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Die Lebensbedingungen des österreichischen Vielvölkerstaates. Karl Julius Schröer

Wie verhält es sich nun mit Karl Julius Schröer und Fercher von Steinwand, zwei weiteren angeblichen »Völkischen« und »Deutschnationalen«, von denen Steiner nach Bierl geprägt worden sei?

Wie Steiner zu Schröer stand und was er in ihm sah, geht aus dessen Schilderungen in seinem während des I. Weltkriegs verfassten Buch Vom Menschenrätsel und aus seiner Autobiographie Mein Lebensgang hervor.

»Begeisterung für die Ideale der Menschheit«, schreibt Steiner in seinem Buch Vom Menschenrätsel 1916, »trug Schröers Urteile; und es prägte sie lebendiges Sich-Fühlen in der Lebensanschauung, die in Goethes Zeitalter ihren Anfang nahm. Ein Geist sprach aus diesem Manne, der nur mitteilen wollte, was durch die Betrachtung des Geisteslebens tiefes Selbsterlebnis seiner Seele geworden war.«60

Er fährt fort: »Durch die Geistesart seines Vaters hatte auf Karl Julius Schröer die Sonne des deutschen Weltanschauungsidealismus schon voraus geleuchtet, als er Ende der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts [19. Jh.] an die Universitäten Leipzig, Halle und Berlin ging und da durch vieles, das auf ihn wirkte, hindurch die Vorstellungsart dieses Idealismus noch empfinden konnte. [...] Und wie er sein Deutschtum auffasste, das drückt Schröer in dieser Art aus: »Von diesem Standpunkte aus verschwanden natürlich die einseitigen Leidenschaften der Parteien vor meinem Blicke: man wird weder einen Protestanten, noch einen Katholiken, weder konservativen, noch subversiven Schwärmer hören und einen für deutsche Nationalität Begeisterten nur insofern, als durch dieselbe die Humanität gewann und das Menschengeschlecht verherrlicht wurde.« Und ich möchte diese vor bald siebzig Jahren niedergeschriebenen Worte auch nicht deshalb wiederholen, um auszusprechen, was für einen Deutschen in Österreich damals richtig war, oder gar, was gegenwärtig richtig ist. Ich möchte nur zeigen, wie ein Mensch beschaffen war, in dem sich das deutsch-österreichische Wesen auf eine besondere Art auslebte. Inwieweit dieses Wesen dem Österreicher die rechte Art des Strebens verleiht, darüber werden die Angehörigen der verschiedenen Parteien und Nationen in Österreich auch die verschiedensten Urteile fällen. Und zu alldem hinzu ist auch noch zu bedenken, dass Schröer sich so als noch junger Mann aussprach, der eben von deutschen Universitäten zurückgekommen war. Aber bedeutsam ist, dass in der Seele des jungen Mannes, nicht aus politischen Absichten, sondern aus rein geistigen Weltanschauungsgedanken heraus, das deutschösterreichische Bewusstsein ein Ideal für die Sendung Österreichs sich formte, das er mit diesen Worten ausdrückte: »Wenn wir den Vergleich Deutschlands mit dem antiken Griechenland und der deutschen mit den griechischen Stämmen verfolgen, so finden wir eine große Ähnlichkeit zwischen Österreich und Mazedonien. Wir sehen die schöne Aufgabe Österreichs in dem Beispiele vor uns: den Samen westlicher Kultur über den Osten hinauszustreuen.61 [...] Und im Grund schwebte ihm bei allen solchen Bestrebungen der Gedanke vor, die Lebensbedingungen Österreichs aus den geistigen Triebkräften seiner Völker kennenzulernen.62 [...] In seinen letzten Lebensjahren war Schröers Geistesarbeit fast ganz der Vertiefung in Goethes Lebenswerk und Vorstellungsart zugewandt63 [...] Die Wurzeln dieses Geisteslebens sah er in der Weltanschauung des deutschen Idealismus. Und sein Bekenntnis zu dieser Weltanschauung drückte er mit den Worten aus: »Das weltverjüngende Auftauchen des Idealismus in Deutschland, im Zeitalter der Frivolität vor hundert Jahren, ist die größte Erscheinung der neueren Geschichte. Der nur auf das Endliche gerichtete Verstand, der nicht in der Wesen Tiefe dringt; mit ihm die auf die Befriedigung der Sinnlichkeit gerichtete Selbstsucht, traten auf einmal zurück hinter dem Auftauchen eines Geistes, der über alles Gemeine erhebt.««64

In seiner Autobiographie beschäftigt sich Steiner am ausführlichsten im fünften Kapitel mit seiner Beziehung zu Schröer.65 Hier führt er aus: »Sein eigenes Schicksal hing eng zusammen mit dem der Deutschen Österreich-Ungarns. Er war der Sohn Tobias Gottfried Schröers, der in Preßburg ein deutsches Lyzeum leitete und Dramen, sowie geschichtliche und ästhetische Bücher schrieb. Die letzteren sind mit dem Namen Chr. Oeser erschienen und waren beliebte Unterrichtsbücher. Die Dichtungen Tobias Gottfried Schröers sind [...] nicht bekannt geworden. Die Gesinnung, die sie atmeten, stand der herrschenden politischen Strömung in Ungarn [gemeint sind die ungarischen Zentralisierungs- und Magyarisierungsbestrebungen] entgegen. Sie mussten ohne Verfassernamen zum Teil im deutschen Auslande erscheinen. Wäre die geistige Richtung des Verfassers in Ungarn bekannt geworden, so hätte dieser nicht nur der Entlassung aus dem Amte, sondern sogar einer harten Bestrafung gewärtig sein müssen.

Karl Julius Schröer erlebte so den Druck auf das Deutschtum schon in seiner Jugend im eigenen Hause. [...]

Er ging in den vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts nach Deutschland, um an den Universitäten von Leipzig, Halle und Berlin deutsche Sprach- und Literaturstudien zu treiben. Nach seiner Rückkehr war er zunächst am Lyzeum seines Vaters als Lehrer der deutschen Literatur und Leiter eines Seminars tätig. [...]

Das liebevolle Einleben in deutsches Volkstum nahm Schröers Seele immer mehr in Anspruch. Er machte Reisen, um die deutschen Mundarten in den verschiedensten Gebieten Österreichs zu studieren. Überall, wo deutsches Volkstum in den slawischen, magyarischen, italienischen Landesteilen der Donaumonarchie eingestreut war, wollte er dessen Eigenart kennen lernen. So entstanden seine Wörterbücher und Grammatiken der Zipser Mundart, die im Süden der Karpaten heimisch war, der Gottscheer Mundart, die bei einem kleinen deutschen Volksteil in Krain lebte, der Sprache der Heanzen, die im westlichen Ungarn gesprochen wurde.

Für Schröer waren diese Studien niemals eine bloß wissenschaftliche Aufgabe. Er lebte mit ganzer Seele in den Offenbarungen des Volkstums und wollte dessen Wesen durch Wort und Schrift zum Bewusstsein derjenigen Menschen bringen, die aus ihm durch das Leben herausgerissen sind. [...]

Wenn ich zu Besuchen in die kleine Bibliothek Schröers [in Wien] kam, die zugleich sein Arbeitszimmer war, fühlte ich mich in einer geistigen Atmosphäre, die meinem Seelenleben in starkem Maße wohltat. [...] Aus seinem begeisterten Herzen lebten in seiner mündlichen Darstellung die Weihnachtsspiele, der Geist der deutschen Mundarten, der Verlauf des literarischen Lebens auf. Das Verhältnis der Mundart zu der Bildungssprache wurde mir praktisch anschaulich. [...]

Ich hörte geistig mit der allergrößten Sympathie alles, was von Schröer kam. Dennoch konnte ich nicht anders, als auch ihm gegenüber, das, wonach ich geistig intim strebte, in der eigenen Seele ganz unabhängig aufbauen. [Kursiv L.R.] Schröer war Idealist; und die Ideenwelt als solche war für ihn das, was in Natur- und Menschenschöpfung als treibende Kraft wirkte. Mir war die Idee der Schatten einer volllebendigen Geisteswelt. Ich fand es damals sogar schwierig, für mich selbst den Unterschied zwischen Schröers und meiner Denkungsart in Worte zu bringen. – Er redete von Ideen als von den treibenden Mächten in der Geschichte. Er fühlte Leben in dem Dasein der Ideen. Für mich war das Leben des Geistes hinter den Ideen, und diese nur dessen Erscheinung in der Menschenseele. Ich konnte damals kein anderes Wort für meine Denkungsart finden als objektiven Idealismus. Ich wollte damit sagen, dass für mich das Wesentliche an der Idee nicht ist, dass sie im menschlichen Subjekt erscheint, sondern dass sie wie etwa die Farbe am Sinneswesen an dem geistigen Objekte erscheint, und dass die menschliche Seele – das Subjekt – sie da wahrnimmt, wie das Auge die Farbe an einem Lebewesen.

Meiner Anschauung kam aber Schröer in hohem Grade mit seiner Ausdrucksform entgegen, wenn wir das besprachen, was sich als Volksseele offenbart. [Kursiv L.R.] Er sprach von dieser als von einem wirklichen geistigen Wesen, das sich in der Gesamtheit der einzelnen Menschen, die zu einem Volke gehören, darlebt. Da nahmen seine Worte einen Charakter an, der nicht bloß auf die Bezeichnung einer abstrakt gehaltenen Idee ging. Und so betrachteten wir beide das Gefüge des alten Österreich und die in demselben wirksamen Individualitäten der Volksseelen. [Kursiv L.R.] – Von dieser Seite war es mir möglich, Gedanken über die öffentlichen Zustände zu fassen, die tiefer in mein Seelenleben eingriffen.«

Entgegen der Behauptung Bierls, Steiner habe das Konzept der Volksseele bzw. des Volksgeistes durch Schröer kennengelernt (B, 18) und dieses von ihm übernommen, muss davon ausgegangen werden, dass Steiner nicht nur einen Begriff des Volksgeistes besaß, sondern auch eine Wahrnehmung, »Anschauung« dieses Volksgeistes. Für Schröer, den Idealisten, wurde die Idee erst für das Wesenhafte, das sich in ihr ausspricht, durchlässig, als er von Volksseelen sprach, während für Steiner, der wie Goethe seine Ideen »mit Augen« sah, die Anschauung des Volksgeistes den Ausgangspunkt seiner Rede vom Volksgeist bildete. Der historische Zusammenhang, aus dem Schröers Suche um ein Verständnis der Lebensbedingungen Österreichs hervorging, lag in eben diesen Lebensbedingungen des habsburgischen Vielvölkerstaates, dessen Existenz nicht durch ein solches Bemühen wie Schröer es pflegte, sondern durch die zunehmenden völkischen und territorialen Nationalismen in Frage gestellt war. Schröers »Begeisterung für die Ideale der Menschheit« ließ sein Interesse an den Lebensbedingungen des Habsburgerstaates wachsen, sein weder nationalistisches noch chauvinistisches Bemühen um Verständnis der Völker dieses Staates führte ihn zu Ansichten, die jenseits alles nationalen Chauvinismus lagen. Dieser Auffassung zumindest war Steiner.

Fortsetzung: Die Deutsche Wochenschrift 1888. Der Entwicklungsgang der Kultur im Menschheitsfortschritt


Anmerkungen

60) Rudolf Steiner, Vom Menschenrätsel, GA 20, Dornach 1984, S. 89.

61) Ebenda, S. 93-94.

62) Ebenda, S. 95.

63) Ebenda, S. 96.

64) Ebenda. S. 96-97.

65) Mein Lebensgang, S. 89-94.

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