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X. Das Erleben des Willensteils der Seele in seiner Wirkung bis über den Tod hinaus

Wenn das gewöhnliche Bewusstsein den Willen in Tätigkeit versetzt, so ist ein Teil des astralischen Organismus besonders wirksam, der mit dem physischen Organismus in einer loseren Verbindung steht als derjenige, der dem Fühlen entspricht. Und dieser dem Fühlen entsprechende Teil des Astralorganismus ist schon loser mit dem physischen Organismus verbunden als der dem Denken entsprechende. Zugleich liegt in dem Astralorganismus des Willens die wahre Wesenheit des «Ich».

Während dem Gefühl ein Seelisch-Geistiges entspricht, das mit dem rhythmischen Teil des physischen Organismus fortwährend in tätiger Verbindung ist, durchdringt der Willensteil der Seele den Stoffwechsel- Organismus und die Gliedmaßen-Organisation zwar fortwährend; aber er ist mit diesen Gliedern des Menschenwesens in einer tätigen Verbindung nur, während sich ein Wollen vollzieht.

Die Beziehung des denkenden Seelenteiles zur Kopf-Organisation ist ein Hingegebensein des Geistig-Seelischen an das Physische. Die Beziehung der fühlenden Seele an die rhythmische Organisation ist ein abwechselndes Hingegebensein und Sich-wieder-Zurückziehen. Der Willensteil aber steht zum Physischen in einer Beziehung, die er zunächst als ein unbewusstes Seelisches erlebt. Es ist ein unbewusstes Begehren nach dem physischen und ätherischen Geschehen. Dieser Willensteil geht durch seine eigene Wesenheit nicht in die physische Tätigkeit auf. Er hält sich von ihr zurück und bleibt seelisch- geistig lebend. Nur wenn der denkende Seelenteil seine Tätigkeit in die Stoffwechsel- und Gliedmaßen-Organisation hinein erstreckt, dann wird der Willensteil angeregt, sich an die physische und ätherische Organisation hinzugeben und in ihr tätig zu sein.

Dem denkenden Seelenteil liegt eine abbauende Tätigkeit des physischen Organismus zugrunde.

Im Bilden von Gedanken erstreckt sich dieser Abbau nur auf die Kopf-Organisation. Wenn ein Willensmäßiges entstehen soll, so ergreift die abbauende Tätigkeit die Stoffwechsel- und die Gliedmaßen- Organisation. Die Gedankenkraft strömt in den Rumpf- und Gliedmaßen-Organismus ein, in denen ihr eine abbauende Tätigkeit des physischen Organismus entspricht. Das regt den Willensteil der Seele an, dem Abbau einen Aufbau, der auflösenden organischen Tätigkeit eine bildende, gestaltende entgegenzusetzen.

Tod und Leben kämpfen so im Menschenwesen. Im Denken offenbart sich eine stets im Absterben begriffene organische Tätigkeit; im Wollen offenbart sich ein Lebenweckendes, Lebenerschaffendes.

Bei denjenigen Seelenübungen, welche mit dem Ziele der übersinnlichen Anschauung als Willensübungen unternommen werden, tritt ein Erfolg nur ein, wenn sie zu einem innerlichen Schmerzerlebnis werden. Wer seinen Willen zu einer erhöhten Energie bringt, bei dem stellt sich ein Leidgefühl ein. In älteren Epochen der Menschheitsentwicklung wurde dieser Schmerz unmittelbar durch asketische Übungen herbeigeführt. Durch diese wurde der Körper in einen Zustand versetzt, der es dem Seelischen schwer machte, sich an ihn hinzugeben. Dadurch wurde der Willensteil der Seele von dem Körper losgerissen und zum selbständigen Erleben der geistigen Welt angeregt.

Diese Art von Übungen ist derjenigen Menschenorganisation, die im gegenwärtigen Zeitpunkt der Erdenentwicklung erreicht ist, nicht mehr angemessen. Der menschliche Organismus ist jetzt so beschaffen, dass man ihn als die Grundlage der Ich-Entwicklung stört, wenn man die alten Übungen zur Askese anstellt. Man muss jetzt das Gegenteil machen. Die Seelenübungen, die in der gegenwärtigen Zeit notwendig sind, um den Willensteil der Seele leibfrei zu machen, bildeten den Gegenstand einer Charakteristik in den vorangehenden Darstellungen. Sie bringen die Erstarkung dieses Seelenteiles nicht von der Körperseite her zustande, sondern von der Seelenseite. Sie erkraften das Seelisch-Geistige im Menschen und lassen das Physisch-Körperliche unberührt.

Man kann schon vom gewöhnlichen Bewusstsein aus sehen, wie das Schmerzerlebnis mit der Entwicklung der seelischen Erfahrungen zusammenhängt. Jeder, der sich einiges an Erkenntnissen höherer Art errungen hat, wird sagen: Für die glücklichen, lustbringenden Einschläge in mein Leben bin ich dem Schicksal dankbar; meine in wahrer Wirklichkeit wurzelnden Lebens-Erkenntnisse verdanke ich aber meinen bitteren, meinen leidvollen Erlebnissen.

Soll der Willensteil der Seele verstärkt werden, wie es zur Erlangung der intuitiven Erkenntnis notwendig ist, dann muss zunächst das Begehren verstärkt werden, das im gewöhnlichen Menschenleben durch den physischen Organismus sich auslebt. Es geschieht dieses durch die charakterisierten Übungen.

Wird dieses Begehren dann so, dass der physische Organismus in seinem Erdenbestande für dasselbe keine Grundlage sein kann, dann geht das Erleben des Willensteiles der Seele in die geistige Welt über; und das intuitive Anschauen tritt ein. Es wird also für dieses Anschauen der geistig-ewige Teil des Seelenlebens seiner selbst bewusst. Wie das im Körper lebende Bewusstsein diesen in sich erlebt, so erlebt das geistige Bewusstsein den Inhalt einer geistigen Welt.

In dem Wechselgeschehen von Aufbau und Abbau der menschlichen Organisation, wie es sich in der denkenden, fühlenden und wollenden Menschheitsorganisation offenbart, muss man den mehr oder weniger normalen menschlichen Lebenslauf des Erdendaseins sehen. Er ist in der Kindheit anders als beim erwachsenen Menschen. Ein Durchschauen, wie die abbauenden und aufbauenden Kräfte in der Kindheit wirken und welche Wirkung auf sie durch die Erziehung und den Unterricht ausgeübt werden, ist die Aufgabe einer wahren Pädagogik. Eine solche kann nur entstehen aus der im Übersinnlichen wurzelnden Erkenntnis der vollständigen Menschennatur nach deren körperlichem, seelischem und geistigem Wesen. Eine Erkenntnis, die nur in den Grenzen des naturwissenschaftlich Erreichbaren sich hält, kann nicht die Grundlage einer wahren Pädagogik sein.

In dem kranken Menschen ist der mehr oder weniger normale Verlauf des Wechselverhältnisses zwischen aufbauenden und abbauenden Kräften für den ganzen Organismus oder für einzelne Organe gestört. Es überwiegt da entweder der Aufbau in einem wuchernden Leben, oder der Abbau in ertötenden Bildungen einzelner Organe oder Vorgänge. Überschauen, was da vorgeht, kann nur derjenige, welcher die totale Menschenorganisation nach physischem, ätherischem, astralischem Organismus und Ich-Wesenheit erkennt. Und die Mittel zur Heilung können auch nur durch eine solche Erkenntnis gefunden werden. Denn in den Reichen der äußeren Welt sind mineralische und pflanzliche Wesen vorhanden, in denen man bei aufbauender Erkenntnis Kräfte erkennt, die einer bestimmten Art von zu stark aufbauenden oder abbauenden Kräften im Organismus entgegenwirken. Ebenso kann ein solches Entgegenwirken in gewissen Verrichtungen des Organismus selbst gefunden werden, die für den gesunden Zustand nicht ausgeführt oder angeregt werden. Eine wahre medizinische Erkenntnis, eine echte Pathologie und Therapie können nur auf einer Geist, Seele und Leib umfassenden Menschen- Erkenntnis auferbaut sein, welche die Ergebnisse der Imagination, Inspiration und Intuition verwertet.

Heute nennt man die Forderung nach einer solchen Medizin noch kindlich. Man tut dieses, weil man auf dem Gesichtspunkt einer bloßen Sinneswissenschaft steht. Von diesem Standpunkt aus ist das ganz begreiflich, denn man ahnt von ihm aus nicht, wieviel mehr man wissen muss für eine Erkenntnis des ganzen Menschen als für diejenige des bloßen Menschenkörpers. Man kann wirklich sagen, dass Anthroposophie die Einwände ihrer Gegner kennt und zu würdigen versteht. Gerade deshalb aber weiß sie auch, wie schwer diese Gegner durch sie zu überzeugen sind.

Der Willensteil der Seele erlebt dasjenige mit, was in dem Gefühlsteil vor sich geht. Dieses Erleben vollzieht sich für das gewöhnliche Seelenleben unbewusst. Aber es geht in den Tiefen der Menschenorganisation als ein Tatsachenzusammenhang vor sich. Da gestaltet sich das durch Gefühl und Wille vollzogene Bewerten der menschlichen Erdentätigkeit zu dem Streben um, der minderwertigen Tat eine wertvolle im weiteren Erleben entgegenzusetzen. Es wird die ganze moralische Qualität des Menschen unbewusst erlebt; und aus diesem Erleben formt sich eine Art geistig-seelischer Wesenheit, die während des Erdendaseins in der unbewussten Region des Menschenwesens heranwächst. Sie stellt dasjenige dar, was sich als zu erreichendes Ziel aus dem Erdendasein ergibt, Ziel dem aber der Mensch in diesem nicht gelangen kann, weil der physische und ätherische Organismus, die aus dem vorigen Erdenleben ihre bestimmte Gestaltung haben, dies nicht ermöglichen. Es lebt deshalb in dem Menschen durch diese geistig-seelische Wesenheit das Bestreben, einen andern physischen und ätherischen Organismus zu bilden, durch den das moralische Ergebnis des Erdendaseins im weiteren Erleben umgestaltet werden kann.

Die Bildung eines solchen physischen und ätherischen Organismus kann nur bewirkt werden, indem der Mensch die gekennzeichnete geistig-seelische Wesenheit durch die Pforte des Todes in die übersinnliche Welt trägt.

Unmittelbar nach dem Tode hat der seelisch-geistige Mensch kurze Zeit den ätherischen Organismus an sich. Da tritt in dem Bewusstsein nur eine Andeutung des im Erdenleben entstandenen, unbewussten moralischen geistig-seelischen Wert-Wesens auf. Denn der Mensch ist da ganz in die Anschauung des ätherischen Kosmos versunken. In dem folgenden längeren Erlebnis zustande (den ich in meiner «Theosophie» die Seelenwelt genannt habe) ist zwar ein deutliches Bewusstsein dieser moralischen Wertwesenheit vorhanden, aber noch nicht die Kraft, das Wirken an dem Aufbau des Geistkeimes für den folgenden physischen Erdenorganismus zu beginnen. Der Mensch hat da noch eine Tendenz, wegen seiner im Erdenleben erworbenen moralischen Qualität nach diesem zurückzublicken.

Nach einer gewissen Zeit kann der Mensch den Übergang zu einem Erlebniszustande finden, in dem diese Tendenz nicht mehr vorhanden ist. (Ich habe die Region, die der Mensch da durchlebt, in meiner «Theosophie» als das eigentliche Geistgebiet bezeichnet.) Vom Gesichtspunkte des übersinnlichen Gedankeninhaltes, den der Mensch - nach dem Tode - im kosmischen Bewusstsein erringt, kann man sagen: der Mensch lebt eine Zeitlang nach dem Tode noch der Erde zugewandt, indem er sich mit den geistigen Kräften durchdringt, die in den physischen Mondenerscheinungen ihr sinnliches Abbild haben. Er hat sich zwar äußerlich von der Erde losgelöst, hängt aber indirekt durch seinen geistig-seelischen Inhalt mit ihr zusammen. Mit den gekennzeichneten geistigen Mondenkräften durchdringt sich alles, was der Mensch während des Erdendaseins an moralisch-geistiger Bewertung zu einem realen Wert-Wesen in seinem astralischen Organismus - oder wie oben gesagt ist: in der unbewussten Region des gefühls- und willensgemäßen Seelenlebens - ausgestaltet. Dieses moralisch-geistige Wertwesen hat eine inhaltliche Verwandtschaft mit den geistigen Mondenkräften. Und diese sind es, die den Menschen an der Erde festhalten. Zur Ausgestaltung des Geistkeimes für den physischen Organismus des nächsten Erdenlebens muss er sich aber auch geistig-seelisch von der Erde trennen. Das kann er nur, wenn er sich auch aus dem Bereiche der Mondenkräfte löst. In diesem Bereiche muss er das mit ihm verwandte moralische Wertwesen zurücklassen. Denn das Wirken für den künftigen physischen Organismus im Zusammenhange mit den geistigen Wesen der übersinnlichen Welt muss unbeschwert durch jenes Wesen geschehen.

Diese Loslösung aus dem Gebiet der geistigen Mondenkräfte kann der Mensch nicht durch die ihm eigenen geistig-seelischen Kräfte erreichen. Sie muss sich aber doch vollziehen.

Vor dem Mysterium von Golgatha war es so, dass die Initiationswissenschaft den Menschen sagen konnte: In einem gewissen Zeitpunkte des nachirdischen Daseins muss das menschliche Erleben der Mondensphäre entzogen werden, das den Menschen im Bereich des Planetenlebens erhält. Der Mensch kann dieses Entziehen nicht selbst bewirken. Da aber tritt das Wesen, dessen physischer Abglanz die Sonne ist, für ihn ein und führt ihn in eine reine Geistsphäre, in der es selbst, nicht aber die geistige Mondwesenheit wirksam ist. Der Mensch erlebt ein Sternendasein so, dass er die geistigen Urbilder der Fixsternkonstellationen gewissermaßen von der andern Seite, von der Peripherie des Kosmos aus schaut.

Dieses Schauen ist, wenn sich ihm auch die Sterne offenbaren, doch ein unräumliches. Mit den Kräften, von denen der Mensch jetzt durchdrungen ist, erwächst ihm die Möglichkeit, den Geist-Keim des physischen Organismus aus dem Kosmos heraus zu gestalten. Göttliches vollbringt in ihm Göttliches.

Ist der Geist-Keim gereift, so beginnt der Herunterstieg zu einem erneuten Erdendasein. Der Mensch tritt wieder in die Mondensphäre ein. Er findet da die moralisch-geistige Wert-Wesenheit, die er beim Eintritt in das reine Sternendasein zurückgelassen hat; und er gliedert sie seinem seelisch-geistigen Wesen ein, um sie zur Grundlage seines schicksalgemäßen (kosmisch bestimmten) folgenden Erdenlebens zu machen.

Die Initiationswissenschaft des Christentums ergibt etwas anderes. Im Aufnehmen der Kraft, welche für die Seele aus dem anschauenden und tätigen Gefühls-Miterleben des irdischen Christuslebens und des Mysteriums von Golgatha erwächst, erringt der Mensch schon auf der Erde, nicht erst durch das Sonnenwesen nach dem Tode, die Fähigkeit, sich in einem bestimmten Zeitpunkte des nachirdischen Daseins dem Mondeneinfluss zu entziehen und in die reine Sternensphäre einzutreten. Diese Fähigkeit ist das geistige, nach dem Tode erlebte Gegenbild der durch das Ichbewusstsein im Erdenleben herbeigeführten Freiheit. Der Mensch übernimmt dann in der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt sein in der Mondensphäre zurückgelassenes moralisch-geistiges Wertwesen als den Bildner seines Schicksals, das er dadurch während des folgenden Erdendaseins in Freiheit erleben kann. Er trägt auch in Freiheit die irdische Nachwirkung seines zwischen Tod und Geburt durchlebten gottdurchdrungenen Daseins als religiöses Bewusstsein in sich.

Eine neuere Initiationswissenschaft kann das durchschauen und die Wirksamkeit des Christus im menschlichen Dasein erkennen. Sie fügt zu einer lebensvollen Philosophie und einer Kosmologie, die den Geist-Kosmos miterkennt, eine Religionserkenntnis, welche den Christus als den Mittler eines erneuten religiösen Bewusstseins, als den Weltenführer in der Freiheit, anerkennt.

Skizzenhaft habe ich in diesen Darstellungen nur die mögliche Entstehung einer Philosophie, Kosmologie und Religionserkenntnis darstellen können. Es würde noch vieles zu sagen sein, wenn die Skizze zum farbigen Bilde werden sollte.

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