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Anthroposophie / trithemius verlag / Jahrbuch 2001 Wimmern / Steiner und die Theosophie

Zu diesem Thema siehe auch:

Rudolf Steiner als Esoteriker


Steiner und die Theosophie – »Antirationalismus«

Für seine Behauptung, die Grundlagen der Anthroposophie stammten nicht aus Steiners Geistesschau, sondern von der Begründerin der modernen Theosophie, von H.P. Blavatsky (B, 32), die ebenso frei erfunden ist, wie seine frühere Behauptung, Steiner habe von Fercher von Steinwand dessen deutschnationale Ansichten übernommen, vermag er keinerlei Beweise zu erbringen. Wie könnte er diese Behauptung auch beweisen, da ihm jedes Verständnis für die Erkenntnisquellen der Steinerschen Weltsicht fehlt? Bierls Eklektizismusvorwurf ist der alte philosophische Grundsatz post hoc ergo non propter hoc entgegenzuhalten: das zeitliche Nacheinander ist kein Beweis für eine kausale oder inhaltliche Abhängigkeit des Späteren vom Früheren. Ebenso gilt: similia non sunt idem, sed coincidunt in tertium. Wenn scheinbar ähnliche Idiomata in der Geistesgeschichte erscheinen, beweist deren Ähnlichkeit nicht, dass sie identisch sind, sie verweist vielmehr auf etwas Drittes, dem sie jeweils neu entsprungen sind. Dass Steiner bereits vom Oktober 1902 bis zum April 1903 im Kreise der »Kommenden« eine öffentliche Vortragsreihe über die Weltgeschichte von Zarathustra bis Nietzsche an der Hand der Weltanschauungen von den ältesten orientalischen Zeiten bis zur Gegenwart, oder Anthroposophie, von der bedauerlicherweise keine Nachschrift existiert212, hielt, ist Bierl ebenso unbekannt, wie die Tatsache, dass Annie Besant von der fundamentalen Verschiedenheit der Steinerschen Auffassung von Theosophie und der von ihr vertretenen sprach. Im Juni 1907 schrieb Annie Besant an Hübbe-Schleiden: » Dr. Steiners okkulte Schulung ist von der unsrigen sehr verschieden. Er kennt den östlichen Weg nicht, daher kann er ihn auch nicht lehren. Er lehrt den christlich-rosenkreuzerischen Weg, der für manche Menschen eine Hilfe, aber von unserem verschieden ist. Er hat seine eigene Schule und trägt auch selbst die Verantwortung dafür. Ich halte ihn für einen sehr guten Lehrer in seiner eigenen Richtung und für einen Mann mit wirklichen Erkenntnissen. Er und ich arbeiten in vollkommener Freundschaft und Harmonie, aber in verschiedener Richtung.«213 Steiner knüpfte nicht etwa an die Theosophie Blavatskys oder Annie Besants an, sondern an die christlich-abendländische Theosophie der platonischen Tradition, Scotus Eriugenas, Thomas von Aquins, Jakob Böhmes, Lessings, Schillers, Schellings, I.H. Fichtes, Deinhardts, Troxlers u.a. an. Dass Steiner als Generalsekretär der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft sich anfänglich der in dieser Gesellschaft gebräuchlichen Terminologie bediente, um seine Auffassungen darzulegen, dass er sich mit dem in der theosophischen Bewegung verbreiteten Lehrgut auseinandersetzte, um dieses allmählich seinen Einsichten gemäß umzuschmelzen, ist ebenso wenig verwunderlich, wie die Tatsache, dass Steiner im Rahmen seiner Arbeit in der Berliner Arbeiterbildungsschule sich auf die in sozialistischen Kreisen verbreiteten Ansichten einließ, um diese über sich selbst hinauszuführen. Dass sowohl seine Tätigkeit in der Arbeiterbildungsschule wegen ideologischer Vorbehalte seitens der Leiter dieser Schule als auch seine Arbeit im Rahmen der Theosophischen Gesellschaft wegen ebensolcher Vorbehalte seitens der Leitung dieser Gesellschaft zu Ende ging, zeugt nur von Steiners Originalität und Konsequenz.214

Zwei weitere Unterstellungen aus den hier behandelten Textpassagen: Theosophie und Anthroposophie lehnten »den neuzeitlichen Rationalismus als Wurzel allen Übels ab« (B, 34) und Steiner hätte 1910 den »Völkermord mit Karma entschuldigt«, weil er in einem Vortrag gesagt habe: »Nicht deshalb, weil es den Europäern gefallen hat, ist die indianische Bevölkerung ausgestorben, sondern weil die indianische Bevölkerung die Kräfte erwerben musste, die sie zum Aussterben führten.« (B, 34)

Wie kann Bierl eine Frontstellung der Anthroposophie gegen den »neuzeitlichen Rationalismus« behaupten, wenn er gleichzeitig davon spricht, Steiner sei in seiner Philosophie der Freiheit, die als Grundlegung der Anthroposophie betrachtet werde, von der »bürgerlichen Tradition« der Vernunftbegabtheit des Menschen ausgegangen? Vertritt Bierl etwa die Auffassung, es gebe eine nicht-bürgerliche Sicht des Menschen, in der dieser als nicht vernunftbegabt erscheine, und diese sei nicht »antirationalistisch«? Wie konnte Steiner gleichzeitig den Grund der Anthroposophie in der Vernunftbegabtheit des Menschen sehen und Antirationalist sein? Wie konnte Steiner Antirationalist sein, wenn er das menschliche Denken in seinen Grundlinien ... als die höchste Erscheinungsform des Weltengrundes bezeichnete? Wie konnte Steiner Antirationalist sein, wenn für ihn das Erkennen in der begrifflichen Durchdringung der Wahrnehmungswelt bestand? Wie konnte er Antirationalist sein, wenn er in der Theosophie 1904 schrieb, der Mensch sei ein Gedankenwesen und sein Erkenntnisweg müsse vom Denken ausgehen und das rationale Denken müsse die Entwicklung des geistigen Schauens nicht nur begleiten, sondern dieses auch durchdringen? Wie konnte er Antirationalist sein, wenn er die Auffassung vertrat, seine Anthroposophie sei eine konsequente Weiterentwicklung der abendländischen Aufklärung, der Philosophie Hegels und Fichtes?

Dass Steiner allerdings das Wesen der Ratio tiefer auffasste als alle Rationalisten und Antirationalisten der Geistesgeschichte, ist eine andere Sache. Er versuchte das Wesen der abendländischen Rationalität zu erfassen, er versuchte deren Entstehung aus einem umfassenderen geistigen Weltzusammenhang zu beschreiben und diese spezifische Form der Rationalität in den Weltzusammenhang einzubetten, kurz, er historisierte die abendländische Rationalität wie viele Historiker der Wissenschafts- oder Geistesgeschichte im 20. Jahrhundert zu seiner Zeit und mehr noch nach ihm. Seine Art der Historisierung der abendländischen Rationalität greift aber weit über die wissenschaftshistorischen oder geistesgeschichtlichen Ansätze des 19. und 20. Jahrhunderts, über Dilthey, Duhem, Kuhn usw. hinaus, weil er die neuzeitliche Rationalität nicht nur ratioimmanent als Produkt einer Selektion konkurrierender Paradigmen oder als eine Reihe von Versuchen und Irrtümern, sondern als eine Form des Geistes begreift, die aus ihren bewusstseinsgeschichtlichen Entstehungsbedingungen und aus ihrer spirituellen Sinnbestimmung begriffen werden muss. Für Steiner, der weder als Rationalist noch als Antirationalist bezeichnet werden kann, weil diese Begriffsschablonen aus dem Zettelkasten von Erstsemestern völlig ungeeignet sind, seine philosophische Positionenvielfalt auch nur annähernd zu beschreiben, stellt die neuzeitliche abendländische Ratio nur eine von vielen Formen möglicher Rationalität dar, kurz, eine partikulare Rationalität mit der Tendenz, sich zu verabsolutieren. Seine Konzeption der Menschheitsgeschichte als Bewusstseinsgeschichte fasst diese als eine Aufeinanderfolge, eine Reihe von Metamorphosen der Rationalität auf, deren derzeit letzte, aber keineswegs endgültig letzte, die abendländische Form der Ratio ist. Von Steiners Standpunkt aus kann man die Greuel der Guillotine, die Umerziehungslager der sozialistischen Diktaturen und die Schrecknisse der nationalsozialistischen Vernichtungslager als notwendige Konsequenzen partikularer Rationalitäten begreifen, die sich und ihre Gültigkeit verabsolutierten. Diese Teilrationalitäten sind in der umfassenderen Form der abendländischen Rationalität aufgehoben, die durch die Zurückdrängung der realen Geisterfahrung aus den antiken und mittelalterlichen Bewusstseinsformen hervorgegangen ist. Die neuzeitliche Rationalität, die selbst wiederum die Tendenz der Verabsolutierung ihrer Partikularität in sich trägt, steht in unmittelbarem ursächlichem Zusammenhang mit den katastrophischen Entwicklungen der letzten Jahrhunderte im Verhältnis der Menschen untereinander und im Verhältnis des Menschen zur Natur. Steiner sah in der Entstehung der abendländischen Rationalität dennoch eine geschichtliche Notwendigkeit, die etwa in seiner Äußerung vom 16. 8. 1902 gegenüber Hübbe-Schleiden zum Ausdruck kommt: »Ich möchte ... alles tun, um die Theosophie in der Gegenwart in das Fahrwasser zu bringen, das in Ihren Worten liegt: »Dieser Weg ins spirituelle Reich des Geistes führt heute durch das intellektuelle Reich.««215

Die neuzeitlich-abendländische Rationalität beruht zwar auf der Verneinung des kosmischen Geistes, aus dem sie hervorgegangen ist. Durch diese Zurückdrängung oder reale Verneinung des übermenschlichen bzw. vormenschlichen Geistes wird aber erst die Entwicklung eines individuellen Selbstbewusstseins des Menschengeistes möglich. Der Verlust traditioneller Formen von Spiritualität ist Voraussetzung für die Bewusstwerdung des Geistes in Gestalt der gegenwärtigen, den Globus beherrschenden Wissensformen. Der im einzelnen Menschen zu sich selbst kommende Geist nimmt im Abendland die Gestalt der Ratio an, die gegenwärtig die wissenschaftlich-technisch durchformte Lebenswelt beherrscht. Die sozialen und ökologischen Folgen der Verdrängung des im Kosmos und in der Natur wirkenden realen Geistes, aus dem die neuzeitliche Ratio hervorgegangen ist, traten bereits im vergangenen Jahrhundert zutage und werden ohne Zweifel in Zukunft noch deutlicher zutage treten. Diese realen katastrophischen Entwicklungen, die nicht mehr eine Folge der natürlichen Evolution, sondern eine Folge der Einwirkungen der menschlichen Ratio auf die Natur und die Gesellschaft sind, rufen die Träger dieser Ratio dazu auf, sich deren Begrenztheit und Untauglichkeit angesichts der Komplexität der Welt bewusst zu machen. Steiner, der zu Beginn des Jahrhunderts prognostizierte, die sich selbst verabsolutierende, partikulare Ratio der imperialen Nationen werde Pandemien des Wahnsinns hervorrufen, denen gegenüber die Zerstörung der alten europäischen Weltordnung sich als harmlos erweisen werde, hat das reale Eintreten der von ihm prognostizierten Ereignisse seit 1925 nicht mehr miterlebt. Die Eskalation des Menschenhasses und des ideologischen Machtwahns im 20. Jahrhundert ist nicht etwa nur aus dem Einbruch des Irrationalen in die Sphäre aufgeklärter Rationalität zu erklären, sondern sie ist eine Folge jener Form des verschleierten Wahnsinns, der darin besteht, dass der menschliche Verstand seine Geistigkeit und damit die Geistförmigkeit der Welt verneint. Materialismus, der aus der Blindheit des Geistes gegenüber sich selbst hervorgeht, ist eine Form von Geisteskrankheit, die sich für rational hält. Ihre Folgen in der pandemischen Verbreitung des Nationalismus, Imperialismus, Rassismus sind im Verlauf des 20. Jahrhunderts sichtbar geworden. Dennoch liegt in der menschlichen Ratio die Kraft, sich von ihrem Wahnsinn selbst zu befreien: dann nämlich, wenn sie sich auf sich selbst besinnt und sich ihrer irreduziblen geistigen Natur bewusst wird und die in ihr liegenden Entwicklungskeime zur Entfaltung bringt, um eine individuelle, vollbewusste, ichdurchdrungene Beziehung zum geistigen Weltgefüge herzustellen.

Fortsetzung: Indianer


Anmerkungen

212) Siehe Hans Schmidt, Das Vortragswerk Rudolf Steiners, Dornach 1978, S. 32 f.

213) Siehe Rudolf Steiner, Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904-1914, Dornach 1984, GA 264, S. 270.

214) Die Tätigkeit Steiners in der Berliner Arbeiterbildungsschule und die ideologischen Vorbehalte, die zu seiner Ablösung trotz des großen Zuspruchs seitens der Arbeiter führten, ist dokumentiert in: Wissen ist Macht, Macht ist Wissen. Rudolf Steiner an der Arbeiterbildungsschule in Berlin und Spandau 1899-1904, Beiträge zur Gesamtausgabe, Heft Nr. 111, Dornach, Michaeli 1993.

215) Briefe II, Dornach , S. 274.

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