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IX. Das Ereignis des Todes im Zusammenhang mit dem Christus

Das Seelenleben im Erdendasein vollzieht sich in den Tatsachen des Denkens, Fühlens und Wollens. Im Denken erscheint ein Spiegelbild dessen, was der astralische Organismus und die Ich- Wesenheit innerhalb der physisch-sinnlichen Welt erleben. Ein anderes Erleben dieser höhern Glieder der Menschenwesenheit geschieht während des Schlafzustandes. Aber dieses Erleben bleibt im Erdendasein unbewusst. Die Seele ist da in ihrem Innern zu schwach, um ihren eigenen Inhalt sich selbst vor das Bewusstsein zu stellen. Sobald das schauende Bewusstsein diesen Inhalt erlebt, stellt er sich als ein rein geistig-seelischer dar.

Mit dem Erwachen treten der astralische Organismus und die Ich-Wesenheit in den ätherischen und physischen Organismus ein. Durch das Denken werden die Sinneswahrnehmungen im ätherischen Organismus erlebt. Aber in diesem Erleben ist nicht die Welt wirksam, die den Menschen umgibt, sondern eine Nachbildung dieser Welt. In dieser Nachbildung offenbart sich die Summe der bildenden Kräfte, die dem Erden-Lebenslauf des Menschen zugrunde liegen. In jedem Lebensaugenblicke ist eine solche Nachbildung der Außenwelt im Menschen vorhanden. Der Mensch erlebt diese Nachbildung durch das Denken nicht direkt, sondern es stellt sich deren Reflexion durch den physischen Organismus als Gedanken-inhalt vor das gewöhnliche Bewusstsein.

Was hinter der reflektierenden Tätigkeit des Denkens im physischen Organismus vor sich geht, das kann durch das gewöhnliche Bewusstsein nicht wahrgenommen werden, sondern nur das Ergebnis, welches die als Gedanken sich darstellenden reflektierten Bilder sind. Diese nicht wahrgenommenen Vorgänge im physischen Organismus sind Tätigkeiten des ätherischen und astralischen Organismus und der Ich-Wesenheit. Der Mensch nimmt in seinen Gedanken dasjenige wahr, was er selbst als seelisch-geistiges Wesen in seinem physischen Organismus bewirkt.

Im ätherischen Organismus lebt eine Nachbildung der äußeren Welt als eine innere Tätigkeit, die den physischen Organismus erfüllt. Im astralischen Organismus lebt ein Nachbild des vorirdischen Daseins; in der Ich-Wesenheit lebt der ewige Wesenskern des Menschen.

Im ätherischen Organismus ist die äußere Welt im Menschen tätig. Im astralischen Organismus ist dasjenige nachwirkend tätig, was der Mensch im vorirdischen Dasein erlebt hat. Diese Tätigkeit ist ihrem Wesen nach während des Erdendaseins keine andere geworden, als sie während des vorirdischen Daseins war. Sie war eine solche, die im geistig verwandelten physischen Organismus sich vollzog. Im Wachzustand ist sie eine ähnliche. Die innere Kopforganisation des Menschen ist in einem fortwährenden Bestreben begriffen, aus dem physischen Zustand in einen geistigen umgewandelt zu werden. Aber diese Umwandlung tritt während des Erdendaseins nur als Anlage auf. Die physische Organisation leistet Widerstand. In dem Augenblicke, in dem der astralische Organismus in seiner umwandelnden Tätigkeit an dem Punkte angekommen ist, an dem die innere physische Kopforganisation als physische zerfallen müsste, tritt der Schlafzustand ein. Dieser führt der inneren Kopforganisation aus dem übrigen physischen Organismus wieder die Kräfte zu, durch die sie in der physischen Welt bestehen kann.

Diese Kräfte liegen im ätherischen Organismus. Dieser wird während des Wachzustandes innerhalb der Kopf-Organisation immer undifferenzierter; während des Schlafzustandes differenziert er sich innerlich zu bestimmten Gestaltungen. In diesen Gestaltungen offenbaren sich die Kräfte, die während des Erdendaseins für den physischen Organismus aufbauend wirken.

In der Kopforganisation vollzieht sich also während des Wachzustandes eine zweifache Tätigkeit: eine aufbauende durch den ätherischen Organismus und eine abbauende, das ist eine solche, welche die physische Organisation zerstört. Diese Zerstörung wird durch den astralischen Organismus bewirkt.

Durch diese astralische Tätigkeit hat der Mensch den Tod während seines Erdendaseins dauernd in sich. Dieser Tod wird nur jeden Tag durch die ihm entgegenwirkenden Kräfte besiegt. Aber den fortwährend sich vollziehenden Todeswirkungen verdankt man das gewöhnliche Bewusstsein. Denn in dem ersterbenden Leben der Kopforganisation liegt dasjenige, was geeignet wird, die Seelentätigkeit als Gedanken-Erleben zu reflektieren. Eine zum Leben drängende organisch-sprossende Tätigkeit kann kein Gedankenweben hervorbringen. Dazu ist eine nach dem Sterben hin tendierende notwendig. Die organisch-sprossende Tätigkeit dämpft das Gedankenweben zur Betäubung oder Bewusstlosigkeit herab.

Was sich im physischen Tode einmal mit dem ganzen menschlichen Organismus vollzieht, das begleitet das menschliche Dasein während des Erdenlebens als eine Anlage, ja als ein sich fortwährend bildender Anfang des Sterbens immer fort. Und diesem Ersterben in sich verdankt der Mensch sein gewöhnliches Bewusstsein. Vor dieses Bewusstsein stellen sich der ätherische und der physische Organismus hin wie undurchsichtige Wesenheiten; der Mensch schaut nicht sie, sondern die Gedankenspiegelbilder, die sie ihm zurückwerfen und die er in seiner Seele erlebt. Die physische und ätherische Organisation verdecken ihm die astralische Organisation und die Ich-Wesenheit. Weil das Bewusstsein der Seele durch die Reflexion des physischen Organismus im gewöhnlichen Erdendasein erfüllt ist, kann der Mensch seine ätherische und astralische Organisation sowie seine Ich-Wesenheit nicht wahrnehmen.

Mit dem Tode löst sich der physische Organismus von dem ätherischen und astralischen und von der Ich-Wesenheit los. Der Mensch trägt nun seinen ätherischen und astralischen Organismus sowie seine Ich-Wesenheit an sich. Durch das Wegfallen des physischen Organismus ist für das Bewusstwerden der ätherischen Organisation durch den Menschen kein Hindernis mehr da. Vor die Menschenseele tritt das Bild des eben verflossenen Erdenlebens. Denn dieses Bild ist nur der Ausdruck der gestaltenden Bildekräfte, welche in ihrer Summe den ätherischen Leib darstellen.

Was so im ätherischen Leib lebt, ist aus dem ätherischen Wesen des Kosmos in den Menschen hineingewoben. Es kann sich nie ganz vom Kosmos ablösen. Es setzt sich das kosmisch-ätherische Geschehen in die menschliche Organisation herein fort; und die innermenschliche Fortsetzung ist der Ätherorganismus. Daher kommt es, dass in dem Momente, in dem nach dem Tode der Mensch in seiner ätherischen Organisation sich bewusst wird, dieses Bewusstsein auch schon beginnt, sich in ein kosmisches Bewusstsein umzuwandeln. Der Mensch fühlt den Weltenäther geradeso wie seinen Ätherorganismus als etwas, was in seiner eigenen Wesenheit ist. Das heißt aber in Wirklichkeit: der Ätherleib löst sich nach ganz kurzer Zeit im Weltenäther auf. Der Mensch behält sein Inneres, das während des Erdendaseins an den physischen und ätherischen Organismus gebunden war, seinen astralischen Organismus und seine Ich-Wesenheit zurück.

Die astralische Wesenheit ist nie ganz in den physischen Organismus eingegliedert. Die Kopforganisation stellt eine völlige Umwandlung dieses astralischen Organismus und der Ich-Wesenheit dar. Aber in allem, was rhythmische Organisation des Menschen ist, in dem Atmungsvorgange, der Blutzirkulation und in den andern rhythmischen Prozessen leben die astralische Organisation und die Ich- Wesenheit mit einer gewissen Selbständigkeit fort. Deren Tätigkeiten werden durch diese Prozesse nicht so reflektiert wie durch die Kopforganisation. Mit den rhythmischen Vorgängen vereinigen sich die astralische Organisation und die Ich-Wesenheit. Es entsteht da eine geistig-physische Wesenheit, die im gewöhnlichen Bewusstsein als Gefühlsleben zur Erscheinung kommt. In dem Gefühlsleben verbindet sich dasjenige, was der Mensch durch seine Gedanken mit der Sinneswelt zusammen erlebt, mit dem astralischen Organismus und der Ich-Wesenheit.

Man muss diese Verbindung in ihren Einzelheiten betrachten. Man nehme an: der Mensch vollbringe etwas in der Sinnenwelt. Es bleibt für sein Seelenleben nicht bei dem äußeren Geschehen. Er beurteilt die eigene Tat. Dieses Beurteilen geschieht aber nicht im Gedankenleben allein, sondern der Impuls dazu kommt aus dem astralischen Organismus, der in der Vereinigung mit den rhythmischen Vorgängen sich auch im physischen Dasein offenbart. In das Gedankenleben, das in Reflexbildern verläuft, fügt sich ein Abglanz des moralischen Urteilens ein. Dieser Abglanz erscheint innerhalb der reflektierten Gedankenwelt selbst mit dem Charakter der bloß reflektierten Gedankenwesenheit. Im astralisch- rhythmischen Organismus lebt er aber in seiner Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit tritt während des Erdendaseins nicht in das gewöhnliche Bewusstsein ein. Der Eintritt wird dadurch verhindert, dass die physischen rhythmischen Prozesse stärker gefühlt werden als ihre geistigen Begleitprozesse. Ist im Tode der physische Organismus abgeworfen, sind die physischen rhythmischen Prozesse nicht mehr im Menschen-Erleben da, dann tritt in das kosmische Bewusstsein die Anschauung von dem, was die Taten des Menschen vor der geistig-kosmischen Welt bedeuten. Dieses kosmische Bewusstsein bildet sich aus, nachdem der ätherische Organismus ausgeschieden ist. Der Mensch schaut sich in diesem Zustande selbst als moralische Gestaltung an, wie er sich im Erdendasein als physische Gestaltung angesehen hat.

Er hat jetzt ein Inneres, das gestaltet ist von der moralischen Qualität seiner Erdenbetätigung. Er schaut seinen astralischen Organismus an. Aber in diesen astralischen Organismus leuchtet die geistig- kosmische Welt hinein. Was sie zu den im Erdendasein vollbrachten Menschentaten sagt, das steht als ein Tatsachenbild vor der Menschenseele.

Der Mensch tritt mit dem Tode in eine Form des Erlebens ein, in der er einen andern Rhythmus erlebt als im Erdendasein. Dieser Rhythmus erscheint wie in einer kosmischen Nachbildung der Erdenbetätigung. Und in dieses Nach-Erleben strömt fortwährend das Leben des Geist-Kosmos herein wie im Erdenleben die Atemluft in die Lunge. In dem bewussten kosmischen Erleben erscheint ein Rhythmus, von dem der physische ein Abbild ist. Durch den kosmischen Rhythmus gliedert sich, was durch den Menschen im Erdendasein geschieht, als eine Welt mit moralischen Qualitäten in eine amoralische Welt ein. Und der Mensch erlebt nach seinem Tode diesen im Schoße des Kosmos sich ausbildenden moralischen Wesenskern eines künftigen Kosmos, der nicht nur wie der gegenwärtige in einer rein natürlichen Ordnung sich ausleben wird, sondern in einer moralisch-natürlichen. Die Grundempfindung, welche die Seele durchzieht während dieses Erlebens in einer werdenden kosmischen Welt, ist ihr durch die Frage gegeben: werde ich würdig sein, mich in einem kommenden Dasein in die moralisch-natürliche Weltordnung einzugliedern.

Ich habe die Welt der Erlebnisse, die in dieser Art der Mensch nach dem Tode durchmacht, in meinem Buche «Theosophie» die «Seelenwelt» genannt. Das durch die Inspiration auftretende Bewusstsein von dieser Welt gibt erst den Inhalt für eine wahre Kosmologie, wie eine imaginative Erkenntnis des realen menschlichen Lebenslaufes den Inhalt ergibt für eine wahre Philosophie.

Aus demjenigen kosmischen Bewusstsein heraus, in das die kosmische Nachwirkung der menschlichen Erdentaten hineinwirkt, können nicht die ausreichenden Impulse gewonnen werden, aus denen die Menschenseele im Geistigen den kommenden physischen Organismus vorbereiten kann. Dieser Organismus würde verdorben werden, wenn die Seele in der Seelenwelt verbleiben würde. Sie muss in eine Welt des Erlebens eintreten, in der die außermenschlichen geistigen Impulse des Kosmos wirken. Ich habe diese Welt in dem genannten Buche das «Geisterland» genannt.

Die alten Initiierten konnten aus ihrem durch die Initiation erworbenen Wissen ihren Bekennern sagen: das geistige Wesen, das in der physischen Welt in der Sonne seinen Abglanz hat, werdet ihr nach dem Tode in der geistigen Welt finden. Es wird euch aus der Seelenwelt in das Geisterland führen. Ihr werdet durch seine Führung gereinigt werden, so dass ihr im Geisterland fähig werdet, einen weltgemäßen physischen Organismus vorzubereiten.

Die Initiierten zur Zeit des Mysteriums von Golgatha und die der ersten christlichen Jahrhunderte mussten zu ihren Bekennern sagen: Der Grad des Ich-Bewusstseins, den ihr während des Erdendaseins erlanget, wird durch sein eigenes Wesen auf Erden so hell, dass sein Gegenpol, der nach dem Tode auftritt, so dunkel ist, dass ihr den geistigen Sonnenführer nicht sehen könntet. Deshalb ist das Sonnenwesen als Christus auf die Erde herabgestiegen und hat das Mysterium von Golgatha vollbracht. Durchdringet ihr euch nun schon während der Erdenzeit mit einem lebendigen Gefühle eures Zusammenhanges mit dem Mysterium von Golgatha, so wird dessen Sinn dem Erdenleben eingegliedert und wirkt in der Menschenwesenheit nach dem Tode fort. Ihr könnt dann den Christusführer durch diese Nachwirkung erkennen. -

Vom vierten Jahrhundert an ist dieses alte initiierte Wissen innerhalb der Menschheitsentwicklung verlorengegangen. Eine erneute christliche Religionserkenntnis muss auch das Wirken Christi für die Menschheit bis in die Erlebnisse nach dem Tode hinaus aus der Inspiration wieder in die kosmologische Wissenschaft einführen. Wie das im Wollen verborgene Geschehen des menschlichen Erdendaseins bis nach dem Tode hinaus wirkt, das zu schildern bleibt nun die Aufgabe der nächsten Darstellung.

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