsinnliches Erden- Sein offenbart.

Von diesem Zeitpunkt an bekam auch die Wahrnehmung des Todes eine neue Bedeutung. Vorher wusste der Mensch in der angedeuteten Art von seinem eigenen Wesenskerne. Er kannte denselben durch das Schauen des erwähnten Nachklanges so, dass ihm klar war, dieser werde vom Tode nicht berührt. In dem welthistorischen Zeitabschnitt, in dem der Blick auf das physische Menschenwesen beschränkt wurde, stellte sich der Tod als ein quälendes Rätsel vor die Seele hin.

Dieses Rätsel wurde dem Menschen nicht durch die weitere Entwicklung bloß innerer Erkenntniskräfte gelöst. Es wurde ihm gelöst, indem das Ereignis von Golgatha in die Erdenentwicklung eintrat.

Auf den Boden des Erdendaseins ist der Christus aus denjenigen Welten herabgestiegen, in denen der Mensch sein vorirdisches Dasein verlebt. In der Vereinigung der Erlebnisse des wachen gewöhnlichen Bewusstseins mit der Wesenheit und in dem Aufblick zu Christi Taten kann der Mensch seit dem Ereignis von Golgatha finden, was er vorher durch eine natürliche Beschaffenheit seines Bewusstseins gefunden hat.

Die Initiierten der alten Mysterien haben zu ihren Bekennern so gesprochen, dass diese in den Wahrnehmungen über das vorirdische Dasein eine Gnadengabe des geistigen Sonnenwesens gesehen haben, das seinen Abglanz in der physischen Sonne hat.

Die Initiierten, die zur Zeit des Mysteriums von Golgatha noch in einer Fortsetzung der alten Initiationsmethoden lebten, sprachen zu denjenigen, die es hören wollten, davon, wie das Wesen, welches früher den Menschen aus den geistigen Welten den Nachklang des vorirdischen Daseins in das irdische mitgegeben hat, als der Christus heruntergestiegen ist in die physische Erdenwelt und in dem Menschen Jesus Körper angenommen hat.

Von Seite derjenigen, die dadurch aus der Initiation das Rechte über das Mysterium von Golgatha wussten, wurde in den ersten Zeiten der christlichen Entwicklung durchaus von dem Christuswesen als einem solchen gesprochen, das aus geistigen Welten in die irdische heruntergestiegen ist. Auf den Christus der überirdischen Welt und auf seinen Weg zu den Erdenmenschen kam es den damaligen Lehrern der Menschheit vorzüglich an.

Die Voraussetzung zu einer solchen Anschauung war, dass man aus der alten Initiation noch so viel über die übersinnlichen Welten wusste, um in Christus ein Wesen der geistigen Welt vor seinem Abstieg zur Erde zu schauen.

Die Reste eines solchen Wissens dauerten etwa bis in das vierte nachchristliche Jahrhundert hinein. Dann dämmerten sie in den menschlichen Bewusstseinen ab. Das Ereignis von Golgatha wurde dadurch ein nur durch die Fortpflanzung der äußeren Geschichte gewusstes Ereignis. Die Initiationsprinzipien der alten Welt gingen der Außenwelt verloren und pflanzten sich nur noch in Stätten fort, von denen die Menschen kaum etwas wussten. Erst jetzt, seit dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts, ist innerhalb der Menschheitsentwicklung wieder ein Stadium erlangt, in dem die neue Initiation, die in den vorangehenden Darstellungen geschildert worden ist, zu einer Anschauung des Wesens Christi innerhalb der Geisteswelt führt.

Zur vollen Entfaltung des Ichbewusstseins, das innerhalb der Menschheitsentwicklung zutage treten sollte, war es notwendig, dass die initiierte Erkenntnis für einige Jahrhunderte zurücktrat und der Mensch sich zunächst auf die sinnliche und äußerlich-historische Welt verwiesen sah, in der er das Ichbewusstsein frei entfalten konnte.

So wurde es der christlichen Gemeinschaft nur möglich, die Gläubigen auf die historische Tradition über das Mysterium von Golgatha zu verweisen, und dasjenige, was einmal durch Geisterkenntnis über dasselbe gewusst wurde, in Dogmen für den Glauben zu kleiden. Nicht um den Inhalt dieser Dogmen handelt es sich hier, sondern um die Art, wie er in der Seele erlebt wird, ob durch Glauben oder durch Wissen.

Heute ist es wieder möglich, ein unmittelbares Wissen von dem Christus zu erlangen. Aber es stand die Gestalt Jesu durch Jahrhunderte vor dem gewöhnlichen Bewusstsein; und der Christus, der in ihm lebte, war ein Gegenstand des Glaubens geworden. Immer mehr aber verlor sich gerade in dem geistig führenden Teil der Menschheit die Hinneigung zu den Glaubensdogmen; Jesus wurde immer mehr nur so gesehen, wie er sich aus der Geschichte heraus vor das gewöhnliche Bewusstsein hinstellt. Man verlor nach und nach ein Erleben des Christus. Und so ergab sich sogar ein moderner Zweig der Theologie, der sich eigentlich nur beschäftigt mit dem Menschen Jesus, und dem ein lebendiges Verhältnis zu dem Christus fehlt. Aber ein bloßer Jesusglaube ist eigentlich kein Christentum mehr.

In dem Bewusstsein von seinem vorirdischen Dasein hatte der Mensch der Vorzeit auch einen Halt für ein rechtes Verhältnis zu seinem Dasein nach dem Erdentode. Das, was ihm auf diese Art in der Vorzeit für das Rätsel des Todes ein natürliches Sich-Erleben gegeben hatte, das sollte ihm in der späteren Zeit in einer anderen Art durch seine Verbindung mit dem Christus gegeben werden. Dieser sollte ihn nach dem Paulusworte: «Nicht ich, sondern der Christus in mir», so durchdringen, dass er ihm dadurch der Führer durch die Todespforte werden konnte. Im gewöhnlichen Bewusstsein hatte der Mensch jetzt zwar etwas, was das volle Ich-Erleben zur Entfaltung bringen konnte, nicht aber etwas, was der Seele die Kraft geben konnte, an ihren lebendigen Durchgang durch die Todespforte erkennend heranzukommen. Denn das gewöhnliche Bewusstsein ist ein Ergebnis des physischen Leibes. Es kann also auch der Seele nur eine Kraft geben, die sie als mit dem Tode erlöschend ansehen muss.

Denjenigen, die noch aus der alten Initiation heraus das alles erkennen konnten, erschien der menschliche physische Organismus krank. Denn sie mussten annehmen, er könne nicht die Macht entfalten, ein so umfassendes Bewusstsein der Seele zu geben, dass diese ihr volles Dasein erleben kann.

Christus erschien als der Seelenarzt der Welt, als der Heiler, der Heiland. Und als solcher muss er in seinem tiefbegründeten Zusammenhang mit der Menschheit erkannt werden.

Das Ereignis des Todes im Zusammenhange mit dem Christus soll den Gegenstand der nächsten Betrachtungen bilden.

Durch das Aufnehmen des Christuserlebens wird, was das alte Bewusstsein, vertieft durch die Aussagen der Initiierten, als Ewigkeitserlebnis dem Menschen gegeben hatte, zu einer Philosophie, die im Weltendasein mit dem göttlichen Vaterprinzip rechnen kann. Der Vater im Geiste kann wieder angesehen werden als das alles-durchdringende Seiende. Durch die Erkenntnis des Christus, der, ein Wesen der außerirdischen Welt, in dem Menschen Jesus irdischen Körper annahm, erlangt die Kosmologie ihren christlichen Charakter. In den Geschehnissen der Menschheitsentwicklung wird der Christus miterkannt als das Wesen, dem ein Entscheidendes in dieser Entwicklung zugefallen ist. - Und durch das Wiederanfachen der abgedämmerten Erkenntnis von dem «ewigen Menschen» wird das menschliche Gemüt aus der bloßen Sinneswelt, die das Ichbewusstsein entwickelt, zu dem Geiste gelenkt, der mit dem Vatergott und dem Christus zusammen in einer erneuten Erkenntnisgrundlage der Religion von der Seele verständnisvoll erlebt werden kann.

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