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Anthroposophie / trithemius verlag / Jahrbuch 2001 Wimmern / Slawisches Nationalbewusstsein

Das Erwachen des slawischen Nationalbewusstseins

In vielen Gebieten Österreichs, in denen Deutsche neben anderen Nationalitäten lebten, war vor der Revolution von 1848 das nationale Bewusstsein dieser Volksgruppen nicht besonders entwickelt. In den alten Ländern der Wenzelskrone Böhmen, Mähren und Schlesien bekannten sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts unterschiedliche Anteile der Bevölkerung gegenüber der deutschen zur tschechischen Sprache: in Böhmen ca. 61%, in Mähren ca. 72%, in Schlesien ca. 20%. In Mähren, das von einer weitgehend bäuerlichen Bevölkerung bewohnt wurde, herrschte, trotz der Überzahl der eine slawische Sprache sprechenden Bevölkerungsanteile, ein regionales oder vornationales Bewusstsein, das viel österreichfreundlicher war, als in Böhmen, das sich insbesondere nach dem österreichisch-ungarischen Ausgleich von 1867 zur Hochburg des tschechischen Nationalismus entwickelte, weil sich die Tschechen durch den Ausgleich zurückgesetzt fühlten. Nach Kann konnte »die Überlegenheit des deutschen Staatsvolkes, dessen Interessen mit dem Wirken und den Zielen der Zentralregierung weitgehend identifiziert waren«, selbst durch die zahlenmäßige Überlegenheit von Nichtdeutschen »nicht ernstlich gefährdet werden.« Diese Situation war nach Kanns Darstellung in den Beziehungen zwischen den Deutschen und den südslawischen Völkern, insbesondere den Slowenen, die in den südlichen Alpenländern Steiermark, Kärnten und Krain lebten, gegeben. Diesen kaum nationalbewussten Slawen standen indes andere gegenüber, die, wie die Böhmen und nicht-slawischen Magyaren sich auf eine lange Geschichte jener historisch-politischen Individualitäten (Wenzelskrone und Stephanskrone) berufen konnten, als deren Traditionsträger sie sich betrachteten. Der politische Nationalismus der Deutschen in Österreich wurde durch die nationalen Bestrebungen der »böhmischen« (tschechischen) Böhmen hervorgerufen, die sich von der Vorherrschaft der Deutschen befreien wollten. Dieser Emanzipationswille zwang die Deutschböhmen dazu, sich auf ihren eigenen nationalen Besitzstand zu besinnen. Kann tadelt die Deutschen wegen ihrer hartnäckigen Weigerung, in der Nationalitätenfrage als Gleiche unter Gleichen aufzutreten, aber gleichzeitig betont er, der Nationalismus sei den Deutschen von anderen aufgedrängt worden: es sei doch richtig, dass die Deutschen in Österreich durch die unwiderstehliche Gewalt eines bei den anderen Nationalitäten, vor allem bei den Tschechen, entstehenden Nationalismus in den nationalen Kampf hineingezogen wurden. Dieser Kurs sei ihnen mehr oder minder aufgezwungen worden. Die Hauptschuld der Deutschen sieht Kann nicht in ihrem Einschwenken in die nationalistische Auseinandersetzung, sondern in ihrer fehlenden Bereitschaft oder ihrer glatten Weigerung, die Wirkung ihrer Doppelstellung als Staatsnation und nationale Partei auf die andersnationale Umwelt zur Kenntnis zu nehmen.127

Noch in der Zeit des Vormärz (1835-1848) gab es in Österreich keinen radikalen Nationalismus, die besonderen Interessen aller anderen Nationalitäten wurden zu einem erheblichen Teil durch die deutschen Träger von Politik und Kultur mitvertreten. Während noch Herder und Schlözer aus ihrer humanitären, kosmopolitischen Grundhaltung von der Gleichrangigkeit aller Völker ausgingen, wurde dieser aufklärerisch-romantische Geist im Verlauf des 19. Jahrhunderts in Österreich immer mehr von realpolitischen Interessen verdrängt, der Herdersche Gedanke von der Gleichwertigkeit der kulturellen Leistungen aller Völker und Ethnien wurde unter dem Einfluss des liberalen Staatsverständnisses, in den politischen der Identität von Staat und Volk übersetzt. Manche Angehörigen der politischen Klasse des Habsburgerreiches erkannten die Anzeichen der nationalistischen Wende frühzeitig. Der gemäßigte liberale Deutschböhme Franz Schuselka (1811-1886), der wesentlich an der Ausarbeitung der revolutionären Kremsier Verfassung von 1848/49 beteiligt war, sah von Anfang an die Bedeutung des Nationalitätenproblems, ohne jedoch den deutschen Charakter des Kaiserreichs in Zweifel zu ziehen: »Das Kaisertum Österreich kann als solches nur deutsch sein, jede andere Richtung ist Abweichung vom historischen Ursprung und Verlust des einzig möglichen Zieles und Zwecks.« Über Böhmen, sein eigenes Vaterland, meinte er: »Die Bildung Böhmens ist deutsch, und es gibt keine andere in diesem Lande, dies ist aber nicht erst seit gestern, sondern seit tausend Jahren der Fall.«128

Das politische und kulturelle Niveau der Slawen, als deren aussichtsreichste Gruppe er die Tschechen betrachtete, schien ihm niedriger zu sein als das der anderen europäischen Völker, weil die Slawen, die ihrer überwältigenden Mehrheit nach Bauern waren, kein Bürgertum besaßen, um das sich eine Nation kristallisieren konnte.

Kann meint zu Schuselkas Vorstellungen: »Schuselkas Vorhersage, dass eine Herrschaft der Magyaren in Ungarn unmöglich sei, erwies sich im Lauf der Ereignisse als unrichtig. Vom Standpunkt des Jahres 1847 aus gesehen, hatte seine Behauptung jedoch einige Berechtigung. Die meisten Nicht-Magyaren würden ihm heute beipflichten, dass ein Hindernis – wenn nicht das größte – für die Lösung der nationalen Frage Österreichs die tyrannische und halsstarrige Politik der Magyaren gegenüber den anderen Nationalitäten Ungarns war.«129

Blickt man auf die reale historische Situation im Habsburgerreich, kann man nicht umhin, zu konstatieren, dass die Vertreter der deutschen Sprache und Kultur das Vielvölkerreich dominierten. Gäbe es keine sprechenden Tatsachen, könnte sogar ein indirekter Beweis aus dem Vorhandensein der slawischen Erweckungsbewegung geführt werden: denn wozu hätte es einer Erweckungsbewegung und eines Kampfes für die nationale Selbstbestimmung bedurft, wenn die einzelnen slawischen Völkerschaften bereits auf derselben politischen und kulturellen Höhe gestanden hätten, wie die deutschsprachigen Vertreter der habsburgischen Herrschaft? Nicht zuletzt die Zeugnisse der Apostel des Slawismus sprechen diesbezüglich eine beredte Sprache, verbindet sich doch ihr Plädoyer für die Erweckung der slawischen Nation aus ihrer »Geschichtslosigkeit« meist mit der wortreichen Klage über deren desolate kulturelle und soziale Verfassung oder besser, den gänzlichen Mangel einer solchen. Diese beiden Motive der slawischen Erweckungsprophetie, die den Hauptmotiven der alttestamentlichen Prophetie: Klage über das gegenwärtige Elend des jüdischen Volkes im babylonischen Exil und Verheißung einer glorreichen Zukunft durch Rückbesinnung auf die Ursprünge nachgebildet sind, kehren in vielen Werkbiographien slawischer Erneuerer wieder.

Diese Kombination von gedanklichen Motiven, die zugleich politisch gemeint war, tritt bereits beim ersten Apostel des Panslawismus, dem kroatischen Priester Jurij Krisanic auf, der im 17. Jahrhundert als Jesuit für die Bekehrung der Ruthenen zum Katholizismus wirkte. In seinem Werk Politik Russlands, das er 1659 dem Zaren Alexej in Moskau überreichte, schrieb er, von den sechs Zweigen des slawischen Völkerstammes hätten allein die Russen ihre nationale Unabhängigkeit bewahrt. Deswegen sei es die Aufgabe des Zaren, als des einzigen slawischen Herrschers, die Niedergedrückten zu befreien und sie unter seinem Zepter zu vereinigen. Die Donauslawen, Bulgaren, Serben und Kroaten bedürften, so fährt Krischanitsch fort, in ihrem tiefen Verfall der rettenden Hand des Zaren. Auch wenn der Zar nicht imstande sei, ihre einstigen selbständigen Reiche wieder herzustellen, so könne er doch etwas für die Verbesserung ihrer Sprache tun und sie durch gute Bücher aus ihrem sittlichen Tiefstand herausreißen, damit sie wieder zum Gefühl ihrer Menschenwürde erwachten und daran denken könnten, sich zu erheben. Die vereinigten Slawen müssten sich den Türken und den Deutschen entgegenstellen. Auch das ungeheure Übel der Unwissenheit und Roheit, an dem das russische Volk kranke, müsse durch Unterricht und Verbreitung von Kenntnissen geheilt werden. Schwärmerisch rief er den Zaren als Vater der slawischen Nation an: »O Kaiser, Du hältst in Deiner Hand Mosis Wunderstab und vermagst mit ihm Wunder zu wirken; Du bist unumschränkter Selbstherrscher und findest deshalb bei Deinen Untertanen vollkommenen Gehorsam. Mit Hilfe Gottes kannst Du nicht nur Dein eigenes Reich, sondern auch die gesamte slawische Art aufklären und verherrlichen und Dir ihren dauernden Segen erwerben. Zu Dir allein, glorreicher Kaiser, schaut die ganze slawische Nation empor ...«130

In seiner für die Erweckung des Slawismus überaus bedeutenden Schrift über die literarische Wechselseitigkeit zwischen den verschiedenen Stämmen und Mundarten der slawischen Nation von 1837 klagte Kollar: »Die Slawen sind Riesen in der Geographie und auf der Landkarte, aber Zwerge in der Kunst und Literatur.« Diese Einschätzung der kulturellen Leistungen der Slawen hinderte ihn aber nicht daran, in seinem Werk Die Tochter der Slawa von einem bevorstehenden glorreichen Aufgang des Slawenvolkes zu sprechen: »Sein ist der Morgen, bei den Deutschen herrscht eben voller Tag, die Engländer feiern schon den Mittag, die Franzosen die Vesper, die Italiener sind schon am Abend angelangt und bei den Spaniern ist es Nacht.«131

Was die Niveaudifferenz der Kulturen anbetrifft, so spricht nicht nur die deutsche oder österreichische Historiographie vom kulturellen und zivilisatorisch-technischen Entwicklungsvorsprung der Deutschen im Habsburgerreich. In Übereinstimmung mit dem amerikanischen Historiker Robert A. Kann schreibt der französische Kulturwissenschaftler Roger Portal 1979 über die tschechische Wiedergeburt im 19. Jahrhundert:

»Die tschechische Wiedergeburt, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein »heroisches Zeitalter« (Denis) erlebt hatte, ... hat als Hintergrund jene Bewegung zurück zu den Quellen, dieselbe Freude an Folklore, an der Erforschung der Volkscharaktere und ihres Lebens, wie man sie auch im übrigen Europa zu Ende des 18. Jahrhunderts überall beobachten kann.

Die Wiedergeburt ging von einer Gruppe von deutschen und tschechischen Gelehrten aus, die deutsch sprachen und der deutschen Kultur angehörten und denen sich Universitätsprofessoren, Priester und gebildete Adlige anschlossen, um nun die tschechische Geschichte ohne nationale Voreingenommenheit zu erforschen.

... Der Einfluss Herders und der Romantik, die überall in Brauchtum und Sprache die unsterbliche Seele des Volkes aufzuspüren suchte, sowie der Einfluss der Enzyklopädisten des 18. Jahrhunderts, die jeder Art von Unterdrückung und Intoleranz feind waren, kamen in jener Bewegung wieder zum Vorschein; ihre größte Kraft jedoch schöpfte sie aus der Erinnerung an die kämpferische Vergangenheit, in der das tschechische Volk sein Selbstbewusstsein gewonnen hatte. ... Nach 1820 tauchen die großen Namen der tschechischen Nationalisten auf. Der Historiker Frantisek Palacky (1798 bis 1876) hat, nach einem Wort von Denis, die tschechische Wiedergeburt beherrscht und zusammengefasst ... Er wollte die Regierung der Tschechen auf den Adel und die reichsten Volksgruppen (man hat ihn mit Guizot verglichen) gründen und nahm dabei die Unterstützung der am stärksten germanisierten Kräfte in Anspruch, die mit geringen Ausnahmen dem nationalen Ideal am wenigsten verbunden waren. ... Diese Epoche erlebte noch keinen Zusammenstoß zwischen Tschechen und Deutschen. Gelehrte und Schriftsteller gaben sich einer leidenschaftlichen Suche hin nach allem, was die slawische Vergangenheit betraf, eine idealisierte Vergangenheit, in der die Wahrheit mit Legenden durchsetzt war ... Freilich waren diese Anfänge des nationalen Kampfes nur von einer Minderheit getragen, die aus dem von deutscher Kultur geprägten Bürgertum hervorgegangen war. ... Aber sehr schnell kam es dazu, dass die erneute Kenntnis der historischen Vergangenheit und die Restauration der Sprache einen latenten Patriotismus erweckte, der die nationalen Werte verteidigen wollte und bald auch die Rechte einer unterworfenen Nation gegen den Siegerstaat.«132

Ganz ähnlich sieht diese Entwicklung auch Robert A. Kann. Er schreibt über die tschechische Wiedererweckung: »Im Grunde verfolgten die Wiedererwecker der Sprache, Geschichte und Tradition des tschechischen Volkes nur aufmerksam einen Kurs, der sich aus den sich allmählich herauskristallisierenden Forderungen ihres Volkes ergab, und zwar Paul Safarik (17951817), Joseph Dobrovsky (1753-1829) und Joseph Jungmann (1773-1847) von der Philologie und Franz Palacky (1798-1876) von der Geschichte her. ...

Zwar verdankten sie selbst den bahnbrechenden literarisch-historischen Werken von Deutschen wie August Ludwig von Schlözer (1735-1809) und vor allem Johann Gottfried Herders (1744-1803) Ideen zur Geschichte der Menschheit in bezug auf deren Reichtum an Ideen im allgemeinen und Herders Voraussicht einer ruhmreichen Zukunft der Slawen im besonderen sehr viel. Die ungeheure Wirkung von Herders Gedanken über die Entstehung des humanitären und liberalen Nationalismus sowie der gesamte Einfluss der deutschen historischen Schule Savignys und der deutschen und französischen Romantik äußerten sich jedoch nur im Bereich von Ideen, die in einem komplizierten geistigen Prozess und von weniger bedeutenden Nachfolgern auf das Gebiet der Politik übertragen wurden.«133

Die von Portal und Kann angedeuteten geistigen Abstammungslinien der slawischen Erweckungsbewegung wurden vom Historiker des Panslawismus, Alfred Fischel, scharf herausgearbeitet. Es ist klar, dass Fischel von einer deutschen Kultur spricht, die auch Steiner meinte, wenn er vom deutschen Geist sprach. Diesem Geist sollten die Tschechen keine »Knüppel zwischen die Beine werfen«: zu diesem Geist sollten sich die Slawen nach Steiners Ansicht erst erheben, nachdem einige Angehörige des deutschen Volkes sich bereits zu ihm erhoben hatten, zu denen auch die Slawen aufschauten, statt zu dem Geist aufzuschauen, zu dem jene aufschauten. Die Slawen sollten sich zum Geist erheben, zu dem einige Deutsche sich erhoben hatten, indem sie das Denken zu einem spirituellen Erkenntnisorgan umgestalteten, wie Goethe oder Hegel. Die Slawen sahen aber statt zu diesem Geist zu den Deutschen auf und mussten sich von ihnen emanzipieren, um zum nationalen Selbstbewusstsein zu gelangen. Das war ein Aspekt der Tragik des mitteleuropäischen Geistes. Ein anderer Aspekt dieser mitteleuropäischen Tragik bestand für Steiner darin, dass das Volk, das die abendländische Geistesentwicklung von der Philosophie zur Spiritualität geführt hatte, bereits in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts nach seiner Überzeugung weitgehend in die Dekadenz verfallen war und die Fähigkeit verloren hatte, sich zu jenem Geist zu erheben. Seine Anrufungen des deutschen Geistes sind daher als Beschwörungen einer Kulturform zu verstehen, deren sich die Angesprochenen erinnern sollten, um sie wieder ins Leben zu rufen. Er rief aber nicht nur die Deutschen auf, sich diesem Geist zuzuwenden, der natürlich kein nationaler, sondern ein allgemeiner Menschheitsgeist war und ist, sondern alle Völker. Steiner sah in diesem Geist die Möglichkeit der übernationalen Friedensstiftung, die Möglichkeit der Versöhnung demokratischer Ideale und individueller Freiheitsrechte. Den staatlichen Organismus so einzurichten, dass in dessen Einrichtung sowohl der Charakter des jeweiligen Volkes oder der jeweiligen Volksgruppen zum Ausdruck kam, die ihn bildeten, als auch die Reichtümer, die aus der individuellen Selbstbestimmung der freien Geister hervorgingen, das war sein Ideal. Kollektivismen aller Art: Volkskollektivismen, Rassenkollektivismen, Sprachkollektivismen, wissenschaftliche und religiöse Kollektivismen standen der Verwirklichung dieses Ideals entgegen und tun es noch. Steiner als Vertreter eines wie auch immer gearteten Kollektivismus misszuverstehen, zeugt nicht nur von vollständiger Ignoranz, sondern geradezu von Böswilligkeit.

Die sogenannte slawische Wiedergeburt, die besser als Erwachen des Nationalbewusstseins der verschiedenen slawischen Völkerschaften bezeichnet wird, nahm das ganze 19. Jahrhundert in Anspruch und kam erst im 20. durch die Auflösung der alten europäischen Ordnung zu einem vorläufigen Abschluss. Der mit der Wiedergeburt zusammenhängende Nationalismus sollte nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und des totalitär verordneten sozialistischen Völkerfriedens in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts heftiger ausbrechen als jemals zuvor und ist bis heute nicht wirklich überwunden. Noch 1830 beklagte sich Kollar über das fehlende Gemeinschaftsbewusstsein unter den verschiedenen slawischen Stämmen und meinte, der Serbe glaube eher, der Tscheche sei einem Hottentotten näher verwandt als ihm, während der Tscheche den Moskal für einen Abkömmling der mongolischen Rasse halte.134

Die Wurzeln der slawischen Wiedergeburt reichen bis in das ausgehende 18. Jahrhundert zurück. Die englische, französische und deutsche Aufklärungsphilosophie hatten die Ideale der Freiheit, Gleichheit und Humanität formuliert. Die Physiokraten hatten Grund und Boden als Quell des wirtschaftlichen Reichtums interpretiert und verlangten die Aufhebung der wirtschaftlichen Bedrückung der in Leibeigenschaft und unter steuerlichen Lasten darbenden Bevölkerung.

Rousseau hatte das Bewusstsein von der Bedeutung des mütterlichen Einflusses auf die menschliche Geistesbildung erweckt und die Macht der Sprache, des Gefühls und der Natur gegen die Überbewertung des Rationalismus ins Feld geführt. Die theresianischen und josefinischen Reformen zielten darauf ab, das alte Ständesystem zu überwinden und das Habsburgerreich in ein straff organisiertes, zentralisiertes Staatsgebilde umzuformen. Die Abschaffung der Leibeigenschaft und der Patrimonialgerichtsbarkeit sowie die Einführung staatlicher Elementarschulen unter Maria Theresia zielten auf diese Modernisierung und die Hebung des Bildungsniveaus in der Gesamtbevölkerung ab.

Das stürmische Tempo der Reformen unter Josef II. rief in der nichtdeutschen Bevölkerung zum Teil heftigen Widerstand hervor. Unter dem Einfluss der französischen Revolution, in der ein Volk sich zum Träger des Staates erklärt, und die bisherigen Inhaber der politischen Macht als Usurpatoren des volonté générale demaskiert hatte, wandelte sich auch in der slawischen Welt das vornationale Bewusstsein in ein nationales. In der Besinnung des Slawentums auf seine Ursprünge und seine Einheit machte sich insbesondere der deutsche Einfluss geltend.

Von besonderer Bedeutung waren die Geschichts- und Sprachforschung, die Literatur, Philosophie und Rechtswissenschaft der Deutschen. Die entstehende Geschichtswissenschaft begann sich im 18. Jahrhundert mit den europäischen Partikulargeschichten zu beschäftigen. Aber viel mehr als Sammlungen von Legenden, in denen die Slawen von den Hebräern (Abraham Frenzel, 1693) oder von den Skythen, Kelten oder gar Vandalen hergeleitet wurden, kamen aufgrund des mangelnden kritischen Bewusstseins nicht zustande.

Erst durch die Beschäftigung deutscher Historiker mit der Geschichte des Slawentums in der Mitte des 18. Jahrhunderts begann sich diese Situation zu bessern. Vom Gedanken der Gleichheit von Sprache und Abstammung geleitet, arbeiteten sie die Verwandtschaft der slawischen Völkerschaften heraus. Wegleitend für die slawistischen Forschungen war die Arbeit des Göttingers August Ludwig von Schlözer, der als Vater der slawischen Geschichts- und Sprachwissenschaft gilt. Er wendete die vom Bibelforscher und Orientalisten J. D. Michaelis entwickelte kritische Methode an und vermochte auf diese Weise Legenden von historischen Tatsachen zu scheiden. Schon Michaelis hatte die Tschechen Dobrowsky und Durych auf die Bedeutung der slawischen Bibelübersetzungen aufmerksam gemacht. Schlözer lebte einige Jahre in Russland am Hof Katharina II. und verfasste 1764 eine russische Grammatik. Er wurde zum Professor für Landesgeschichte am akademischen Gymnasium von Petersburg ernannt und veröffentlichte 1768 sein Werk Probe russischer Annalen. Darin wies er auf die Bedeutung einheimischer Geschichtsquellen für eine kritische Historie Russlands hin, und bemängelte die bisherige Behandlung der Staatengeschichte, die den Beitrag der Völker, die sich von den Staaten unterschieden, vernachlässigt habe. In den Russen erkannte er einen Zweig des slawischen Volkes, das bisher noch keinen Historiker gefunden habe, zu dem seiner Auffassung nach auch die Polen, Böhmen, Wenden, Kroaten, Bosnier und Dalmatier gehörten. Die Verwandtschaft der von allen gesprochenen Sprachen galt ihm als Beweis einer gemeinsamen Abstammung. Die meist in Kirchenslawisch verfassten Quellen waren aufgrund fehlender sprachwissenschaftlicher Werke nur schwer auszuwerten, was Schlözer veranlasste, das Forschungsprojekt einer Grammatik aller slawischen Mundarten zu formulieren. Nach dem Vorbild Linnés wollte Schlözer im Geiste des aufklärerischen Systematisierungszwangs ein System der Völker nach Klassen und Ordnungen, Geschlechtern und Arten schaffen, das auf der Vergleichung der jeweiligen Sprachen beruhte, um das Dunkel der Herkunftsgeschichten aufzulichten. In seiner Allgemeinen nordischen Geschichte (1771) nahm er die Verwirklichung dieses Programms in Angriff. Er grenzte die einzelnen Sondergeschichten voneinander ab, unterzog die Fülle des Stoffes einer kritischen Sichtung und entwarf eine systematische Ordnung des »slawischen Völkerstamms«, nach deren Grundriss das System der slawischen Geschichte in Deutschland von Gebhardi, Engel und anderen, aber auch in Polen, Böhmen und Russland ausgearbeitet wurde.

Schlözer war auch der Schöpfer der slawischen Sprachwissenschaft und Völkerkunde. Er schuf aufgrund vergleichender Untersuchungen der Grammatik und des Wortschatzes eine Klassifikation aller slawischen Sprachen, wobei er neun Hauptdialekte unterschied (Russisch, Polnisch, Böhmisch, Polabisch, Windisch, Kroatisch, Bosnisch und Bulgarisch). Schlözers Einteilung blieb, von gewissen umstrittenen Anfechtungen abgesehen, für die slawische Sprachforschung und Geschichte maßgebend. Schlözer entwarf die methodischen Grundlinien für die Ausarbeitung einer vergleichenden Grammatik und eines etymologischen Wörterbuchs aller slawischen Sprachen und forderte im Interesse der Wissenschaften und der Kultur eine Vereinheitlichung der Orthographie der slawischen Dialekte.

Schlözer war nicht nur ein trockener Philologe, sondern auch ein begeisterter, ja schwärmerischer Bewunderer des Slawentums. Voller Enthusiasmus schrieb er: »Kaum hat je ein Volk der Welt seine Herrschaft oder Sprache weiter ausgebreitet als die Slawen. Von Ragusa am Adriatischen Meer an nordwärts bis an die Ostsee und das Eismeer und ostwärts bis nach Kamtschatka in der Nähe von Japan hin, trifft man überall slawische Völker an.« Die Deutschen, so Schlözer, schrieben erst seit 70 Jahren gebildetes Deutsch, während das Slawische schon seit Jahrhunderten in Hochformen existiert habe. (Schlözer, Nestor II, S. 224) Er bezeichnete die Slawen als europäisches Urvolk und wies die Annahme zurück, sie seien erst mit den Hunnen aus Asien nach Europa gelangt. Die Kriege der Deutschen gegen die Slawen brandmarkte er als imperialistische Eroberungszüge und führte die Missionstätigkeit der Kirchen im ideologiekritischen Geist der Aufklärung auf die Habgier der Geistlichen zurück. Die grenzenlose Bereitschaft Schlözers, sich in seinen Gegenstand zu vertiefen, führte ihn zu einer Identifikation, die ihn geradezu zu einem Apostel des Slawentums werden ließ. Josef Dobrowsky (1753-1829) lernte von Schlözer die »kritische Behandlung der Historie« und Kopitar bezeichnete ihn als »Slawenpatron«.135

Neben Schlözer erfuhr die Entwicklung der slawischen Sprachwissenschaft entscheidende Förderung durch die Arbeit des Grammatikers und Lexikographen Johann Christoph Adelung. Nach dem Vorbild seines Wörterbuchs der hochdeutschen Mundart (1774-1786) schuf Linde ein polnisches und Josef Jungmann (1773-1847) ein tschechisches Wörterbuch. Dobrowsky lehnte sich bei der Ausarbeitung seines Lehrgebäudes der böhmischen Sprache an das Lehrgebäude der deutschen Sprache von Adelung an. Dobrowsky betrachtete Tschechisch als seine Muttersprache, beherrschte es aber nur mangelhaft. Seine altslawische Grammatik verfasste er auf lateinisch, seine Geschichte der böhmischen Sprache und Literatur auf deutsch. Jungmann wirkte neben seiner sprachwissenschaftlichen Tätigkeit als Übersetzer von Werken Miltons, Popes, Goethes und Chateaubriands ins Tschechische. Dobrowsky und Jungmann waren, neben Pavel Josef Safarik (1795-1861) und Frantisek Palacky (1798-1876), zwei der großen Slawisten der tschechischen Erweckungsbewegung.

Außerordentlich anregend wirkte die Deutsche Grammatik (1819) Jakob Grimms auf die Slawistik, dessen Eintreten für die Reformen Vuk Karadzcics und die südslawische Spracheinheit auch für die Entwicklung des slawischen Nationalbewusstseins von großer Bedeutung war. Wendel schreibt über die Bedeutung der deutschen Kultur für die serbische Erweckung 1925:

»So viel Schaden der Entfaltung des Serbentums durch die Berührung mit dem habsburgischen Ungeist erwuchs, so viel Nutzen erblühte ihr aus der Berührung mit dem deutschen Geist. Beredt und laut sprach die Poesie Schillers, die Philosophie Hegels auch zu den Serben. Joakim Vujic, der seine Autobiographie in Pest auf Deutsch herausgab, wandte Stücke von Eckarthausen und Kotzebue ins Serbische. Jovan Hadzic übersetzte Lessings Nathan, und in serbischer Übertragung erschienen nicht nur Wieland und Klopstock, Herder und Bürger, Goethe und Schiller, sondern auch Knigges Umgang mit Menschen und Hufelands Makrobiotik. Lukijan Musicki war in den deutschen Dichtern und Denkern wohl beschlagen, Milan Vidakovic bot einen Abklatsch der deutschen Ritterromane, Djordje Maletic atmete nur in der idealistischen Gedankenwelt Schillers, Jovan Stejic war ein Schüler der Schüler Kants, Sima Milutinovic, der seine Srbianka und anderes in Leipzig drucken ließ, lernte Uhland und Jakob Grimm, vielleicht auch Goethe von Angesicht zu Angesicht kennen, und da Jovan Sterija Popovic, dessen »Roman ohne Roman« sich eng an Rabener anlehnte, auch ganz im Bann der deutschen Bildung stand, führte er, als Sektionschef im Unterrichtsministerium das Schulwesen einrichtend, Klopstock, Lessing, Herder, Wieland, Schiller, Goethe und Kleist in die Oberklassen des serbischen Gymnasiums ein.«136 Ähnliches gilt für Karadzic und Kopitar. Hierzu noch einmal Wendel: »Stand aber Kopitar wie die anderen geistigen Erwecker des Slawentums an des Jahrhunderts Beginn tief im Schatten der deutschen Romantik, so sah sich Vuk bald noch unmittelbarer in den deutschen Bildungskreis gezogen; der als Dreißigjähriger 1817 eine Wienerin heimführte, trat Jakob Grimm sehr nahe, der auch von Musicki als »wackerer, tapferer, ausgezeichneter Serbophile« gepriesen, ihm ein unschätzbarer Mitarbeiter wurde, saß Goethe in Weimar verehrend gegenüber, versah Ranke mit Stoff für seine 1829 erscheinende »Serbische Revolution« und tat sich verschiedentlich in deutschen Städten wie Leipzig, Halle, Kassel, Göttingen und Berlin um. Dem Fuß, der gewohnt war, auf den Straßen des Abendlandes rüstig auszuschreiten, boten die Pfade der Heimat fast nur spitze Dornen und scharfe Steine; zwei Versuche Vuks, sich 1820 und 1828 bis 1831 in Serbien niederzulassen, scheiterten an allerhand Ränken und Anfeindungen. Deutschland aber reichte dem Doktor der Jenenser Universität, dem korrespondierenden Mitglied der Göttinger Gelehrtengesellschaft, der thüringisch-sächsischen Gesellschaft für Altertumskunde wie der Berliner Akademie der Wissenschaften mehr als einen grünen Kranz.«137

Was für die Serben gilt, gilt nicht minder für die Kroaten und deren spezifische, südwest-slawische Einigungsbewegung, den sog. Illyrismus. Dazu Wendel: »An den Brüsten der deutschen Romantik war der Illyrismus gesäugt, wenn auch nicht von jedem seiner Köpfe wie von Vukotinovic zu sagen war, dass er kraft deutscher Erziehung seine Vorwürfe deutsch erfasse und durchdenke und dann erst ins Kroatische übertrage. Gaj gab selbst seine berühmte Kroatenhymne erst auf Deutsch als »Wiederbelebung Kroatiens« in Druck; Vraz war mit der deutschen Dichtung ganz auf du und du; Kukuljevic lehnte sich bei seinen Bühnenspielen eng an Körner und Kotzebue an und folgte in seinem »Was ist des Slawen Vaterland?« Wort für Wort dem Liede Arndts; Demetar schrieb, Schillers »Kabale und Liebe« vor sich, den Text zur ersten Oper des ersten illyrischen Komponisten Vatroslav Lisinski; Schiller, Goethe, Seume, Graf Friedrich Stolberg wurden auch sonst mannigfach von illyrischen Poeten wie Trnski, Mihanovic, Antun Necic, Stjepan Marjanovic und Ferdo Rusan nachgedichtet. Sehr oft war die deutsche Bildung ein dicker Wall, durch den sich der nationale Gedanke mühevoll und langsam seinen Weg zum kroatischen Herzen bohren musste.«138

Die slawische Ethnologie (Volkskunde) wurde durch einen Schüler Schlözers, Karl Gottlob Anton begründet, der durch die systematische Erforschung der Sprachen sowie der Sitten und Gebräuche zwei Hauptquellen für die Erkenntnis des slawischen Altertums, der Mythologie und Sittengeschichte erschloss. Dobrowsky bezeichnete Anton als Slawenfreund und gründete auf dessen Anregung hin ein Periodikum für slawische Literatur und Geschichte.

Während die bisher erwähnten Deutschen vor allem auf die wissenschaftliche Beschäftigung mit der slawischen Sprache, Kultur und Geschichte anregend wirkten, erstreckte sich der Einfluss Herders auf das breite gebildete Publikum.139 In seinem geschichtsphilosophischen Entwurf hatte er ein leuchtendes Bild des Slawentums gezeichnet, das ihm den Ehrentitel des »Vaters der slawischen Wiedergeburt« und des »praeceptor Slavorum« eintrug. Von seinem Ideal für die Erziehung des Menschengeschlechts zur Humanität erfüllt, blickte er in Riga voller Bewunderung auf Katharina II. und sah in Russland ein Land voller Aufgangskräfte, während ihn Europa greisenhaft anmutete. Ihn beschäftigte die aus Rousseaus Werk geschöpfte Vorstellung, die »kindlichen«, noch »halbwilden«, von der Zivilisation nicht verderbten Bewohner der weiten Landstriche Russlands zur vollen Menschheitsbildung empor zu führen, und sie zu einem »Originalvolk« zu erheben. Seine Bevorzugung der ursprünglichen, von Kritik und Bildung nicht verfälschten, authentischen Volksdichtung gegenüber der Kunstpoesie ließ ihn den Wert des slawischen Volksliedes erkennen. Er forderte die »Wenden, Slawen, Polen und Russen« dazu auf, ihre Volkslieder als »die lebendigste Grammatik, das beste Wörterbuch und Naturgeschichte ihres Volkes« zu sammeln und in der Ursprache »unverschönt und unveredelt« zu veröffentlichen. In der von ihm herausgegeben Sammlung Stimmen der Völker veröffentlichte er einige Beispiele slawischer Volkspoesie.

Keiner der slawischen Volksstämme ließ diese Anregung Herders auf sich beruhen. Die Beschäftigung mit dem überlieferten Liedgut und den Schätzen der Volksdichtung erschloss den Bemühungen um die Renaissance der slawischen Literaturen nahezu unversiegliche Inspirationsquellen. Seine geschichtsphilosophische Deutung des Slawentums war aber noch von größerer Bedeutung, denn sie würdigte die historische Rolle des Slawentums in bis dahin beispielloser Art. Herder gab seinen slawischen Lesern den Glauben an sich selbst zurück und versah sie mit der Hoffnung auf eine glorreiche Zukunft. Im Kapitel über die Slawischen Völker seiner Ideen zu einer Geschichte der Menschheit (1784) entwarf er ein ideales Bild der slawischen Vergangenheit und Zukunft, das von den slawischen Lesern wie eine Heilsbotschaft aufgenommen wurde. Nach seiner Auffassung waren die Slawen als Kolonisten, Hirten oder Ackerbauern in die von anderen Völkern verlassenen Länder, die sie noch heute bewohnten, eingewandert. Sie beschäftigten sich mit der Landwirtschaft und gaben sich dem Handel mit ihren Erzeugnissen hin. In seinem geschichtlichen Rückblick erschienen sie als friedliebender Menschenschlag, als Verächter des Krieges, als bis zur Verschwendung großzügige Gastgeber, als ihre Freiheit liebende, Räuberei und Plünderungen verachtende Bauern. Diese Eigenschaften machten sie wenig geeignet, fremde Unterdrückung abzuwehren. Eine Reihe von Völkern, insbesondere aber solche vom deutschen Stamm, hätten sich hart an ihnen versündigt. Franken und Sachsen hätten sie unter dem Vorwand der Christianisierung in ganzen Provinzen ausgerottet oder zu Leibeigenen erniedrigt und ihre Ländereien unter Adligen und kirchlichen Potentaten aufgeteilt. Herder verglich gar die Behandlung der slawischen Bevölkerung durch die Germanen mit der Behandlung der Indios durch die Spanier. Die Abneigung der Slawen gegen Kriegführung machte sie gegen die dauernden Einfälle aus dem Westen, aber auch aus dem Osten – etwa durch Tataren – wehrlos. Doch da sich in Europa der Geist der Humanität und des friedlichen Verkehrs zwischen den Völkern immer mehr etabliere, könnten endlich auch die Slawen aus ihrem langen Schlummer erwachen, sich von ihren Sklavenketten befreien, ihre schönen Ländereien als ihr angestammtes Eigentum wieder in Besitz nehmen und ihre alten Feste des Fleißes und des Handels wieder feiern.

Herders Glorifizierung des Slawentums im Gegensatz zu den düsteren Germanen, die stets auf Eroberung und Unterdrückung besonders der Slawen aus waren, hatte zwar wenig mit den geschichtlichen Tatsachen oder mit der sozialen Realität zu tun, entfaltete aber als Geschichtsmythos eine um so größere Wirkung, nicht nur unter den Slawen. Das geschichtlich weitgehend unerforschte, weitverzweigte slawische Volk erschien – ähnlich wie die »edlen Wilden« für Rousseau – besonders als Projektionsfolie für Herders eigene Sympathien gegenüber Demokratie und Humanität geeignet und so wie zeitgenössische französische Autoren je nach politischer Einstellung Herrschaft und Knechtschaft in die Vergangenheit projizierten, und Franken oder Kelten oder Gallier als deren prädestinierte Träger erkannten, übertrug Herder die Struktur der feudalen Gesellschaft und ihre Grundprobleme auf geschichtlich-volkliche Kategorien, indem er die Germanen zu geborenen Herrschern und Eroberern, die Slawen zu Unterdrückten und Geknechteten formte. Die Geschichte konnte dann als Verfallsgeschichte erzählt werden, die mit der Gegenerzählung vom Aufstieg oder der Rückkehr zum Ursprung verwoben war. Allerdings sah Herder im Gegensatz zu manchen späteren Umdeutern dieses geschichtsphilosophischen Topos das Verhältnis der charakterisierten Stämme von einem humanitären, emanzipatorischen Standpunkt aus und bevorzugte deswegen die slawischen Völker gegenüber ihren Unterdrückern. So wie die Germanen früher den Slawen Unterdrückung und Unglück gebracht hatten, sollten sie ihnen nun – durch die allgemeine geistige Entwicklung geläutert – die Botschaft von der Freiheit und Humanität bringen. Noch heute sind westliche Menschenrechtsaktivisten insbesondere gegenüber östlichen autoritären Regimen diesem Topos verhaftet: dass die früheren, aber nun geläuterten Unterdrücker den ehemaligen Opfern die Botschaft der Freiheit und Gleichheit bringen, indem sie zugleich geflissentlich darüber hinwegsehen, dass sie den früheren Eurozentrismus und die Überlegenheitsideologie der westlichen Kulturnationen – nur erfüllt mit anderen Inhalten – reproduzieren. Darüber hinaus ist bemerkenswert, dass auch Herder den Status der Slawen nicht anders sieht, als die deutschösterreichischen Vertreter der herrschenden Klasse im Habsburgerreich, auch wenn sich diese Sicht bei ihm mit einem politisch-emanzipatorischen Sebstbezichtigungsaffekt verbindet.

Nicht minder bedeutend war der Einfluss der Hegelschen und Schellingschen Geschichtsphilosophie auf die Erweckung des slawischen Nationalbewusstseins, spielte darin doch die Vorstellung einer migrierenden Inspiration einzelner Völker durch das eigentliche Subjekt der Geschichte, den Weltgeist, eine entscheidende Rolle. Auch wenn Hegel den slawischen Völkern keine geschichtliche Bedeutung in der Vergangenheit zumaß, ließ seine Auffassung doch eine zukünftige Inspiration dieser Völker, ein Geschichtlich- und Staatlichwerden denkbar erscheinen. Wenn sich die höchste Stufe der Entwicklung eines Volkes in dessen Staatswerdung zeigte, forderte dieser Gedanke die Nationalisierung der slawischen Völker geradezu als geschichtliche Notwendigkeit. Wenn daher Fallmerayer in seiner Geschichte der Halbinsel Morea 1830 davon sprach, die Herrschaft über das menschliche Geschlecht scheine von den lateinischen und germanischen auf die slawischen Völker überzugehen, dann lag dieser Gedanke lediglich in der Konsequenz sowohl der Hegelschen Geschichtsphilosophie als auch ihrer Interpretation durch die Wortführer der slawischen Erweckung.140 Während Schlözer und Herder das Slawentum für die europäische Zivilisation entdeckten und den Gedanken seiner geistigen Einheit schufen, veranlasste Savigny, der Begründer der historischen Rechtsschule, die Slawen dazu, nach den Formen des slawischen Rechtes zu suchen, die adäquater Ausdruck des Geistes des Slawentums sein sollten. Kopitar rief angesichts des Interesses führender deutscher Gelehrter für die slawische Sprache und Kultur entzückt aus: »Wie muss es die Slawen freuen, ihre Sprache von den größten Männern Deutschlands studiert und gelobt zu wissen.«141

Fischel schreibt über die Bedeutung Herders für die slawische Erweckungsbewegung:

»Herder, der Lobredner der Slawen ... war der Schöpfer ihrer Kulturphilosophie. Sie sahen den Gang ihrer bisherigen geschichtlichen Entwicklung mit seinen Augen, sie schöpften aus seinen prophetischen Verheißungen die Gewissheit ihrer künftigen hohen Bestimmung; sie empfingen aber aus seinen Händen auch noch das Rüstzeug zur Entwurzelung der positiven Mächte, welche ein Hindernis auf dem Wege zur Erreichung dieser Zukunftsträume waren.«142 Das Rüstzeug, von dem Fischel spricht, war Herders Unterscheidung von Staat und Volk. Nicht in den Staaten, sondern in den Völkern sah Herder die wahren Subjekte der Geschichte. Diese Auffassung war sicherlich auch durch die staatliche Zersplitterung der Deutschen veranlasst, die eine Identifikation mit einer deutschen Staatsnation verunmöglichte. Staaten waren für Herder abstrakte Einheiten, Völker lebendige Gebilde, beseelt von einer gemeinsamen Geschichte, Sprache und Kultur. Wenn das Naturrecht der Aufklärung dem Menschen qua Geburt unveräußerliche Freiheitsrechte zuschrieb, übertrug Herder diesen Gedanken auf die Völker, als die dem Individuum übergeordneten historischen Individualitäten. Das Ideal der Humanität wird im vielstimmigen Chor der Menschheit durch die Entwicklung der Völker zur höchsten Bildungsstufe verwirklicht. Der natürlichste Staat ist für Herder in den Ideen ... ein Volk mit einer in sich geschlossenen Nationalität. Dem Zweck des Staates steht nichts mehr entgegen, als dessen unnatürliche Vergrößerung und die »wilde Vermischung« verschiedener Nationen unter einer Herrschaft. Solche Reiche erscheinen ihm als willkürlich zusammengeleimte Staatsmaschinerien ohne inneres Leben und ohne Sympathie der einzelnen Teile zueinander. Diese künstlichen Gebilde können nur mit äußeren Machtmitteln zusammengehalten werden, deren Anwendung aber zugleich ihren Zerfall herbeiführt.

Aufgrund dieser Ansichten verwarf Herder auch jeglichen Sprachzwang in Staaten, die aus mehreren Nationen zusammengesetzt waren. Jedes Volk ist seiner Auffassung nach gleich unmittelbar zu Gott und trägt den Zweck seines Daseins in sich selbst wie jedes organische Wesen. Herrschaft eines Volkes über ein anderes lässt sich vor dieser Überzeugung ebensowenig rechtfertigen, wie die Unterdrückung von Minderheiten im Interesse des Utilitätsprinzips. Deswegen verwarf Herder in seinen Briefen zur Beförderung der Humanität auch das Sprachdekret Josef II. von 1784. Herder trat in seinen Briefen für die Anerkennung der Rechte aller Volkssprachen im Habsburgerreich ein, wenn er schrieb: »Hat wohl ein Volk etwas Lieberes als die Sprache seiner Väter? In ihr wohnt sein ganzer Gedankenreichtum an Tradition, Geschichte, Religion und Grundsätzen des Lebens, alle sein Herz und Seele. Einem solchen Volk seine Sprache nehmen oder herabwürdigen, heißt, ihm sein einziges unsterbliches Eigentum nehmen. Wie Gott alle Sprachen der Welt duldet, so sollte auch ein Regent die verschiedenen Sprachen seiner Völker nicht nur dulden, sondern auch ehren. Die beste Kultur eines Volkes lässt sich durch eine fremde Sprache nicht erzwingen, am schönsten und, ich möchte sagen, einzig gedeihet sie auf dem eigenen Boden der Nation in ihrer ererbten und sich forterbenden Mundart. Mit der Sprache erbeutet man das Herz des Volks und ists ein großer Gedanke, unter so vielen Völkern, Ungarn, Slawen, Wlachen usw. Keime des Wohlseins auf die fernste Zukunft hin ganz in ihrer Denkart auf die ihnen eigenste und beliebteste Weise zu pflanzen?«

Friedrich Schlegel griff 1812 diesen Herderschen Gedanken in seinen Wiener Vorlesungen auf, als er davon sprach, jede bedeutende und selbständige Nation, zu denen er ausdrücklich die polnische und tschechische zählte, besitze ein Recht auf eine eigene und eigentümliche Literatur und wenn er in der Unterdrückung der Sprache eines Volkes oder Landes und ihrem Ausschluss »von aller höheren Geistesbildung« die »ärgste Barbarei« sah. Während Herders Ideen unter den imperialistischen Umwälzungen, die der europäische Kontinent durch Napoleon erlitt, eine realhistorische Uminterpretation und Anwendung auch in der deutschen Einigungsbewegung erfuhren, übertrugen sie die Magyaren, Serben, Tschechen und Kroaten auf ihre eigene realhistorische Situation im Habsburgerreich. Während Herder und die Romantik das Recht der einzelnen Völker auf ihre eigene Sprache und Kultur im Sinne des Menschheitsorganismus im Geiste der Humanität und Toleranz gedacht hatten, wandelten sich diese Ideen immer mehr in ihre nationalistischen, irredentistischen und chauvinistischen Zerrbilder.143 Die führenden slowakischen Repräsentanten der slawischen Erweckung, Safarik und Kollar, saßen in Jena zu Füßen Ludens, Friesens und Okens und Kollar empfing vom Wartburgfest am 18. X. 1817 Eindrücke, die ihn zutiefst aufwühlten. Die Deutschen kämpften in den Befreiungskriegen gegen Napoleon I. Die Slawen schauten ihnen zu und fragten sich, ob sie nicht gegen Deutsche und Magyaren einen ähnlichen Kampf ausfechten mussten.

Fortsetzung: Großdeutschland und Kleindeutschland in den Revolutionsjahren


Anmerkungen

127) Vgl. Kann, Das Nationalitätenproblem ..., S. 63.

128) Schuselka, Österreichs Vor- und Rückschritte, Hamburg 1847, S. 217; zit nach Kann, Das Nationalitätenproblem ....

129) Kann, Das Nationalitätenproblem ..., 70.

130) Zitiert nach: Alfred Fischel, Der Panslawismus bis zum Weltkrieg, Stuttgart 1919, S. 20-21.

131) Zitiert nach Fischel, a.a.O., S. 109, 111.

132) Roger Portal, Die Slawen. Von Völkern zu Nationen, Kindlers Kulturgeschichte des Abendlandes, Bd. XX, München 1979, S. 549-553.

133) Kann, Das Nationalitätenproblem ..., S. 155-156.

134) Fischel, Panslawismus, a.a.O., S. 26.

135) Fischel, Panslawismus, a.a.O., S. 35.

136) Wendel, Der Kampf der Südslawen um Freiheit und Einheit, S. 179.

137) Ebenda, S. 181. 138) Ebenda, S. 214-215.

139) Vgl. Holm Sundhaußen, Der Einfluss der Herderschen Ideen auf die Nationsbildung bei den Völkern der Habsburger Monarchie, München 1973.

140) Vgl. Fischel, Panslawismus, a.a.O., S. 41.

141) Kopitar, Grammatik der slawischen Sprache in Krain, Kärnten und Steiermark, 1808, S. 438, zitiert nach Fischel, Panslawismus, a.a.O., S. 42.

142) Fischel, a.a.O., S. 45.

143) Zu dieser Umdeutung siehe Sundhaußen, a.a.O., S. 20 f.

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