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V. Schlaferlebnisse der Seele

Man spricht heute vom «Unbewussten» oder «Unterbewussten», wenn man andeuten will, dass die Seelenerlebnisse des gewöhnlichen Bewusstseins - Wahrnehmen, Vorstellen, Fühlen und Wollen - von einem Dasein abhängig sind, das von diesem Bewusstsein nicht umfasst wird. Diejenige Erkenntnis, die sich nur auf diese Erlebnisse stützen will, kann wohl durch logische Schlussfolgerungen auf ein solches «Unterbewusstes» hinweisen; sie muss sich aber mit diesem Hinweis begnügen. Zu einer Charakteristik des Unbewussten kann sie nichts beitragen.

Die in den vorangehenden Betrachtungen geschilderte imaginative, inspirierte und intuitive Erkenntnis vermag eine solche Charakteristik zu geben. Diesmal soll das versucht werden für die Seelenerlebnisse, welche der Mensch während des Schlafes durchmacht.

Die Schlaferlebnisse der Seele treten in das gewöhnliche Bewusstsein nicht ein, weil dieses auf der Grundlage der körperlichen Organisation entsteht. Während des Schlafes ist aber das seelische Erleben ein außerkörperliches. Wenn die Seele beim Erwachen beginnt, mit Hilfe des Körpers vorzustellen, zu fühlen, zu wollen, knüpft sie in ihrem Erinnern an diejenigen Erlebnisse an, die vor dem Einschlafen auf der Grundlage der körperlichen Organisation sich abgespielt haben. Vor der Imagination, Inspiration, Intuition erst treten die Schlaferlebnisse auf. Sie stellen sich nicht wie in einer Erinnerung dar, sondern wie in einem seelischen Hinschauen auf sie.

Ich werde nun zu schildern haben, was in diesem Hinschauen sich offenbart. Weil dieses dem gewöhnlichen Bewusstsein eben verborgen ist, so muss für dasselbe, wenn es unvorbereitet an eine solche Schilderung herantritt, diese sich naturgemäß grotesk ausnehmen. Aber die vorangehenden Darstellungen haben ja gezeigt, dass eine solche Schilderung möglich, und wie sie aufzufassen ist. Ich werde daher, trotzdem über sie von der einen oder andern Seite sogar gespottet werden kann, sie einfach so geben, wie sie aus den gekennzeichneten Bewusstseinszuständen erfließt.

Zunächst im Einschlafen befindet sich der Mensch in einem innerlich unbestimmten, undifferenzierten Sein. Es wird da kein Unterschied erlebt zwischen dem eigenen Sein und dem Sein der Welt; auch nicht ein solcher zwischen einzelnen Dingen oder Wesenheiten. Der Mensch ist in einem allgemeinen, nebelhaften Dasein. In das imaginative Bewusstsein heraufgehoben, stellt sich dieses Erleben als ein Sich-Erfühlen dar, in dem das Erfühlen der Welt mitenthalten ist. Der Mensch ist aus dem Sinnensein ausgetreten und noch nicht deutlich in eine andere Welt hineinversetzt.

Es werden im weiteren nun Ausdrücke gebraucht werden müssen, wie «Fühlen», «Sehnsucht» usw., die auch im gewöhnlichen Leben auf ein Bewusstes bezogen werden. Und doch soll durch sie hingewiesen werden auf Vorgänge, die für das gewöhnliche Seelenleben unbewusst bleiben. Aber die Seele erlebt sie als reale Tatsachen während des Schlafens. Man denke daran, wie im Alltagsleben z. B. Freude im Bewusstsein erlebt wird. Im Körperlichen spielt sich da eine Erweiterung der feinen Blutgefäße und anderes ab. Diese Erweiterung ist eine reale Tatsache. Im Bewusstsein wird bei ihrem Ablaufen Freude erlebt. So wird von der Seele während des Schlafens Reales erlebt; im folgenden soll dieses durch die Ausdrücke geschildert werden, die auf das entsprechende Erleben des imaginativen, inspirierten und intuitiven Bewusstseins sich beziehen. Wenn z. B. von «Sehnsucht» gesprochen wird, so ist ein tatsächlicher Seelenvorgang gemeint, der imaginativ als Sehnsucht sich offenbart. Es werden also die unbewussten Seelenzustände und Seelenerlebnisse so geschildert werden, als ob sie bewusst wären.

Gleichzeitig mit dem Erfühlen des Unbestimmten, Undifferenzierten, stellt sich in der Seele eine Sehnsucht ein nach einem Ruhen in einem Geistig-Göttlichen. Die Menschenseele entwickelt diese Sehnsucht als die Gegenkraft gegen das Verlorensein im Unbestimmten. Sie hat das Sinnensein verloren und begehrt nach einem Sein, das sie aus der geistigen Welt heraus trägt.

In den soeben geschilderten Seelenzustand wirken die Träume hinein. Sie durchsetzen das Unbewusste mit halbbewussten Erlebnissen. Die wahre Gestalt der Schlaferlebnisse wird durch die gewöhnlichen Träume nicht deutlicher, sondern noch undeutlicher. Auch für das imaginative Bewusstsein tritt diese Undeutlichkeit ein, wenn dieses in seiner Reinheit durch unwillkürlich auftauchende Träume gestört wird. Die Wahrheit schaut man jenseits des wachen und auch jenseits des Traumeslebens durch diejenige Seelenverfassung, die im freien Willen durch die in den vorigen Darstellungen beschriebenen Seelenübungen herbeigeführt ist.

Der nächste Zustand, den die Seele erlebt, ist wie ein Aufgeteiltsein ihres Selbstes in voneinander differenzierte innere Geschehnisse. Die Seele erlebt sich in dieser Schlafperiode nicht als eine Einheit, sondern als eine innere Vielheit. Dieser Zustand ist ein von Ängstlichkeit durchsetzter. Wenn er bewusst erlebt würde, wäre er Seelenangst. Das reale Gegenstück von dieser Ängstlichkeit erlebt aber die Menschenseele in jeder Nacht. Es bleibt ihr nur unbewusst.

Für den Menschen der Gegenwart tritt in diesem Augenblicke des Schlafzustandes die seelenheilende Wirkung dessen auf, was er im Wachzustande als seine Hingegebenheit an Christus erlebt.

Vor dem Ereignisse von Golgatha war dies für die Menschen anders. Sie bekamen von ihren Religionsbekenntnissen im Wachen die Mittel, die dann in den Schlafzustand hereinwirkten und die Arznei gegen die Ängstlichkeit waren. Für den Menschen, der nach dem Ereignisse von Golgatha lebt, treten die religiösen Erlebnisse, die er in der Beschauung des Lebens und Sterbens und Wesens Christi hat, dafür ein.

Er überwindet durch deren Hineinwirken in den Schlaf die Ängstlichkeit Diese verhindert, solange sie vorhanden ist, die innere Anschauung dessen, was von der Seele im Schlafen so erlebt werden soll, wie der Körper im Wachen. Die Führung Christi fasst die innerliche Zersplitterung, die Vielheit in eine Einheit zusammen. Und die Seele kommt jetzt dazu, ein anderes Innensein zu haben als während des Wachzustandes. Zu ihrer Außenwelt gehören jetzt auch der eigene physische und ätherische Organismus.

Dagegen erlebt sie in ihrem jetzigen Inneren eine Nachbildung der Planetenbewegungen. Es tritt in der Seele an die Stelle des individuellen, durch den physischen und ätherischen Organismus bedingten Erlebens ein kosmisches Erleben. Die Seele lebt außerhalb des Körpers; und ihr Innenleben ist eine innere Nachbildung der Planetenbewegung. Als eine solche erkennt die entsprechenden inneren Vorgänge das inspirierte Bewusstsein in der Art, wie dies in den vorigen Betrachtungen geschildert worden ist. Dies Bewusstsein erschaut auch, wie dasjenige, was die Seele durch das Planetenerlebnis hat, in seiner Nachwirkung im wachen Bewusstsein vorhanden ist. In dem Rhythmus der Atmung und der Blutzirkulation wirkt dies Planetenerlebnis während des Wachens als Anreiz fort. Während des Schlafes stehen physischer und ätherischer Organismus unter der Nachwirkung des Planetenreizes, der im wachen Tagesleben in der geschilderten Art als Nachwirkung der vorigen Nacht in ihnen waltet.

Parallel diesen Erlebnissen gehen andere. Die Seele erlebt in dieser Sphäre ihres Schlafdaseins ihre Verwandtschaft mit allen Menschenseelen, mit denen sie jemals in einem Erdenleben in Beziehung gestanden hat. Was da vor der Seele steht, wird, intuitiv erfasst, zur Gewissheit über die wiederholten Erdenleben. Denn in der Verwandtschaft mit Seelen enthüllen sich diese Erdenleben. Auch die Verbindung mit andern Geistwesen, die in der Welt leben, ohne je einen menschlichen Körper anzunehmen, wird Seelenerlebnis.

Aber in diesem Stadium des Schlafes tritt auch ein Erlebnis dessen auf, was gute und schlechte Neigungen, gute und schlechte Erlebnisse im Schicksalszusammenhange des Erdendaseins bedeuten. Was ältere Weltanschauungen Karma genannt haben, steht vor der Seele.

In das Tagesleben wirken alle diese Schlafereignisse so herein, dass sich das allgemeine Sich-Fühlen, die Seelenstimmung, das Sich-glücklich-oder-unglücklich-Empfinden mitbewirken.

Im weiteren Verlaufe des Schlafes tritt zu dem geschilderten Zustande der Seele noch ein anderer.

Diese erlebt in sich das Fixsterndasein im Abbilde. Wie im Wachzustande die Körperorgane, so werden jetzt Nachbildungen der Fixsternkonstellationen erlebt. Das kosmische Erleben der Seele erweitert sich. Sie ist jetzt Geistwesen unter Geistwesen. Die Intuition erkennt in der Art, wie dies in den vorigen Betrachtungen geschildert worden ist, die Sonne und die anderen Fixsterne als die physischen Ausgestaltungen von Geistwesen. Was die Seele da erlebt, wirkt im Tagesleben nach als ihre religiöse Anlage, ihr religiöses Fühlen und Wollen. Man muss in der Tat sagen, was in den Tiefen der Seele sich regt als religiöse Sehnsucht, ist für das Wachen die Nachwirkung des Sternenerlebens während des Schlafzustandes.

Aber vor allem bedeutungsvoll ist, dass die Seele in diesem Zustande vor sich hat die Tatsachen der Geburt und des Todes. Sie erlebt sich als Geistwesen, das in einen physischen Leib durch Empfängnis und Keimesleben einzieht, und sie schaut (unbewusst) den Todesvorgang als einen Übertritt in eine rein geistig-seelische Welt. Dass die Seele in ihrem Wachzustande nicht an die Realität dessen glauben kann, was sich äußerlich den Sinnen als die Ereignisse der Geburt und des Todes darstellt, ist eben nicht bloß ein phantasievolles Ausgestalten einer Sehnsucht, sondern das dumpf gefühlte Nacherleben des im Schlafzustand vor der Seele Stehenden. Könnte der Mensch alles dasjenige, was vom Einschlafen bis zum Aufwachen unbewusst durchlebt wird, in seinem Bewusstsein gegenwärtig machen, so hätte er in dem ersten Erlebnis, in dem die Sinneserscheinungen in einem allgemein inneren Welterleben sich auflösen und in dem eine Art pantheistischen Gottesbewusstseins auftritt, einen Bewusstseinsinhalt, der seinen philosophischen Ideen das Erlebnis der Wirklichkeit gäbe. Könnte er das Planeten- und Fixsternleben des Schlafes bewusst in sich tragen, so hätte er eine inhaltvolle Kosmologie. Und den Abschluss könnte bilden das im Sternenerleben Auftauchende, das ein Erleben des Menschen als Geist unter Geistern ist. In der Tat wird der Mensch von dem Einschlafen an, durch weitere Schlafzustände hindurch, unbewusster Philosoph, Kosmologe und gottdurchseeltes Wesen. Imagination, Inspiration und Intuition heben aus der dunklen Tiefe des sonst nur im Schlafe Erlebten das heraus, was zeigt, welch ein Wesen der Mensch an sich ist, wie er ein Glied des Kosmos ist, wie er gottdurchdrungen wird.

Das letztere tritt für den Menschen im tiefsten Schlafzustande ein. Von da aus tritt die Seele wieder den Rückweg in die Sinneswelt an. In dem Impuls, der zu diesem Rückweg führt, erkennt das intuitive Bewusstsein eine Wirkung derjenigen Wesenheiten, die als geistige ihr sinnliches Gegenbild im Monde haben. Es sind die geistigen Mondenwirkungen, die den Menschen in jedem Schlaf wieder zum Erdendasein zurückrufen. Natürlich sind diese Mondenwirkungen auch beim Neumond vorhanden. Aber es hat die Verwandlung dessen, was an dem Mondenbilde in sinnlicher Sichtbarkeit sich wandelt, eine Bedeutung für dasjenige, was Mondenwirkungen für das Festhalten des Menschen im Erdendasein von der Geburt (Empfängnis) bis zum Tode sind.

Nach dem tiefsten Schlafstadium kehrt der Mensch durch dieselben Zustände hindurch wieder zum Wachdasein zurück. Er macht vor dem Erwachen wieder das Erleben in dem allgemeinen Weltdasein mit der Gottessehnsucht durch, in das die Träume hineinspielen können.

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