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Anthroposophie / Grundlagen / Vorträge / 1903 | Der theosophische Gottesbegriff | GA 52

Das Wesen der Gottheit vom theosophischen Standpunkt

Öffentlicher Vortrag Rudolf Steiners, Berlin, 7. November 1903

Das Wissen von dem Urquell aller Dinge ist etwas, wovon der Theosoph nicht so ohne weiteres zu sprechen sich erkühnt. Die Theosophie soll ja der Weg sein, der uns dahin führt, endlich diesen Begriff mit unserem Denkvermögen fassen zu können; sie soll uns den Weg zeigen, der uns dahin führt, Klarheit, soweit sie zu gewinnen ist, über diese Vorstellung zu gewinnen. Dieser Weg ist lang und führt über manche Stationen, und jede einzelne Station will nicht bloß passiert sein, sondern auf jeder müssen wir stehen und lernen.

Aber nicht nur der Ausgangspunkt, sondern auch der Schlussstein ist wichtig. Wenn wir uns das vorhalten, so müssen wir vor allen Dingen ein wenig auf die Natur des theosophischen Lebens eingehen, um zu sehen, wie die Theosophie zu dem Gottesbegriff steht. Die Theosophie ist, so wie sie seit dem Jahre 1875 in der von Frau Blavatsky gegründeten Gesellschaft angestrebt wird, etwas anderes, als was man abendländische Wissenschaft nennt, etwas anderes, als was unsere abendländische Kultur und ihre Gelehrsamkeit im äußeren Leben anstrebt. Die Art und Weise, wie das abendländische Wissen beschaffen ist, unterscheidet sich gründlich von dem, was theosophische Weisheit ist. Theosophische Weisheit ist uralt, so alt wie das Menschengeschlecht, und derjenige, welcher sich in den Entwickelungsgang des Menschen vertieft, der wird immer mehr über den Ausgangspunkt des Menschen zu erfahren wünschen als das, was unsere Kulturgeschichte der letzten Jahrzehnte so leichthin geglaubt hat, dass die Menschen ausgegangen seien von Unkultur und Nichtwissen. Sehen wir zu, wie es wirklich ist, wenn wir uns in das Leben der Urzeiten vertiefen. Da sehen wir, dass die menschliche Geistesentwickelung ausgegangen ist von einer hohen geistigen Kraft des Schauens, dass im Anfange der Menschheitsentwickelung allüberall wirkliche Gottesweisheit vorhanden war. Wer die Urreligionen studiert, empfängt das Licht dieser Weisheit. Unsere Zeit, gemäß dem Sinne unseres Lebens, gibt nun dem Theosophen eine Erneuerung dieses Geisteslebens, das die ganze Menschheit durchströmt.

Unser abendländisches Geistesleben beruht zunächst auf unserem Verstande. Es beruht auf der einseitigen Denkkraft. Gehen Sie unsere ganze Kultur im Abendlande durch, so stoßen Sie auf unsere großen Entdeckungen und Erfindungen, auf unsere Wissenschaften und auf das, was sie zur Aufklärung der Welträtsel getan haben. Sie stoßen auf Denken, verständiges Denken, auf Beobachtung mit den Sinnen und so weiter. Auf diese Weise breitet der abendländische Verstand sein Wissen nach allen Seiten aus. Er untersucht mit Instrumenten, mit dem Teleskop den Himmelsraum und dringt mit dem Mikroskop in die kleinste Körperwelt ein. Das alles verbindet er mit dem Verstande. Dadurch verbreitet sich unser abendländisches Wissen nach allen Seiten. Wir wissen immer mehr und mehr von dem, was uns umgibt, aber wir erreichen niemals eine Vertiefung unseres Wissens, nämlich ein Vordringen zum eigentlichen Wesen der Dinge. Deshalb darf es uns nicht wundern, wenn die abendländische Wissenschaft nicht zurechtkommt mit dem Gottesbegriff. Wir müssen zum Quell des Daseins, zu dem geistigen Wesen vordringen. Sie können nicht kombiniert und nicht durch die Sinne wahrgenommen werden; sie müssen auf andere Weise wahrgenommen werden.

Diejenigen, welche wissen, dass es einen anderen Weg gibt als den, den unser Abendland geht, suchen die Weisheit auf ganz andere Weise zu erlangen. Gehen Sie zurück auf die ägyptische Priesterweisheit, zurück auf die griechischen Mysterien, zurück nach Indien, gehen Sie zurück auf alle diese Religionen und Weltanschauungen und Sie werden finden, dass diejenigen, welche nach Weisheit suchten, dies auf ganz anderem Wege taten als die europäische Gelehrsamkeit. Selbsterziehung, Selbstentwickelung war es, was vor allen Dingen gesucht wurde von den Weisheitsschülern. Selbsterziehung durch ehrliches Ringen der menschlichen Seele suchten sie, und durch sie suchten sie die höhere Weisheit zu erringen. Von vornherein waren sie überzeugt, dass der Mensch, so wie er in die Welt hineingeboren ist, bestimmt ist zum Aufstieg, zur Höherentwickelung. Sie waren überzeugt davon, dass der Mensch nicht fertig ist, dass er den höchsten Grad von Vollkommenheit nicht unmittelbar in einem einzigen Leben erreichen kann, dass eine Entwickelung des Menschen und seiner Seelenfähigkeiten stattfinden muß, ähnlich wie bei der Pflanze, bei der die Wurzel bleibt, wenn auch Blatt und Blüte verdorren. So ähnlich ist es, wenn wir die Selbsterziehung richtig in die Hand nehmen, die im Erdenleben Blüte und Frucht hervorbringt, wenn gehörig darin gearbeitet wird. So strebte der Weisheitsschüler. Er suchte sich einen Führer. Dieser gab ihm Anhaltspunkte, wie er durch ein entsprechendes Leben seine astralischen Organe entwickeln konnte. Dann entwickelte er sich stufenweise nach aufwärts. Seine Seele wurde immer weiter- und weiterschauend, immer empfindender und empfindender für die Urquellen des Daseins. Auf jeder neuen Stufe gewann er neue Einsichten. Mit jeder Stufe näherte er sich dem Wesen, dessen Begriff wir heute zu besprechen haben. Er sah, dass er mit dem Verstande nicht den Gott erfassen kann. So suchte er vor allen Dingen, sich selbst zu erheben. Er war überzeugt, dass in der ganzen Natur und auch in der menschlichen Seele das Gotteswesen zu finden ist. Dieses Gotteswesen ist niemals ein fertig Abgeschlossenes; es ist als Entwicklung in allem Lebenden, in allen Dingen. Wir selbst sind dieses Gotteswesen. Wir sind nicht das Ganze, aber wir sind ein Tröpfchen von derselben Qualität, von derselben Essenz. Tief unter uns in verborgenen Abgründen und Untergründen, die nicht an der Oberfläche des Tages liegen, liegt unser eigentliches göttliches Wesen. Wir müssen es suchen und es heraufholen. Dann holen wir auch etwas herauf, was über unserem gewöhnlichen Dasein steht, dann holen wir auch das in uns herauf, was göttlich in uns ist. Jeder von uns ist gleichsam ein Strahl der Gottheit oder, sagen wir, ein Spiegelbild der Gottheit. Wenn wir uns die Gottheit als Sonne vorstellen würden, so ist jeder von uns wie ein Spiegelbild der Sonne im Wassertropfen. Wie der Wassertropfen die Sonne ganz und gar abspiegelt, so ist jeder Mensch ein wahres, echtes Spiegelbild des göttlichen Wesens. Das Gotteswesen ruht in uns, nur wissen wir nichts davon; wir müssen es aus uns selbst herausholen. Wir müssen uns ihm erst nähern.Goethe sagt: Er könne nicht verstehen, wie einer unmittelbar zur Gottheit vordringen wolle. - Wir müssen uns immer mehr und mehr ihr nähern. Selbstentwickelung führt uns nach und nach zum Begreifen des Lebensgrundes.

Wenn wir uns auf diese Weise entwickeln, dann treiben wir nichts anderes als theosophisches Leben. Alles dasjenige, was die Geisteswissenschaft lehrt und zu leben empfiehlt, all die großen Gesetze, die sie uns klarmacht und die ihre Schüler, die wirklich mitarbeiten wollen, in sich zur lebendigen Wahrheit machen, die Lehren von Wiederverkörperung und von Karma, dem Schicksalsgesetz, von den Zwischenwesen, von dem Urgrunde und Allwesen, das das ganze Universum beherrscht, das ist innere Welt, die wir die astrale und die gedankliche, die Budhiwelt und die Atmawelt nennen. Von all jenen Welten erfahren wir etwas, und das, was wir von jenen Welten erfahren, sind Stufen zur Weisheit, die uns zum Höchsten hinführen. Wenn wir diese Stufen zu erklimmen suchen, dann ist dies ein weiter Weg. Nur diejenigen, welche auf dem höchsten Gipfel menschlicher Entwickelung angelangt sind, werden einmal sehen können, dass sie vielleicht eine Ahnung haben von dem Umfange jenes Begriffes, den wir heute andeutungsweise besprechen wollen.

Daher die Scheu, mit welcher die Theosophie über den Gottesbegriff spricht. Der Theosoph spricht über diese Begriffe ungefähr in derselben Gesinnung, in der ein Hindu von Brahma spricht. Wenn Sie ihn fragen: Was ist Brahma? – dann nennt er Ihnen vielleicht: Mahadeva, Wishnu und Brahma. Brahma ist eine der göttlichen Wesenheiten oder vielmehr ein Ausdruck der göttlichen Wesenheit. Aber hinter alledem ruht für den Hindu noch etwas anderes. Hinter all den Wesen, denen er die Urtat der Welt zuschreibt, ruht etwas, was er bezeichnet als Brahma oder als Brahman. Brahman ist sächlich. Und fragen Sie ihn, was hinter den Wesenheiten ist, von denen er spricht, so sagt er nichts darüber. Er sagt nichts darüber, denn über dieses kann man nicht mehr sprechen. Alles, was der Mensch sagen kann nach dieser Richtung, sind Fingerzeige, Fingerzeige in jene Perspektive hinein, an deren Endpunkt die göttliche Wesenheit für uns ist. – Dahin führt auch dasjenige, was wir den Wahlspruch unserer Theosophischen Gesellschaft nennen. Sie kennen ihn vielleicht, diesen Wahlspruch. Er drückt nichts anderes aus als das, was ich jetzt mit einigen Worten anzudeuten versuchte. Gewöhnlich wird dieser Wahlspruch übersetzt mit den Worten: Keine Religion ist höher als die Wahrheit. – Wir wollen einmal sehen, inwiefern das ganze theosophische Streben dahin geht. – Was wissen wir über das menschliche Streben? Menschliches Wissen muss immer darauf ausgehen, in den verschiedenen Philosophien und Weltanschauungen in die Geheimnisse des Daseins zu dringen und die Urquellen des Lebens zu finden.

Sehen wir uns die verschiedenen Religionen einmal an. Scheinbar widersprechen sie einander; sie widersprechen sich aber nur, wenn man sie oberflächlich betrachtet. Wenn wir sie tiefer betrachten, so hängen sie zusammen. Sie haben zwar nicht den gleichen Inhalt. Nicht den gleichen Inhalt haben: Christentum, Hinduismus, Brahmanismus, Zarathustrismus, und nicht den gleichen Inhalt hat die heutige Naturwissenschaft. Und dennoch – alle diese verschiedenen Weltanschauungen stellen nichts anderes dar als Versuche des menschlichen Geistes, sich dem Urgrund des Daseins zu nähern. Auf verschiedenen Wegen kann man zum Gipfel eines Berges hinkommen. Von verschiedenen Standpunkten aus sieht eine Gegend verschieden aus, und so nimmt sich auch die Urwahrheit von verschiedenen Standpunkten gesehen verschieden aus. Wir alle sind voneinander verschieden. Der eine hat diesen, der andere hat jenen Charakter, diese oder jene geistige Entwickelung. Wir alle gehören aber auch einer Rasse, einem Stamme, einem Zeitalter an. So war es immer. Aber dadurch, dass wir einem Stamme, einer Rasse, einem Zeitalter angehören und einen Charakter haben, dadurch haben wir bei den Menschen eine Summe von verschiedenen Empfindungen und Gefühlen. Die bilden die verschiedenen Sprachen, in denen sich die Menschen Fragen vorlegen und sich über die Rätselfragen des Lebens verständigen. Der Grieche konnte sich nicht dieselben Vorstellungen machen wie der moderne Mensch, weil der Blick, mit dem er die Welt sah, ein ganz anderer war. So sieht der Theosoph überall verschiedene Aspekte, verschiedene Arten der Weisheit. Suchen wir den Grund dafür, dann sehen wir, dass wir eine verborgene, aber sich immer und immer wieder offenbarende Urweisheit in uns haben, die identisch ist mit der göttlichen Weisheit.

Was haben die Menschen sich also gebildet im Laufe der Zeiten, und was werden sie sich immer bilden? Meinungen werden sie sich bilden. Meinungen sind es, mit denen wir es zu tun haben. Die eine Meinung ist anders als die andere; die eine steht höher als die andere. Und wir haben die Verpflichtung, zu immer höheren und höheren Meinungen aufzusteigen. Aber wir müssen uns klar sein, dass wir über das Meer der Meinungen hinauskommen müssen. Die Wahrheit selbst ist in den Meinungen zur Zeit noch verborgen, sie ist noch verhüllt, sie zeigt sich noch in verschiedenen Formen und Aspekten. Wir können aber durchaus diese Meinungen in uns haben, wenn wir nur zu den Meinungen und Wahrheiten selbst den richtigen Standpunkt, den richtigen Gesichtspunkt einnehmen. Niemals dürfen wir uns zu glauben vermessen, die Wahrheit – die Goethe mit dem Göttlichen identisch nennt – mit unseren beschränkten Fähigkeiten erfassen zu können. Niemals dürfen wir uns vermessen zu glauben, dass ein Gedankenabschluss möglich sei. Sind wir uns aber dessen bewusst, dann fühlen wir etwas, das darüber hinausgeht, dann haben wir etwas von dem, was die Theosophie im höheren Sinne des Wortes weisheitsvolle Bescheidenheit nennt.

Der Theosoph geht mit seinen Empfindungen und seinem Denken aus sich heraus. Er sagt sich: Ich muss Meinungen haben, denn ich bin bloß ein Mensch, und es ist meine geistige Verpflichtung, mir Gedanken und Begriffe von den Rätselfragen des Daseins zu bilden; aber ich habe etwas in mir, was nicht in einen begrenzten Begriff gebracht werden kann; ich habe etwas in mir, was mehr ist als Denken, was hinausgeht über das Denken: das ist das Leben. Und dieses Leben ist das göttliche Leben, das alle Dinge durchströmt, das auch mich durchströmt. – Es ist dasjenige, das uns weiterträgt, dasjenige, das wir niemals umfassen können. Wir werden es nie umfassen können. Wenn wir aber zugestehen, dass wir in den fernsten Zeiten Höheres und Höheres erreicht haben werden, als wir jetzt haben, dann müssen wir auch zugestehen, dass wir in den fernsten Zeiten noch andere Meinungen haben werden, die höher sind als die, welche wir jetzt haben. Aber Sie können nicht das lebendige Leben, das in uns ist, anders haben. Das können Sie nicht anders haben; denn dieses Leben ist das göttliche Leben selbst, das hinführt zu den höheren Gedanken, die uns noch kommen, die wir einstmals auch haben werden. Haben wir diese Empfindung gegenüber unseren Begriffen, und haben wir sie vor allen Dingen den Begriffen des göttlichen Wesens gegenüber, dann sagen wir uns: Das Wahre ist mit dem Göttlichen identisch; das Göttliche lebt in meinen Adern. Es lebt in allen Dingen und es lebt auch in mir. – Und wenn wir diesen Gedanken in uns denken, so ist er göttlich, aber er ist nicht Gott selbst und kann die Gottheit nicht umspannen. Da müssen wir uns sagen: über jede menschliche Meinung hinaus, über jede Zeit- und Volksmeinung hinaus geht die Urwahrheit, die sich in Ihnen allen offenbart, die wir empfinden müssen und die wir aufstrebend suchen müssen. Aber keine menschliche Meinung steht uns höher als diese lebendige Empfindung für die unergründliche Weisheit und Göttlichkeit, die sich in dem ausdrückt, was ich jetzt aussprach. Seien wir überzeugt, dass wir in der Gottheit begriffen sind, dass Gott in uns wirkt, wenn wir lebendige Wesen sind. Das ist der Sinn des theosophischen Wahlspruches: Keine menschliche Meinung steht höher als die lebendige Empfindung der sich immer wandelnden und in ihrer Ganzheit niemals darstellenden göttlichen Weisheit. – Dann dürfen wir uns auch nicht wundern, wenn wir die Sache so ansehen, dass der Goethe-Ausspruch richtig ist:

Wie einer ist, so ist sein Gott;
Darum ward Gott so oft zu Spott,

Gewiss, wir Menschen können uns keinen anderen Begriff von dem göttlichen Wesen machen als einen solchen, der unseren jeweiligen Fähigkeiten angepasst ist. Aber sehen wir uns die Sache so an, wie wir sie eben angesehen haben, so müssen wir sagen: Wir haben aber auch ein Recht, uns einen entsprechenden Begriff von dem Göttlichen zu machen. Nur eins ist nötig, und das ist: den guten Willen haben, nicht dabei stehenzubleiben. Zu glauben, dass wir die Urweisheit erreicht haben, das wäre vermessen. Vermessen ist es auch von der Wissenschaft, wenn sie jetzt den Gottesbegriff erklärt zu haben glaubt. In dieser Beziehung steht unsere gegenwärtige Zeitkultur tatsächlich wieder einmal auf einem jener Tiefpunkte, auf dem die Menschheit manchmal steht. Unsere Zeitkultur ist gegenüber dem Gottesbegriff, wie Sie wissen, etwas vermessen. Und gerade diejenigen, welche eine neue Bibel, eine sogenannte natürliche Schöpfungsgeschichte haben wollen, gerade die sind oftmals in einem vermessenen Sinn befunden worden, der sie nicht weiterkommen lässt. Es gibt eine Schrift von David Friedrich Strauß mit dem Titel «Alter und neuer Glaube», welche 1872 erschienen ist und direkt auftritt mit der Meinung, dass sie eine neue Bibel sei gegenüber der alten Bibel,  dass das, was aus der Naturwissenschaft heraus kommt, wahr sei. Denn das, was die Bibel erzählt, erschüttere sie so, dass diese Begriffe fortgeworfen werden müssen.

Glauben Sie mir, dass es die Besten sind, die heute in einem solchen Wahn befangen sind, dass die Besten es sind, die in gutem Glauben meinen, dass wir aus der Verbreitung des menschlichen Wissens, dass wir aus dem, was uns als Stoff und Kraft entgegentritt, zum Urwesen des Daseins kommen. Was ist dieser materialistische Gottesglaube, der uns da entgegentritt? Es sind oft hervorragende Persönlichkeiten, die dahin gekommen sind, zu sagen: Die Materie ist unser Gott. – Diese durcheinanderwirbelnden Atome, die sich gegenseitig anziehen und abstoßen, sie sollen dasjenige bewirken, was unsere eigene Seele ausmacht. Was ist der materialistische Gottesglaube? Es ist Atheismus! Dieser lässt sich vergleichen mit einer Religionsstufe, die sonst auch in der Welt vorhanden ist, die wir aber nur dann richtig auffinden können, wenn wir die charakteristischen Begriffe aus dem materialistischen neuen Glauben haben. Toter Stoff und tote Kraft ist es, was der Materialist anbietet und anbetet. Sehen wir zurück in die Zeiten des alten Griechentums, und nehmen wir nicht die tiefen Mysterienreligionen, sondern die Volksreligion der Griechen. Ihre Götter waren menschlich, waren idealisierte Menschen. Gehen wir zurück auf andere Stufen des Daseins, so finden wir da, dass die Menschen Tiere angebetet haben, dass ihnen Pflanzen Sinnbilder des Göttlichen waren. Aber alles dieses waren Wesen, welche Leben in sich hatten. Das waren höhere Stufen als das, was die ganz Wilden hatten, die einem Steinklotz entgegentraten und ihn als belebt anbeteten. Der Steinklotz unterscheidet sich in nichts von dem, was Kraft und Stoff ist. So unglaublich es klingt, die Materialisten stehen auf der Stufe solcher Fetischanbeter. Sie sagen freilich, sie beten aber Kraft und Stoff gar nicht an. Wenn sie das sagen, dann entgegnen wir ihnen: Sie haben keinen richtigen Begriff davon, was der Fetischanbeter seinem Fetisch gegenüber empfindet. Die Fetischanbeter vermögen noch nicht, sich zu einer höheren Gottesvorstellung emporzuschwingen. Ihre Kultur ermöglicht es ihnen nicht. Es ist für sie eine berechtigte Meinung, ein Bild, das sie sich selbst machen, anzubeten. Dieser Meinung sind ja heute nicht nur die Wilden, sondern auch die Materialisten. Wer aber heute wissenschaftlicher Fetischanbeter ist, sich selbst das Bild von Stoff und Kraft macht und es anbetet, der verschuldet etwas. Er könnte kraft der von uns erreichten Kulturstufe einsehen, wenn er nur wollte, auf welch niedriger Stufe er stehengeblieben ist.

Wenn wir heute umgeben sind von dieser geradezu lähmenden Gottesvorstellung, so sagen wir uns: Das ist ein Grund, von der Gottesvorstellung zu sprechen. – Daher darf ich vielleicht auf ein Buch hinweisen. Man sagt, es ist ein großes Verdienst Feuerbachs, des Philosophen, dass er einen sogenannten «phantastischen» Gott vertreten hat. Feuerbach hat nämlich im Jahre 1841 ein Buch erscheinen lassen und darin den Standpunkt vertreten, dass wir den Satz: Gott hat den Menschen erschaffen nach seinem Bilde – umdrehen und sagen müssen: Die Menschen haben sich den Gott nach ihrem Ebenbild geschaffen. – Wir müssen uns klar sein darüber, dass des Menschen Wünsche und Bedürfnisse so sind, dass er gern etwas über sich sieht. So schafft dann seine Phantasie sich ein Ebenbild von sich selbst. Die Götter werden Ebenbilder des Menschen. – Damit soll Feuerbach eine hohe, erhabene Weisheit ausgesprochen haben. Gehen wir aber zurück in die Zeiten des alten Griechentums, zurück zum Ägyptertum und so weiter, immer und immer wieder haben die Menschen die Götter vorgestellt so, wie sie selbst waren. So konnten sie sich auch Stier-und Löwenvorstellungen von Göttern bilden, waren die Menschen in ihren Seelen stierähnlich, dann wurden die Stiere ihre Götter, sie wurden stierähnlich; waren sie löwenähnlich, dann wurden die Löwen und löwenähnliche Bilder ihre Götter. Das ist also keine neue Weisheit. Es ist eine Weisheit, die in unserer Zeit sich nur wieder breitmacht.

Aber ist es denn nicht wahr, dass tatsächlich der Mensch sich seine Götter erschafft? Ist es nicht wahr, dass unsere Meinungen über die Götter aus unserer eigenen Brust entspringen? Ist es nicht wahr, dass wenn wir uns umsehen in der Welt, wir das Göttliche ja nicht mit den Augen, nicht mit den Sinnen um uns sehen? Derjenige, der mit den Sinnen schauen und mit dem Verstand begreifen will, der wird so sprechen wie etwa Du Bois-Reymond, der große Physiologe: Ich würde an einen Weltenlenker glauben, wenn ich ihn nachweisen könnte; wenn ich ihn nachweisen könnte wie das menschliche Gehirn. Dann müsste ich aber, so wie ich im menschlichen Körper Nervenstränge nachweisen kann, auch draußen in der Welt solche nachweisen können. – In der Außenwelt, so wie Du Bois-Reymond und die neueren es wollen, können wir die Gottheit nicht finden. Diese ihre Meinungen sind schon aus der eigenen Brust geschaffen, wie Feuerbach sagt.

Aber ebenso kann man sagen: Was spricht denn in der menschlichen Seele, wenn diese menschliche Seele sich Meinungen, Gedanken macht? – Wir wissen es, dass wir selbst ein Teil dieser göttlichen Wesenheit sind, wir wissen, dass Gott in uns lebt. Wir wissen, dass wir Menschen von allen Dingen, welche uns in dieser physischen Welt umgeben, sozusagen das Endglied sind, das edelste und vollkommenste Wesen innerhalb dieser Welt. Müssen wir da nicht sagen, dass der Mensch, insofern er sich physisch ausgestaltet, sich nach Gott als dem vollkommensten Wesen ausgestaltet? Wer wird Goethe nicht recht geben, wenn er seiner Meinung mit den schönen Worten Ausdruck gibt: «Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt: dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern.»

Der Mensch bildet sich Gedanken; aus der Menschenbrust heraus quellen die Gedanken. Aber was spricht aus der Menschenbrust? Aus ihr spricht Gott selbst – ist der Mensch nur geneigt, diese seine innere Stimme selbstlos zu hören, sie nicht durch seine Interessen und Neigungen des Alltags übertönen zu lassen. Das ist es: zwar ist es Menschenstimme, aber in der Menschenstimme ist Gottes Stimme. Daher ist es nicht zu verwundern, wenn wir in der Menschenstimme verschiedene Aspekte, verschiedene Anschauungen über die urgöttliche Weisheit haben. Eine höhere, eine geistige Bescheidenheit ist dasjenige, was den Theosophen durchdringen muss, wenn er sich diesen Gottesbegriff aneignen will. Vor allen Dingen muss er sich klar sein, dass das Leben ein ewiges Lernen ist, dass er niemals mit einer Meinung abschließt; dass alles in Entwickelung ist. Auch die menschliche Seele ist in Entwickelung. Dann ergibt sich von selbst, dass es tieferstehende und höherstehende Seelen gibt. Dann gibt es auch Seelen, welche noch nicht weit vorgeschritten sind in ihrer Gottesvorstellung, und dann wieder gibt es Seelen, welche längst hinausgeschritten sind über das Gewöhnliche und mit hohen Weltbegriffen auch erhabene Gottesbegriffe sich angeeignet haben.

Es ist europäisches und amerikanisches Wissen, das sich weise und erhaben dünkt, so weise und erhaben, dass darüber nichts hinausgeht. Jeder glaubt, dass er die Summe aller Weisheit hat. Ganz anders ist derjenige, der an orientalischer und derjenige, der an theosophischer Weisheit hängt. Er sagt sich: Was du erreicht hast, das kannst du jeden Tag überholen, wenn du den Weg weitergehst. Alles, was du erreicht hast, ist dein inneres Gut. Aber du darfst nicht ruhen, du musst weitergehen und hören auf die Stimme in der Natur und in deiner eigenen Brust.

Nichts ist so verderblich für die abendländische Geistkultur als unsere überhandnehmende Kritik. Denn sie ist niemals unter dem Gesichtspunkte gefasst, dass man sich weiterentwickeln muss, dass man nie ein abgeschlossenes Urteil haben darf über eine Sache. Der Theosoph wird dies niemals haben. Er wird mit Kühnheit und mit Mut sich sagen, was er als wahr erkannt hat: Ich rufe bei allen, die mich hören wollen, dieselbe Empfindung hervor, dass ich mich sehne und immer wieder sehne nach höheren Stufen und höheren Gipfeln des Daseins und der Weisheit. – So wird sich der Theosoph sagen. Niemals werden wir da ankommen, wo das Ende der Seelenentwickelung ist; niemals werden wir eine abgeschlossene Welt haben. Wir werden den Weg suchen, der uns führt zu Erkenntnissen über unsere Sinne hinaus zu den höheren Welten, der uns vor allen Dingen aber eine richtige Empfindung gibt. Wäre jeder von uns ein noch so hoch entwickeltes Wesen, wir müssen immer tiefer in die Welt hineinschauen, tiefer erkennen die Quellen des Lebens, als wir es heute können, wenn wir innerhalb des abendländischen Lebens und Empfindens stehen. Wir sollen uns als höherstehende menschliche Wesenheiten verhalten. Deshalb ist es aber auch so schwer, dem zu entsprechen, was uns von hochentwickelten Wesenheiten eingeströmt wird an Weisheiten, eingeströmt wird von Wesen, welche auf der Entwickelungsleiter der Menschen schon einen höheren Grad erreicht haben als der gewöhnliche Mensch. Das sind Wesenheiten, die viel zu sagen haben. Wir müssen eine Empfindung haben dafür, wo Erhabenheit ist; dann werden wir lernen, hinzuhören und hinzuhorchen.

In dieser Gesinnung will die Theosophie eine geistige Strömung aufbauen, um dadurch einen Kern der Menschheit heranzuziehen, welcher wieder ehrlich und wahrhaft glaubt, dass die menschliche Seele ein Entwickelungsprodukt ist. Hätte vor Jahrmillionen der Wurm, der damals lebte, gesagt, ich bin auf dem höchsten Gipfel des Daseins angekommen, dann hätte sich der Wurm nicht zum Fisch, der Fisch nicht zum Säugetier, nicht zum Affen und nicht zum Menschen entwickeln können. Unbewusst haben sie daran geglaubt, dass sie darüber hinauswachsen, dass sie zu immer höheren und höheren Höhen heranwachsen müssen. Sie haben an etwas sie über ihre Wesenheit Hinaufführendes geglaubt, und das ist das, was die Kraft ihres Werdens ist. Wir Menschen können eigentlich nicht gegen die Natur empfinden. Wir sollten mit der Natur empfinden. Dasjenige, was die Natur unbewusst als die Kraft des Werdens in sich hat, was wir immer mehr und mehr uns bewusst machen sollen, dieses Bewusstsein soll die Kraft unserer Entwickelung sein. Darüber müssen wir uns klar sein, dass wir über uns hinaus uns entwickeln müssen. Genau ebenso wie draußen in der Welt der tierischen Lebewesen das unvollkommene Säugetier neben dem vollkommenen lebt, wie das eine gleichsam zurückgeblieben ist auf einer niederen Stufe, das andere schon früher eine höhere Stufe erreicht hat und doch neben dem niedrigen lebt, genau ebenso ist es mit den Menschen. In der Menschheit leben die verschiedenen Menschen auf verschiedenen Entwicklungsstufen nebeneinander.

Wir müssen zugeben, dass unser Gottesbegriff ein kleinlicher ist gegenüber demjenigen, den ein erhabenes Wesen hat. Wir müssen auch zugeben, dass unser heutiger Gottesbegriff ein kleinlicher sein wird gegenüber demjenigen, welchen sich die Menschheit in Jahrmillionen machen wird, wenn sie sich weiterentwickelt haben wird. Deshalb müssen wir den Gottesbegriff in eine unendliche Perspektive rücken, ihn als ein lebendiges Leben in uns tragen. Dass wir uns dem nähern, dass wir uns dahin bemühen müssen, das unterscheidet den theosophischen Gottesbegriff von allen anderen. Keinen von diesen Begriffen leugnen wir. Wir sind uns klar darüber, dass sie alle berechtigt sind, je nach den menschlichen Fähigkeiten. Aber wir sind uns auch klar darüber, dass keiner erschöpfend ist. Wir sind uns klar darüber, dass wir uns nicht anschließen können denjenigen, welche Unfrieden stiften zwischen den verschiedenen Meinungen. Nebeneinander, nicht gegeneinander, haben die verschiedenen religiösen Richtungen zu sein.

Und nun kommen wir dazu zu sagen, was wir den Gottesbegriff nennen. Es ist kein Pantheismus, kein pantheistischer Begriff, kein anthropomorphischer Begriff, kein umrissener Begriff. Wir beten nicht diesen oder jenen Gott an, wir beten hinter Brahma Brahman an, das der Hindu verehrt, der noch eine Empfindung von den Dingen hat, denen gegenüber er nur Schweigen kennt. Wir sind uns klar darüber, dass wir dieses Gotteswesen erleben können im Leben. Wir können es uns nicht vorstellen, aber es lebt in uns als das Leben. Das ist nicht Gotteserkenntnis, nicht Gotteswissenschaft; die Theosophie ist auch nicht Theologie. Die Theosophie will den Weg finden; sie ist das Suchen nach Gott.

Ein deutscher Philosoph hat nur kurze, aber treffende Worte gesagt gegenüber dieser Sache. Schelling hat gesagt: Kann man denn das Dasein des Daseins beweisen? — Die verschiedenen Beweise für das Dasein Gottes können keine Führer zu Gott sein, sie bringen uns höchstens zu einem Vorstellen der Gottheit. Ein wirklicher Beweis ist nur da notwendig, wo ein Ding durch unseren Begriff erst erreicht werden muss. Gott lebt in unseren Taten, in unseren Worten. Es kann sich also nicht darum handeln, das Dasein Gottes zu beweisen, sondern nur darum, Meinungen von demselben zu gewinnen und sich zu bemühen, dass sie immer vollkommener werden. Das ist es, worum es sich handelt und wobei mitzuwirken sich die «Theosophische Gesellschaft» zum Ziel gesetzt hat.

Diejenigen, welche heute auf dem theologischen Standpunkte stehen, haben keine Empfindung, keine Ahnung davon, was es in den verflossenen Zeiten an richtunggebenden Empfindungen in dieser Beziehung gegeben hat. Ich möchte Sie an einen tonangebenden Geist des 15. Jahrhunderts erinnern, welcher schon damals eigentlich Theosoph war, Theosoph ganz in unserem Sinne. Er war katholischer Kardinal. Erinnern möchte ich an den feinsinnigen Theosophen Nikolaus Cusanus, weil er für uns heutige Theosophen ein Vorbild sein kann. Er hat es ausgesprochen, dass in allen Religionen ein Kern liegt, dass sie verschiedene Aspekte einer Urreligion sind, dass sie sich versöhnen sollen, dass sie vertieft werden sollen. Wahrheit soll man in ihnen suchen, nicht aber sich anmaßen, gleich die Urwahrheit selbst greifen zu können.

Den Gottesbegriff sucht sich Cusanus in einer tiefsinnigen Weise klarzumachen. Wenn Sie diese Anschauung des Cusanus verstehen, bekommen Sie einen Begriff davon, dass das Christentum auch innerhalb des Mittelalters bedeutende, tiefe Geister gehabt hat, Geister von einer Art, dass man sich von ihnen heute mit unseren Vorstellungen gar keinen Begriff machen kann. So sagt Cusanus – und auch noch manche andere Vorgänger vor ihm: Wir haben unsere Begriffe, unsere Gedanken. Woher sind alle unsere menschlichen Vorstellungen? Von dem, was uns umgibt, was wir erfahren haben. Was wir erfahren haben, ist aber doch nur eine kleine Ausgestaltung des Unendlichen. Und gehen wir zum Höchsten, nehmen wir den Begriff des Seins selbst. Ist das nicht auch ein menschlicher Begriff? Woher haben wir den Begriff des Seins? Wir leben in der Welt. Sie macht einen Eindruck auf unsere Tastorgane, auf unsere Augen. Und von dem, was wir sehen, hören, sagen wir: es ist. Wir legen dem das Sein bei. Im Grunde genommen bedeutet «ein Ding ist» soviel wie: ich habe es gesehen. – Sein hat dieselbe Wurzel wie «sehen». Wenn wir sagen, Gott ist, legen wir damit der Gotteswesenheit eine Vorstellung bei, die wir nur aus unserer Erfahrung gewonnen haben. Wir sagen damit nichts anderes als, Gott hat eine Eigenschaft, die wir an verschiedenen Dingen wahrgenommen haben. Deshalb hat Cusanus ein Wort ausgesprochen, das tief bezeichnend ist. Er sagt: Gott kommt nicht das Sein, ihm kommt das Übersein zu. – Das ist nicht eine Vorstellung, die wir mit unseren Sinnen gewinnen können. Deshalb lebt auch in Cusanus’ Seele die Empfindung des Unendlichen. Es ist tief ergreifend, wie dieser Kardinal sagt: Ich habe in meinem ganzen Leben Theologie studiert, auch die Wissenschaften der Welt betrieben und – soweit sie zu erkennen sind mit dem Verstande – auch verstanden. Aber dann wurde ich in mir gewahr, und dadurch habe ich erfahren: in der menschlichen Seele lebt ein Selbst, das immer mehr von der menschlichen Seele aufgeweckt wird. – Solches lesen Sie bei Cusanus. Die Bedeutung dessen, was er sagt, geht weit hinaus über das, was wir heute denken und vorstellen.

So notwendig es ist, dass wir gegenüber alledem, was wir in der Welt erfahren, zu klaren und scharf umrissenen Begriffen kommen, so notwendig ist es auch, dass wir uns gegenüber der Gottesvorstellung in jedem Momente bewusst sind, dass unsere Empfindung hinausgehen muss über alles, was wir mit dem Verstande und mit den Sinnen wahrnehmen. Dann werden wir uns klar darüber sein, dass wir Gott nicht erkennen, sondern Gott suchen sollen. Dann werden wir immer mehr sehen, was der Weg der Gotteserkenntnis ist, und uns dann zu dieser hin entwickeln. Wenn Gott in uns nicht abgeschlossenes Leben, sondern lebendiges Leben selbst ist, dann werden wir warten, bis durch die von der Theosophie eingeschlagenen Wege höhere geistige Kräfte entwickelt sind. Gott herrscht nicht nur in dieser Welt, sondern auch in jenen Welten, die nur derjenige schauen kann, dessen seelisches Auge geöffnet ist für alle jene Welten, von denen die Theosophie spricht. Und sie spricht von sieben Stufen des menschlichen Bewusstseins. Sie weiß, dass menschliche Entwicklung heißt: Nicht auf der physischen Stufe des Bewusstseins stehenbleiben, sondern hinaufschreiten zu höheren und immer höheren Stufen.

Wer das tut, der erlebt zunächst nur einen untergeordneten Begriff davon. Dennoch dürfen wir niemals verzagen, sondern müssen uns klar sein darüber, dass wir die Berechtigung haben, uns Meinungen und immer höhere Meinungen von dem Gotteswesen zu machen, dass es aber Vermessenheit ist, zu glauben, dass jemals eine Meinung den Gegenstand erschöpfen wird. Wir müssen uns klar darüber sein, dass wir die richtigen Empfindungen und Gefühle in uns haben müssen, dann wird das Gefühl aus dem Schauen heraus wieder andächtig werden, dann werden wir wieder ehrfürchtig werden. Ehrfürchtig zu sein, haben wir nur durch die europäischen Gedanken verloren. Ehrfurcht und Andacht ist etwas, was es neu zu erwecken gilt. Was soll denn aber mehr unsere Ehrfurcht erwecken als dasjenige, was als göttliche Wesenheit, als Urquell des Daseins vorhanden ist! Lernen wir wieder Andacht entwickeln, dann wird unsere Seele von etwas ganz anderem durchwärmt und durchglüht werden, nämlich von dem, was als Lebensblut das Universum durchströmt. Das wird in uns ein Teil unseres Wesens.

Davon spricht auch Spinoza. Spinoza hat in seiner «Ethik» Begriffe von der Gottheit entwickelt, und er schließt seine «Ethik» mit einem Hymnus auf die Gottheit. Er schließt sie in diesem Sinne: Nur derjenige Mensch hat Freiheit erreicht, nur derjenige Mensch schafft sich auch ein tiefes Gefühl, ein Fühlen, das die Gottheit in ihn strömen lässt, dessen Erkenntnis sich verbindet in Liebe. Amor dei intellectualis – erkennende Liebe zu Gott –, das heißt: die in der Erkenntnis ruhende Liebe des Geistes zu Gott ist Gottes Liebe selbst. Das ist nicht ein Begriff, nicht eine begrenzte Vorstellung, sondern lebendiges Leben.

So ist unser Gottesbegriff nicht eine Gotteswissenschaft, sondern das Einmünden alles dessen, was wir als Wissenschaft erfahren können, die Verbindung alles dessen in einem lebendigen Gefühl, in dem Leben im Gefühl des Göttlichen. Nicht als «Gottes-Weisheit» sollte das Wort Theosophie übersetzt werden, sondern als «Göttliche Weisheit» oder noch besser: Das Suchen eines Weges nach Gott, das Suchen nach einer immer zunehmenden Vergöttlichung. «Weisheitsuche», das ist es.

Mehr oder weniger sind immer diejenigen, welche sich zu höheren Höhen des Daseins emporgerungen haben, auf diesem Boden gestanden. Unter anderen auch Goethe, der viel mehr Theosoph war, als man gewöhnlich ahnt, der vor allem der theosophische Dichter der Deutschen ist. Er kann erst ganz verstanden werden, wenn er mit der Leuchte der Theosophie erhellt wird. Unter vielen anderen Wahrheiten, die verborgen in Goethes Werken ruhen, ruht dort auch der Wahrspruch der Theosophie selbst. An hervorragender Stelle hat Goethe ausgesprochen: Keine Religion ist höher als die Wahrheit! — Davon war Goethe tief durchdrungen. So wie alles Dasein eine Gestalt hat, so sind auch unsere Gedanken gestaltet. Wie jedes gestaltete Wesen ein Gleichnis ist, so sind auch unsere Gottesvorstellungen ein Gleichnis des Gottes – aber niemals das Göttliche selbst. Auch dem Gottesbegriff gegenüber, der ein vergänglicher ist, auch dem Bilde dessen gegenüber, das ein Unvergängliches ist, gilt das Goethe-Wort:

Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.

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