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Steiners Bildungsgeschichte

Was die Behauptung Bierls, Steiner sei durch das geistige Milieu der Mittel- und Oberschicht Wiens geprägt worden, betrifft, so lässt sich dazu entgegnen, dass die entscheidende Prägung, die Steiner zwischen seinem zwanzigsten und seinem dreißigsten Lebensjahr erhielt, ohne Zweifel die durch Goethe war. Goethe war gewiss kein Angehöriger der Wiener Mittel- und Oberschicht, aber Steiner hat ein ganzes, besonders prägefähiges Jahrzehnt seines Lebens in den Dienst dieses alle Nationalität und Schichtenzugehörigkeit überragenden Geistes gestellt. Er hat nicht nur dessen naturwissenschaftliches Werk herausgegeben und versucht, die Erkenntnisweise Goethes philosophisch zu beschreiben und zu rechtfertigen (33), er hat sich auch nach der Jahrhundertwende durch die Taufe des Zentrums der anthroposophischen Arbeit in Dornach als Goetheanum, zu Goethes Kosmopolitismus und Individualismus bekannt. Diese lebenslange Prägung Steiners durch Goethe, die gewiss vielen Weiterentwicklungen unterlag, schließt die Verflüchtigung des individuellen Menschen zu einer politologischen Schablone wie im Marxismus oder Sozialismus ebenso aus, wie dessen Reduzierung auf seine biologische Natur wie im nazistischen Rassismus. Hingegen lässt sich nicht übersehen, dass Bierl statt einen anthropologischen Rassismus zu vertreten, einen soziologischen Rassismus vertritt, der in der Unterstellung besteht, die einzelne Individualität werde durch die Zugehörigkeit zu einer von Soziologen konstruierten abstrakten Schicht der Bevölkerung bestimmt und nicht durch ihre selbstbestimmte, selbständige geistige Arbeit. Dies erscheint um so bemerkenswerter, als sich Bierl mit mächtigem Affekt von einer rassistischen Denkweise zu distanzieren versucht, die er doch selbst vertritt. Offenbar stellt seine entstellende Polemik gegen Steiner und die Anthroposophie eine Art unbewussten Befreiungsversuchs von diesem soziologischen Rassismus dar.

An weiteren Gestalten, die für die Prägung des Weltbildes Steiners angeblich verantwortlich waren, nennt Bierl – vollkommen einseitig und willkürlich – nur noch Fichte, von dem er nicht zu erwähnen vergisst, Steiner habe dessen »nationalistische« Reden an die deutsche Nation »eigens« in seiner Autobiographie »notiert«. Daneben nennt er Haeckel und hebt an ihm hervor, dieser sei ein »Befürworter der deutschen Expansionspolitik und ein übler Rassist« gewesen. Schließlich werden noch Fercher von Steinwand und Karl Julius Schröer erwähnt. Von Fercher habe Steiner dessen »deutschnationale« Ansichten »übernommen«, auch Schröer habe die »chauvinistische« Vorstellung vertreten, die Deutschen müssten die »primitiven« Osteuropäer kultivieren. In Schröer sieht Bierl auch den Urheber der Steinerschen Lehre vom Volksgeist.

Wie vollkommen einseitig und tendenziös die Steinersche Bildungsgeschichte ist, die Bierl uns auf diesen wenigen Seiten auftischt, lehrt schon ein oberflächlicher Blick auf das Jahrzehnt zwischen 1880 und 1890. Nicht nur wird – außer Schröer – kein einziger Hochschullehrer Steiners erwähnt, auch von dessen diversen, in alle Gesellschaftskreise reichenden Freundschaften und Bekanntschaften erfährt der Leser nichts. Bierl blendet offensichtlich alles, was sich nicht für seine ideologische Kampagne verwerten lässt, schlichtweg aus. Zu den Hochschullehrern Steiners, der sowohl die Technische Hochschule, als auch die Wiener Universität besuchte, gehörten neben Schröer der Physiker und Historiker der Naturwissenschaften Edmund Reitlinger, der Erbauer der Votivkirche in Wien, der Professor für Baukunst, Heinrich Ferstel, der Ästhetiker Joseph Bayer, die Philosophen Robert Zimmermann, Franz Brentano und Ernst Mach, der Historiker und Freisinnige Ottokar Lorenz, der Rechtswissenschaftler Rudolf von Ihering, der Mathematiker Leo Königsberger und viele andere. Ihering war ein Rechtswissenschaftler, dessen Einfluss bis in die Gegenwart reicht. Die von ihm entwickelte Methode der Interessenanalyse und sein teleologisches Rechtsverständnis, das die Aufgabe der Rechtsprechung im Ausgleich unterschiedlicher Interessen sah, haben sich auf die Theorie des Privatrechts und die Praxis der Rechtsprechung nachhaltig ausgewirkt.

Der Historiker Lorenz, der Begründer der Genealogie, erweckte durch seinen »Freiheitssinn«, aus dem er »ganz freigeistige Vorträge« hielt, Steiners Bewunderung. In den neunziger Jahren, als Lorenz Professor in Jena und Steiner am Goethe-Archiv in Weimar tätig war, wurde diese Bekanntschaft im freundschaftlichen Gespräch vertieft. Steiner erinnert an Lorenz in seiner Skizze eines Lebensabrisses, einem Vortrag, den er am 4. Februar 1913 bei der 1. Generalversammlung der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft nach deren Ausschluss durch Annie Besant hielt: »Er sprach im Kolleg wirklich die herbsten Worte, zog mit vielen Belegen los über das, worüber loszuziehen war, war dabei ein ganz ehrlicher Mensch, der dann zum Beispiel, nachdem er etwas »brenzliche« Verhältnisse auseinandergesetzt hatte, sagen konnte: »Ich musste ein bisschen schönfärben; denn meine Herren, hätte ich alles gesagt, was darüber zu sagen ist, dann würde das nächste Mal der Staatsanwalt hier sitzen.« Steiner erwähnt auch, dass Lorenz sich für seinen Nachfolger im Rektorat der Wiener Universität gegen den Klamauk der Studentenschaft eingesetzt habe, obwohl er selbst der heftigste Gegner dieses »ganz schwarzen Radikalen« [Katholiken] gewesen sei. Dadurch habe Lorenz seine Beliebtheit bei der Studentenschaft verloren.

Bierl erwähnt aus der Vielzahl von Freundschaften und Bekanntschaften Steiners in der Wiener Zeit weder den »Dürrkräutler« Felix Koguzki, in dem Steiner 1880 einem Naturmystiker begegnete, der ihn dazu anregte, sich mit dem Projekt einer Bauernphilosophie zu beschäftigen, er erwähnt nicht Emil Schönaich und auch nicht Rudolf Ronsperger, er erwähnt nicht Moriz Zitter, mit dem Steiner später neben Otto Erich Hartleben das Magazin für Literatur herausgeben sollte, nicht Josef Köck und Rudolf Schober. Die Unterschlagung der Beziehung zu Emil Schönaich ist kennzeichnend für Bierls Auswahlverfahren. Die betreffenden Passagen der Autobiographie Steiners (34) lassen sich nicht in das vorgefasste Konzept einfügen, eine Verwurzelung Steiners im völkischen Mief des Wiener Bürgertums nachzuweisen. Von Emil Schönaich spricht Steiner in seinem Lebensgang als von einem »herrlich idealistisch gesinnten jungen Manne«, der »mit seinen blonden Locken, mit den treuherzigen blauen Augen so recht der Typus des deutschen Jünglings« gewesen sei. Schönaich sei vom »Wagnertum« »mitgerissen« gewesen. Bei verschiedenen Konzertbesuchen waren Steiner und Schönaich aber stets unterschiedlicher Meinung über die gehörte Musik.

»In meinen Gliedern«, so Steiner, »lagerte etwas wie Blei, wenn die »ausdrucksvolle Musik« ihn bis zur Ekstase entflammte; er langweilte sich entsetzlich, wenn Musik erklang, die nichts als Musik sein wollte.« Schönaichs Versuche, zu beweisen, dass mit Wagner erst die »eigentliche Musik« geboren worden sei, provozierten Steiner dazu, seine Empfindung »in recht drastischer Art zur Geltung« zu bringen. »Ich sprach von der Wagnerschen Barbarei, die das Grab alles wirklichen Musikverständnisses sei.« (35) Steiners Rückblick auf diese Freundschaft endet mit den Sätzen: »Im Verkehr mit diesem Freunde ist mein damaliges Anti-Wagnertum nur eben in starker Form zum Ausleben gekommen. Aber es spielte in dieser Zeit auch sonst eine große Rolle in meinem Seelenleben. Ich suchte mich nach allen Seiten in das Musikalische, das mit Wagnertum nichts zu tun hatte, hineinzufinden. Meine Liebe zur »reinen Musik« wuchs durch mehrere Jahre; mein Abscheu gegen die »Barbarei« einer »Musik als Ausdruck« wurde immer größer. Und dabei hatte ich das Schicksal, dass ich in menschliche Umgebungen kam, in denen fast ausschließlich Wagner-Verehrer waren. Das alles trug viel dazu bei, dass es mir – viel – später recht sauer wurde, mich bis zu dem Wagner-Verständnis durchzuringen, das ja das menschlich Selbstverständliche gegenüber einer so bedeutenden Kulturerscheinung ist. Doch dieses Ringen gehört einer spätern Zeit meines Lebens an. In der hier geschilderten war mir z. B. eine Tristanaufführung, in die ich einen Schüler von mir begleiten musste, »ertötend langweilig«.« (36)

Fortsetzung: Steiners Verurteilungen des Antisemitismus


Anmerkungen

33) In den Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung, Wien 1886, GA 2.

34) Mein Lebensgang, S. 55. f. Das Verfahren, das Bierl und Konsorten bei ihrer haltlosen Polemik gegen Steiner und die Anthroposophie verfolgen, reproduziert übrigens die Verfahrensweise der radikalen Deutschnationalen und Antisemiten, ja Nationalsozialisten in ihrem Kampf gegen politisch missliebige Gegner.

35) Die Techniken der Entstellung, Verdrehung und Umdeutung, das Reißen von Zitaten aus dem ursprünglichen Zusammenhang wurde von diesen bereits meisterhaft praktiziert. Alles, was sich für ihre eigenen Zwecke ausnutzen ließ, werteten sie schamlos selektiv zu ihren Gunsten aus. Während die Deutschnationalen des 19. Jahrhunderts und die Nationalsozialisten des 20. Jahrhunderts Zitatensammlungen aus der deutschen Literatur- und Philosophiegeschichte zusammenstellten, die beweisen sollten, dass alle großen Deutschen letztlich Vorläufer waren oder dasselbe gedacht hatten, bedienen sich die gegenwärtigen Ökolinken derselben Florilegien in ihrem abstrusen Kampf gegen einen Faschismus, wo er gar nicht vorhanden ist.

Wenn Whiteside über Schönerers Geschicklichkeit als Agitator  sagt: »Er gebrauchte bis zum äußersten die Techniken der Einschüchterung, der Verleumdung und Emotionalisierung, alles in Verbindung mit an sich legitimen Idealen. Er und seine alldeutschen Anhänger bewiesen, wie eine kleine, aber rücksichtslose Minorität eine Mehrheit dominieren kann, die unter anderen Umständen deren Ideen und Verhaltensweisen verabscheuen würde.« (Whiteside, Georg Ritter von Schönerer, S. 103), so gilt dies nahezu wörtlich auch für Bierl, Goldner und ihre ideologisch verblendete Claqué. Ähnlich auch Brigitte Hamann: »Vor allem die Alldeutschen liebten es, ihre Thesen mit kaum nachprüfbaren kurzen Zitaten zu untermauern, auf Klebemarken wie auf Postkarten und Kalendern.« Hamann, Hitlers Wien, S. 106.

36) Ebenda, S. 56.

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