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Teil 3, 118-176

Michaels Mission im Weltenalter der Menschen-Freiheit.

(Goetheanum, 9. November 1924)

Wenn man mit dem geistigen Erleben an Michaels Wirken in der Gegenwart herankommt, so findet man die Möglichkeit, sich geisteswissenschaftlich über das kosmische Wesen der Freiheit Licht zu verschaffen.

Dies bezieht sich nicht auf meine «Philosophie der Freiheit». Diese geht aus den rein-menschlichen Erkenntniskräften selbst hervor, wenn diese sich auf das Feld des Geistes begeben können. Man braucht dann, um zu erkennen, was hier erkannt wird, noch nicht ein Zusammengehen mit Wesen andrer Welten. Man kann aber sagen, die «Philosophie der Freiheit» bereitet dazu vor, über die Freiheit das zu erkennen, was dann im geistigen Zusammengehen mit Michael erfahren werden kann.

Und das ist das Folgende.

Soll Freiheit wirklich im menschlichen Handeln leben, so darf, was in ihrem Lichte vollzogen wird, in keiner Art von der menschlichen physischen und ätherischen Organisation abhängig sein. Das «Freie» kann sich nur aus dem «Ich» heraus vollziehen; und mit dem freien Wirken des «Ich» muss der Astralleib mitschwingen können, damit er es auf physischen und ätherischen Leib übertragen kann. -Dies ist aber nur die eine Seite der Sache. Die andere wird eben im Zusammenhange mit Michaels Mission durchsichtig. - Es darf, was in Freiheit vom Menschen erlebt wird, auch nicht in irgendeiner Art auf seinen ätherischen oder physischen Leib wirken. Geschähe dieses, so müsste der Mensch völlig aus dem herauskommen, was er in den Etappen seiner Entwicklung unter dem Einfluss der göttlich-geistigen Wesenheit und der göttlich-geistigen Offenbarung geworden ist.

Was der Mensch durch dasjenige erlebt, was nur göttlichgeistiges Werk in seiner Umgebung ist, darf nur auf sein Geistiges (sein Ich) einen Einfluss haben. Auf seine physische und ätherische Organisation kann nur Einfluss haben, was sich in der Entwicklungsströmung nicht in seiner Umgebung, sondern innerhalb seiner Wesenheit selbst von dem fortsetzt, das seinen Anfang in Wesenheit und Offenbarung des Göttlich-Geistigen gehabt hat. Das aber darf in der Menschen-Wesenheit gar nicht zusammenwirken mit dem, was in dem Elemente der Freiheit lebt.

Dies ist nur dadurch möglich, dass Michael aus urferner Vergangenheit der Entwicklung etwas herüberträgt, das den Menschen einen Zusammenhang mit dem Göttlich-Geistigen gibt, das in der Gegenwart nicht mehr in die physische und ätherische Bildung eingreift. Dadurch entwickelt sich innerhalb von Michaels Mission der Boden für einen Verkehr des Menschen mit der geistigen Welt, der gar nicht ins Naturhafte hinübergreift.

Es ist erhebend anzusehen, wie durch Michael des Menschen Wesenheit in die geistige Sphäre hinaufgehoben wird, während das Unbewusste, Unterbewusste, die sich unter der Sphäre der Freiheit entfalten, immer tiefer mit dem Materiellen zusammenwächst.

Des Menschen Stellung zum Weltwesen wird ihm fernerhin immer unverständlicher werden, wenn er sich nicht darauf einlässt, außer seinen Beziehungen zu Naturwesen und Naturvorgängen auch noch solche anzuerkennen wie die zur Michael-Mission. - Die Beziehungen zur Natur lernt man wie etwas kennen, das man von außen anschaut; diejenigen zur geistigen Welt gehen aus von etwas, das gewissermaßen ein inneres Gespräch mit einem Wesenhaften ist, zu dem man sich den Zugang dadurch eröffnet hat, dass man auf das geistgemäße Anschauen der Welt eingegangen ist.

Der Mensch muss also, um die Impulse der Freiheit darleben zu können, imstande sein, gewisse Naturwirkungen, die aus dem Kosmos herein die Wirkung auf sein Wesen nehmen, von diesem Wesen fernezuhalten. Diese Fernhaltung spielt sich im Unterbewusstsein dann ab, wenn im Bewusstsein die Kräfte walten, die eben das Leben des Ich in Freiheit darstellen. Für das menschliche innere Wahrnehmen ist das Bewusstsein des Wirkens in Freiheit da; für die geistigen Wesen, die aus ändern Weltensphären mit dem Menschen in Verbindung stehen, ist das anders. Dem Wesen aus der Hierarchie der Angeloi, das mit der Fortführung des Menschenseins von Erdenleben zu Erdenleben zu tun hat, wird gegenüber dem menschlichen Handeln in Freiheit sofort dieses anschaulich: der Mensch stößt von sich kosmische Kräfte hinweg, die ihn weiterbilden wollen, die seiner Ich-Organisation die nötigen physischen Stützen geben wollen, wie sie sie ihr gegeben haben vor dem Michael-Zeitalter.

Michael erhält als Wesen aus der Hierarchie der Archangeloi seine Eindrücke mit Hilfe der Wesen aus der Angeloi-Hierarchie. Er widmet sich der Aufgabe, dem Menschen aus dem geistigen Teil des Kosmos auf die hier geschilderte Art Kräfte zuzuführen, die die aus dem Naturdasein unterdrückten ersetzen können.

Das erreicht er, indem er seine Wirksamkeit in den vollkommensten Einklang mit dem Mysterium von Golgatha bringt.

In der Wirksamkeit des Christus innerhalb der Erdenentwicklung liegen die Kräfte, die der Mensch im Wirken durch Freiheit zum Ausgleich unterdrückter Natur-Impulse braucht. - Nur muss der Mensch dann wirklich seine Seele in das innere Zusammenleben mit Christus bringen, von dem hier in diesen Mitteilungen über die Michael-Mission schon gesprochen ist.

Der Mensch weiß sich in einer Wirklichkeit, wenn er der physischen Sonne gegenübersteht und durch sie Wärme und Licht empfängt.

So muss er der geistigen Sonne, Christus, die ihr Dasein mit dem Erdendasein vereint hat, gegenüber leben und von ihr in der Seele das lebendig empfangen, was in der geistigen Welt der Wärme und dem Licht entspricht.

Er wird sich von der «geistigen Wärme» durchdrungen fühlen, wenn er den «Christus in sich» erlebt. Er wird sich in dieser Durchdringung erfühlend sagen: diese Wärme löst dein menschliches Wesen aus Banden des Kosmos, in denen es nicht bleiben darf. Das göttlich-geistige Sein der Urzeit musste dich zur Erringung der Freiheit in Regionen führen, in denen es nicht bei dir bleiben konnte, in denen es aber dir den Christus gegeben hat, dass seine Kräfte dir als freiem Menschen verleihen, was das göttlich-geistige Sein der Urzeit dir einstmals auf dem Naturwege gegeben hat, der damals zugleich der Geistesweg war. Zu dem Göttlichen, aus dem du stammest, führt dich diese Wärme wieder zurück.

Und in diesem Erfühlen wird im Menschen in inniger Seelenwärme zusammenwachsen das Erleben in und mit dem Christus und das Erleben echten und wahren Menschentums. «Christus gibt mir mein Menschenwesen», das wird als Grundgefühl die Seele durchwehen und durchwellen. Und ist erst dieses Gefühl vorhanden, so kommt auch das andere, in dem der Mensch durch Christus sich hinausgehoben fühlt über das bloße Erdensein, indem er sich mit der Sternen-Umgebung der Erde eins fühlt und mit allem, was in dieser Sternen-Umgebung zu erkennen ist als Göttlich-Geistiges.

Und so mit dem geistigen Lichte. Der Mensch kann sich in seiner Menschenwesenheit voll erfühlen, indem er sich als freie Individualität gewahr wird. Aber eine Verfinsterung ist damit doch verbunden. Das Göttlich-Geistige der Urzeit leuchtet nicht mehr. Im Lichte, das der Christus dem Menschen-Ich bringt, ist das Urlicht wieder da. Es kann in solchem Zusammenleben mit dem Christus der beseligende Gedanke sonnenhaft die ganze Seele durchglänzen: Das uralt-herrliche göttliche Licht ist wieder da; es leuchtet, obwohl sein Leuchten kein naturhaftes ist. Und der Mensch vereinigt sich in der Gegenwart mit den geistigen kosmischen Leuchtekräften der Vergangenheit, in der er noch nicht eine freie Individualität war. Und er kann in diesem Lichte die Wege finden, die seine Menschen Wesenheit recht führen, wenn er sich verständnisvoll in seiner Seele mit der Michael-Mission verbindet.

Dann wird der Mensch in der Geist-Wärme den Impuls fühlen, der ihn in seine kosmische Zukunft so hinüberträgt, dass er in dieser treu bleiben kann den Ur-Gaben seiner göttlich-geistigen Wesenheiten, trotzdem er sich in deren Welten zur freien Individualität entwickelt hat. Und er wird in dem Geistes-Lichte die Kraft empfinden, die ihn wahrnehmend mit immer höherem und weiterem Bewusstsein der Welt zuführt, in der er sich als freier Mensch mit den Göttern seines Ursprungs wiederfindet.

In dem ursprünglichen Sein verharren, die ursprüngliche, naive, im Menschen waltende Götter-Güte beibehalten wollen und vor dem vollen Gebrauche der Freiheit zurückbeben, führt den Menschen in dieser Welt der Gegenwart, in der alles auf die Entwicklung seiner Freiheit veranlagt ist, doch zu Luzifer, der die gegenwärtige Welt verleugnet wissen will.

Sich dem gegenwärtigen Sein übergeben, die jetzt dem Intellekt erreichbare Welten-Natürlichkeit, die gegen Güte sich neutral verhält, allein walten lassen wollen und den Gebrauch der Freiheit nur im Intellekt erleben wollen, das führt den Menschen in dieser Welt der Gegenwart, in der die Entwicklung in tieferen Seelenregionen fortgesetzt werden muß, da in oberen die Freiheit waltet, doch zu Ahriman, der die gegenwärtige Welt ganz in einen Kosmos des intellektuellen Wesens umgewandelt wissen will.

In solchen Regionen, in denen der Mensch den Blick nach der Außenwelt geistig auf Michael, den Blick nach dem Innern der Seele geistig auf Christus fallen fühlt, gedeiht jene Seelen- und Geistessicherheit, durch die er denjenigen kosmischen Weg zu gehen vermöge wird, auf dem er ohne Verlust seines Ursprungs seine rechte Zukunfts-Vollendung finden wird.

Goetheanum, 9. November 1924

Leitsätze Nr. 118 bis 120 (16. November 1924)

(Mit Bezug auf die vorangehende Darstellung von Michaels Mission im Weltenalter der Menschen-Freiheit)

118. Eine freie Handlung kann nur diejenige sein, bei der kein Naturgeschehen in oder außer dem Menschen mitwirkt.

119. Dem steht als der polarische Gegensatz gegenüber, dass im freien Wirken der Menschen-Individualität in dieser ein Naturgeschehen unterdrückt wird, das bei unfreiem Handeln da wäre und dem Menschenwesen seine ihm kosmisch vorbestimmte Gestaltung gäbe.

120. Diese Gestaltung, die dem Menschen, der in seinem Wesen mit dem gegenwärtigen und zukünftigen Welten-Entwicklungs-Stadium mitlebt, nicht auf naturgemäßem Wege zukommt, kommt ihm auf geistgemäßem zu durch das Sich-Verbinden mit Michael, wodurch er auch den Weg zu Christus findet.


Die Weltgedanken im Wirken Michaels und im Wirken Ahrimans.

(Goetheanum, 16. November 1924)

Der Betrachter des Verhältnisses Michaels zu Ahriman wird wohl zu der Frage gedrängt: wie verhalten sich in dem kosmischen Zusammenhange diese beiden Geistesmächte, insoferne doch beide in der Entfaltung der intellektuellen Kräfte tätig sind?

Michael entfaltete die Intellektualität durch den Kosmos hindurch in der Vergangenheit. Da tat er dieses als Diener der göttlich-geistigen Mächte, die sowohl ihm selbst wie dem Menschen den Ursprung gegeben haben. Und bei diesem Verhältnis zur Intellektualität will er bleiben. Als diese von den göttlich-geistigen Mächten sich loslöste, um den Weg in das Innere des Menschenwesens zu finden, da beschloss er, fortan sich in rechter Art zur Menschheit zu stellen, um in dieser sein Verhältnis zur Intellektualität zu finden. Aber er wollte all dieses nur im Sinne der göttlich-geistigen Mächte auch weiterhin als deren Diener tun, der Mächte, mit denen er von seinem und der Menschen Ursprünge her verbunden ist. So ist seine Absicht, dass in Zukunft die Intellektualität durch die Herzen der Menschen ströme, aber als dieselbe Kraft, die sie ausströmend aus den göttlich-geistigen Mächten schon im Anfange war.

Ganz anders steht es bei Ahriman. Dieses Wesen hat sich seit lange aus der Entwicklungsströmung losgelöst, der die gekennzeichneten göttlich-geistigen Mächte angehören. Es hat sich in urferner Vergangenheit als selbständige kosmische Macht neben diese hingestellt. - Nun steht es in der Gegenwart zwar räumlich in der Welt darinnen, der der Mensch angehört, aber es entwickelt mit den rechtmäßig dieser Welt angehörenden Wesen keinen Kräftezusammenhang. Nur da die Intellektualität, von den göttlich-geistigen Wesen losgelöst, an diese Welt herankommt, findet Ahriman sich mit dieser Intellektualität so verwandt, dass er sich auf seine Art durch sie mit der Menschheit verbinden kann. Denn er hat, was der Mensch in der Gegenwart wie eine Gabe aus dem Kosmos erhält, schon in urferner Zeit mit sich vereinigt. Ahriman würde, wenn ihm gelänge, was in seiner Absicht liegt, den der Menschheit gegebenen Intellekt ähnlich seinem eigenen machen. –

Nun hat Ahriman sich die Intellektualität in einer Zeit angeeignet, als er sie nicht in sich verinnerlichen konnte. Sie blieb eine Kraft in seinem Wesen, die mit Herz und Seele nichts zu tun hat. Als kalt-frostiger, seelenloser kosmischer Impuls strömt von Ahriman die Intellektualität aus. Und die Menschen, die von diesem Impuls ergriffen werden, entwickeln eine Logik, die in erbarmungs- und liebeloser Art für sich selbst zu sprechen scheint - in Wahrheit spricht eben Ahriman in ihr -, bei der sich nichts zeigt, was rechtes, inneres, herzlich-seelisches Verbundensein des Menschen ist mit dem, was er denkt, spricht, tut.-

Michael hat sich die Intellektualität aber nie angeeignet. Er verwaltet sie als göttlich-geistige Kraft, indem er sich verbunden fühlt mit den göttlich-geistigen Mächten. Dadurch zeigt sich auch, indem er die Intellektualität durchdringt, in dieser die Möglichkeit, ein Ausdruck des Herzens, der Seele ebenso gut zu sein wie ein solcher des Kopfes, des Geistes. Denn Michael trägt in sich alle die Ursprungskräfte seiner Götter und der des Menschen. Dadurch überträgt er auf die Intellektualität nichts Kalt-Frostiges, Seelenloses, sondern er steht bei ihr in warm-inniger, seelenvoller Art.

Und hierinnen liegt auch der Grund, warum Michael mit ernster Miene und Geste durch den Kosmos wallet. Im Innern so verbunden sein mit dem intelligenten Inhalte, wie Michael es ist, bedeutet zugleich, die Anforderung erfüllen müssen, nichts von subjektiver Willkür, von Wunsch oder Begehren in diesen Inhalt hineinzubringen. Sonst wird ja Logik Willkür eines Wesens statt Ausdruck des Kosmos. Streng sein Wesen als Ausdruck des Weltwesens zu halten; alles, was sich im Innern als Eigenwesen regen will, auch in diesem Innern zu lassen: das betrachtet Michael als seine Tugend. Sein Sinn ist nach den großen Zusammenhängen des Kosmos gerichtet - davon spricht seine Miene; sein Wille, der an den Menschen herantritt, soll widerspiegeln, was er im Kosmos erschaut -, davon spricht seine Haltung, seine Geste. Michael ist in allem ernst, denn Ernst als Offenbarung eines Wesens ist der Spiegel des Kosmos aus diesem Wesen; Lächeln ist der Ausdruck dessen, was, von einem Wesen ausgehend, in die Welt hineinstrahlt.

Eine der Imaginationen von Michael ist auch diese: Er wallet durch den Zeitenlauf, das Licht aus dem Kosmos wesenhaft als sein Wesen tragend; die Wärme aus dem Kosmos als Offenbarer seines eigenen Wesens gestaltend; er wallet als Wesen wie eine Welt,, sich selber nur bejahend, indem er die Welt bejaht, wie aus allen Weltenstätten Kräfte zur Erde niederführend.

Dagegen eine solche von Ahriman: Er möchte in seinem Gange aus der Zeit den Raum erobern, er hat Finsternis um sich, in die er die Strahlen des eignen Lichtes sendet; er hat um so stärkeren Frost um sich, je mehr er von seinen Absichten erreicht; er bewegt sich als Welt, die sich ganz in ein Wesen, das eigene, zusammenzieht, in dem er sich selber nur bejaht durch Verneinung der Welt; er bewegt sich, wie wenn er die unheimlichen Kräfte finsterer Höhlen der Erde mit sich führte.

Wenn der Mensch die Freiheit sucht, ohne Anwandlung zum Egoismus, wenn ihm Freiheit wird reine Liebe zur auszuführenden Handlung, dann hat er die Möglichkeit, sich Michael zu nahen; wenn er in Freiheit wirken will bei Entfaltung des Egoismus, wenn ihm Freiheit wird das stolze Gefühl, sich selber in der Handlung zu offenbaren, dann steht er vor der Gefahr, in Ahrimans Gebiet zu gelangen.

Die oben geschilderten Imaginationen leuchten auf aus des Menschen Liebe zur Handlung (Michael) oder seiner Eigenliebe zu sich selbst, indem er handelt (Ahriman).

Indem sich der Mensch als freies Wesen in Michaels Nähe fühlt, ist er auf dem Wege, die Kraft der Intellektualität in seinen «ganzen Menschen» zu tragen; er denkt zwar mit dem Kopfe, aber das Herz fühlt des Denkens Hell oder Dunkel; der Wille strahlt des Menschen Wesen aus, indem er die Gedanken als Absichten in sich strömen hat. Der Mensch wird immer mehr Mensch, indem er Ausdruck der Welt wird; er findet sich, indem er sich nicht sucht, sondern in Liebe sich wollend der Welt verbindet.

Indem der Mensch seine Freiheit entfaltend in Ahrimans Verlockungen fällt, wird er in die Intellektualität hineingezogen, wie in einen geistigen Automatismus, in dem er ein Glied ist, nicht mehr er selbst. All sein Denken wird Erlebnis des Kopfes; allein dieser sondert es vom Eigenherzerleben und eignem Willensleben ab und löscht das Eigensein aus. Der Mensch verliert immer mehr von seinem innerlich wesenhaft-menschlichen Ausdruck, indem er Ausdruck seines Eigenseins wird; er verliert sich, indem er sich sucht; er entzieht sich der Welt, der er die Liebe verweigert ; aber der Mensch erlebt sich nur wahrhaft, wenn er die Welt liebt.

Es ist aus dem Geschilderten wohl anschaulich, wie Michael der Führer zu Christus ist. Michael geht mit allem Ernste seines Wesens, seiner Haltung, seines Handelns in Liebe durch die Welt. Wer sich an ihn hält, der pfleget im Verhältnis zur Außenwelt der Liebe. Und Liebe muss im Verhältnis zur Außenwelt sich zunächst entfalten, sonst wird sie Selbstliebe.

Ist dann diese Liebe in der Michael-Gesinnung da, dann wird Liebe zum andern auch zurückstrahlen können ins eigene Selbst. Dieses wird lieben können, ohne sich selbst zu lieben. Und auf den Wegen solcher Liebe ist Christus durch die Menschenseele zu finden.

Wer sich an Michael hält, der pfleget im Verhältnis zur Außenwelt der Liebe, und er findet dadurch das Verhältnis zur Innenwelt seiner Seele, das ihn mit Christus zusammenführt.

Das Zeitalter, das jetzt im Anbrechen ist, bedarf des Hinblickes der Menschheit auf eine Welt, die unmittelbar als geistige an die physisch empfundene angrenzt und in der solches zu finden ist, wie es hier als Michael-Wesenheit und Michael-Mission geschildert ist. Denn die Welt, die sich der Mensch im Anblicke dieser physischen Welt als die Natur ausmalt, ist auch nicht die, in der er unmittelbar lebt, sondern eine solche, die so weit unter der wahrhaft menschlichen liegt wie die michaelische über dieser. Nur merkt der Mensch nicht, dass unbewusst, indem er sich ein Bild seiner Welt macht, eigentlich das einer ändern entsteht. Er ist, indem er dieses Bild malt, schon dabei, sich auszuschalten und dem geistigen Automatismus zu verfallen. Der Mensch kann seine Menschheit nur bewahren, wenn er diesem Bilde, in dem er sich als in dem Bilde der Naturanschauung verliert, das andere gegenüberstellt, in dem Michael waltet, in dem Michael die Wege zum Christus führt.

Goetheanum, 16. November 1924.

Leitsätze Nr. 121 bis 123 (23. November 1924)

(Mit Bezug auf die vorangehende Darstellung über die Weltgedanken im Wirken Michaels und im Wirken Ahrimans)

121. Man hat ein in der Welt Wirkendes, zum Beispiel die Weltgedanken, in seiner Bedeutung für die Welt noch nicht durchschaut, wenn man bei diesem Wirkenden an sich stehen bleibt, sondern man muss erkennend auf die Wesen blicken, von denen das Wirkende ausgeht; zum Beispiel für die Weltgedanken, ob sie von Michael oder Ahriman in und durch die Welt getragen werden.

122. Was von dem einen Wesen ausgehend, wegen dessen Verhältnis zur Welt, heilsam und schaffend wirken kann, das kann sich verderblich und zerstörend erweisen, wenn es von einem ändern Wesen ausgeht. Die Weltgedanken tragen den Menschen in die Zukunft, wenn er sie von Michael empfängt; sie führen ihn von der ihm heilsamen Zukunft hinweg, wenn Ahriman sie ihm geben kann.

123. Durch solche Betrachtungen wird man immer mehr dazu gebracht, die Anschauung von einer unbestimmten Geistigkeit, die pantheistisch auf dem Grunde der Dinge walten soll, zu überwinden; und man wird zu einer bestimmten, konkreten geführt, die von den geistigen Wesen der höheren Hierarchien sich Vorstellungen machen kann. Denn die Wirklichkeit besteht ja überall im Wesenhaften; und was in ihr nicht Wesenhaftes ist, das ist die Tätigkeit, die sich im Verhältnisse von Wesen zu Wesen abspielt. Es kann nur begriffen werden, wenn man den Blick auf die tätigen Wesen werfen kann.


Erste Betrachtung:

Vor den Toren der Bewusstseinsseele. Wie Michael seine Erdenmission durch Besiegung Luzifers überirdisch vorbereitet.

(Goetheanum, 23.November 1924.)

Michaels Eingreifen in die Welt- und Menschheitsentwicklung am Ende des neunzehnten Jahrhunderts erscheint in einer besonderen Beleuchtung, wenn man die Geistesgeschichte in den Jahrhunderten betrachtet, die ihm vorangegangen sind.

Im Beginne des fünfzehnten Jahrhunderts liegt der Zeitpunkt, in dem die Epoche der Bewusstseinsseele ihren Anfang nimmt.

Vor diesem Zeitpunkt offenbart sich ein völliger Wandel in dem Geistesleben der Menschheit. Man kann verfolgen, wie vorher in das menschliche Anschauen überall noch Imaginationen hineingespielt haben. Einzelne Persönlichkeiten haben sich allerdings schon früher zu bloßen «Begriffen» in ihrem Seelenleben gefunden; allein die allgemeine Seelenverfassung der Mehrzahl der Menschen lebt in einem Sich-Durchdringen von Imaginationen mit Vorstellungen, die der rein physischen Welt entstammen. So ist es mit den Vorstellungen über Naturgeschehen, so aber auch mit denen über das geschichtliche Werden.

Was die geistige Beobachtung nach dieser Richtung finden kann, wird durch die äußeren Zeugnisse durchaus bestätigt. Auf einige der letzteren sei hier gedeutet.

Was in den vorangegangenen Jahrhunderten über geschichtliche Ereignisse gesonnen und gesprochen worden war, wird gerade vor dem Anbrach des Bewusstseinszeitalters vielfach niedergeschrieben. Und so haben wir aus dieser Zeit «Sagen» und dergleichen aufbewahrt, die ein getreues Bild davon geben, wie man vorher «Geschichte» vorgestellt hat.

Ein schönes Beispiel ist die Erzählung von dem «guten Gerhard», die in einem Gedichte des Rudolf von Ems, der in der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts lebte, erhalten ist. Der «gute Gerhard» ist ein reicher Kaufmann in Köln. Er unternimmt eine Handelsreise nach Russland, Livland und Preußen, um Zobelfelle zu kaufen. Dann geht er nach Damaskus und Ninive, um Seidenstoffe und ähnliches zu erwerben.

Auf der Heimreise wird er vom Sturm verschlagen. In dem fremden Gebiet, in das er kommt, lernt er einen Mann kennen, in dessen Gefangenschaft sich englische Ritter und auch die Verlobte des englischen Königs befinden. Gerhard gibt alles hin, was er auf der Reise erhandelt hatte, und erhält dafür die Gefangenen. Die nimmt er auf sein Schiff und tritt die Heimreise an. Als die Schiffe dahin kommen, wo die Wege nach der Heimat Gerhards und nach England sich trennen, entlässt Gerhard die männlichen Gefangenen nach ihrer Heimat; die Verlobte des Königs behält er bei sich, in der Hoffnung, dass ihr Bräutigam, der König Wilhelm, sie abholen werde, sobald er von ihrer Befreiung und ihrem Aufenthaltsorte Kunde erhält. In der denkbar besten Art werden die Königsbraut und ihre mitgekommenen Freundinnen von Gerhard gehalten. Sie lebt wie eine vielgeliebte Tochter in dem Hause ihres Erlösers aus der Gefangenschaft. Es vergeht die längste Zeit, ohne dass der König erscheint, sie abzuholen. Da entschließt sich Gerhard, um der Pflegetochter Zukunft zu sichern, sie mit seinem Sohne zu vermählen. Denn es kann geglaubt werden, dass Wilhelm tot sei. Schon ist das Hochzeitsfest für den Sohn Gerhards im Gange; da erscheint auf demselben als unbekannter Pilger - Wilhelm. Er war lange umhergeirrt, um seine Verlobte zu suchen. Ihm wird nach dem selbstlosen Verzicht von Gerhards Sohn seine Braut zurückgegeben. Einige Zeit bleiben beide noch bei Gerhard; dann rüstet dieser ein Schiff aus, um sie nach England zu bringen. Als die wieder zu Würden gekommenen Gefangenen Gerhard zunächst in England begrüßen können, wollen sie ihn zum König wählen. Er aber kann erwidern, dass er ihnen ihr rechtmäßiges Königspaar bringe. Auch sie hatten ja Wilhelm für tot gehalten und wollten einen ändern König für das Land wählen, in dem die Zustände während des Umherirrens Wilhelms chaotisch geworden waren. - Der Kölner Kaufmann schlägt alles, was man ihm an Würden und Reichtümern anbietet, aus und kehrt nach Köln zurück, um dort weiter der einfache Kaufmann zu sein, der er vorher gewesen. - Die Geschichte wird so eingekleidet, dass der sächsische Kaiser, Otto der Erste, nach Köln reist, um den «guten Gerhard» kennen zu lernen. Denn der mächtige Kaiser ist der Versuchung unterlegen, für manches, was er getan hat, auf «irdischen Lohn» zu rechnen. Dadurch, dass er Gerhard kennen lernt, wird ihm an einem Beispiel fühlbar, wie ein einfacher Mann unsägliches Gutes tut - Hingabe aller Waren, die er erstanden, um Gefangene zu befreien; Rückgabe der Braut des Sohnes an Wilhelm; dann alles, was er verrichtet, um diesen wieder nach England zu bringen und so weiter -, ohne irgendwelchen irdischen Lohn dafür zu begehren, sondern alle Belohnung allein von dem Walten der Gottheit zu erwarten. Der Mann heißt im Menschenmunde «der gute Gerhard»; der Kaiser fühlt, dass er einen mächtigen religiösmoralischen Ruck erhält durch die Bekanntschaft mit Gerhards Gesinnung.

Die Erzählung, deren Gerüst ich hier gegeben habe, um nicht über etwas wenig Bekanntes bloß mit Namen zu deuten, zeigt nun von der einen Seite ganz deutlich die Seelenverfassung des Zeitalters vor dem Heraufkommen der Bewusstseinsseele in der Entwicklung der Menschheit.

Wer nämlich die Erzählung, wie sie Rudolf von Ems gibt, auf sich wirken lässt, der kann fühlen, wie das Erleben der Erdenwelt seit jener Zeit, in der Kaiser Otto gelebt (im zehnten Jahrhundert), sich gewandelt hat.

Man sehe hin, wie in dem Zeitalter der Bewusstseinsseele die Welt vor dem Seelenblicke des Menschen gewissermaßen «hell» für alles Erfassen des physischen Seins und Werdens geworden ist. Gerhard fährt mit seinen Schiffen gewissermaßen wie im Nebel. Er kennt nur immer ein Stückchen von der Welt, mit der er in Verbindung kommen will. Man erfährt in Köln nichts von dem, was in England vor sich geht, und muss jahrelang suchen nach einem Menschen, der in Köln ist. Man lernt Leben und Besitz eines solchen Menschen, wie der ist, zu dem Gerhard auf der Heimreise verschlagen wird, erst kennen, wenn man durch das Schicksal unmittelbar an den entsprechenden Ort herangebracht wird. Zu dem Durchschauen der Weltverhältnisse von heute verhält sich das damalige wie das Hineinblicken in eine sonnenerhellte weite Landschaft zu dem Sich-Hintasten im dichten Nebel.

Mit dem, was man heute «geschichtlich» gelten lässt, hat das nichts zu tun, was in Verbindung mit dem «guten Gerhard» erzählt wird. Um so mehr aber mit der Gemütsstimmung und der ganzen geistigen Lage des Zeitalters. Diese, nicht die einzelnen Ereignisse der physischen Welt, werden in Imaginationen dargestellt.

In dieser Darstellung spiegelt sich, wie der Mensch sich nicht nur als ein Wesen fühlt, das als ein Glied in der Kette der Ereignisse der physischen Welt lebt und tätig ist, sondern wie er in sein irdisches Dasein geistige, übersinnliche Wesen hineinwirken und mit ihnen seinen Willen in Zusammenhang fühlt.

Die Erzählung vom «guten Gerhard» zeigt, wie das Dämmerdunkel, das in bezug auf das Durchschauen der physischen Welt dem Zeitalter der Bewusstseinsseele vorangegangen ist, den Blick in das Erschauen der geistigen Welt gewiesen hat. Man sah nicht in die Weiten des physischen Daseins, man sah um so mehr in die Tiefen des geistigen.

Aber so, wie einst ein dämmerhaftes (traumhaftes) Hellsehen der Menschheit die geistige Welt gezeigt hatte, war es in dem gekennzeichneten Zeitalter nicht mehr. Die Imaginationen waren da; aber sie traten innerhalb einer Auffassung der Menschenseele auf, die schon stark nach dem Gedanklichen hindrängte. Das bewirkte, dass man nicht mehr wusste, wie die Welt, die sich in Imaginationen offenbarte, sich zu der des physischen Daseins verhält. Deshalb erschienen die Imaginationen Leuten, die schon eindringlicher sich an das Gedankliche hielten, als willkürliche «Erdichtungen» ohne Wirklichkeit.

Man wusste nicht mehr, dass man durch die Imagination in eine Welt blickt, in der man mit einem ganz ändern Teile seines Menschenwesens steht als in der physischen. So standen in der Darstellung beide Welten nebeneinander; und beide trugen durch die Haltung der Erzählung einen Charakter, dass man meinen konnte, die geistigen Geschehnisse, die man erzählte, hätten sich so wahrnehmbar zwischen den physischen abgespielt, wie diese selbst wahrnehmbar sind.

Dazu kam, dass man die physischen Ereignisse in vielen dieser Erzählungen durcheinander warf. Personen, deren Leben Jahrhunderte voneinander entfernt liegt, treten als Zeitgenossen auf; Geschehnisse werden an unrichtige Orte oder in unrichtige Zeitpunkte versetzt.

Es werden Tatsachen der physischen Welt so von der menschlichen Seele angeschaut, wie man nur das Geistige anschauen kann, für das Zeit und Raum eine andere Bedeutung als für das Physische haben; die physische Welt wird in Imaginationen statt in Gedanken dargestellt; dafür wird die geistige Welt so in die Erzählung verwoben, wie wenn man es nicht mit einer anderen Daseinsform, sondern mit dem Fortgang physischer Tatsachen zu tun hätte.

Eine nur an das Physische sich haltende Geschichts-Erfassung denkt, man habe die alten Imaginationen des Orients, Griechenlands und so weiter übernommen und dichterisch mit den geschichtlichen Stoffen verwoben, die die Menschen damals beschäftigten. Man hatte ja in den Schriften Isidors von Sevilla aus dem siebenten Jahrhundert eine förmliche Sammlung alter «Sagenmotive».

Doch dies ist eine äußerliche Betrachtungsweise. Sie hat etwas Bedeutsames nur für denjenigen, der keinen Sinn für die menschliche Seelenverfassung hat, die sich mit ihrem Dasein noch im unmittelbaren Anschluss an die geistige Welt weiß und die dieses Wissen in Imaginationen auszudrücken sich gedrängt fühlt. Wird dann statt der eigenen Imagination eine geschichtlich überlieferte verwendet, in die man sich eingelebt hat, so ist das nicht das Wesentliche. Dieses liegt darin, dass die Seele nach der geistigen Welt hin orientiert ist, so dass sie ihr eigenes Tun und das Naturgeschehen in diese Welt eingegliedert sieht.

Doch ist in der Erzählungsart der Zeit vor dem Anbruch des Bewusstseinszeitalters Verirrung zu bemerken.

In dieser Verirrung schaut die geistgemäße Beobachtung das Wirken der luziferischen Macht.

Was die Seele drängt, Imaginationen in ihren Erlebnisgehalt aufzunehmen, das entspricht weniger den Fähigkeiten, die sie in der Vorzeit - durch ein traumhaftes Hellsehen - hatte, sondern schon mehr denjenigen, die im achten bis vierzehnten nachchristlichen Jahrhundert vorhanden waren. Diese Fähigkeiten drängten schon mehr nach einer gedanklichen Erfassung des sinnlich Wahrgenommenen hin. Beide Fähigkeiten sind in der Übergangszeit nebeneinander vorhanden. Die Seele ist hineingestellt zwischen die alte Orientierung, welche auf die Geisteswelt geht und die die physische nur wie im Nebel sieht, und die neue, die auf das physische Geschehen geht und in der das geistige Anschauen verblasst.

In dieses schwankende Gleichgewicht der Menschenseele wirkt die luziferische Macht hinein. Sie möchte den Menschen verhindern, die volle Orientierung in der physischen Welt zu finden. Sie möchte ihn in geistigen Regionen, die ihm in der Vorzeit angemessen waren, mit seinem Bewusstsein erhalten. Sie möchte in sein traumhaft imaginatives Weltanschauen nicht rein Gedankliches, das auf das Erfassen des physischen Daseins gerichtet ist, einfließen lassen. Sie kann sein Anschauungsvermögen in unrechter Art wohl von der physischen Welt zurückhalten. Sie kann aber das Erleben der alten Imaginationen nicht in der rechten Art aufrecht erhalten. So lässt sie ihn in Imaginationen sinnen, ohne ihn seelisch ganz in die Welt versetzen zu können, in denen Imaginationen vollgültig sind.

Im Anbruche des Bewusstseinszeitalters waltet Luzifer so, dass durch ihn der Mensch in die an die physische zunächst angrenzende übersinnliche Region auf eine ihm nicht entsprechende Art versetzt wird.

Man sehe dies ganz anschaulich an der «Sage» vom «Herzog Ernst», die zu den beliebtesten des Mittelalters gehörte und die im weiten Umkreise überall erzählt wurde.

Der Herzog Ernst kommt in Zwiespalt mit dem Kaiser, der ihn ungerecht durch Krieg zugrunde richten will. Der Herzog fühlt sich gedrängt, dem unmöglichen Verhältnis mit dem Reichshaupte dadurch zu entgehen, dass er an der Kreuzzugsbewegung nach dem Orient teilnimmt. In den Erlebnissen, die er nun durchmacht, bis die Reise ihn nach dem Ziele führt, wird «sagenhaft» das Physische mit dem Geistigen in der angedeuteten Art verwoben. Der Herzog gelangt zum Beispiel auf seinem Wege zu einem Volke, das den Kopf gestaltet hat wie Kraniche; er wird an den «Magnetberg» mit den Schiffen verschlagen, von dem diese magnetisch angezogen werden, so dass Menschen, die in die Nähe des Berges kommen, nicht wieder zurück können, sondern elendig umkommen müssen. Der Herzog Ernst und sein Gefolge machen sich dadurch los, dass sie sich in Häute einnähen, von Greifen, die gewohnt sind, die nach dem Magnetberg verschlagenen Menschen zur Beute sich zu holen, auf einen Berg sich bringen lassen und dort nach dem Durchschneiden der Häute in Abwesenheit der Greife entkommen. Die weitere Wanderung führt dann zu einem Volke, dessen Ohren so lang sind, dass sie wie eine Kleidung um den ganzen Körper geschlagen werden können; zu einem ändern, dessen Füße so groß sind, dass sich die Leute, wenn es regnet, auf den Boden legen können und die Füße als Schirme über sich breiten können. Er kommt zu einem Zwergen-, einem Riesenvolke und so weiter. Dergleichen vieles wird in Verbindung mit der Kreuzzugsreise des Herzogs Ernst erzählt. Die «Sage» lässt nicht in der rechten Art fühlen, wie überall da, wo Imaginationen eintreten, die Hinorientierung auf eine geistige Welt stattfindet, wie da Dinge durch Bilder erzählt werden, die in der Astralwelt sich abspielen und die mit Wille und Schicksal der Erdenmenschen zusammenhängen.

Und so ist es mit der schönen «Rolandsage», in der Karls des Großen Zug gegen die Heiden nach Spanien verherrlicht wird. Da wird sogar in Anlehnung an die Bibel gesagt, dass, damit Karl der Große ein von ihm erstrebtes Ziel erreichen könne, die Sonne sich in ihrem Laufe hemme, so dass ein Tag so lang werde wie sonst zwei.

Und in der «Nibelungensage» sieht man, wie diejenige Form, die sich in nordischen Ländern erhalten hat, das Anschauen des Geistigen reiner aufrecht erhält, während in Mitteleuropa die Imaginationen an das physische Leben nahe herangebracht werden. An der nordischen Form der Erzählung ist ausgedrückt, dass sich die Imaginationen auf eine «astralische Welt» beziehen; in der mitteleuropäischen Gestalt des Nibelungenliedes gleiten die Imaginationen in das Anschauen der physischen Welt hinein.

Auch die in der Herzog-Ernst-Sage auftretenden Imaginationen beziehen sich ja in Wirklichkeit auf das, was zwischen den Erfahrungen in der physischen Sphäre in einer «astralischen Welt» erlebt wird, der der Mensch ebenso angehört wie der physischen.

Wendet man auf all das den Geistesblick, so schaut man, wie das Eintreten in das Bewusstseinszeitalter das Herauswachsen aus einer Entwicklungsphase bedeutet, in der die luziferischen Mächte über die Menschheit siegen würden, wenn nicht durch die Bewusstseinsseele mit ihrer Kraft der Intellektualität ein neuer Entwicklungseinschlag in das Menschenwesen käme. Die Hinorientierung auf die geistige Welt, die in die Bahnen der Verirrung einlenken will, wird durch die Bewusstseinsseele gehindert; der Menschenblick wird herausgeholt in die physische Welt. Alles, was nach dieser Richtung geschieht, entzieht die Menschheit der sie beirrenden luziferischen Macht.

Da ist Michael schon von der geistigen Welt aus für die Menschheit tätig. Er bereitet vom Übersinnlichen aus sein späteres Werk vor. Er gibt der Menschheit Impulse, die das vorzeitige Verhältnis zur geistig-göttlichen Welt bewahren, ohne dass dieses Bewahren einen luziferischen Charakter annimmt.

Dann, im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts, dringt Michael mit der Tätigkeit, die er vom fünfzehnten bis in das neunzehnte Jahrhundert vorbereitend vom Übersinnlichen aus geübt hat, in die physische Erdenwelt selbst vor.

Die Menschheit musste eine Zeitlang die geistige Entwicklung daraufhin durchmachen, dass sie sich von dem Verhältnisse zur geistigen Welt befreit, das ein unmögliches zu werden drohte. Darauf lenkte diese Entwicklung durch die Michael-Mission in Bahnen ein, die den Fortgang der Erdenmenschheit wieder in ein Verhältnis zur geistigen Welt bringen, das ihr heilsam ist.

So steht Michael in seinem Wirken zwischen dem luziferischen Weltbild und dem ahrimanischen Weltverstand. Das Weltbild wird bei ihm weisheitsvolle Weltoffenbarung, die den Weltverstand als göttliches Weltenwirken enthüllt. In diesem Weltenwirken lebt des Christus Sorge für die Menschheit, das so aus Michaels Weltoffenbarung dem Menschenherzen sich enthüllen kann.

Goetheanum, 23.November 1924.

Leitsätze Nr. 124 bis 126 (30. November 1924)

(Mit Bezug auf die vorangehende erste Betrachtung über Michaels übersinnliche Vorbereitung seiner Erden-Mission)

124. Dem Aufgange des Bewusstseinszeitalters (fünfzehntes Jahrhundert) geht in der Abenddämmerung des Zeitalters der Verstandes- oder Gemütsseele ein erhöhtes luziferisches Wirken voran, das auch noch in der neuen Epoche eine Zeitlang fortdauert.

125. Dieses luziferische Wirken möchte alte Formen des Bild-Vorstellens der Welt unrechtmäßig bewahren und den Menschen davon zurückhalten, das physische Weltdasein durch Intellektualität zu begreifen und sich in dieses hineinzuleben.

126. Michael verbindet sich mit dem Menschheits-Wirken, damit die selbständige Intellektualität bei dem angestammten Göttlich-Geistigen verbleibe, doch nicht in luziferischer, sondern in rechtmäßiger Art.


Zweite Betrachtung:

Wie die Michael-Kräfte in die erste Entfaltung der Bewusstseinsseele wirken.

(Goetheanum, 30. November 1924)

In der Zeit während des Einschlages der Bewusstseinsseele in die Erdenentwicklung der Menschheit war es für die Wesen der dem Erdendasein nächsten geistigen Welt schwierig, an die Menschheit heranzukommen. Die Erdenereignisse nehmen eine Form an, die zeigt, dass Verhältnisse ganz besonderer Art notwendig sind, um dem Geistigen den Weg in das physische Leben der Menschheit möglich zu machen. Aber es zeigt andererseits diese Form auch wieder in oftmals klärendster Art, wie das eine Geistige da, wo die Mächte der Vergangenheit noch wirken und die Mächte der Zukunft schon zu wirken beginnen, sich energisch gegen ein anderes Geistiges seinen Weg in das Erdenleben der Menschheit sucht.

Da entwickelt sich zwischen 1339 und 1453 ein mehr als hundertjähriger verwirrender Krieg zwischen Frankreich und England. In dieser von einer gewissen, der Menschenentfaltung ungünstigen geistigen Strömung herrührenden Verwirrung finden Ereignisse ihre Hemmungen, die schneller die Bewusstseinsseele in die Menschheit eingeführt hätten, wenn die Hemmungen nicht dagewesen wären. Chaucer (der 1400 gestorben ist) hat die englische Literatur begründet. Man braucht nur daran zu denken, was von dieser Literaturbegründung für geistige Folgen in Europa ausgegangen sind, und man wird es bedeutsam finden, dass das Ereignis nicht frei sich gestalten konnte, sondern dass es in eine Kriegsverwirrung hineinfiel. Dazu kommt, dass schon vorher (1215) in England dasjenige politische Denken begonnen hatte, das durch die Bewusstseinsseele seine rechte Ausprägung erhalten kann. Auch die weitere Entwicklung dieses Ereignisses fällt in die Kriegshemmungen hinein.

Man hat es da mit einer Zeit zu tun, in der die geistigen Kräfte, die den Menschen so entwickeln wollen, wie er von ihnen übergeordneten göttlich-geistigen Mächten von Anfang an veranlagt ist, ihre Widersacher finden. Diese Widersacher wollen den Menschen in andere Bahnen einlenken, als die ihm vom Anbeginne gewiesenen sind. Er würde dann die Kräfte seines Anfangs für seine spätere Entwicklung nicht anwenden können. Seine kosmische Kindheit bliebe für ihn unfruchtbar. Sie würde zum verdorrenden Teile seiner Wesenheit. Die Folge davon wäre, dass der Mensch die Beute der luziferischen oder ahrimanischen Mächte werden könnte und ihm seine selbsteigene Entfaltung entfiele. Hätten es die Menschheits-Widersacher mit diesen ihren Bestrebungen nicht bloß bis zu Hemmungen, sondern bis zu einem vollen Erfolg gebracht, so hätte der Einschlag der Bewusstseinsseele unterbunden werden können.

Ein Ereignis, in dem das Einströmen des Geistigen in die Erdenereignisse besonders helleuchtend sich offenbart, ist das Auftreten und Schicksal der Jeanne d’Arc, der Jungfrau von Orleans (1412-1431). Was sie tut, hat für sie selbst die Impulse tief in den unterbewussten Untergründen der Seele. Sie folgt den dunklen Eingebungen der geistigen Welt. Auf der Erde herrscht Verwirrung, durch die das Bewusstseinszeitalter verhindert werden soll. Michael muss seine spätere Mission von der Geistwelt her vorbereiten. Er kann es da, wo seine Impulse in Menschenseelen aufgenommen werden. Die Jungfrau hat eine solche Seele. Er wirkt, wenn dies auch nur in minderem Grade möglich und für das äußere geschichtliche Leben weniger sichtbar ist, auch durch viele andere Seelen. In solchen Ereignissen, wie in dem Kriege zwischen England und Frankreich, findet er seine ahrimanische Gegnerschaft.

Von dem luziferischen Widersacher, den er in dieser Zeit gefunden hat, ist in der vorigen Betrachtung gesprochen. Aber dieser Widersacher zeigt sich ja auch ganz besonders darinnen, wie die Ereignisse sich abspielten, die dem Auftreten der Jungfrau von Orleans folgten. Man sieht an diesen Ereignissen, dass die Menschen keine Stellung mehr gewinnen konnten gegenüber einem Eingreifen der Geistwelt in die Geschicke der Menschheit, das begriffen und auch von den Menschen in ihren Willen aufgenommen werden konnte, als noch imaginatives Verstehen vorhanden war. Die Stellung zu solchem Eingreifen ist mit dem Aufhören des Wirkens der Verstandes- oder Gemütsseele unmöglich geworden; die Stellung, die der Bewusstseinsseele entspricht, war damals noch nicht gefunden; sie ist auch heute noch nicht errungen.

So ist es denn gekommen, dass damals die Gestaltung Europas von der geistigen Welt aus zustande gekommen ist, ohne dass die Menschen ein Verständnis für das hatten, was geschieht, und ohne dass, was sie vermochten, einen nennenswerten Einfluss auf diese Gestaltung hat haben können.

Man braucht ja nur sich vorzustellen, was im fünfzehnten Jahrhundert geschehen wäre, wenn es keine Jungfrau von Orleans gegeben hätte, und man wird die Bedeutung dieses aus dem Geiste bedingten Ereignisses wohl einsehen. - Es gibt ja auch Persönlichkeiten, die eine solche Erscheinung materialistisch erklären wollen. Mit ihnen ist eine Verständigung deshalb unmöglich, weil sie das offenbar Geistige im materialistischen Sinne willkürlich umprägen.

Deutlich zeigt sich nun auch in gewissen geistigen Bestrebungen der Menschheit, wie diese den Weg zum Göttlich-Geistigen nicht mehr ohne Schwierigkeiten findet, auch wenn sie ihn intensiv sucht. Es sind Schwierigkeiten, die in den Zeitaltern nicht vorhanden waren, in denen noch mit Imaginationen Einsicht geschaffen werden konnte. Man hat, um das hier Gemeinte richtig zu beurteilen, nur nötig, die als philosophische Denker auftretenden Persönlichkeiten im klaren Lichte zu sehen. Ein Philosoph kann nicht nach seiner Wirkung auf sein Zeitalter allein betrachtet werden, nicht darnach, wie viele Menschen seine Ideen aufgenommen haben. Er ist vielmehr der Ausdruck, die offenbare Wesenheit für sein Zeitalter. Was der große Teil der Menschheit unbewusst als Seelenverfassung, als unbewusste Gefühle und Lebensantriebe in sich trägt, das bringt der Philosoph in seine Ideen. Er zeigt, wie das Thermometer den Wärmezustand seiner Umgebung, so den Seelenzustand seines Zeitalters an. Die Philosophen sind ebenso wenig die Ursachen der Seelenverfassung ihrer Zeitalter wie die Thermometer die der Wärmeverfassung ihrer Umgebung.

Man sehe unter diesen Voraussetzungen auf den Philosophen René Descartes, der wirkte, als das Bewusstseinszeitalter schon im Gange war. (Er lebte 1596 bis 1650.) Die schmale Stütze seiner Verbindung mit der Geistwelt (dem wahren Sein) ist das Erlebnis «Ich denke, also bin ich». Im Zentrum des Selbstbewusstseins, des Ich, sucht er die Realität zu empfinden; und zwar nur so viel, als ihm die Bewusstseinsseele sagen kann.

Und über alles übrige Geistige sucht er auf dem intellektualistischen Wege sich klar zu werden, indem er untersucht, wieviel Bürgschaft die Gewissheit des eigenen Selbstbewusstseins über die Gewissheit von anderem gibt. Er fragt überall gegenüber den Wahrheiten, die ihm geschichtlich überliefert sind: sind sie so klar wie das «Ich denke, also bin ich»? Und kann er das bejahen, so nimmt er sie an.

Ist bei einem solchen menschlichen Denken nicht aller Anschauung, die auf die Dinge der Welt orientiert ist, der Geist ausgetrieben? Die Offenbarung dieses Geistes hat sich auf die kleinste Stütze im Selbstbewusstsein zurückgezogen; alles andere erweist sich unmittelbar ohne Geistesoffenbarung. Es kann auf das außer dem Selbstbewusstsein Liegende nur mittelbar durch den Intellekt in der Bewusstseinsseele ein Licht dieser Geistesoffenbarung geworfen werden.

Der Mensch dieses Zeitalters lässt gewissermaßen den noch fast leeren Inhalt seiner Bewusstseinsseele in intensiver Sehnsucht nach der Geistwelt strömen. Ein dünner Strahl geht dahin.

Die Wesen der an die Erdenwelt unmittelbar angrenzenden Geistwelt und die Menschenseelen auf Erden kommen schwer zueinander. Michaels übersinnliche Vorbereitung seiner späteren Mission wird nur unter den größten Hemmungen von der Menschenseele miterlebt.

Man vergleiche, um das Wesen der Seelenstimmung zu erfassen, die in Descartes zum Ausdrucke kommt, diesen Philosophen mit Augustinus, der der äußeren Formulierung nach dieselbe Stütze für das Erleben der geistigen Welt geltend macht wie Descartes. Nur geschieht es bei Augustinus aus der vollen imaginativen Kraft der Verstandes- oder Gemütsseele. (Er lebte 354 bis 430.) Man findet Augustinus mit Descartes mit Recht verwandt. Nur ist der Intellekt des Augustinus noch der Rest des Kosmischen, der bei Descartes der schon in die einzelne Menschenseele einziehende. Gerade an dem Fortgang des Geistesstrebens von Augustinus zu Descartes kann man sehen, wie der kosmische Charakter der Gedankenkräfte sich verliert, und wie dieser dann in der Menschenseele wieder auftritt. Man schaut aber zugleich, wie Michael und die Menschenseele unter Schwierigkeiten sich so zusammenfinden, dass Michael im Menschen leiten kann, was er einst im Kosmos geleitet hat.

Es sind gegen dieses Zusammenfinden die luziferischen und ahrimanischen Kräfte am Werke. Die luziferischen wollen am Menschen nur das zur Entfaltung kommen lassen, was ihm in seiner kosmischen Kindheit eigen war; die ahrimanischen als Gegner und doch mit ihnen zusammenwirkend möchten die in späteren Weltaltern erlangten Kräfte allein entwickeln und die kosmische Kindheit verdorren lassen.

Unter solchen gesteigerten Widerständen wurde von den Menschenseelen Europas das verarbeitet, was an geistigen Impulsen durch die Kreuzzüge an alten Weltanschauungsideen vom Osten nach dem Westen geströmt war. Die Michael-Kräfte lebten ja ganz stark in diesen Ideen. Die kosmische Intelligenz, deren Verwaltung das alte geistige Erbgut Michaels war, beherrschte diese Weltanschauungen.

Wie konnten sie aufgenommen werden, da eine Kluft lag zwischen den Kräften der Geist-Welt und den Menschenseelen? Sie fielen in die erst leise werdende Bewusstseinsseele. Einerseits begegneten sie dem Hindernis, das in der noch schwach entwickelten Bewusstseinsseele gegeben war. Sie übertönten deren Wirksamkeit, lahmten sie. Aber anderseits auch auf ein noch von Imagination getragenes Bewusstsein stießen sie nicht mehr. Die Menschenseele konnte sie nicht mit voller Einsicht mit sich verbinden. Man nahm sie entweder ganz oberflächlich oder abergläubisch auf.

In diese Geistesverfassung muss geschaut werden, wenn die Gedankenbewegungen, die an Namen von Wicliff, Huß und andere einerseits, an die Bezeichnung «Rosenkreuzerwesen» andrerseits sich anschließen, verstanden sein wollen.

Davon soll im weiteren gesprochen werden.

Goetheanum, 30. November 1924.

Leitsätze Nr. 127 bis 130 (7. Dezember 1924)

(Mit Bezug auf das Vorangehende aus der zweiten Betrachtung über die Michael-Kräfte in der ersten Entfaltung der Bewusstseinsseele)

127. Die Menschenseele entwickelt im Beginne des Bewusstseinszeitalters noch in geringem Maße ihre intellektuellen Kräfte. Es entsteht eine Zusammenhanglosigkeit zwischen dem, was diese Seele in ihren unbewussten Untergründen ersehnt, und dem, was ihr die Kräfte aus der Region, in der Michael ist, geben können.

128. In dieser Zusammenhanglosigkeit besteht eine gesteigerte Möglichkeit für die luziferischen Mächte, den Menschen bei den kosmischen Kindheitskräften zurückzuhalten und ihn zur weiteren Entfaltung nicht auf den Wegen der göttlich-geistigen Mächte, mit denen er vom Anfang an verbunden war, sondern auf den luziferischen kommen zu lassen.

129. Es besteht die weitere gesteigerte Möglichkeit für die ahrimanischen Mächte, den Menschen von den kosmischen Kindheitskräften abzuschnüren und ihn für die weitere Entfaltung in ihren eigenen Bereich zu ziehen.

130. Beides ist nicht geschehen, weil die Michael-Kräfte doch tätig waren; aber die Geistesentwicklung der Menschheit musste unter den durch diese Möglichkeiten entstandenen Hemmungen geschehen und wurde dadurch, was sie bis jetzt geworden ist.


Fortsetzung der zweiten Betrachtung:

Hemmung und Förderung der Michael-Kräfte im aufkommenden Zeitalter der Bewusstseinsseele.

(Goetheanum 6. Dezember 1924)

Die Einverleibung der Bewusstseinsseele bewirkte durch ganz Europa hindurch auch eine Störung in den religiösen Bekenntnis- wie in den Kulterlebnissen. Man sieht um die Wende des elften und zwölften Jahrhunderts eine deutliche Ankündigung dieser Störung in dem Auftauchen des «Gottesbeweises» (besonders durch Anselm von Canterbury). Die Existenz Gottes sollte durch Verstandesgründe bewiesen werden. Eine solche Sehnsucht konnte nur eintreten, als die alte Art, «Gott» mit den Kräften seiner Seele zu erleben, im Schwinden war. Denn, was man so erlebt, das beweist man nicht logisch.

Die vorige Art war, die wesenhaften Intelligenzen - bis zur Gottheit hinauf -seelisch wahrzunehmen; die neue Art wurde die, auf intellektuelle Art über die «Urgründe» des Weltalls sich Gedanken auszubilden. Für die erstere Art hatte man in dem an den Erdbereich unmittelbar angrenzenden geistigen Bereich die Kräfte Michaels, welche die Seele hinter den auf das Sinnliche gerichteten Gedankenkräften mit Fähigkeiten ausrüsteten, das wesenhaft Intelligente im Weltall wahrzunehmen; für die zweite Art musste erst der Zusammenschluss der Seele mit den Michael-Kräften ausgebildet werden.

Im Kultgebiet kam von Wiclif in England (vierzehntes Jahrhundert) bis zu Huss in Böhmen auf weiten Bereichen menschlichen religiösen Erlebens eine solche Mittelpunktslehre wie die Abendmahlslehre ins Wanken. Im Abendmahl konnte der Mensch seine Verbindung mit der Geistwelt finden, die ihm durch Christus eröffnet war, denn er konnte mit dem Christus in seiner Wesenheit sich so vereinigen, dass die Tatsache der sinnlichen Vereinigung zugleich eine geistige war.

Vorstellen konnte das Bewusstsein der Verstandes- oder Gemütsseele diese Vereinigung. Denn diese Seele hatte sowohl von dem Geiste wie von der Materie noch Ideen, die sich nahe standen, so dass die eine (Materie) in den ändern (Geist) im Übergange gedacht werden konnte. Solche Ideen dürfen aber nicht solch intellektualistische sein, die auch Beweise für das Dasein Gottes verlangen; es müssen solche sein, die noch etwas von der Imagination haben. Dadurch wird in der Materie der in ihr tätige Geist, in dem Geiste das Streben nach der Materie empfunden. Ideen dieser Art haben hinter sich die kosmischen Kräfte Michaels.

Man bedenke nur, wieviel in dieser Zeit für die Menschenseele ins Wanken kam! Wieviel von dem, was mit ihrem innersten heiligsten Erleben zusammenhing! Persönlichkeiten, in denen das Wesen der Bewusstseinsseele am hellsten aufstrahlte, die von einer Seelenverfassung waren, die sie mit den Michael-Kräften in einer Stärke verband, die für die ändern erst nach Jahrhunderten kommen sollte, Huß, Wicliff und andere, traten auf. Sie machten aus der Michael-Stimme in ihrem Herzen heraus das Recht der Bewusstseinsseele geltend, sich aufzuschwingen zum Ergreifen der tiefsten religiösen Geheimnisse. Sie fühlten: die Intellektualität, die mit der Bewusstseinsseele heraufzog, muss fähig sein, in den Bereich ihrer Ideen das einzubeziehen, was in alten Zeiten durch Imagination zu erreichen war.

Demgegenüber stand, dass die alte, geschichtlich überbrachte Stellung der Menschenseele in den weitesten Kreisen alle innere Kraft verloren hatte. Was man in der Geschichte die Übelstände des Bekenntnislebens nennt, womit sich die großen Reformkonzilien in dem Zeitalter der beginnenden Wirksamkeit der Bewusstseinsseele beschäftigten, das hängt alles mit dem Leben derjenigen Menschenseelen zusammen, die in sich die Bewusstseinsseele noch nicht fühlten, aber die in der überkommenen Verstandes- oder Gemütsseele auch nicht mehr etwas haben konnten, das ihnen innere Kraft und Sicherheit gab.

Man kann wirklich sagen, solche geschichtliche menschliche Erlebnisse, wie sie auf den Konzilien zu Konstanz, zu Basel, zutage traten, zeigen oben in der Geistwelt das Herabströmen der Intellektualität, die zu den Menschen will, und unten den Erdbereich mit der nicht mehr der Zeit entsprechenden Verstandes- oder Gemütsseele. Dazwischen schweben die Michael-Kräfte, zurückblickend auf ihre vergangene Verbindung mit dem Göttlich-Geistigen und hinunterblickend nach dem Menschlichen, das ebenso diese Verbindung hatte, das aber jetzt in eine Sphäre übergehen musste, in der ihm Michael vom Geiste aus helfen soll, das er aber selbst innerlich nicht mit sich vereinigen soll. In diesem Bestreben Michaels, das in der kosmischen Entwicklung notwendig ist, das aber zunächst doch eine Störung des Gleichgewichts im Kosmos bedeutet, liegt begründet, was die Menschheit in diesem Zeitalter auch in bezug auf die heiligsten Wahrheiten erleben musste.

Man schaut tief in das Charakteristische dieser Zeit hinein, wenn man den Kardinal Nicolaus Cusanus ins Auge fasst. (Man lese über ihn in meinem Buche «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens».) Seine Persönlichkeit ist wie eine Merksäule der Zeit. Er möchte Ansichten zur allgemeinen Geltung bringen, die die Missstände der physischen Welt nicht in schwarmgeistigen Tendenzen bekämpfen, sondern durch den gesunden Menschensinn das, was aus dem Geleise gekommen ist, wieder in dieses zurückführen. Man sehe sein Wirken auf dem Basler Konzil und auch sonst innerhalb seiner kirchlichen Gemeinschaft; und man wird dieses bemerken.

Ist der Cusaner damit dem Umschwung der Entwicklung mit der Entfaltung der Bewusstseinsseele voll zugeneigt, so sieht man ihn andrerseits Anschauungen offenbaren, die Michaels Kräfte in leuchtender Art an sich zeigen. Er stellt in seine Zeit die guten alten Ideen hinein, die den Menschenseelensinn zur Entfaltung von Fähigkeiten für das Wahrnehmen der wesenhaften Intelligenzen im Kosmos führten, als Michael noch die Welt-Intellektualität verwaltete. Die «gelehrte Unwissenheit», von der er spricht, ist ein über dem auf die Sinneswelt gerichteten Wahrnehmen gelegenes Begreifen, das das Denken über die Intellektualität - das gewöhnliche Wissen - hinaus in eine Region führt, wo - im Unwissen - dafür aber im erlebenden Schauen das Geistige erfasst wird.

So ist der Cusaner diejenige Persönlichkeit, die in dem eigenen Seelenleben die Störung des kosmischen Gleichgewichtes durch Michael empfindend intuitiv möglichst viel dazu beitragen möchte, dass diese Störung zum Heile der Menschheit hin orientiert werde.

Zwischen dem, was auf diese Art geistig zutage trat, lebte im Verborgenen ein anderes. Einzelne Persönlichkeiten, die Sinn und Verständnis für die Stellung der Michael-Kräfte im Weltenall hatten, wollten die Kräfte ihrer Seele so zubereiten, dass sie den bewussten Zugang zu dem an den Erdbereich angrenzenden Geistbereich fanden, in dem Michael seine Anstrengungen für die Menschheit macht.

Sie suchten sich die Berechtigung zu diesem geistigen Unterfangen dadurch zu erwerben, dass sie äußerlich im Leben beruflich und auch sonst sich so verhielten, dass ihr Dasein von dem anderer Menschen nicht zu unterscheiden war. Dadurch, dass sie so gegen das Irdische im ganz gewöhnlichen Sinne ihre Pflichten in Liebe vollführten, konnten sie das Innere ihres Menschentums frei dem gekennzeichneten Geistigen zuwenden. Was sie nach dieser Richtung taten, war ihre und derjenigen Sache, mit denen sie sich «im Geheimen» verbanden. Die Welt wurde mit Bezug auf das, was im Physischen geschah, zunächst scheinbar gar nicht von diesem Geiststreben berührt. Doch war dies alles notwendig, um die Seelen in die nötige Verbindung mit der Michael-Welt zu bringen. Es handelte sich nicht um «Geheimgesellschaften» in irgendeinem schlimmen Sinne, nicht um irgend etwas, das das Verborgene aufsucht, weil es das Licht des Tages scheut. Es handelte sich vielmehr um das Zusammenfinden von Menschen, die in diesem Zusammenfinden sich überzeugen, dass, wer zu ihnen gehört, ein rechtes Bewusstsein der Michael-Mission hat. Die so Zusammenarbeitenden sprechen dann nicht von ihrer Arbeit vor denen, die durch Verständnislosigkeit nur ihre Aufgaben stören könnten. Diese Aufgaben lagen ja zunächst in dem Wirken in Geistesströmungen, die nicht innerhalb des irdischen Lebens verlaufen, sondern in der angrenzenden Geist-Welt, die aber in das irdische Leben ihre Impulse hineinwerfen.

Es ist damit auf die Geist-Arbeit von Menschen verwiesen, die innerhalb der physischen Welt stehen; aber die mit Wesen der Geist-Welt zusammenwirken; mit Wesen, die selbst nicht die physische Welt betreten, sich nicht in derselben verkörpern. Was - recht wenig tatsachengemäß - als die «Rosenkreuzer» vor der Welt genannt wird, darauf ist hier verwiesen. Das wahre Rosenkreuzertum liegt durchaus in der Linie der Wirksamkeit der Michael-Mission. Es half Michael auf der Erde vorzubereiten, was er als seine Geistarbeit für ein späteres Zeitalter vorbereiten wollte.

Was damit geschehen konnte, wird man ermessen, wenn man den Sinn auf das Folgende lenkt.

Die Schwierigkeiten, ja Unmöglichkeiten Michaels, in Menschenseelen hineinzuwirken, die charakterisiert worden sind, hängen damit zusammen, dass er selbst mit seinem Wesen in keinerlei Berührung mit der physischen Gegenwart des Erdenlebens kommen will. Er will in den Kräftezusammenhängen verbleiben, die für Geister seiner Art und für Menschen in der Vergangenheit bestanden haben. Jede Berührung mit dem, womit als im gegenwärtigen physischen Erdenleben der Mensch in Berührung kommen muss, könnte Michael nur als eine Verunreinigung seiner Wesenheit betrachten. Nun wirkt ja im gewöhnlichen Menschenleben das geistige Erleben der Seele in das physische Erdenleben herein und umgekehrt, dieses wirkt auf jenes zurück. Ein Zurückwirken, das sich namentlich in der Stimmung des Menschen und in der Orientierung auf irgend etwas Irdisches hin zum Ausdruck bringt. Ein derartiges Ineinanderwirken ist in der Regel - nicht immer - insbesondere bei den Persönlichkeiten der Fall, die in der Öffentlichkeit stehen. Daher waren die Hemmungen für Michaels Wirken bei manchen Reformatoren wirklich sehr groß.

Das Schwierige von dieser Seite bezwangen die Rosenkreuzer dadurch, dass sie ihr äußeres Leben im Sinne der Erdenpflichten ganz abseits hielten von ihrem Arbeiten mit Michael. Wenn dieser mit seinen Impulsen auf das aufstieß, was ein Rosenkreuzer in seiner Seele für ihn zubereitete, so fand er sich in keiner Weise der Gefahr ausgesetzt, auf Irdisches aufzutreffen. Denn dies ward ja eben von dem, was den Rosenkreuzer mit Michael verband, durch die besonders hergestellte Seelenverfassung ferngehalten.

Dadurch bildete für Michael das echte Rosenkreuzerwollen den auf der Erde befindlichen Weg zu seiner kommenden Erden-Mission.

Goetheanum, 6. Dezember 1924.

Leitsätze Nr. 131 bis 133 (14. Dezember 1924)

(Mit Bezug auf das Vorangehende der zweiten Betrachtung über Hemmungen und Förderungen der Michael-Kräfte im aufkommenden Zeitalter der Bewusstseinsseele)

131. Im beginnenden Zeitalter der Bewusstseinsseele will sich die im Menschen emanzipierte Intellektualität mit den Bekenntnis- und Kultuswahrheiten beschäftigen. Das menschliche Seelenleben muss dadurch ein Schwanken erleben. Man will Wesenhaftes, das vorher seelisch erlebt worden ist, logisch beweisen. Man will Kultusinhalte, die in Imaginationen ergriffen werden müssen, mit der logischen Schlussfolgerung ergreifen; ja sie nach dieser gestalten.

132. Das alles ist damit zusammenhängend, dass Michael unter allen Umständen jede Berührung mit der gegenwärtigen Erdenwelt, die der Mensch betreten muss, vermeiden will, dass er aber dennoch die kosmische Intellektualität, die er in der Vergangenheit verwaltet hat, weiter im Menschen geleiten soll. Dadurch entsteht durch die Michael-Kräfte eine dem Fortgang der Welt-Entwicklung notwendige Störung des kosmischen Gleichgewichtes.

133. Erleichtert wird Michael dadurch seine Mission, dass gewisse Persönlichkeiten - die echten Rosenkreuzer - ihr äußeres Erdenleben so einrichten, dass es mit gar nichts in ihr inneres Seelenleben hineinwirkt. Sie können dadurch in ihrem Innern Kräfte ausbilden, durch die sie im Geistigen mit Michael zusammenwirken, ohne dass dieser in die Gefahr kommt, in das gegenwärtige Erdengeschehen verstrickt zu werden, was ihm unmöglich wäre.


Dritte Betrachtung:

Michaels Leid über die Menschheitsentwicklung vor der Zeit seiner Erdenwirksamkeit.

(Goetheanum, 14. Dezember 1924)

Im weiteren Fortschritt des Bewusstseinszeitalters hört immer mehr die Möglichkeit der Verbindung Michaels mit der allgemeinen Menschenwesenheit auf. In dieser hält die vermenschlichte Intellektualität ihren Einzug. Aus dieser schwinden imaginative Vorstellungen, die wesenhafte Intelligenz im Kosmos dem Menschen zeigen können. Für Michael beginnt die Möglichkeit, an den Menschen heranzukommen, erst mit dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts. Vorher kann es nur auf solchen Wegen geschehen, die als die echt rosenkreuzerischen gesucht werden.

Der Mensch sieht mit seinem aufkeimenden Intellekt in die Natur. Er sieht dann eine physische, eine Ätherwelt, in denen er nicht drinnen ist. Er gewinnt durch die großen Ideen der Kopernikus, Galilei ein Bild der außermenschlichen Welt; aber er verliert sein eigenes. Er sieht auf sich selbst und hat keine Möglichkeit, zu einer Einsicht darüber zu kommen, was er ist.

In den Tiefen seines Wesens wird das in ihm erweckt, was seine Intelligenz zu tragen bestimmt ist. Mit dem verbindet sich sein Ich. So trägt jetzt der Mensch ein Dreifaches in sich. Erstens: in seinem Geist-Seelenwesen als physisch-ätherisch erscheinend das, was ihn einstmals, schon in Saturn- und Sonnenzeit und dann immer wieder, in das Reich des Göttlich-Geistigen gestellt hat. Es ist dasjenige, wo Menschenwesen und Michaelwesen zusammengehen können. Zweitens trägt der Mensch in sich sein späteres physisches und ätherisches Wesen. Dasjenige, was ihm während Monden- und Erdenzeiten geworden ist. Das ist alles Werk und Wirksamkeit des Göttlich-Geistigen; aber dieses ist selbst darinnen nicht mehr lebendig anwesend.

Es wird erst wieder voll lebendig anwesend, als der Christus durch das Mysterium von Golgatha schreitet. In dem, was geistig in dem physischen und ätherischen Leib des Menschen wirkt, kann der Christus gefunden werden. Drittens hat der Mensch in sich denjenigen Teil seines Geistig-Seelischen, der in Monden- und Erdenzeiten neues Wesen angenommen hat. In diesem ist Michael tätig geblieben, während er in dem Mond und Erde zugewandten immer untätiger geworden ist. In diesem hat er dem Menschen sein Menschen-Götterbild erhalten.

Das konnte er bis zum Aufgange des Bewusstseinszeitalters. Dann versank gewissermaßen das gesamte Geistig-Seelische des Menschen in das Physisch-Ätherische, um daraus die Bewusstseinsseele zu holen.

Dem Menschen stieg leuchtend im Bewusstsein auf, was ihm sein physischer Leib und sein ätherischer Leib über Physisches und Ätherisches in der Natur sagen konnten. Es versank vor seinem Schauen, was ihm astralischer Leib und Ich über sich selbst sagen konnten.

Eine Zeit steigt herauf, in der in der Menschheit das Gefühl auflebt, sie komme mit ihrer Einsicht nicht mehr an sich selbst heran. Ein Suchen nach der Erkenntnis der Menschenwesenheit beginnt. Man kann dieses nicht befriedigen durch das, was die Gegenwart vermag. Man geht historisch in frühere Zeiten zurück. Der Humanismus steigt in der Geistesentwicklung auf. Humanismus erstrebt man nicht, weil man den Menschen hat, sondern weil man ihn verloren hat. Solange man ihn hatte, hätten Erasmus von Rotterdam und andere aus einer ganz anderen Seelennuance gewirkt, als aus dem, was ihnen der Humanismus war.

In Faust fand später Goethe eine Menschengestalt auf, die ganz und gar den Menschen verloren hatte.

Immer intensiver wird dieses Suchen nach «dem Menschen». Denn man hat nur die Wahl, sich abzustumpfen gegenüber dem Erfühlen des eigenen Wesens; oder die Sehnsucht nach ihm als ein Element der Seele zu entwickeln.

Bis in das neunzehnte Jahrhundert herein entwickeln die besten Menschen auf den verschiedensten Gebieten des europäischen Geisteslebens in verschiedenster Art Ideen - historische, naturwissenschaftliche, philosophische, mystische -, die ein Streben darstellen, in dem, was intellektualistisch gewordene Weltanschauung ist, den Menschen zu finden.

Renaissance, geistige Wiedergeburt, Humanismus hasten, ja stürmen nach einer Geistigkeit in einer Richtung, in der sie nicht zu finden ist; Ohnmacht, Illusion, Betäubung - nach der Richtung, in der man sie suchen muss. Dabei überall der Durchbruch der Michael-Kräfte, in der Kunst, in der Erkenntnis, in den Menschen herein, nur noch nicht in die auflebenden Kräfte der Bewusstseinsseele. - Ein Schwanken des geistigen Lebens. Michael, alle Kräfte nach rückwärts in der kosmischen Entwicklung wendend, auf dass ihm Macht werde, den «Drachen» unter seinen Füßen im Gleichgewicht zu erhalten. Gerade unter diesen Machtanstrengungen Michaels entstehen die großen Schöpfungen der Renaissance. Aber sie sind noch eine Erneuerung des Verstandes- oder Gemüts seelenhaften durch Michael, nicht ein Wirken der neuen Seelenkräfte.

Man kann Michael voll Sorge schauen, ob er auch in der Lage sei, den «Drachen» auf die Dauer zu bekämpfen, wenn er wahrnimmt, wie die Menschen auf dem einen Gebiete aus dem neugewonnenen Naturbilde ein solches des Menschen gewinnen wollen. Michael sieht, wie die Natur beobachtet wird und wie man aus dem, was man «Naturgesetze» nennt, ein Menschenbild formen will. Er sieht, wie man sich vorstellt, diese Eigenschaft eines Tieres werde vollkommener, jene Organ Verbindung werde harmonischer und dadurch «entstehe» der Mensch. Aber vor Michaels Geistesauge entsteht nicht «ein Mensch», weil, was in Vervollkommnung, in Harmonisierung gedacht wird, eben nur «gedacht» wird; niemand kann schauen, dass es auch in Wirklichkeit wird, weil das eben nirgends der Fall ist.

Und so leben die Menschen mit solchem Denken vom Menschen in wesenlosen Bildern, in Illusionen; sie jagen einem Menschenbilde nach, das sie nur glauben zu haben; aber in Wahrheit ist nichts in ihrem Gesichtsfelde. «Die Kraft der Geistessonne bescheinet ihre Seelen, Christus wirkt; aber sie können dessen noch nicht achten. Bewusstseinsseelenkraft waltet im Leibe; sie will noch nicht in die Seele.» So etwa kann man die Inspiration hören, die da Michael spricht aus banger Sorge. Ob denn nicht etwa die Illusionskraft in den Menschen dem «Drachen» soviel Macht geben werde, dass ihm - Michael - die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts eine Unmöglichkeit sein werde.

Andere Persönlichkeiten suchen mit mehr innerlichkünstlerischer Kraft, die Natur mit dem Menschen in eins zu empfinden. Gewaltig klingt das Wort, das Goethe gesprochen hat, als er Winckelmanns Wirken in einem schönen Buche charakterisierte: «Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt; dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt, aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern.» Was Lessing mit Feuergeistigkeit anregte, was in Herder den großen Weltblick beseelte: es klingt in diesem Goethewort. Und Goethes ganzes eigenes Schaffen ist wie allseitige Offenbarung dieses seines Wortes. Schiller hat in den «Ästhetischen Briefen» einen idealen Menschen geschildert, der so, wie es in diesem Worte klingt, das Weltall in sich trägt und es im sozialen Zusammenschluss mit anderen Menschen verwirklicht. Aber woher stammt dieses Menschenbild? Es leuchtet wie die Morgensonne über der Frühlingserde. Aber in die Menschenempfindung ist es aus der Betrachtung des griechischen Menschen eingezogen. Menschen hegten es mit starkem inneren Michael-Impuls; aber sie konnten diesen Impuls nur ausgestalten, indem sie den Seelenblick in die Vorzeit versenkten. Goethe empfand ja, indem er den «Menschen» erleben wollte, die stärksten Konflikte mit der Bewusstseinsseele. In Spinozas Philosophie suchte er ihn; während der italienischen Reise, als er in griechisches Wesen hineinblickte, glaubte er ihn erst recht zu ahnen. Er eilte von der Bewusstseinsseele, die in Spinoza strebt, doch zuletzt zur verglimmenden Verstandes- oder Gemütsseele. Er kann nur unbegrenzt viel von dieser in die Bewusstseinsseele in seiner umfassenden Naturanschauung herübertragen.

Ernst schaut Michael auch auf dieses Suchen nach dem Menschen. Was nach seinem Sinne ist, kommt ja wohl in die menschliche Geistesentwicklung hinein; es ist der Mensch, der einst das wesenhaft Intelligente geschaut hat, als es Michael noch aus dem Kosmos heraus verwaltet hat. Aber das müsste, wenn es nicht von der vergeistigten Kraft der Bewusstseinsseele erfasst würde, zuletzt Michaels Wirken entfallen und unter Luzifers Macht gelangen. Dass Luzifer in dem Schwanken der kosmisch-geistigen Gleichgewichtslage die Obermacht gewinnen könne, das ist die andere bange Sorge in dem Leben Michaels.

Michaels Vorbereitung seiner Mission für das Ende des neunzehnten Jahrhunderts strömt in kosmischer Tragik dahin. Unten auf Erden herrscht oft tiefste Befriedigung über das Wirken des Naturbildes; im Gebiete, da Michael wirkt, waltet Tragik über die Hemmnisse, die sich dem Einleben des Menschenbildes entgegenstellen.

Ehedem lebte in dem Strahlen der Sonne, in dem Schimmern der Morgenröte, in dem Funkeln der Sterne Michaels herbe, vergeistigte Liebe; jetzt hatte diese Liebe am stärksten die Note des leiderweckenden Hinschauens auf die Menschheit angenommen.

Michaels Situation im Kosmos wurde eine tragischschwierige, aber auch zu einer Lösung drängende gerade in dem Zeitabschnitte, der seiner Erdenmission voranging. Die Menschen konnten die Intellektualität nur im Bereich des Leibes und da nur der Sinne halten. Sie nahmen daher auf der einen Seite nichts in ihre Einsicht auf, was ihnen nicht die Sinne sagten; die Natur wurde ein Feld der Sinnesoffenbarung, aber diese Offenbarung ganz materiell gedacht. In den Naturformen vernahm man nicht mehr das Werk des Göttlich-Geistigen, sondern etwas, das geistlos da ist und von dem man doch behauptete, dass es das Geistige, in dem der Mensch lebt, hervorbringt. Auf der ändern Seite wollten von einer Geisteswelt die Menschen nur noch das annehmen, wovon die historischen Nachrichten sprachen. Ein Schauen des Geistes nach der Vergangenheit wurde so streng verpönt wie ein solches in die Gegenwart.

Es lebte nur noch das in des Menschen Seele, das aus dem Gegenwartsgebiete kommt, das Michael nicht betritt. Der Mensch ward froh, auf «sicherm» Boden zu stehen. Den glaubte er zu haben, weil er nichts von Gedanken, in denen er sogleich Phantasiewillkür fürchtete, in der «Natur» suchte. Michael aber war nicht froh; er musste jenseits vom Menschen, in seinem eigenen Gebiet, den Kampf gegen Luzifer und Ahriman führen. Das ergab die große tragische Schwierigkeit, weil Luzifer um so leichter an den Menschen herankommt, je mehr Michael, der ja auch das Vergangene bewahrt, sich von dem Menschen abhalten muss. Und so spielte sich ein heftiger Kampf Michaels mit Ahriman und Luzifer in der an die Erde unmittelbar angrenzenden geistigen Welt für den Menschen ab, während dieser im Erdbereich selbst gegen das Heilsame seiner Entwicklung seine Seele in Tätigkeit hielt.

Alles dieses gilt selbstverständlich für das europäische und amerikanische Geistesleben. Für das asiatische müsste anders gesprochen werden.

Goetheanum, 14. Dezember 1924.

Leitsätze Nr. 134 bis 136 (21. Dezember 1924)

(Mit Bezug auf die vorangehende dritte Betrachtung: Michaels Leid über die Menschheitsentwicklung vor der Zeit seiner Erdenwirksamkeit)

134. In der allerersten Zeit der Bewusstseinsseelenentwicklung erfühlt der Mensch, wie ihm das vorher imaginativ gegebene Bild der Menschheit, seiner eigenen Wesenheit, verloren gegangen ist. Ohnmächtig, es in der Bewusstseinsseele schon zu finden, sucht er es auf naturwissenschaftlichem oder historischem Wege. Er möchte in sich das alte Menschheitsbild wieder erstehen lassen.

135. Man gelangt dadurch nicht zu einem wirklichen Erfülltsein mit der menschlichen Wesenheit, sondern nur zu Illusionen. Aber man bemerkt es nicht; und sieht darin etwas die Menschheit Tragendes.

136. So muss Michael in der Zeit, die seiner Erdenwirksamkeit vorangeht, mit Sorge und in Leid auf die Menschheitsentwicklung sehen. Denn die Menschheit verpönt jede Geistesbetrachtung und schneidet sich dadurch alles ab, was sie mit Michael verbindet.


Weihnachtsbetrachtung: Das Logos-Mysterium.

(Goetheanum, zu Weihnacht 1924)

In die Betrachtung des Michael-Mysteriums strahlte die des Mysteriums von Golgatha herein. Das ist durch die Tatsache gegeben, dass Michael die Macht ist, die den Menschen in der ihm heilsamen Art an den Christus herangeleitet.

Aber die Michael-Mission ist eine solche, die sich im kosmischen Menschheitswerden in rhythmischer Folge wiederholt. Man hatte sie in ihrer wohltätigen Wirkung auf die Erdenmenschheit wiederholt vor dem Mysterium von Golgatha. Da hing sie zusammen mit alle dem, was die noch außerirdische Christus-Kraft zur Entfaltung der Menschheit für die Erde tätig zu offenbaren hatte. Nach dem Mysterium von Golgatha wird sie dem dienstbar, was durch Christus der Erdenmenschheit geschehen soll. Sie tritt in abgewandelter und fortschreitender Form in ihren Wiederholungen auf, aber eben in Wiederholungen.

Dem gegenüber ist das Mysterium von Golgatha ein alles übergreifendes kosmisches Ereignis, das nur einmal stattfindet im Laufe der ganzen kosmischen Menschheitsentwicklung.

Als die Menschheit bis zur Entfaltung der Verstandes- oder Gemütsseele vorgeschritten ist, da macht sich die fortwirkende Gefahr der schon urzeitlich veranlagten Herauslösung des Menschheitswesens aus dem Wesen des Göttlich-Geistigen erst voll geltend.

Und in demselben Maße, in dem die Menschenseele das Mit-Erleben mit den göttlich-geistigen Wesenheiten verliert, taucht um sie herum das auf, was man heute «Natur» nennt.

Der Mensch schaut nicht mehr das Menschenwesenhafte in dem göttlich-geistigen Kosmos; er schaut das Werk des Göttlich-Geistigen im Irdischen. Er schaut es zunächst nicht in der abstrakten Form, in der es heute geschaut wird: sinnlich-physische Wesen und Geschehnisse, die durch diejenigen abstrakten Ideen-Inhalte zusammengehalten werden, die man «Naturgesetze» nennt. Er schaut es als göttlich-geistiges Wesen. Dieses göttlich-geistige Wesen wogt auf und ab in allem, was er als Entstehen und Vergehen der tierischen Lebewesen, im Wachsen und Sprossen der Pflanzenwelt sieht, was er in Quell- und Flusstätigkeit, in Wind- und Wolkenbildung gewahr wird. All diese Wesenhaftigkeiten und Vorgänge um ihn herum sind ihm die Gebärden, die Taten, sind ihm die Sprache des Götterwesens, das der «Natur» zugrunde liegt.

Wie dereinst in den Sternenstellungen und Sternenbewegungen die Taten, Gebärden der Weltengötterwesen von dem Menschen geschaut wurden, wie ihre Worte darinnen gelesen wurden, so wurden nunmehr die «Naturtatsachen» der Ausdruck für die Erdgöttin. Denn das in der Natur wirksame Göttliche wurde weiblich vorgestellt.

Reste dieser Vorstellungsart als imaginative Erfüllung der Verstandes- oder Gemütsseele waren noch bis weit herein ins Mittelalter in den Menschenseelen tätig.

Die Erkennenden sprachen von den Taten der «Göttin», wenn sie das «Naturgeschehen» zum Begreifen bringen wollten. Erst mit dem allmählichen Heraufkommen der Bewusstseinsseele ist diese lebendige, innerlich beseelte Naturbetrachtung für die Menschheit unverständlich geworden.

Und die Art, wie im Zeitalter der Verstandes- oder Gemütsseele nach dieser Richtung hin geschaut wurde, erinnert an den Persephone-Mythos mit dem ihm zugrunde liegenden Mysterium.

Die Tochter der Demeter, Persephone, wird von dem Gotte der Unterwelt gezwungen, ihm in sein Reich zu folgen. Es kommt das schließlich in der Form zustande, dass sie nur die Hälfte des Jahres in der Unterwelt zubringt, die andere auf der Oberwelt verweilt.

Gewaltig groß drückt dieser Mythos noch aus, wie man einst in urferner Vergangenheit in traumhaftem Hellsehen all das Werden des Irdischen erkennend durchschaut hat.

Alles Weltenwirken ging in Urzeiten von der Erden-Umgebung aus. Die Erde war selber erst im Entstehen. Sie bildete ihr Wesen in der kosmischen Entwicklung aus dem Wirken ihrer Umgebung heraus. Die göttlich-geistigen Wesen des Kosmos waren die an ihrem Wesen Schaffenden. - Als sie weit genug war, ein selbständiger Weltkörper zu werden, da stieg Göttlich-Geistiges aus dem allgemeinen Kosmos auf sie hernieder und wurde Erdengottheit. Diese kosmische Tatsache hat das traumhafte Hellsehen alter Menschheit erkennend durchschaut; von dieser Erkenntnis ist der Persephone-Mythos geblieben; aber es ist auch geblieben, wie man bis tief ins Mittelalter hinein die «Natur» erkennend zu durchdringen suchte. Denn man schaute da noch nicht wie später nach den Sinnes-Eindrücken, das heißt nach dem, was an der Oberfläche des Irdischen erscheint, sondern nach den Kräften, die aus den Tiefen der Erde zur Oberfläche herauf wirken. — Und diese «Tiefenkräfte», die «Kräfte der Unterwelt», schaute man in Wechselwirkung mit den Sternen- und Elementen-Wirkungen der Erden-Umgebung.

Da wachsen die Pflanzen in ihren mannigfaltigen Formen, da offenbaren sie sich in ihrer bunten Farben-Erscheinung. Darinnen wirken die Sonnen-, Monden- und Sternenkräfte mit den Kräften der Erdentiefe zusammen. Die Grundlage gaben dafür ab die Mineralien, die schon ganz durch das ihr Wesen haben, was von Weltenwesen irdisch geworden ist. Das Gestein sprießt durch die irdisch gewordenen Himmelskräfte allein aus der «Unterwelt» herauf. Die Tierwelt hat die Kräfte der «Erdentiefe» nicht angenommen. Sie entsteht allein durch die aus der Erden-Umgebung wirksamen Weltenkräfte. Sie verdankt ihr Werden, Wachsen, Sprießen, ihre Ernährungsfähigkeit, ihre Bewegungsmöglichkeiten den auf die Erde einströmenden Sonnenkräften. Sie kann sich fortpflanzen unter dem Einfluss der auf die Erde einströmenden Mondenkräfte. Sie erscheint in vielen Formen und Arten, weil aus dem Weltall herein die Sternenstellungen in der mannigfaltigsten Art gestaltend auf das Tierleben wirken. Aber die Tiere sind vom Weltall auf die Erde nur hereingestellt. Sie nehmen nur mit ihrem dumpfen Bewusstseinsleben an dem Irdischen teil; mit ihrer Entstehung, ihrem Wachsen, mit allem, was sie sind, damit sie wahrnehmen und sich bewegen können, sind sie keine Erdenwesen.

Diese großangelegte Idee von dem Werden der Erde lebte dereinst in der Menschheit. Was davon in das Mittelalter hereinragt, lässt nur in geringem Maße dieses Großangelegte noch erkennen. Man muss, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, mit dem Blick der schauenden Erkenntnis in sehr alte Zeiten zurückgehen. Denn auch aus den vorhandenen physischen Dokumenten ist nur für den zu ersehen, was in den Seelen der Menschen vorhanden war, der dies auf geistgemäße Art durchschauen kann.

Nun ist der Mensch nicht in der Lage, sich der Erde so ferne zu halten wie die Tierheit. Indem man dieses ausspricht, tritt man an das Mysterium der Menschheit ebenso wie an das der Tierheit heran. Diese Mysterien spiegeln sich in dem Tierkult der alten Völker, vor allem der Ägypter. In den Tieren sah man Wesen, die Gäste der Erde sind, an denen man Wesen und Wirksamkeit der geistigen Welt, die an die irdische angrenzt, schauen kann. Und in der Verbindung der Menschengestalt mit der tierischen, die man in Bildern darstellte, vergegenwärtigte man sich die Gestalten derjenigen elementarischen Zwischenwesen, die wohl im Weltenwerden auf dem Wege zur Menschheit sind, aber in das Irdische nicht eintreten, um nicht Menschen zu werden. Solche elementarische Zwischenwesen sind vorhanden. Die Ägypter gaben nur ihr Schauen wieder, indem sie sie abbildeten. Aber solche Wesen haben nicht das volle Selbstbewusstsein des Menschen. Um das zu erlangen, musste der Mensch die irdische Welt in solch vollständiger Art betreten, dass er vom Erdenwesen in sein Wesen etwas aufnahm.

Er musste dem ausgesetzt werden, dass in dieser irdischen Welt das Werk der ihm verbundenen göttlich-geistigen Wesen vorliegt, aber eben nur deren Werk. Und weil nur das vom Ursprunge losgelöste Werk vorliegt, so haben in dieses Zutritt die luziferischen und ahrimanischen Wesenheiten. Es ergibt sich damit für den Menschen die Notwendigkeit, das von Luzifer und Ahriman durchsetzte Werk zum Orte eines Teiles seiner Lebensgestaltung - der irdischen - zu machen.

Es ist dies so lange ohne die bleibende Loslösung des Menschlichen von seinem ursprünglichen Göttlich-Geistigen möglich, als der Mensch noch nicht zur Entfaltung seiner Verstandes- oder Gemütsseele fortgeschritten ist. Da findet im Menschen eine Korrumpierung seines physischen, seines ätherischen und astralischen Leibes statt. Eine ältere Wissenschaft kennt diese Korrumpierung als etwas, das in der Menschen Wesenheit lebt. Man weiß, dass sie notwendig ist, damit das Bewusstsein zum Selbstbewusstsein im Menschen vorrücken könne. In der Erkenntnispflege, die an den Stätten stattgefunden hat, die von Alexander dem Großen der Wissenschaft gegeben worden sind, lebte ein Aristotelismus, der, richtig verstanden, diese Korrumpierung als ein maßgebendes Element seiner Seelenwissenschaft in sich trägt. Solche Ideen wurden nur später in ihrer inneren Wesenheit nicht mehr durchdrungen.

In den Zeiten vor der Entwicklung der Verstandes- oder Gemütsseele war der Mensch dennoch mit den Kräften seines göttlich-geistigen Ursprunges so verwoben, dass diese Kräfte von ihrem kosmischen Orte aus die auf Erden an ihn herandringenden luziferischen und ahrimanischen Mächte im Gleichgewichte halten konnten. Da war von menschlicher Seite aus Genüge geschehen zur Mitwirkung an diesem Gleichgewichte, wenn in Kult- und Mysterienhandlung das Bild des in Luzifers und Ahrimans Reich untertauchenden und wieder siegreich hervorgehenden göttlich-geistigen Wesens entfaltet wurde. Man sieht daher in den Zeiten, die dem Mysterium von Golgatha vorangingen, in den Völkerkulten bildhafte Darstellungen dessen, was dann im Mysterium von Golgatha eine Wirklichkeit wurde.

Als die Verstandes- oder Gemütsseele entfaltet war, konnte die Menschenwesenheit nur durch die Wirklichkeit vor der Loslösung von ihren göttlich-geistigen Wesenheiten bewahrt bleiben. Es musste in die während des irdischen Daseins vom Irdischen lebende Organisation der Verstandes- oder Gemütsseele auch im Irdischen innerlich das Göttliche als Wesenheit eintreten. Das geschah dadurch, dass der göttlich-geistige Logos, Christus, für die Menschheit sein kosmisches Schicksal mit der Erde verband.

Persephone ist in das Irdische untergetaucht, um die Pflanzenwelt davon zu befreien, bloß vom Irdischen sich bilden zu müssen. Das ist der Niederstieg eines göttlichgeistigen Wesens in die Natur der Erde. Auch Persephone hat ja eine Art «Auferstehung», aber jährlich in rhythmischer Folge.

Diesem Ereignis, das als kosmisches auf Erden geschieht, steht gegenüber der Niederstieg des Logos für die Menschheit. Persephone steigt nieder, um die Natur in ihre ursprüngliche Orientierung zu bringen. Da muss Rhythmus zugrunde liegen; denn das Geschehen der Natur erfolgt im Rhythmus. Der Logos steigt nieder in die Menschheit. Es geschieht das einmal während der Entwicklung der Menschheit. Denn diese Entwicklung ist nur ein Glied in einem gigantischen Weltenrhythmus, in dem die Menschheit vor ihrem Mensch-Sein etwas ganz anderes als Menschheit war und nach demselben etwas ganz anderes sein wird, während ja das Pflanzenleben in kurzen Rhythmen als solches sich wiederholt.

Das Mysterium von Golgatha in diesem Lichte zu sehen, das hat die Menschheit vom Bewusstseinszeitalter an nötig. Denn es wäre schon im Zeitalter der Verstandes- oder Gemütsseele die Loslösung des Menschen als Gefahr vorhanden gewesen, wenn nicht das Mysterium von Golgatha erfolgt wäre. Im Zeitalter der Bewusstseinsseele müsste eine völlige Verdunkelung der Geisteswelt für den Menschen in seinem Bewusstsein eintreten, wenn nicht die Bewusstseinsseele sich so weit erkraften könnte, dass sie zu ihrem göttlich-geistigen Ursprung in Einsicht zurückblickte. Kann sie das aber, so findet sie den Weltenlogos als die Wesenheit, die sie zurückführen kann. Sie durchdringt sich mit dem gewaltigen Bilde, das offenbart, was auf Golgatha geschehen ist.

Und der Beginn dieses Verständnisses ist die liebevolle Erfassung der Welten-Weihe-Nacht, an die jedes Jahr festlich erinnert wird. Denn die Erkraftung der Bewusstseinsseele geschieht ja dadurch, dass sie, die zunächst die Intellektualität aufnimmt, in dieses kälteste Seelen-Element die warme Liebe einziehen lässt. Jene warme Liebe, die am erhabensten strömt, wenn sie dem Jesus-Kinde gilt, das in der Welten-Weihe-Nacht auf Erden erscheint. Damit hat der Mensch die höchste irdische Geistes-Tatsache, die zugleich eine physische war, auf seine Seele wirken lassen; er hat sich auf den Weg begeben, den Christus in sich aufzunehmen.

Die Natur muss so erkannt werden, dass sie in Persephone oder dem Wesen, auf das man noch im frühen Mittelalter geschaut hat, wenn man von «Natur» gesprochen hat, die göttlich-geistige Ursprungs- und ewige Kraft offenbart, aus der sie entstanden ist und fortdauernd entsteht als die Grundlage des irdischen Menschendaseins.

Die Menschenwelt muss so erkannt werden, dass sie in Christus den Ursprungs- und ewigen Logos offenbart, der im Bereich der mit dem Menschen ursprünglich verbundenen göttlich-geistigen Wesenheit zur Entfaltung der Geist-Wesenheit des Menschen wirkt.

In Liebe das Menschenherz zu diesen großen kosmischen Zusammenhängen zu lenken, das ist der rechte Inhalt jener Festes-Erinnerung, die im Hinblicken auf die Welten-Weihe-Nacht jedes Jahr an den Menschen herantritt. Lebt solche Liebe im Menschenherzen, dann durchfeuert sie das kalte Licht-Element der Bewusstseinsseele. Müsste diese ohne diese Durchfeuerung verbleiben: der Mensch käme nie zu ihrer Durchgeistigung. Er erstürbe in der Kälte des intellektuellen Bewusstseins, oder er müsste in einem Geistesleben verbleiben, das nicht zur Entfaltung der Bewusstseinsseele fortschreitet. Er würde dann in der Entfaltung der Verstandes- oder Gemütsseele stehen bleiben.

Aber ihrem Wesen nach ist die Bewusstseinsseele nicht kalt. Sie scheint es nur im Anfange ihrer Entfaltung, weil sie da erst das Lichtvolle ihres Inhaltes offenbaren kann, noch nicht die Weltenwärme, aus der sie ja doch stammt.

Weihnachten in dieser Art empfinden und erleben, kann in der Seele gegenwärtig machen: wie die Glorie der in Sternenweiten ihre Abbilder offenbarenden göttlich-geistigen Wesen sich vor dem Menschen verkündiget und wie die Befreiung des Menschen innerhalb der Erdenstätte von den Mächten geschieht, die ihn von seinem Ursprünge entfernen wollen.

Leitsätze Nr. 137 bis 139

(28. Dezember 1924)

(Mit Bezug auf die vorangehende Weihnachtsbetrachtung)

137. Die Tätigkeit in der Welt- und Menschheits-Entwicklung, die durch die Michael-Kräfte zustande kommt, wiederholt sich rhythmisch, wenn auch in abgeänderter und fortschreitender Form vor und nach dem Mysterium von Golgatha.

138. Das Mysterium von Golgatha ist das einmalige größte Ereignis innerhalb der Menschheits-Entwicklung. Da kann nicht von einer rhythmischen Wiederholung die Rede sein. Denn wenn auch diese Menschheits-Entwicklung in einem gewaltigen Weltenrhythmus drinnensteht, so ist sie doch eben das weitausgedehnte eine Glied in diesem Rhythmus. Bevor sie dieses eine Glied wurde, war die Menschheit etwas wesentlich anderes als Menschheit; nachher wird sie wieder etwas anderes sein. Es finden also während der Menschheitsentwicklung viele Michael-Ereignisse, aber nur ein Ereignis von Golgatha statt.

139. In der schnellen rhythmischen Wiederholung eines Jahrlaufes vollzieht das göttlich-geistige Wesen, das zur Durchgeistigung des Naturgeschehens in die Erdentiefen niedergestiegen ist, dieses Geschehen. Es stellt die Durchseelung der Natur mit den Ursprungs- und ewigen Kräften dar, die wirksam bleiben müssen, wie der herabgestiegene Christus die Durchseelung der Menschheit mit dem Ursprungs- und ewigen Logos darstellt, der zum Heile der Menschheit mit seiner Wirksamkeit niemals aufhören soll.


Himmelsgeschichte. Mythologische Geschichte. Erdgeschichte. Mysterium von Golgatha.

(Goetheanum, um Weihnachten 1924)

Im räumlichen Kosmos stehen einander gegenüber: Weltenweite und Erdenzentrum. In der Weltenweite sind die Sterne gewissermaßen «ausgestreut». Vom Erdenzentrum strahlen Kräfte nach allen Richtungen der Weltenweite.

So wie der Mensch in der gegenwärtigen kosmischen Epoche in der Welt darinnen steht, kann ihm das Sternenscheinen und Erdenkräftewirken nur als das Gesamtwerk der göttlich-geistigen Wesen, mit denen er in seinem Innern verbunden ist, erscheinen.

Aber es gab eine kosmische Zeit-Epoche, da waren dieses Scheinen und diese Erdenkräfte noch unmittelbare geistige Offenbarung der göttlich-geistigen Wesen. Der Mensch in seinem dumpfen Bewusstsein fühlte die göttlich-geistigen Wesen wirksam in seiner Wesenheit.

Dann kam eine andere Zeit-Epoche. Der Sternenhimmel löste sich als körperliches Wesen aus dem göttlich-geistigen Wirken heraus. Es entstand das, was man Weltengeist und Weltenleib nennen kann. Der Weltengeist ist eine Vielheit göttlich-geistiger Wesenheiten. Sie wirken in der älteren Epoche aus den Sternen-Orten auf die Erde herein. Was da von den Weltenweiten erglänzte, was vom Erdenzentrum als Kräfte erstrahlte, das war in Wirklichkeit Intelligenz und Wille der göttlich-geistigen Wesenheiten, die an der Erde und ihrer Menschheit schufen.

In der späteren kosmischen Epoche - nach der Saturn- und Sonnenentwicklung - wurde das Wirken von Intelligenz und Wille der göttlich-geistigen Wesen immer geistiginnerlicher. Worinnen sie ursprünglich wirksam-anwesend waren, das wurde «Weltenleib», harmonische Anordnung der Sterne im Weltenraume. Man kann, wenn man in geistgemäßer Weltanschauung auf diese Dinge zurückblickt, sagen: aus dem ursprünglichen Geist-Leib der weltschöpferischen Wesen ist Weltengeist und Weltenleib entstanden. Und der Weltenleib zeigt in Sternen-Anordnung und Sternenbewegung, wie einst das intelligente und willensgemäße Götterwirken war. Aber für die kosmische Gegenwart ist, was einst frei bewegliche Götterintelligenz und Götterwille in den Sternen war, in diesen gesetzmäßig-fest geworden.

Was also heute aus den Sternenwelten zu dem Menschen auf der Erde hereinscheint, ist nicht unmittelbarer Ausdruck von Götterwillen und Götterintelligenz, sondern stehengebliebenes Zeichen für das, was diese in den Sternen einst waren. In der Bewunderung aus der Menschenseele lösenden Himmels-Stern-Gestaltung kann man daher eine vergangene, aber nicht die gegenwärtige Götteroffenbarung sehen.

Aber dasjenige, was so im Sternenschein «vergangen» ist, in der Geist-Welt ist es «gegenwärtig». Und der Mensch lebt mit seinem Wesen in diesem «gegenwärtigen» Weltengeist.

Man muss in der Weltgestaltung zurückblicken auf eine alte kosmische Epoche, in der Weltengeist und Weltenleib als eine Einheit wirken. Man muss die mittlere Epoche ins Auge fassen, in der sie als Zweiheit sich entfalten. Und man muss in die Zukunft, die dritte Epoche, denken, in der der Weltengeist den Weltenleib wieder in seine Wirksamkeit übernehmen wird.

Für die alte Epoche wären Sternenkonstellation und Sternenlauf nicht zu «berechnen» gewesen, denn sie waren Ausdruck der freien Intelligenz und des freien Willens von göttlich-geistigen Wesen. In der Zukunft werden sie wieder nicht zu berechnen sein.

«Berechnung» hat nur eine Bedeutung für die mittlere kosmische Epoche.

Und wie für Sternenkonstellation und Sternenlauf, so gilt dieses auch für die Wirksamkeit der vom Erdenzentrum in die Weltenweite strahlenden Kräfte. Da wird das, was «aus der Tiefe» wirkt, «berechenbar».

Aber alles strebt aus der älteren kosmischen Epoche der mittleren zu, in der das Räumliche und Zeitliche «berechenbar» wird und das Göttlich-Geistige als Intelligenz- und Willens-Offenbarung «hinter» dem «Berechenbaren» gesucht werden muss.

Nur in dieser mittleren Epoche sind die Bedingungen gegeben, in denen die Menschheit von einem dumpfen Bewusstsein zu einem hellen, freien Selbstbewusstsein, zu eigener freier Intelligenz und eigenem freien Willen fortschreiten kann.

Es musste einmal die Zeit kommen, in der Kopernikus und Kepler den Weltenleib «berechneten». Denn aus den kosmischen Kräften, die mit der Herbeiführung dieses Augenblickes zusammenhängen, musste das menschliche Selbstbewusstsein sich gestalten. In älterer Zeit wurde dieses Selbstbewusstsein veranlagt; dann kam die Zeit, wo es so weit war, die Weltenweite zu «berechnen».

Auf der Erde spielt sich die «Geschichte» ab. Die wäre nie gekommen, wenn die Weltenweite nicht zu «festen» Sternkonstellationen und Sternenlaufen geworden wäre. In dem «geschichtlichen Werden» auf Erden ist ein Abbild - aber ein durchaus gewandeltes - dessen vorhanden, was einst «Himmelsgeschichte» war.

Ältere Völker haben in ihrem Bewusstsein noch diese «Himmelsgeschichte», und sie blicken viel mehr auf diese als auf die «Erdengeschichte».

In der «Erdengeschichte» lebt Intelligenz und Wille der Menschen, erst im Zusammenhange mit dem kosmischen Götterwillen und der Götterintelligenz, dann selbständig.

In der «Himmelsgeschichte» lebten Intelligenz und Wille der mit der Menschheit zusammenhängenden göttlich-geistigen Wesen.

Blickt man zurück auf das geistige Leben der Völker, so ist in urferner Vergangenheit ein Bewusstsein des Zusammenseins und Zusammenwollens mit den göttlich-geistigen Wesenheiten so bei den Menschen vorhanden, dass deren Geschichte Himmelsgeschichte ist. Der Mensch erzählt, indem er über «Ursprünge» spricht, nicht irdische, sondern kosmische Vorgänge. Ja auch für seine Gegenwart erscheint ihm das, was in seiner Erden-Umgebung vorgeht, so unbedeutend gegenüber den kosmischen Vorgängen, dass er nur diese, nicht jenes beachtet.

Es gab eine Epoche, in der die Menschheit das Bewusstsein hatte, die Himmelsgeschichte in mächtigen Eindrücken zu schauen, in denen die göttlich-geistigen Wesen selbst vor der Seele des Menschen standen. Sie sprachen; und der Mensch vernahm die Sprache in Traum-Inspiration; sie offenbarten ihre Gestalten; und der Mensch schaute sie in Traum-Imagination.

Diese «Himmelsgeschichte», die eine lange Zeit die Menschenseelen erfüllte, wurde gefolgt von der mythischen Geschichte, die man heute vielfach für alte Dichtung hält. Sie verbindet Himmelsgeschehen mit Erdgeschehen. Es treten zum Beispiel «Heroen» auf, übermenschliche Wesen. Es sind das Wesen, die in der Entwicklung höher stehen als die Menschen. Diese haben zum Beispiel in einer gewissen Zeit die menschlichen Wesensglieder nur bis zur Empfindungsseele ausgestaltet. Der «Heros» aber hat bereits entwickelt, was im Menschen als Geistselbst einmal auftreten wird. Der «Heros» kann nicht innerhalb der Erdenverhältnisse unmittelbar sich verkörpern; aber er kann es dadurch, dass er in den Körper eines Menschen untertaucht und so sich fähig macht, als Mensch unter Menschen zu wirken. In «Eingeweihten» der älteren Zeit hat man solche Wesen zu sehen. Die Tatsachen im Weltgeschehen liegen bei alle dem so, dass nicht etwa die Menschheit sich in den aufeinanderfolgenden Epochen die Geschehnisse so «vorstellte»; sondern, was sich zwischen der mehr geistigen «unberechenbaren» und der körperlichen «berechenbaren» Welt abspielte, das wandelte sich. Nur das liegt vor, dass lange, nachdem die Weltverhältnisse sich schon gewandelt hatten, das menschliche Bewusstsein dieses oder jenes Volkes noch an einer «Weltanschauung» festhielt, die einer viel früheren Wirklichkeit entsprach. Zuerst geschah das so, dass das menschliche Bewusstsein, das nicht gleichen Schritt hält mit dem kosmischen Geschehen, das Alte wirklich noch schaute. Dann kam eine Zeit, wo das Schauen verblasste und das Alte nur durch Tradition noch festgehalten wurde. So wird im Mittelalter traditionell ein Hereinspielen der Himmelswelt in die irdische noch vorgestellt, das nicht mehr geschaut wird, weil die Kraft des Bildschauens nicht mehr da ist.

Und im Erdbereich entwickeln sich die Völker so, dass sie in verschiedener Zeitenlänge den einen oder andern Weltanschauungsinhalt festhalten, so dass nebeneinander Weltanschauungen leben, die ihrem Wesen gemäß nacheinanderliegen. - Nur rühren die verschiedenen Weltanschauungen der Völker nicht allein von dieser Tatsache her, sondern auch davon, dass nach ihren Anlagen die verschiedenen Völker verschiedenes schauten. So sahen die Ägypter die Welt, in der Wesen sind, welche auf dem Wege der Menschwerdung vorzeitig stehen geblieben und nicht Erdenmenschen geworden sind; und sie sahen den Menschen nach seinem Erdenleben in alle dem, was er mit solchen Wesen zu tun hat. Die chaldäischen Völker sahen mehr, wie außerirdische geistige Wesen - gute und böse - in das Erdenleben eintraten, um da zu wirken.

Auf die alte, einer ganz langen Zeitepoche angehörige eigentliche «Himmelsgeschichte» folgt die «mythologische» Geschichte, die kürzer, aber im Verhältnis zur späteren eigentlichen «Geschichte» doch noch lange ist.

Die Menschen verlassen - wie ich schon charakterisiert habe - nur schwer in ihrem Bewusstsein die alten Anschauungen, in denen Götter und Menschen zusammenwirkend vorgestellt werden. - So ist «eigentliche Erdgeschichte» längst - seit Entfaltung der Verstandes- oder Gemütsseele - vorhanden. Der Mensch «denkt» noch im Sinne dessen, was gewesen ist. Erst da, wo die ersten Keime der Bewusstseinsseele sich entwickeln, beginnt man damit auf die «eigentliche Geschichte» zu blicken.

Und in dem, was losgelöst vom Göttlich-Geistigen als Menschlich-Geistiges Geschichte wird, kann von den Menschen die freie Intelligenz und der freie Wille erlebt werden.

So verläuft das Weltgeschehen, in das der Mensch einverwoben ist, zwischen dem voll Berechenbaren und dem Wirken der freien Intelligenz und des freien Willens. In allen Zwischennuancen des Zusammenwirkens von beidem offenbart sich das Weltgeschehen.

Der Mensch vollbringt sein Leben zwischen Geburt und Tod so, dass ihm im Berechenbaren die leibliche Grundlage zur Entfaltung des innerlichen geistig-seelischen freien Unberechenbaren geschaffen wird. Sein Leben zwischen Tod und neuer Geburt durchläuft er im Unberechenbaren, doch so, dass ihm da als in dem «Inneren» des geistig-seelischen Seins das Berechenbare sich gedanklich entfaltet. Er wird dadurch - aus diesem Berechenbaren heraus - der Aufbauer seines kommenden Erdenlebens.

In der «Geschichte» lebt sich auf Erden das Unberechenbare aus, in das sich aber das Berechenbare, wenn auch im schwachen Maße eingliedert.

Gegen die Ordnung, die durch die mit dem Menschen seit Urbeginn verbundenen göttlich-geistigen Wesen zwischen Unberechenbarem und Berechenbarem festgelegt ist - gegen deren Harmonisierung des Kosmos durch «Maß, Zahl und Gewicht» —, stellen sich die luziferischen und ahrimanischen Wesen. Luzifer kann mit der Art, die er seinem Wesen gegeben hat, nichts Berechenbares vereinigen. Sein Ideal ist kosmische unbedingte Intelligenz- und Willenswirkung.

Diese luziferische Tendenz, sie ist angemessen der Weltenordnung in den Gebieten, in denen freies Geschehen herrschen soll. Und da ist Luzifer der berechtigte geistige Helfer der Menschheits-Entfaltung. Ohne seine Hilfe könnte in das Geistig-Seelische des Menschen, das sich auf der Grundlage des berechenbaren Leiblichen aufbaut, Freiheit nicht einziehen. Aber Luzifer möchte diese Tendenz auf den ganzen Kosmos ausdehnen. Und da wird seine Tätigkeit zum Kampfe gegen die göttlich-geistige Ordnung, zu der der Mensch ursprünglich gehört.

Da tritt Michael ein. Er steht mit dem eigenen Wesen im Unberechenbaren; aber er bewirkt den Ausgleich zwischen dem Unberechenbaren und dem Berechenbaren, das er als Weltgedanke in sich trägt, den er von seinen Göttern empfangen hat.

Anders stehen die ahrimanischen Mächte in der Welt. Sie sind der völlige Gegensatz der göttlich-geistigen Wesen, mit denen der Mensch ursprünglich verbunden ist. Diese sind gegenwärtig rein geistige Mächte, die in sich vollkommene freie Intelligenz und vollkommen freien Willen tragen, die aber in dieser Intelligenz und diesem Willen die weise Einsicht von der Notwendigkeit des Berechenbaren, Unfreien als Weltgedanken schaffen, aus dessen Schöße der Mensch als freies Wesen sich entfalten soll. Und sie sind mit allem Berechenbaren, mit dem Weltgedanken, im Kosmos in Liebe verbunden. Diese Liebe strömt von ihnen durch das Weltall.

In vollem Gegensatz dazu lebt in dem gierigen Begehren der ahrimanischen Mächte der kalte Hass auf alles in Freiheit sich Entfaltende. Ahrimans Streben geht dahin, aus dem, was er von der Erde in den Weltenraum strömen lässt, eine kosmische Maschine zu machen. Sein Ideal ist «einzig und allein» «Maß, Zahl und Gewicht». Er wurde in den der Menschenentwicklung dienenden Kosmos hereingerufen, weil «Maß, Zahl und Gewicht», sein Gebiet, entfaltet werden musste.

Nur wer die Welt geistig-körperlich überall begreift, der begreift sie wirklich. Das muss bis in die Natur hinein mit Bezug auf solche Mächte wie die göttlich-geistigen in Liebe wirkenden und die in Hass wirkenden ahrimanischen beachtet werden. Man muss in der naturhaften Weltenwärme, die mit dem Frühling einsetzt und gegen den Sommer zu wirkt, die naturhafte Liebe der göttlich-geistigen Wesen wahrnehmen; man muss in dem wehenden Froste des Winters die Wirkung Ahrimans gewahr werden.

Im Hochsommer webt sich Luzifers Kraft in die naturhafte Liebe, die Wärme, hinein. In der Weihnachtszeit wendet sich die Kraft der göttlich-geistigen Wesen, denen der Mensch ursprünglich verbunden ist, gegen den Frost-Hass Ahrimans. Und gegen den Frühling zu mildert fortdauernd naturhafte göttliche Liebe naturhaften Ahriman-Hass.

Das Erscheinen dieser alljährlich auftretenden göttlichen Liebe ist die Zeit der Erinnerung, da das freie Gottes-Element in das berechenbare Erd-Element mit dem Christus eingetreten ist. Christus wirkt in völliger Freiheit in dem Berechenbaren; damit macht er unschädlich, was nur das Berechenbare begehrt, das Ahrimanische.

Das Ereignis von Golgatha ist die freie kosmische Tat der Liebe innerhalb der Erdengeschichte; sie ist auch nur erfassbar für die Liebe, die der Mensch zu diesem Erfassen aufbringt.

Leitsätze Nr. 140 bis 143 (4. Januar 1925)

(Mit Bezug auf das Vorangehende über: Himmelsgeschichte, mythologische Geschichte, Erdgeschichte, Mysterium von Golgatha)

140. Das kosmische Geschehen, in das die Menschheitsentwicklung einverwoben ist, und das sich im Menschenbewusstsein als «Geschichte» - im umfassendsten Sinne spiegelt, gliedert sich: in die langdauernde Himmelsgeschichte, die kürzere mythologische Geschichte und in die verhältnismäßig ganz kurze Erdgeschichte.

141. Dieses kosmische Geschehen zerfällt gegenwärtig in das «nicht zu berechnende» Wirken göttlich-geistiger Wesen, die in freier Intelligenz und freiem Willen schaffen, und in das «berechenbare» Geschehen des Weltenleibes.

142. Gegen das Berechenbare des Weltenleibes stellen sich die luziferischen, gegen das in freier Intelligenz und freiem Willen Schaffende die ahrimanischen Mächte.

143. Das Ereignis von Golgatha ist eine freie kosmische Tat, die der Welten-Liebe entstammt und nur durch Menschen-Liebe erfasst werden kann.


Was sich offenbart, wenn man in die wiederholten Erdenleben zurückschaut.

(Goetheanum, zu Neujahr 1925)

Wenn das geistgemäße Erkennen zurückschauen kann in frühere Erdenleben eines Menschen, so zeigt sich, dass es eine Anzahl solcher Erdenleben gibt, in denen der Mensch schon Person war. Sein Äußeres glich dem gegenwärtigen, und er hatte ein Innenleben, das individuelles Gepräge trug. Es treten Erdenleben auf, die offenbaren, wie die Verstandes- oder Gemütsseele da war, noch nicht die Bewusstseinsseele, und solche, in denen erst die Empfindungsseele ausgebildet war und so weiter.

In den erdgeschichtlichen Zeitaltern ist das so; es war auch schon lange vorher so.

Man kommt aber im Anschauen zurück zu Zeitaltern, in denen es noch nicht so war. Da findet man den Menschen noch nach Innenleben und nach der äußeren Bildung mit der Welt der göttlich-geistigen Wesen verwoben. Der Mensch ist als Erdenmensch da, aber nicht losgelöst vom göttlich-geistigen Wesen, Denken und Wollen.

In noch älteren Zeiten verschwindet der losgelöste Mensch ganz; es sind nur göttlich-geistige Wesen vorhanden, die den Menschen in ihrem Schoß tragen.

Diese drei Stadien seiner Entwicklung hat der Mensch während seiner Erdenzeit durchgemacht. Der Übergang des ersten in das zweite liegt in der spätesten lemurischen, der vom zweiten in das dritte in der atlantischen Zeit.

Wie nun der Mensch im gegenwärtigen Erdenleben seine Erlebnisse als Erinnerung in sich trägt, so trägt er alles, was er in der geschilderten Art durchgemacht hat, als kosmische Erinnerung in sich. Was ist das irdische Seelenleben? Die Welt der Erinnerungen, die bereit ist, in jedem Augenblicke neue Wahrnehmungen zu machen. In diesem Wechselwirken von Erinnerung und neuer Erfahrung lebt der Mensch sein innerliches Erdendasein.

Aber dieses innerliche Erdendasein könnte nicht zur Entfaltung kommen, wenn nicht als kosmische Erinnerung im Menschen gegenwärtig noch vorhanden wäre, was man schaut, wenn man geistig zurückblickt in das erste Stadium seines Erden-Mensch-Werdens, in dem er von dem göttlich-geistigen Wesen noch nicht losgelöst war.

Von dem, was damals in der Welt geschah, ist heute auf Erden nur noch das lebendig vorhanden, was innerhalb der menschlichen Nerven-Sinnesorganisation entwickelt wird. In der äußeren Natur sind alle die Kräfte, die damals wirksam waren, erstorben und nur in toten Formen beobachtbar.

So lebt in der menschlichen Gedankenwelt als gegenwärtige Offenbarung, was, um Erdenexistenz zu haben, zur Grundlage das haben muss, was im Menschen schon entwickelt war, bevor er individuelles Erdendasein erlangte.

In dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt erlebt der Mensch jedesmal aufs neue dieses Stadium. Nur trägt er in die Welt der göttlich-geistigen Wesen, die ihn wieder aufnimmt, wie sie ihn einst in sich gehabt hat, sein volles in den Erdenleben gebildetes individuelles Dasein hinein. Er ist zwischen Tod und neuer Geburt zugleich in der Gegenwart, aber auch in aller Zeit, die er durch wiederholte Erdenleben und wiederholte Leben zwischen Tod und neuer Geburt durchgemacht hat.

Anders verhält es sich mit dem, was in der Gefühlswelt des Menschen lebt. Sie steht zu den Erlebnissen in Beziehung, die unmittelbar nach denen kamen, die den Menschen noch nicht als solchen offenbaren. Zu den Erlebnissen, die der Mensch schon als Mensch, aber noch nicht losgelöst von göttlich-geistigem Wesen, Denken und Wollen durchmacht. Der Mensch könnte gegenwärtig keine Gefühlswelt entfalten, wenn diese nicht auf der Grundlage seiner rhythmischen Organisation erstehen würde. In dieser ist die kosmische Erinnerung an das geschilderte zweite Stadium der Menschheitsentwicklung vorhanden.

So wirken in der Gefühlswelt zusammen die menschliche seelische Gegenwart und das, was in ihm nachwirkt aus einer alten Zeit.

In dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt erlebt der Mensch den Inhalt der Zeit, von der hier die Rede ist, wie die Grenze seines Kosmos. Was dem Menschen im physischen Erdenleben der Sternenhimmel ist, das ist geistig in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt sein Dasein, das zwischen seiner völligen Verbundenheit mit der göttlich-geistigen Welt und seinem Losgelöstsein liegt. Da erscheinen an der «Weltengrenze» nicht die physischen Himmelskörper, sondern an jedem Sternenort die Summe der göttlich-geistigen Wesen, die ja in Wirklichkeit der Stern sind.

Mit dem Willen allein, nicht mit Gefühl und Denken verbunden, lebt im Menschen dasjenige, was die Erdenleben aufweisen, die sich beim Beobachten schon als persönlichindividuell offenbaren. Was dem Menschen aus dem Kosmos heraus seine äußere Gestalt gibt, das erhält sich in dieser äußeren Gestalt als kosmische Erinnerung. Diese lebt in der menschlichen Gestalt als Kräfte. Es sind das nicht unmittelbar die Kräfte des Willens, sondern das, was in der menschlichen Organisation die Grundlage der Willenskräfte ist.

In dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt liegt dieses Gebiet des menschlichen Wesens außerhalb der «Weltengrenze». Der Mensch stellt es da vor als dasjenige, das ihm beim neuen Erdenleben wieder eigen sein wird.

In seiner Nerven-Sinnes-Organisation ist der Mensch heute noch so mit dem Kosmos verbunden, wie er es war, als er noch innerhalb des Göttlich-Geistigen nur keimhaft sich offenbarte.

In seiner rhythmischen Organisation lebt der Mensch heute noch so im Kosmos, wie er lebte, als er als Mensch schon vorhanden, aber noch nicht losgelöst vom Göttlich-Geistigen war.

In seiner Stoffwechsel-Gliedmaßen-Organisation, als der Grundlage der Willens-Entfaltung, lebt der Mensch so, dass in dieser Organisation alles nachwirkt, was er seit der Zeit der persönlich-individuellen Erdenleben in diesen und in den Leben zwischen Tod und neuer Geburt durchgemacht hat.

Aus den Kräften der Erde hat der Mensch nur dasjenige, was ihm das Selbstbewusstsein verleiht. Auch die physische Leibesgrundlage dieses Selbstbewusstseins stammt aus dem, was die Erde bewirkt. Alles übrige im Menschenwesen ist außerirdischen-kosmischen Ursprungs. Der empfindende und gedankentragende Astralleib und seine ätherisch-physische Grundlage, alle Lebensregsamkeit im Ätherleib, ja sogar, was im physischen Leib physisch-chemisch wirkt, ist außerirdischen Ursprungs. So befremdend dies auch sein mag: das innerhalb des Menschen wirksame Physisch-Chemische stammt nicht aus der Erde.

Dass der Mensch dieses außerirdische Kosmische in sich entwickelt, ist Wirkung der Planeten und sonstiger Sterne. Was er so entwickelt, das trägt die Sonne mit ihren Kräften zur Erde. Das Menschlich-Kosmische wird durch die Sonne in den Bereich des Irdischen versetzt. Durch sie lebt der Mensch als Himmelswesen auf der Erde. Nur dasjenige, wodurch er über seine Menschenbildung hinausgeht, die Fähigkeit seinesgleichen hervorzubringen, ist eine Gabe des Mondes.

Selbstverständlich sind dies nicht die einzigen Wirkungen von Sonne und Mond. Von ihnen gehen auch hochgeistige Wirkungen aus.

Wenn die Sonne um die Weihnachtszeit immer mehr an Kräften für die Erde gewinnt, so ist dieses die im Physisch-Irdischen rhythmisch sich offenbarende Jahreswirkung, die ein Ausdruck des Geistes in der Natur ist. Die Menschheitsentwicklung ist ein einziges Glied in einem gewissermaßen gigantischen Weltenjahr. Das geht aus den vorangehenden Ausführungen hervor. In diesem Weltenjahr ist Welten-Weihe-Nacht da, wo die Sonne nicht bloß aus dem Geiste der Natur heraus zur Erde wirkt, sondern wo die Seele der Sonne, der Christus-Geist, auf die Erde niedersteigt.

Wie im einzelnen Menschen das individuell Erlebte mit der kosmischen Erinnerung zusammenhängt, so wird die alljährliche Weihnacht von der Menschenseele richtig empfunden, wenn das himmlisch-kosmische Christus-Ereignis als fortwirkend gedacht und wie eine nicht bloß menschliche, sondern kosmische Erinnerung aufgefasst wird. Nicht bloß der Mensch gedenkt festlich zu Weihnachten des Christus-Niederstieges, sondern auch der Kosmos.

Leitsätze Nr. 144 bis 146 (11. Januar 1925)

(Mit Bezug auf die vorangehende Betrachtung: Was sich offenbart, wenn man in die wiederholten Erdenleben zurückschaut)

144. Schaut man in die wiederholten Erdenleben eines Menschen zurück, so gliedern sich diese in drei verschiedene Stadien: ein ältestes, in dem der Mensch noch nicht individuell-wesenhaft, sondern als Keim in göttlich-geistiger Wesenheit vorhanden ist. Man findet da beim Zurückschauen noch nicht einen Menschen, sondern göttlich-geistige Wesen (die Urkräfte, Archai).

145. Daran schließt sich ein mittleres Stadium, in dem der Mensch zwar schon individuell-wesenhaft vorhanden ist, aber noch nicht losgelöst von Denken und Wollen und Wesen der göttlich-geistigen Welt. Er hat da noch nicht seine gegenwärtige Persönlichkeit, die damit zusammenhängt, dass er ein völlig eigenes Wesen in seiner Erderscheinung, losgelöst von der göttlich-geistigen Welt, ist.

146. Als drittes Stadium tritt erst das gegenwärtige auf. Der Mensch erlebt sich in seiner Menschengestalt, losgelöst von der göttlich-geistigen Welt; und er erlebt die Welt als Umgebung, der er individuell-persönlich gegenübersteht. Dieses Stadium beginnt in der atlantischen Zeit.


Erster Teil der Betrachtung:

Was offenbart sich, wenn man in die vorigen Leben zwischen Tod und neuer Geburt zurückschaut?

(Goetheanum, um die Jahreswende 1925)

In der vorigen Betrachtung wurde das Gesamt-Menschenleben so verfolgt, dass der Seelenblick auf die aufeinanderfolgenden Erdenleben gelenkt wurde. Der andere Gesichtspunkt, der in noch helleres Licht rücken kann, was der erste offenbart, ist der, die aufeinanderfolgenden Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt zu betrachten.

Auch da zeigt sich, dass der Inhalt dieser Leben, wie er in der Gegenwart ist, nur bis zu einem gewissen Zeitpunkte der Erdenentwicklung zurückgeht. Dieser Inhalt ist ja dadurch bestimmt, dass der Mensch durch die Todespforte die innerliche Kraft des Selbstbewusstseins hindurchträgt, die im Erdenleben erworben ist. Der Mensch steht dadurch auch den göttlich-geistigen Wesen, in deren Mitte er tritt, als volle Individualität gegenüber.

So war es in einer vorangehenden Periode nicht. Da war der Mensch in der Entfaltung seines Selbstbewusstseins noch nicht weit. Die auf Erden erlangte Kraft reichte nicht hin, die Loslösung von der göttlich-geistigen Welt bis zum individuellen Dasein zwischen Tod und neuer Geburt zu bewirken. Der Mensch befand sich da zwar nicht in den göttlich-geistigen Wesen, wohl aber innerhalb deren Wirkungskreis so, dass sein Wollen im wesentlichen ihr Wollen, nicht seines war.

Vor dieser Periode liegt eine andere, in der man beim Zurückschauen gar nicht auf den Menschen in seiner gegenwärtigen geistig-seelischen Verfassung trifft, sondern auf die Welt göttlich-geistiger Wesen, in denen der Mensch erst keimhaft ist. Es sind die Urkräfte (Archai).

Und zwar trifft man, wenn man eines Menschen Leben zurückverfolgt, nicht auf ein göttlich-geistiges Wesen, sondern auf alle, die zu dieser Hierarchie gehören.

In diesen göttlich-geistigen Wesen lebt der Wille, dass der Mensch werde. An dem Werden jedes einzelnen Menschen ist der Wille aller beteiligt. In ihrem chormäßigen Zusammenwirken liegt als Weltenziel die Entstehung der menschlichen Gestalt. Denn noch ungestaltet lebt der Mensch in der göttlich-geistigen Welt.

Es erscheint vielleicht sonderbar, dass auch schon für einen Menschen der ganze Chor göttlich-geistiger Wesen wirkt. Aber schon früher wirkten so die Hierarchien Exusiai, Dynameis, Kyriotetes, Throne, Cherubim, Seraphim durch die Monden-, Sonnen- und Saturnentwicklung, damit der Mensch werde.

Was früher entstand, eine Art Vormensch, auf Saturn, Sonne und Mond, hatte nicht einheitliche Gestalt. Es gab solche Vormenschen, die mehr nach dem Gliedmaßensystem, andere, die mehr nach dem Brustsystem, wieder andere, die nach dem Kopfsystem organisiert waren. Es waren das doch wirkliche Menschen; sie werden hier nur Vormenschen genannt, um sie zu unterscheiden von dem späteren Stadium, wo der ausgeglichene Zusammenfluss aller Systeme in der menschlichen Gestalt erscheint. Die Differenzierung bei diesen Vormenschen geht noch viel weiter. Man kann von Herzmenschen, Lungenmenschen und so weiter sprechen.

Die Hierarchie der Urkräfte betrachtet es als ihre Aufgabe, alle diese Vormenschen, deren Seelenleben ja auch ihrer einseitigen Gestaltung entsprochen hat, in die allgemeine menschliche Gestalt hineinzuführen.

Aus der Hand der Exusiai übernehmen sie den Menschen. Diese hatten schon in Gedanken aus der menschlichen Vielheit eine Einheit geschaffen. Allein bei den Exusiai war diese Einheit noch eine Idealgestalt, eine Weltgedankengestalt. Die Archai formten die Äthergestalt daraus, aber so, dass diese Äthergestalt schon die Kräfte zur Entstehung der physischen Gestalt enthielt.

Es offenbart sich ein Gewaltiges beim Hinblicken auf diese Tatbestände. Der Mensch ist Götter-Ideal und Götter-Ziel. Aber dieses Hinblicken kann nicht der Quell von Überhebung und Hochmut beim Menschen sein. Denn er darf sich ja nur, als von ihm kommend, zurechnen, was er in den Erdenleben mit Selbstbewusstsein aus sich gemacht hat. Und dies ist, in kosmischen Verhältnissen ausgedrückt, wenig gegenüber dem, was als die Grundlage seines Eigenwesens die Götter aus dem Makrokosmos, der sie selber sind, heraus als Mikrokosmos, der er ist, geschaffen haben. Die göttlich-geistigen Wesen stehen im Kosmos einander gegenüber. Der sichtbare Ausdruck dieses Gegenüberstehens ist die Gestalt des gestirnten Himmels. Sie wollten, was sie so zusammen sind, in einer Einheit als Mensch schaffen.

Um recht zu verstehen, was die Hierarchie der Archai vollbrachte, als sie in ihrem Chor die menschliche Gestalt schuf, muss man bedenken, dass ein gewaltiger Unterschied ist zwischen dieser Gestalt und dem physischen Leib des Menschen. Physischer Leib ist, was sich physisch-chemisch im Menschenwesen abspielt. Das geschieht bei dem gegenwärtigen Menschen innerhalb der menschlichen Gestalt. Diese selbst aber ist ein durch und durch Geistiges. Feierlich sollte es stimmen, ein Geistiges mit physischen Sinnen in der physischen Welt als Menschengestalt wahrzunehmen. Für den, der geistig schauen kann, liegt dieses so, dass er in der Menschengestalt eine wirkliche Imagination sieht, die in die physische Welt heruntergestiegen ist. Will man Imaginationen schauen, muss man aus der physischen Welt in die nächste geistige übertreten. Dann aber wird man gewahr, wie die menschliche Gestalt diesen Imaginationen verwandt ist.

Das Entstehen dieser Menschengestalt findet der rückschauende Seelenblick des Menschen als erste Periode, wenn er die Leben zwischen Tod und neuer Geburt beobachtet. Es offenbart sich dabei zugleich, welches tiefere Verhältnis besteht zwischen dem Menschen und der Hierarchie der Archai.

Man kann in dieser Periode schon von einer Andeutung des Unterschiedes zwischen Erdenleben und Leben zwischen Tod und neuer Geburt sprechen. Die Hierarchie der Archai schafft nämlich in rhythmischen Epochen an dem Werden der Menschengestalt. Einmal richtet sie dabei die Gedanken, die den Willen der Einzelnen lenken, mehr nach dem außerirdischen Kosmos. Das andere Mal schaut sie auf die Erde herab. Und aus dem Zusammenwirken dessen, was vom außerirdischen Kosmos und von der Erde angeregt ist, wird die menschliche Gestalt gebildet, die so der Ausdruck dafür ist, dass der Mensch zugleich Erden- und außerirdisches Kosmos-Wesen ist.

Die menschliche Gestalt, wie sie hier als Schöpfung der Hierarchie der Archai geschildert ist, umfasst aber nicht bloß die äußeren Umrisse des Menschen und die Flächengestaltung, wie sie in der Hautbegrenzung gegeben ist, sondern auch die Kräftegestaltung, die in seiner Haltung, in seiner den Erdenverhältnissen angepassten Bewegungsfähigkeit und in der Fähigkeit liegt, seinen Körper als Ausdrucksmittel für sein Inneres zu gebrauchen.

Dass sich der Mensch in die Schwereverhältnisse der Erde in aufrechter Stellung hineinfügen kann, dass er innerhalb dieser Schwereverhältnisse das Gleichgewicht in freier Bewegung bewahren kann, dass er Arme und Hände der Schwere entreißen und in Freiheit gebrauchen kann, das und noch manches andere, das zwar im Innern liegt, aber doch Gestaltung ist: all das verdankt der Mensch dieser Schöpfung der Archai-Hierarchie. All das wird da vorbereitet in dem Leben, das man auch für diese Periode das zwischen Tod und neuer Geburt nennen kann. Es wird hier so vorbereitet, dass der Mensch dann in der dritten Periode, in unserer Gegenwart, während seines Lebens zwischen Tod und neuer Geburt die Fähigkeit hat, selbst an dieser Gestaltung für sein Erdendasein zu arbeiten.

Goetheanum, um die Jahreswende 1925.

Leitsätze Nr. 147 bis 149 (18. Januar 1925)

(Mit Bezug auf die vorangebende Betrachtung: Was offenbart sich, wenn man in die wiederholten Leben zwischen Tod und neuer Geburt zurückschaut?)

147. Auch die Leben zwischen Tod und neuer Geburt zeigen drei Perioden. In einer ersten lebt der Mensch ganz in der Hierarchie der Archai. Von ihnen wird seine spätere Menschengestalt für die physische Welt vorbereitet.

148. Die Archai bereiten damit das Menschenwesen dazu vor, später das freie Selbstbewusstsein zu entfalten; denn dieses kann nur in Wesen sich entwickeln, die es durch die Gestalt, die hier geschaffen wird, aus einem innern Impuls der Seele zur Darstellung bringen können.

149. Damit zeigt sich, wie die Keime der Menschheitseigenschaften und Menschheitskräfte, die in unserem Weltenalter zur Offenbarung kommen, in längstvergangenen Weitenaltern veranlagt werden und wie der Mikrokosmos aus dem Makrokosmos herauswächst.


Zweiter Teil der Betrachtung:

Was offenbart sich, wenn man in die vorigen Leben zwischen Tod und neuer Geburt zurückschaut?

(Goetheanum, Jahreswende 1925)

In einer zweiten Periode gelangt der Mensch aus dem Gebiet der Archai in das der Archangeloi. Mit diesen ist er aber nicht so körperlich-geistig verbunden, wie vorher mit den Archai. Seine Verbindung mit der Archangeloi-Hierarchie ist eine mehr geistige. Aber sie ist doch so innig, dass man für diese Zeit von einem Losgelöstsein des Menschen von der göttlich-geistigen Welt noch nicht sprechen kann. Die Erzengel-Hierarchie gibt dem Menschen das für seinen Ätherleib, was in diesem entsprechend ist der Gestalt im physischen Leib, die er den Archai verdankt. Wie der physische Leib durch die Gestalt der Erde angepasst ist, um auf dieser Träger des Selbstbewusstseins zu sein, so der Ätherleib den außerirdischen kosmischen Kräfteverhältnissen. Im physischen Leib lebt die Erde, und im Ätherleib lebt die Sternenwelt. Was der Mensch an inneren Kräften in sich trägt, um auf der Erde so zu sein, dass er sich zugleich mit Haltung, Bewegung, Gebärde der Erde entreißt, das verdankt er der Schöpfung der Erzengel in seinem Ätherleib. Wie im physischen Leib die Erdenkräfte durch die Gestaltung leben können, so leben im Ätherleib die Kräfte, die aus dem Umkreis des Kosmos von allen Seiten auf die Erde zuströmen. Es sind die in der physisch erscheinenden Gestaltung lebenden Erdkräfte solche, die die Gestalt zu einer verhältnismäßig abgeschlossen-festen machen. Die Umrisse des Menschen bleiben mit untergeordneter Metamorphose für das Erdenleben fest; die Bewegungsfähigkeiten verfestigen sich in Gewohnheiten und so weiter. - Im Ätherleib herrscht fortwährende Beweglichkeit, die ein Spiegelbild ist der sich während des menschlichen Erdenlebens ändernden Sternenkonstellationen. Schon den Veränderungen des Himmels von Tag und Nacht entsprechend, gestaltet sich der Ätherleib; aber auch den Veränderungen, die zwischen der Geburt und dem Tode des Menschen vor sich gehen.

Diese Anpassung des Ätherleibes an die Himmelskräfte widerspricht nicht der allmählichen Loslösung des Sternenhimmels von den göttlich-geistigen Mächten, von der in ändern Betrachtungen gesprochen worden ist. Es ist richtig, in ganz alten Zeiten lebte in den Sternen Götterwille und Götterintelligenz. In den späteren Zeiten sind diese in das «Berechenbare» übergegangen. Die Götter wirken nicht mehr durch das, was ihr Werk geworden ist, auf den Menschen. Aber der Mensch gerät allmählich durch seinen Ätherleib in ein eigenes Verhältnis zu den Sternen, wie er durch seinen physischen Leib in ein solches zur Erdenschwere gelangt.

Was der Mensch sich einfügt, wenn er zur Geburt auf Erden aus der Geistwelt herabsteigt, seinen Ätherleib, der in sich die außerirdischen kosmischen Kräfte aufnimmt, das wird in dieser zweiten Periode durch die Hierarchie der Archangeloi geschaffen.

Ein Wesentliches, das da der Mensch durch diese Hierarchie bekommt, ist die Zugehörigkeit zu einer Gruppe von Menschen auf Erden. Die Menschen sind über die Erde hin differenziert. Man hat, indem man in diese zweite Periode zurückschaut, nicht die heutige Rassen- und Völkerdifferenzierung vor sich, sondern eine etwas andere, eine mehr geistige. Eine solche, die davon herrührt, dass auf die verschiedenen Orte der Erde die Sternenkräfte in verschiedenen Konstellationen auftreffen. Auf der Erde, in Land- und Wasserverteilung, in Klima, in Pflanzenwuchs und so weiter lebt ja der Sternenhimmel. Insoferne sich der Mensch an diese Verhältnisse, die auf der Erde als Himmelsverhältnisse sind, anpassen muss, gehört diese Anpassung in den Ätherleib, und dessen Gestaltung ist eine Schöpfung des Chores der Archangeloi.

Nun aber treten gerade während dieser zweiten Periode die luziferischen und ahrimanischen Mächte in einer besonderen Art in das Menschenleben herein. Dieses Hereintreten ist notwendig, trotzdem es zunächst so erscheint, als ob es den Menschen unter seine Wesenheit herabdrücken würde.

Der Mensch muss, wenn er im Erdenleben Selbstbewusstsein entwickeln soll, von der göttlich-geistigen Welt, aus der er ursprünglich hervorgegangen ist, in einem stärkeren Maße loskommen, als dies durch diese Welt selbst geschehen kann. Es geschieht in der Zeit, da die Erzengel an ihm wirken, weil da die Verbindung mit der Geistwelt nicht mehr eine so feste ist, wie sie während des Wirkens der Archai an ihm war. Den mehr geistigen Kräften, die von den Erzengeln ausgehen, sind Luzifer und Ahriman mehr gewachsen als den stärkeren der Archai.

Es wird von den luziferischen Mächten die Äthergestaltung mit einer stärkeren Neigung für die Sternenwelt durchsetzt, als sie haben würde, wenn nur die ursprünglich mit dem Menschen verbundenen göttlich-geistigen Mächte wirken würden. Und es wird durch die ahrimanischen Mächte die physische Gestaltung stärker in die Erdenschwere verstrickt, als es geschehen würde, wenn diese Mächte nicht wirken könnten.

Dadurch wird in den Menschen der Keim des vollen Selbstbewusstseins und des freien Willens gelegt. Wenn auch die ahrimanischen Mächte den freien Willen hassen: im Menschen bewirken sie, da sie ihn losreißen von seiner göttlichgeistigen Welt, die Keimanlage dieses freien Willens.

Zunächst aber, in dieser zweiten Periode, wird, was die verschiedenen Hierarchien von den Seraphim bis zu den Erzengeln in dem Menschen bewirkt haben, mehr in den physischen und Ätherleib hineingedrückt, als es ohne luziferischen und ahrimanischen Einfluss geschehen könnte. Ohne diesen Einfluss bliebe die Wirkung der Hierarchien mehr im Astralleib und im Ich.

Dadurch entsteht nicht jene mehr geistige, von den Erzengeln angestrebte Gruppierung der Menschheit über die Erde hin.

In seinem Eingedrücktsein in den physischen und Ätherleib werden die geistigen Kräfte in ihr Gegenteil gewandelt. Es entsteht statt der mehr geistigen Differenzierung die nach Rassen und Völkern.

Ohne den luziferischen und ahrimanischen Einfluss sähen sich die Menschen auf Erden vom Himmel herunter differenziert. Die Gruppen verhielten sich zueinander in ihrem Leben wie Wesen, die Geistiges willig in Liebe einander geben und voneinander nehmen. In Rassen und Völkern erscheint die Erdenschwere durch den Leib des Menschen; in der geistigen Gruppierung wäre ein Spiegelbild der göttlich-geistigen Welt erschienen.

Mit alle dem musste die spätere volle Selbstbewusstheit in der menschlichen Entwicklung schon vorher veranlagt werden. Das bedingte wieder, dass zwar gemildert, aber doch in einer gewissen Form die uralte Menschendifferenzierung erhalten blieb, die bestand, als der Mensch einst überging von der Hierarchie der Exusiai an diejenige der Archai.

Der Mensch hat wie in einer kosmischen Schule dieses Entwicklungsstadium empfindend-anschauend erlebt. Er hat zwar noch nicht ein Wissen davon entwickelt, dass dies eine wesentliche Vorbereitung für seine spätere Selbstbewusstheit sei. Aber das empfindende Anschauen seiner Entwicklungskräfte damals war doch wichtig für die Eingliederung der Selbstbewusstheit in Astralleib und Ich.

In bezug auf das Denken ist damals dies geschehen, dass der Mensch durch die luziferischen Mächte mit der Neigung ausgestattet wurde, sich in die alten Formen des Geistigen auch weiter zu versenken und sich den neuen Formen nicht anzupassen. Denn Luzifer hat ja stets das Bestreben, für den Menschen die früheren Formen des Lebens zu bewahren.

Und dadurch bildete sich das Denken des Menschen so aus, dass er allmählich in den Leben zwischen Tod und neuer Geburt diejenige Fähigkeit ausgestaltete, die in uralten Zeiten Gedanken in ihm bildete. Damals konnte diese Fähigkeit das Geistige schauen, trotzdem sie so war wie gegenwärtig die bloße Sinnesauffassung. Denn das Physische trug damals das Geistige an seiner Oberfläche. Jetzt aber kann die von damals bewahrte Denkfähigkeit nurmehr als Sinneswahrnehmung wirken. Allmählich nahm die Fähigkeit, denkend sich zum Geistigen zu erheben, ab. Und voll trat dies erst zutage, als im Zeitalter der Bewusstseinsseele die geistige Welt für den Menschen in gänzliche Dunkelheit gehüllt wurde. Da kam es, dass im neunzehnten Jahrhundert die besten Naturforscher, die nicht Materialisten werden konnten, sagten: uns bleibt nichts übrig, als bloß die Welt zu erforschen, die sich nach Maß, Zahl und Gewicht und durch die Sinne erforschen lässt; aber wir haben kein Recht, eine geistige Welt zu leugnen, die sich hinter dieser sinnlichen verbirgt. Also der Hinweis darauf, dass eine dem Menschen unbekannte helle Welt sein könne, wo er nur in die Finsternis starrt.

Wie durch Luzifer das Denken im Menschen verschoben wurde, so durch Ahriman der Wille. Der wurde mit einer Tendenz zu einer Art von Freiheit begabt, in die er erst später hätte eintreten sollen. Diese Freiheit ist keine wirkliche, sondern die Illusion der Freiheit. In dieser Freiheits-Illusion lebte die Menschheit lange. Das gab ihr keine Möglichkeit, geistgemäß die Idee der Freiheit zu entwickeln. Man pendelte hin und her zwischen den Meinungen, der Mensch sei frei, oder auch, er sei in eine starre Notwendigkeit eingesponnen. Und als dann mit dem heraufziehenden Bewusstseinszeitalter die wirkliche Freiheit kam, da konnte man sie nicht erkennen, weil man das Erkennen allzu lange in die Illusion der Freiheit eingesponnen hatte.

Alles, was sich in diesem zweiten Stadium der Entwicklung der Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in das Wesen des Menschen eingesenkt hat, das trug er als kosmische Erinnerung in das dritte Stadium hinein, in dem er noch gegenwärtig lebt. Er steht in diesem Stadium zu der Hierarchie der Angeloi in einem ähnlichen Verhältnis, wie er während des zweiten zu derjenigen der Archangeloi gestanden hat. Nur ist das Verhältnis zu den Angeloi so, dass durch sie die volle selbständige Individualität zustande kommt. Denn die Angeloi - jetzt nicht der Chor, sondern einer für einen Menschen - beschränken sich darauf, das rechte Verhältnis der Leben zwischen Tod und neuer Geburt und der Erdenleben zu bewirken.

Eine zunächst merkwürdige Tatsache ist diese, dass für den einzelnen Menschen im zweiten Stadium seiner Entwicklung der Leben zwischen Tod und neuer Geburt die ganze Hierarchie der Archangeloi wirkt. Später fällt dieser Hierarchie die Lenkung der Volksstämme zu. Und da ist für ein Volk ein Erzengel als Volksgeist. In den Rassen bleiben die Urkräfte tätig. Und wieder wirkt für eine Rasse ein Wesen aus der Hierarchie der Urkräfte als Rassengeist.

So enthält der gegenwärtige Mensch auch in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt die kosmische Erinnerung an vorangehende Stadien dieses Erlebens. Und auch da, wo in der physischen Welt Geistgeleitetes in der Art auftritt, wie in Rassen und Völkern, ist diese kosmische Erinnerung deutlich da.

Goetheanum, Jahreswende 1925.

Leitsätze Nr. 150 bis 152 (25. Januar 1925)

(Mit Bezug auf die vorangehende Betrachtung, zweiter Teil: Was offenbart sich, wenn man in die wiederholten Leben zwischen Tod und neuer Geburt zurückschaut?)

150. In einer zweiten Periode der Entwicklung der Leben zwischen Tod und neuer Geburt tritt der Mensch in den Bereich der Archangeloi. Während derselben wird der Keim zur späteren Selbstbewusstheit in das Seelische gelegt, nachdem er in der Formung der Menschengestalt in der ersten Periode veranlagt worden ist.

151. Der Mensch wird während dieser zweiten Periode durch die luziferischen und ahrimanischen Einflüsse tiefer in das Physische gedrängt, als es ohne diese Einflüsse geschehen würde.

152. In der dritten Periode gelangt der Mensch in den Bereich der Angeloi, die aber nur in Astralleib und Ich ihren Einfluss geltend machen. Diese Periode ist die gegenwärtige. Was in den beiden ersten Perioden geschehen ist, lebt in der Menschenentwicklung fort und erklärt die Tatsache, dass innerhalb des Zeitalters der Bewusstseinsseele (im neunzehnten Jahrhundert) der Mensch in die geistige Welt wie in eine völlige Finsternis hineinstarrt.


Was ist die Erde in Wirklichkeit im Makrokosmos?

(Goetheanum, Januar 1925)

Das Werden des Kosmos und der Menschheit ist in diesen Betrachtungen von den verschiedensten Gesichtspunkten aus angeschaut worden. Gezeigt hat sich, wie der Mensch die Kräfte seines Wesens vom außerirdischen Kosmos hat, außer denen, die ihm sein Selbstbewusstsein geben. Diese kommen ihm von der Erde.

Damit ist die Bedeutung des Irdischen für den Menschen dargelegt. Es muss sich daran die Frage knüpfen: Welche Bedeutung hat das Irdische für den Makrokosmos?

Um der Antwort auf diese Frage näher zu kommen, muss man den Blick auf das hier schon Dargestellte werfen.

Der Makrokosmos wird von dem schauenden Bewusstsein in immer größerer Lebendigkeit gefunden, je weiter der Blick in die Vergangenheit zurückdringt. Er lebt in ferner Vergangenheit so, dass jede Berechnung seiner Lebensoffenbarungen da aufhört. Aus dieser Lebendigkeit heraus wird der Mensch abgesondert. Der Makrokosmos tritt immer mehr in die Sphäre des Berechenbaren ein.

Damit aber erstirbt er allmählich. In dem Maße, in dem der Mensch - der Mikrokosmos - als selbständige Wesenheit aus dem Makrokosmos ersteht, erstirbt dieser.

In der kosmischen Gegenwart besteht ein erstorbener Makrokosmos. Aber im Werden desselben ist nicht nur der Mensch entstanden. Es ist aus dem Makrokosmos auch die Erde erstanden.

Der Mensch, der von der Erde die Kräfte für sein Selbstbewusstsein hat, steht dieser innerlich viel zu nahe, um ihr Wesen zu durchschauen. In der vollen Entfaltung des Selbstbewusstseins im Zeitalter der Bewusstseinsseele hat man sich gewöhnt, den Blick auf die räumliche Größe des Weltenalls zu wenden und die Erde wie ein Staubkorn, unbedeutend gegenüber dem physisch-räumlichen Weltall, anzusehen.

Daher wird es zunächst absonderlich erscheinen, wenn ein geistiges Anschauen die wahre kosmische Bedeutung dieses angeblichen «Staubkorns» enthüllt.

In die mineralische Grundlage der Erde sind die andern Reiche, das Pflanzen- und das Tierreich, eingebettet.

In alle dem leben die Kräfte, die sich im Jahreslauf in ihren verschiedenen Erscheinungsformen zeigen. Man sehe auf die Pflanzenwelt. Im Herbst und Winter zeigt sie physisch ersterbende Kräfte. Das schauende Bewusstsein nimmt in dieser Erscheinungsform das Wesen derjenigen Kräfte wahr, die den Makrokosmos zum Ersterben gebracht haben. Im Frühling und Sommer zeigen sich im Pflanzenleben wachsende, sprossende Kräfte. Das schauende Bewusstsein nimmt in diesem Wachsen und Sprossen nicht nur das wahr, was den Pflanzensegen für das Jahr erstehen lässt, sondern einen Überschuss, Dieser Überschuss ist ein solcher der Keimkraft. Die Pflanzen enthalten mehr Keimkraft, als sie für Blätter-, Blüten- und Fruchtwachstum verbrauchen. Dieser Überschuss an Keimkraft strömt vor dem schauenden Bewusstsein hinaus in den außerirdischen Makrokosmos.

Ebenso strömt aber auch überschüssige Kraft vom Mineralreich in den außerirdischen Kosmos. Diese Kraft hat die Aufgabe, die von den Pflanzen kommenden Kräfte an die rechten Orte im Makrokosmos zu bringen. Es wird unter dem Einfluss der Mineralkräfte aus den Pflanzenkräften ein neugestaltetes Bild eines Makrokosmos.

Ebenso gibt es vom Tierischen ausgehende Kräfte. Diese wirken aber nicht in dem Sinne, wie die mineralischen und pflanzlichen, von der Erde ausstrahlend, sondern so, dass sich, was in Gestaltung durch die mineralischen Kräfte an Pflanzlichem ins Weltall getragen wird, zur Sphäre (Kugel) zusammenhält und dadurch das Bild eines allseitig geschlossenen Makrokosmos ersteht.

So schaut das geist-erkennende Bewusstsein das Wesen des Irdischen. Dieses steht neu belebend innerhalb des erstorbenen Makrokosmos drinnen.

Wie aus dem Pflanzenkeim, der räumlich so unbedeutend klein ist, die ganze große Pflanze sich wieder bildet, wenn die alte ersterbend zerfällt, so wird aus dem «Staubkorn» Erde ein neuer Makroskosmos, indem der alte erstorbene zerfällt.

Das ist ein wahres Anschauen des Erdenwesens, das überall in ihm eine keimende Welt schaut. Man lernt nur dadurch die Naturreiche verstehen, dass man in ihnen dieses Keimende empfindet.

Inmitten dieses keimenden Lebens vollbringt der Mensch sein Erdendasein. - Er nimmt an diesem Keimenden sowohl wie an dem erstorbenen Leben teil. Aus dem erstorbenen hat er seine Denkkräfte. Solange diese Denkkräfte in der Vergangenheit aus dem noch lebenden Makrokosmos kamen, waren sie nicht Grundlage des selbstbewussten Menschen. Sie lebten als Wachstumskräfte in dem Menschen, der noch kein Selbstbewusstsein hatte. Die Denkkräfte dürfen für sich kein Eigenleben haben, wenn sie die Grundlage bilden sollen für das freie menschliche Selbstbewusstsein. Sie müssen für sich mit dem erstorbenen Makrokosmos die toten Schatten von Lebendigem der kosmischen Vorzeit sein.

Auf der andern Seite nimmt der Mensch teil an dem Keimenden der Erde. Aus ihm sind seine Willenskräfte. Sie sind Leben, aber dafür nimmt der Mensch mit seinem Selbstbewusstsein nicht an ihrem Wesen teil. Sie strahlen innerhalb des Menschenwesens in die Gedankenschatten herein. Sie werden von diesen Schatten durchströmt, und im Durchströmen des im keimenden Erdenwesen sich entfaltenden freien Gedankens lebt das volle, freie menschliche Selbstbewusstsein sich im Zeitalter der Bewusstseinsseele in den Menschen hinein.

Die Vergangenheit Schatten werfend, die Zukunft Wirklichkeitskeime enthaltend, begegnen sich in der menschlichen Wesenheit. Und die Begegnung ist das Menschenleben der Gegenwart.

Dass sich das so verhält, wird dem schauenden Bewusstsein sofort klar, wenn es sich in diejenige Geist-Region begibt, die sich an die physische unmittelbar anschließt, und in der man auch die Betätigung Michaels findet.

Das Leben alles Irdischen wird durchsichtig, wenn man auf seinem Grunde den Weltenkeim empfindet. Jede Pflanzenform, jeder Stein, sie erscheinen der Menschenseele in einem neuen Lichte, wenn diese gewahr wird, wie jedes dieser Wesen durch sein Leben, durch seine Gestalt beiträgt, dass die Erde als Einheit der Embryonal-Keim eines neu auflebenden Makrokosmos ist.

Man versuche nur einmal, den Gedanken an diese Tatsachen in sich ganz lebendig zu machen, und man wird fühlen, was er innerhalb des Menschengemütes bedeuten kann.

Goetheanum, Januar 1925.

Leitsätze Nr. 153 bis 155 (1. Februar 1925)

(Mit Bezug auf die vorangehende Betrachtung: Was ist die Erde in Wirklichkeit im Makrokosmos?)

153. Man hat sich im Beginne des Zeitalters der Bewusstseinsseele gewöhnt, den Blick auf die räumlich-physische Größe des Weltenalls zu lenken, und vor allem diese zu empfinden. Deshalb nennt man die Erde ein Staubkorn innerhalb dieses physisch mächtig erscheinenden Weltenalls.

154. Vor dem schauenden Bewusstsein offenbart sich dieses «Staubkorn» als die Keimanlage eines neu entstehenden Makrokosmos, während der alte sich als erstorben erweist. Er musste ersterben, damit der Mensch mit vollem Selbstbewusstsein sich von ihm absondern konnte.

155. In der kosmischen Gegenwart nimmt der Mensch mit seinen ihn befreienden Gedankenkräften an dem erstorbenen, mit seinen ihm ihrem Wesen nach verborgenen Willenskräften an dem als Erdenwesen keimenden, neu auflebenden Makrokosmos teil.


Schlaf und Wachen im Lichte der vorangegangenen Betrachtungen.

(Goetheanum, Januar 1925)

Schlaf und Wachen wurde innerhalb der anthroposophischen Auseinandersetzungen oftmals von den verschiedensten Gesichtspunkten aus betrachtet. Aber das Verständnis solcher Lebenstatsachen muss immer von neuem vertieft werden, wenn anderes aus dem Weltbestande betrachtet worden ist. Die Auseinandersetzungen darüber, dass die Erde ein Keim für den neu erstehenden Makrokosmos ist, ergeben für die Anschauungen von Schlafen und Wachen solche Möglichkeiten eines vertieften Verständnisses.

Im Wachzustande lebt der Mensch in den Gedankenschatten, die von einer erstorbenen Welt geworfen werden, und in den Willensimpulsen, in deren inneres Wesen er mit dem gewöhnlichen Bewusstsein ebenso wenig hineinsieht wie in die Vorgänge des tiefen, traumlosen Schlafes.

In dem Einströmen dieser unterbewussten Willensimpulse in die Gedankenschatten ersteht das freiwaltende Selbstbewusstsein. In diesem Selbstbewusstsein lebt das «Ich».

Indem der Mensch in diesem Zustande die Umwelt erlebt, ist sein inneres Erfühlen durchdrungen von außerirdischen, von kosmischen Impulsen, die aus urferner kosmischer Vergangenheit in die Gegenwart hereinragen. Er wird sich dessen nicht bewusst. Ein Wesen kann sich nur dessen bewusst werden, an dem es mit eigenen ersterbenden Kräften teilnimmt, nicht mit wachsenden Kräften, die das Wesen selbst beleben. So erlebt sich der Mensch, indem er das seinem innern Wesen zugrunde Liegende aus dem Geistesauge verliert. Gerade dadurch aber ist er in der Lage, während des Wachzustandes ganz in den Gedankenschatten sich zu fühlen. Kein Aufleben hindert das innere Dasein an der Teilnahme am Erstorbenen. Aber diesem «Leben in dem Erstorbenen» verschließt sich das Wesenhafte des Irdischen, dass es Keim eines neuen Weltalls ist. Der Mensch nimmt im Wachzustande die Erde nicht wahr, wie sie ist; es entgeht ihm ihr beginnendes kosmisches Leben.

So lebt der Mensch in dem, was ihm als Grundlage seines Selbstbewusstseins die Erde gibt. Er verliert im Zeitalter der selbstbewussten Ich-Entfaltung die wahre Gestalt seiner inneren Impulse wie auch diejenige seiner Umgebung aus dem Geistesauge. Aber gerade in diesem Schweben über dem Sein der Welt erlebt der Mensch das Sein des Ich, erlebt er sich als selbstbewusstes Wesen. Über ihm der außerirdische Kosmos, unter ihm im Irdischen eine Welt, deren Wesenhaftigkeit verborgen bleibt; dazwischen die Offenbarung des freien «Ich», dessen Wesenhaftigkeit in vollem Glänze der Erkenntnis und des freien Wollens erstrahlt.

Anders im Schlafzustande. Da lebt der Mensch in seinem Astralleibe und in seinem Ich im Keimesleben der Erde. Intensivstes «Ins-Leben-Wollen» wirkt in des Menschen Umgebung, wenn er im traumlosen Schlafe ist. Und die Träume sind durchsetzt von diesem Leben, aber nicht so stark, dass der Mensch sie nicht in einer Art Halbbewusstheit erleben könnte. In diesem halbbewussten Hinschauen auf die Träume sieht man die Kräfte, durch die die menschliche Wesenheit aus dem Kosmos heraus gewoben wird. Im Aufleuchten des Traumes wird sichtbar, wie das Astralische menschenbelebend in den Ätherleib einströmt. In diesem Aufleuchten lebt der Gedanke noch. Nach dem Aufwachen wird er erst umfangen von denjenigen Kräften, durch die er erstirbt, zum Schatten wird.

Bedeutsam ist dieser Zusammenhang zwischen Traumvorstellung und Wachgedanken. Der Mensch denkt in denselben Kräften, durch die er wächst und lebt. Nur müssen diese Kräfte, damit der Mensch zum Denker wird, ersterben.

Da ist der Punkt, wo ein rechtes Verständnis darüber aufgehen kann, warum der Mensch denkend die Wirklichkeit erfasst. Er hat in seinen Gedanken das tote Bild dessen, was ihn aus der lebensvollen Wirklichkeit heraus selber bildet.

Das tote Bild: dieses tote Bild ist aber das Ergebnis der Tätigkeit des größten Malers, des Kosmos selbst. Aus dem Bilde bleibt zwar das Leben weg. Bliebe es nicht weg, so könnte das Ich sich nicht entfalten. Aber es ist in ihm aller Inhalt des Weltenalls in seiner Herrlichkeit.

So weit als es damals im Zusammenhange der Darstellung möglich war, wies ich schon in meiner «Philosophie der Freiheit» auf dieses innere Verhältnis zwischen Denken und Weltwirklichkeit hin. Es ist an der Stelle geschehen, wo ich davon spreche, dass von den Tiefen des denkenden Ich zu den Tiefen der Natur-Wirklichkeit eine Brücke führt.

Für das gewöhnliche Bewusstsein wirkt der Schlaf deshalb auslöschend, weil er in das in den werdenden Makrokosmos hineinsprießende, keimende Leben der Erde führt. Wird dieses Auslöschen behoben durch das imaginative Bewusstsein, so steht vor der menschlichen Seele nicht eine Erde mit scharfen Konturen im Mineral-, Pflanzen- und Tierreiche. Es steht vielmehr da ein lebendiger Vorgang, der sich innerhalb der Erde entzündet und der in den Makrokosmos hinaus flammt.

Es ist so, dass sich der Mensch mit dem eigenen Ich-Sein aus dem Sein der Welt im Wachzustande herausheben muss, um zum freien Selbstbewusstsein zu kommen. Im Schlafzustande vereinigt er sich dann wieder mit dem Welt-Sein.

Das ist im gegenwärtigen kosmischen Weltenaugenblicke der Rhythmus des irdischen Menschen-Daseins außer dem «Innern» der Welt mit Erleben des Eigenwesens; und des Daseins in dem «Innern» der Welt mit Auslöschung des Bewusstseins vom Eigenwesen.

In dem Zustande zwischen dem Tode und einer neuen Geburt lebt das Menschen-Ich innerhalb der Wesen der Geist-Welt. Da tritt in das Bewusstsein alles, was sich während des irdischen Wachlebens diesem entzieht. Es treten die makrokosmischen Kräfte auf von ihrem Voll-Leben in urferner Vergangenheit bis zu dem Erstorben-Sein in der Gegenwart. Es treten aber auch die irdischen Kräfte auf, die der Keim sind des werdenden Makrokosmos. Und in seine Schlafzustände sieht der Mensch hinein, wie er während des Erdenlebens auf die in der Sonne erglänzende Erde sieht.

Nur dadurch, dass der Makrokosmos, so wie er gegenwärtig ist, ein Erstorbenes wurde, kann das Menschenwesen in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt ein Leben durchmachen, das gegenüber dem wachen Erdenleben ein höheres Aufwachen bedeutet. Ein Aufwachen, durch das der Mensch fähig wird, die Kräfte voll zu meistern, die im Traume ein flüchtiges Aufflackern zeigen. Diese Kräfte erfüllen den ganzen Kosmos. Sie sind alles durchdringend. Ihnen entnimmt das Menschenwesen die Impulse, aus denen es sich beim Heruntersteigen auf die Erde seinen Leib, das große Kunstwerk des Makrokosmos formt.

Was im Traume wie sonnenverlassen aufdämmert, das lebt in der Geistwelt geistes-sonnenhaft durchströmt, wartend, bis die Wesenheiten der höheren Hierarchien oder der Mensch es wesenbildend im Schaffen aufrufen.

Leitsätze Nr. 156 bis 158 (8. Februar 1925)

156. Im Wachzustande muss der Mensch, um sich im vollen, freien Selbstbewusstsein zu erleben, auf das Erleben der wahren Gestalt der Wirklichkeit im eigenen und im Naturdasein verzichten. Er erhebt sich aus dem Meere dieser Wirklichkeit, um in den Gedankenschatten das eigene Ich zum wirklich eigenen Erleben zu machen.

157. Im Schlafzustande lebt der Mensch mit dem Leben der Erden-Umgebung; aber dieses Leben löscht sein Selbstbewusstsein aus.

158. Im Träumen flackert im Halbbewusstsein das kraftvolle Weltensein auf, aus dem des Menschen Wesen gewoben ist und aus dem er beim Niedersteigen aus der Geistwelt seinen Leib bildet. Im Erdenleben wird dieses kraftvolle Weltensein im Menschen bis in die Gedankenschatten zum Ersterben gebracht, da es nur so dem selbstbewussten Menschen die Grundlage sein kann.


Gnosis und Anthroposophie.

(Goetheanum, Januar 1925)

Als das Mysterium von Golgatha sich vollzog, war die «Gnosis» die Denkart des Teiles der Menschheit, der zunächst ein erkenntnismäßiges, nicht bloß ein empfindendes Verständnis dem größten Einschlag in die Erdenentwicklung der Menschen entgegenbringen konnte.

Will man die Seelenverfassung verstehen, in der die Gnosis innerhalb des Menschen lebte, so muss man ins Auge fassen, dass das Zeitalter dieser Gnosis dasjenige der Entfaltung der Verstandes- oder Gemütsseele ist.

In dieser Tatsache kann man auch die Ursache für das fast völlige Verschwinden der Gnosis aus der Menschheitsgeschichte finden. Dieses Verschwinden ist wohl, solange es nicht begriffen ist, eines der erstaunlichsten Vorkommnisse im Werdegang der Menschheit.

Der Entfaltung der Verstandes- oder Gemütsseele ging diejenige der Empfindungsseele und dieser die des Empfindungsleibes voraus. Werden die Tatsachen der Welt durch den Empfindungsleib wahrgenommen, so lebt alle Erkenntnis des Menschen in den Sinnen. Die Welt wird farbig, tönend und so weiter wahrgenommen; aber in den Farben, Tönen, in den Wärmezuständen wird eine Welt von geistigen Wesenheiten gewusst. Von «Stoff», an dem Farben, Wärmezustände und so weiter erscheinen, redet man nicht; man redet von geistigen Wesenheiten, die sich durch das offenbaren, was die Sinne wahrnehmen.

Eine besondere Entfaltung eines «Verstandes», der neben der Sinneswahrnehmung im Menschen lebte, gibt es in diesem Zeitalter noch nicht. Der Mensch gibt sich entweder mit seinem Wesen an die Außenwelt hin, dann offenbaren sich ihm durch die Sinne die Götter. Oder er zieht sich in seinem Seelenleben von der Außenwelt zurück, dann fühlt er in seinem Innern ein dumpfes Lebensgefühl.

Ein bedeutsamer Umschwung tritt ein, wenn sich die Empfindungsseele entfaltet. Die Offenbarung des Göttlichen durch die Sinne dämmert ab. An die Stelle tritt das Wahrnehmen der gewissermaßen entgöttlichten Sinneseindrücke, der Farben, Wärmezustände und so weiter. Im Innern offenbart sich das Göttliche in geistiger Form, in Bild-Ideen. Und der Mensch nimmt die Welt von zwei Seiten her wahr: von außen durch die Sinnes-Eindrücke, von innen durch die ideenhaften Geist-Eindrücke.

Der Mensch muss nun dazu kommen, die Geist-Eindrücke so bestimmt, so gestaltet wahrzunehmen, wie er vorher die durchgöttlichten Sinnes-Eindrücke wahrgenommen hat. - Solange das Zeitalter der Empfindungsseele waltet, kann er das. Denn aus seinem inneren Wesen steigen ihm die Ideenbilder in vollgestalteter Art auf. Er ist von innen erfüllt mit einem sinnlichkeitsfreien Geist-Inhalt, der ein Abbild des Welt-Inhaltes ist. Haben sich ihm früher die Götter im sinnlichen Kleide geoffenbart; sie offenbaren sich ihm jetzt im Geist-Kleide.

Das ist das Zeitalter der eigentlichen Entstehung und des Lebens der Gnosis. Eine wunderbare Erkenntnis lebt, der sich der Mensch teilhaftig weiß, wenn er sein inneres Wesen in Reinheit entfaltet, so dass der göttliche Inhalt durch dasselbe sich offenbaren kann. Vom vierten bis ins erste Jahrtausend vor dem Eintritte des Mysteriums von Golgatha herrscht bei dem in der Erkenntnis vorgeschrittensten Teile der Menschheit diese Gnosis.

Dann beginnt das Zeitalter der Verstandes- oder Gemütsseele. Von selbst steigen jetzt aus dem Innern des Menschenwesens die Welt-Götter-Bilder nicht mehr auf. Der Mensch muss innerlich Kraft anwenden, um sie aus seiner Seele zu holen. Die Außenwelt mit ihren Sinnes-Eindrücken wird zur Frage. Indem der Mensch die innerliche Kraft anwendet, die Welt-Götter-Bilder aus sich zu holen, erhält er Antworten.

Aber die Bilder sind blas im Verhältnis zu ihrer früheren Gestalt. Es ist dies die Seelenverfassung der Menschheit, die in Griechenland sich in wunderbarer Art entfaltet hat. Der Grieche fühlte sich in der sinnenfälligen Außenwelt, und er fühlte in dieser die Zaubergewalt, die die innere Kraft zum Entfalten der Weltbilder anregte. Auf philosophischem Felde entfaltete sich diese Seelenverfassung im Platonismus.

Aber hinter alle dem stand die Mysterien weit. In ihr wurde treu aufbewahrt, was von Gnosis aus dem Zeitalter der Empfindungsseele vorhanden war. Die Seelen wurden für dieses treuliche Aufbewahren geschult. Auf dem Wege der gewöhnlichen Entwicklung erstand die Verstandes- oder Gemütsseele. Durch besondere Schulung wurde die Empfindungsseele belebt. So gab es hinter dem gewöhnlichen Kulturleben gerade im Zeitalter der Verstandes- oder Gemütsseele ein reich entwickeltes Mysterienwesen.

In diesem lebten die Welt-Götter-Bilder auch insofern, als sie zum Inhalte eines Kultus gemacht wurden. Man schaut in das Innere dieser Mysterien und erblickt die Welt im Abbilde der wunderbarsten Kultusverrichtungen.

Die Menschen, die das erlebten, sie waren diejenigen, die auch das Mysterium von Golgatha, als es sich vollzog, in seinem tiefen kosmischen Zusammenhange durchschauten. Aber es war ein Mysterienleben, das sich ganz abseits hielt von dem Weltgetriebe, um in Reinheit die Geist-Bilder-Welt zu entfalten. Und für Menschenseelen wurde diese Entfaltung immer schwieriger.

Da stiegen in den höchsten Mysterienstätten Geist-Wesen aus dem geistigen Kosmos, die den Anstrengungen der um Erkenntnis ringenden Menschen zu Hilfe kamen. So entfalteten sich die Impulse des Zeitalters der Empfindungsseele unter dem Einfluss der «Götter» selbst weiter. Es entstand eine Mysterien-Gnosis, von der die wenigsten auch nur etwas ahnten. Neben ihr war das vorhanden, was von den Menschen mit der Verstandes- oder Gemütsseele aufgenommen werden konnte. Es war die exoterische Gnosis, von der Bruchstücke auf die Nachwelt gekommen sind.

In der esoterischen Mysteriengnosis wurden die Menschen immer unfähiger, sich zur Entfaltung der Empfindungsseele zu erheben. Es ging diese esoterische Weisheit immer mehr an die bloße Pflege der «Götter» über. Und das ist ein Geheimnis der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit, dass in ihr gewissermaßen «göttliche Mysterien» von den ersten christlichen Jahrhunderten an bis ins Mittelalter wirkten.

In diesen «göttlichen Mysterien» bewahrten Engelwesen im irdischen Dasein, was Menschen nicht mehr bewahren konnten. So waltete die Mysterien-Gnosis, während man an der Ausrottung der exoterischen Gnosis arbeitete.

Der Welt-Bild-Inhalt, der in der Mysterien-Gnosis auf geistige Art von geistigen Wesen bewahrt wurde, solange er im Werdegang der Menschheit wirken sollte: er konnte dem bewussten Begreifen der Menschenseele nicht erhalten werden. Aber der Gefühlsgehalt sollte bewahrt werden. Und dieser sollte im rechten kosmischen Augenblicke der dazu vorbereiteten Menschheit gegeben werden, damit unter seiner Seelenwärme die Bewusstseinsseele später auf neue Art in das Geistesreich eindringen könne. Geisteswesen haben so die Brücke gebaut zwischen dem alten Welt-Inhalt und dem neuen.

In Andeutungen ist dieses Geheimnis der Menschheitsentwicklung vorhanden. Die heilige Jaspisschale des Grales, derer sich Christus bediente, als er das Brot brach, in die Joseph von Arimathia das Blut aus der Jesuswunde aufgefangen hat, die also das Geheimnis von Golgatha barg, wurde - so lautet die Legende - von Engeln in Verwahrung genommen, bis sie sie nach Erbauung der Gralsburg durch Titurel auf die vorbereiteten Menschen niedersenken konnten.

Geistwesen bargen die Welt-Bilder, in denen die Geheimnisse von Golgatha lebten. Sie senkten, weil das nicht möglich war, nicht den Bild-Inhalt, wohl aber den Gefühlsgehalt in Menschengemüter, als die Zeit dazu gekommen war.

Nur Anregung, aber eben kräftigste Anregung, kann dieses Einpflanzen des Gefühlsinhaltes alter Erkenntnis sein, dass in unserem Zeitalter sich aus der Bewusstseinsseele im Lichte von Michaels Wirksamkeit ein neues volles Verständnis des Mysteriums von Golgatha entwickele.

Anthroposophie strebt dieses neue Verständnis an. Aus der gegebenen Schilderung ersieht man, dass sie keine Erneuerung der Gnosis sein kann, die zu ihrem Inhalt die Erkenntnisart der Empfindungsseele hatte, dass sie aber einen ebenso reichen Inhalt aus der Bewusstseinsseele auf völlig neue Art holen muss.

Goetheanum, Januar 1925.

Leitsätze Nr. 159 bis 161(15. Februar 1925)

(Mit Bezug auf die vorangehende Betrachtung: Gnosis und Anthroposophie)

159. Gnosis entfaltet sich in ihrer eigentlichen Gestalt im Zeitalter der Empfindungsseele (viertes bis erstes Jahrtausend vor dem Eintritte des Mysteriums von Golgatha). Das «Göttliche» offenbart sich dem Menschen in diesem Zeitalter im Innern als Geist-Inhalt, wogegen es sich im vorangehenden Zeitalter des Empfindungsleibes an den Sinnes-Eindrücken der Außenwelt geoffenbart hat.

160. Im Zeitalter der Verstandes- oder Gemütsseele kann der Geist-Inhalt des «Göttlichen» nur in verblasster Art erlebt werden. Es wird die Gnosis in strengen Mysterien bewahrt, und als Menschen dies nicht mehr können, weil sie die Empfindungsseele zu beleben nicht mehr imstande sind, da wird in das Mittelalter hinüber durch Geistwesen zwar nicht der Erkenntnis-Inhalt, aber der Gefühlsgehalt getragen. (Die Gral-Legende enthält die Andeutung davon.) Daneben wird die exoterische Gnosis, die in die Verstandes- oder Gemütsseele eindringt, ausgerottet.

161. Die Anthroposophie kann nicht eine Erneuerung der Gnosis sein, denn diese hing an der Entfaltung der Empfindungsseele. Anthroposophie muss im Lichte der Michael-Tätigkeit aus der Bewusstseinsseele heraus ein Welt- und Christus-Verständnis auf neue Art entwickeln. Die Gnosis war die aus alter Zeit bewahrte Erkenntnisart, die das Mysterium von Golgatha bei seinem Eintritte am besten zum Menschenverständnisse bringen konnte.


Die Freiheit des Menschen und das Michael-Zeitalter.

(Goetheanum, Januar 1925)

In der Erinnerungsfähigkeit des Menschen lebt das persönliche Abbild einer kosmischen Kraft, die in der Art am menschlichen Wesen gewirkt hat, wie das die letzten Betrachtungen gezeigt haben. Diese kosmische Kraft ist aber auch gegenwärtig noch tätig. Sie wirkt als Wachstumskraft, als belebender Impuls im Hintergrunde des Menschenlebens. Da wirkt sie mit ihrem größeren Anteile. Sie sondert nur einen kleinen Teil von sich ab, der als Tätigkeit in die Bewusstseinsseele eintritt. Da wirkt er als Erinnerungskraft.

Man muss diese Erinnerungskraft im rechten Lichte sehen. - Wenn der Mensch in der gegenwärtigen Epoche des kosmischen Werdens mit den Sinnen wahrnimmt, so ist dies Wahrnehmen ein augenblickliches Aufleuchten von Weltbildern im Bewusstsein. Das Auf leuchten kommt, wenn der Sinn auf die Außenwelt gerichtet ist; es durchhellt das Bewusstsein; es verschwindet, wenn der Sinn sich nicht mehr an die Außenwelt richtet. - Was da in der Menschenseele aufleuchtet: es darf nicht Dauer haben. Denn brächte der Mensch es nicht rechtzeitig aus seinem Bewusstsein heraus, er verlöre sich an den Bewusstseinsinhalt. Er wäre nicht mehr er selbst. Nur kurze Zeit, in den sogenannten Nachbildern, die Goethe so sehr interessierten, darf im Bewusstsein das «Leuchten» durch die Wahrnehmung leben. Es darf dieser Bewusstseinsinhalt auch nicht zum Sein erstarren; er muss Bild bleiben. Er darf ebenso wenig real werden, wie das Bild im Spiegel real werden kann.

An etwas, das sich als Realität im Bewusstsein auslebte, würde sich der Mensch ebenso verlieren wie an das, was durch sich selbst Dauer hätte. Auch da könnte er nicht mehr er selbst sein.

So ist das sinnenfällige Wahrnehmen der Außenwelt ein innerliches Malen der Menschenseele. Ein Malen ohne Malsubstanz. Ein Malen im Geistwerden und Geistvergehen. Wie der Regenbogen in der Natur ersteht und dahingeht, ohne eine Spur zu hinterlassen, so ersteht die Wahrnehmung und geht dahin, ohne dass sie Erinnerung durch ihr eigenes Wesen zurücklässt.

Aber gleichzeitig mit jeder Wahrnehmung verläuft zwischen der Menschenseele und der Außenwelt ein anderer Vorgang. Ein solcher, der im mehr zurückliegenden Teile des Seelenlebens liegt. Da, wo die Wachstumskräfte, wo die Lebensimpulse wirken. In diesem Teile des Seelenlebens prägt sich beim Wahrnehmen nicht nur ein vorübergehendes Bild, sondern ein dauerndes, reales Abbild ein. Das kann der Mensch ertragen, denn das hängt mit dem Sein des Menschen als Weltinhalt zusammen. Indem dies sich vollzieht, kann er ebenso wenig sich verlieren, wie er sich verliert, da er ohne sein volles Bewusstsein wächst, sich ernährt.

Wenn nun der Mensch seine Erinnerungen aus seinem Innern holt, dann ist das ein inneres Wahrnehmen dessen, was geblieben ist in dem zweiten Vorgang, der sich beim äußeren Wahrnehmen abspielt.

Wieder malt die Seele, jetzt aber das im eigenen menschlichen Innern lebende Vergangene. Wieder darf im Bewusstsein bei diesem Malen kein dauerndes Reales, sondern nur ein erstehendes und vergehendes Bild sich formen.

So hängen in der Menschenseele wahrnehmendes Vorstellen und Erinnern zusammen. Aber die Erinnerungskräfte haben das fortwährende Bestreben, mehr zu sein, als sie sein können, wenn der Mensch als selbstbewusstes Wesen sich nicht verlieren soll.

Denn die Erinnerungskräfte sind Reste der Vergangenheit im Menschenwerden und kommen als solche in das Machtgebiet Luzifers. Dieser hat das Bestreben, im Menschenwesen die Eindrücke der Außenwelt so zu verdichten, dass sie fortwährend als Vorstellen im Bewusstsein leuchten.

Dieses luziferische Bestreben würde von Erfolg gekrönt sein, wenn die Michael-Kraft ihm nicht entgegenwirkte. Sie lässt das im inneren Lichte Gemalte nicht zum Sein erstarren, sondern erhält es im erstehenden und vergehenden Bilde.

Die überschüssige Kraft, die da aber durch Luzifer heraufdrängt aus dem menschlichen Innern, sie wird im Michael-Zeitalter umgewandelt werden in imaginierende Kraft. Denn allmählich wird in das allgemeine intellektuelle Menschheitsbewusstsein die Kraft der Imagination einziehen. - Damit aber wird der Mensch sein Gegenwartsbewusstsein nicht mit dauerndem Realen belasten; das bleibt in erstehenden und vergehenden Bildern wirksam. Mit seinen Imaginationen aber ragt der Mensch in eine höhere Geistwelt hinauf, wie er mit seinen Erinnerungen in seine eigene Menschenwesenheit hineinragt. Der Mensch behält die Imaginationen nicht in sich; sie sind in das kosmische Sein eingezeichnet; und aus diesem kann er sie immer wieder in dem Bild-Vorstellungsleben abmalen.

So wird, was Michael bewahrt vor dem Erstarren im Menschen-Innern, von der geistigen Welt aufgenommen. Was der Mensch von der Kraft des bewussten Imaginierens erlebt, das wird zugleich Welt-Inhalt. Dass dies so sein kann, ist ein Ergebnis des Mysteriums von Golgatha. Die Christuskraft prägt die Menschen-Imagination dem Kosmos ein. Die Christuskraft, die mit der Erde verbunden ist. Solange sie nicht mit der Erde verbunden war, sondern von außen auf die Erde als Sonnenkraft wirkte, gingen alle Wachstums-und Lebensimpulse in das Menschen-Innere. Der Mensch wurde durch sie aus dem Kosmos heraus gebildet und erhalten. Seit der Christus-Impuls mit der Erde lebt, wird der Mensch in seiner selbstbewussten Wesenheit dem Kosmos wieder zurückgegeben.

Der Mensch ist aus einem Weltenwesen ein Erdenwesen geworden; er ist dazu veranlagt, wieder ein Weltenwesen zu werden, nachdem er als Erdenwesen er selbst geworden ist.

In dieser Tatsache, dass der Mensch in seinem augenblicklichen Vorstellen nicht im Sein, sondern nur in einer Spiegelung des Seins, in einem Bild-Sein lebt, liegt die Möglichkeit der Entfaltung der Freiheit.

Alles Sein im Bewusstsein ist ein zwingendes. Allein das Bild kann nicht zwingen. Soll durch seinen Eindruck etwas geschehen, so muss es ganz unabhängig von ihm geschehen. - Der Mensch wird dadurch frei, dass er mit seiner Bewusstseinsseele aus dem Sein sich erhebt und in dem nicht-seienden Bildwesen auftaucht.

Da entsteht die bedeutsame Frage: Verliert denn der Mensch das Sein nicht, indem er es mit einem Teile seines Wesens verlässt und sich in das Nicht-Sein stürzt?

Hier ist wieder einer der Punkte, wo man mit der Betrachtung der Welt vor einem der großen Rätsel steht.

Was im Bewusstsein als Vorstellen erlebt wird, ist aus dem Kosmos heraus entstanden. Dem Kosmos gegenüber stürzt sich der Mensch in das Nicht-Sein. Er befreit sich im Vorstellen von allen Kräften des Kosmos. Er malt den Kosmos, außerhalb dessen er ist.

Wäre es nur so, so leuchtete im Menschenwesen für einen kosmischen Augenblick die Freiheit auf; aber in demselben Augenblick löste sich auch die Menschenwesenheit auf. -Aber, indem im Vorstellen der Mensch frei wird vom Kosmos, ist er doch in seinem nicht-bewussten Seelenleben an seine vorigen Erdenleben und Leben zwischen Tod und neuer Geburt angegliedert. Er ist als bewusster Mensch im Bild-Sein, und er hält sich mit seinem Unbewussten in der geistigen Realität. Während er im gegenwärtigen Ich die Freiheit erlebt, hält ihn sein vergangenes Ich in dem Sein.

In bezug auf das Sein ist im Vorstellen der Mensch ganz dem hingegeben, das er durch die kosmische und irdische Vergangenheit hindurch geworden ist.

Es ist in der Menschen-Entwicklung hier auf den Abgrund des Nichts gedeutet, über den der Mensch springt, indem er ein freies Wesen wird. Michaels Wirken und der Christus-Impuls machen den Sprung möglich.

Goetheanum, Januar 1925.

Leitsätze Nr. 162 bis 164 (22. Februar 1925)

(Mit Bezug auf die vorangehende Betrachtung über die Freiheit des Menschen und das Michael-Zeitalter)

162. Im Vorstellen lebt der Mensch mit seiner Bewusstseinsseele nicht im Sein, sondern im Bild-Sein, im Nicht-Sein. Dadurch ist er vom Mit-Erleben mit dem Kosmos befreit. Bilder zwingen nicht. Nur das Sein zwingt. Richtet sich der Mensch doch nach Bildern, so ist das von den Bildern ganz unabhängig, das heißt in Freiheit von der Welt.

163. In dem Augenblicke eines solchen Vorstellens hängt der Mensch mit dem Sein der Welt nur durch das zusammen, das er aus der Vergangenheit seiner früheren Erdenleben und seiner Leben zwischen Tod und Geburt geworden ist.

164. Diesen Sprung über das Nicht-Sein gegenüber dem Kosmos kann der Mensch nur durch die Tätigkeit Michaels und den Christus-Impuls machen.


Wo ist der Mensch als denkendes und sich erinnerndes Wesen?

(Goetheanum, Januar 1925)

Mit dem Vorstellen (Denken) und dem Erleben von Erinnerungen befindet sich der Mensch innerhalb der physischen Welt. Aber, wo immer er den Blick in dieser physischen Welt hinrichtet: mit seinen Sinnen wird er nirgends etwas finden, das ihm die Kräfte zum Vorstellen und Erinnern geben könnte.

Im Vorstellen erscheint das Selbstbewusstsein. Dieses ist - im Sinne der vorangehenden Betrachtungen - ein Erwerb, den der Mensch von den Kräften des Irdischen hat. Aber diese irdischen Kräfte sind solche, die dem sinnlichen Anschauen verborgen bleiben. Der Mensch denkt zwar im Erdenleben nur das, was ihm seine Sinne vermitteln; aber die Kraft zum Denken gibt ihm nichts von alle dem, was er so denkt.

Wo findet man diese Kraft, die aus dem Irdischen heraus das Vorstellen (Denken) und die Erinnerungsbilder formt?

Man findet sie, wenn man den Geistesblick auf das richtet, was sich der Mensch aus den vorigen Erdenleben mitbringt. Das gewöhnliche Bewusstsein kennt dieses nicht. Es lebt im Menschen zunächst unbewusst. Aber es erweist sich, indem der Mensch nach dem geistigen Sein die Erde betritt, sogleich als verwandt mit den irdischen Kräften, die nicht in den Bereich von Sinnesbeobachten und Sinnesdenken fallen.

Nicht mit dem Vorstellen (Denken) ist der Mensch in diesem Bereich, sondern mit dem Wollen, das sich im Sinne des Schicksals abspielt.

Man kann in Anbetracht dessen, dass die Erde Kräfte enthält, die außerhalb des Sinnenbereiches fallen, von der «geistigen Erde» als Gegenpol der physischen sprechen. Dann ergibt sich, dass der Mensch als Willenswesen in und mit der «geistigen Erde» lebt, dass er aber als vorstellendes (denkendes) Wesen zwar innerhalb der physischen Erde ist, dass er aber als solches nicht mit ihr lebt.

Der Mensch als denkendes Wesen trägt aus der Geist-Welt Kräfte in die physische; aber er bleibt mit diesen Kräften Geistwesen, das in der physischen Welt nur erscheint, aber keine Gemeinsamkeit mit ihr eingeht.

Eine Gemeinsamkeit geht der vorstellende (denkende) Mensch während des Erdendaseins nur mit der «geistigen Erde» ein. Und aus dieser Gemeinsamkeit erwächst ihm sein Selbstbewusstsein. - Dessen Entstehung ist also verdankt solchen Vorgängen, die sich im Erdenleben mit dem Menschen als geistige abspielen.

Umfasst man mit der Geistesschau, was da beschrieben ist, so hat man das «menschliche Ich» vor dieser Schau.

Mit den Erinnerungs-Erlebnissen kommt man in das Gebiet des menschlichen Astralleibes. Im Erinnern strömen nicht bloß wie beim Vorstellen (Denken) die Ergebnisse voriger Erdenleben in das gegenwärtige Ich, sondern es strömen die Kräfte der Geist-Welt, die der Mensch zwischen Tod und neuer Geburt erlebt, in sein Inneres ein. Dieses Einströmen geschieht in den Astralleib.

Nun gibt es innerhalb der physischen Erde auch für die unmittelbare Aufnahme der so einströmenden Kräfte kein Gebiet. Der Mensch kann als sich erinnerndes Wesen noch ebenso wenig mit den Dingen und Vorgängen, die seine Sinne wahrnehmen, sich verbinden, wie er sich als vorstellendes Wesen mit diesen verbinden kann.

Aber er geht Gemeinsamkeit ein mit dem, was zwar nicht physisch ist, was aber das Physische in Vorgänge, in Geschehnisse umsetzt. Es sind dies die rhythmischen Vorgänge in Natur- und Menschenleben. In der Natur wechseln rhythmisch Tag und Nacht, folgen rhythmisch Jahreszeiten und so weiter. Im Menschen erfolgt das Atmen und die Blutzirkulation im Rhythmus. Es geht so der Wechsel von Schlafen und Wachen vor sich und so weiter.

Rhythmische Vorgänge sind weder in der Natur, noch im Menschen etwas Physisches. Man könnte sie halbgeistig nennen. Das Physische als Ding verschwindet im rhythmischen Vorgang. Im Erinnern ist der Mensch mit seinem Wesen in seinen und in den Naturrhythmus versetzt. Er lebt in seinem Astralleib.

Indischer Yoga will ganz in dem Erleben des Rhythmus aufgehen. Er will das Gebiet des Vorstellens, des Ich verlassen und in einem inneren Erleben, das dem Erinnern ähnlich ist, in die Welt schauen, die hinter dem liegt, was das gewöhnliche Bewusstsein kennen kann.

Das westliche Geistesleben darf zum Erkennen das Ich nicht unterdrücken. Es muss das Ich an die Wahrnehmung des Geistigen heranbringen.

Es kann das nicht geschehen, wenn man von der sinnenfälligen in die rhythmische Welt so vordringt, dass man im Rhythmus nur das Halbgeistig-Werden des Physischen erlebt. Man muss vielmehr die Sphäre der Geistwelt finden, die im Rhythmus sich offenbart.

Zweierlei ist also möglich. Erstens: Erleben des Physischen im Rhythmischen, wie dieses Physische halbgeistig wird. Es ist dies ein älterer, heute nicht mehr zu betretender Weg. Zweitens: Erleben der Geist-Welt, die den Weltenrhythmus in und außerhalb des Menschen so zu ihrer Sphäre hat, wie der Mensch die Erdenwelt mit ihren physischen Wesen und Vorgängen.

Zu dieser Geist-Welt nun gehört alles, was im gegenwärtigen kosmischen Augenblicke durch Michael geschieht. Ein Geist wie Michael bringt dasjenige, was sonst im luziferischen Gebiet liegen würde, dadurch in das der rein menschlichen Entwicklung - die von Luzifer nicht beeinflusst ist -, dass er die rhythmische Welt zu seinem Wohnplatz erwählt.

Angeschaut kann das alles werden, indem der Mensch in die Imagination eintritt. Denn die Seele lebt mit der Imagination im Rhythmus; und Michaels Welt ist diejenige, die im Rhythmus sich offenbart.

Erinnerung, Gedächtnis steht schon in dieser Welt darinnen, aber noch nicht tief. Das gewöhnliche Bewusstsein erlebt davon nichts. Tritt man aber in die Imagination ein, dann taucht aus der Rhythmus-Welt zunächst die Welt der subjektiven Erinnerungen auf; diese geht aber sogleich über in die im Ätherischen lebenden von der göttlich-geistigen Welt geschaffenen Urbilder für die physische Welt. Den in kosmischen Bildern aufleuchtenden, das Weltenschaffen in sich bergenden Äther erlebt man. Und die in diesem Äther webenden Sonnenkräfte: die sind da nicht bloß strahlend, die zaubern Welten-Urbilder aus dem Lichte heraus. Die Sonne erscheint als der kosmische Weltenmaler. Sie ist das kosmische Gegenbild der Impulse, die im Menschen die Vorstellungs-(Denk-) Bilder malen.

Goetheanum, Januar 1925.

Leitsätze Nr. 165 bis 167 (1. März 1925)

(Mit Bezug auf die vorangehende Betrachtung: Wo ist der Mensch als denkendes und sich erinnerndes Wesen?)

165. Der Mensch lebt zwar als denkendes Wesen in dem Bereich der physischen Erde; aber er geht mit dieser keine Gemeinsamkeit ein. Er lebt als Geist-Wesen so, dass er das Physische wahrnimmt; die Kräfte zum Denken empfängt er aber von der «geistigen Erde» auf demselben Wege, auf dem er das Schicksal im Ergebnis voriger Erdenleben erlebt.

166. Was in der Erinnerung (im Gedächtnisse) erlebt wird, das ist schon in der Welt, wo im Rhythmus das Physische halbgeistig wird und wo solche Geist-Vorgänge sich abspielen, wie diejenigen sind, die im gegenwärtigen kosmischen Augenblicke durch Michael geschehen.

167. Wer Denken und Erinnerung richtig kennen lernt, dem geht das Verständnis dafür auf, wie der Mensch als Erdenwesen zugleich innerhalb des Erdgebietes lebt, aber doch nicht völlig in dieses Gebiet mit seinem Wesen eintaucht, sondern als außerirdisches Wesen durch die Gemeinsamkeit mit der «geistigen Erde» sein Selbstbewusstsein, als die Vollendung des Ich sucht.


Der Mensch in seiner makrokosmischen Wesenheit.

(Goetheanum, Januar 1925)

Der Kosmos offenbart sich dem Menschen zunächst von Seite der Erde und von der Seite des Außerirdischen, der Sternenwelt.

Mit der Erde und ihren Kräften fühlt sich der Mensch verwandt. Das Leben belehrt ihn über diese Verwandtschaft mit großer Deutlichkeit.

Nicht so fühlt er sich im gegenwärtigen Zeitalter verwandt mit der Sternenumgebung. Aber dies dauert nur so lange, als er sich seines Ätherleibes nicht bewusst ist. Den Ätherleib in Imaginationen erfassen, heißt ein Zusammengehörigkeitsgefühl mit der Sternenwelt so entwickeln, wie man dies durch das Bewusstsein vom physischen Leibe von der Erde hat.

Die Kräfte, die den Ätherleib in die Welt hineinstellen, kommen aus dem Umkreis der Welt, wie die für den physischen Leib aus dem Mittelpunkt der Erde strahlen.

Aber mit den Ätherkräften, die aus dem Umkreis des Kosmos auf die Erde einströmen, kommen auch diejenigen Weltimpulse, die im astralischen Leibe des Menschen wirken.

Der Äther ist wie ein Meer, in dem sich schwimmend aus den allseitigen Weltenfernen die Astralkräfte der Erde nähern. –

Im gegenwärtigen kosmischen Zeitalter können aber nur das Mineral- und das Pflanzenreich in ein unmittelbares Verhältnis zu dem Astralen kommen, das auf den Wogen des Äthers auf die Erde hereinströmt. Nicht das Tierreich und nicht das Menschenreich.

Beim Tierreich zeigt das geistige Schauen, wie im Embryonalen nicht das gegenwärtig auf die Er de einströmende Astrale lebt, sondern dasjenige, das noch zur alten Mondenzeit eingeströmt ist.

Bei dem Pflanzenreich schaut man, wie die mannigfaltigen wunderbaren Formen gebildet werden, indem aus dem Äther das Astrale sich löst und über die Pflanzenwelt hin wirkt.

Bei der Tierwelt schaut man, wie aus dem Geistigen heraus das vorzeitlich - während der Mondenentwicklung -wirksame Astrale aufbewahrt worden ist und als solches Aufbewahrtes wirkt, das gegenwärtig in der Geistwelt verbleibt und nicht in die Ätherwelt heraustritt.

Die Wirksamkeit dieses Astralen wird auch durch die Mondenkräfte vermittelt, die ja ebenfalls aus dem vorigen Erdenstadium verblieben sind.

Man hat also im Tierreich das Ergebnis von Impulsen, die im vorigen Erdenstadium sich äußerlich-naturhaft offenbarten, während sie im gegenwärtigen kosmischen Zeitalter sich in die Geistwelt zurückgezogen haben, die wirksam die Erde durchströmt.

Nun zeigt sich dem geistigen Schauen, dass innerhalb des Tierreiches für die Durchdringung des physischen und des Ätherleibes mit dem Astralleib lediglich die im gegenwärtigen Irdischen aus der Vorzeit bewahrten Astralkräfte bedeutsam sind. Hat aber das Tier einmal seinen Astralleib, dann treten in demselben die Sonnen-Impulse wirksam auf. Die Sonnenkräfte können dem Tiere nichts von Astralischem geben; wohl aber müssen sie, wenn dieses einmal im Tiere ist, für Wachstum, Ernährung und so weiter eintreten.

Anders ist dies für das Menschenreich. Auch dieses erhält zunächst sein Astrales von den bewahrten Mondenkräften. Aber die Sonnenkräfte enthalten Astralimpulse, die für das Tierreich unwirksam bleiben, die aber im menschlichen Astralen so fortwirken, wie die Mondenkräfte beim ersten Durchdringen des Menschen mit Astralität gewirkt haben.

Im tierischen Astralleib schaut man die Mondenwelt; im menschlichen den harmonischen Zusammenklang von Sonnen- und Mondenwelt.

Auf diesem Sonnenhaften im menschlichen Astralleib beruht es, dass der Mensch das im Irdischen ausstrahlende Geistige zur Heranbildung des Selbstbewusstseins aufnehmen kann. Das Astralische strömt aus dem Umkreis des Weltenalls. Es wirkt entweder als solches, das gegenwärtig einströmt, oder als solches, das in der Vorzeit eingeströmt und bewahrt worden ist. - Alles aber, was sich auf Gestaltung des Ich als Träger des Selbstbewusstseins bezieht, muss von einem Sternmittelpunkt ausstrahlen. Das Astralische wirkt aus dem Umkreis, das Ich-mäßige aus einem Mittelpunkt. Die Erde als Stern impulsiert von ihrem Mittelpunkte aus das menschliche Ich. Jeder Stern strahlt von seinem Mittelpunkte aus Kräfte, von denen das Ich irgendeiner Wesenheit gestaltet ist.

So stellt sich die Polarität von Sternmittelpunkt und kosmischem Umkreis dar.

Man sieht aus dieser Darstellung zugleich, wie das Tierreich als ein Ergebnis früherer Entwicklungskräfte des Erdenwesens heute noch dasteht, wie es die bewahrten Astralkräfte verbraucht, wie es aber verschwinden muss, wenn diese verbraucht sind. Beim Menschen werden dagegen vom Sonnenhaften aus neue Astralkräfte erworben. Diese machen es ihm möglich, seine Entwicklung in die Zukunft zu tragen.

Man kann, wie man aus alle dem ersieht, den Menschen in seiner Wesenheit nicht verstehen, wenn man sich seines Zusammenhangs mit dem Sternensein nicht ebenso bewusst wird wie desjenigen mit der Erde.

Und was der Mensch von der Erde für die Entfaltung seines Selbstbewusstseins empfängt, rührt ja auch von der innerhalb des Irdischen wirksamen Geist-Welt her. - Dass das Sonnenhafte dem Menschen gibt, was er für sein Astralisches braucht, das rührt von den Wirkungen her, die sich während der alten Sonnenzeit abgespielt haben. Da hat die Erde die Fähigkeit empfangen, die Ich-Impulse der Menschheit zu entfalten. Es ist das Geistige aus dieser Zeit, das sich die Erde aus dem Sonnenhaften bewahrt hat, das aber durch die gegenwärtige Sonnenwirkung vor dem Ersterben bewahrt wird.

Die Erde war einst selbst Sonne. Da hat sie sich vergeistigt. Im gegenwärtigen kosmischen Zeitalter wirkt das Sonnenhafte von außen. Dieses verjüngt fortdauernd das alt werdende, aus der Vorzeit stammende Geistige. Zugleich bewahrt dieses gegenwärtig wirkende Sonnenhafte das Vorzeitliche vor dem Hineinfallen in das Luziferische. Denn was, ohne in die Kräfte der Gegenwart aufgenommen zu werden, fortwirkt, verfällt dem Luziferischen.

Man kann sagen, des Menschen Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem außerirdischen Kosmos sei in dieser kosmischen Epoche so abgedämpft, dass er es nicht innerhalb seines Bewusstseins bemerkt. Und es ist nicht nur abgedämpft, es wird übertönt von dem Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem Irdischen. Weil der Mensch sein Selbstbewusstsein im Irdischen finden muss, wächst er mit diesem während des Anfangs des Bewusstseinsseelen-Zeitalters so zusammen, dass es viel stärker auf ihn wirkt, als dies mit dem rechten Verlauf seines Seelenlebens vereinbar ist. - Der Mensch ist gewissermaßen von den Eindrücken der Sinnenwelt betäubt. Er kommt innerhalb dieser Betäubung mit dem freien, in sich selbst lebenden Denken nicht auf.

Die ganze Zeitepoche von der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts an war eine solche der Betäubung durch die Sinneseindrücke. Das ist die große Illusion dieser Zeitepoche, dass man in ihr das zu starke Sinnesleben für das rechte genommen hat. Jenes Sinnesleben, das das Leben im außerirdischen Kosmos ganz auszulöschen bestrebt war.

In diese Betäubung hinein konnten die ahrimanischen Mächte ihr Wesen entfalten. Luzifer war durch das Sonnenhafte mehr zurückgewiesen als Ahriman, der in der Lage war, die gefährliche Empfindung gerade in den wissenschaftlichen Menschen hervorzurufen, dass die Ideen nur auf die Sinnes-Eindrücke anwendbar seien. So kann gerade in diesen Kreisen Anthroposophie wenig Verständnis finden. Man steht den Ergebnissen der Geist-Erkenntnis gegenüber. Man sucht sie mit den Ideen zu verstehen. Doch diese Ideen fassen das Geistige nicht, weil ihr Erleben von der ahrimanisierten Sinnes-Erkenntnis übertäubt ist. Und so kommt man in die Furcht hinein, man verfalle blindem Autoritätsglauben, wenn man sich auf die Ergebnisse des geistig Schauenden einlässt.

Immer finsterer wurde in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts für das menschliche Bewusstsein der außerirdische Kosmos.

Wenn der Mensch in sich die Ideen zu erleben wieder fähig wird, auch dann, wenn er sich mit ihnen nicht an die Sinneswelt anlehnt, dann wird dem Blick in den außerirdischen Kosmos wieder Helligkeit entgegenströmen. Das aber heißt Michael in seinem Reiche kennenlernen.

Wenn einmal das Michael-Fest im Herbste wahr und innig sein wird, dann wird in der Empfindung der das Fest begehenden Menschen mit innerster Ehrlichkeit sich das Leitmotiv loslösen und im Bewusstsein leben: Ideen-erfüllt erlebt die Seele Geistes-Licht, wenn der Sinnenschein nur wie Erinnerung in dem Menschen nachklingt.

Wenn der Mensch solches wird empfinden können, dann wird er nach der Festes-Stimmung auch wieder richtig in die Sinneswelt untertauchen können. Und Ahriman wird ihm nicht schaden können.

Goetheanum, Januar 1925.

Leitsätze Nr. 168 bis 170 (8. März 1925)

(Mit Bezug auf die vorangehende Betrachtung: Der Mensch in seiner makrokosmischen Wesenheit)

168. Im Beginne des Bewusstseinszeitalters trat eine Abdämpfung des Zusammengehörigkeitsgefühles des Menschen mit dem außerirdischen Kosmos auf. Im Gegensatz hierzu wurde das Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem Irdischen im Erleben der Sinneseindrücke gerade bei den wissenschaftlichen Menschen so stark, dass es eine Betäubung darstellt.

169. Innerhalb dieser Betäubung wirken die ahrimanischen Mächte besonders gefährlich, weil der Mensch in der Illusion lebt, das zu starke, betäubende Erleben der Sinnes-Eindrücke sei das Rechte und ein wahrer Fortschritt in der Entwicklung.

170. Der Mensch muss die Kraft finden, seine Ideenwelt zu durchleuchten und durchleuchtet zu erleben, auch wenn er sich mit ihr nicht an die betäubende Sinneswelt anlehnt. An diesem Erleben der selbständigen, in ihrer Selbständigkeit durchleuchteten Ideenwelt wird das Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem außerirdischen Kosmos erwachen. Die Grundlage für Michael-Feste wird daraus erstehen.


Des Menschen Sinnes- und Denkorganisation im Verhältnis zur Welt.

(Goetheanum, Februar 1925)

Wenn der Mensch, das eigene Menschenwesen betrachtend, zunächst das imaginative Erkennen auf sich anwendet, so streift er in der Anschauung sein Sinnessystem ab. Er wird für seine Selbstanschauung ein Wesen ohne dieses System. Er hört nicht auf, Bilder vor seiner Seele zu haben, die vorher von den Sinnesorganen getragen waren; aber er hört auf, sich durch diese Organe mit der physischen Außenwelt verbunden zu fühlen. Die Bilder, die er von der physischen Außenwelt vor der Seele hat, sind jetzt nicht von den Sinnesorganen getragen: sie sind für die unmittelbare Anschauung ein Beweis dafür, dass der Mensch durch die Sinnesverbindung hindurch mit der natürlichen Umwelt noch in einer ändern Verbindung steht, die nicht von den Sinnen getragen ist. Es ist die Verbindung mit dem Geiste, der in der natürlichen Außenwelt verkörpert ist.

In solcher Anschauung fällt also die physische Welt von dem Menschen ab. Es ist das Irdische, das abfällt. Der Mensch fühlt dieses Irdische nicht mehr an sich.

Man könnte glauben, dass ihm damit das Selbstbewusstsein schwindet. Das scheint aus den bisherigen Betrachtungen zu folgen, die das Selbstbewusstsein als ein Ergebnis des Zusammenhanges des Menschen mit der Erden-Wesenheit aufgezeigt haben. Es ist aber nicht so. Was der Mensch durch das Irdische erworben hat, das bleibt ihm, auch wenn er nach der Erwerbung im erlebenden Erkennen das Irdische von sich abstreift.

Durch die geschilderte geistig-imaginative Anschauung zeigt sich, dass der Mensch im Grunde sein Sinnessystem gar nicht intensiv mit sich verbunden hat. Es lebt eigentlich nicht er in diesem Sinnessystem, sondern die Umwelt. Diese hat sich mit ihrem Wesen in die Sinnesorganisation hineingebaut.

Und der imaginativ-schauende Mensch betrachtet deshalb auch die Sinnesorganisation als ein Stück Außenwelt. Ein Stück Außenwelt, das ihm allerdings näher steht als die natürliche Umwelt, das aber doch Außenwelt ist. Es unterscheidet sich von der übrigen Außenwelt nur dadurch, dass der Mensch in diese nicht anders als durch die Sinneswahrnehmung erkennend untertauchen kann. In seine Sinnesorganisation taucht er aber erlebend unter. Die Sinnesorganisation ist Außenwelt, aber der Mensch streckt in diese Außenwelt sein geistig-seelisches Wesen hinein, das er beim Betreten des Erdendaseins aus der Geist-Welt mitbringt.

Mit Ausnahme der Tatsache, dass der Mensch seine Sinnesorganisation mit seinem geistig-seelischen Wesen erfüllt, ist diese Organisation Außenwelt, wie es die um ihn sich ausbreitende Pflanzenwelt ist. Das Auge gehört letzten Endes der Welt, nicht dem Menschen, wie die Rose, die der Mensch wahrnimmt, nicht ihm, sondern der Welt gehört.

In dem Zeitalter, das der Mensch in der kosmischen Entwicklung eben durchgemacht hat, traten Erkennende auf, die da sagten: Farbe, Ton, Wärme-Eindrücke seien eigentlich nicht in der Welt, sondern im Menschen. Die «rote Farbe», so sagen sie, sei nichts da draußen in der menschlichen Weltumgebung, sondern nur die Wirkung von etwas Unbekanntem auf den Menschen. - Aber die Wahrheit ist das gerade Gegenteil von dieser Anschauung. Nicht die Farbe gehört mit dem Auge dem Menschenwesen an, sondern das Auge gehört mit der Farbe der Welt an. Der Mensch lässt während seines Erdenlebens nicht die irdische Umgebung in sich hereinströmen, sondern er wächst zwischen Geburt und Tod in diese Außenwelt hinaus.

Es ist bedeutsam, dass sich am Ende des finsteren Zeitalters, in dem der Mensch in die Welt starrt, ohne das Licht des Geistes auch nur ahnend zu erleben, die wahre Ansicht von dem Verhältnis des Menschen zur Umwelt geradezu in das Gegenbild des Wahren verkehrt.

Hat der imaginativ Erkennende diejenige Umwelt abgestreift, in der er mit seiner Sinnesorganisation lebt, so tritt in das Erleben eine Organisation ein, von der das Denken so getragen ist wie das sinnliche Bild-Wahrnehmen durch die Sinnesorganisation.

Und jetzt weiß sich der Mensch durch diese Denk-Organisation mit der kosmischen Sternen-Umgebung so in Zusammenhang, wie er sich vorher durch die Sinnes-Organisation mit der Erden-Umgebung in Zusammenhang gewusst hat. Er erkennt sich als kosmisches Wesen. Die Gedanken sind nicht mehr Schattenbilder; sie sind von Wirklichkeit durchtränkt wie die Sinnesbilder in der sinnlichen Wahrnehmung.

Steigt nun der Erkennende zur Inspiration auf, so wird er gewahr, dass er diese Welt, die sich auf die Denkorganisation stützt, ebenso abstreifen kann wie die irdische. Er durchschaut, wie er auch mit dieser Denkorganisation nicht dem eigenen Wesen, sondern der Welt angehört. Er durchschaut, wie die Weltgedanken durch seine eigene Denk-Organisation in ihm walten. Er wird wieder gewahr, wie er denkt, indem er nicht Abbilder der Welt in sich hereinnimmt, sondern wie er mit der Denkorganisation in das Weltdenken hinauswächst.

Sowohl in bezug auf die Sinnesorganisation wie auf das Denksystem ist der Mensch Welt. Die Welt baut sich in ihn hinein. Dadurch ist er im Sinneswahrnehmen und im Denken nicht er selbst, sondern er ist da Welt-Inhalt.

In die Denkorganisation streckt nun der Mensch das Geistig-Seelische seines Wesens hinein, das weder der Erden- noch der Sternen-Welt angehört, das ganz geistiger Art ist und von Erdenleben zu Erdenleben in dem Menschen west. Dieses Geistig-Seelische ist nur der Inspiration zugänglich.

So tritt der Mensch aus seiner irdisch-kosmischen Organisation heraus, um durch seine Inspiration als rein geistigseelisches Wesen vor sich zu stehen.

In dieser rein geistig-seelischen Wesenheit trifft der Mensch auf das Walten seines Schicksals auf.

Mit der Sinnes-Organisation lebt der Mensch in seinem physischen Leib, mit der Denk-Organisation in seinem ätherischen Leib. Nach Abstreifung beider Organisationen durch das erlebende Erkennen ist er in seinem astralischen Leib.

Jedesmal, wenn der Mensch von seinem angenommenen Wesen etwas abstreift, wird zwar auf der einen Seite sein Seelen-Inhalt ärmer; aber er wird auf der ändern Seite zugleich reicher. Hat der Mensch nach der Abstreifung des physischen Leibes die Schönheit der sinnenfälligen Pflanzenwelt nur noch abgeblasst vor sich, so tritt dafür vor seine Seele die ganze Welt der Elementarwesen, die in dem Pflanzenreiche leben.

Weil es so ist, herrscht aber bei dem wirklich geistig Erkennenden nicht eine asketische Stimmung gegenüber dem, was die Sinne wahrnehmen. Im geistigen Erleben bleibt ihm voll-lebendig das Bedürfnis, das Geistig-Erlebte auch wieder durch die Sinne wahrzunehmen. Und wie bei dem Vollmenschen, der nach Erleben der ganzen Wirklichkeit strebt, die Sinneswahrnehmung die Sehnsucht nach dem Gegenpol, nach der Welt der Elementarwesen weckt, so weckt das Anschauen der Elementarwesen wieder die Sehnsucht nach dem Inhalt der Sinneswahrnehmung.

Im Gesamt-Menschenleben verlangt der Geist nach dem Sinne, und der Sinn nach dem Geiste. - Im geistigen Dasein wäre Leerheit, wenn nicht als Erinnerung die Erlebnisse des Sinnen-Erlebens darinnen wären; im Sinnes-Erleben wäre Finsternis, wenn nicht leuchtend, obwohl zunächst unterbewusst, die Kraft des Geistigen hereinwirkte.

Es wird daher, wenn sich der Mensch reif gemacht haben wird, die Betätigung des Michael mitzuerleben, nicht etwa ein Verarmen der Seelen an Natur-Erlebnissen eintreten, sondern im Gegenteil eine Bereicherung. Und auch das Gefühlsleben wird nicht dazu neigen, sich von dem Sinnes-Erleben abzuziehen, sondern es wird freudige Neigung da sein, um die Wunder der Sinnen-Welt voll in die Seele aufzunehmen.

Goetheanum, Februar 1925.

Leitsätze Nr. 171 bis 173 (15. März 1925)

(Mit Bezug auf die vorhergehende Betrachtung: Des Menschen Sinnes- und Denkorganisation im Verhältnis zur Welt)

171. Die menschliche Sinnesorganisation gehört nicht der Menschen-Wesenheit an, sondern ist von der Umwelt während des Erdenlebens in diese hineingebaut. Das wahrnehmende Auge ist räumlich im Menschen, wesenhaft ist es in der Welt. Und der Mensch streckt sein geistig-seelisches Wesen in dasjenige hinein, was die Welt durch seine Sinne in ihm erlebt. Der Mensch nimmt die physische Umgebung während seines Erdenlebens nicht in sich auf, sondern er wächst mit seinem geistig-seelischen Wesen in diese Umgebung hinein.

172. Ähnlich ist es mit der Denk-Organisation. Der Mensch wächst durch sie in das Sternendasein hinein. Er erkennt sich selbst als Sternenwelt. In den Weltgedanken webt und lebt der Mensch, wenn er im erlebenden Erkennen die Sinnes-Organisation abgestreift hat.

173. Nach Abstreifung von beidem, der Erden weit und der Sternenwelt, steht der Mensch als geistig-seelisches Wesen vor sich. Da ist er dann nicht mehr Welt, da ist er im wahren Sinne Mensch. Und gewahr werden, was er da erlebt, heißt Sich-Erkennen, wie Gewahr-Werden in der Sinnes- und Denkorganisation Welt-Erkennen heißt.


Gedächtnis und Gewissen.

(Goetheanum, Februar 1925)

In dem schlafenden Zustande ist der Mensch an den Kosmos hingegeben. Er trägt dem Kosmos entgegen, was er beim Heruntersteigen aus der geistig-seelischen Welt in die irdische als Ergebnis voriger Erdenleben hat. Er entzieht diesen Inhalt seines Menschenwesens dem Kosmos während des Wachens.

In diesem Rhythmus: Hingabe an den Kosmos und Sich-dem-Kosmos-Entziehen verläuft das Leben zwischen Geburt und Tod.

Das Entziehen gegenüber dem Kosmos ist zugleich ein Aufnehmen des geistig-seelischen Menschen durch die Sinnes-Nervenorganisation. Was in dieser als physische und Lebensvorgänge sich abspielt, mit dem vereinigt sich im Wachen das Geistig-Seelische des Menschen zu einer einheitlichen Wirkungsweise. In dieser Wirkungsweise ist Sinneswahrnehmung, Formung der Erinnerungsbilder, Phantasie-Leben enthalten. Diese Betätigungen sind an den physischen Leib gebunden. Die Vorstellungen, das Denk-Erleben, in denen dem Menschen bewusst wird, was halbbewusst in Wahrnehmung, Phantasie, Erinnerung sich abspielt, sind an die Denkorganisation gebunden.

In dieser eigentlichen Denkorganisation liegt auch das Gebiet, durch das der Mensch sein Selbstbewusstsein erlebt. Die Denkorganisation ist eine Sternen-Organisation. Lebte sie sich einzig als solche aus, dann trüge der Mensch in sich nicht ein Selbstbewusstsein, sondern ein Götterbewusstsein. Aber die Denkorganisation ist Sternen-Organisation, herausgehoben aus dem Sternen-Kosmos und versetzt in das irdische Geschehen. Indem der Mensch die Sternenwelt im Irdischen erlebt, wird er ein selbstbewusstes Wesen.

Da hat man also das Gebiet des inneren Menschenlebens vor sich, in dem die göttlich-geistige Welt, die mit dem Menschen verbunden ist, ihn entlässt, damit er in vollem Sinne Mensch werden kann.

Aber gleich unterhalb der Denkorganisation, da wo Sinneswahrnehmung, Phantasie, Erinnerungsbildung sich vollziehen, lebt die göttlich-geistige Welt im Menschenleben mit. Man kann sagen, in der Gedächtnis-Entfaltung lebt das Göttlich-Geistige in dem wachenden Zustande des Menschen. Denn die beiden anderen Betätigungen, Sinneswahrnehmung und Phantasie, sind nur Modifikationen der Formung der Erinnerungsbilder. In der Sinneswahrnehmung ist die Bildung des Erinnerungsinhaltes in seiner Entstehung; in dem Inhalte der Phantasie leuchtet in der Seele auf, was sich von diesem Inhalte im Seelen-Dasein erhält.

Der Schlafzustand trägt das Geistig-Seelische des Menschen in das Kosmische hinüber. Er ist da mit der Betätigung seines Astralleibes und seines Ich in den göttlich-geistigen Kosmos eingetaucht. Er ist nicht nur außerhalb der physischen, sondern auch außerhalb der Sternenwelt. Aber er ist innerhalb der göttlich-geistigen Wesen, durch die sein Dasein den Ursprung hat.

In dem gegenwärtigen Zeitpunkt der kosmischen Entwicklung wirken diese göttlich-geistigen Wesen so, dass sie den moralischen Weltinhalt während des Schlafzustandes in Astralleib und Ich einprägen. Alles Weltgeschehen im schlafenden Menschen ist reales moralisches Geschehen, kein Geschehen, das der Naturwirkung auch nur ähnlich genannt werden könnte.

Dieses Geschehen in seiner Nachwirkung trägt der Mensch aus dem schlafenden in den Wachzustand herüber. Diese Nachwirkung bleibt im schlafenden Zustande. Denn der Mensch wacht nur in dem Leben, das dem Denkgebiete zugeneigt ist. Was in seiner Willenssphäre eigentlich vorgeht, das ist auch während des Wachens in solche Dumpfheit gehüllt wie während des Schlafens das ganze Seelenleben. Aber in diesem schlafenden Willensleben webt das Göttlich-Geistige im wachenden Zustande weiter. Der Mensch ist moralisch so gut oder so schlecht, als er es sein kann, je nach der Nähe, in die er schlafend zu den göttlich-geistigen Wesen kommen kann. Und er kommt näher oder bleibt ferner, je nachdem seine früheren Erdenleben in moralischer Richtung waren.

Aus den Tiefen des wachenden Seelenwesens tönt herauf, was sich während des Schlafens in Gemeinschaft mit der göttlich-geistigen Welt in dieses Seelenwesen hat einpflanzen können. Was herauf klingt, ist die Stimme des Gewissens.

So zeigt sich, wie dasjenige, was eine materialistische Weltansicht am meisten geneigt ist, bloß nach der Naturseite hin zu erklären, für die Geist-Erkenntnis auf der moralischen Seite gelegen ist.

Im Gedächtnis wirkt im wachenden Menschen unmittelbar das göttlich-geistige Wesen; im Gewissen wirkt im wachenden Menschen mittelbar - als Nachwirkung - dieses göttlich-geistige Wesen.

Gedächtnisbildung spielt sich in der Nerven-Sinnesorganisation ab; Gewissensbildung spielt sich als rein seelischgeistiger Vorgang ab, aber in der Stoffwechsel-Gliedmaßenorganisation.

Zwischen beiden liegt die rhythmische Organisation. Diese ist nach zwei Seiten hin polarisch in ihrer Wirksamkeit ausgebildet. Sie ist als Atmungsrhythmus in inniger Beziehung zur Sinneswahrnehmung und zum Denken. In dem Lungen-Atmen ist der Vorgang am gröbsten; er verfeinert sich und wird als verfeinertes Atmen sinnliches Wahrnehmen und Denken. Was noch dem Atmen ganz nahesteht, aber ein Atmen durch die Sinnes-Organe, nicht durch die Lungen ist, das ist das sinnliche Wahrnehmen. Was dem Lungen-Atmen schon ferner ist und durch die Denkorganisation gestützt wird, das ist Vorstellen, Denken; und was schon nach dem Rhythmus der Blutzirkulation hinübergrenzt, schon ein innerliches Atmen ist, das mit der Gliedmaßen-Stoffwechselorganisation sich verbindet, das offenbart sich in der Phantasie-Tätigkeit. Diese reicht dann seelisch in die Willenssphäre, wie der Zirkulationsrhythmus in die Stoffwechsel-Gliedmaßenorganisation reicht.

In der Phantasiebetätigung strebt die Denkorganisation an die Willensorganisation nahe heran. Es ist ein Untertauchen des Menschen in seine wachende Schlafsphäre des Willens. Es erscheinen daher bei Menschen, die in dieser Art organisiert sind, die Seelen-Inhalte wie Träume im Wachzustande. In Goethe lebte eine solche Menschen-Organisation. Daher spricht er davon, dass ihm Schiller seine dichterischen Träume deuten müsse.

In Schiller selbst war die andere Organisation wirksam. Er lebte aus dem heraus, was er sich aus den vorigen Erdenleben mitbrachte. Er musste zu einem starken Wollen den Phantasie-Inhalt suchen.

Auf Menschen, die nach der Phantasiesphäre hin veranlagt sind, so dass sich ihnen wie von selbst die Anschauung der sinnlichen Wirklichkeit in Phantasiebilder wandelt, zählt bei ihren Weltenabsichten die ahrimanische Macht. Sie meint, mit Hilfe solcher Menschen die Entwicklung der Menschheit von der Vergangenheit ganz abschneiden zu können, um sie in eine Richtung zu bringen, die sie will.

Auf Menschen, die nach der Willenssphäre hin organisiert sind, die aber die sinnliche Anschauung in Phantasiebilder aus innerer Liebe zur idealen Weltanschauung kräftig gestalten, zählt die luziferische Macht. Sie möchte die Menschheitsentwicklung durch solche Menschen ganz in den Impulsen der Vergangenheit erhalten. Sie könnte dann die Menschheit vor dem Untertauchen in die Sphäre bewahren, in der die ahrimanische Macht überwunden werden muss.

Man steht im Erdendasein in zwei polarischen Gegensätzen. Oben breiten sich die Sterne. Von da strahlen die Kräfte, die mit allem errechenbaren Regelmäßigen im Erdendasein zusammenhängen. Regelmäßiger Tag- und Nachtwechsel, Jahreszeiten, längere Weltperioden, sie sind die irdische Spiegelung dessen, was Sternen-Geschehen ist.

Der andere Pol strahlt vom Innern der Erde her. Unregelmäßiges lebt in ihm. Wind und Wetter, Donner und Blitz, Erdbeben, Vulkanausbrüche spiegeln dieses innere Erden-Geschehen.

Der Mensch ist ein Abbild dieses Sternen-Erdeseins. In seiner Denkorganisation lebt die Sternen-Ordnung, in seiner Gliedmaßen-Willensorganisation lebt das Erden-Chaos. In der rhythmischen Organisation wird in freiem Ausgleich das irdische Menschenwesen erlebt.

Goetheanum, Februar 1925.

Leitsätze Nr. 174 bis 176 (22. März 1925)

(Mit Rücksicht auf die vorhergehende Betrachtung über Gedächtnis und Gewissen)

174. Der Mensch ist von zwei Seiten her geistig-leiblich organisiert. Erstens aus dem physisch-ätherischen Kosmos. Was in diese Organisation von göttlich-geistiger Wesenheit in die Menschenwesenheit hineinstrahlt, das lebt in dieser als Kraft der Sinneswahrnehmung, der Gedächtnisfähigkeit und der Phantasiebetätigung.

175. Zweitens ist der Mensch organisiert aus seinen vorangegangenen Erdenleben heraus. Diese Organisation ist ganz geistig-seelisch und lebt im Menschen durch Astralleib und Ich. Was sich an göttlich-geistigen Wesenheiten in diese Menschenwesenheit hineinlebt, dessen Wirkung leuchtet als Gewissensstimme und alles, was damit verwandt ist, im Menschen auf.

176. In seiner rhythmischen Organisation hat der Mensch die fortdauernde Verbindung der beiden Seiten göttlichgeistiger Impulse. Im Erleben des Rhythmus wird die Gedächtniskraft in das Willenssein und die Gewissensmacht in das Ideensein getragen.


Teil 4 -->

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